Romane schreiben- Wasserstandsmeldung-

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Einen Roman schreiben-
zumindest für mich mache ich jedes Mal die gleiche Erfahrung:

trotz aller Pläne, Diagramme, Materialsammlungen unterschätzt man den Stoff oft.
Vielleicht ist das so angelegt, damit man das Wagnis überhaupt angeht.

Von daher und dorther kommen plötzlich neue Notwendigkeiten, Dinge, die man dringend erklären muss, Seitenlinien, bei denen man abschätzen muss, ob sie nur für den Autor oder auch für den Leser ein Gewinn sind.

Alles wird immer größer als gedacht. Wüsste man das vorher, würde man vielleicht gar nicht anfangen. Es ist eine Mammutaufgabe, all diese Fäden ständig in der Hand zu halten, während der Arbeit und auch, wenn man gar nicht arbeitet, wenn andere Dinge komplett anderer Art einen daran hindern oder es schlicht genug ist.

Ein Absatz kann Arbeit für einen ganzen Vormittag sein.
Blöcke bleiben unverknüpft nebeneinander stehen und die Kommentare mit noch zu erledigenden Feinarbeiten am Blattrand werden eher mehr als weniger.

Dennoch: irgendwann löst sich alles mehr oder minder auf, findet sich im Glücksfall und dennoch bleiben die Gedanken: was hätte man anders, besser machen können.

Vor einigen Wochen schrieb ich bereits einmal das Wort ENDE unter mein Manuskript, in der Annahme, es sei nur noch ein Schlussabsatz und fertig.
Aber dann kommt wieder irgendwas von irgendwoher und ein Fakt, der ursprünglich als nebensächlich eingestuft war, wird wichtig.

Ein (erneut) herausgeschobenes Ende, mehr Arbeit- aber eben auch: mehr Schlüssigkeit, mehr Tiefe. Wie gesagt: im Glücksfall.

Also: Wasserstandsmeldung:
jetzt auf Seite 265 nähert sich das (mittlerweile dritte) letzte Kapitel und ganz vorne muss noch was eingefügt werden. Dann ist (hoffentlich) Schluss und Ende.

Und obwohl es Masochismus ist und nie absehbar und oft frustrierend:
Romane schreiben macht (manchmal) glücklich.

 

 

 


 

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Brief an D.

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Ende 2019 ist es erschienen und ich hab noch gar nicht richtig viel davon gezeigt. Das soll nun nachgeholt werden.
Mein Brief an D. (wie Deutschland) ist mein bisher sicher politischster Text und er kommt daher als 28seitiges Langgedicht in Briefform.

Einen echten Mehrwert, auf den ich sehr stolz bin, stellen die Illustrationen der großartigen Wienke Treblin dar und schließlich darf ich auch der nicht minder geschätzten Anke Glasmacher danken, die den Text in einem feinen Nachwort irgendwo zwischen Heine, Ginsberg und anderswo verortet.

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Das Chapbook von 28 Seiten ist erhältlich bei mir (5€ zzgl. Porto)
oder direkt bei Rodneys Underground Press aus Dortmund.

 

 

 

 

 

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Love supreme

Hier gehst du, stol
fffffgggggfff              pernd, stampfend, hin
  gggggggggggggggggggggggggggg              kend mit einem schweeeeeeren bein auf dem falschen fuss, es schellt, klimpert, klingelt, jeder versuch schneller zu gehen bringt dich mehr aus dem takt, und du singst, fluchst, wimmerst, heulst, Atme schnauf durch, pfeif aus dem letzten loch und such noch luft in dem nebel und dem dunst um dich her. Fließ mit der stinkenden brühe, reit auf dem räudigen vieh, finde ein gefährt, dessen gangart dir entspricht und flüster, raune, raunze ihm zu wo es lang geht, wenn es nicht versteht, lenke mit dem druck deiner schenkel oder dem verlagern deines gewichts, jetzt geht es, vorwärts, vorwärts, auch das tier ist lahm, aber zäh trabt es den weg runter. jetzt wird es heller, ruhiger, alles legt sich kurz beiseite, die schellen, die klingeln, das rumpeln ebbt ab nur hier und da ticken uhren und scheinen in der stille lauter als je ein metronom deines unruhigen ganges, dem du folgen musst wie eine marionette, kadenzen, synkopen, nein du tanzt nicht du machst dich zum affen, das tier trägt dich nicht mehr du steigst ab heulst auf als dein fuss die erde berührt und dich der rhythmus führt in schleifen achten seitwärts und bergab du taumelst weiter weiter, singst spanisch, italienisch, hindi, urdu, pali, kurz siehst du schlitzäugige, gelbe, braune in turbanen, burnussen, saris und kimonos, dann sind sie schon wieder fort und kantig stehen nur noch die schatten der bungalows barracken, container und kirchen zwischen dir und der nacht, es riecht nach hafen, nach fabrik, nach park, nach frühling aufdringlicher blüte, aufdringlichem verrotten, aufdringlichen lock- und botenstoffen, nach puder, nach rauch, nach waschküche nach spät noch offenem imbiss, nach mensch und nach ratte. durstig bist du und hungrig, du steckst etwas an und drückst etwas aus in vollem lauf, spuckst aus und schluckst, kein ruhen, keine pause, längst poltert wieder die stadt, schlägt der regen kaskaden und kapriolen auf das pflaster über dem wunden erdkern Und du bist ausgedehnt bis an deine grenze, stichst dich an den zacken der sterne wirst gesichtet vom all aus und definierst einen neuen kontinent durch dich selbst beanspruchst die hoheit über dein gebiet und bald deine heraufstufung zum zwergstern.

du fährst dir durchs haar und aus der haut der asphalt wirft blasen und meterhohe wellen du schwimmst erklimmst steigungen krallst dich an spitzgiebeln, pagoden, minaretten und zwiebeltürmen, am halben mond fest und oben ist plötzlich
alles

STILL


nur die sterne rasseln im wind und die antennen singen, jeder schritt des viertels unten jeder trippelnde vierbeiner und jedes fallende blatt macht hörbar ticktocktack. Dann nimmst du wieder tempo auf, passierst tausendjährige eichen und bambus, mammutbäume, linden, okapis Biber und lamas geben dir ihr geleit. Schmetterlinge und libellen umschwirren aus dem nichts dein gesicht. alles feuert dich an in deinem lauf, das dröhende vibrieren der telefone, die daten, die eingangsgeräusche und ausgangsgeräusche, personalisierten klingeltöne, die flachbildschirme mit ihrem gebrüll, die lemuren und brünstigen büffel.

Und alles springt, hängt,alles stot tert ka ko phonisch vor sich hin  baby  n f      kdkka  k  hängt, fffffffffffder bist du mittendrin es macht kein si bald muss doch babylon kommen oder bist du schon mittendrin es macht keinen sinn die schilder sind alle zerschossen oder vergilbt in diesem viertel gibt es nur nummern in diesem nur arabische zeichen in diesem nur codes keiner weiß wo man ist, jeden den du fragst auf ivrit esperanto oder mandarin nickt nur und weist dich weiter darunter hierunter dalang dortlang irgendwolang. Du klaust ein rad und strampelst du steigst in taxis und aus zügen, schnellen und trägen, versifften und sterilen, kriegst den letzten bus und das schiff ist pünktlich aber leck du kommst nicht weg nicht von der stelle du bleibst auf einem fleck und fliegst die letzten kilometer businessclass economy egal hauptsache hoch und weit und die turbinen spielen atonal. Draußen lautloses feuerwerk sonnenaufgang und tausend bestrahlte wolken. Über das mikrofon betet der pilot gen mekka glocken vom band im bordraum nach der landung hörst du affen kreischen und kühe muhen, weihnachtsmusik aus den boxen, om shanti om und klingelnde zimbeln von passanten in orange, der müll wird geholt es ist schwül und du fröstelst unter dem metallicgrauen himmel der sich ganz langsam senkt mit einem leisen surren. Plötzlich irgendwo brummen aus einer werkstatt einem offenen fenster einer fabrik, drähte summen in der luft und an der ecke sagt einer langsam und ausdauernd das alphabet auf. Du hörst ihm zu und am ende seid ihr per du und er sagt dir zum abschied: geh, fließ mit den wassern des ganges, finden den föhnwind, lass dich tragen auf goldenen sänften und bade in seidenweichem wasser von gipfeln, mit glänzendem schnee bedeckt. Esse staub, trinke tau und was immer du tust, vergesse niemald: reklamationen nur mit einem gültigen bon.

Und plötzlich kommt alles zurück. Hindi.
Wiederholt sich. Urdu.
Dreht Schleifen. Pali.
Loops.
Hindi Urdu, Pali, Hindi
Urdu, Pali, Hindi, Urdu,
Pali, Hindi, Urdu, Pali, Hindi,
Urdu, Pali, Hindi, Urdu, Pali,
Hindi, Urdu, Pali, Hindi, Urdu, Pali
bis zum völligen sinnverlust.

du vergisst deinen namen und deine gattung und weißt alles über den raum und die zeit und die welt, weißt plötzlich, was die wirklichkeit in wirklichkeit ist- nämlich: gleichzeitig und erkennst mit schaudern dass parallel
sich platten verschieben ameisen einen käfer verfrachten schlager laufen
sich magma erhitzt ein toter vorm frühstücksfernsehen sitzt ein paar kopuliert
einer brot kaufen geht verhandlungen scheitern eine art entsteht viren sich verändern steine sich dehnen kurven steigen und türme sich neigen etwas zerfällt
Und
dann
ganz
lang                sam     ver
ebbst du    brandest
aus      wärmst
ab       und läufst
aus,     fällst
ein                  und sackst                 zusammen.

 

 

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die 1. Fassung dieses Textes entstand in einer Art automatischem Schreiben in Echtzeit zu John Coltranes Stück A love supreme.

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Frohes Neues & Nachtrag

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Allen Lesern hier sei noch von Herzen ein gutes, prickelndes und literarisches 2020 gewünscht!
Da die Zeit „zwischen den Jahren“ für mich immer ein Abtauchen bedeutet, hat es bis heute gedauert, dass ich Euch noch eine letzte Veröffentlichung des Jahres 2019 nachreiche- in der mittlerweile 4., sehr schönen Ausgabe der Kölner Literaturzeitschrift KLITERATUR findet sich wunderbar grafisch aufbereitet auch mein Text „Märchen“.

Gute Gesellschaft, tolles Team, anspruchsvolles Design- ich freu mich, mal wieder dabei zu sein.

 

 

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Literarischer Rück- und Ausblick

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Unsere Heimat- Anthologie mit vielen tollen Autoren, Veranstaltungen in NRW, Bayern, Spanien und anderswo. Ein kleiner Gedichtband und viele veröffentlichte Einzeltexte. Zahlreiche spannende Events und neue Publikation mit dem LiteraturRaumDortmundRuhr und eine flüssige Arbeit am neuen Roman. Für mich ein ganz gutes Jahr, dieses 2019!

Ich wünsche allen einen guten Ausklang, ein frohes Fest und alles erdenklich Gute für 2020. Für mich wird`s jetzt ruhiger hier. Bis nächstes Jahr!

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Lütfiye Güzel: Dreh-Buch

drehbuch.jpg

Was könnte man da für herrlich abgenudelte Wortspiele abspulen!
„Lütfiye Güzel hat den Dreh raus, verdreht Einem den Kopf, dreht durch…“

Aber lassen wir das lieber: Das Dreh–Buch der außerordentlichen Dichterin, die Schlag auf Schlag unter ihrem eigenen Label Go-Güzel publiziert, ist diesmal kein Lyrikband.

Aber was ist es denn?
Theater? -Ausgehend von einem Bühnen- oder Filmsetting läge das gar nicht so fern.
Aber nicht wirklich.

Was für`s Kino denn?- Nun, das wäre ein ganz besonderer Streifen- soviel darf gesagt sein. Also auch nicht, nicht in echt jetzt.

Lütfiye dreht –ha, noch so`n Wortspiel- das Genre Drehbuch hier komplett durch den Wolf. Sie greift es auf, hat wohl auch anfangs richtig Bock drauf- aber nur, um es ganz schnell zu verwerfen. Güzel-Kenner wissen: Keine Form ist stark genug, der Autorin seine Fesseln anzulegen. Ganz schnell bricht dieser Sound durch, sehr bald entsteht dieses typische Konglomerat aus innerem Monolog, sich selbst kommentierend und in Frage stellend und hochgradig lyrischen Passagen.

Hier dreht Güzel –ich kann`s nicht lassen– richtig auf:
Aus dem Film-Drehbuch wird ein Anti-Drehbuch, ein Anti-Film,
wird eine Dokumentation des nicht Film-und nicht drehbaren.
Vielmehr, so scheint es mir, wird der Text nun eine Art Prosa-Schule und ein Versuch darüber zu schreiben, was eigentlich erzählbar ist und was nicht.  Wobei der Fokus auf all dem liegt, was eigentlich -im filmischen Sinne- keine Story und keine großen Bilder hergibt- aber in Wahrheit einen viel größeren Teil der Wirklichkeit ausmacht als das Glamouröse und Pittoreske.

Angehende Autoren- gehet hin und leset diesen prosaisch-lyrisch-lakonisch dahinfließenden Text, der da einen Dreck gibt auf Formelles und Formales!
Lauscht diesem Sound! Tauchet statt in Breitbandpanoramen ein in Sofalandschaften, beschienen von Fernsehlicht. Vergesset den Weichzeichner und den Weitwinkel!
Das Dreh-Buch, so klein, so schmal es ist, birgt mehr Welt und Literatur als die meisten Hollywood-Melodramen.

Bestellen kann man die Werke Lütfiye Güzels direkt unter https://luetfiye-guezel.tumblr.com/BOOKS

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Werkstattbericht

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Der Werkstattbericht verkündet: Seite 250 und ca. 6/8 des Weges erreicht.
Weiter geht`s. -Ganz prosaisch mit…Seite 251, naja.

More to come…

 

 

 

 

 

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