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Marlies Blauth: Dornröschenhaus -Rezension-

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Zunächst einmal der Titel:
In Marlies Blauths Band wird das Dornröschenschloss zum Dornröschenhaus- die Demokratisierung eines Märchenmotivs sozusagen. Jeder kann nun Dornröschen –eine verwünschte Prinzessin- sein.
Das Dornröschenschloss ist eine Zeitkapsel, in der das Geschehen hinter dicken Hecken 100 Jahre still steht, an der die Zeit, die Welt vorbeilaufen. So ist es nun auch mit dem fiktiven Haus aus Gedichten, in Marlies Blauths Sammlung.

Der Band ist von einigen roten Fäden durchwoben, ohne, dass sich die Autorin beim Spinnen dieser Fäden an der Spindel gestochen hätte, oder doch?
Das Zeitlose, Schwebende an diesen Gedichten ist eine ihrer Qualitäten.
Kurze Zeilen, wenige, bedacht gesetzte Worte meist. Wenig offensichtliche Akrobatik, dafür sehr sorgsam gewählte Bilder.

Aber zurück zu den roten Fäden:
Der Zusammenhang von Ding und Wort, das es bezeichnet; Zeichen für Dinge- dieses Thema kommt immer wieder zum Vorschein.

An jedem ding hängt ein wort
es abzureißen wage ich nicht

Denn die Beziehung zwischen Ding und Wort ist eben mehr als nur die Bezeichnung des Gegenstandes durch Buchstaben und das Schaffen einer Ordnung. Das Wort ist auch gleichzeitig Aufrufzauber und geistiges Heraufbeschwören eines Bildes des Dings, das dafür gar nicht greifbar sein muss. Wir haben das nur vergessen.
Bei Marlies Blauth schläft eben wirklich ein Lied in den Dingen und jedes Wort vermag Zauberwort zu sein.

Nochmal: Ding ohne Wort, namenlos, funktioniert das? Wir haben uns in modernen Zeiten auf NEIN geeinigt, aber man kann ja mal fragen.
Wort ohne Ding- was soll das sein? Reines Geklingel, nutzlos? Nein, ein Wort für etwas, das es so nicht gibt, ist nichts anderes als: die Metapher- eine der größten Fähigkeiten der Menschen. (an der aber auch Menschenaffen schon sehr erfolgreich arbeiten, wie Tests mit Schimpansen an Bildtäfelchen zeigen)
Klug sind sie bei Marlies Blauth- dem Alltäglichen, oft bereits bestehenden Vokabular abgetrickst.
Die Windjacke ist natürlich fester Bestandteil unserer Garderobe, aber mit ein wenig Umdenken wird eben aus der Jacke gegen den Wind die Jacke aus Wind. Sehr schön. Siehe und wiederhole: der Staubmantel wird folglich…
Aber auch die klassische Form dieses lyrischen Mittels ist da, im Dornröschenhaus: aus dem Maiglöckchen wird das Bleiglöckchen und verliert so alles Frühlingshafte, Niedliche, wird schwer und scharfkantig.

Marlies Blauth geht zurück bis an die Wurzeln der Lyrik, die in der Beschwörung und in der Zauberformel liegen, bei der Sprachmagie:

Winde wirre mein haar
netze mir meine augen

Und damit kommen wir auch zu einem zweiten roten Strang, den schon der Titel andeutet. Das Märchen, mit seinen facettenreichen Motiven, dunklen Zusammenhängen und seinen vielschichtigen Bedeutungsebenen wird des Öfteren herangezogen.

Rosenzöpfe
und das Porträt einer Prinzessin

Der König
köpft jeden morgen ein Ei…

Komm reiß dich zusammen
entzwei…

Und: ab der Hälfte des Bandes findet sich ein weiterer Strang- das wohl am häufigsten verwendete Wort ist hier: nackt.
Das lyrische Ich –die Autorin?- entkleidet sich hier und wird dabei mit Schicht um Schicht des abgelegten Kostüms mehr ICH. Das Wort Person, Persönlichkeit stammt ja aus dem lateinischen Wort persona für: Maske. In diesen Gedichten fällt Maske um Maske und unter jeder liegt eine weitere und es wird vermutet, dass die Entdeckungen und der Kern der Person irgendwann, nach quälendem Abschälen jeder Einzelnen irgendwann zum Vorschein kommt- im unverrückbaren Glauben, dass er existiert. Das Märchen von Des Kaisers neue Kleider wird hier einmal zitiert, es handelt sich in dieser Nacktheit aber auch um der Autorin UND des Lesers neue Kleider.

Alles ist schon beschrieben
bleibt nur meine Haut
für neue Worte
und Zeichen

Seelenstriptrease also?- Nein, keinesfalls. Entdeckungsreise auf der Suche nach dem verlorenen Ich vielmehr. Das mag nicht modern sein- in der Regel wird der moderne Mensch in seiner Verstrickung in seine Zeit eher durch ein wirres Knäuel an Fäden und Strängen präsentiert –um einmal beim Spinnen zu bleiben- Marlies Blauth versucht dieses Knäuel zu entwirren und den einen, entscheidenden Strang herauszufummeln. Legitim. Und notwendig.

Und Blauths Gedichte -das muss betont werden- verbleiben nicht in dieser märchen- und ichversponnenen Welt: sie kennen auch Bahnhöfe und Hundehaufen und Omnibusse. Sie legen unter unserem Alltag die uralte, sepiafarbene Schicht frei, die unsere Herkunft -im geistigen Sinn- und die Bedeutungen zeigt, die wir gerne übersehen, weil das Heute so schön blinkt und piept.

In ihrer kunstvollen Einfachheit, ihrer Verständlichkeit sind Marlies Blauths Gedichte eindrucksvoll und stark. Ideal auch für Lyrik-Einsteiger, für Kenner sowieso. Ein schöner, von der Autorin selbst, die auch als bildende Künstlerin einen Namen hat, illustrierter Band, der zum Immer-wieder-Lesen und immer-wieder-Neues-entdecken einlädt. Zeitlos, schwebend.

 

Marlies Blauth: Dornröschenhaus

Taschenbuch: 80 Seiten
ATHENA-Verlag;
ISBN-13: 978-3898966917
12,90€

 

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Rezension: „Das atmende Lid“ von Thorsten Trelenberg

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Mit Das atmende Lid legt Thorsten Trelenberg einen weiteren bemerkenswerten Band vor, der die die Fülle der Tonfälle seiner Lyrik um einen weiteren ergänzt.
Der selbsternannte Flusspoet, Kinderbuchautor und umtriebige Literaturförderer aus Schwerte ist ein äußerst fein eingestellter Empfänger für die Stimmungen und Reize um uns herum.
Trelenbergs Poesie ist nicht –wie so viele andere- der Sprachlosigkeit abgerungen, sondern scheint vielmehr aus einer Überfülle an Inspiration zu schöpfen. Alles ist ihm dichterische Inspiration und jeder neue Band gleicht während der Lektüre einem temporären Mithören seines lyrischen Denkens, das unzweifelhaft nicht nach der Niederschrift eines Textes oder eines Zyklus verstummt, sondern unablässig weitergeht.

Trelenbergs Gedichte sind auch im vorliegenden Band, wie auch in den vorigen, meist kurz, hier und da an Haiku erinnernd, sehr dicht, dabei beinahe schwebend. Auch hier findet sich daneben Wortspielerisches sowie vereinzelt Experimentelleres.
Die Gedichte in Das atmende Lid sind Trelenbergs bisher dunkelsten, da sie sich erstmals in dieser intensiven Weise um Tod, Angst und Verletzung drehen. Der sonst so positive und der Schönheit aufgeschlossene Dichter verarbeitet hier wohl die zahlreichen Jahre, die er im Rettungsdienst in unmittelbarer Nähe des drohenden, absolut sinnlosen und banalen Sterbens verbrachte. Fast erstaunlich scheint es da, dass das sonstige Werk des Verfassers so viel warmherzige und spielerische Leichtigkeit verströmt.
Trelenberg besitzt eine unverwechselbare Stimme. Er ist einer der Dichter, bei denen in keinem Text ein Vorbild oder eine Prägung durch andere Autoren durchzuhören ist. Seine Gedichte eilen weder Moden nach, noch versuchen sie, um jeden Preis selbst welche zu generieren.
Glasklar und beinahe schmerzhaft einfach sind die Gedichte in Das atmende Lid gerade dort, wo die Sinn- und Hilflosigkeit gegenüber den Kräften Tod und Angst keine lyrische Spielerei zulassen.
Trelenberg ist –wie in all seinen Gedichten- auch hier der Poet der Menschlichkeit und des Mitgefühls. Die analytische, kühle Distanz, der abgeklärte Sarkasmus sind seine Sache nicht, sollen sie nicht sein. Auch und gerade in diesem Band stellt der Autor diese bewusste Entscheidung wieder ganz offen unter Beweis.

Thorsten Trelenberg
Das atmende Lid
102 Seiten
Dortmunder Buch Verlag
ISBN-13: 978-3945238202

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Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können- eine Art Rezension

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Da liegt er nun, der eben im Elif Verlag erschienene Band:
Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können des Isländers Ragnar Helgi Ólafsson. Wunderbarer Titel! (Ein Buch für MICH, sagt er gleich!)

Der erste Eindruck: was für ein liebevoll gestalteter Band: mit offener Bindung und doppeltem, doppelt kreisrund ausgestanztem Cover in Drehscheiben-Optik.
„Aber“, sagt der Rest Ratio im vor Begeisterung dampfenden Bibliophilen: „davon nicht täuschen lassen- es geht schließlich um die Texte!“

Also erstmal Durchblättern: viele verschiedene Formen: Langes, klassisch gestrophtes neben Kurzem und einigen ins Auge stechenden Bildgedichten, spiralförmig gesetzt. Interessant!
Dann: anlesen, schnell festlesen. Der 1. Satz, den man gerne selbst geschrieben hätte:
„Was passiert, wenn ein Chamäleon in den Spiegel schaut?“ (aus: „noch ein paar Worte über Spiegel“
Es folgt: „Noch keine Postkarte“, ein Text, der letztlich wie ein klassischer Blues-Song funktioniert, mit entsprechender Form und bitterer Ironie.
–Überhaupt: Lieder & Texte steht vorn auf diesem wunderschönen Cover. Und: JA, viel Musikalisches hier, viel Rhythmus, lakonischer Witz und Pointen, einer der Übersetzer, Jón Thor Gíslason, ein ehemaliger Popmusiker.

Schnell weitere Sätze, die man gern selbst geschrieben hätte:
„Ich lehne alle Vergleiche ab. Alles ist das, was es ist.“ (aus: „Nichts wie nichts“)
und: (ich will ein T-Shirt, damit bedruckt)
„Ich mache mich verdammt noch mal nicht zum Laufburschen der Wirklichkeit“
(aus: „Nicht in der Arbeitsbeschreibung“)

So steht hier wunderbar Prosaisches („Die alte Bande“) neben Sentimentalem („Wiegenlied I“) neben Erotischem („Schweres Wasser“) neben Philosophischem und einigen herrlich maritimen „objets trouvé“.
Viele Stimmungen und Stimmen beherrscht dieser bisher in Deutschland unbekannte Ragnar Helgi Ólafsson . Witz hat er und Chuzpe. Cool ist er und klug. Ich mag ihn sehr!
Dank der kenntnisreichen, sicheren und äußerst flüssigen Übersetzung durch Gíslason und den umtriebigen Experten für die Literatur der kalten Insel, Wolfgang Schiffer, wird dieser Band zu einer überraschenden und höchst unterhaltsamen Entdeckung, wie wir schon einige aus dem kleinen, aber feinen niederrheinischen Verlag begrüßen durften.

 

 

 

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Rezension: Mein durstiges Wort gegen die flüchtige Liebe, Timo Brandt

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Auf fixpoetry bespricht Timo Brandt ausführlich die Anthologie Mein durstiges Wort gegen die flüchtige Liebe. Erschienen ist das schöne Ding vergangenes Jahr im Elif Verlag. Darin finden sich auch die zwei Gedichte Nocturne und Insomnia aus meiner Feder.
Mit Nocturne ist Timo zwar nicht vollends zufrieden, aber ich freue mich über sein generelles Gefallen.

Zur vollständigen Rezension geht es HIER lang.

Mein durstiges Wort gegen die flüchtige Liebe
Elif Verlag
2016 · 14,95 Euro
ISBN: 978-3-9817509-7-3

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Jan Wagners „Regentonnenvariationen“

Jan Wagner erhält also die höchste Auszeichnung des deutschen Literaturbetriebs- den Georg-Büchner-Preis.
Mit meinem herzlichen Glückwunsch, denn es freut mich, dass die Wahl mal wieder auf einen Lyriker gefallen ist, möchte ich die Gelegenheit nutzen, noch einmal meine Rezension zu seinem Band Regentonnenvariationen aus der Versenkung zu holen, die kurz nach seinem Erscheinen und noch vor der Verleihung des Preises der Leipziger Messe erschien. 

Seit Langem wagnerhat mich kein Band mit Gegenwartslyrik so beeindruckt wie Jan Wagners neue Regentonnenvariationen.

Wagner, 1971 in Hamburg geboren und seit 1995 in Berlin ansässig, studierte Anglistik und Amerikanistik in Hamburg und  Dublin (am Trinity College übrigens, wo schon Oscar Wilde studierte- das nur am Rande).
Ich verfolge Wagners Schreiben bereits seit seinem allerersten Band: Probebohrung im Himmel, der 2001 im Berlin Verlag erschien. Die Regentonnenvariationen zeigen meines Erachtens, wie weit sich der Autor seitdem vorgewagt und entwickelt hat und heben sich angenehm ab von vielem, was momentan an moderner Lyrik geboten wird.
Recht umfang- und abwechslungsreich, das Ganze. Kurze, mittlere und lange Texte wechseln sich ab, was inmitten der vielen kurzatmigen, hektischen Lyrik schon einmal positiv auffällt. Unterschiedliche Rhtythmen, unterschiedliche Strukturen und Tempi werden durchgespielt. UND DANN: die Themen.

Der Band imaginiert eine Art verkommenen Garten; ein brachliegendes Grundstück- vielleicht das der Großeltern oder eines in einer entlegenen Straße eines weniger hippen Viertels. Hier gibt es Unkraut und Unrat; Schrott und Ödnis. Viele der Gedichte greifen Vergangenes auf, merkwürdig von Melancholie angegraute Individualgeschichte, Familienmythologien- und ein anderer guter Teil davon sind Naturgedichte- die bekanntlich nicht unbedingt zu den Lieblingsgenres jüngerer, großstädtischer Dichter gehören.
Bei Jan Wagner findet man Gedichte über den Giersch, über Zäune, Vögel und Bäume- und das so klug und unaufgeregt, dass es eine große Freude ist, der leisen Kunst des Autors zu folgen, auch dort, wo er in einzelnen Texten, das gewählte Setting der Gedichte verlässt und sich anderen Sujets zuwendet.
Allzu oft empfinde ich das obligatorische Fach- und Fremdsprachenbombardement anderer Lyriker, ihre manchmal scheinbar zwanghafte Zersplitterung der Form und Syntax als anstrengend bis nervtötend- was nicht heißt, dass es sich bei Jan Wagners Gedichten um altmodische Texte handelt! Gedanklich und in ihrer Handlung sind sie hochmodern und Intelligenz und Horizont können meiner Meinung nach niemals altbacken sein! Immer wieder fällt auf, wie virtuos der Dichter mit den überlieferten Formen spielt, sie bricht und bereichert.
Einige Beispiele möchte ich anführen:

Nehmen wir einmal das Gedicht laken, hier verlassen wir das Regentonnengrundstück und wenden uns einem Innenraum (in doppelter Hinsicht zu). Es beginnt skurril:

großvater wurde einbalsamiert
in seines und hinausgetragen,
und ich entdeckte ihn ein jahr später,
als wir die betten frisch bezogen,
zur wespe verschrumpelt, winziger
pharao eines längst vergangenen sommers.

Natürlich ist der Großvater ordnungsgemäß bestattet worden- keine Sorge! Er wurde weder vergessen und zur Mumie- noch mutierte er zum Kerbtier! Legen wir als Verständnis-Messlatte einmal einen kindlichen Geist an: ein Jahr nach dem Tod des Opas beschließt ma, das Bett wieder zu nutzen- als Schlafmöglichkeit für Gäste oder ähnliches. Verschrumpelte und dehydrierte Insektenleichen in dunklen Ecken und Nischen kennen wir alle- um eine solche wird es sich hier ganz real handeln, allerdings vom eventuell beim Bett beziehen helfenden Kinde geistig mit (oft in Leinen/Leichentücher gehüllte) Mumien und Toten überblendet.
Weiter geht es:

so faltete man laken: die arme
weit ausgebreitet, daß man sich zu spiegeln
begann über die straffgespannte fläche
hinweg; der wäschefoxtrott dann, bis schritt
um schritt ein rechteck im nächstkleineren
verschwand, bis sich die nasen fast berührten.

Eine wunderbare Beschreibung des Faltvorgangs, für alle die, die nur noch zusammengeknüllte, weil unfaltbare Spannbettlaken im Schrank haben. Zum Spiegel wird hier nicht etwa das gestärkte Leinen an sich, das so straff und blank ist, dass es refelktiert- vielmehr muss man sich wohl das an zwei Enden gehaltene Tuch als Spiegelachse zwischen den zwei Beteiligten vorstellen, die spiegelbildlich exakt die gleichen Bewegungen vollführen- herrlich als wäschefoxtrott beschrieben.
Die 3. Strophe listet nun Dinge auf, die in den gefaltenen Laken im Schrank gefunden werden können, darunter:

ein leerer flakon mit einem spuk parfum, das wurde, wie ich mir habe sagen lassen, gern gemacht: die eigentlich leere 4711-Flasche, in der Hoffnung, noch die allerletzte Ausdünstung mitzunehmen, um die Wäsche zu parfümieren- ein Spuk: jeder kann es sich vorstellen, was gemeint ist: praktisch nicht wahrnehmbarer und dennoch zielsicher zu erschnüffelnder Restgeruch.
Weiterhin finden sich im Text dann Lavendelblüten zwischen den Laken, Wiesenblumen sowie ein Wurf Mottenkugel. Man würde sagen: eine Hand voll….ein paar….oder einige Mottenkugeln- der Wurf stammt aus dem Tierreich: ein Wurf Ferkel, Katzen oder Mäuse. Dennoch weiß man: es sind mehr als zwei oder drei, aber sicher kein Dutzend Kampferkugeln, die hier verstreut sind und sie liegen achtlos, verstreut dort -die Laken werden zum Nest, was wiederum ins Bild passt.

Nach der absurden Kindheitserinnerung in Strophe 1, dem Vorgang des Faltens in der Zweiten und der Möglichkeitsform des Was-sich-darin-finden-könnte in Strophe 3 geht Wagner nun in der letzten Strophe zum JETZT über:

fürs erste aber ruhten sie, stumm
und weiß in ihren schränken, ganze
stapel von ihnen, eingelegt in duft,
gemangelt, gebügelt, gestärkt,
und sorgfältig gepackt wie fallschirme
vor einem sprung aus ungeahnten höhen.

Wer eine dieser sehr peniblen Großmütter hatte, wird das Bild der akkurat, Kante auf Kante liegenden Stapel kennen und den Vergleich mit stramm gepackten Fallschirmen als gelungen erkennen. Mit äußerster Genauigkeit, als ginge es um das eigene Leben, wird hier ein Alltagsgegenstand verwahrt; wie für Sprünge aus ungeahnten Höhen– dem Fallenlassen aus dem anstrengenden Tagesgeschehen in die weichen Tiefen des Schlafs, des Kontrollverlustes? -Scheint mir stimmig. Und schön!

Ein gutes Beispiel für die Texte dieses Bandes. Thematisch profan, sicher! Sprachlich nicht allzu experimentell, ja!- Kein Metaphernfeuerwerk, keine außergewöhnlichen Wendungen, die einem erst mit dem Fach- oder Fremdwörterlexikon verständlich werden. -Aber: in den herausgehobenen Stellen fällt auf, welches Stilmittel Wagner mit eindrucksvoller Perfektion und Einfallsreichtum beherrscht: das BILD! Der Pharao, Wurf Mottelkugeln, der Spuk Parfum, der Fallschirm….das alles sind sehr mächtige Bilder.

Aber wenden wir uns noch einem zweiten Text zu- einem von mehreren Tiergedichten in dem Band. Welcher jüngere Lyriker aus Berlin schreibt sonst noch welche?, möchte ich kurz zu bedenken geben!

Zwei Vierzeiler, zwei Dreizeiler. Wa rufen wir da alle ganz laut?- Genau!
Wagner benutzt hier die klassische Form des Sonettes, aber in seiner ganz eigenen Weise: die Silben über die Zeilen- und Strophenenden hinweggezogen, ohne es als zwanghaft modernen Bruch des Leseflusses zu benutzen, vielmehr: spielerisch.

 eule

still wie eine urne- bis die rufe
hoch über den köpfen
uns stocken lassen, sonderbar, als rufe
etwas durch sie hindurch; im braunen oder kupfern-

en federkleid zwischen den zweigen sitzend,
mit einem weißen schleier, zart wie mehltau
und brüsseler spitze,
verstreut sie die grazilen amulette

ihrer gewölle,….

Da sind sie wieder: die Bilder! Die Eule als stille Urne, das Gefieder wie Mehltau oder Spitze. Und wer je ein Gewölle in der Hand hatte, weiß wie treffend das Bild des Amulettes ist! Grazile Gebilde sind das, wahrlich!
Im Weiteren wird die Eule im Geäst des Baumes zum:

schlußstein in dem großen laubgewölbe;    –und Jeder kann sich vorstellen, wo genau sie sitzt.
ein gelber spalt und noch ein gelber spalt,
zwei augen hinter den tapetentüren
aus borke, dann der wald. der wald. der wald.

Das Sonett verlangt ja im letzten Vers sozusagen eine Quintessenz des gesamten Textes: was könnte da besser taugen als das dreifache der wald, das sich noch dazu so wunderbar harmonisch auf  spalt reimt, wie Wagner hier sowieso sehr gekonnt mit dem verpönten Stilmittel Reim und Binnenreim spielt: köpfen/kupfern, sitzend/Spitzen, Gewölle/..gewölbe, ..türen/..spüren.

Neben diesem Eulen-Gedicht gibt es noch eines über einen erlegten Elch, dessen Geweihschaufeln sich um die Luft legen:
wie hände eines champions am pokal.
Vielleicht kann ja der ein oder andere meiner Begeisterung folgen und die entspannte und nicht auf schnellen Effekt abzielende Kunst des Autoren ähnlich stark genießen.
Mein Fazit über diesen Band ist jedenfalls: Wenn mich in näherer Zukunft -wie es ab und an mal vorkommt- fragt, welche zeitgenössichen deutschen Dichter man lesen sollte, dann weiß ich, wen ich nenne! 

Noch einmal zum Verfasser:

Jan Wagner ist außerdem als Übersetzer und Literaturkritiker tätig. Er verfasst Rezensionen für die Frankfurter Rundschau und andere Zeitungen, Literaturzeitschriften sowie für den Rundfunk.

Als Herausgeber publizierte er gemeinsam mit Björn Kuhligk 2003 im DuMont Verlag die Antholgie Lyrik von Jetzt. 74 Stimmen, eine umfassende Sammlung junger und jüngster deutschsprachiger Lyrik, zu der Gerhard Falkner das Vorwort verfaßte. Ein Nachfolgeband erschien unter dem Titel Lyrik von Jetzt zwei. 50 Stimmen 2008 im Berlin Verlag.Seine Gedichte wurden in mehrere Sprachen übersetzt.
Regentonnenvariationen
erschien 2014 bei Hanser und hat 100 Seiten.

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Rezension „Landschaft mit großem H“ auf: dasgedichtblog.de

landschaft mit großem h

Heute erschien auf: dasgedichtblog.de Hellmuth Opitz` Rezension meiner „Heimatgedichte“ im Bändchen „Landschaft mit großem H“. Ich freue mich sehr!
Der Rezensent meint:

„Wenn einen schon keine ausgeprägte Mundart heimatlich bettet, muss man die Augen scharf stellen, um Aussagen über das innere und äußere Zuhause machen zu können. Das gelingt Matthias Engels in seinem kleinen quadratischen Gedichtbändchen »Landschaft mit großem h« sehr überzeugend. Da geht es nicht um geografische Verortung, sondern um präzise Vermessung der inneren Koordinaten, zum Beispiel an einem x-beliebigen Morgen. Die ersten drei Strophen des Gedicht »Morgen, tarnfarben« beschwören den Wunsch des Verschwindens im Niemandsland zwischen drinnen und draußen, zwischen Innenwelt und Außenwelt: »heute keine milch und im kasten / nur schwarze post und möglichkeiten / sich abzusetzen wären gegeben gewesen // der park sagte tarnfarben morgen / ungarnte dich mit tau doch / du wurdest heimgekehrt // und nun das giftige blinken der feststation / und weitere anrufe in anwesenheit / obwohl du dich an unsichtbarkeit versuchst«.
Aber so gern das lyrische Ich auch abtauchen möchte, die Außenwelt hat sich in Form elektronischer Medien längst eingeschlichen und wartet auf Beachtung und Reaktion. Heimat wird hier nur im Mangel deutlich, im Vermissen eines Rückzugsortes, an dem man sich ohne Verpflichtungen und Verbindlichkeiten eine Tarnkappe aufsetzen und so unsichtbar werden kann. Schön, wie Matthias Engels hier der Schwarz-Weiß-Optik der Zivilisation in der ersten Strophe die Tarnfarben der Natur in der zweiten Strophe dialektisch entgegensetzt. Wenn man in einem Landstrich zuhause ist, der sich dem Betrachter nicht mit Sehenswürdigkeiten an den Hals wirft, wie zeichnet man dann ein aussagekräftiges poetisches Profil? Matthias Engels gelingt es im »heimatgedicht« mit einem scheinbaren Paradoxon: der Präzision des Ungefähren: »an den rändern franste das plane / aus ins krause, ins dickicht, / ins drohen der diaspora«. Auch so poetisch kann man Provinz auf den Punkt bringen.“

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Noch mehr interessante Titel zum Thema bespricht Hellmuth Opitz im Originalartikel: http://www.dasgedichtblog.de/heimatleuchten/2017/04/03/

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„Die heiklen Passagen…“ Rezension von Sophie Weigand

 

weigand

 

Im Mai rezensierte Sophie Weigand meinen Roman: Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun auf ihrem Blog: literatourismus.net.  Wie ihr schon mitbekommen haben werdet, ist mein Buch Kandidat für die hotlist 2016. Aus diesem Grunde möchte ich die Besprechung hier noch einmal in ihrer Gänze bringen- für diejenigen, die vielleicht noch unschlüssig sind, ob sie mir im hotlist Wahllokal ihre Stimme geben möchten- oder auch einfach so.

hotlistcover passagen

Sowohl Oscar Wilde, Dandy und Ästhet, als auch Knut Hamsun, unbekannter Norweger, besteigen um 1881/1882 ein Passagierschiff nach Amerika. Während Wilde als Vortragsreisender die Herzen der modernen Städter im Sturm erobert, verläuft Hamsuns Suche nach einer Arbeit nicht eben erfolgreich. Niemand kennt ihn, niemand hat auf ihn gewartet. Matthias Engels‘ collageartiger Roman um zwei Schwergewichte der Literatur versteht charmant zu unterhalten.

Manch einem Buch gelingt es schon auf den ersten Seiten, Stimmung zu kreieren als rollte ein Kulissenarbeiter im Hintergrund mal eben die richtige Atmosphäre ins Blickfeld. Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde und Hamsun ist so ein Buch. Mittels detailgenauer Beschreibungen und einem etwas barocken Erzählstil katapultiert Matthias Engels seine Leser nicht nur ins ausgehende 19. Jahrhundert, sondern jeweils an die Seite zweier Herren, von denen wir heutzutage alle gehört haben. Einer, Oscar Wilde, seines extravaganten Auftretens wegen in der Heimat bereits hinlänglich bekannt, wird auf amerikanischem Boden sofort von Reportern überrannt. Seine Vorträge über Ästhetik und Kunst sind ein Publikumserfolg, jedenfalls in den großen Städten. Im ländlicheren und kleinstädtischen Amerika verfängt seine Exaltiertheit nicht. Dort wird auch ein Oscar Wilde mit voller Haarpracht und einem Pelzmantel noch skeptisch beäugt. Doch darüber hinaus ziert sein Gesicht beinahe jede größere Tageszeitung.

Jeder kannte sein merkwürdig verzerrtes Spiegelbild und hielt es für echt und er selbst musste zugeben, dass es ihm außerordentlich gut gefiel und er es gern zur Marke trug. Nur die Oberfläche war schließlich interessant und alle Kunst Oberfläche. Wer darunter schaute, tat das auf eigene Gefahr.

Ganz anders: Knut Hamsun, der, zu diesem Zeitpunkt noch ohne Pseudonym und Nobelpreis, einfach als Knud Pedersen amerikanischen Boden betritt. Er kommt nicht mit einer Dienerschaft und großen Aufträgen, auf Knud aus Norwegen hat niemand gewartet. Eigentlich will er mit Journalisten sprechen, sich einen Namen machen, wenigstens einen Job finden. Sein Bruder hatte ihm Amerika in den schillerndsten Farben geschildert. Als Knud ihn nun besucht, findet er einen enttäuschten Säufer vor, auf den niemand sich mehr verlassen will. Der norwegische Gast mit Schriftstellerambitionen pendelt von einem Gelegenheitsjob zum nächsten und kommt seinem Traum keinen Millimeter näher. Eine niederschmetternde ärztliche Diagnose zwingt ihn zunächst zur Rückkehr nach Norwegen. Er ist, jedenfalls zu diesem Zeitpunkt, Wildes Gegenentwurf; ein Antiheld, dem man wegen seines fortgesetzten Misserfolgs nur umso mehr Erfolg wünscht.

Ein Grund, weshalb Engels‘ Roman eine so rasante Sogwirkung entfaltet, sind u.a. die kleinen Exkursionen, die er in die logbuchartigen Aufzeichnungen der Reisen Wildes und Hamsuns einstreut. Dabei geht es um Thomas Edison und die Erfindung der Glühlampe sowie dessen Mitarbeit an einem stabilen Stromnetz, das viel zu dem Gefühl beitrug, New York schliefe niemals. Es geht um P.T. Barnum, einen Zirkuspionier und stadtbekannten Märchenerzähler mit einem Hang zum Kuriosen und Gigantischen – so ließ er 1882 den riesigen Elefantenbullen Jumbo aus dem Londoner Zoo nach New York verschiffen. Am Rande zur Kenntnis gebracht werden den LeserInnen auch die Verhandlungen über den Greenwich-Nullmeridian (äußerst zäh) und die Abhandlungen des irischen Chirologen „Cheiro“ (eigentlich: William John Warner), der Oscar Wilde nach der Sichtung seiner Hände ein böses Schicksal voraussagte (äußerst dubios). Manches hat Engels erfunden, anderes dehnt und formt er zu seinen Gunsten. Am Ende entsteht ein Panorama, das ein weit umfassenderes Bild abgibt als nur biographische Eckdaten Wildes und Hamsuns.

Amerika war das lauteste Land, das je existiert hat. Man wachte morgens nicht vom Gesang der Nachtigall auf, sondern von der Dampfpfeife.

Engels ist dort wirklich überzeugend, wo die Collagetechnik aus Zitaten, Zeitungsartikeln und mehr oder minder verbürgten Anekdoten nicht allzu augenfällig ist. Dort, wo ein Dialog mit Oscar Wilde nicht klingt wie eine lose Aneinanderreihung seiner Aphorismen. Meistens glückt das Wagnis, manchmal wirkt Wilde hölzern und leblos. Als wollte mir jemand einen Charakter erklären, statt ihn zu zeigen. Bisweilen ist der Roman Qualitätsschwankungen unterworfen, die zu ärgerlichen Fehlern führen. Dort liest er sich plötzlich stockend als sei Sand ins Erzählgetriebe geraten: „Er hatte trotzdem feine Gesichtszüge und ein ziemlich intelligentes Gesicht.“ Ein Satz, den man besser redigiert hätte. Sätze wie „Danach verspürte sie den heftigen Wunsch, den Autoren (sic!) kennenzulernen„, „Sie ging zum Hotel, nachdem sie anlegt hatten“ oder „ein gewisser Odeur“ schmälern auf halber Strecke das Vergnügen. Allerdings sind solche Schnitzer eher dem Lektorat anzulasten als Matthias Engels selbst. Sieht man davon ab, ist Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun ein vergnüglicher und stimmungsvoller Roman, der seine Hauptakteure bis an ihr Ende begleitet. Oscar Wilde landet bekanntlich wegen Unzucht einige Jahre in Haft und stirbt 46-jährig vereinsamt in Paris. Knut Hamsun erreicht ein hohes Alter, wird 1920 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet und unterstützt die nationalsozialistische Politik. Von Goebbels, der Hamsun sehr schätzte, wurde diesem gar eine Audienz auf dem Obersalzberg gewährt. Beide, Wilde wie Hamsun, bleiben streitbare Gestalten; Menschen mit Ecken und Kanten, die ihnen im verklärenden Licht der Rückschau gelegentlich glattgeschliffen werden. Matthias Engels ist ein unterhaltsamer und lebendiger Roman geglückt, der Lust macht auf Wilde und Hamsun.

Matthias Engels: Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun
Stories & Friends,
448 Seiten
19,90 €

Soweit Sophie Weigands ausführliche Rezension meiner „Passagen“ auf ihrem Literaturen- Blog.  HIER geht es zum Original. Noch einmal vielen lieben Dank dafür!

 

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