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Versnetze #11

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Die neue, inzwischen 11. Ausgabe der Versnetze ist draußen. Die Versnetze sind eine jährlich von Axel Kutsch edierte Anthologie für zeitgenössische Gedichte im deutschen Sprachraum. Sie versammelt, nach Postleitzahlen sortiert, deutschsprachige Lyriker der Gegenwart und erscheint im Verlag Ralf Liebe.

Sehr stolz kann ich vermelden, das gleich zwei meiner Gedichte dabei sind.
Neben Alle Türen gehen nach innen auf findet sich auch Ich will es bunter in ausgesprochen illustrer Gesellschaft.

Ik freu mir!

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Dinçer Güçyeter: Aus Glut geschnitzt -eine Art Rezension

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Ich habe Stimmen gehört- sehr viele unterschiedliche Stimmen und Töne. Sie alle gehören dem Dichter Dinçer Güçyeter.

In dessen eigenem Elif Verlag erscheinen die reizvollsten neuen Stimmen der deutschen Gegenwartslyrik sowie internationale Entdeckungen in Übersetzung. So steht der Verleger Dinçer Güçyeter ständig in einem poetischen Stimmengewitter und mein Eindruck sagt, er dirigiert es mühelos und mit großer Freude.
Aus Glut geschnitzt, der 2017 erschienene eigene Band des Dichters Güçyeter zeigt nun, wie all diese Töne durch ihn hindurchgehen, sich in Eigenes verwandeln, Echos finden und Widerhall.
Die Gedichte im Band sind äußerst abwechslungsreich, lang kurz, zart und rau; eben denkt man, man habe sich den Ton des Dichters erschlossen, da folgt bereits ein weiterer. Und die Stimmen überlagern sich. Dinçer Güçyeter findet strukturelle Mittel, die ihm ein vielfältiges, buntes Sprechspiel und lyrisches Selbstgespräch ermöglichen. Die Stimmen überlagern sich, kommentieren sich selbst; in Prologen und Fußnoten, in Kursiv gesetzten Einschüben. Dies bleibt stets bereichernd und spielerisch und der Leser dabei nicht ratlos auf der Strecke.

Es scheint nicht verwunderlich, wenn man erfährt, dass der Dichter und Verleger zusätzlich über Erfahrung als Schauspieler verfügt. Es scheint, als spiele –besser: verkörpere- Dinçer Güçyeter auch in seinen Texten zahlreiche Rollen, glaubhaft und mit großem Geschick. Als seien sie ihm eine Bühne für sein ganz persönliches Stück, mit ihm in allen Rollen perfekt besetzt. Er ist der modernen Lyriksprache mächtig, scheut aber –anders als viele Kollegen- die Emotion und das Pathos nicht, was diesen Band extrem bereichert. Aus Glut geschnitzt ist opulent und bunt, nachtschwarz und herzblutrot.

Es wäre an sich nicht erwähnenswert- trüge es nicht zur besonderen Mischung der Geschmacksrichtungen in diesem Bande bei: Dinçer Güçyeter ist türkischer Niederrheiner oder auch niederrheinischer Türke. In Nettetal geboren –nicht gerade dem Epizentrum der lyrischen Moderne- beherrscht er sowohl den rheinisch-heiteren Ton als auch diesen speziellen dumpftrockenen des Niederrheins- wo die düsteren Brüter hausen, schrieb einmal Jemand über diese Region…
Aber da sind eben doch auch die Wurzeln: das Orientalische, Märchenhafte, Üppige. Güçyeter ist all diesem und den Traditionen, der Kultur seiner Eltern und Großeltern heftigst verpflichtet und greift gern und oft darauf zurück. Er wird dabei aber nicht zur männlichen Scheherazade oder zum folkloretauglichen Märchenonkel, sondern bezieht, glasklar und sprachmächtig, Position zu gegenwärtigen türkischen Befindlichkeiten in der Heimat und hier.

Aus Glut geschnitzt hat viele Zutaten- welche davon besonders hervor schmeckt, wird schnell klar: die Liebe. Da ist der liebevolle Vater, der liebende Sohn, der Gatte. Dazu kommt diese riesengroße Liebe des Autodidakten Güçyeter zur Lyrik, die in diesem Band jederzeit spürbar ist. Die Lust am Wort, am Spiel und am reinen Klang. Dinçer Güçyeter traut sich noch, zu besingen; mit seinen Worten Situationen und Personen zu preisen und zu verklären- und dies wird nie peinlich, weil echte Emotion eben nie peinlich ist. Er vermag zu analysieren, zu zerlegen und zu hinterfragen- aber er weiß auch, Schönes einfach mal als solches stehen zu lassen.

Dinçer Güçyeter ist ein Dichter der Menschlichkeit und der Liebe. Tief verwurzelt in verschiedenen Traditionen und in der Moderne mühelos zu Hause. Aus Glut geschnitzt selbst ist zum Versinken weich und warm, dabei zum Verbrennen heiß und messerscharf.

Dinçer Güçyeter: Aus Glut geschnitzt
ELIF Verlag, Nettetal, 2017
ISBN 9783946989097
112 Seiten, 18.00€

 

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Marlies Blauth: Dornröschenhaus -Rezension-

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Zunächst einmal der Titel:
In Marlies Blauths Band wird das Dornröschenschloss zum Dornröschenhaus- die Demokratisierung eines Märchenmotivs sozusagen. Jeder kann nun Dornröschen –eine verwünschte Prinzessin- sein.
Das Dornröschenschloss ist eine Zeitkapsel, in der das Geschehen hinter dicken Hecken 100 Jahre still steht, an der die Zeit, die Welt vorbeilaufen. So ist es nun auch mit dem fiktiven Haus aus Gedichten, in Marlies Blauths Sammlung.

Der Band ist von einigen roten Fäden durchwoben, ohne, dass sich die Autorin beim Spinnen dieser Fäden an der Spindel gestochen hätte, oder doch?
Das Zeitlose, Schwebende an diesen Gedichten ist eine ihrer Qualitäten.
Kurze Zeilen, wenige, bedacht gesetzte Worte meist. Wenig offensichtliche Akrobatik, dafür sehr sorgsam gewählte Bilder.

Aber zurück zu den roten Fäden:
Der Zusammenhang von Ding und Wort, das es bezeichnet; Zeichen für Dinge- dieses Thema kommt immer wieder zum Vorschein.

An jedem ding hängt ein wort
es abzureißen wage ich nicht

Denn die Beziehung zwischen Ding und Wort ist eben mehr als nur die Bezeichnung des Gegenstandes durch Buchstaben und das Schaffen einer Ordnung. Das Wort ist auch gleichzeitig Aufrufzauber und geistiges Heraufbeschwören eines Bildes des Dings, das dafür gar nicht greifbar sein muss. Wir haben das nur vergessen.
Bei Marlies Blauth schläft eben wirklich ein Lied in den Dingen und jedes Wort vermag Zauberwort zu sein.

Nochmal: Ding ohne Wort, namenlos, funktioniert das? Wir haben uns in modernen Zeiten auf NEIN geeinigt, aber man kann ja mal fragen.
Wort ohne Ding- was soll das sein? Reines Geklingel, nutzlos? Nein, ein Wort für etwas, das es so nicht gibt, ist nichts anderes als: die Metapher- eine der größten Fähigkeiten der Menschen. (an der aber auch Menschenaffen schon sehr erfolgreich arbeiten, wie Tests mit Schimpansen an Bildtäfelchen zeigen)
Klug sind sie bei Marlies Blauth- dem Alltäglichen, oft bereits bestehenden Vokabular abgetrickst.
Die Windjacke ist natürlich fester Bestandteil unserer Garderobe, aber mit ein wenig Umdenken wird eben aus der Jacke gegen den Wind die Jacke aus Wind. Sehr schön. Siehe und wiederhole: der Staubmantel wird folglich…
Aber auch die klassische Form dieses lyrischen Mittels ist da, im Dornröschenhaus: aus dem Maiglöckchen wird das Bleiglöckchen und verliert so alles Frühlingshafte, Niedliche, wird schwer und scharfkantig.

Marlies Blauth geht zurück bis an die Wurzeln der Lyrik, die in der Beschwörung und in der Zauberformel liegen, bei der Sprachmagie:

Winde wirre mein haar
netze mir meine augen

Und damit kommen wir auch zu einem zweiten roten Strang, den schon der Titel andeutet. Das Märchen, mit seinen facettenreichen Motiven, dunklen Zusammenhängen und seinen vielschichtigen Bedeutungsebenen wird des Öfteren herangezogen.

Rosenzöpfe
und das Porträt einer Prinzessin

Der König
köpft jeden morgen ein Ei…

Komm reiß dich zusammen
entzwei…

Und: ab der Hälfte des Bandes findet sich ein weiterer Strang- das wohl am häufigsten verwendete Wort ist hier: nackt.
Das lyrische Ich –die Autorin?- entkleidet sich hier und wird dabei mit Schicht um Schicht des abgelegten Kostüms mehr ICH. Das Wort Person, Persönlichkeit stammt ja aus dem lateinischen Wort persona für: Maske. In diesen Gedichten fällt Maske um Maske und unter jeder liegt eine weitere und es wird vermutet, dass die Entdeckungen und der Kern der Person irgendwann, nach quälendem Abschälen jeder Einzelnen irgendwann zum Vorschein kommt- im unverrückbaren Glauben, dass er existiert. Das Märchen von Des Kaisers neue Kleider wird hier einmal zitiert, es handelt sich in dieser Nacktheit aber auch um der Autorin UND des Lesers neue Kleider.

Alles ist schon beschrieben
bleibt nur meine Haut
für neue Worte
und Zeichen

Seelenstriptrease also?- Nein, keinesfalls. Entdeckungsreise auf der Suche nach dem verlorenen Ich vielmehr. Das mag nicht modern sein- in der Regel wird der moderne Mensch in seiner Verstrickung in seine Zeit eher durch ein wirres Knäuel an Fäden und Strängen präsentiert –um einmal beim Spinnen zu bleiben- Marlies Blauth versucht dieses Knäuel zu entwirren und den einen, entscheidenden Strang herauszufummeln. Legitim. Und notwendig.

Und Blauths Gedichte -das muss betont werden- verbleiben nicht in dieser märchen- und ichversponnenen Welt: sie kennen auch Bahnhöfe und Hundehaufen und Omnibusse. Sie legen unter unserem Alltag die uralte, sepiafarbene Schicht frei, die unsere Herkunft -im geistigen Sinn- und die Bedeutungen zeigt, die wir gerne übersehen, weil das Heute so schön blinkt und piept.

In ihrer kunstvollen Einfachheit, ihrer Verständlichkeit sind Marlies Blauths Gedichte eindrucksvoll und stark. Ideal auch für Lyrik-Einsteiger, für Kenner sowieso. Ein schöner, von der Autorin selbst, die auch als bildende Künstlerin einen Namen hat, illustrierter Band, der zum Immer-wieder-Lesen und immer-wieder-Neues-entdecken einlädt. Zeitlos, schwebend.

 

Marlies Blauth: Dornröschenhaus

Taschenbuch: 80 Seiten
ATHENA-Verlag;
ISBN-13: 978-3898966917
12,90€

 

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out now: Trakl-Translations

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Da ist es also: mein neues Bändchen beim Brot & Kunst Verlag.
Die Trakl-Translations enthalten 25 „Übersetzungen“ von Gedichten des österreichischen Expressionisten Georg Trakl.
Die Translations sind Trakl minus Katholizismus minus Pathos plus Lakonie plus Moderne. So kommt irgendwie wieder Engels raus… . Eine strenge Auflage an mich selbst war die Beibehaltung der originalen Struktur und Reimschemata. Auch der begrenzte Trakl`sche Motiv-Fundus sollte eine Entsprechung finden.

Das Bändchen zeigt jeweils Original neben „Übersetzung“, dazu gibt es großartige Grafiken von Christiane Semmler, die auch für das Cover verantwortlich zeichnet.

Aus dem außerordentlich klugen Nachwort des Dortmunder Schriftstellers Josef Krug:
»Trakl-Translations nannte Matthias Engels die vorstehenden 25 lyrischen Experimente wohl nicht nur des Stabreims wegen. Aber muss, um Trakl zu verstehen, sein Deutsch in ein gegenwärtiges – oder als gegenwärtig angenommenes – übersetzt werden? […]
Man könnte sich unter Translation auch so etwas wie ein Übersetzen über einen Fluss vorstellen, eine Fähr-Bewegung von Gedicht zu Gedicht, ein Übersetzen über die mehr als 100 Jahre seit Trakl: Aus dem, was sich nach langer, stürmischer Überfahrt aus der alten Versfracht noch als brauchbar erweist, erschafft der Nachgeborene, zusammen mit eigenen Wort- und Bild-Materialien, neue Texte.«

Der Band aus der Reihe „Lyrik im Quadrat“ hat 80 Seiten und ist für 10€ ausschließlich über den Verlag und mich zu beziehen.

DSCI0114

 

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3 simple poems

 

Okapi-Gmbh-Marktforschung-Feldarbeit-Bleistift

andiewandalswenn

unddies

….3 ganz einfache gedichte…mal so.

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Ausschreibung: Autoren gesucht

Okapi-Gmbh-Marktforschung-Feldarbeit-Bleistift

Kaum ist das eine Projekt abgeschlossen, steht schon das nächste vor der Tür.
Das Herausgeber-Team unserer Anthologie „Schön hier!“: Thorsten Trelenberg, Thomas Kade und ich rufen ganz offiziell und herzlich zur Teilnahme am nächsten großen Ding auf: einer internationalen Sammlung mit Texten zu einem schwierigen Begriff:

AUSSCHREIBUNG HEIMAT-ANTHOLOGIE

Autoren und AutorInnen sind aufgerufen, für eine literarische Anthologie Texte zum Thema „Heimat“ einzureichen.
Heimat: laut Lexikon ein deutsches Konzept, findet in kaum einer Landessprache ein 100%iges Äquivalent. Home oder homeland zum Beispiel treffen es nur annähernd.
Heimat ist assoziiert mit Geburt und Kindheit, Zugehörigkeit zu einer sozialen Einheit oder mit erworbener Affinität.
Heimat, das ist ein Begriff, der eigentlich eine Geborgenheit und Wärme ausdrücken soll, gerade in Deutschland aber immer wieder zum Kampfbegriff umfunktioniert wurde und wird.
Woher kommt dieses „Wir-gegen-die“?
Warum gibt es von Heimat keinen Plural?
Ist das noch zeitgemäß und wie genau definiert sich Heimat überhaupt?
In GPS-Koordinaten?
In Landkreisen oder Stadtgrenzen?
In einem Sprachraum?
Heimatliebe, Heimatgefühl, Heimatkunde, heimatlos, Heimaterde…
Gerade heute, in globalisierten und modernen Zeiten, finden wir diese Begriffe in inflationärer Menge. War gestern Heimat noch ein Begriff, der nach Mottenkugeln roch, ist zum Beispiel in der Werbung alles, was Heimat heißt, gut und verspricht Sicherheit und Vertrautheit.
Heimatliteratur gilt per se als minderwertig, weil sie die große weite Welt zugunsten der eigenen Scholle in engen Grenzen ausklammert.

Wir suchen Heimatgedichte, die heutig und anders sind.
Heimat in Landstrichen, in der Sprache,
Heimat in der Fremde und mehrfache Heimat.
Heimat als Insel im Unschönen und Heimat als größerer Begriff, geistige Heimat..
All diese Ansätze sind gefragt. Wir suchen Autoren, deren Muttersprache Deutsch ist, aber auch besonders solche, die in einem anderen Sprachraum aufgewachsen sind. Ebenso ist die Einsendung fremdsprachlicher Texte durchaus erwünscht. Die Anthologie soll im Herbst 2018 im Verlag stories & friends erscheinen.
Alle Erlöse aus dem Projekt werden an eine noch zu bestimmende Hilfsorganisation gespendet, Autorenhonorare können folglich nicht gezahlt werden.

Jeder Autor kann bis zu 5 Gedichte und/oder kurze Prosa (nicht mehr als 2000 Zeichen) als word- oder pdf- Datei einreichen. Texte sollten nach Möglichkeit unveröffentlicht, auf jeden Fall aber frei von Rechten Dritter sein.
Mit der Einreichung versichert der Autor die Rechtefreiheit und gewährt die Erlaubnis für einmaligen Abdruck. Die Rechte bleiben bei den Verfassern. Ein Anspruch auf Veröffentlichung besteht nicht.
Texte bis 15.02.2018 bitte an heimatlektorat@web.de
Thorsten Trelenberg, Thomas Kade, Matthias Engels

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…und hier nochmal das Ganze zum Download: ausschreibung heimat

Wir freuen uns über jeden Beitrag, jede Resonanz und über jeden weiteren Kontakt.

Matthias Engels
Autor/Herausgeber/Referent
Mitglied im VS
https://dingfest.wordpress.com/
Thorsten Trelenberg
Lyriker, Kinderbuchautor & Flusspoet
http://www.thorsten-trelenberg.de
Juryvorsitzender & Sekretariat
Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur
Bezirkssprecher der VS-Regionalgruppe Dortmund
(Westliches Westfalen/Östliches Ruhrgebiet)
Verband deutscher Schriftsteller und Schriftstellerinnen
http://www.vs-nrw.de http://www.vs.verdi.de

Thomas Kade
Lyriker
Verband deutscher Schriftsteller und Schriftstellerinnen
http://www.vs-nrw.de http://www.vs.verdi.de

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Rezension: „Das atmende Lid“ von Thorsten Trelenberg

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Mit Das atmende Lid legt Thorsten Trelenberg einen weiteren bemerkenswerten Band vor, der die die Fülle der Tonfälle seiner Lyrik um einen weiteren ergänzt.
Der selbsternannte Flusspoet, Kinderbuchautor und umtriebige Literaturförderer aus Schwerte ist ein äußerst fein eingestellter Empfänger für die Stimmungen und Reize um uns herum.
Trelenbergs Poesie ist nicht –wie so viele andere- der Sprachlosigkeit abgerungen, sondern scheint vielmehr aus einer Überfülle an Inspiration zu schöpfen. Alles ist ihm dichterische Inspiration und jeder neue Band gleicht während der Lektüre einem temporären Mithören seines lyrischen Denkens, das unzweifelhaft nicht nach der Niederschrift eines Textes oder eines Zyklus verstummt, sondern unablässig weitergeht.

Trelenbergs Gedichte sind auch im vorliegenden Band, wie auch in den vorigen, meist kurz, hier und da an Haiku erinnernd, sehr dicht, dabei beinahe schwebend. Auch hier findet sich daneben Wortspielerisches sowie vereinzelt Experimentelleres.
Die Gedichte in Das atmende Lid sind Trelenbergs bisher dunkelsten, da sie sich erstmals in dieser intensiven Weise um Tod, Angst und Verletzung drehen. Der sonst so positive und der Schönheit aufgeschlossene Dichter verarbeitet hier wohl die zahlreichen Jahre, die er im Rettungsdienst in unmittelbarer Nähe des drohenden, absolut sinnlosen und banalen Sterbens verbrachte. Fast erstaunlich scheint es da, dass das sonstige Werk des Verfassers so viel warmherzige und spielerische Leichtigkeit verströmt.
Trelenberg besitzt eine unverwechselbare Stimme. Er ist einer der Dichter, bei denen in keinem Text ein Vorbild oder eine Prägung durch andere Autoren durchzuhören ist. Seine Gedichte eilen weder Moden nach, noch versuchen sie, um jeden Preis selbst welche zu generieren.
Glasklar und beinahe schmerzhaft einfach sind die Gedichte in Das atmende Lid gerade dort, wo die Sinn- und Hilflosigkeit gegenüber den Kräften Tod und Angst keine lyrische Spielerei zulassen.
Trelenberg ist –wie in all seinen Gedichten- auch hier der Poet der Menschlichkeit und des Mitgefühls. Die analytische, kühle Distanz, der abgeklärte Sarkasmus sind seine Sache nicht, sollen sie nicht sein. Auch und gerade in diesem Band stellt der Autor diese bewusste Entscheidung wieder ganz offen unter Beweis.

Thorsten Trelenberg
Das atmende Lid
102 Seiten
Dortmunder Buch Verlag
ISBN-13: 978-3945238202

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