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– Seestück & Urlaub-

see

Endlich! Morgen geht`s ab auf die Insel, für die ich sowas von reif bin! Aus diesem Anlass noch einmal mein: Seestück. Mittlerweile gibt es so viele davon, dass eine gute Bekannte meinte, es könne doch bald mal eine „See-Torte“ geben….das ist wahr.
Ich wünsch Euch erst mal was- bis bald!

Am Sommerurlaub haben sie bisher nicht gespart, auch wenn er Jan für den Rest des Jahres mit immer mulmigerem Gefühl die Kontoauszüge ziehen ließ. Er empfand beim  Prüfen dieser Zettel immer dieselbe merkwürdige Enttäuschung und nicht einmal nur wegen der zum Monatsende gen Null tendierenden Zahl. Ein schönes Wochenende, ein Urlaub, besondere Momente, alles war darauf in Buchungen übersetzt und die Erlebnisse, die damit verbunden waren, nicht erwähnt.

Ein gemeinsames Essen, (die Kinder liebten das chinesische Buffet) an einem Tisch, in den unter einer Glasplatte eine kleine Landschaft aus Bambus eingelassen war; konzentriertes, unbeholfenes Stochern mit Stäbchen in Reis war hier nur eine Abbuchung von 54 Euro von einem Empfänger namens Lotus-Lokal. Und der verfluchte Glückskeks, der mit der Rechnung gebracht wird, barg bei Jan den Spruch auf einem Zettel:

„Es ist an der Zeit, ein wenig Geld zu sparen!“

Ein Ausflug in die Stadt, an einem klaren Frühlingstag, ein Bummel um den See und durch Geschäfte mit einem neuen Buch für die Tochter und einem kleinen Spielzeug für den Sohn ist auf diesen Auszügen nur

8 Euro 95 an ihre bevorzugte Buchhandelskette und

7 Euro 50 an den Spielzeugladen.

Trostlos, denkt Jan dann und hat einen neuen Grund, sich diese lichtempfindlichen Zettelnicht mehr anzusehen.

Es ist eigentlich alles so einfach. Allein das Fehlen jeglicher Verpflichtungen lässt ihn herunterschalten. Er war schon als Kind begeistert gewesen vom flackernden Schnee im Fernsehen in Sendepausen (auch etwas, das es nicht mehr gab und was er den Kindern erst hätte erklären müssen). Für ihn hatte es immer etwas Beruhigendes gehabt. Ähnlich geht es ihm jetzt mit der monochromen Fläche Silbergrau, vor der er steht.

Ein Ärobier an seinen Elementsgrenzen, den aufrechten Gang gewohnt als Ausweis seiner fortgeschrittenen Spezies, doch ahnend, der Quastenflosser belächelt beharrlich die Zentralperspektive. Das Meer ist seit jeher des Himmels Reim, mit verminderter Transparenz, anders im Aggregatszustand und ohne zweifelhafte Transzendenz: Neptun und die Mischwesen aus Mensch und Fisch sind längst schon Disney und harmloser Kitsch.Und die Atlanter? –Sie gähnen gelangweilt

Es ist noch immer derselbe Parkplatz, den sie zuerst ansteuern, nur teurer. Immer noch derselbe See, um den sie laufen, um ans Meer zu gelangen. Jetzt gibt es dort auch Tretboote. Was damals ein Verliebtenparadies war, ist jetzt ein Kinderversprechen geworden, das von der Gegend gottlob (noch?) mühelos gehalten wird.

Jan weiß, später werden die Kinder über diese Urlaube eventuell anders denken, werden sie spießig oder altmodisch finden und vielleicht wenigstens mit einem Lächeln sagen, dass die Alten sich halt nie weiter weg getraut haben. Oder sich schämen, wenn die Freunde und Klassenkameraden erzählen, an welchen exotischen Orten sie selbst ihre Ferien verbracht haben.

Jan registriert andere Dinge. Die Einheimischen sind geschäftsmäßiger geworden und weniger ruppig, seit die Flüge ins Ausland so billig sind. Ein wenig spürt er die Schäbigkeit des Ganzen, bemerkt plötzlich die Familien, die mit ihnen hier sind. Sie wirken nicht, als führen sie aus Überzeugung hierher, sondern, weil das Budget nichts anderes zulässt. Zwar werden hier und da nutzlose Dinge allzu freigiebig gekauft, aber das ein oder andere Eis  dann aber ohne Begründung gestrichen. Er fragt sich, ob sie auch so wirken und kann das zum Glück (noch?) verneinen.

Unglaublich klein sind die Kinder, wenn sie nur 30 Meter entfernt von ihm im Watt stehen und mit ihren Schaufeln Dämme anlegen und zum Einsturz bringen und neue aufbauen.Als er damals mit Sonja allein hier war, hat er auch Familien beobachtet, aber die wirkten anders. Bollerwagen mit Kindern hinter sich herziehend, Eimer oder Schaufeln schleppend, ganz gewöhnlich. Ganz wie heute auch, aber damals kam ihm das erstrebenswert vor. Das wollten sie auch und wenn ein Pärchen ungefähr ihrer beider Statur hatte oder etwas in der Wirkung ähnlich war, haben sie sich oft vorgestellt, das sie das sein könnten, zehn Jahre älter.

Vor diesen grauen Flächen; vor dieser leise schwappenden See, diesem diesigen Himmel ohne jede Tiefe fühlt sich Jan erstaunlicherweise beruhigt. Grobes, unregelmäßiges Gras im klumpigen Sand, Pfützen vom gerade erst abgezogenen Regen wie große Scherben darin. Es riecht nach Meerdas heißt, genau genommen- nach salzigem Schmodder und Schlick, alles andere als fein. Plärrende Kinderstimmen und polterndes Elterngeschimpfe in unattraktiven Dialekten wehen vom Spielplatz herüber. Auf der Bank links schweigt eine bärbeißige Alte mit Krampfadern ihren Bildzeitung lesenden Mann an. Von Mutterschaft und Langeweile völlig zerstörte Körper liegen in pedantisch aufgehäuften Sandfestungen mit Deutschlandfähnchen, am Fähranleger drängeln ältere Eltern mit ihren sportiven Hightech-Kinderwagen in der Schlange vor. Trekking-Jacken, Künstlerschals um Vertreterhälsen, gut gelaunte Männergesangsvereine aus dem Rheinland mit Fischerhemden aus dem Andenkenladen über den Bierbäuchen. Trostlos tobendes Menschengewirr in einer denkbar unwirtlichen Enttäuschung aller Sommerträume.

Das sind wir nicht. Das sind wir immer noch nicht, denkt er. Wir sind immer noch: etwas Anderes, etwas anders. Bei allen Elternabenden, allen Besuchen von Disney-Filmen, allem Kuchenbacken für den Sonntagskaffee ist das Andere nicht in der Mehlschwitze der deftigen Bratensoße ertrunken.

Ein Streifen helles Blau oben, ein Streifen dunkles Blau unten. Ein Tag am Meer. Wenn du es auf den Kopf stellst wird es eine Nacht, mit einem dunklen Himmel und einem vom Restlicht aufgehellten Meer.

Als habe sich das Meer irgendwann für die nächsten Milliarden Jahre für das Gleiten als vorübergehenden Zustand entschieden. Er weiß ja, dass das Meer das schon ewig tut, dieses Hin und dieses Her. Wenn es still liegt, kann man sich nicht vorstellen, dass es rau und wild sein kann. Wenn es aufgewühlt Wellen an den Strand wirft, glaubt man, es wird nie wieder damit aufhören. Wenn Jan sich besinnt, weiß er, dass niemand sagen kann, ob es immer so weiter geht: Ebbe, Flut, Ebbe, Flut, ständige Wiederholung, die ja angeblich nirgendwo hinführt. Gleichmaß, Gleichförmigkeit, im ewig gleichen Rhythmus, wie Herzschlag. Fort sein, anschwellen, da sein, abschwellen. Nie für immer da, nie für immer fort.

Er weiß ja, dass auch nach 1000 Seiten, nach 30, 40 oder 70 Jahren nicht alles gesagt ist. Das letzte Wort; noch nicht gesprochen, welches wird es sein? Er weiß, er kann nur versuchen, Fäden zu finden und festzuhalten, bis sich eine Art Netz bildet, einzelne Fundstücke, Knüppel von Treibgut sammeln und zusammenzufügen, bis das Gebaute einem Floß gleicht, auf dem man theoretisch fahren kann. Er kann nur Puzzleteil auf Puzzleteil versuchen unterzubringen und nicht zweifeln, wenn auch nach Jahren nur ein unwesentlich abgestuftes Blau zu sehen ist. Er kann nur Karte um Karte umdrehen, in der Hoffnung, das die richtige irgendwann kommt. In seinen Träumen muss er Auto fahren, stundenlang im Kreisverkehr und er tut das erstaunlich langmütig, immer daran glaubend, dass die richtige Ausfahrt irgendwann, wie aus dem nichts auftaucht und irgendwo hinführt.

Jan sitzt auf einer Bank am Wasser und besieht die Wolken.

Sie ziehen sehr langsam, sehr tief. Jan sieht ein um das andere Mal eine tiefschwarze Regenwolke, auf eine Helle folgen, beide jeweils von der sinkenden Sonne grell beleuchtet, in ihrer Farbkraft verstärkt. Jan sieht den Schwarm Möwen auf der nahen Düne unter jeder dunklen Wolke, die darüber zieht, sich nervös erheben und sich unter der folgenden Hellen wieder niederlassen.

Er empfindet, an einem Bonbon lutschend, auf einmal das Glück, nichts anderes zu tun zu haben und erwartet das Endes dieses Gefühls. Er nimmt sich das erste Mal seit langem als handelnde Person mit einem Effekt wahr, als auf sein Rascheln mit dem Bonbonpapier ein dicker schwarzer Vogel neben ihm auf der Bank landet.

Es ist, als probiere er ein Spiel aus, als Zeitvertreib; das Spiel, die Dinge genau anders herum zu betrachten als gewohnt. Er sieht, wie das Meer endlos Wellen an den Strand stößt, die dort schnell versanden; wie die Wolken ständig kleine, vom Wind bald aufgelöste Teile absondern, und weiß plötzlich, er hat die ganze Zeit ebenso Teile von sich abgestoßen und ist trotz dessen immer noch der, der er ganz am Anfang war. Alles, was er an Selbstauslöschung und Auflösung betrieben hat, ist gescheitert. Ist er gescheitert?

Er weiß es nicht.

Als wäre alles, was er sich nicht zugestehen wollte, ihm heimlich gefolgt und nun, da er einen Augenblick unachtsam war, unwiderruflich zu ihm zurückgekehrt. Er weiß noch nicht, ob er das gutheißen soll, aber er weiß, er muß es nicht jetzt entscheiden und das tut ihm wohl.

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Sketches of pain

mannWäre es nicht großartig, wenn man alles in einem einzigen Satz sagen könnte?
Aber jeder erste Satz beinhaltet bereits ein Verschweigen, selbst wenn tausend weitere folgen. Beim Verschweigen mag es noch unklar sein, ob es sich um eine Form der Lüge handelt, beim Erzählen dagegen ist von Anfang an klar, dass es den Bestand der Täuschung erfüllt. Denn, wie auch die Erinnerung, liefert keine Erzählung je ein vollständiges Bild. Sie wendet Filter an, verkürzt, vereinfacht, verändert die Gewichtung, je nach Anlass und Adressat.
Das liegt am Ich. Ich ist schon eine Blende und wer Ich sagt, hat bekanntlich noch gar nichts gesagt. So viel steht fest.
Die meisten Geschichten funktionieren ja so: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Schön chronologisch und die Gegenwart ist immer am Größten. Was ist, folgt immer aus dem was war und führt unausweichlich zu dem, was sein wird. Aber die Idee, dass Eins aus dem anderen folgt und so in gewisser Weise vorhersehbar ist, ist nicht mehr als das: eine Idee, ein Wunschdenken, geboren aus der Sehnsucht nach einem Sinn, einer Logik.
So gerne wir es so sähen: eine Geschichte ist kein Klappalter, der schön bündig schließt, wenn man ihn zuklappt. Die Lücken zwischen den Tafeln sind die Andreasgräben, in den alle Folgerichtigkeit sich verliert. Die rostigen Scharniere und das Fingerbreit Luft in den Zwischenräumen sind, was entscheidet. Dort sitzen die Geheimnisse, die Zufälle. Die Gegenwart kann unbedeutend sein gegenüber einer großen Vergangenheit und die Zukunft niemals eine Folge von etwas; sie bleibt immer nebulös und unklar. Morgen ist heute schon gestern und keine Geschichte hat einen fortlaufenden roten Faden. Streng genommen ist jede Geschichte ein Bündel aus Anfängen und jeder Satz ein Erster, der nirgendwo hinführt und eventuell schon Lüge, auf jeden Fall aber bereits ein Verschweigen ist. Fraglich bleibt, ob man das Eine oder Andere aus Liebe tun kann. Aus Liebe Verschweigen oder aus Liebe lügen, aber das steht auf einem anderen Blatt und gehört erst einmal nicht hierher.

 

 

 

 

 

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Schön hier! -Anthologie

Lieblingsplaetze Cover 20170616

Bald ist es nun endlich soweit!- Unsere Anthologie:
Schön hier!
Lieblingsplätze & Herzensorte in Westfalen
wird in wenigen Wochen im Dortmunder Buch-Verlag erscheinen.

Die erste Idee zu diesem Projekt entsprang meinem kranken Hirn 2014.
Von den Arbeiten an meinem letzten Roman verdrängt, musste sie leider liegen bleiben, bis sich Anfang des Jahres meine Kollegen Thorsten Trelenberg und Thomas Kade als Mit-Herausgeber anboten. Von da an ging es fix…28 Autorinnen folgten unserem Aufruf und lieferten wunderbare Texte.

Wir hatten nach ganz persönlichen, völlig subjektiven Lieblingsorten in der Region gefragt und jeder der angesprochenen Autoren konnte nach einigem Überlegen letztlich einen oder sogar mehrere solcher Orte benennen. Die Gestaltung der Texte war -bis auf eine gewisse Längenvorgabe- völlig frei: so erhielten wir wunderbare Gedichte, tolle Geschichten und andere interessante Texte.
Genauso breit gefächert wie die Formen sind die regionale Lage und die Art dieser besonderen Orte: von der Bank am Kanal in Münster über den Ostmarkt in Bielefeld bis zum eigenen Bett in Lünen ist alles vertreten. Viele Autoren steuerten außerdem sehr charmante eigene Fotos der ausgewählten Orte bei.
kartewestf

Die offizielle Präsentation des ca. 200 Seiten starken Buches findet am 26.08. im Rahmen der Auftaktveranstaltung des Literaturfestivals hier! des Literaturlandes Westfalen statt.
Erhältlich wird es allerdings schon früher sein. Wir geben Bescheid!

Mit dabei sind und einen herzlichen Dank haben verdient:

Heide Bertram
Thorsten Trelenberg
Marion Gay
Hans- Ulrich Heuser
Patricia Malcher
Artur Nickel
Gottfried Schäfers
Jürgen Flenker
Ulrike Gau
Eva von der Dunk
Peter Gallus
Josef Krug
Antonia Kruse
Maike Frie
Andreas Laugesen
Thomas Kade
H.D. Gölzenleuchter
Matthias Engels
Torsten Reters
Hans Lüttmann
Hermann Borgerding
Maike Frie
Annette Gonserowski
Viktor Sons
Sabine Lipan
Anne-Kathrin Koppetsch
Claudia Hummelsheim
Angelika Ahlmann

Das Cover wie das Layout stammen von Manuela Dörr, der wir ebenfalls zu Dank verpflichtet sind.

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Märchen

 

 

junge

 

…ES WAR EINMAL…
als die welt noch jung war und die wahrheit noch nicht nur diskussionsgrundlage; als die richtlinienkompetenz noch bei den jahreszeiten lag und den höheren gewalten, als der ausschnitt noch kleiner war, aber die perspektive zentral, als alles noch weit war und noch nichts gerastert und die tiefseekabel dem quastenflosser noch fremd; als noch kein kaltes auge dich als teil einer gewinnbaren masse ortete, wo immer du gingst; als man noch etwas zu verlieren hatte und die ebenen sich noch deckten; als in bullerbü noch kein auffanglager war und ein bild noch ein beweis; als die sieben berge noch ein weißer fleck waren und die suchhubschrauber kreisten noch nicht über panama; als die sonne noch nicht tödlich und leben noch kein infarktrisiko war und der waiapi hatte knolle und blüte noch nicht gegen die coladose getauscht…

…DA LEBTEN ZWEI…
verstoffwechselten, verschickten elektrische impulse, experimentierten mit botenstoffen und schlüsselreizen, betrieben mimikry und meinungsäußerungen, entwickelten überlebensstrategien, praktizierten rituale, nutzten freizeitangebote, kurbelten die wirtschaft an und sparten, bildeten Weiterlesen

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Denken Sie an Ihr Herz

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Der Arzt sagte: Denken Sie an ihr Herz!

Er sei nun einigermaßen wieder hergestellt, müsse sich aber dringend noch schonen. Mit Stichen in der Brust sei bei Überanstrengung noch längere Zeit zu rechnen.
Denken Sie an ihr Herz! Es war das erste Mal, dass das Jemand zu ihm sagte.
Dabei denkt er ständig an sein Herz, hat sich oft gefragt, ob das Herz tatsächlich Sitz der Gefühle sein sollte, Herzdame, Herzkönig, oder ob man besser der wissenschaftlichen Sicht der Dinge folgte, nachdem die Pumpe so etwas wie ein kleines Kraftwerk war. Er hat sich oft sein Herz vorgestellt wie einen dicken roten Vogel, eingeklemmt zwischen den Rippenbögen, sein Brustkorb ein zu enger Käfig. Er war nur das Haus seines Herzens und manchmal dachte er an ein Herz, wenn er an ihre erste gemeinsame Wohnung dachte, 2 Herzkammern, Küche, Diele, Bad.

Er war aufgewacht, nassgeschwitzt und mit der klaren Gewissheit, dies sei jetzt ein Infarkt. Zuvor hatte er sich herumgewälzt, hatte verzweifelt versucht, der Beklemmung irgendwie zu entkommen, die er nicht hatte orten können. Als er nun wach auf dem Rücken lag und in die Dunkelheit starrte, fühlte er, wie eng sein Brustkorb sich zusammengezogen hatte. Das Atmen fiel ihm schwer, immer wieder legten sich Schleier vor seinen Blick und er konnte nicht sagen, ob es an der Müdigkeit oder an etwas anderem lag. Hin und wieder nickte er weg, aber scharfe Stiche in der Brust weckten ihn nach Sekunden wieder auf.
Er war nie ernstlich krank gewesen, kannte solche Schmerzen nicht. Er konnte den Kopf nicht heben, die Arme nicht bewegen, jeder angesprochene Muskel antwortete mit Schmerz. Sonja hatte seine Unruhe längst gespürt. So sehr er sich auch bemühte, sie nicht zu wecken,  war sie nun ebenfalls wach geworden und sprach ihn an. Er konnte nicht sagen, was genau ihm fehlte, nur die Schmerzen in der Brust und die Atemlosigkeit konnte er klar benennen. Er solle versuchen, sich zu entspannen, meinte Sonja, ruhig und gleichmäßig zu atmen. Auf jeden Fall müsse er am nächsten Morgen sofort zum Arzt. Sie fühlte seine Stirn, die kaltschweißig war und sagte es ihm und erst da fiel ihm auf, wie sehr er fror, aber das Gewicht der Decke auf der Brust war ihm unerträglich.

Irgendwie waren sie durch die Nacht gekommen. Sonja war früh aufgestanden. Er hatte es nicht bemerkt, da er endlich Schlaf gefunden hatte. Sie hatte die Kinder geweckt und für den Kindergarten fertig gemacht, ihre Arbeitsstelle benachrichtigt, dass sie später komme und ihre Mutter gebeten, anzureisen und nach Jan zu sehen, wenn sie zur Arbeit müsse, einen Arzttermin gemacht. Er hatte nichts von all dem mitbekommen, kam erst zu sich, als Sonja sich über ihn beugte und mit der ihr eigenen Sachlichkeit erklärte, er müsse jetzt zum Arzt und sie werde ihm beim Anziehen helfen. Er weiß nicht mehr, wie er in die Praxis gelangt war, nur, dass es schnell gegangen war, dass die greise Ärztin bei seinem Anblick selber bleich geworden war und ihn am Arm gefasst und gestützt hatte. Er erinnert sich nur bruchstückhaft an das Röntgen des Thorax und die Blutuntersuchung. Es war kein Infarkt gewesen, nur eine schwere Lungenentzündung. Sonja hatte ihn zurück ins Bett gebracht, ihn mit seinen Medikamenten versorgt und war schweren Herzens zur Arbeit gefahren. Von der Ankunft seiner Schwiegermutter, der Rückkehr der Kinder, dem Nachmittag und Sonjas Rückkehr von der Arbeit wusste er nichts mehr. Er schlief, komatös, nur ganz weit hinten, hinter einem Schleier aus Schmerzmitteln und unendlicher Erschöpfung hörte er hier und da, dass Jemand ins Zimmer kam und vorsichtig wieder ging, hörte die vertrauten Geräusche der alltäglichen Abläufe, von denen er sonst ein Teil war. Teller, die auf den Tisch gestellt wurden und einen scheinbar endlos langen Schlaf später wieder abgeräumt wurden, hörte Wasser laufen und Stunden später die Kinder leise Gute Nacht zur Oma sagen, hörte Sonja gedämpft mit ihrer Mutter reden, unendlich weit entfernt. Eben noch war es hell gewesen, jetzt schon konnte er nicht mehr sagen, ob es erst Abend oder schon tiefste Nacht war.
Auf einmal lag Sonja schon neben ihm und schlief und er hatte sie nicht kommen hören, nicht gesehen, wie sie sich ausgezogen hatte. Er war zwei Wochen lang krank gewesen, krank aus dem alten Jahr gegangen und krank in das neue hinein. Hatte im Bett gelegen, als draußen die Raketen flogen. Sonja war um 12 kurz hineingekommen und hatte ihm, nicht ohne Traurigkeit, ein gutes neues Jahr gewünscht. Er konnte nicht antworten, immerhin das Heben des Kopfes war wieder möglich, aber immer noch anstrengend.

 

….aus meinem Roman-Manuskript: Bullerbü brennt

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Mails an Mr. Murphy

 

 

mail

 

 

 

 

…ein weiterer Schnipsel aus meinem Manuskript: Bullerbü brennt. Derartige Mails an Mr Murphy (Ja, den von Murphys Gesetz) schreibt dort mein Protagonist Jan.

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1. April 2016 · 11:23 am

Bullerbü brennt

Ein Fragment aus einem Roman-Manuskript, das unter dem Arbeitstitel Bullerbü brennt noch der Fertigstellung harrt. In dieser Form ist er Teil der Reihe freitext auf der Seite von mosaik-Zeitschrift für Literatur & Kultur

Gerade der letzte Absatz scheint mir aktuell wieder einmal passend…leider.

Das-Haus-vom-Nikolaus

An: http://www.murphy@hotmail.de

Betreff: Jeder Mensch ist eine Insel

Lieber Murphy,

entschuldige, wenn ich störe, aber ich möchte kurz etwas festhalten. – Es fehlen ja immer Dinge zum Festhalten. Alles schwankt, alles schaukelt, wirft einen hin und her. Wo ist der letzte Punkt, an dem man unzweifelhaft noch auf dem richtigen Weg war? Ein Pfeiler, ein Pfosten, ein Stecken, ein Stab, der fest in der eigenen Geschichte steckt und nicht nachgibt, wenn man sich an ihm festhält. Wo ist man falsch abgebogen und warum? Warum hat man kein Brot gestreut, keine Schnur abgewickelt?
Ach komm, der ganze Rückweg ist anstrengend und ohnehin umsonst, denn man kann nicht zurück hinter eine Entscheidung! Aber ich rede immer nur von mir!

Dabei sollte man sich nicht so wichtig nehmen; nicht ständig ICH sagen. Der Unterschied zwischen wichtig und nichtig ist marginal. Ich kann ja jeder sagen und mit Ich fängt jede Geschichte erst an. Wer Ich sagt, hat ja bekanntlich noch nichts gesagt.

Ich und Du hat man nur erfunden, weil sich auf MENSCH nichts reimt und das ist schlecht für Liebeslieder. Auf Ich reimt sich dann Dich und das ist gut. 1 und 1 das macht 2 und 2 sind ja bekanntlich zu viel, um frei zu sein.

Im binären Code können Informationen von nur zwei verschiedenen Symbolen dargestellt werden. 1 entspricht logisch wahr, 0 entspricht logisch falsch. Kein Platz für 2/3/4 in dieser Wahrheit. -Überhaupt Wahrheit! Letzten Endes gilt doch, was die Mehrheit abnickt. Was nur zwei von 6 Milliarden schwören bleibt ungehört und Wahrheit letztendlich Statistik! Überhaupt Statistik: ein Pferd hat statistisch zwei vordere, zwei hintere, zwei linke und zwei rechte Beine, also hat ein Pferd acht Beine! Statistik: eine der Errungenschaften der Neuzeit! Was bleibt eigentlich von der sogenannten Zivilisation?- Aufrecht gehen, Zentralperspektive, die Umrisslinie: alles schon so lange erfunden und viel weiter sind wir eigentlich bis jetzt nicht gekommen. Danach hat kaum noch was unbestreitbare Gültigkeit: alles kann man zerreden, zerpflücken, widerlegen und in Zweifel ziehen. (Fichtes dialektischer Dreischritt) Weiterlesen

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