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Bullerbü brennt -Prolog-

Das-Haus-vom-Nikolaus

…ich wag mich nun mal raus- mit diesem Manuskript, mit dem ich schon seit sehr langer Zeit kämpfe. 150 Seiten können seeehr schwer sein! Hier der Einstieg zu einer sonderbaren Geschichte zweier Liebender. Mit einem E-Mails an Mr. Murphy schreibenden Protagonisten der so dies und das denkt: über die Liebe, das Leben, Kinder und das ganze trostlos Drum und Dran… 

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BULLERBÜ BRENNT

-PROLOG-
„Wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, eine Aufgabe zu erledigen, und eine davon in einer Katastrophe endet oder sonstwie unerwünschte Konsequenzen nach sich zieht, dann wird es jemand genau so machen.“
Edward A. Murphy
1

Ich kann diese Geschichte nicht erzählen.
Mir fehlt dafür der Anfang und auch das Ende kenne ich nicht. Aber diese werden in der Regel zu recht erwartet. Aber wer weiß schon wirklich, wann eine Geschichte definitiv ihren Anfang nahm und ob der erste Stein für die weiteren Entwicklungen nicht schon lange vor diesem fiktiven Punkt gelegt war.
Ebenso verhält es sich mit den Enden: Der größte Irrglaube ist, anzunehmen, dass irgendeine Geschichte je mit dem letzten Punkt hinter dem letzten Wort wirklich zu Ende ist. Alles geht weiter, geht immer weiter. Wir steigen als Leser und als Beteiligte nur aus und beenden unsere Zeugenschaft an einem Punkt, der irgendwem adäquat und sinnvoll dafür erscheint. Ohne uns nimmt alles seinen weiteren Verlauf, ob wir das billigen oder nicht.
Ich kann diese Geschichte nicht erzählen. Aber ich könnte EINE Geschichte erzählen. Die von Jan und Sonja in meiner, EINER Variante- der des zufälligen Zeugen einiger interessanter Geschehnisse. Aber wenn Jemand an der GANZEN Geschichte interessiert ist, bin ich leider nicht die richtige Adresse.
Ich werde also eine Geschichte erzählen, als sei es eine komplette- schicke aber gleich voraus: vielen wird sie langweilig erscheinen, denn es ist nichts Außergewöhnliches daran. Viele werden sagen, sie sei eintönig, es finde keine Entwicklung statt. Aber seien wir einmal ehrlich: findet im wahren Leben, bei wahren Menschen tatsächlich immer eine Entwicklung statt? Eine klar verfolg- und benennbare Veränderung, nach Möglichkeit zum Guten? Wohl kaum. Das wollen wir aber, sagt der Leser, denn Langeweile und Gleichmaß- das haben wir ja in unseren eigenen Leben selbst und reichlich. Da ist was dran.
Sie wollen davon hören, was Menschen können, was ihnen möglich ist. Aber kann es nicht auch reizvoll sein, zu hören, was sie nicht können, woran sie scheitern?
Immerhin wird hier geliebt und gelitten, Menschen werden geboren und Menschen sterben- reicht das nicht an großen Gefühlen und Verwirrung? Außergewöhnlich ist die Geschichte nicht, nein. Ich werde sie dennoch erzählen, oder zu erzählen versuchen.

2

Ach Jan, da sitzt du: mit deinem sehr kurzen Namen, der Keinem Mühe macht, ihn zu behalten und dennoch oder gerade deshalb so oft vergessen wird. Zu wenig Zeichen, zu wenig Haken und Schlaufen, um sich in fremden Gehirnen zu verankern. Dazu dein Allerweltsgesicht, für das sich andere nicht schämen.
Du hast nun, ach, erfolglos einige Semester Mathematik und Philosophie studiert und beides aufgegeben. (Weil dem einen der Begriff Liebe fremd war und das Andere ihn nicht erklären konnte) Du hast eine Lehre gemacht, geheiratet, Kinder bekommen und kurzzeitig aufgehört zu arbeiten. Bist nach den ersten Jahren, in denen du dich um den Nachwuchs kümmertest, nie wieder richtig in einen Vollzeit-Job gekommen, übst eine Aushilfstätigkeit aus, die nicht viel einbringt und für die Rente unerheblich ist, aber du hast viel Zeit für die Kinder, bist fast immer zu Hause, wenn deine Frau heimkommt und das ist gut so.

Du weißt so einiges und hast das Gefühl nichts zu wissen, immer weniger sogar, als nähme dein Wissen um die Zusammenhänge täglich ab, während es in einem gewissen Alter täglich zuzunehmen und klarer zu werden schien. Immer weniger, was du einmal erlerntest, gilt noch, vieles deines Grundschulwissens ist bereits widerlegt und an vielem, was du später an Information abspeichertest, gibt es inzwischen berechtigte Zweifel. Was du noch zu wissen glaubst, scheint dir aus Fetzen zu bestehen, die du hier und dort aufgelesen hast und zu weiten Teilen, gibst du zu, könnte dein ach so fundiertes Wissen aus den kurzen Artikeln Aus aller Welt auf der Rückseite der Tageszeitung stammen und tut es auch.
Ach, Jan, jetzt sitzt du manchmal morgens da, wenn die Frau zur Arbeit und die Kinder zur Schule verschwunden sind und ab und an drängt es dich, alles darzulegen, alles, was dich bewegt, zu verschriftlichen. Kein noch so guter Gedanke ist so frappierend, dass er per se vor dem Vergessen geschützt ist. Das weißt du. Du hast ja nie ausdauernd Tagebuch geführt, irgendwann verlorst du stets die Lust und nach längeren Pausen sahst du den Sinn nicht mehr, damit weiterzumachen. Enge Freunde zum Briefeschreiben hast du nicht wirklich und wer macht sich heute auch noch die Mühe, Briefe zu lesen und gar ausführlich zu beantworten. Du willst auch nicht das Risiko eingehen, dass irgendwer irgendwann mit diesen Briefen käme, die du aus einer wandelbaren Stimmung heraus geschrieben hättest und deren Inhalt dir höchstwahrscheinlich schon nach Tagen peinlich wäre.

Also schreibst du E-Mails, denn diese scheinen dir von Natur aus so nah am sinnlosen Geplapper wie kein anderes Medium. Das Problem ist nur: auch Mails haben per se einen Adressaten, aber auch das ließ sich lösen. Du dachtest dir einfach die Adresse einer Person aus, von der du annahmst, sie würde all deine kleinen Schadensberichte und Selbstgespräche verstehen können. So öffnest du in letzter Zeit häufiger ein neues Fenster in deinem Mitgliederbereich und gibst den Empfänger deiner mal langen, mal kurzen Nachricht ein. Du beginnst direkt und ohne groß über Formulierungen nachzudenken. Du liest grundsätzlich nicht noch einmal durch, was du geschrieben hast, sondern klickst sofort auf den Senden- Button und kümmerst dich nicht mehr darum, was mit deinen Worten passiert. Auf Antworten wartest du nie, es werden auch keine kommen. Aber das ist Teil des Vergnügens

An: http://www.murphy@hotmail.de

Betreff: Liebe kommt von Laub

Lieber Murphy,
im Lexikon steht: Liebe sei ein starkes Gefühl, das mit tiefer Verbundenheit zu einer anderen Person einhergeht und nicht zwingend auf den Zweck eines Zusammenlebens mit dieser gerichtet ist, vielmehr diesen Wunsch sogar übersteigt. Eine allgemein entgegenkommende Zuwendung, unabhängig von deren Erwiderung und ebenso wenig gebunden an ein körperliches Begehren. Liebe sei -rein sprachgeschichtlich- ein Abstraktum. Die Subjektivierung des Adjektivs lieb, das in den verschiedensten Sprachräumen und unterschiedlichen Varianten auf die Begriffe für begehren und verlangen zurückgeht. Eine sprachliche Verwandtschaft mit Laub sei -verschiedenen Experten zufolge- nicht auszuschließen, wenn man von der Begierde der Herdentiere nach frischen Laubzweigen ausgehe. Einzelheiten blieben aber unsicher.
Das war zu erwarten.
Dein Jan

 

 

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Der Dichter passiert die Grenze… Erzählung-

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Ich wurde gefragt, wann und warum ich anfing, Gedichte zu schreiben-
eine Art Antwort in Form einer kleinen Erzählung.

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Der Dichter passiert die Grenze


„Vielleicht ist er gestorben.“, meinte Ralf.
„Suizid!“, schlug Jan vor.
„Oder sie haben ihn doch eingesperrt.“, mutmaßte Kati.
Das erste Mal sah ich ihn in der Leihbücherei, als ich mit Jan für ein Referat recherchierte.
Er stand vor einem der Regale, sehr groß, sehr dünn, in einem etwas zu großen, offenbar älteren Anzug und hielt ein kleines Buch sehr nah vor sein Gesicht. Während alle anderen bemüht waren, möglichst leise zu sein, sprach er unentwegt, murmelte und lachte vor sich. Dabei wippte er unaufhörlich mit dem Oberkörper vor und zurück, gestikulierte mit dem freien Arm, schüttelte den Kopf oder ging drei Schritte nach links und nach rechts, hektisch und ruckartig. Was er las, schien äußerst dringlich und interessant zu sein, fast sah es aus, als spreche er mit dem Buch, mit den Wörtern darin und es musste eine sehr angeregte Diskussion sein. Jan und ich sahen uns an und grinsten.
Bald sah ich ihn regelmäßig, fast täglich: vor oder nach dem Konfirmandenunterricht, wenn wir nach der Schule rumhingen, auf einer der Bänke, mit einer Cherry-Cola für 35 Pfennig vom Lidl.
Er ging durch die Straßen unserer Kleinstadt, schritt wie ein Storch, das rotblonde Haar stand wie eine Flamme über seiner Stirn. Meist trug er seinen braunen Anzug, manchmal nur ein weites weißes Hemd mit flatternden Ärmeln. Und obwohl er immer allein war, nie Jemanden ansprach, schien er stets in ein angeregtes Gespräch vertieft zu sein. Er überquerte den Marktplatz mit großen Schritten, dabei mit den Armen fuchtelnd und rief den Autos auf der Parkplatzsuche laut Dinge entgegen.
Er glitt durch die Fußgängerpassage, vornübergebeugt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, völlig in sich selbst versunken und murmelnd. Im Winter trug er einen feuerroten Bart, und, obwohl es hier recht selten schneite oder wirklich kalt war, einen monströsen Pelzmantel, der nach Altkleider-Sammlung aussah. Meist trug er kleines Buch bei sich und ab und an konnte man ihn sehen, wie er es in die Höhe hielt, dicht vor die Augen und mit einem kurzen Bleistift Dinge hineinschrieb, im Gehen.
Wir machten uns lustig über ihn- allzu viel Interessantes gab es nicht, dass man in unserer Einkaufsstraße beobachten konnte. Er bot verlässlichen Gesprächsstoff. Ralf meinte, er sei irre. Kati wusste, von irgendwoher, er lebe in so einer Wohngruppe und halte sich für einen Dichter.
„Sag ich ja: irre!“, meinte Ralf.

Als ich einmal mit einem Geburtstagsgutschein in unserer mickrigen Buchhandlung nach einer Lektüre suchte, kam er hinein und schritt die Regale ab, dabei wie gewohnt  murmelnd und gestikulierend. Von der Buchhändlerin angesprochen, stellte er sich zackig vor:  Richard Thomsen, Lyriker.
Einen Handschlag hielt er offenbar nicht für notwendig. Dann fuhr er in strengem Ton und ziemlich laut fort: Sein Buch würde hier nicht präsentiert. Dabei lebe und wirke er doch hier in dieser Stadt!
Die Buchhändlerin antwortete ausweichend, aber er fuhr bereits fort:
Die großen Namen- Rilke, George, Hofmannsthal- sie fehlten sämtlich. Dafür führe man gleich haufenweise…Abfall. Und beim letzten Wort wischte er mit einer Handbewegung – ob absichtlich oder nicht kann ich nicht mehr sagen- die obersten zwei, drei Exemplare von einem hohen Stapel eines Bestseller-Romans. Das genügte der Buchhändlerin nun und sie bat ihn freundlich aber bestimmt, ihr Geschäft zu verlassen, was er tat, stolz aufgerichtet und ab und an den Kopf mit einem Auflachen in den Nacken werfend.
Tatsächlich, so erfuhr ich später, war es ihm mit Hilfe eines kleinen, treuen Unterstützerkreises gelungen, ein Bändchen seiner Gedichte drucken zu lassen. Ich fand es später einmal in einem Antiquariat, nahm es aus Sentimentalität mit, las aber erst viel später darin.

Ich beendete die Schule und begann eine Ausbildung in einer anderen kleinen Stadt in der Nähe.
Ich dachte, damit würde ich ihn aus den Augen verlieren. Tatsächlich meinten Ralf, Jan und Kati, die in unserer Heimatstadt blieben, er sei verschwunden- aber schon bald, nachdem ich meine Lehre angetreten hatte, tauchte er wieder auf.

Ich verbachte meine Mittagspause mit Spazierengehen und an einem der ersten kälteren Tage sah ich ihn: noch deutlich hagerer als zuvor, die Aufmachung etwas schlampiger als gewohnt, den Bart struppig schritt er über die Hauptstraße. Hatte er früher keinen der Passanten beachtet, sah er sich nun unablässig um, schüttelte hier und da den Kopf oder murmelte Unverständliches, lachte auf.
Unbeholfen die langen Beine übereinandergeschlagen, mit dem Oberkörper vor und zurückschaukelnd sah ich ihn einige Tage später auf einer niedrigen Mauer sitzend, das Büchlein auf dem spitzen Knie. Immer wieder stieß er einzelne Worte aus, zusammenhanglos erst, dann in kurzen Sätzen. Er schrieb, dann strich er, dann schrieb er wieder, streckte sich, richtete den Blick kurz in den Himmel und krümmte sich wieder über das Papier.

Es wurde kalt, er blieb unterwegs, jetzt in dem noch räudiger gewordenen Pelz.
Ich verbrachte von nun an die Pausen häufiger in meinem Lehrbetrieb und bekam nicht mit, wie er verschwand. Es gab einige, die meinten, er sei wohl eingewiesen worden. Andere glaubten von seinen langen nächtlichen Spaziergängen zu wissen, die ihn ein um das andere Mal ins Irre geführt hätten. Manchmal habe man ihn morgens erst wieder aufgefunden, in einem Waldstück oder an einer der schlammigen Uferweiden des Flusses.

Ich stellte mir vor, er sei einfach weitergewandert, mit ausgreifenden Schritten, über die nahe Grenze, irgendwie über die Flüsse, dabei murmelnd oder Verse deklamierend und würde mir irgendwann, von irgendwoher wieder entgegenkommen.

Einen guten Monat, nachdem er verschwunden war, schrieb ich mein erstes Gedicht.

 

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Sketches of pain

mannWäre es nicht großartig, wenn man alles in einem einzigen Satz sagen könnte?
Aber jeder erste Satz beinhaltet bereits ein Verschweigen, selbst wenn tausend weitere folgen. Beim Verschweigen mag es noch unklar sein, ob es sich um eine Form der Lüge handelt, beim Erzählen dagegen ist von Anfang an klar, dass es den Bestand der Täuschung erfüllt. Denn, wie auch die Erinnerung, liefert keine Erzählung je ein vollständiges Bild. Sie wendet Filter an, verkürzt, vereinfacht, verändert die Gewichtung, je nach Anlass und Adressat.
Das liegt am Ich. Ich ist schon eine Blende und wer Ich sagt, hat bekanntlich noch gar nichts gesagt. So viel steht fest.
Die meisten Geschichten funktionieren ja so: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Schön chronologisch und die Gegenwart ist immer am Größten. Was ist, folgt immer aus dem was war und führt unausweichlich zu dem, was sein wird. Aber die Idee, dass Eins aus dem anderen folgt und so in gewisser Weise vorhersehbar ist, ist nicht mehr als das: eine Idee, ein Wunschdenken, geboren aus der Sehnsucht nach einem Sinn, einer Logik.
So gerne wir es so sähen: eine Geschichte ist kein Klappalter, der schön bündig schließt, wenn man ihn zuklappt. Die Lücken zwischen den Tafeln sind die Andreasgräben, in den alle Folgerichtigkeit sich verliert. Die rostigen Scharniere und das Fingerbreit Luft in den Zwischenräumen sind, was entscheidet. Dort sitzen die Geheimnisse, die Zufälle. Die Gegenwart kann unbedeutend sein gegenüber einer großen Vergangenheit und die Zukunft niemals eine Folge von etwas; sie bleibt immer nebulös und unklar. Morgen ist heute schon gestern und keine Geschichte hat einen fortlaufenden roten Faden. Streng genommen ist jede Geschichte ein Bündel aus Anfängen und jeder Satz ein Erster, der nirgendwo hinführt und eventuell schon Lüge, auf jeden Fall aber bereits ein Verschweigen ist. Fraglich bleibt, ob man das Eine oder Andere aus Liebe tun kann. Aus Liebe Verschweigen oder aus Liebe lügen, aber das steht auf einem anderen Blatt und gehört erst einmal nicht hierher.

 

 

 

 

 

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Max Frisch zum Todestag 04.04

Da er am 04.04. -sprich: vorgestern- genau 25 Jahre verstorben war, darf heute der sehr verehrte Max Frisch zu Wort kommen. Mit einem Auszug aus seinem Tagebuch 1946-1949, das nach wie vor seinen Platz unter meinen 10 größten Leseerlebnissen ever hat. Es geht ums Lesen und: ich kann ihm nur zustimmen.
————
„Was zuweilen am meisten fesselt, sind die Bücher, die zum Widerspruch reizen, mindestens zum Ergänzen: – es fallen uns hundert Dinge ein, die der Verfasser nicht einmal erwähnt, obschon sie immerzu am Wege liegen, und vielleicht gehört es überhaupt zum Genuß des Lesens, daß der Leser vor allem den Reichtum seiner eignen Gedanken entdeckt. Mindestens muß ihm das Gefühl erlaubt sein, das alles hätte er selber sagen können. Es fehlt uns nur die Zeit, oder wie der Bescheidene sagt: Es fehlen uns nur die Worte. Und auch das ist noch eine holde Täuschung. Die hundert Dinge nämlich, die dem Verfasser nicht einfallen, warum fallen sie mir selber erst ein, wenn ich ihn lese? Noch da, wo wir uns am Widerspruch entzünden, sind wir offenbar die Empfangenden. Wir blühen aus eigenen Zweigen, aber aus der Erde eines andern.“

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Notate zum Donnerstag

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Was mich an Literatur letztlich fasziniert, ist die Idee. Alle Sprache, alle Komposition ist mir nichts ohne Idee. Ein Gedicht, eine Geschichte, ein Roman können immer so oder so geschrieben, auf diese oder jene Weise konstruiert sein- es gibt Möglichkeiten, bei denen meist keine die eindeutig beste und einzige Lösung ist. Die Umsetzung dient der Idee.

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Nicht selten hört man von Schreibern, die euphorisch mit einer Idee umherschweben, bis es ans konkrete Schreiben geht. Ab da tun sich die unübersichtlichen und unabschätzbaren Wege und Irrwege; die Sackgassen auf und bereichern nicht etwa, sondern gefährden die großartige, reine Idee.

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Ein Buch sollte gut gemacht sein- wirklich unzweifelhaft richtig gemacht ist es nie. Immer gibt es Stellen, die anders, vielleicht besser hätten gemacht werden können. Wenn die Umsetzung die Idee bedient und nicht tötet, ist schon viel gewonnen.

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Großartiger Stil ohne Idee ist nichts. Großartige Idee ohne Stil auch nicht.
Großartiger Stil mit der Idee, zu wirken, als gäbe es keine Idee, ist hohe Kunst.
Großartige Idee, umgesetzt mit dem Anschein, es gäbe keinen Stil- auch.

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Die Umsetzung ist Geschmack, Moden, regionalen und zeitlichen Umständen verpflichtet: eine große Idee- nicht. Perfektion existiert nicht im Endprodukt- sie existiert in der Idee…wenn sie groß und wirklich genial ist.

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Folgerichtigkeit und Alternativlosigkeit einer Umsetzung kann allein für den Autoren und allein in dem einen Moment des Schreibens bestehen- in einer Woche, sechs Monaten, 10 Jahren wird er seine Wahl für diese oder jene Wendung, seine Entscheidung für den einen oder anderen Weg vielleicht –und nicht ganz unwahrscheinlich– ganz anders sehen. Der Leser muss ihm folgen, es evtl. sogar können- ein Glücksfall. Im Idealfall sieht er aber auch die zahllosen anderen Möglichkeiten und empfindet einige davon für sich, in seinem Moment, als richtiger.

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Man sollte vielleicht viel mehr Fragmente, Studien und abgebrochene Manuskripte lesen- denn sie sind in absolut gleichem Maße unfertig und unperfekt wie veröffentlichte und sogar kanonisierte Texte- nur ehrlicher und nicht mit dem Anstrich von abschließender Gültigkeit überzogen.

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Roman der Zukunft -ein Versuch-

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Der Roman der Zukunft: schon immer und oft und ausgiebig ist darüber diskutiert worden, wie er auszusehen habe. Die gleiche Frage gibt es ja für die Lyrik, das Theater und Literatur an sich.
Ob es etwas Derartiges überhaupt geben kann -DER Roman, DAS Gedicht, DAS Drama der Moderne- sei einmal dahingestellt. Ein paar Überlegungen müssen dazu erlaubt sein:

Neulich stieß ich auf einen Artikel, der bemerkte, dass es heutzutage praktisch unmöglich sei, literarische Figuren in Situationen zu bringen, die nicht mittels Handy oder Internet zu lösen seien. In unzähligen Durbridge-Krimis sehen sich die Ermittler in Notsituationen erst einmal vor die Aufgabe gestellt, möglichst schnell eine Telefonzelle zu finden. Jemand wartet vergeblich auf einen alles entscheidenden Brief?  Heute –trotz regelmäßiger Poststreiks- kein Thema mehr, schickt man eben eine Mail oder SMS! Kafkas Landvermesser im Roman Das Schloss könnte heute leicht vor seiner Abreise Wikipedia über die Gewohnheiten und Begebenheiten seines Bestimmungsortes befragen und stünde hinterher nicht vor derlei Rätseln wie im Original. Dem amerikanische creative-writing-Lehrer Sol Stein zufolge, sind beinahe alle großen Romane auf einen einzigen Plot zurückzuführen: Die Suche. Jemand sucht etwas, Jemanden, einen Ort…wie leicht ginge das heute- mittels E-Mail, Facebook oder google maps?

Die einzig bleibende Erklärung, die dementsprechend auch immer häufiger in der Literatur auftauchen dürfte, lautet: Er/Sie hat kein Netz. Aber dafür muss man schon abgelegene Handlungsorte wie Höhlen oder Gebirge erfinden und dies ist bereits ein Punkt, an dem die technische Welt die Literatur prägt. Sicherlich werden wir demnächst öfter lesen: „Er/Sie hatte sein Handy vergessen“ und „Sein/Ihr Akku war leer.“ könnte ein Standard-Satz sein- aber das wären Taschenspielertricks, um Situationen zu erklären, die eigentlich nicht mehr vorkommen.

crusoeGut, Hans Castorp oder Büchners Lenz könnten sich also nach wie vor im Gebirge und im Schnee verlaufen, auch Robinson Crusoe würde auf seiner einsamen Insel wohl keinen Kontakt zur Außenwelt bekommen- allerdings gibt es derartige Inseln, die nicht zumindest von Luxus-Hotels als Tagesausflug angesteuert werden, kaum noch.

Das Jemand daran scheitert, etwas nicht zu wissen, oder sich wegen mangelnder Orientierung in brenzlige Situationen begibt, wird immer unwahrscheinlicher. Auch der Suche-Plot funktioniert also nur noch bedingt  mit Orten, Personen oder Informationen. Nur noch im Privaten und bei Gefühlen greift er. Weiterlesen

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Essay zur Literatur in der aktuellen eXperimenta

Die neue Ausgabe der online-Literaturzeitschrift eXperimenta ist draußen.
Herausgegeben von Rüdiger Heins und dem INKAS Institut (INstitut für KreAtives Schreiben in Bad Kreuznach) widmet sich das Blatt monatlich interessanten Themen. Diesmal lautet das Motto: Befreiung…verschwinden ist nicht verdrängen.

cover_2015_05Unter anderem findet ihr diesmal darin Ordnung versus Chaos, einen meiner Essays, der sich unter Betrachtung von Kafka, Thomas Mann, Kerouac, Gottfried Benn und anderen mit Fragen zum Schreiben und der Literatur beschäftigt. In den folgenden beiden Ausgaben von eXperimenta werden zwei weitere erscheinen.

Die aktuelle Nummer gibt es hier als kostenfreien download, man freut sich aber auch über ein Solidaritätsabo…Macht Euch mal schlau, es lohnt sich!
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Hier schon mal ein Schnipsel meines Textes zum Schnuppern:

Ordnung vs Chaos.

Über Kontrolle und freiwilligen Gleitflug

Es gibt ihn nach wie vor – diesen Streit, woraus Kunst entsteht. Welche Triebfeder dahinter stehen sollte. Weiterlesen

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