Fabian Lenthe: In den Pfützen der Stadt… Rezension

Lenthe-Himmel

In den Pfützen der Stadt wächst ein Stück Himmel– so heißt der Debütband des 1985 in Nürnberg geborenen Fabian Lenthe. Exakt 100 Gedichte fasst der Band, kürzlich in Rodneys Underground Press erschienen.

Es wird eine Menge getrunken in diesen Gedichten, eine Menge geraucht (oder ist das nur der Eindruck?), das lange vor Monatsende aufgebrauchte Geld, die miesen Jobs und die Tristesse der Ein-Zimmer-Wohnung dominieren thematisch. Prosaisch das Ganze, lakonisch, schnodderig. Misanthropie, Lethargie- ah, ein neuer teutonischer Bukowski, denkt der Leser dieser Zeilen. Naja, natürlich ist der Ton ein Ähnlicher, aber wie so oft hinkt der Vergleich lieber, als dass er tänzelt. Prekäre Verhältnisse, ja. Sehr viel Hässlichkeit, Weltekel, ja. Wenig lyrisches Klingen, wenig empfindsam besungene Schönheit hier, natürlich.

Die jungen oder weniger jungen Männer des US-Underground, an deren Ton sich diese –nennen wir es: Schule- orientiert, waren in der einen oder anderen Weise: Kriegsheimkehrer, Versehrte, Augenzeugen von Weltkrieg II oder Vietnam (Buk selbst war ausgemustert) oder zumindest vom unheilschwangeren Klima des Kalten Krieges geprägt.
Die mehr oder weniger jungen Männer in den Gedichten, die heute noch und wieder als deren Echo daherkommen, der junge Mann in Fabian Lenthes Gedichten, sind friedensverwöhnt und haben in der Regel wohl nur wenig Blut gesehen, höchstens das von Mutters Sonntagsbraten. Ihre Fronten aber haben sie auch: spätkapitalistisches Ennui, soziale Kälte, veränderte Arbeitsverhältnisse. Die Angst vor dem Ivan ist wohl ersetzt durch die Angst vor IS-Terror und der Weltekel war nie zeitlich oder politisch gebunden. Dass das also eine Haltung und damit Tonfälle sich ähneln- gar nicht so verwunderlich. Jede Zeit kann ihren Genossen Hölle sein und sie zwingen, eine Zeit darin zu verbringen. Rimbaud mit seiner Saison en enfer kommt als Säulenheiliger nicht aus der Mode.

Ich mag einige Gedanken in Fabian Lenthes Texten sehr: bei all diesem puren Aushalten, dieser eigentlichen Unerträglichkeit der Tage gibt es den roten Faden der Poesie. Das Gedicht –es muss nicht lang oder kurz, nicht einmal gelungen oder großartig sein- fungiert hier mitunter als alternative Währung, mit der auch der pardon beschissenste Tag eventuell noch etwas zurückzahlt.

Und dann fasziniert mich, wie häufig und scheinbar folgerichtig sich in ähnlichen Texten wie auch in Lenthes der Underground-Ton und der Tonfall der Neuen Subjektivität eines Nicolas Born oder Jürgen Theobaldy berühren. Da sind einige Gedichte in diesem Band, die über die Tristesse hinaus eine Vermutung, eine Möglichkeit von Schönheit andeuten und es sind nicht die schlechteren Momente des Kollegen Lenthe- beileibe nicht!
Dieses wunderbare Ampelgedicht, der Text mit geteilten Fritten und Coke, einige weitere…hier passt jedes Wort und die zaghafte Zweisamkeit erhellt kurz all das Grau, überlagert den ganzen Müll und Beton zumindest als ein Versprechen. Ohne Loser-Pose gehen hier plötzlich Lakonie, Naivität, (Selbst-)Ironie und Schnoddrigkeit ein Stück lang Hand in Hand, auf beinahe ebenso schöne Weise wie in Nicolas Borns Gedicht: Eine Liebe.

Und da lohnt sich dann diese Haltung, die beinahe bemüht erscheint, alles allzu Schöne und Luftige zu übersehen, dieser Blick, der sich nicht zum Himmel und den Sternen richtet, sondern abwärts: zu Dreck und Müll und Asphalt. Derart eingestellt leuchtet dann ein zwischen Abfällen verlorener kleiner Schatz umso mehr.
So wächst in diesen dreckigen Pfützen der Stadt (also ist auch das Wetter pardon Scheiße) immerhin ein Stück Himmel und im letzten Satz des Bandes (tatsächlich eine Art Rimbaud- Zitat, den wir oben schon ins Spiel brachten) ist der Tag in der Hölle immerhin: ein schöner!

Er kann eine Menge, dieser Fabian Lenthe. Sein Blick ist frisch und genau, er braucht wenige Worte, um Stimmung zu erzeugen und er verfügt über die Grundzutat für wirklich gelungene Texte: Humor. Ein alles in Allem vielversprechendes Debüt!

 

In den Pfützen der Stadt wächst ein Stück Himmel – Gedichte
Rodneys Underground Press
Softcover / 116 Seiten / 8,95 EUR

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Die Insel ruft….Auszeit

see

Vor diesen grauen Flächen. Vor dieser leise schwappenden See, diesem diesigen Himmel ohne jede Tiefe fühlt sich Jan erstaunlicherweise beruhigt. Grobes, unregelmäßiges Gras im klumpigen Sand, Pfützen vom gerade erst abgezogenen Regen wie große Scherben darin. Es riecht nach Meer, das heißt genau genommen, nach salzigem Schmodder und Schlick, alles andere als fein. Plärrende Kinderstimmen und polterndes Elterngeschimpfe in unattraktiven Dialekten wehen vom Spielplatz herüber. Auf der Bank links schweigt eine bärbeißige Alte mit Krampfadern ihren Bildzeitung lesenden Mann an. Von Mutterschaft und Langeweile völlig zerstörte Körper liegen in pedantisch aufgehäuften Sandfestungen mit Deutschlandflagge, am Fähranleger drängeln ältere Eltern mit ihren sportiven Hightech-Kinderwagen in der Schlange vor. Trekking-Jacken, Künstlerschals um Vertreterhälsen, gut gelaunte Männergesangsvereine aus dem Rheinland mit Fischerhemden aus dem Andenkenladen über den Bierbäuchen. Trostlos tobendes Menschengewirr in einer denkbar unwirtlichen Enttäuschung aller Sommerträume.
Das sind wir nicht. Das sind wir immer noch nicht, denkt er. Wir sind immer noch: etwas Anderes, etwas anders. Bei allen Elternabenden, allen Besuchen von Disney-Filmen, allem Kuchenbacken für den Sonntagskaffee ist das Andere nicht in der Mehlschwitze der deftigen Bratensoße ertrunken.
Anders herum war er sich bewusst, dass die jungen Leute, die er gelegentlich auf der Straße sah, ihn genauso für einen in die Jahre kommenden Mann hielten, der den normalen Weg gegangen war, Frau, Kinder, Häuschen, Kombi oder Familienkutsche, eventuell Hund oder zumindest Meerschweinchen, kleiner oder größerer Garten, auf jeden Fall weit entfernt von jeder außergewöhnlichen Haltung oder Lebensweise, ertrunken im Kompromiss und zu einem Bauchansatz neigend. Junge Eltern von Erstgeborenen Säuglingen glichen sich an ihm und Sonja ab und schworen sich, alles anders, alles besser zu machen, wenn sie zufällig Jans und Sonjas Kinder gerade streitend oder in einem bockigen Moment erleben. Das war klar. Genauso hatten Jan und Sonja es früher schließlich auch gemacht.

Perspektivwechsel, wie bei den Seebildern. Ein Streifen helles Blau oben, ein Streifen dunkles Blau unten. Ein Tag am Meer. Wenn du es auf den Kopf stellst wird es eine Nacht, mit einem dunklen Himmel und einem vom Restlicht aufgehellten Meer.
Als habe sich das Meer irgendwann für die nächsten Milliarden Jahre für das Gleiten als vorübergehenden Zustand entschieden. Er weiß ja, dass das Meer das schon ewig tut, dieses Hin und dieses Her. Wenn es still liegt, kann man sich nicht vorstellen, dass es rau und wild sein kann. Wenn es aufgewühlt Wellen an den Strand wirft, glaubt man, es wird nie wieder damit aufhören. Wenn Jan sich besinnt, weiß er, dass niemand sagen kann, ob es immer so weiter geht: Ebbe, Flut, Ebbe, Flut, ständige Wiederholung, die ja angeblich nirgendwo hinführt. Gleichmaß, Gleichförmigkeit, im ewig gleichen Rhythmus, wie Herzschlag. Fort sein, anschwellen, da sein, abschwellen. Nie für immer da, nie für immer fort. Er weiß ja, dass auch nach 1000 Seiten, nach 30, 40 oder 70 Jahren nicht alles gesagt ist. Das letzte Wort; noch nicht gesprochen, welches wird es sein? Er weiß, er kann nur versuchen, Fäden zu finden und festzuhalten, bis sich eine Art Netz bildet, einzelne Fundstücke, Knüppel von Treibgut zu sammeln und zusammenzufügen, bis das Gebaute einem Floß gleicht, auf dem man theoretisch fahren kann. Er kann nur Puzzleteil auf Puzzleteil versuchen unterzubringen und nicht zweifeln, wenn auch nach Jahren nur ein unwesentlich abgestuftes Blau zu sehen ist. Er kann nur Karte um Karte umdrehen, in der Hoffnung, das die richtige irgendwann kommt. In seinen Träumen muss er Auto fahren, stundenlang im Kreisverkehr und er tut das erstaunlich langmütig, immer daran glaubend, dass die richtige Ausfahrt irgendwann, wie aus dem nichts auftaucht und irgendwo hinführt.

Irgendwann war das Meer einfach nicht mehr rausgegangen; hatte einen salzigen blauen Fleck auf ihm hinterlassen. Immer geradeaus, auf den Horizont schauen hatte man ihm geraten, dann schwindelt es Einem nicht. Doch zu Hause fehlte immer etwas Horizontales, irgendeine gerade Linie- alle waren verstellt: von spitzwinkligen Gebäuden, Bäumen, Dingen oder Schatten von Dingen, zu viele Menschen drängten sich davor . Die Insel dagegen: ein Experiment, Biotop, Garten Eden- Spielwiese für einen versuchten Neuanfang unter Laborbedingungen. Die fehlenden Möglichkeiten: hier kein Verlust, eher die Überschaubarkeit, der Überblick ein Gewinn, die Beschränkung ein Glück. Hier war man froh über jeden abgeworfenen Ballast und hier in Dünengras und Sand verlor sich alles viel leichter. Dieses Gefühl, nicht mehr Teil zu sein; abgetrennt, abgeschieden zu sein wurde zur Gewiss- und Gewohnheit und tat wohl. Das Kleine im Großen –die Insel- bot ausreichend Platz und einen tiefen grauen Graben gegen die Geschäftigkeit zu Haus. Keine Schaufenster, die Kauf mich Kauf mich schrien, keine Zeitungen, wispernd lifestyle und Skandal. Dabei lebten sie auch daheim weit genug von den Schmelztiegeln und Brandherden, in denen es –dem Fernsehen zufolge- stets nach verbranntem Gummi und röstenden Premium-Bohnen roch. Im üppigen Gürtel der Diaspora zwischen ihnen und den Metropolen verlor sich das alles und verglomm im Grün. Bei ihnen lag, zwischen Sommerflieder und Dung, höchstens noch leicht der Geruch eines schwachen Kokelns in der Luft. Doch hier: Das Meer war ein launischer und doch verlässlicher Nachbar. Mehrfach täglich wusch er ihre Füße. Der Wind fuhr ihnen über den Mund und verbot sich Überflüssiges mit Nachdruck.

Jan sitzt auf einer Bank am Wasser und besieht die Wolken. Sie ziehen sehr langsam, sehr tief. Jan sieht ein um das andere Mal eine tiefschwarze Regenwolke, auf eine Helle folgen, beide jeweils von der sinkenden Sonne grell beleuchtet, in ihrer Farbkraft verstärkt. Und auf den Inseln scheint schon die Sonne. Jan sieht den Schwarm Möwen auf der nahen Düne unter jeder dunklen Wolke, die darüber zieht, sich nervös erheben und sich unter der folgenden Hellen wieder niederlassen. Er empfindet, an einem Bonbon lutschend, auf einmal das Glück, nichts anderes zu tun zu haben und erwartet das Endes dieses Gefühls. Er nimmt sich das erste Mal seit langem als handelnde Person mit einem Effekt wahr, als auf sein Rascheln mit dem Bonbonpapier ein dicker schwarzer Vogel neben ihm auf der Bank landet. Es ist, als probiere er ein Spiel aus, als Zeitvertreib; das Spiel, die Dinge genau anders herum zu betrachten als gewohnt. Er sieht, wie das Meer endlos Wellen an den Strand stößt, die dort schnell versanden; wie die Wolken ständig kleine, vom Wind bald aufgelöste Teile absondern, und weiß plötzlich, er hat die ganze Zeit ebenso Teile von sich abgestoßen und ist trotzdem immer noch der, der er ganz am Anfang war. Alles, was er an Selbstauslöschung und Auflösung betrieben hat, ist gescheitert. Ist er gescheitert? Er weiß es nicht. Als wäre alles, was er sich nicht zugestehen wollte, ihm heimlich gefolgt und nun, da er einen Augenblick unachtsam war, unwiderruflich zu ihm zurückgekehrt. Er weiß noch nicht, ob er das gutheißen soll, aber er weiß, er muss es nicht jetzt entscheiden und das tut ihm wohl.

 

…mit diesem Stück aus einem Romanmanuskript verabschiede ich mich in den Urlaub und wünsche eine gute Zeit!

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Johnny -Traum-

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Da ist sie, die neue Nummer der Johnny – der Literaturzeitschrift der Goethe-Universität zu Frankfurt am Main. Alles dreht sich um das Thema Traum und mit dabei sind mein Gedicht: Dein Traum muss durch die Wand sowie eine skurrile längere Geschichte.

 


Eine feine, wirklich traumhafte Ausgabe ist das, mit Lyrik & Prosa von Sigune Schnabel, Harald Kappel, Patricia Falkenburg und vielen anderen mehr. Lohnt sich!

 

 

 

 

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Über Wasser -Erzählung-

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Ihm war bewusst, dass die Leute ihn nicht liebten.
Er täuschte sie, so waren sie sicher. Aber er tat es nicht mit großer Geste, um sie von seinem Trick abzulenken und es schien ihm gleich zu sein, ob sie ihm auf die Schliche kamen oder nicht. Lieben taten die Leute nur solche Betrüger, die ihren Betrug zu verbergen versuchten und ihnen selbst die Möglichkeit der Enthüllung ließen.

Er dagegen ließ sie jederzeit nachsehen, ob sich nicht zum Beispiel verborgene Stahlseile oder Glasplatten unter der Oberfläche verbargen, die seine Darbietung ermöglichten. Vor der Show, nach der Show- es war ihm ganz egal. Er lud sie stumm mit einer Geste ein, sich zu vergewissern und sie kamen eifrig, knieten nieder, brachten die Augen auf die Höhe des Wasserspiegels, fassten ins Wasser hinein und fuhren suchend mit den Armen hindurch, bestrebt, sein Geheimnis aufzudecken. Da sie nie etwas fanden, das Anlass zu triumphieren gab und nichts, dass ihn in Verlegenheit brachte, mochten sie ihn nicht.

Es war, was ihm geblieben war. Nach seiner Rückkehr hatte er versucht, an alte Zeiten anzuknüpfen, doch es war kläglicher gescheitert als beim ersten Mal. Niemand hatte ihm zugehört und wenn er doch einmal Jemanden fand, der ihm zwei Minuten lang Gehör schenkte, winkte dieser bald ab und ging weiter. Nichts von dem, was er vermochte, war geeignet, irgendjemanden zu beeindrucken. Für sein Reden tat man ihn als Spinner ab und versuchte er mit den alten Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, seinen Worten Nachdruck zu verleihen, drohte man, ihn wegen Vandalismus oder groben Unfuges zu belangen. Da schwor er sich, von nun an alles, was ihm an Begabung mitgegeben worden war, zu unterlassen und fortzugehen.

Es waren viele andere unterwegs und er schloss sich ihnen an. Viele Wochen lebte er unerkannt unter ihnen und es war beinahe wie früher. Sie teilten ihr Essen und er hungerte mit ihnen, obwohl es ein Leichtes für ihn gewesen wäre, sie satt zu machen. Sie halfen einander und führten Gespräche. Ihr gemeinsamer Weg führte sie viele tausend Kilometer weit, in Booten über das Meer. Unterwegs verloren sie einige und er sah es schweren Herzens mit an, obwohl es ein Leichtes für ihn gewesen wäre, sie zu retten. Aber sein Schwur verbot es ihm. Nie mehr wollte er sich über die Anderen erheben. Es war seine Art von Demut. Leid mit ansehen zu müssen, das hätte verhindert werden können, war seine Buße.

Angekommen, lernte er schnell, dass er mit Mildtätigkeit nicht rechnen konnte und er hier nicht erwünschter war als zu Hause. Es fand sich auch niemand, der sich ihm anschloss oder bereit war, ihn zu unterstützen. Er nahm, was man ihm gab: dem Wetter angemessene Kleidung, eine Unterkunft. Nach wenigen Wochen, glaubte er, die Strapazen der Reise überwunden zu haben und ging fort. Aber um zu arbeiten, sagte man ihm, brauche er Papiere, die er nicht besaß.
So blieb ihm letztlich, nach mehreren gescheiterten Versuchen, ein einziges Talent, das sich wenigstens noch zum Erwerb seines Lebensunterhaltes einsetzen ließ. Er brach seinen Schwur, um nicht zu verhungern. Dass er nicht sterben wollte, war selbstsüchtig und eitel, das war ihm schmerzlich bewusst, doch es war auch menschlich und das hatte er sich schließlich geschworen zu sein.

Die meisten seiner Auftritte waren beschämend, dazu lieblos und ohne jedes Gespür für Stimmung oder Dramaturgie arrangiert. Er war kein Entertainer. Er tat, was man von ihm erwartete, ohne Mätzchen oder spektakuläres Getue. Dass er dies an Bade- und Baggerseen, manchmal in künstlichen, nach Chlor riechenden Tropenbädern tat und dass das Publikum meist abgelenkt, gelangweilt oder sogar alkoholisiert war, machte es nicht leichter. Aber es sicherte sein Auskommen.
Er lebte bescheiden. Was er in der Sommersaison verdiente, brachte ihn über den Winter. Er mochte diese Jahreszeit, obwohl er oft fror und die Menschen meist missmutig waren. Da er keine Auftritte und auch sonst keine Beschäftigung hatte, konnte er nachdenken und sich besinnen. Begann die Saison nahm er seine Beschäftigung klaglos wieder auf. So hielt er es seit seiner Rückkehr. Immer fand sich eine sommerliche Musikveranstaltung, eine Schwimmbad-Eröffnung oder ein anderer Anlass, zu dem die Veranstalter ihn als Attraktion im Rahmenprogramm buchten. Meist ging er dann im Trubel der stampfenden Schlagermusik oder der allgemeinen Unruhe unter, fand nur wenige Zuschauer, machte, wofür er gebucht war und verschwand wieder.

Manchmal wurde er von den Veranstaltern, hier und da sogar vom Publikum beschimpft. Manches Mal riet man ihm fast mitleidig, an sich zu arbeiten, aus der Nummer sei doch was zu machen. Aber er wollte kein schillerndes Kostüm, keine theatralische Hintergrundmusik und keine Pyrotechnik. Er kam in seinem gewöhnlichen Straßenanzug, barfuß und ohne Requisiten. Mit einem stummen Nicken zu den Anwesenden stellte er sich auf, wenn er an der Reihe war, machte den ersten Schritt, dann den zweiten, stand schließlich früher oder später in der Mitte des Sees, Teiches oder Beckens, verweilte kurz, ohne auch nur eine weitere Geste, ging dann gemessenen Schrittes wieder zurück zum Rand und an Land oder den Beckenrand.
Wie zu erwarten, war die Resonanz meist dürftig. Manche gähnten, klatschen müde oder winkten ab. Pfiffe war er bald gewohnt und selbst die Beschimpfungen machten ihm nichts mehr aus. Er tourte mit dem Bus durch die Badeorte der Provinz, mal hier, mal dort gab er seine Darbietung zum Besten. In einer besonders unangenehmen Gegend bewarf man ihn mit Bierbechern oder beschoss ihn mit Wasser aus mitgebrachten Pistolen, so dass er schließlich völlig durchnässt, mit ins Gesicht hängendem Haar und tropfendem Bart an Land ankam, obwohl wie gewohnt nicht mehr als seine Fußsohlen die Oberfläche des Sees berührt hatten . Anderswo sprangen Jugendliche während seines Auftrittes in Wasser und wühlten es kraulend und tobend heftig auf. Als er nicht schwankte, nicht stürzte, griffen sie schließlich nach seinen Fesseln und versuchten, ihn hinab zu ziehen, aber er hielt stand, rührte sich nicht, versuchte nicht, sie abzuwehren. Schließlich gaben sie auf, aber als er aufrecht gehend seinen Rückweg ans Ufer antrat, begleiteten sie ihn schwimmend, spuckten nach ihm, nannten ihn Schwuchtel und Judensau. Er widersprach nicht und verschwand.

Es krähte kein Hahn nach ihm. Bis wenige Tage nach seinem Auftritt in diesem trostlosen Nest ein Kind beim Baden ertrank. Weiterlesen

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Kein Denkmal

VBN

kein denkmal

Ich werde diesen text nie beenden denn jeder text ist
verknüpft mit den tagen seiner entstehung und dieser hier
somit mit diesen jetzt und diese tage verdienen kein denkmal

Ich will nicht leben wo die katzen regieren
ich will nicht ständig gefragt werden
ob ich mir meiner bedeutungslosigkeit bewusst bin
ich will gefragt werden bevor ich verliere
aber der tag birst auch ohne mich
ich will nicht das essen anderer sehen
wenn ich bis unter beide arme hungrig bin
bis an die zähne bewaffnet mit blindem willen
das hier ist also das zentrum meines windverblasenen zelts
die stille bereits in zeile zehn

Das glück dieser erde liegt auf dem rücken von fluchttieren
und deine notrufe werden umgeleitet
auf die verlorenen handys entlang der kreuzfahrtlinien
ich will gefragt werden ob ich einverstanden bin mit den ständigen siegen
und mich bei jedem atemzug als champion feiern
raus aus diesem zoo den alle für eine bühne halten
die bretter die die welt bedeuten quer genagelt vor den kopf
aber der putz blättert von den panoramen
und jemand sagt alles gute
endet von allein während man
das schlechte selbst beenden muss

Ich werde diesen text nie beenden

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Sunday Sketch: mutter sprache

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fährmann übersetz mich zurück in meine mutter sprache my mothers tongue la langue language was my first love neun monate und um die letzten stummen vierzehn tage übertragen lag ich im mundraum meiner mutter auf der zunge, bis sie flehentlich ich sagte oder besser: junge junge und mit einem stammeln die wehen einsetzten stotternd kam ich zu wort noch blinder und stummer däumling ich ward geboren als könig von babel verstand auf anhieb das gelaber der tanten nebenan sprach fließend beatles UKW und das krächzen der krähen vorm fenster sagte mama zu allem, was ich hörte und mutter sprach zu vater: mann mann und in diesem moment fing bereits das vergessen an was ich damals noch nicht wissen konnte and it will be my last

 

 

 

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Lütfiye Güzel -Nix Meer- Rezension

güzel

Lütfiye Güzel, von der Kritik gerne als Vorzeige-Poetin aus der Problemkultur und dem Problem-Bezirk Duisburg-Marxloh als Beispiel für gelungene Integration und Bildungspolitik ins Feld gefügt, legt mit Nix Meer einen neuen Band vor.
Ausgesprochen gelb ist er- Capri-gelb: Capri, das Sommerferien-Gedächtnis-Eis, das Eis der Kindheit.

Oder ist er eher UHU-Gelb, klebrig, leidig mit Erinnerungen an misslungene Bastelstunden belegt –wenn man damit zu arbeiten versuchte, waren bald sämtliche Fingerkuppen mit einer Schicht überzogen, die man nur mit langem, langem Rubbeln allmählich wieder abbekam. Gelang es einem, langsam langsam ein großes Stück auf einmal zu lösen, zeigte es manchmal den eigenen Fingerabdruck im Negativ.

Aber noch schnell zum Titel: Nix Meer, kein Idyll, wie gesagt, kein Sehnsuchtsort- oder doch? Das Meer, die See als Spiegel der Seele- oft benutzt, oft gelesen. Aber hier: Nix da! Nix Meer! Da war mal was- jetzt ist das nix mehr? Dazu passten die monochromen, unscharfen, ferienidyll- untauglichen Fotos müde schwappender See, die dem Text vorangestellt sind.

Als literarische Form steht hie weder Lyrik, noch Gedichte- sondern: Episode. Es ist ein Langgedicht, eigentlich, aber ist nicht jeder Text eine neue Folge aus dem Leben des Autors oder zumindest seinem Schreibleben.

Aber es ist nicht nur der Band schön gelb und der Titel bedenkenswert, sondern auch der Text außerordentlich lesenswert. Nach den auffällig unbevölkerten Seebildern kommen 65 Seiten, die es in sich haben.

Ja, wie soll man diese Art Literatur nennen: urban-social-off-beat-slam-underground?– Völlig latte. Lütfiye Güzel scheint zu schreiben, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Prosaisch, auf den ersten Blick wenig lyrisch, mal lange, mal kurze Sätze. Aber Sonettenkränze durfte man hier wohl auch nicht erwarten.
Schon Goethe sagte: „die Literatur kommender Jahrhunderte wird eine bekenntnishafte sein“ und in Güzels Text ist das lyrische Ich wohl tatsächlich recht nah an der Autorin, sind die Wirrnisse, die sie schildert wohl wirklich die Ihren und nur unwesentlich literarisiert. Man könnte diesen Band als das Porträt einer Depression bezeichnen, aber auch ein Diagramm der Auflehnung dagegen. Immerhin ist einer der Pole, zwischen denen das Ich pendelt, die Praxis des Therapeuten, in der sie sich dann aber doch fragt, warum sie ganz offensichtlich auf der falschen Seite des Tisches sitzt.
Neben ihrem unverwechselbaren Sound zwischen Lakonie, Pathos und Witz ist es eben diese unglaubliche Ehrlichkeit, die aus den Zeilen und Absätzen dieses Langgedichtes spricht und die bei Lütfiye Güzel nie zur Pose gerät.

Das Ich dieses Textes schwankt bei der Wahl ihres Sehnsuchtsortes zwischen Meer und Couch. Der DVD-Player scheint attraktiver, Selbstgespräche und fiktive Dialoge mit Johnny Depp und anderen gehen als Kommunikation gerade noch so. Ansonsten geht das Ich durch die mit Menschen bevölkerten Straßen wie eine Feldforscherin in entlegenen Gebieten, fremd und be-fremdet.

Es geht auch ums Schreiben in Nix Meer, um das Zu-Wort-Kommen und das eben nicht- das Schweigen, das Verstummen. Schlagen wir doch einmal bei Lord Chandos und in seinem nach ihm benannten Brief nach, dem wichtigsten literarischen Dokument der kulturellen Krise um die Jahrhundertwende 1900. „… ein unerklärliches Unbehagen, die Worte ‚Geist‘, ‚Seele‘ oder ‚Körper‘ nur auszusprechen, [denn] die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches Urteil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze“
Denn bei allem Drive, bei aller Lakonie, die Güzel stilistisch zur Schau stellt, wird hier auch sehr genau über den Zusammenhang zwischen dem Gehalt und der Gestalt des Wortes an sich nachgedacht. Bei Lütfiye Güzel lautet die Frage: Ist denn VERZWEIFLUNG nur ein Gebilde mit 12 Buchstaben waagerecht oder eben mehr? Eine Ansammlung von Zeichen, aber bilden sie ab, was sie bedeuten? Wenn nicht- wie und warum dann Gedichte schreiben, warum Literatur? Hier liegt ebenso ein Wortekel und ein daraus folgendes Verstummen in der Luft, die Einsicht, Nix Me(e)(h)r schreiben zu können- zu müssen. Chandos reloaded? Die aufstrebende Moderne und das Fin de Siècle- parallel geführt zu unserem Netz und Netflix-Zeitalter?

Und, ach, es ist ja das Gedicht –gerade das moderne- so sehr ein Konstrukt ohne konkreten Nutzwert. Die Geschichten überbringen die Erzähler, für Unterhaltung sorgen die Slammer und den Witz steuern die Comedians bei- aber was bringt das Gedicht so oft: Verwirrung, Unzugänglichkeit, sperrige Konsumierbarkeit. Es hinterlässt keine wohlige Mattigkeit, es bringt Unruhe, fordert, verlangt- nicht gerade das, was der durchschnittliche Mensch sich freiwillig regelmäßig antut.

So ist das Gedicht per se subversiver Akt und immer: Kommunikationsmittel
Auch in Lütfiye Güzels Text kommt dem lyrischen Ich diese Erkenntnis: über diese kleinen gemeinen Bandbomben in heimischen Wohnzimmern gelangt man mitunter zu der, wenn auch stillen, Verständigung mit Menschen, die man im Normalfall eher mit dem Blick des Anthropologen betrachtet.

Nix Meer ist eine lohnende, typische Güzel-Lektüre. Weitestgehend prosaisch und klar, aber unterlegt mit einer großen Melancholie und poetischen Einsprengseln, die sich beim Leser einschleichen und festsetzen.
Klug, authentisch und berührend- bleibt nur zu sagen: Go! Güzel!

Lütfiye Güzel
Nix Meer
Go-güzel-publishing
65 Seiten, 12€

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