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Heimatlied

Heimat-Gestickt-1…mittlerweile ist es in meinen beiden letzten Bänden enthalten: mein mega-ultra-extended Heimatlied….aber da es bald wieder einen Heimatabend mit Thorsten Trelenberg geben wird, krame ich es schon einmal neu heraus.

 

Wo meine Wiege stand Es ist genau dieses wort das du nicht sagen willst gegen das du dich sträubst und das doch immer vorn auf der zunge liegt wie ein uferstein  Ein ganz besonders gelagerter ort weil höchstgradig unbestimmt nicht in planquadraten und quadratkilometern auszudrücken Da greifen lautverschiebungen nicht und keine landmarken Höchstens die altbierlinie könnte als referenz herangezogen werden aber du trankst zur relevanten zeit noch höchstens cola Nicht einmal teilst du deine antwort mit deinen eltern Mutter war von sonstwo vater von woanders her Das war konkret zunächst das haus und der garten mit dem gekappten baum und der wellblechgarage die bude zwischen den verwilderten sträuchern und der wimbledonrasen der nachbarn nebenan Das waren karnevalswagen aus dem schlafzimmerfenster Das war die engländersiedlung mit barbecue auf den balkonen bei minusgraden Das waren vaters heftchen unter der wintergarderobe im abstellraum Die ecke unweit des klärwerks am dreckigen fluss Die zuckerfabrik in der einen die litfaßsäule dann der supermarkt in der anderen richtung Das war konkret die nachbarin mit der kittelschürze den kies penibelst zurück in die rinne fingernd und die fugen der wegplatten mit der zahnbürste scheuernd rechts und links die alleinstehende kettenrauchende und demente nachbarin die irgendwann unterm balken hing Das war die tante mit ihrem salzlakritz Das war konkret großvaters kellerbüro mit dem cognac zwischen den akten und dem vollen aschenbecher das bakelit-telefon mit seinem überzug aus brokatimitat der marmortisch seine prothese das vorzimmer seiner lispelnden sekretärin ihr drehstuhl Das war die schwammige wiese mit dem trübsinnigen pony der park mit den enten im feuchten gras dem verhassten verkehrsübungsplatz Das war der spielzeugladen mit den schlümpfen und dem matchbox fuhrpark aus blech Das war mutters bevorzugtes haushaltswarengeschäft mit den uralten himbeerdrops Das war kaffee- und zigarettenkaufen und die erste aufgeregte auslandserfahrung 3 kilometer von zu haus wo sie vaters paßfoto mit den fahndungsplakaten verglichen da er einen bart und das haar lang trug dabei fürchteten wir hochwasser mehr als den roten terror Das waren 20 sekunden vom pokalspiel der viktoria in der sportschau am samstag o:1 gegen einen bundesligaaufsteiger Weiterlesen

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Stefan George über das Interpretieren von Lyrik

zum heutigen Geburtstag des Meisters aus Bingen nochmal:BildDie Leute suchen hinter einem Gedicht was sie den „eigentlichen Sinn“ nennen. Sie sind wie die Affen die auch immer mit den Händen hinter einen Spiegel fahren, als müsse dort ein Körper zu fassen sein.

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Trakl-Translations

traklsemmler1Illustration: Christiane Semmler

Wie ich schon einmal erwähnte, befasse ich mich derzeit mit der „Übersetzung“ von Trakl-Gedichten in „meine“ Sprache. Ich ziehe von seinen Texten sozusagen den Katholizismus und das Pathos ab und übertrage -manchmal mit der wunderbaren Hilfe des Google-Übersetzers- seine Motivwelt ins Moderne. Dabei bemühe ich mich, relativ nah an den Strukturen und Formen des Originals zu bleiben. Was dabei so herauskommt, liest sich so und ähnlich:

Deep house

klirrendes plätschern, darüber ragen
wolken auf, weich und gletscherweiß
senioren schieben ihre wagen
im park im immer selben kreis

die betten der toten sind ungemacht
flugzeuge ziehen nach westen
ein müder mann schaut in die nacht
die sich verfängt in den ästen

durchs fenster blutet ein baum
blätter die der wind verwehte
rotlicht und schatten fluten den raum
und schmieren teufel auf die tapete

ein fremder klopft im erdgeschoß
ein hund geht vor die hunde
der letzte zieht die die tür ins schloss
deep house zu später stunde

 

strich1

..und hier als Fußnote das Original:

Musik im Mirabell
Ein Brunnen singt. Die Wolken stehn/Im klaren Blau, die weißen, zarten/Bedächtig stille Menschen gehen/Am Abend durch den alten Garten//Der Ahnen Marmor ist ergraut/ Ein Vogelzug streift in die Weiten/Ein Faun mit toten Augen schaut/Nach Schatten, die ins Dunkel gleiten//Das Laub fällt rot vom alten Baum/Und kreist herein durchs offne Fenster/Ein Feuerschein glüht auf im Raum//Und malet trübe Angstgespenster/Ein weißer Fremdling tritt ins Haus/Ein Hund stürzt durch verfallene Gänge/Die Magd löscht eine Lampe aus/ Das Ohr hört nachts Sonatenklänge//

 

 

 

 

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-In diesem Fluten- Gedicht

BeFunky_FLUTEN.jpg

 

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sunday poem

 

sehtafel_kinder2


nie war ein ausweichen leichter

wahlloses dunkeln ortseinwärts
man warnt vor dacharbeiten ab 8
unbemerkt touchiert ein scherz die
erkenntnis aktivste zeit laut Tableau


irgendetwas ist immer rot

was sich auf gestern reimt
muss mit den resten raus
es hilft nichts zu vermuten


einiges neigt sich

neonlicht blinkt über pritschen
in passagen radler
meistern routen längs der staus


nie war ein ausweichen leichter

in den der unsichtbarkeit reservierten zonen
gewarnt wird vor schwebenden lasten
auf den funkmasten thronen die tauben

 

 

 

 

 

 

 

 

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Translating Trakl

anitrakl.gif

Sowohl für meine mündliche Abitur- sowie meine Buchhändler-Abschlussprüfung habe ich Texte von Georg Trakl als Thema gewählt.
Meine Beschäftigung mit dem österreichischem Expressionisten währt also schon lange und er bleibt einer der Autoren, zu denen ich immer wieder zurückkomme- als Leser sowie, aber nun auch schreibend.

Nachdem meine Heimatgedichte, mit denen ich die letzten 3 Jahre vertrödelte, nun im Brot & Kunst-Verlag unter dem Titel Landschaft mit großem h erschienen sind, wende ich mich einem neuen Projekt zu. Ich nenne es vorläufig die Trakl-Translations.

Trakls Gedichte in „meine“ Sprache zu „übersetzen“ ist das Ziel. Dabei gilt es, die Atmosphäre der Texte nicht zu zerstören. Auch an der Form der Texte orientiere ich mich grob. Natürlich werden sie moderner, natürlich macht der oft hohe, hymnische Ton der Texte vom Anfang des 20. Jahrhunderts heute Probleme. Manches Verb am Zeileende muss vorne in den Satz oder umgekehrt, um eine zeitgenössischere Sprechweise zu erhalten- das verändert dann wieder den Rhythmus usw.

Erstaunlich finde ich, wie gut manche Gedichte funktionieren, wenn man aus den zahlreichen Naturmotiven städtische macht; wie sich hier und da ein lakonischer Rolf-Dieter Brinkmann- Ton einschleicht. Andere machen es schwer. Bisher ist es nicht mehr als eine Spielerei, die mich einiges an technischen Dingen lehrt und mich von meinem Heimat-Ansatz zu neuen Formen führen soll.

Ca. ein Dutzend Gedichte habe ich fertig bearbeitet- weitere sind in Arbeit.
Ein Beispiel von einem der bekanntesten Trakl-Gedichte hier:

Das Original:

Im roten Laubwerk voll Guitarren…

Im roten Laubwerk voll Guitarren
Der Mädchen gelbe Haare wehen
Am Zaun, wo Sonnenblumen stehen.
Durch Wolken fährt ein goldner Karren.

In brauner Schatten Ruh verstummen
Die Alten, die sich blöd umschlingen.
Die Waisen süß zur Vesper singen.
In gelben Dünsten Fliegen summen.

Am Bache waschen noch die Frauen.
Die aufgehängten Linnen wallen.
Die Kleine, die mir lang gefallen,
Kommt wieder durch das Abendgrauen.

Vom lauen Himmel Spatzen stürzen
In grüne Löcher voll Verwesung.
Dem Hungrigen täuscht vor Genesung
Ein Duft von Brot und herben Würzen

strich2

..und meine Bearbeitung:

Im roten Laubwerk voll Guitarren…

Unterm zugewachsenen balkon
stehen blondinen teilnahmslos
zwischen löwenzahn und moos
am himmel faucht ein heißballon

inmitten dunkler holzvertäfelung
vergreiste paare, die welken hände
in wortloser umklammerung
und fliegen verdunkeln die wände

frau an frau liegt ufernah
die abgelegten kleider wehen
ich sehe im vorübergehen
die eine, die ich früher sah

die blechschwalben fallen aus der luft
tief in graues und trübes schäumen
dem einsamen reicht zum träumen
ein blick und ein herbsüßer duft

strich2

 

Soweit. Mal sehen, was daraus wird…

 

 

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Rezension: Das Meer ist ein alter Bekannter, der warten kann. Michael Starcke, gestorben am 19.02.2016

Das Meer ist ein alter Bekannter, der warten kann.


wenn die strandkörbe

weggekarrt werden
und leere gähnt,
als kehre keiner zurück,
während er, der baum vorm
haus, kein schaulustiger,
aber ein hoch gewachsener traum,
den horizont fest im blick behält.

So endet Michael Starckes Gedichtband: Das Meer ist ein alter Bekannter, der warten kann. Dass es nicht nur letzte Worte eines Buches, sondern ebenso letzte Worte eines Dichters sein würden, war bei Drucklegung nicht absehbar. Der Band erschien in gewohnt liebe- und prachtvoller Gestaltung vor wenigen Tagen im Elif Verlag in Nettetal und nur ein paar  weitere wenige Tage später, am 19.02., verstarb Michael Starcke 66jährig in Bochum. So wird dieser schöne, dem Meer gewidmete Band ein Vermächtnis.

Das Meer war Michael Starcke offenbar nicht nur ein alter Bekannter. Unter dem Begriff  Heimat  definiert ein Lexikon:
„Die Menschen sind an ihre Heimat durch ihre Geburt und ihre Kindheit, ihre Sprache, ihre frühesten Erfahrungen oder erworbene Affinität gebunden.“
Letzteres, die erworbene Affinität, traf wohl für den gebürtigen Erfurter und späteren Ruhrgebietler Starcke zu. Das Meer als Wahlheimat, Rückzugsort, Seelenverwandter. Und: Die Seele ist hier als Referenz nicht zu hoch gegriffen, denn das Herkunftswörterbuch des Duden weiß:

Das altgermanische Wort mhd. sele, ahd. se(u)la, got. sai-wala,  ist wahrscheinlich eine Ableitung von dem unter See behandelten Wort mit der Grundbedeutung “die zum See Gehörende”. Nach alter germanischer Vorstellung wohnten die Seelen der Toten im Wasser.

Die Gedichte des Bandes sind lang im Vergleich zu anderen, in etwa eine Druckseite, meist drei- oder vierstrophig und von der Nüchternheit konzentrierter wie beiläufiger Notate, der Prosa recht nah mitunter. Behutsam rhythmisiert, unterschwellig mit Motiven durchzogen, die auch die Grenzen des einzelnen Gedichts überschreiten und sich durch den gesamten Band ziehen. Die Wandelbarkeit des Wassers, das Meer als Spiegel, das Schwanken zwischen Beruhigung und Bedrohung.

Wir alle kennen das; kennen auch das Gehen auf Sand und das stundenlange Starren auf Horizonte und wissen um die Emotionen, die es auslösen kann. Das Meer als Null-Linie, als Projektionsfläche, Ausgangsplattform für Gedanken, Pläne, Abenteuer- wir alle kennen das. Doch festhalten können wir es selten- Michael Starcke konnte es.


die farbe des meeres
erinnert
an ein verlangen, vielleicht,
dass es Zukunft heißt.

Dabei ist es unerheblich, um welches Meer es sich handelt- es ist das Meer, obwohl die Gedichte große Vertrautheit mit einem bestimmten Ort vermuten lassen: prägnante Referenzpunkte wie der Baum vor dem Fenster wiederholen sich, jedoch -als den wechselnden Stimmungen unterworfene Details- immer wieder verändert.

Der Grundton der Gedichte ist ruhig und reflexiv, Seemannsromantik gibt es keine. Die Liebe zum Element und der Umgebung ist tatsächlich eher eine Liebe zum Zustand Meer, den viele von uns gut kennen: Auszeit, verhältnismäßige Kleinheit, Unbedeutsamkeit gegenüber der Urgewalt, Relativierung der Umstände und Wichtigkeiten. Meer heißt auch Unendlichkeit, Unbezwingbarkeit und das ein oder andere Boot in Michael Starckes Gedichten trudelt scheinbar willenlos und fremdbestimmt entlang der Horizontes und der Zeilen der Texte. Der Dichter registriert es, doch der Mensch und sein Tun sind zu klein, um in seinen Texten mehr als eine Statistenrolle einzunehmen.


und doch:
die menschen am ufer
werden davongehen
und einmal nicht mehr
zurückkehren. andere menschen
werden sie ersetzen,
um die welt später
zu verlassen wie einen traum.

Zentral bleibt: das Meer und sein alter Bekannter, der Dichter-nicht etwa Freund, dafür ist der eine von beiden zu groß und zu undurchschaubar. Man kennt sich, man schätzt sich, man duldet sich- bei gutem Benehmen- auf Zeit.
In der besonnenen, klugen Ruhe der Gedichte dieses Bandes liegen Kontemplation wie Denkanstoß zu gleichen Teilen. Entspannung durch Konzentration- nicht durch Zerstreuung- mit einem weiten Blick und geöffneten Horizonten.
Michael Starckes Buch ist eine Meditation über das Meer, eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Gewicht und der Vergänglichkeit und als solche ein berührendes und gewichtig-schwebendes, gültiges Schlusswort eines Dichters, dessen Stimme fehlen wird.


in letzten träumen
suche ich
meine Anlegestelle, das Meer,
gehe schaukelnden schrittes
an land.

 

ELIF VERLAG, Nettetal ISBN 978-3-9817509-2-8 76 Seiten, €13,95

Michael Starcke (1949-2016) lebte und arbeitete als Lyriker und Rezensent in Bochum. Mitglied im VS, in der europäischen Autorenvereinigung DIE KOGGE und im PEN-Zentrum Deutschland. Verschiedene Auszeichnungen und Preise, u. a. den Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur (2013) Zahlreiche Veröffentlichung in Literarischen Zeitschriften und Anthologien. 26 eigenständige Veröffentlichungen. Beiträge im Bayrischen Rundfunk, im WDR und in Radio Bozen.

 

 

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