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Werkstattberichte

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Ein Romanmanuskript in der Schublade, das noch einen Verlag sucht und schon wieder zurück zum historischen und biographischen Roman. Noch nicht klar, wie das Thema anzupacken ist.

Ein Materialmonster.
Ein Monster von Hauptfigur, mit einer verwirrenden Biographie.
Kein Schriftsteller diesmal im eigentlichen Sinn. Aber er wäre gern einer gewesen.

Viele Knotenpunkte der deutschen Geschichte werden berührt.
Es wird also um Deutschland gehen, ja. Aber auf welche Weise? 
Da ist Jemand modern, liberal, sogar zeitweise ein Revoluzzer, der sich für seine Haltung ins Gefängnis stecken lassen muss. Und dann wird er königstreu, bereist die Welt und sieht überall nur Germanen? -Heute nicht mehr vorstellbar, aber damals nicht unüblich.

Da ist ein knorriger Westfale in Bayern, in Griechenland, auf Gran Canaria und in Afrika. Da ist ein Gegenüber, das in der Literatur, im Film und in der öffentlichen Wahrnehmung so ausgelutscht und klischee-behaftet ist, dass man es fast nicht mehr benutzen kann..obwohl: es gibt diese fabelhafte Klaus Mann-Novelle, die als Vorbild dienen könnte. 

Man bräuchte Personal, bräuchte Quellen, die zum Teil kaum recherchierbar sind, sogar der Öffentlichkeit gar nicht zugänglich mitunter. Was tun? Das Ganze mit Fantasie auffüllen? -Wahrscheinlich.
Auf die Faktenlage pfeifen und die Literatur einfach entlang der großartigen Idee frei flattern lassen? -Wenn man kann!
Die Ironie könnte helfen. Einmal üppig ironisch über das Ganze drüber? Sozusagen augenzwinkernd erzählen? -Schwierig, aber eine Möglichkeit!

Und dann jedes Mal die gleichen Fragen:
Wie komponieren?
Chronologisch? -Am einfachsten, ja. Für den Leser leichter, ja. 
Zeitsprünge? – Ja, aber logisch und nachvollziehbar. Schwierig also.

Wieder Reisen, wieder viele Orte, viele reale Quellen:
Nicht in das Strickmuster meines Romans um Oscar Wilde und Knut Hamsun verfallen.
Etwas Anderes machen! -Nicht ZWEI Hauptfiguren, auch wenn die Eine, Potentielle so einlädt! Nur die EINE Hauptfigur!

Und dann schrieb diese Hauptfigur selbst derartig gute Prosa, dass man am liebsten alles so stehen lassen würde, aber es soll ja MEIN Roman sein und kein Lesebuch aus Seinen Werken. Das Ganze nachbilden, im Ton, im Klang? -Einen Versuch wert.

Das Ganze braucht einen Erzähler. -Oder mehrere?
Es wird kein Ich-Erzähler, das ist schon klar.
Es wird kein klar Benennbarer, das auch.
Auktorial also.

Aber man braucht Dialog! –Aber wie sprach Er? Und wie die Anderen?
Und: kann man/soll man Dialekt abbilden und wie?- Schwierig!

Generell: ein Projekt, das mich an meine Grenzen bringen wird.
So klar zunächst eine Struktur, eine Idee da vor mir stand- so stark verschwimmt das Ganze gerade im Detail. Was ist nützlich, was nicht?
Ist all das nur für mich als angefixten Autor spannend und interessant, aber für den Leser irrelevant? –Kann gut sein!

Ich habe da eine Riesenmaschine in Gang gesetzt, die ich nun kontrollieren muss.
Wir werden sehen…

 

 

 

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Bullerbü brennt -Auszug-

Das-Haus-vom-Nikolaus

Da es nun bald so weit ist, weihnachtet es auch hier ein bissel.
Ein kurzer Ausschnitt aus dem aktuellen Manuskript: Bullerbü brennt

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Love is stronger than pride

Am Vormittag hatten die Kinder gebadet. Sie hatten in letzter Zeit begonnen, sich dagegen zu sträuben. War das ein Zeichen für die nahende Pubertät? Früher waren sie gerne in die Wanne gegangen. Jan räumte die beiden nackten Barbie-Puppen der Tochter mit einem kurzen und verschämten Blick auf die riesige nippellose Oberweite vom Rand der Wanne und ließ nun Wasser für sich ein. Einmal in der Woche, am Sonntagmittag, suchte er Entspannung in einem warmen Bad. Er zog sich aus und betrachtete sich im Spiegel. Von Vorne sah er in seinen eigenen Augen noch genauso aus wie vor fünf oder zehn Jahren, von der Seite allerdings war der Bauch nicht mehr zu übersehen und Woche für Woche nahm er sich vor, etwas dagegen zu unternehmen. Ab und zu hielt er durch, ein oder zwei Wochen lang morgens ein paar Übungen zu machen, aber kam allzu bald wieder davon ab.

Diese Sonntage waren schön, aber manchmal so kurz, dass er sich fragte, wo die Stunden blieben. Etwas länger liegen bleiben, ausgiebig frühstücken, dann die Kinder ins Bad, eine DVD auf der Couch, dann die Reste der Hausaufgaben und vielleicht einen Spaziergang, im Herbst Blättersammeln oder Kastanien, im Sommer in den Garten, im Winter jetzt manchmal zum Bäcker, ein Stück Kuchen kaufen. Dann schon an das Abendbrot denken und die Schwimmsachen für den Montag herauslegen, das Geld für das Mittagessen des Sohnes nicht vergessen. Dann ein kurzer, ruhiger Abend mit Sonja, (kaum zwei Stunden, wenn man es genau nahm) schon etwas melancholisch, wegen der neu beginnenden Woche.

Weihnachten kam näher, sprungartig, wie in den letzten Jahren. Früher war die Zeit dorthin immer schleppend vergangen, dann irgendwann normal, wie eine Aufgabe, die bevorstand, die man aber größenmäßig einschätzen und bewältigen konnte. Nun verflogen Oktober und November und die Adventszeit war so kurz. Dennoch mochte Jan diese Zeit. Gewohnheitsgemäß nutzten sie diese Wochen auch zum Ballast abwerfen. Es wurde noch einmal Sperrmüll angemeldet und weggeworfen, was über das Jahr einfach in den Keller geräumt worden war. Die Suche nach den Weihnachtskisten brachte immer vieles ans Licht, was man vergessen hatte und einiges davon sortierten sie aus und warfen es weg. Ein wenig Luft machen, ein wenig Klarheit, dachte Jan, ersetzten den ein oder anderen guten Vorsatz. Die Kinder glaubten nun nicht mehr an seine Geschichten vom Christkind auf dem Radar der NASA, es hatte lange gedauert und eine abgespeckte Version des Weihnachtsfestes ohne kindlichen Wunderglaube würde gefunden werden müssen. Schade, aber unvermeidlich.
Früher war es schöner gewesen, aber das war der Lauf der Zeit und wenn er ehrlich war- auch damals hatte es immer beides nebeneinander gegeben.

Er erinnerte sich an eine Gelegenheit, als die Kinder noch klein waren.
Sie betrachteten ein Weihnachtsbilderbuch und die Tochter wollte wissen, wer das Kind in der Krippe war.
Das ist das Jesuskind, hatte Jan gesagt.
Und das?, hatte der Sohn gefragt und auf zwei weitere Figuren gezeigt.
Das sind seine Eltern, hatte Jan geantwortet und erst auf Maria, dann auf Josef gezeigt.
Dann hatten die Kinder aufmerksam die vielen weiteren Gestalten betrachtetet und Jan hatte gewusst, was sie fragen würden.
Wer sind all die Anderen?
Das ist die Frau von der Krankenkasse, die fragt, ob das Kind nicht vielleicht schon Einkünfte hat. Das ist der Mann vom Finanzamt, der die Lohnsteuernummer überreichen kommt und mit ihm kommen zwei Herren von der Bank, die Formulare zum Eröffnen eines Kontos und Broschüren zu Sparverträgen bringen.

Es lag ihm auf der Zunge, aber natürlich antwortete er: Das ist ein Engel, das sind die heiligen drei Könige und das ein Hirte.

 

 

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Bullerbü brennt -Prolog-

Das-Haus-vom-Nikolaus

…ich wag mich nun mal raus- mit diesem Manuskript, mit dem ich schon seit sehr langer Zeit kämpfe. 150 Seiten können seeehr schwer sein! Hier der Einstieg zu einer sonderbaren Geschichte zweier Liebender. Mit einem E-Mails an Mr. Murphy schreibenden Protagonisten der so dies und das denkt: über die Liebe, das Leben, Kinder und das ganze trostlos Drum und Dran… 

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BULLERBÜ BRENNT

-PROLOG-
„Wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, eine Aufgabe zu erledigen, und eine davon in einer Katastrophe endet oder sonstwie unerwünschte Konsequenzen nach sich zieht, dann wird es jemand genau so machen.“
Edward A. Murphy
1

Ich kann diese Geschichte nicht erzählen.
Mir fehlt dafür der Anfang und auch das Ende kenne ich nicht. Aber diese werden in der Regel zu recht erwartet. Aber wer weiß schon wirklich, wann eine Geschichte definitiv ihren Anfang nahm und ob der erste Stein für die weiteren Entwicklungen nicht schon lange vor diesem fiktiven Punkt gelegt war.
Ebenso verhält es sich mit den Enden: Der größte Irrglaube ist, anzunehmen, dass irgendeine Geschichte je mit dem letzten Punkt hinter dem letzten Wort wirklich zu Ende ist. Alles geht weiter, geht immer weiter. Wir steigen als Leser und als Beteiligte nur aus und beenden unsere Zeugenschaft an einem Punkt, der irgendwem adäquat und sinnvoll dafür erscheint. Ohne uns nimmt alles seinen weiteren Verlauf, ob wir das billigen oder nicht.
Ich kann diese Geschichte nicht erzählen. Aber ich könnte EINE Geschichte erzählen. Die von Jan und Sonja in meiner, EINER Variante- der des zufälligen Zeugen einiger interessanter Geschehnisse. Aber wenn Jemand an der GANZEN Geschichte interessiert ist, bin ich leider nicht die richtige Adresse.
Ich werde also eine Geschichte erzählen, als sei es eine komplette- schicke aber gleich voraus: vielen wird sie langweilig erscheinen, denn es ist nichts Außergewöhnliches daran. Viele werden sagen, sie sei eintönig, es finde keine Entwicklung statt. Aber seien wir einmal ehrlich: findet im wahren Leben, bei wahren Menschen tatsächlich immer eine Entwicklung statt? Eine klar verfolg- und benennbare Veränderung, nach Möglichkeit zum Guten? Wohl kaum. Das wollen wir aber, sagt der Leser, denn Langeweile und Gleichmaß- das haben wir ja in unseren eigenen Leben selbst und reichlich. Da ist was dran.
Sie wollen davon hören, was Menschen können, was ihnen möglich ist. Aber kann es nicht auch reizvoll sein, zu hören, was sie nicht können, woran sie scheitern?
Immerhin wird hier geliebt und gelitten, Menschen werden geboren und Menschen sterben- reicht das nicht an großen Gefühlen und Verwirrung? Außergewöhnlich ist die Geschichte nicht, nein. Ich werde sie dennoch erzählen, oder zu erzählen versuchen.

2

Ach Jan, da sitzt du: mit deinem sehr kurzen Namen, der Keinem Mühe macht, ihn zu behalten und dennoch oder gerade deshalb so oft vergessen wird. Zu wenig Zeichen, zu wenig Haken und Schlaufen, um sich in fremden Gehirnen zu verankern. Dazu dein Allerweltsgesicht, für das sich andere nicht schämen.
Du hast nun, ach, erfolglos einige Semester Mathematik und Philosophie studiert und beides aufgegeben. (Weil dem einen der Begriff Liebe fremd war und das Andere ihn nicht erklären konnte) Du hast eine Lehre gemacht, geheiratet, Kinder bekommen und kurzzeitig aufgehört zu arbeiten. Bist nach den ersten Jahren, in denen du dich um den Nachwuchs kümmertest, nie wieder richtig in einen Vollzeit-Job gekommen, übst eine Aushilfstätigkeit aus, die nicht viel einbringt und für die Rente unerheblich ist, aber du hast viel Zeit für die Kinder, bist fast immer zu Hause, wenn deine Frau heimkommt und das ist gut so.

Du weißt so einiges und hast das Gefühl nichts zu wissen, immer weniger sogar, als nähme dein Wissen um die Zusammenhänge täglich ab, während es in einem gewissen Alter täglich zuzunehmen und klarer zu werden schien. Immer weniger, was du einmal erlerntest, gilt noch, vieles deines Grundschulwissens ist bereits widerlegt und an vielem, was du später an Information abspeichertest, gibt es inzwischen berechtigte Zweifel. Was du noch zu wissen glaubst, scheint dir aus Fetzen zu bestehen, die du hier und dort aufgelesen hast und zu weiten Teilen, gibst du zu, könnte dein ach so fundiertes Wissen aus den kurzen Artikeln Aus aller Welt auf der Rückseite der Tageszeitung stammen und tut es auch.
Ach, Jan, jetzt sitzt du manchmal morgens da, wenn die Frau zur Arbeit und die Kinder zur Schule verschwunden sind und ab und an drängt es dich, alles darzulegen, alles, was dich bewegt, zu verschriftlichen. Kein noch so guter Gedanke ist so frappierend, dass er per se vor dem Vergessen geschützt ist. Das weißt du. Du hast ja nie ausdauernd Tagebuch geführt, irgendwann verlorst du stets die Lust und nach längeren Pausen sahst du den Sinn nicht mehr, damit weiterzumachen. Enge Freunde zum Briefeschreiben hast du nicht wirklich und wer macht sich heute auch noch die Mühe, Briefe zu lesen und gar ausführlich zu beantworten. Du willst auch nicht das Risiko eingehen, dass irgendwer irgendwann mit diesen Briefen käme, die du aus einer wandelbaren Stimmung heraus geschrieben hättest und deren Inhalt dir höchstwahrscheinlich schon nach Tagen peinlich wäre.

Also schreibst du E-Mails, denn diese scheinen dir von Natur aus so nah am sinnlosen Geplapper wie kein anderes Medium. Das Problem ist nur: auch Mails haben per se einen Adressaten, aber auch das ließ sich lösen. Du dachtest dir einfach die Adresse einer Person aus, von der du annahmst, sie würde all deine kleinen Schadensberichte und Selbstgespräche verstehen können. So öffnest du in letzter Zeit häufiger ein neues Fenster in deinem Mitgliederbereich und gibst den Empfänger deiner mal langen, mal kurzen Nachricht ein. Du beginnst direkt und ohne groß über Formulierungen nachzudenken. Du liest grundsätzlich nicht noch einmal durch, was du geschrieben hast, sondern klickst sofort auf den Senden- Button und kümmerst dich nicht mehr darum, was mit deinen Worten passiert. Auf Antworten wartest du nie, es werden auch keine kommen. Aber das ist Teil des Vergnügens

An: http://www.murphy@hotmail.de

Betreff: Liebe kommt von Laub

Lieber Murphy,
im Lexikon steht: Liebe sei ein starkes Gefühl, das mit tiefer Verbundenheit zu einer anderen Person einhergeht und nicht zwingend auf den Zweck eines Zusammenlebens mit dieser gerichtet ist, vielmehr diesen Wunsch sogar übersteigt. Eine allgemein entgegenkommende Zuwendung, unabhängig von deren Erwiderung und ebenso wenig gebunden an ein körperliches Begehren. Liebe sei -rein sprachgeschichtlich- ein Abstraktum. Die Subjektivierung des Adjektivs lieb, das in den verschiedensten Sprachräumen und unterschiedlichen Varianten auf die Begriffe für begehren und verlangen zurückgeht. Eine sprachliche Verwandtschaft mit Laub sei -verschiedenen Experten zufolge- nicht auszuschließen, wenn man von der Begierde der Herdentiere nach frischen Laubzweigen ausgehe. Einzelheiten blieben aber unsicher.
Das war zu erwarten.
Dein Jan

 

 

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Der Dichter passiert die Grenze… Erzählung-

dichter

Ich wurde gefragt, wann und warum ich anfing, Gedichte zu schreiben-
eine Art Antwort in Form einer kleinen Erzählung.

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Der Dichter passiert die Grenze


„Vielleicht ist er gestorben.“, meinte Ralf.
„Suizid!“, schlug Jan vor.
„Oder sie haben ihn doch eingesperrt.“, mutmaßte Kati.
Das erste Mal sah ich ihn in der Leihbücherei, als ich mit Jan für ein Referat recherchierte.
Er stand vor einem der Regale, sehr groß, sehr dünn, in einem etwas zu großen, offenbar älteren Anzug und hielt ein kleines Buch sehr nah vor sein Gesicht. Während alle anderen bemüht waren, möglichst leise zu sein, sprach er unentwegt, murmelte und lachte vor sich. Dabei wippte er unaufhörlich mit dem Oberkörper vor und zurück, gestikulierte mit dem freien Arm, schüttelte den Kopf oder ging drei Schritte nach links und nach rechts, hektisch und ruckartig. Was er las, schien äußerst dringlich und interessant zu sein, fast sah es aus, als spreche er mit dem Buch, mit den Wörtern darin und es musste eine sehr angeregte Diskussion sein. Jan und ich sahen uns an und grinsten.
Bald sah ich ihn regelmäßig, fast täglich: vor oder nach dem Konfirmandenunterricht, wenn wir nach der Schule rumhingen, auf einer der Bänke, mit einer Cherry-Cola für 35 Pfennig vom Lidl.
Er ging durch die Straßen unserer Kleinstadt, schritt wie ein Storch, das rotblonde Haar stand wie eine Flamme über seiner Stirn. Meist trug er seinen braunen Anzug, manchmal nur ein weites weißes Hemd mit flatternden Ärmeln. Und obwohl er immer allein war, nie Jemanden ansprach, schien er stets in ein angeregtes Gespräch vertieft zu sein. Er überquerte den Marktplatz mit großen Schritten, dabei mit den Armen fuchtelnd und rief den Autos auf der Parkplatzsuche laut Dinge entgegen.
Er glitt durch die Fußgängerpassage, vornübergebeugt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, völlig in sich selbst versunken und murmelnd. Im Winter trug er einen feuerroten Bart, und, obwohl es hier recht selten schneite oder wirklich kalt war, einen monströsen Pelzmantel, der nach Altkleider-Sammlung aussah. Meist trug er kleines Buch bei sich und ab und an konnte man ihn sehen, wie er es in die Höhe hielt, dicht vor die Augen und mit einem kurzen Bleistift Dinge hineinschrieb, im Gehen.
Wir machten uns lustig über ihn- allzu viel Interessantes gab es nicht, dass man in unserer Einkaufsstraße beobachten konnte. Er bot verlässlichen Gesprächsstoff. Ralf meinte, er sei irre. Kati wusste, von irgendwoher, er lebe in so einer Wohngruppe und halte sich für einen Dichter.
„Sag ich ja: irre!“, meinte Ralf.

Als ich einmal mit einem Geburtstagsgutschein in unserer mickrigen Buchhandlung nach einer Lektüre suchte, kam er hinein und schritt die Regale ab, dabei wie gewohnt  murmelnd und gestikulierend. Von der Buchhändlerin angesprochen, stellte er sich zackig vor:  Richard Thomsen, Lyriker.
Einen Handschlag hielt er offenbar nicht für notwendig. Dann fuhr er in strengem Ton und ziemlich laut fort: Sein Buch würde hier nicht präsentiert. Dabei lebe und wirke er doch hier in dieser Stadt!
Die Buchhändlerin antwortete ausweichend, aber er fuhr bereits fort:
Die großen Namen- Rilke, George, Hofmannsthal- sie fehlten sämtlich. Dafür führe man gleich haufenweise…Abfall. Und beim letzten Wort wischte er mit einer Handbewegung – ob absichtlich oder nicht kann ich nicht mehr sagen- die obersten zwei, drei Exemplare von einem hohen Stapel eines Bestseller-Romans. Das genügte der Buchhändlerin nun und sie bat ihn freundlich aber bestimmt, ihr Geschäft zu verlassen, was er tat, stolz aufgerichtet und ab und an den Kopf mit einem Auflachen in den Nacken werfend.
Tatsächlich, so erfuhr ich später, war es ihm mit Hilfe eines kleinen, treuen Unterstützerkreises gelungen, ein Bändchen seiner Gedichte drucken zu lassen. Ich fand es später einmal in einem Antiquariat, nahm es aus Sentimentalität mit, las aber erst viel später darin.

Ich beendete die Schule und begann eine Ausbildung in einer anderen kleinen Stadt in der Nähe.
Ich dachte, damit würde ich ihn aus den Augen verlieren. Tatsächlich meinten Ralf, Jan und Kati, die in unserer Heimatstadt blieben, er sei verschwunden- aber schon bald, nachdem ich meine Lehre angetreten hatte, tauchte er wieder auf.

Ich verbachte meine Mittagspause mit Spazierengehen und an einem der ersten kälteren Tage sah ich ihn: noch deutlich hagerer als zuvor, die Aufmachung etwas schlampiger als gewohnt, den Bart struppig schritt er über die Hauptstraße. Hatte er früher keinen der Passanten beachtet, sah er sich nun unablässig um, schüttelte hier und da den Kopf oder murmelte Unverständliches, lachte auf.
Unbeholfen die langen Beine übereinandergeschlagen, mit dem Oberkörper vor und zurückschaukelnd sah ich ihn einige Tage später auf einer niedrigen Mauer sitzend, das Büchlein auf dem spitzen Knie. Immer wieder stieß er einzelne Worte aus, zusammenhanglos erst, dann in kurzen Sätzen. Er schrieb, dann strich er, dann schrieb er wieder, streckte sich, richtete den Blick kurz in den Himmel und krümmte sich wieder über das Papier.

Es wurde kalt, er blieb unterwegs, jetzt in dem noch räudiger gewordenen Pelz.
Ich verbrachte von nun an die Pausen häufiger in meinem Lehrbetrieb und bekam nicht mit, wie er verschwand. Es gab einige, die meinten, er sei wohl eingewiesen worden. Andere glaubten von seinen langen nächtlichen Spaziergängen zu wissen, die ihn ein um das andere Mal ins Irre geführt hätten. Manchmal habe man ihn morgens erst wieder aufgefunden, in einem Waldstück oder an einer der schlammigen Uferweiden des Flusses.

Ich stellte mir vor, er sei einfach weitergewandert, mit ausgreifenden Schritten, über die nahe Grenze, irgendwie über die Flüsse, dabei murmelnd oder Verse deklamierend und würde mir irgendwann, von irgendwoher wieder entgegenkommen.

Einen guten Monat, nachdem er verschwunden war, schrieb ich mein erstes Gedicht.

 

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Sketches of pain

mannWäre es nicht großartig, wenn man alles in einem einzigen Satz sagen könnte?
Aber jeder erste Satz beinhaltet bereits ein Verschweigen, selbst wenn tausend weitere folgen. Beim Verschweigen mag es noch unklar sein, ob es sich um eine Form der Lüge handelt, beim Erzählen dagegen ist von Anfang an klar, dass es den Bestand der Täuschung erfüllt. Denn, wie auch die Erinnerung, liefert keine Erzählung je ein vollständiges Bild. Sie wendet Filter an, verkürzt, vereinfacht, verändert die Gewichtung, je nach Anlass und Adressat.
Das liegt am Ich. Ich ist schon eine Blende und wer Ich sagt, hat bekanntlich noch gar nichts gesagt. So viel steht fest.
Die meisten Geschichten funktionieren ja so: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Schön chronologisch und die Gegenwart ist immer am Größten. Was ist, folgt immer aus dem was war und führt unausweichlich zu dem, was sein wird. Aber die Idee, dass Eins aus dem anderen folgt und so in gewisser Weise vorhersehbar ist, ist nicht mehr als das: eine Idee, ein Wunschdenken, geboren aus der Sehnsucht nach einem Sinn, einer Logik.
So gerne wir es so sähen: eine Geschichte ist kein Klappalter, der schön bündig schließt, wenn man ihn zuklappt. Die Lücken zwischen den Tafeln sind die Andreasgräben, in den alle Folgerichtigkeit sich verliert. Die rostigen Scharniere und das Fingerbreit Luft in den Zwischenräumen sind, was entscheidet. Dort sitzen die Geheimnisse, die Zufälle. Die Gegenwart kann unbedeutend sein gegenüber einer großen Vergangenheit und die Zukunft niemals eine Folge von etwas; sie bleibt immer nebulös und unklar. Morgen ist heute schon gestern und keine Geschichte hat einen fortlaufenden roten Faden. Streng genommen ist jede Geschichte ein Bündel aus Anfängen und jeder Satz ein Erster, der nirgendwo hinführt und eventuell schon Lüge, auf jeden Fall aber bereits ein Verschweigen ist. Fraglich bleibt, ob man das Eine oder Andere aus Liebe tun kann. Aus Liebe Verschweigen oder aus Liebe lügen, aber das steht auf einem anderen Blatt und gehört erst einmal nicht hierher.

 

 

 

 

 

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Max Frisch zum Todestag 04.04

Da er am 04.04. -sprich: vorgestern- genau 25 Jahre verstorben war, darf heute der sehr verehrte Max Frisch zu Wort kommen. Mit einem Auszug aus seinem Tagebuch 1946-1949, das nach wie vor seinen Platz unter meinen 10 größten Leseerlebnissen ever hat. Es geht ums Lesen und: ich kann ihm nur zustimmen.
————
„Was zuweilen am meisten fesselt, sind die Bücher, die zum Widerspruch reizen, mindestens zum Ergänzen: – es fallen uns hundert Dinge ein, die der Verfasser nicht einmal erwähnt, obschon sie immerzu am Wege liegen, und vielleicht gehört es überhaupt zum Genuß des Lesens, daß der Leser vor allem den Reichtum seiner eignen Gedanken entdeckt. Mindestens muß ihm das Gefühl erlaubt sein, das alles hätte er selber sagen können. Es fehlt uns nur die Zeit, oder wie der Bescheidene sagt: Es fehlen uns nur die Worte. Und auch das ist noch eine holde Täuschung. Die hundert Dinge nämlich, die dem Verfasser nicht einfallen, warum fallen sie mir selber erst ein, wenn ich ihn lese? Noch da, wo wir uns am Widerspruch entzünden, sind wir offenbar die Empfangenden. Wir blühen aus eigenen Zweigen, aber aus der Erde eines andern.“

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Notate zum Donnerstag

zeichentechnik-linie-02

Was mich an Literatur letztlich fasziniert, ist die Idee. Alle Sprache, alle Komposition ist mir nichts ohne Idee. Ein Gedicht, eine Geschichte, ein Roman können immer so oder so geschrieben, auf diese oder jene Weise konstruiert sein- es gibt Möglichkeiten, bei denen meist keine die eindeutig beste und einzige Lösung ist. Die Umsetzung dient der Idee.

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Nicht selten hört man von Schreibern, die euphorisch mit einer Idee umherschweben, bis es ans konkrete Schreiben geht. Ab da tun sich die unübersichtlichen und unabschätzbaren Wege und Irrwege; die Sackgassen auf und bereichern nicht etwa, sondern gefährden die großartige, reine Idee.

strich2

Ein Buch sollte gut gemacht sein- wirklich unzweifelhaft richtig gemacht ist es nie. Immer gibt es Stellen, die anders, vielleicht besser hätten gemacht werden können. Wenn die Umsetzung die Idee bedient und nicht tötet, ist schon viel gewonnen.

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Großartiger Stil ohne Idee ist nichts. Großartige Idee ohne Stil auch nicht.
Großartiger Stil mit der Idee, zu wirken, als gäbe es keine Idee, ist hohe Kunst.
Großartige Idee, umgesetzt mit dem Anschein, es gäbe keinen Stil- auch.

strich2

Die Umsetzung ist Geschmack, Moden, regionalen und zeitlichen Umständen verpflichtet: eine große Idee- nicht. Perfektion existiert nicht im Endprodukt- sie existiert in der Idee…wenn sie groß und wirklich genial ist.

strich1

Folgerichtigkeit und Alternativlosigkeit einer Umsetzung kann allein für den Autoren und allein in dem einen Moment des Schreibens bestehen- in einer Woche, sechs Monaten, 10 Jahren wird er seine Wahl für diese oder jene Wendung, seine Entscheidung für den einen oder anderen Weg vielleicht –und nicht ganz unwahrscheinlich– ganz anders sehen. Der Leser muss ihm folgen, es evtl. sogar können- ein Glücksfall. Im Idealfall sieht er aber auch die zahllosen anderen Möglichkeiten und empfindet einige davon für sich, in seinem Moment, als richtiger.

strich3

Man sollte vielleicht viel mehr Fragmente, Studien und abgebrochene Manuskripte lesen- denn sie sind in absolut gleichem Maße unfertig und unperfekt wie veröffentlichte und sogar kanonisierte Texte- nur ehrlicher und nicht mit dem Anstrich von abschließender Gültigkeit überzogen.

strich2

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