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Postgeschichte

 

Es war in diesen nicht allzu lang zurückliegenden, aber heute unvorstellbaren Zeiten, in denen die Post noch zweimal am Tag kam- einmal früh morgens, gegen 8.30 Uhr und noch einmal im Mittag.
Der Postbote war ein Mann, den man mit Namen kannte und achtete, keine ständig wechselnde, immer eilige Aushilfskraft. Er trug eine Uniform, die sich über die Jahre hinweg nur wenig veränderte, eine schmissige Mütze und schob ein kleines, wohl geordnetes Wägelchen vor sich her. Kurze Hosen, Fährräder oder chaotisch befüllte Transporter waren noch undenkbar.

Unser Postbote hieß, über viele viele Jahre, Herr Lemke. Die Bezirke waren so etwas wie Königreiche und war es nicht Herr Lemke, der zweimal täglich sein Wägelchen durch seines schob, konnte man sicher sein, dass er erkrankt war – was sehr selten vorkam- oder Urlaub hatte. Herr Lemke war ein netter, ruhiger Mann mittleren Alters, immer freundlich und genau.
Es war noch vor der Zeit der ständigen Postwurfsendungen und Werbeblättchen. Es gab noch keine Emails und telefonieren war teuer. Trotzdem bekam man weniger Post als heute und jeder Brief und jede Postkarte hatten noch Belang und waren auf ihre Art ein Ereignis. Ich erinnere mich noch, dass mein Vater am frühen Nachmittag oft von der Arbeit aus anrief um sich zu erkundigen, ob Herr Lemke etwas für uns gehabt hatte und was.

Da die Männer zur Arbeit waren, waren es meist die Frauen, die die Post entgegen nahmen. Oft taten sie dies persönlich, hatten Herrn Lenke regelrecht erwartet, denn über den Morgen und Vormittag waren sie allein und hatten außer beim Einkaufen nicht viel Kontakt zu Anderen.
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Der Dichter passiert die Grenze… Erzählung-

dichter

Ich wurde gefragt, wann und warum ich anfing, Gedichte zu schreiben-
eine Art Antwort in Form einer kleinen Erzählung.

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Der Dichter passiert die Grenze


„Vielleicht ist er gestorben.“, meinte Ralf.
„Suizid!“, schlug Jan vor.
„Oder sie haben ihn doch eingesperrt.“, mutmaßte Kati.
Das erste Mal sah ich ihn in der Leihbücherei, als ich mit Jan für ein Referat recherchierte.
Er stand vor einem der Regale, sehr groß, sehr dünn, in einem etwas zu großen, offenbar älteren Anzug und hielt ein kleines Buch sehr nah vor sein Gesicht. Während alle anderen bemüht waren, möglichst leise zu sein, sprach er unentwegt, murmelte und lachte vor sich. Dabei wippte er unaufhörlich mit dem Oberkörper vor und zurück, gestikulierte mit dem freien Arm, schüttelte den Kopf oder ging drei Schritte nach links und nach rechts, hektisch und ruckartig. Was er las, schien äußerst dringlich und interessant zu sein, fast sah es aus, als spreche er mit dem Buch, mit den Wörtern darin und es musste eine sehr angeregte Diskussion sein. Jan und ich sahen uns an und grinsten.
Bald sah ich ihn regelmäßig, fast täglich: vor oder nach dem Konfirmandenunterricht, wenn wir nach der Schule rumhingen, auf einer der Bänke, mit einer Cherry-Cola für 35 Pfennig vom Lidl.
Er ging durch die Straßen unserer Kleinstadt, schritt wie ein Storch, das rotblonde Haar stand wie eine Flamme über seiner Stirn. Meist trug er seinen braunen Anzug, manchmal nur ein weites weißes Hemd mit flatternden Ärmeln. Und obwohl er immer allein war, nie Jemanden ansprach, schien er stets in ein angeregtes Gespräch vertieft zu sein. Er überquerte den Marktplatz mit großen Schritten, dabei mit den Armen fuchtelnd und rief den Autos auf der Parkplatzsuche laut Dinge entgegen.
Er glitt durch die Fußgängerpassage, vornübergebeugt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, völlig in sich selbst versunken und murmelnd. Im Winter trug er einen feuerroten Bart, und, obwohl es hier recht selten schneite oder wirklich kalt war, einen monströsen Pelzmantel, der nach Altkleider-Sammlung aussah. Meist trug er kleines Buch bei sich und ab und an konnte man ihn sehen, wie er es in die Höhe hielt, dicht vor die Augen und mit einem kurzen Bleistift Dinge hineinschrieb, im Gehen.
Wir machten uns lustig über ihn- allzu viel Interessantes gab es nicht, dass man in unserer Einkaufsstraße beobachten konnte. Er bot verlässlichen Gesprächsstoff. Ralf meinte, er sei irre. Kati wusste, von irgendwoher, er lebe in so einer Wohngruppe und halte sich für einen Dichter.
„Sag ich ja: irre!“, meinte Ralf.

Als ich einmal mit einem Geburtstagsgutschein in unserer mickrigen Buchhandlung nach einer Lektüre suchte, kam er hinein und schritt die Regale ab, dabei wie gewohnt  murmelnd und gestikulierend. Von der Buchhändlerin angesprochen, stellte er sich zackig vor:  Richard Thomsen, Lyriker.
Einen Handschlag hielt er offenbar nicht für notwendig. Dann fuhr er in strengem Ton und ziemlich laut fort: Sein Buch würde hier nicht präsentiert. Dabei lebe und wirke er doch hier in dieser Stadt!
Die Buchhändlerin antwortete ausweichend, aber er fuhr bereits fort:
Die großen Namen- Rilke, George, Hofmannsthal- sie fehlten sämtlich. Dafür führe man gleich haufenweise…Abfall. Und beim letzten Wort wischte er mit einer Handbewegung – ob absichtlich oder nicht kann ich nicht mehr sagen- die obersten zwei, drei Exemplare von einem hohen Stapel eines Bestseller-Romans. Das genügte der Buchhändlerin nun und sie bat ihn freundlich aber bestimmt, ihr Geschäft zu verlassen, was er tat, stolz aufgerichtet und ab und an den Kopf mit einem Auflachen in den Nacken werfend.
Tatsächlich, so erfuhr ich später, war es ihm mit Hilfe eines kleinen, treuen Unterstützerkreises gelungen, ein Bändchen seiner Gedichte drucken zu lassen. Ich fand es später einmal in einem Antiquariat, nahm es aus Sentimentalität mit, las aber erst viel später darin.

Ich beendete die Schule und begann eine Ausbildung in einer anderen kleinen Stadt in der Nähe.
Ich dachte, damit würde ich ihn aus den Augen verlieren. Tatsächlich meinten Ralf, Jan und Kati, die in unserer Heimatstadt blieben, er sei verschwunden- aber schon bald, nachdem ich meine Lehre angetreten hatte, tauchte er wieder auf.

Ich verbachte meine Mittagspause mit Spazierengehen und an einem der ersten kälteren Tage sah ich ihn: noch deutlich hagerer als zuvor, die Aufmachung etwas schlampiger als gewohnt, den Bart struppig schritt er über die Hauptstraße. Hatte er früher keinen der Passanten beachtet, sah er sich nun unablässig um, schüttelte hier und da den Kopf oder murmelte Unverständliches, lachte auf.
Unbeholfen die langen Beine übereinandergeschlagen, mit dem Oberkörper vor und zurückschaukelnd sah ich ihn einige Tage später auf einer niedrigen Mauer sitzend, das Büchlein auf dem spitzen Knie. Immer wieder stieß er einzelne Worte aus, zusammenhanglos erst, dann in kurzen Sätzen. Er schrieb, dann strich er, dann schrieb er wieder, streckte sich, richtete den Blick kurz in den Himmel und krümmte sich wieder über das Papier.

Es wurde kalt, er blieb unterwegs, jetzt in dem noch räudiger gewordenen Pelz.
Ich verbrachte von nun an die Pausen häufiger in meinem Lehrbetrieb und bekam nicht mit, wie er verschwand. Es gab einige, die meinten, er sei wohl eingewiesen worden. Andere glaubten von seinen langen nächtlichen Spaziergängen zu wissen, die ihn ein um das andere Mal ins Irre geführt hätten. Manchmal habe man ihn morgens erst wieder aufgefunden, in einem Waldstück oder an einer der schlammigen Uferweiden des Flusses.

Ich stellte mir vor, er sei einfach weitergewandert, mit ausgreifenden Schritten, über die nahe Grenze, irgendwie über die Flüsse, dabei murmelnd oder Verse deklamierend und würde mir irgendwann, von irgendwoher wieder entgegenkommen.

Einen guten Monat, nachdem er verschwunden war, schrieb ich mein erstes Gedicht.

 

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Literarische Landvermessung in: Steinfurt

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Schön war`s.
Unsere literarische Landvermessung „Heimatabend“ in der Stadtbücherei Steinfurt. Als Teil des hier!- Literaturfestivals des literaturland westfalen durften Thorsten Trelenberg und ich mal wieder über diesen schwierigen Begriff sprechen.

Wir lasen aus den unterschiedlichsten Quellen; vom ollen Tacitus über Max Frisch bis zu Franz Hohler war alles dabei. Außerdem gab es natürlich die Gedichte aus unseren eigenen beiden „Heimat“-Büchern. Feine Sache das.
Vielen Dank an die Veranstalter und das interessierte und nette Publikum!

…und gleich ein wenig Presse dazu:

Vielen Dank an Rainer Nix!

 

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und dann war da noch: Heimatabend

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Im Rahmen des Festivals hier! präsentieren Thorsten Trelenberg und ich nicht nur unsere gemeinsam mit Thomas Kade herausgegebene Anthologie, sondern dürfen auch gleich noch mal unser gemeinsames Programm Heimatabend -eine etwas andere literarische Landvermessung- zu Gehör bringen.

Moderne Heimatgedichte aus unseren beiden Bänden, dazu launiges Geplauder und Wissenswertes über den schwierigen Begriff: Heimat. Dazu Piano-Musik und ein feines Ambiente am Kamin.

Genaueres zum Programm, Fotos und Infos gibt`s auf der eigenen Heimatabend-Seite:www.heimatabend.wordpress.com

heimatabendlogo
28.09.2017 / 19:30 Uhr
Stadtbücherei Steinfurt
Markt 19, 48565 Steinfurt

Eintritt: 8 €
Veranstalter:
Stadtbücherei Steinfurt in Kooperation mit dem Förderverein

Weiteres:
VVK in der Bücherei bzw. telefonisch unter 02551/7802

 

 

 

 

 

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Landschaft in der Brühe/ Schön hier!

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landschaft

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…einer der beiden Texte, mit denen ich in unserer jüngst erschienenen Anthologie Schön hier!  als Autor vertreten bin. Auch das Foto findet sich dort. Ein weiteres zu meinem zweiten Text zeigt den schon als romantische Ruine erbauten Turm auf einer Insel im Bagno-See, dem Zentrum unseres steinfurter Bagno-Parks, einem ehemaligen Lustgarten des Grafen zu Bentheim-Steinfurt. Lieblingsplätze eben.
Schoen hier Cover Grafik

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Buchtipp auf LilaWe

westfalenkarteblankoSeit gestern ist unsere neue Anthologie offizieller Literaturtipp auf der Seite  Literaturland Westfalen, dem Veranstalter des exzellent bestückten Festivals hier!, bei dessen Auftaktveranstaltung wir unser Buch am 26.08. präsentieren dürfen.
Viele der vertretenen Autoren werden anwesend sein und mit uns im Programm:
Wilsberg-Autor Jürgen Kehrer, Ralf Thenior, Julia Trompeter, Petra Reski und viele Andere.

lilawe.jpg

Und dann hat unsere Autorin Maike Frie aus Münster, deren beiden Mikrogeschichten: Herzkino und Die Bank sicherlich zu den Highlights der Anthologie gehören, einen sehr schönen Artikel auf ihrem Blog veröffentlicht.
Kanalbank blauer Himmel

 

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-Die Murphy-Mails I-

schreib2

an:www.murphy@hotmail.com

Lieber Murphy,

6 mal 6 und dieses Gesicht im Spiegel zeigt einem schon Ahnungen von seinem Zustand mit 50, mit 60 und entspricht so wenig dem Bild, das man selbst von sich hat und alles, was man nicht leiden mochte, als man jung war, verstärkt sich mit dem Alter. Die Nase, die Ohren wachsen ein Leben lang weiter, aber das Haar wird dünn. Man selbst sieht sich noch immer mit diesem weiten, wundergläubigen Blick: ein wenig zu weich, ein wenig zu weiblich. Mühelos schaut man hinter diese Maske, die Reife und Männlichkeit vorgibt. Noch immer ist man paralysiert und hilflos beim Anblick der oft schmerzhaften Perfektion junger Frauen. Man ist nach wie vor ahnungslos und unfähig, aus Fehlern zu lernen. Das magische Denken, sagt man, verschwindet mit sechs Jahren, aber jetzt hat man sechs mal sechs und genau wie die Kinder an Karneval verschmilzt man wie von Zauberhand mit dem, der man so gerne sein will und das eigentliche, eigene Gesicht verschwindet. Man füllt die hohlen Hände mit kaltem Wasser und wäscht sich und alles fühlt sich genau an wie immer. Verwandlungen: Gregor der Käfer fühlt sich genau so wie Gregor der junge Mann, bis auf einige körperliche Veränderungen, die allzu schnell vertraut sind und vergessen. Tigelchen und Töpfchen auf der Ablage sagen: Iss mich! Trink mich! Wer aus mir trinkt wird ein Tiger, wer aus mir trinkt wird ein Reh. Ein vager Blick muss reichen. Man mochte diesen schmollenden verwöhnten Zug nicht, aber seine bittere Negation auch nicht allzu genau betrachten. Man will sich in die Fresse hauen, aber wenn der Spiegel bricht, bist du sieben Jahre verflucht und sieben Jahre braucht die Haut, um sich komplett zu erneuern. Du wirst gewaschen von der Zeit, die über dich weggeht, ohne, dass du was dazu tust, aber auch geschliffen und geglättet. Nur, wenn wir tun, als ob wir Tiere wären, die nicht um das Sterben wissen und verbissen ineinander kämpfen um diesen einen Moment, in dem nicht der faulige Hauch der Zeit in der Luft liegt, klingt es ganz kurz kehlig und kraftvoll nach Leben wie die Laute der rolligen Katzen nachts im Hof.

herzlichst

dein

M.

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