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Fabian Lenthe: In den Pfützen der Stadt… Rezension

Lenthe-Himmel

In den Pfützen der Stadt wächst ein Stück Himmel– so heißt der Debütband des 1985 in Nürnberg geborenen Fabian Lenthe. Exakt 100 Gedichte fasst der Band, kürzlich in Rodneys Underground Press erschienen.

Es wird eine Menge getrunken in diesen Gedichten, eine Menge geraucht (oder ist das nur der Eindruck?), das lange vor Monatsende aufgebrauchte Geld, die miesen Jobs und die Tristesse der Ein-Zimmer-Wohnung dominieren thematisch. Prosaisch das Ganze, lakonisch, schnodderig. Misanthropie, Lethargie- ah, ein neuer teutonischer Bukowski, denkt der Leser dieser Zeilen. Naja, natürlich ist der Ton ein Ähnlicher, aber wie so oft hinkt der Vergleich lieber, als dass er tänzelt. Prekäre Verhältnisse, ja. Sehr viel Hässlichkeit, Weltekel, ja. Wenig lyrisches Klingen, wenig empfindsam besungene Schönheit hier, natürlich.

Die jungen oder weniger jungen Männer des US-Underground, an deren Ton sich diese –nennen wir es: Schule- orientiert, waren in der einen oder anderen Weise: Kriegsheimkehrer, Versehrte, Augenzeugen von Weltkrieg II oder Vietnam (Buk selbst war ausgemustert) oder zumindest vom unheilschwangeren Klima des Kalten Krieges geprägt.
Die mehr oder weniger jungen Männer in den Gedichten, die heute noch und wieder als deren Echo daherkommen, der junge Mann in Fabian Lenthes Gedichten, sind friedensverwöhnt und haben in der Regel wohl nur wenig Blut gesehen, höchstens das von Mutters Sonntagsbraten. Ihre Fronten aber haben sie auch: spätkapitalistisches Ennui, soziale Kälte, veränderte Arbeitsverhältnisse. Die Angst vor dem Ivan ist wohl ersetzt durch die Angst vor IS-Terror und der Weltekel war nie zeitlich oder politisch gebunden. Dass das also eine Haltung und damit Tonfälle sich ähneln- gar nicht so verwunderlich. Jede Zeit kann ihren Genossen Hölle sein und sie zwingen, eine Zeit darin zu verbringen. Rimbaud mit seiner Saison en enfer kommt als Säulenheiliger nicht aus der Mode.

Ich mag einige Gedanken in Fabian Lenthes Texten sehr: bei all diesem puren Aushalten, dieser eigentlichen Unerträglichkeit der Tage gibt es den roten Faden der Poesie. Das Gedicht –es muss nicht lang oder kurz, nicht einmal gelungen oder großartig sein- fungiert hier mitunter als alternative Währung, mit der auch der pardon beschissenste Tag eventuell noch etwas zurückzahlt.

Und dann fasziniert mich, wie häufig und scheinbar folgerichtig sich in ähnlichen Texten wie auch in Lenthes der Underground-Ton und der Tonfall der Neuen Subjektivität eines Nicolas Born oder Jürgen Theobaldy berühren. Da sind einige Gedichte in diesem Band, die über die Tristesse hinaus eine Vermutung, eine Möglichkeit von Schönheit andeuten und es sind nicht die schlechteren Momente des Kollegen Lenthe- beileibe nicht!
Dieses wunderbare Ampelgedicht, der Text mit geteilten Fritten und Coke, einige weitere…hier passt jedes Wort und die zaghafte Zweisamkeit erhellt kurz all das Grau, überlagert den ganzen Müll und Beton zumindest als ein Versprechen. Ohne Loser-Pose gehen hier plötzlich Lakonie, Naivität, (Selbst-)Ironie und Schnoddrigkeit ein Stück lang Hand in Hand, auf beinahe ebenso schöne Weise wie in Nicolas Borns Gedicht: Eine Liebe.

Und da lohnt sich dann diese Haltung, die beinahe bemüht erscheint, alles allzu Schöne und Luftige zu übersehen, dieser Blick, der sich nicht zum Himmel und den Sternen richtet, sondern abwärts: zu Dreck und Müll und Asphalt. Derart eingestellt leuchtet dann ein zwischen Abfällen verlorener kleiner Schatz umso mehr.
So wächst in diesen dreckigen Pfützen der Stadt (also ist auch das Wetter pardon Scheiße) immerhin ein Stück Himmel und im letzten Satz des Bandes (tatsächlich eine Art Rimbaud- Zitat, den wir oben schon ins Spiel brachten) ist der Tag in der Hölle immerhin: ein schöner!

Er kann eine Menge, dieser Fabian Lenthe. Sein Blick ist frisch und genau, er braucht wenige Worte, um Stimmung zu erzeugen und er verfügt über die Grundzutat für wirklich gelungene Texte: Humor. Ein alles in Allem vielversprechendes Debüt!

 

In den Pfützen der Stadt wächst ein Stück Himmel – Gedichte
Rodneys Underground Press
Softcover / 116 Seiten / 8,95 EUR

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Lütfiye Güzel -Nix Meer- Rezension

güzel

Lütfiye Güzel, von der Kritik gerne als Vorzeige-Poetin aus der Problemkultur und dem Problem-Bezirk Duisburg-Marxloh als Beispiel für gelungene Integration und Bildungspolitik ins Feld gefügt, legt mit Nix Meer einen neuen Band vor.
Ausgesprochen gelb ist er- Capri-gelb: Capri, das Sommerferien-Gedächtnis-Eis, das Eis der Kindheit.

Oder ist er eher UHU-Gelb, klebrig, leidig mit Erinnerungen an misslungene Bastelstunden belegt –wenn man damit zu arbeiten versuchte, waren bald sämtliche Fingerkuppen mit einer Schicht überzogen, die man nur mit langem, langem Rubbeln allmählich wieder abbekam. Gelang es einem, langsam langsam ein großes Stück auf einmal zu lösen, zeigte es manchmal den eigenen Fingerabdruck im Negativ.

Aber noch schnell zum Titel: Nix Meer, kein Idyll, wie gesagt, kein Sehnsuchtsort- oder doch? Das Meer, die See als Spiegel der Seele- oft benutzt, oft gelesen. Aber hier: Nix da! Nix Meer! Da war mal was- jetzt ist das nix mehr? Dazu passten die monochromen, unscharfen, ferienidyll- untauglichen Fotos müde schwappender See, die dem Text vorangestellt sind.

Als literarische Form steht hie weder Lyrik, noch Gedichte- sondern: Episode. Es ist ein Langgedicht, eigentlich, aber ist nicht jeder Text eine neue Folge aus dem Leben des Autors oder zumindest seinem Schreibleben.

Aber es ist nicht nur der Band schön gelb und der Titel bedenkenswert, sondern auch der Text außerordentlich lesenswert. Nach den auffällig unbevölkerten Seebildern kommen 65 Seiten, die es in sich haben.

Ja, wie soll man diese Art Literatur nennen: urban-social-off-beat-slam-underground?– Völlig latte. Lütfiye Güzel scheint zu schreiben, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Prosaisch, auf den ersten Blick wenig lyrisch, mal lange, mal kurze Sätze. Aber Sonettenkränze durfte man hier wohl auch nicht erwarten.
Schon Goethe sagte: „die Literatur kommender Jahrhunderte wird eine bekenntnishafte sein“ und in Güzels Text ist das lyrische Ich wohl tatsächlich recht nah an der Autorin, sind die Wirrnisse, die sie schildert wohl wirklich die Ihren und nur unwesentlich literarisiert. Man könnte diesen Band als das Porträt einer Depression bezeichnen, aber auch ein Diagramm der Auflehnung dagegen. Immerhin ist einer der Pole, zwischen denen das Ich pendelt, die Praxis des Therapeuten, in der sie sich dann aber doch fragt, warum sie ganz offensichtlich auf der falschen Seite des Tisches sitzt.
Neben ihrem unverwechselbaren Sound zwischen Lakonie, Pathos und Witz ist es eben diese unglaubliche Ehrlichkeit, die aus den Zeilen und Absätzen dieses Langgedichtes spricht und die bei Lütfiye Güzel nie zur Pose gerät.

Das Ich dieses Textes schwankt bei der Wahl ihres Sehnsuchtsortes zwischen Meer und Couch. Der DVD-Player scheint attraktiver, Selbstgespräche und fiktive Dialoge mit Johnny Depp und anderen gehen als Kommunikation gerade noch so. Ansonsten geht das Ich durch die mit Menschen bevölkerten Straßen wie eine Feldforscherin in entlegenen Gebieten, fremd und be-fremdet.

Es geht auch ums Schreiben in Nix Meer, um das Zu-Wort-Kommen und das eben nicht- das Schweigen, das Verstummen. Schlagen wir doch einmal bei Lord Chandos und in seinem nach ihm benannten Brief nach, dem wichtigsten literarischen Dokument der kulturellen Krise um die Jahrhundertwende 1900. „… ein unerklärliches Unbehagen, die Worte ‚Geist‘, ‚Seele‘ oder ‚Körper‘ nur auszusprechen, [denn] die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches Urteil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze“
Denn bei allem Drive, bei aller Lakonie, die Güzel stilistisch zur Schau stellt, wird hier auch sehr genau über den Zusammenhang zwischen dem Gehalt und der Gestalt des Wortes an sich nachgedacht. Bei Lütfiye Güzel lautet die Frage: Ist denn VERZWEIFLUNG nur ein Gebilde mit 12 Buchstaben waagerecht oder eben mehr? Eine Ansammlung von Zeichen, aber bilden sie ab, was sie bedeuten? Wenn nicht- wie und warum dann Gedichte schreiben, warum Literatur? Hier liegt ebenso ein Wortekel und ein daraus folgendes Verstummen in der Luft, die Einsicht, Nix Me(e)(h)r schreiben zu können- zu müssen. Chandos reloaded? Die aufstrebende Moderne und das Fin de Siècle- parallel geführt zu unserem Netz und Netflix-Zeitalter?

Und, ach, es ist ja das Gedicht –gerade das moderne- so sehr ein Konstrukt ohne konkreten Nutzwert. Die Geschichten überbringen die Erzähler, für Unterhaltung sorgen die Slammer und den Witz steuern die Comedians bei- aber was bringt das Gedicht so oft: Verwirrung, Unzugänglichkeit, sperrige Konsumierbarkeit. Es hinterlässt keine wohlige Mattigkeit, es bringt Unruhe, fordert, verlangt- nicht gerade das, was der durchschnittliche Mensch sich freiwillig regelmäßig antut.

So ist das Gedicht per se subversiver Akt und immer: Kommunikationsmittel
Auch in Lütfiye Güzels Text kommt dem lyrischen Ich diese Erkenntnis: über diese kleinen gemeinen Bandbomben in heimischen Wohnzimmern gelangt man mitunter zu der, wenn auch stillen, Verständigung mit Menschen, die man im Normalfall eher mit dem Blick des Anthropologen betrachtet.

Nix Meer ist eine lohnende, typische Güzel-Lektüre. Weitestgehend prosaisch und klar, aber unterlegt mit einer großen Melancholie und poetischen Einsprengseln, die sich beim Leser einschleichen und festsetzen.
Klug, authentisch und berührend- bleibt nur zu sagen: Go! Güzel!

Lütfiye Güzel
Nix Meer
Go-güzel-publishing
65 Seiten, 12€

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Rezension: Mein durstiges Wort gegen die flüchtige Liebe, Timo Brandt

mein-durstiges-wort

Auf fixpoetry bespricht Timo Brandt ausführlich die Anthologie Mein durstiges Wort gegen die flüchtige Liebe. Erschienen ist das schöne Ding vergangenes Jahr im Elif Verlag. Darin finden sich auch die zwei Gedichte Nocturne und Insomnia aus meiner Feder.
Mit Nocturne ist Timo zwar nicht vollends zufrieden, aber ich freue mich über sein generelles Gefallen.

Zur vollständigen Rezension geht es HIER lang.

Mein durstiges Wort gegen die flüchtige Liebe
Elif Verlag
2016 · 14,95 Euro
ISBN: 978-3-9817509-7-3

nocturne

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Rezension „Landschaft mit großem H“ auf: dasgedichtblog.de

landschaft mit großem h

Heute erschien auf: dasgedichtblog.de Hellmuth Opitz` Rezension meiner „Heimatgedichte“ im Bändchen „Landschaft mit großem H“. Ich freue mich sehr!
Der Rezensent meint:

„Wenn einen schon keine ausgeprägte Mundart heimatlich bettet, muss man die Augen scharf stellen, um Aussagen über das innere und äußere Zuhause machen zu können. Das gelingt Matthias Engels in seinem kleinen quadratischen Gedichtbändchen »Landschaft mit großem h« sehr überzeugend. Da geht es nicht um geografische Verortung, sondern um präzise Vermessung der inneren Koordinaten, zum Beispiel an einem x-beliebigen Morgen. Die ersten drei Strophen des Gedicht »Morgen, tarnfarben« beschwören den Wunsch des Verschwindens im Niemandsland zwischen drinnen und draußen, zwischen Innenwelt und Außenwelt: »heute keine milch und im kasten / nur schwarze post und möglichkeiten / sich abzusetzen wären gegeben gewesen // der park sagte tarnfarben morgen / ungarnte dich mit tau doch / du wurdest heimgekehrt // und nun das giftige blinken der feststation / und weitere anrufe in anwesenheit / obwohl du dich an unsichtbarkeit versuchst«.
Aber so gern das lyrische Ich auch abtauchen möchte, die Außenwelt hat sich in Form elektronischer Medien längst eingeschlichen und wartet auf Beachtung und Reaktion. Heimat wird hier nur im Mangel deutlich, im Vermissen eines Rückzugsortes, an dem man sich ohne Verpflichtungen und Verbindlichkeiten eine Tarnkappe aufsetzen und so unsichtbar werden kann. Schön, wie Matthias Engels hier der Schwarz-Weiß-Optik der Zivilisation in der ersten Strophe die Tarnfarben der Natur in der zweiten Strophe dialektisch entgegensetzt. Wenn man in einem Landstrich zuhause ist, der sich dem Betrachter nicht mit Sehenswürdigkeiten an den Hals wirft, wie zeichnet man dann ein aussagekräftiges poetisches Profil? Matthias Engels gelingt es im »heimatgedicht« mit einem scheinbaren Paradoxon: der Präzision des Ungefähren: »an den rändern franste das plane / aus ins krause, ins dickicht, / ins drohen der diaspora«. Auch so poetisch kann man Provinz auf den Punkt bringen.“

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Noch mehr interessante Titel zum Thema bespricht Hellmuth Opitz im Originalartikel: http://www.dasgedichtblog.de/heimatleuchten/2017/04/03/

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Seethaler vs Johnson

 

Momentan feiert der österreichische Autor Robert Seethaler eine Zeit der großen Erfolge, die einen der seltenen Fälle darstellt, in denen Feuilleton und Leser sich einig sind. Seethaler vereint Intellekt, handwerkliches Können und Witz mit großer Lesbarkeit. Vor wenigen Wochen erschien sein letzter Roman Ein ganzes Leben als Taschenbuch und wiederum erntet er verdienterweise Applaus und Erfolg. Ich betone: ich schätze Herrn Seethaler und seine Bücher sehr.
Und ich auch will gar nicht so tun, als habe ich es entdeckt. Andere wiesen bereits ausführlich darauf hin, so zum Beispiel der Spiegel schon zum Erscheinen der gebundenen Ausgabe von Ein ganzes Leben im Jahre 2014:
Der Roman erinnert doch sehr stark an einen anderen: den 2002 erschienenen Titel: Train dreams des Amerikaners Denis Johnson, der in den USA einen gewissen Kultstatus genießt, hier aber nahezu unbekannt ist.

Der Ähnlichkeiten sind viele: beide Bücher sind wenig mehr als 100 Seiten stark, spielen in kargen, ländlichen Regionen: bei Seethaler den Alpen- bei Johnson in den Wäldern. Die Natur und ihre Gewalten sind bei beiden von Bedeutung. Weiterhin fixieren sich beide Romane sehr auf ihre etwas knöchernen Hauptfiguren; Männer, die -wortkarg und pragmatisch- harte Arbeit und Einsamkeit gewohnt sind. Beide Bücher schildern komplette Lebensspannen in einem annähernd gleichen Zeitraum, der grob die ersten zwei Drittel des 20. Jahrhunderts abdecken.

Seethalers Andreas Egger verliert seine Frau durch eine Lawine, Johnsons Robert Grainier die seine durch eine Feuersbrunst. Ab diesen beiden Verlusten verstärkt sich ihr Einsiedlertum noch mehr.  Beiden begegnen später ihre verstorbenen Frauen als Geister. Beide erleben den Einzug der Technik- hier die Seilbahn, dort die Eisenbahn.
Doch die Parallelen gehen weiter: beide erleben kurz vor ihrem Tod noch einmal einen kurzen Impuls, doch noch am Leben teilzunehmen und stellen fest, dass es zu spät ist. Beide sterben einsam und werden erst spät gefunden.

Aber mit diesen grundsätzlichen Überschneidungen ist noch nicht Schluss: die Ähnlichkeiten gehen bis in die Komposition und die Stimmung hinein. Beide Bücher fühlen sich einfach gleich an. Viele Szenen sind nahezu eins zu eins in dem einen wie dem anderen Text zu finden, variiert, verändert, aber im Kern gleich. Gleich zu Beginn transportiert Egger in Ein ganzes Leben einen schwerkranken Schrat aus den Bergen, um ihn zu retten- Grainier tut das Gleiche mit einem vom eigenen Hund angeschossenen Bekannten. Die Szenen gleichen sich fast auf`s Haar und ist hier nur ein Beispiel.

Sicher, kann man sagen, auch der Unterschiede sind viele: Egger hat viel mehr familiären Background mitgegeben bekommen als Grainier. Dieser hatte eine Tochter, während Eggers ungeborenes Kind mit der Mutter stirbt. Egger hat Weltkriegserfahrung machen müssen- Grainier nicht usw.. Weiterhin hat Johnson seinem Buch eine dünne Schicht indianischer Mythologie aufgelegt, deren Entsprechung in Seethalers Buch bis auf die Geistererscheinung gänzlich fehlt, Überhaupt scheint Ein ganzes Leben noch karger, noch reduzierter und sachlicher im Stil. Aber der Eindruck großer -vielleicht verdächtig großer (?)- Nähe bleibt.

Ich bin sicher, dass es nicht so weit geht, dass eine Plagiats-Software, wie sie im Moment groß in Mode sind, wortwörtlich übernommene Formulierungen finden würde.  Der Spiegel wollte es genau wissen und rief Robert Seethaler diesbezüglich an. Der Autor fiel wohl selbst glaubhaft aus diversen Wolken und gab zu, Train Dreams seinerzeit begeistert gelesen zu haben. Allerdings habe er beim Schreiben des eigenen Buches keine Sekunde lang daran gedacht.
Hmm, es wird ihm allgemein geglaubt. Mir fällt es etwas schwer, da selbst Komposition und Stimmung der Bücher sich sooo sehr gleichen. Es gibt Fälle, sogar sehr oft, in denen Literatur andere Literatur provoziert. Wo ein Buch ein anderes als Echo findet. Aber meist sucht sich die Eigenheit des zweiten Autors dann doch so viel Raum, dass es vielleicht Parallelen gibt, aber nicht eine derart große Ähnlichkeit. Und: ich bin aus eigener Erfahrung skeptisch, dass einem das Vorbild für das eigene Buch im Moment des Schreibens so wenig präsent sein kann.

Nun denn, die weitaus interessantere Frage ist für mich: Wie soll man so etwas bewerten?
Da kam es mir zugute, dass ich beide Bücher in meinen Lesekreisen mit insgesamt etwa 30 begeisterten und beschlagenen Lesern und Leserinnen begutachten konnte. Die Wahrnehmung ist spannenderweise sehr sehr unterschiedlich.
Während eine Gruppe das Gefühl hat, Seethaler habe aus einer etwas krausen und wirren Vorlage etwas wirklich Großartiges gemacht; habe sozusagen Dreck in Gold verwandelt, empfindet es eine andere Fraktion als dreistes Plagiat. Betont wird hier, dass -wie ich kürzlich selbst in meinen Notizen zur Literatur behauptete- die Idee doch einen wesentlichen Teil der literarischen Leistung ausmache und es Seethaler hier doch sehr viel einfacher gehabt habe, denn das Grundkonstrukt seines Buches sei ja bereits bei Johnsons angelegt gewesen.
Hätte er darauf hinweisen müssen? Das Buch vielleicht als „Variation“ bezeichnen sollen?, war meine Nachfrage. Damit hätten die meisten der kritischen Teilnehmerinnen besser leben können, die letztlich nicht bestreiten, dass es sich bei Ein ganzes Leben um einen guten Roman handelt.

Meines Erachtens ist an beiden Meinungen etwas dran. Seethaler schneidet tatsächlich einiges weg, was nicht unbedingt nötig ist, reduziert, schärft seinen Text im Vergleich zum etwas verspielteren Johnson. Das ist sicherlich eine Leistung, eine Komprimierung- wenn dabei auch eine Schicht, eine Komponente verloren geht. Aber das Bearbeiten eines fremden Stoffes über die Erfindung eines eigenen zu stellen ist sicherlich fragwürdig.

Erschreckend finde ich, dass dem Leser, der das Buch Seethalers gerade liest und feiert, dieser Vergleich in den allermeisten Fällen gar nicht möglich ist, da weder Autor noch Verlag auf die Faktenlage hinweisen. Der Artikel des Spiegels sowie die daran anschließende kurze Diskussion wird den wenigsten bewusst geworden sein.

Plagiat oder nicht? -Eine Frage, die nicht abschließend zu klären sein wird. Zwei mal Lesegenuß, unbestritten- aber in einem Fall mit ein paar Fragezeichen.

strich3PS: Da in den Kommentaren der Wunsch nach weiteren konkreten Beispielen geäußert wurde, möchte ich noch etwas hinzufügen.

Allein die Entscheidung, einen sehr zentralen Protagonisten ohne nennenswerte Nebenfiguren über seine ganzes Leben zu begleiten und dies in einem sehr knappen Umfang von nur ca.100 Seiten, ist eine sehr gewichtige, denn sie gibt in gewisser Weise eine Form vor.
Beide Hauptfiguren leben ca. 80 Jahre- d.h. mir bleiben grob 10 bis 12 Seiten pro Lebensjahrzehnt. So funktionieren beide Romane. Mal verfliegen Jahre auf wenigen Seiten, auf einige prägnante Ereignisse wird mehr Zeit verwendet. Da beide Autoren überdies eine recht streng chronologische Erzählweise gewählt haben (es ginge ja durchaus auch anders) ereignen sich bestimmte Episoden -etwa das Verlieben, die Heirat etc.- ebenfalls zu recht parallelen Zeitpunkten im jeweiligen Buch. Beide nutzen zudem einzelne, dezente Rückblenden, um eine gedankliche oder menschliche Entwicklung der Protagonisten zu zeigen.

Nun möchte ich einiges zitieren, was der Spiegel in seinem sehr ausführlichen Artikel dankenswerterweise bereits zusammengetragen hat:

Der Beginn von Train Dreams klingt so:
„Im Sommer 1917 beteiligte sich Robert Grainier an dem Versuch, einen chinesischen Arbeiter ums Leben zu bringen …“

Ein ganzes Leben fängt so an: „An einem Februarmorgen des Jahres neunzehnhundertdreiunddreißig hob Andreas Egger den sterbenden Ziegenhirten Johannes Kalischka … von einem stark durchfeuchteten … Strohsack …“

Name des Protagonisten, Jahreszahl, ein novellenartiges besonders einschneidendes Erlebnis…. Weiter zum Ende:
Johnsons Held Grainier endet so: „Er war im Laufe seines langen Lebens in westlicher Richtung bis auf ein paar Dutzend Meilen an den Pazifik herangekommen, ohne den Ozean selbst je zu sehen … Er hatte eine Geliebte gehabt – seine Frau Gladys -, hatte ein Stück Land, zwei Pferde und einen Wagen besessen. Er war nie betrunken gewesen. Er hatte sich nie eine Schusswaffe gekauft oder ein Telefon benutzt … Er hatte keine Vorstellung, wer seine Eltern gewesen sein mochten, und er hinterließ keine Nachkommen.“

Seethalers Egger dagegen: „Er hatte seine Kindheit, einen Krieg und eine Lawine überlebt … Soweit er wusste, hatte er keine nennenswerte Schuld auf sich geladen, und er war den Verlockungen der Welt, der Sauferei, der Hurerei und der Völlerei, nie verfallen. Er hatte ein Haus gebaut, hatte in unzähligen Betten, in Ställen, auf Laderampen und ein paar Nächte sogar in einer russischen Holzkiste geschlafen. Er hatte geliebt. Und er hatte eine Ahnung davon bekommen, wohin die Liebe führen konnte … Er konnte sich nicht erinnern, wo er hergekommen war, und letztendlich wusste er nicht, wohin er gehen würde.“

Da hört man auch gleich einiges der von mir erwähnten Stimmung: ein TAZ-Rezensent nannte es mit Bezug auf  einen „komplett unaufgeregten Stil“ und „Sprache gewordenen Fatalismus“, eine Beschreibung, die ebenso auf den Ton Johnsons passt. Beide Romane -und ich nenne das eine ihrer Qualitäten- verzichten bewusst auf großes Psychologisieren, dem Leser wird überlassen, zu fühlen und mitzufühlen.  Großes Pathos und Emotion gibt es bei beiden Texten nicht, nicht vordergründig.

Meine Leserinnen sowie der Spiegel als auch ich kommen zu dem Ergebnis: kein Wort für Wort abgeschriebenes Plagiat liegt vor, aber eine Nähe, die eine Erwähnung der Umstände ratsam erscheinen ließe. Sie würde Seethalers Buch und seine Leistung kaum schmälern.

 

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Rezension: Das Meer ist ein alter Bekannter, der warten kann. Michael Starcke, gestorben am 19.02.2016

Das Meer ist ein alter Bekannter, der warten kann.


wenn die strandkörbe

weggekarrt werden
und leere gähnt,
als kehre keiner zurück,
während er, der baum vorm
haus, kein schaulustiger,
aber ein hoch gewachsener traum,
den horizont fest im blick behält.

So endet Michael Starckes Gedichtband: Das Meer ist ein alter Bekannter, der warten kann. Dass es nicht nur letzte Worte eines Buches, sondern ebenso letzte Worte eines Dichters sein würden, war bei Drucklegung nicht absehbar. Der Band erschien in gewohnt liebe- und prachtvoller Gestaltung vor wenigen Tagen im Elif Verlag in Nettetal und nur ein paar  weitere wenige Tage später, am 19.02., verstarb Michael Starcke 66jährig in Bochum. So wird dieser schöne, dem Meer gewidmete Band ein Vermächtnis.

Das Meer war Michael Starcke offenbar nicht nur ein alter Bekannter. Unter dem Begriff  Heimat  definiert ein Lexikon:
„Die Menschen sind an ihre Heimat durch ihre Geburt und ihre Kindheit, ihre Sprache, ihre frühesten Erfahrungen oder erworbene Affinität gebunden.“
Letzteres, die erworbene Affinität, traf wohl für den gebürtigen Erfurter und späteren Ruhrgebietler Starcke zu. Das Meer als Wahlheimat, Rückzugsort, Seelenverwandter. Und: Die Seele ist hier als Referenz nicht zu hoch gegriffen, denn das Herkunftswörterbuch des Duden weiß:

Das altgermanische Wort mhd. sele, ahd. se(u)la, got. sai-wala,  ist wahrscheinlich eine Ableitung von dem unter See behandelten Wort mit der Grundbedeutung “die zum See Gehörende”. Nach alter germanischer Vorstellung wohnten die Seelen der Toten im Wasser.

Die Gedichte des Bandes sind lang im Vergleich zu anderen, in etwa eine Druckseite, meist drei- oder vierstrophig und von der Nüchternheit konzentrierter wie beiläufiger Notate, der Prosa recht nah mitunter. Behutsam rhythmisiert, unterschwellig mit Motiven durchzogen, die auch die Grenzen des einzelnen Gedichts überschreiten und sich durch den gesamten Band ziehen. Die Wandelbarkeit des Wassers, das Meer als Spiegel, das Schwanken zwischen Beruhigung und Bedrohung.

Wir alle kennen das; kennen auch das Gehen auf Sand und das stundenlange Starren auf Horizonte und wissen um die Emotionen, die es auslösen kann. Das Meer als Null-Linie, als Projektionsfläche, Ausgangsplattform für Gedanken, Pläne, Abenteuer- wir alle kennen das. Doch festhalten können wir es selten- Michael Starcke konnte es.


die farbe des meeres
erinnert
an ein verlangen, vielleicht,
dass es Zukunft heißt.

Dabei ist es unerheblich, um welches Meer es sich handelt- es ist das Meer, obwohl die Gedichte große Vertrautheit mit einem bestimmten Ort vermuten lassen: prägnante Referenzpunkte wie der Baum vor dem Fenster wiederholen sich, jedoch -als den wechselnden Stimmungen unterworfene Details- immer wieder verändert.

Der Grundton der Gedichte ist ruhig und reflexiv, Seemannsromantik gibt es keine. Die Liebe zum Element und der Umgebung ist tatsächlich eher eine Liebe zum Zustand Meer, den viele von uns gut kennen: Auszeit, verhältnismäßige Kleinheit, Unbedeutsamkeit gegenüber der Urgewalt, Relativierung der Umstände und Wichtigkeiten. Meer heißt auch Unendlichkeit, Unbezwingbarkeit und das ein oder andere Boot in Michael Starckes Gedichten trudelt scheinbar willenlos und fremdbestimmt entlang der Horizontes und der Zeilen der Texte. Der Dichter registriert es, doch der Mensch und sein Tun sind zu klein, um in seinen Texten mehr als eine Statistenrolle einzunehmen.


und doch:
die menschen am ufer
werden davongehen
und einmal nicht mehr
zurückkehren. andere menschen
werden sie ersetzen,
um die welt später
zu verlassen wie einen traum.

Zentral bleibt: das Meer und sein alter Bekannter, der Dichter-nicht etwa Freund, dafür ist der eine von beiden zu groß und zu undurchschaubar. Man kennt sich, man schätzt sich, man duldet sich- bei gutem Benehmen- auf Zeit.
In der besonnenen, klugen Ruhe der Gedichte dieses Bandes liegen Kontemplation wie Denkanstoß zu gleichen Teilen. Entspannung durch Konzentration- nicht durch Zerstreuung- mit einem weiten Blick und geöffneten Horizonten.
Michael Starckes Buch ist eine Meditation über das Meer, eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Gewicht und der Vergänglichkeit und als solche ein berührendes und gewichtig-schwebendes, gültiges Schlusswort eines Dichters, dessen Stimme fehlen wird.


in letzten träumen
suche ich
meine Anlegestelle, das Meer,
gehe schaukelnden schrittes
an land.

 

ELIF VERLAG, Nettetal ISBN 978-3-9817509-2-8 76 Seiten, €13,95

Michael Starcke (1949-2016) lebte und arbeitete als Lyriker und Rezensent in Bochum. Mitglied im VS, in der europäischen Autorenvereinigung DIE KOGGE und im PEN-Zentrum Deutschland. Verschiedene Auszeichnungen und Preise, u. a. den Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur (2013) Zahlreiche Veröffentlichung in Literarischen Zeitschriften und Anthologien. 26 eigenständige Veröffentlichungen. Beiträge im Bayrischen Rundfunk, im WDR und in Radio Bozen.

 

 

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– Blindverkostung- Supersonderspezialfolge 10

BildDie 10.Folge -Blindverkostung-
ein kleines Jubiläum, das eine Spezial-Folge rechtfertigt, denke ich!

XXL Anders als bei den 9 vorangegangenen Folgen stellt sich nicht EIN Autor einem Text, dessen Verfasser er nicht kennt, sondern gleich DREI!

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Mutig und motiviert erklärten sich
Stefanie Jerz, Hanna Scotti
& Sebastian Schmidt
bereit, sich auf das Experiment einzulassen und so präsentierte ich Ihnen unten stehendes Gedicht, ohne irgendwelche weiteren Informationen. Meine Fragen beantworteten sie im für diese Zwecke hervorragend  geeigneten Service: edupad.ch, der einen direkten Austausch und spannende Interaktion ermöglicht. So präsentiere ich nun mit Freude unsere 10. Folge und wünsche viel Spaß mit der literarischen Schnitzeljagd meiner drei Probanden!

Hier der Text, den ich den Dreien vorlegte:

rückwärts

Herzlich willkommen zu unserem kleinen Lyrik-Experiment.
Vielleicht wollt ihr euch kurz selbst vorstellen? Na?- Ladies first?:
lllllllllllllllllllllllll
Stefanie Jerz:
Ich fasse mich jetzt einfach als Lady auf und mache den Anfang.
Ich schreibe,  seit ich denken kann, am liebsten Lyrik, auch Kurzgeschichten, einen Roman erst, wenn meine Kinder groß sind und ich steinalt bin. Literarische Kleinstbrötchen verdiene ich mit dem Schreiben von Bühnenstücken für ein von meiner Freundin und mir gegründetes Biografietheaterensemble, deren jüngstes Mitglied nächstes Jahr siebzig wird. Bin seit Jahren Beirätin und Pressefrau in der Autorinnenvereinigung e.V., wobei ich meine Funktionen dort gerade für mehr Schreibzeit etwas zurückschraube, und Mitglied im 42erAutoren-Verein bin ich auch. Mehr zu meinen Theaterstücken zu finden unter www.theatergold.de
Dankeschön an Matthias für dieses spannende Projekt!
lllllllllllllllllllllllll
Als zweite Lady und erprobte Veteranin von Folge 5 meiner kleinen Reihe begrüße ich sehr herzlich Hanna Scotti:
lllllllllllllllllllllllll
Hanna Scotti:
Neben Familie, Studium und Beruf arbeitete ich dreißig Jahre im Bereich Schauspiel, Regie und Impro- Theater mit Erwachsenen, Kindern, Menschen mit Suchterkrankungen sowie seelischen und körperlichen Handicaps. Seit zehn Jahren bin ich ausgebildete Geriatric – Clownin
und begleite, jedoch nur noch gelegentlich, alte und sterbende Menschen.
Jetzt widme ich mich dem Schreiben von Gedichten, Fachartikeln und Kurzgeschichten. Auch Photoarbeiten, Videoclips und Tonaufnahmen sind inzwischen dazugekommen. Mein Leben als alte Frau wendet sich ganz langsam nach innen und das ist eine große Freude für mich, werde ich dadurch zunehmend unabhängiger von dem Tempo und dem Geschrei dieser Welt. Das Leben ist wie die Bühne, auf der ich immer gespielt habe, jetzt bin ich die Souffleuse. In Bremen habe ich mein zuhause gefunden.
Ich freue mich sehr über die Einladung von dir, lieber Matthias, ich werde euch hier aus meinem tiefsten Innern gerne was flüstern
lllllllllllllllllllllllll
Und, ebenfalls mit gezückter Feder, steht der Lektor und Lyrik-Aficionado Sebastian Schmidt bereit. Auch er sei gegrüßt:
Sebastian Schmidt:
Auch von mir ganz liebe Grüße an alle Teilnehmer und Leser. Ich mag Lyrik und gute Texte. Das Schreiben mag ich natürlich ebenfalls, auch wenn ich mich nie wirklich als Autor gesehen habe. Das war und ist bei mir eher eine Mischung aus gern lesen und Gedichte schreiben. – Dann kam die Frage auf: was tun nach der Germanistik? Gelandet bin ich im Meer der vielen Buchstaben als freiberuflicher Lektor (www.lektorat-textbasis.de). Über Lyrik, Sprache und Text blogge ich ein wenig auf textbasis.wordpress.com. Heute bei der Blindverkostung dabei sein zu dürfen, ist eine Ehre für mich!
lllllllllll
                                       
hand_feder_04Frage 1:
So, ihr Lieben, wenn Ihr diesen kleinen Text betrachtet, könnt ihr sicher schon etwas zur literarischen Form sagen. Gibt es Regelmäßigkeiten oder Besonderheiten, die euch auffallen, und könnt ihr vielleicht allein aus der Form heraus schon etwas über das Alter oder das Umfeld dieses Textes sagen??
lllllllllllllllllllllllll
Stefanie Jerz:
zwanzigstes Jahrhundert würde ich sagen…wobei ich mich nicht entscheiden kann, ob da die 20er oder 70er Jahre…die freie Form lässt mich eher zu den 70ern hin tendieren…wie bei einem lange nachgereiften, augenzwinkernden Benn…bin sehr gespannt auf den Verfasser oder eher die Verfasserin? des Textes… . In meinem Kopf entsteht gerade eine Namenschimäre aus Brecht/Kaleko/Kirsch…wobei alle drei zu bekannt sind, um hier blind verkostet zu werden…spannend…
lllllllllllllllllllllllll
Sebastian Schmidt:
Herzlichen Dank für die Einladung zur Blindverkostung, Matthias, über  die ich mich sehr freue. Was haben wir hier? Zuerst einmal einen Versblock, strophisch nicht unterteilt, das Versende auffallend oft um das „ü“ herumgestrickt, was einen eigenwilligen Ton hervorruft. Silben- und Hebungszahl variieren an den Schlüsselstellen ein wenig, jedoch formt Daktylus den Grundtenor und erzeugt auch über die Enjambements hinweg eine eigenwillige, ruhig-nachdenkliche Stimmung, die nicht ganz frei ist von Pathos („Doch es geschieht nichts“); die jedoch auch kollidiert mit saloppen Formulierungen wie „haben wir nichts / mehr am Hut“, „dem großen Knall“ oder „aus dem / Sessel zu kippen“. Reimfrei, frei in der Form, jedoch rhythmisch bedacht gestaltet, verorte ich das Gedicht ebenfalls im 20. Jahrhundert. Den Fokus auf Details gerichtet („Schornsteine glühen“), die Bilder einfach aber stark („die Wüste ein Wald“) und angesiedelt vor „dem großen Knall“ scheint mir das Gedicht durchaus politisch zu sein. Ohne jetzt schon in die Auslegung abzuschweifen, schließe ich den Ersten Weltkrieg als Bezugspunkt aus, setze das Gedicht also in die Weimarer Republik und hinter den Expressionismus – und hoffe, dass ich damit nicht ganz danebenliege.
Doch genug der Spekulationen, denn das zeichnet für mich ja die Blindverkostungen aus, dass man die Texte völlig frei von allem Ballast und aller Ablenkung splitternackt vor sich hat. (Anbei ist es eine Marotte von mir, Gedichte als Bildchen zu betrachten: Die Form eines nach rechts gewandten, voranwalzenden Panzers mitsamt Kanonenrohr kann daher durchaus reiner Zufall und Einbildung sein.)
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Hanna Scotti:
Für mich und meine poetische Lebenseinstellung hat dieses Gedicht einen höchst sozialpolitischen aktuellen Bezug: Knall = systemcrash des Sozialstaates. Ich schiebe den Text mal  ganz mutig in die Kategorie: neue politische Lyrik. Diese Sparte muss sich die Kritik gefallen lassen, nicht „scharf“ genug zu sein. Auch dieser Text legt zwar den Finger in die Wunde, verzichtet aber auf Polemik. Gestehen muss ich allerdings, dass ich von Zeitleisten wenig Ahnung habe.
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Matthias  Engels: 
Da muss ich gleich einmal einhaken. Ihr seid euch da, was die Zeit der Entstehung angeht, ja schon ziemlich einig und ich will erstmal gar nicht widersprechen. Stefanie, du erwähnst sowohl Brecht als auch Benn. Da käme dann in deren Nachfolge so ziemlich jeder Lyriker des späteren 20.Jahrhunderts (da wären wir wieder) infrage, oder?  Es sind wohl die zwei einflussreichsten Lyriker in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg. Ich hab ja nichts gegen berühmte AutorInnen. Auch der Verfasser/die Verfasserin dieser Zeilen genießt einen gewissen Ruhm- ist aber nicht unter den Genannten!- Wie genau entsteht eigentlich dein Eindruck, es müsse von einer Frau geschrieben sein?
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Stefanie Jerz:
Wie  ich auf weibliche Urheberschaft komme? Marcel Reich-Ranicki sagte einmal: „Frauen können keine Dramen schreiben. Sie sind des Pathos nicht fähig.“ Diese Zeilen sind angenehmst pathosfrei. *nein  Scherz* Ich bin durch die Leichtigkeit des Textes gleich zu Mascha Kaleko geführt worden…wobei sie das wohl nicht ist…wäre zu einfach.
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Matthias Engels:
Da hast du ein schönes Zitat gebracht, Stefanie. Und richtig: Pathos scheint die Sache unseres Autoren/unserer Autorin nicht zu sein!- Marcel Reich-Ranicki zufolge müsste es also ein Text einer AutorIN sein, aber ob der leider verstorbene Kritiker unfehlbar war…wer weiß!
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Stefanie Jerz:
Über lange Zeit hinweg war ich MRR böse deswegen…sehr sogar…bis ich begriff, dass das auch eine Auszeichnung sein kann. Hab ihm auch eine Dramaminiatur dazu geschickt…leider hat er nie drauf geantwortet…verstehe ich. Aber weiter zum Text.
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Hanna Scotti:
Reich- Ranicki, er ruhe in Frieden in seinem Ruhme, ich stehe seiner Lebensleistung und seinen poetischen Ansichten sehr kritisch gegenüber. Sprich: Von Frauen hatte er keine Ahnung, das teilte er aber mit vielen seiner Artgenossen. Dieser Einwurf musste unbedingt sein, aber nun zurück zur Textarbeit.
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Sebastian Schmidt:
Ihr habt natürlich recht, dass in den Versen nicht der feierliche Pathos mitschwingt. Aber in gewisser Weise finde ich doch, dass die Melancholie, gerade auch in Verbindung mit dem Versmaß, etwas Bedachtes, Ruhiges transportiert, das für mich ein bisschen pathetisch wirkt. Jedoch pathetisch nicht im negativen Wortsinn, sondern beim Wort genommen: Getragen, auch ein bisschen in sich ruhend und über den Dingen stehend. Zumindest suggeriert die Sprache das, der Inhalt ist vielschichtiger.
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Matthias Engels:
Eine kleine Nachfrage noch:
Sebastian, dessen Bild vom Panzer ich köstlich finde, rückt den Text in seiner Antwort zeitlich schon ein ganzes Stück weiter  nach vorne, etwa in die 20er Jahre. Was sagen die anderen dazu?- Wären dieses Vokabular und diese Reimfreie und Dissonante denn dort denkbar oder nicht? -Und WARUM?
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Hanna Scotti:
Ist es vielleicht Resignation, lieber Sebastian? Wir unterstellen den Dichtern immer gerne eine ruhige, weise Haltung. Drückt dieser Text das wirklich aus? Ich finde das fraglich. Ich bin mir nicht sicher, ob in den 20igern nicht eher Kämpfer am Zuge waren. Zumindest die Frauen ( ich liebe die Sufragetten) hätten niemals so geschrieben. Und überhaupt, vermutlich schauten die Menschen, besonders auch die Dichtergeister nach vorn. Das Reimen war damals, glaube ich, ein wichtiger Bestandteil eines konsequenten Regelwerks in der Lyrik, ebenso das Vokabular. Na- und Dissonantes schädigte eher den Ruf des etablierten Dichters. Jedoch, einige Rebellen gab es schon : Hesse, Kafka… aber wohl mehr in der inhaltlichen Auseinandersetzung als in der Form.
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Sebastian Schmidt:
Das ist eine schöne Überlegung, ob es nicht auch Resignation sein könnte. Aber darauf kann die Antwort nur sein: Natürlich kann es das. Denn je nach Auslegung könnte es sich ebenso um ein lyrisches Ich handeln, dass auf eine Veränderung von außen gewartet hat, jedoch ganz und gar enttäuscht ist, dass nichts geschieht. Aber irgendetwas gefällt mir an dem Gedanken nicht so sehr, dass hier ein lyrisches Ich aus seinem Kämmerchen spricht und lieber aus dem Sessel kippen will, als selbst noch zu versuchen, etwas zu ändern; lieber alles hinzunehmen, weil es zu enttäuscht war.
Mehr noch mache ich da eine Haltung aus, die sich in der Rolle gefällt, alles genau beschaut zu haben und nun auf ein Ende – welches auch immer – wartet, in der Gewissheit, dass es herannaht. Damit kommt das lyrische Ich nicht so ungeschoren davon, einfach sagen zu können: Nun war alles so unangenehm, jetzt kann ich auch nichts mehr ändern. Ich denke, dass es sich mehr um eine bewusste Entscheidung zur distanziert-feierlichen Betrachtung des bevorstehenden Unterganges handelt. Auch wenn das unter Umständen viel, viel zu apokalytisch klingt.
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Stefanie Jerz:
Wie schreibt mein Zweitlieblingsdichter Hugo von Hofmannsthal im „Brief des Lord Chandos“?:
„Es  gelang mir nicht mehr, sie mit dem vereinfachenden Blick der Gewohnheit zu erfassen. Es zerfiel mir alles in Teile, die Teile wieder in Teile, und nichts mehr ließ sich mit einem Begriff umspannen. Die einzelnen Worte schwammen um mich.  Der fiktive Verfasser des Briefs gibt  nach dieser Einsicht das Schreiben auf. Hofmannsthal und viele weitere  glücklicherweise nicht. Sehr  zu empfehlen, diese Lektüre, auch wenn ich sie längst nicht ganz  erfasst habe. Überhaupt bin ich gespannt von meinen Kollegen hier mehr dazu zu hören. Bin keine studierte Literatin, weiß aber doch, dass es um  die Jahrhundertwende zum Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gerade in  der Literatur eine kulturelle Krise gegeben hat.
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Sebastian Schmidt:
Ich halte das durchaus für denkbar, dass das Dissonante und Reimfreie in die Zeit passt. Mit dem Expressionismus ist alles möglich geworden, das bewusste Abgehen von überkommenen Strukturen und die Umkehrung der poetischen Werte beziehungsweise die veränderte Sichtweise auf das Subjekt als zerfallendes Objekt in einer splittrigen Welt. Geradezu unumgänglich ist es, einen Blick in die „Menscheitsdämmerung“ zu wagen. Wenn man darin ein bisschen liest, dann fällt, zumindest mir, immer wieder auf, dass die Strukturen der Gedichte oft gänzlich zerhauen wurden, dass allerdings nur langsam der Reim aufgegeben wurde. Eigentlich ist das seltsam, denn man würde erwarten, dass Lyrik, die im Umbruch stattfindet, davor nicht Halt machte. Aber da schweife ich ab. Worauf ich hinaus will: Auch wenn also in den Gedichten der „Menschheitsdämmerung“ immer noch viel gereimt wird, es finden sich auch zahlreiche Beispiele, die mit dieser Tradition brechen. –
Beim Durchblättern stieß ich gerade auf folgende Verse von Wilhelm Klemm aus dem Gedicht „Der Baum“: „Der Leib verwandelt sich im Lauf der Jahre, / Die Seele sucht ihre tausend Wege, / Alles, was ich bin, samt den Geschlechtern der Menschen / Strömt vorüber und kennt kaum das Ziel.“ Dass ich bei diesen Zeilen gelandet bin, war Zufall, dass sie sich jedoch so gut mit denen der Blindverkostung decken, erschreckt mich ein bisschen, auch wenn bei Klemm nicht der Krieg direkt thematisiert wird.
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Matthias Engels:
Da hast du schöne Zeilen als Beispiel für ein ähnlich frei strukturiertes Gedicht -hier- des Expressionismus gefunden! Insofern wäre die Zeit glaubhaft, aber ich kehre noch einmal zu Stefanies Zweitlieblingsdichter (der Erstliebling ist vermutlich Rilke?) zurück und frage:
Wenn ich jetzt sagen würde,“Rückwarts“ sei ein  Hofmannsthal-Text- warum würdest du das -rein aus der Wortwahl und Form heraus- wohl nicht glauben?
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Stefanie Jerz:
Weil die Form dieses Textes noch einmal ein Stück freier, unbestimmter ist. Und eben „zu leichtfertig“ für ihn…diese Angaben sind wie immer ohne Gewähr. Die letzten beiden Zeilen sind es, Matthias. Es ist noch Darben nach dem Krieg spürbar. Genauso die Erleichterung nach dem Schock. Übrigens richtig, lieber Matthias: der Erstliebling ist Rilke.
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Matthias Engels:
Hier muss ich nochmal ein wenig bohren! Tut mir leid, Stefanie, es tut auch nicht weh: Welcher Krieg? Und welcher Schock? Hier geht es doch im Text selbst recht unspektakulär zu? Oder nicht? UND: Gibt es denn -ganz konkret- Begriffe, die der gute Hugo nicht gekannt haben könnte? Etwas, dass ganz deutlich eine Enstehung um 1900 unmöglich macht? Wenn ich solche Spielchen mit meinen Lesekreis-Leuten mache, gehen die meist ganz pragmatisch da heran und suchen Begriffe wie „Waschmaschine“, „Zebrastreifen“ oder „Festplatte“, um einen Text schon mal grob zeitlich zu verorten. Meist klappt das ganz gut! Wie sieht es hier aus?
Stefanie  Jerz:
Ich weiß, du spielst auf die Schornsteine an. Industrialisierung! ich hätte doch Geschichte studieren sollen!…Ich allerdings hab sie als Symbol für Wohlstand (evtl. bedrohten) genommen…Habe gerade bei Wikipedia geschaut und bleibe bei den 1920er Jahren.
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Matthias Engels:
An die Schornsteine dachte ich grad gar nicht, aber gut gelesen, ja! Ich meinte eher:…Wünsche, Wald, Wüste etc. dürften ja klar sein.-…
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Stefanie Jerz:
Für mich der Hinweis auf überstandenen Krieg (Erster Weltkrieg), den Schrecken noch in den Knochen.

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Matthias Engels:
Aber ich leg nochmal den Finger auf Worte und Begriffe wie: „sich auszählen lassen“, „großer Knall“, „nichts mehr am Hut haben“-

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Stefanie Jerz:
Passte für mich auch in diese Zeit.

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Matthias Engels:
 -Okay! Vorher aber nicht, oder? 
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Stefanie Jerz:
Keinesfalls!Vielleicht sogar die dreißiger Jahre. Else Lasker-Schüler passt für mich. Zumal sie in einem Theaterstück den drohenden Holocaust quasi vorausschrieb. was mich wieder einmal zu der Frage treibt, ob wir Menschen nun aufschreiben was wir tun oder zu tun in die Lage kommen, was wir schreiben und erdenken können? Am Anfang war das Wort. Was für ein Verhängnis dann die menschliche Fantasie!? Aber das wäre wieder was für eine andere Unterhaltung.
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Hanna Scotti:
Kurz und bündig : es ist neue politische Lyrik. Hinweise dazu:
Individualisierung, protestantische Moral, politische Resignation, Schaffen eines persönlichen, pseudosicheren Raums aber auch Aufbruch anderer Lebensformen, nur abgegrenzt und abgesichert. Es ist für mich ein in sich revoltierendes schizoides Menschenbild, also kämen für mich die 60iger Jahre ins Spiel, eventuell auch Anfang der 70iger. Aber ich bleib mal bei neuer deutscher politischer Lyrik
Die Festung Kirche und ihre Vorstellung von Moral, die ich auch in diesem Gedicht lese, bröckelte, jedoch blieb es beim Bröckeln. Die Daseinsberechtigung dieser starken Institutionen wurde nur von einigen radikalen Literaten und Denkern angezweifelt. Sie gerieten damit bei der Zunft ins Abseits. Erst viel später, mit gehörigem Abstand, erhielten sie die ihnen gebührende Aufmerksamkeit.
Der Buddhismus wurde in dieser Zeit in den Westen getragen. ZEN, Osho (mit Sex, unerhört!!, aber wichtigen Anstößen, nicht nur praktisch sondern auch intellektuell)– Was hat das nun mit diesem Gedicht zu tun: Es läßt, ( ob es gelingt oder nicht, liegt an der Einlassung des/der Lesers/in) „das Gute und das Böse“ im Gestern und  im Morgen, Sich zu bescheiden und darin sein Heil zu suchen ist eine typisch christliche Haltung und in meinen Augen fade. Das hatten wir alles schon. Da fehlt mir das Britzeln von Paradigmenwechseln. Um es mit Karl Valentin zu sagen : Es ist alles schon gesagt worden, nur noch nicht von mir.
In der östlichen Literatur wird ausschließlich der augenblickliche Augenblick gesehen. (mein Steckenpferd, wie ihr ja wißt). Dadurch eröffnet sich eine neue Dimension: Die Alliteration der letzten zwei Zeilen wird dann nicht mehr als „sich persönlich  zufriedengeben mit dem Nötigsten“ innerhalb der Fülle des „Anderen“ betrachtet.  Die Metaphern von Wüste und Wald werden zu einem lebendigen „sowohl als auch“ und dieses detalierte Bild löst ein inneres Empfinden von Wohlbehagen aus, für diesen einen Moment. Solche Sequenzen aneinandergereiht, machen zufrieden und erscheinen als echte Lösung, jedenfalls nach meiner Meinung. Sollte der /die VerfasserIn tatsächlich an dieser Stelle angekommen sein ,was ich auf Grund der Wortwahl, ganz besonders auch deutet die Überschrift darauf hin, nicht glaube, wäre es  für mich ein Meisterwerk. Aber mein Anspruch an ein Gedicht ist nicht zeitgemäß, ich weiß das. 
Sowohl Rilke als auch Hesse (z.B.) würden sich in meinen Gedanken wiederfinden, davon bin ich überzeugt. Eine anmaßende Spielerei? Du hast mich gefragt, Matthias, ich habe aus meiner literarischen Hexenküche geantwortet.Muss ich jetzt mit einer Verbrennung rechnen? 
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Matthias Engels:
Unter keinen Umständen, Hanna! Ich bin einfach ganz Ohr und interessiert! 
Das sind äußerst spannende Gedanken, die dieser kleine Text hier bei dir auslöst. Ich stimme dir zu, wenn du sagst, dass die Haltung unseres lyrischen Ichs am Ende nicht unbedingt postitiv und Wohlbehagen zu nennen ist. Die hier auch schon genannte Resignation sehe ich -oder besser- spüre ich hier allerdings auch nicht. Ich rekapituliere aber noch einmal kurz das den Wortschatz betreffende, denn zur tieferen Interpretation werden wir später noch genügend Zeit haben.
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Stefanie Jerz:
Das  kann ich absolut nachvollziehen, was du da an Brücken baust. Da ruht  eine/einer in sich selbst, das Chaos außerhalb betrachtend…aber – hier  widerspreche ich – nicht erleuchtet, weil eben auch der Text leicht  zynisch gehalten ist. Der Wunsch, vor dem großen Knall aus dem Sessel zu  kippen, passt mir da nicht dazu. 
Toll! Neue Impulse für das Vexierbild!
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Sebastian Schmidt:
„Zwei Seelen …“ Ihr wisst schon! Denn einerseits stimme ich dir, liebe Hanna, zu, dass sich deine Überlegungen gut auf den Text übertragen lassen und, wie Stefanie schrieb, neue Impulse für die Deutung bringen. Das beweist, dass es sich um einen durchdachtes, bewusst offenes Gedicht handelt, das nicht vorgeben, sondern anregen will.
Andererseits muss ich auch gestehen, dass die theoretische Tiefe deiner Überlegungen auf mich etwa sehr wirkt, als wollte man mehr an die Verse herantragen, als wirklich aus ihnen hervorscheint. Besonders die protestantische Moral, von der du sprachst, die finde ich in der Form nicht. Für mich erscheint hier lediglich ein Hinweis darauf, dass das Gedichtende sowohl als „Moral der Bescheidenheit“ ausgelegt werden kann, als auch als ironische Wendestelle, die mit den Vorstellungen spielt, die von außen an ein Individuum, hier das lyrische Ich, herangetragen werden. Nach dem Motto: Was wollt ihr eigentlich! Wenn ihr euch nicht so haben würdet, dann wäre euch auch die vermeintliche Wüste ein Wald! Dass sie dabei immer eine Wüste bleibt, das würde dann ironisch herausgestellt werden und könnte auch als „Recht zum Hedonismus“ wider den (politischen) Vorgaben gelesen werden. Was genau zur gegenteiligen Auslegung führte. Von daher: Für mich bleibt noch immer alles offen und verrätselt.
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Matthias Engels:
Rein vom Vokabular her erscheint das Ganze also recht zeitlos. Einige sprachliche Wendungen finden sich jedoch, die zumindest ein Entstehen vor -sagen wir- dem ersten Weltkrieg undenkbar werden lassen. Lässt man die modernen Zeilenumbrüche mal außer acht, könnte dieses Gedicht also von dort bis heute praktisch IMMER entstanden sein?Ich persönlich fände das ja ein positives Merkmal eines Textes, da Begrifflichkeiten wie „Festplatte“ oder ähnliches so furchtbar schnell veralten.
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Sebastian Schmidt:
Du hast mich auf eine Idee gebracht! Mensch, klar. Wenn wir schon bei der Blindverkostung sind, dann hauen wir einfach alles über den Haufen. Das Gedicht muss gar keine Resignation sein, das kann auch einen Ausweg aufzeigen. Völlig vernachlässigen müsste man die Zeilensprünge und den fehlenden Reim. Aber hier kann sich das lyrische Ich auch bewusst ins Private zurückziehen, der ganzen Welt abschwören, die Schornsteine zum Glück aus der Ferne glühen sehen, gemütlich im Sessel sitzen. Das wäre der Biedermeier im 19. Jahrhundert. Das Kleine zum Großen erhoben, die Wohnung zum Rückzugsort. Stille Rebellion gegen den „großen Knall“, lieber heimlich abtreten und aus dem Sessel kippen. Inhaltlich passt das, von der Form her nicht. Eventuell gab es ja Tendenzen zu einem Neo-Biedermeier ein gutes Stück nach dem Zweiten Weltkrieg? Auch die Naturlyrik hatte da ja Früchte getragen, indem sie bewusst den Blick vom direkten Schrecken abwandte.
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Matthias Engels:
Sebastian, tatsächlich war die Masse der Lyrik, die unmittelbar nach dem 2.Weltkrieg  erschien, Naturlyrik und bewußt fern ab von Weltanschaulichem oder Politischem. Eine Art Neo-Biedermeier würde ich das aber nicht direkt nennen.

-Das  waren ja jetzt schon mal spannende Annäherungen an die Form und das mögliche Alter des Textes, das man daraus eventuell herauslesen kann.  Nun zum Inhaltlichen:
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hand_feder_04Frage 2:
Worum geht es letztlich hier?
Rein inhaltlich? Könnt ihr das zusammenfassen?

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Hanna Scott
i:
Wie oben schon gesagt ist es eine lethargische Einlassung für mich auf die Dramen dieser Welt, eine, vielleicht bittere Zustandsbeschreibung ohne Überraschungen, aber nicht ohne Humor, vielleicht sogar satirisch? Aber nur im Ansatz, es trieft nicht. (das wäre auch ein Hinweis auf einen lebenden Verfasser. Ich glaub‘ es ist ein Mann, das werde ich aber nicht begründen, sonst darf ich hier nicht mehr mitmachen.
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Matthias Engels:
Oh doch, Hanna! Das wirst du! Hier herrscht ja Redefreiheit!

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Stefanie Jerz:
Lacht sich, auf die G
efahr hin, hier dann auch nicht mehr mitmachen zu dürfen, eins in den Damenbart.

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Hanna Scotti:
Na gut : Um ein Klischee zu bedienen: Mann, Dichter, ein Guinnes oder einen süffigen Rotwein der edlen Sorte, an gehäuteten  Schneckenbrüstchen schlürfend und die phantasievolle Hingabe an das Leid der Welt genießend, besonders aber seinen ganz persönlichen Sissi – Fox celebrierend ist er der perfekte Grandseignieur der Dichtkunst. ( Aua, nicht hauen)
Ich persönlich spiele ja gerne mit den Underdogs, bei denen der Verstand die Haare weichen läßt und die verbleibenden am Ende des Stammhirns sich mit dem xxl – Tagebart zu Dreadlocks verweben.Diese Spezies kompensiert ihre Potenzschwäche wunderbar mit Gehirnmasse. Das macht rettungssüchtige Damen ungemein an.- Wie komme ich darauf? Diesesr Text erinnert mich an solche selbstmitleidigen Ergüsse.
Nichts für ungut. Ich irre mich bestimmt. Natürlich sind unser Autor (ich bleibe beim Mann, der noch lebt) Du, Matthias und Du, Sebastian ausgenommen vom Klischee.
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Matthias Engels:
Keine Sorge, Hanna! Jedem seien seine Erfahrungen und Beurteilungskriterien gelassen! Ich sammele nur eure Meinungen. Stefanie z.B. ist fest davon überzeugt, dass es sich bei dem Urheber von „Rückwärts“ um eine Frau handelt! Bei dir überwiegt also der Eindruck der Lethargie und der von etwas bitterem Humor. Da kann ich persönlich ganz gut mitgehen. Mal sehen, was die anderen so sagen….
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Sebastian Schmidt:
Da wir zwar eine Verortung versucht haben, aber alles bis zu deiner Auflösung mehr oder weniger offen bleibt, versuche ich jetzt gar nicht, irgendwelche geschichtlichen oder literaturhistorischen Anknüpfpunkte zu finden. Ich schaue also mal ganz neutral in den Text. Was mir besonders auffällt, das ist wohl der „große Knall“. Ganz ohne Assoziation kommt der nicht daher, das „Nach jedem Schlag Musik“ erinnert doch irgendwie an eine wie auch immer geartete Parade. Also ins Feld des Militärischen setze ich das Gedicht – wie gesagt, ohne jeden konkreten geschichtlichen Bezug. Mit sich selbst nichts mehr am Hut haben, heißt ja, sich zu verlieren, einen wichtigen Teil von sich aufgegeben, geopfert oder anders eingebüßt zu haben. Das Bescheiden am Ende, in der Wüste das Leben zu sehen, das Karge zu akzeptieren, ist progressiv. Hier schaut jemand angstvoll nach vorn, eventuell auch angstvoll zurück – im selben Moment. Dass die Sprache dann so nüchtern ist ohne viel Umschweife, nah am Jargon, das unterstreicht meines Erachtens das gewollte Nicht-Ablenken vom eigentlichen Thema: Hier droht eine Veränderung, auf die das lyrische Ich reagieren will, die es (für andere) deutlich nachvollziehbar reflektiert.
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Stefanie Jerz:
Guter Satz, Sebastian: „Hier schaut jemand angstvoll nach vor, eventuell auch angstvoll zurück.“
Genau diese Stimmung empfinde ich beim Lesen auch. Zuzüglich einer Sehnsucht nach Ausschweifung, Genuss, Hingabe an den Augenblick. Merke gerade, dass ich das Gedicht sowohl finster, als auch positiv lesen kann. Setze ich Krieg als Bild nicht ein, kann es einfach auch die Jugend sein, die da mit dem Erwachsenwerden hadert…oder bin ich da in der Interpretation zu frei? Else Lasker-Schüler fällt mir da gerade wieder ein.
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Sebastian Schmidt:
Nein, ich denke nicht, dass das zu frei ist, denn die Idee mit der Jugend hat mich gerade auf das Alter als solches gebracht! Ich stelle mir gerade vor, wie ein greiser Mensch am Fenster sitzt (zu welcher Zeit auch immer), der große Knall, der Tod, eventuell verbunden mit Leid – davor aus dem Sessel zu kippen, die Erlösung, die man eventuell selbst nicht mehr herbeirufen kann? Eine interessante Sichtweise, das angstvolle Zurück- und Nach-vorn-Schauen passte da auch. Dann wäre man weg vom Politischen.
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Stefanie Jerz:
Genau so las ich das Gedicht zuerst…nicht politisch. -Und ich beglückwünsche die Autorin (für mich steht jetzt fest, es muss eine sein), dass sie es durch ihre Wortwahl zeitlost gemacht hat (da bin ich gerade bei euren Überlegungen von vorhin.)
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Hanna Scotti: 
Auch das Private ist politisch, sonst sind wir wieder in der bewertenden Dualität. Diese Behauptungen -was ist privat, was ist politisch- will ich hier nicht so stehen lassen, wäre vielleicht sogar im Zusammenhang mit diesem Gedicht sehr interessant, führt aber vielleich zu weit?
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Stefanie Jerz:
Ging bei der Unterscheidung ja nur darum, die vielen Facetten herauszuarbeiten, die das Gedicht eventuell haben könnte.
Natürlich hast du recht: lässt sich nicht trennen.
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Matthias Engels:
Tatsächlich stimme ich Hanna hier ebenfalls zu! Das kritische oder politische Gedicht braucht keinen größeren Kontext als den Menschen an sich, um kritisch oder politisch zu sein. Der ganz normale tägliche Mief IST bereits Politik, denn er enthält die Gesellschaft im Kleinsten.
Aber das wollen wir hier tatsächlich nicht vertiefen -nur festhalten: man kann hier, in diesem kleinen Text, durchaus mal in Richtung des Größeren denken…..
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Sebastian Schmidt:
Ich bekomme dennoch gerade eine Gänsehaut, wenn ich die letzten Verse aus der traurigen Sicht eines alten Menschen lese.
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Stefanie Jerz:
Jaaa…die Gänsehaut kenne ich. Und ich kenne (unter den männlichen Dichtern, die ich gelesen habe) nur bei Rilke diesen Mut über den Tod zu schreiben. Noch einmal zur Gänsehaut: Das ist eine tolle…eine so lebenshungrige Art, die diese Sprache vermittelt. „Aus dem Sessel kippen“ so verspielt, dass sie aber erst durch die Hintertür muss, oder?
Den Inhalt dieses Gedichtes kann ich für mich so zusammenfassen: Gekonnt hat hier der Verfasser in leichter Sprache eines (heute würde man sagen: Coming-of-Age) Heranwachsenden (die dunkle Bedrohung des Erwachsenenlebens und des Todes aber Spürenden),  die Stimmung der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg eingefangen. Den nächsten spürend, vorausahnend, weil Krieg sowieso niemals Lösung ist, sondern lediglich Verschiebung eines Konflikts. Diese dunkle Drohung will das lyrische Ich hier fliehen. Sie am liebsten nicht erleben. Dem großen Knall schon vorher entkommen. „Aber es geschieht nichts.“ Oberflächlich kann das auch das Phlegma und die gleichzeitige Sehnsucht der Jugend nach Aufregung bedeuten. Näher hingesehen zeigt sie vielleicht die Stagnation, das Nichthinsehenwollen, was kommen kann. Ein Ruhen vor sich hin, dass nach den Schrecken eines Krieges auch sein muss. Dass aber die Schornsteine qualmen, die vielleicht zu Waffenfabriken gehören könnten, beunruhigt gleich wieder. Aber wenigstens diese Atempause gibt es noch…wer sich bescheidet, wer nicht allzu viel verlangt, dem ist auch die Wüste ein Wald. -Bin gespannt, auf wievielen Holzwegen ich gelandet bin. 
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Matthias Engels:
Schöne Deutung, Stefanie- diese Diskrepanz aus profanen Schornsteinen (wenn sie hier auch glühen statt  zu qualmen) und ihrer möglichen Zugehörigkeit zur Waffenfabrik habe ich  noch gar nicht gesehen. Man könnte jetzt noch weiter gehen mit diesen  Schornsteinen und sie ganz anders zuordnen, aber ich will euch nicht  vorgreifen. Der  friedlich bullernde Kamin mit dem rauchenden Schornstein ist ja in der  Regel eher ein Symbol der lauschigen Heimelichkeit, in deren Mitte man  sich gern im kuscheligen Sessel platziert -ein Bild, das dem von  Sebastian skizzierten Biedermeier-Ideal sehr nahe kommt. Durch die  kleinen Verschiebungen des hier „glühenden“ Schornsteins und des  „Kippens“ aus dem Ruhesessel ist tatsächlich schon einiges anders! Die  vordergründige Ruhe und Ordnung -trüber Himmel (leider so oft Normalität) und das Feuer im Ofen- wird hier in naher Zukunft zerschlagen  werden.
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Hanna Scotti
Rauchende Schornsteine, auch Metapher für „Kohle“ = Geld. Ich bleibe dabei, es ist ein „neuer“ Text
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Matthias Engels:
Ja, „der Schornstein raucht“ ist ziemlich prall mit möglichen Deutungen aufgeladen: wirtschaftlich: solange die Schornsteine rauchen wird produziert/geht es einem gut! Privat: heimelige, wohltuende Wärme in den eigenen 4 Wänden- aber man kann auch Stefanies Interpretation folgen und sagen,die Produktion, die dahintersteht, hält das Schlechte in der Welt in Gang- oder soweit gehen, darin evtl. sogar einen Krematoriumsofen zu sehen-immerhin sind es im Text einfach nur: „Schornsteine“- ganz offen! Dass sie hier nicht nur rauchen, sondern „glühen“ zeigt, dass irgendetwas -wie sagt man so schön neudeutsch- :over the top betrieben wird; über das Mass des Normalen hinaus.
….Dennoch, so gut eure Deutungen mittlerweile stimmen, zeitlich seid ihr immer noch ziemlich auf dem Holzweg.
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Sebastian Schmidt:
Na, je weiter man daneben liegt, umso mehr bietet doch der Text an Möglichkeiten. Es ist ja auch eine schöne Erfahrung, mal so richtig in die falsche Kiste zu greifen, am Ende springt einem der Jack in the box ins Gesicht und haut einem ein blaues Auge, aber man ist zumindest mit nur einem blauen Auge davongekommen. Denn wenn die Deutung sinnvoll ist, dann wird das Gedicht ja zeitlos. Aber ich denke, das ist Konsens in der Blindverkostung. Doch wenn du schon ein bisschen die richtige Fährte für uns auslegst, dann kann ich ja zumindest versuchen, zu folgen. Wenn der Biedermeier, der Expressionismus und die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht zutreffen, dann ist es eventuell etwas ganz Modernes?
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Stefanie Jerz:
Fein gesagt!!!
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Hanna Scotti:
Joooohhhh, was ist schon Zeit, was ist Tempo? Einsteigen und mit Lust mitfahren ersetzt  mühevolle Suche nach manchem/r zu fernen LiebhaberIn. – Will sagen, ich finds sexy mit euch. Vielleicht hätte dem Autor auch diese Variante gefallen und er/sie hätte dieses Gedicht nicht geschrieben. Ich bleibe immer noch dabei : Es ist ein Text von heute.
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Matthias Engels:
Den Sex-Appeal dieses Gesprächs mit euch kann ich nur bestätigen. Wie Sebastian eben bemerkte: Es gibt keine „endgültige“ Deutung! Die Reihe lebt ja davon, dass man die Zeitumstände, unter denen ein Text entsteht, völlig ausgeblendet hat. Manchmal, wenn ein Werk sehr stark an seine eigene Realität geknüpft ist -inhaltlich und auch schon rein begrifflich- fällt es leichter. Ich habe mittlerweile eine Vorliebe entwickelt für Texte, die theoretisch IMMER gültig und entstanden sein könnten. Auch bei einem Bild oder einem Musikstück fragt man sich ja nicht als Erstes, wann und unter welchen Bedingungen es entstand- man lässt es wirken und schaut, was es Einem sagt!

Ich fasse noch mal kurz zusammen:
Ihr habt nun schon eine ganze Menge hier heraus- und hineingelesen! Es könnte um das Erwachsenwerden gehen und den Rückblick auf die Kindheit samt Ausblick auf das Kommende. Andererseits wäre auch eine Rückschau aus dem Alter auf das vergangene Leben denkbar. Den „großen Knall“ lest ihr zeitgeschichtlich, politisch, am ehesten als Krieg. Das etwas flapsige „aus dem Sessel kippen“ ziemlich deutlich als Tod. Das sind schon sehr viele und sehr unterschiedliche Ansätze. Das hier eine elementare Erfahrung und düstere Ahnung recht salopp thematisiert wird, scheint sich herauszukristallisieren. Das Gedicht ist postiv wie negativ zu lesen, sagtet ihr ebenfalls. also ist es hier nicht so, dass eine klare Stimmung hervorgerufen wird? Sei es eine elegische, melancholische oder gleichgültige? 
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Stefanie Jerz:
Hinaus- und hineingelesen. Das stimmt. Ergänzen möchte ich noch, dass auch fatalistische Töne vorhanden sind.
Und mit unseren Wünschen,
noch vor dem großen Knall aus dem
Sessel zu kippen, das wäre ein Glück.-  wenn das nicht fatalistisch ist…ob der große Knall kommt ist hier nicht (etwa mit einem „falls) infrage gestellt sondern als unveränderliches, lediglich im Zeitraum nicht festgelegtes „wenn“ gemeint, oder nicht? Fatalistisch also weil scheinbar Unausweichliches droht und dem lieber durch Tod entgehen…weil sie sowieso nichts ändern können. 
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Sebastian Schmidt:
Ganz im Ernst, Matthias? Mittlerweile dreht sich in meinem Kopf jedes Wort und jeder Vers – und das Gedicht ist eigentlich alles. Es ist melancholisch, wenn man betrübt vor- oder zurückschaut auf ein bestimmtes Ereignis; es ist gleichgültig, wenn man darin eine Art von Resignation, Apathie liest: diese Mentalität „Was soll ich draußen von hier drinnen bewirken?„. Schwermütig wird es ganz und gar, wenn man an das Altern denkt, daran, dass einem die Möglichkeiten genommen wurden, selbst zu handeln und zu entscheiden. Nicht zuletzt ist es fatalistisch, wie Stefanie gerade schrieb, dadurch auch irgendwie ironisch. Dieses Gedicht, auch wenn es auf den ersten Blick sicher nicht der Masse Lieblingsgedicht ist, bietet doch schon jetzt, nach dieser kurzen dialogischen Beschäftigung, genau das, was ein gutes Gedicht bieten sollte: die Möglichkeit, sich selbst in das Gedicht zu begeben, um dort mit sich selbst und gemeinsam mit dem lyrischen Ich einen Sinn zu suchen, in dem man sich selbst eingewoben in Versen findet. Das ist doch etwas ganz Großartiges!
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Stefanie Jerz:
Da stimme ich dir sowas von zu, Sebastian!
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Matthias Engels:
Das ist genau die Mischung, die ich am Werk des Verfassers/der Verfasserin dieses Textes so liebe, Sebastian! Du fasst es ganz gut zusammen: Eine Portion Resignation und Schwermut, aber auch ein Quäntchen ironische Hoffnung. wie sagt man?- Pessimisten sind enttäuschte Optimisten? Diese Haltung findet man bei fast allen Texten des/der Gesuchten.
Viele Texte vermitteln ja EINE klare Stimmung.Hier ist es auf interessante Art und Weise anders, finde ich.
Aber: könnt ihr die letzten beiden Zeilen vielleicht noch einmal aufzudröseln versuchen? Es ist ja jetzt nicht unbedingt eine stehende Redewendung, über die man so hinweg gehen könnte. Was hat die Wüste mit dem Wald zu tun? Die schöne Alliteration, eigentlich das einzige lyrische Strukturmittel hier, ist euch wohl gar nicht aufgefallen? 
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Hanna Scotti:
Wenn die Wüste zum Wald wird, hat das „Ich“ sein Ziel erreicht, die Verehrung des „Kleinen“ in allen Dingen, macht bescheiden und wunschlos zufrieden.  Ich erkenne den Sand und seine Bedeutung und den unermesslichen Reichtum des Waldes. Ich lasse mir Zeit ( ohne das Verschwinden hinter der Zeit gehts nicht und fühle, dass auch die Wüste ( Metapher) voller Leben und Lieben ist.
Das ist ein Ort, den auch Stefanie gut kennt, wie ich vermute.
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Stefanie?
Jepp! Da sind Hanna und ich Schwestern im Geiste. Das lyrische Ich hier ist, meines Erachtens, noch in der Zeitschleife, empfindet so etwas wie, nein: vermittelt mir so etwas wie Hohn oder Hochmut über das Außen.
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Sebastian Schmidt:
Na, aufgefallen doch, aber ich lege nicht so viel Wert auf solche Stilmittel. Sie sind für mich Zier, schön, aber nur von geinger Bedeutung. Wenn man so will, verbindetet die Alliteration die beiden Wort schon stark, aber diese Verbindung wird auch über den Vergleich ausgedrückt, bedürfte daher nicht dieses rhetorischen Griffes. Aber klar, die beiden Verse sollte man ein bisschen näher betrachten. Fangen wir einmal bei den Schlüsselworten an. „Wüste“: Ein Ort, an dem das Leben fehlt, ein karger Platz, spärlich bewohnt, spärlich bedeckt von anderem außer Sand oder Salz. Sie ist der Gegensatz zum Wald, der für Leben steht, der Vegetation, der Artenvielfalt bedeutet. Nun, der Kontrast ist leicht zu erkennen. Von einer Wüste spricht man ja aber nicht nur im geografischen Sinn, das Bild lässt sich übertragen auf alles, dem ein vitales Moment fehlt oder dem es abhanden gekommen ist.
Da wären wir wieder bei dem großen Knall, der wohl als Ursprung dieser zukünftigen Veränderung gedeutet werden könnte. Auffällig ist auch, dass die Assoziation Wüste – Sonne zu den glühenden Schornsteinen führt, die quasi das Leuchten der Sonne ersetzen und die Wüste des lyrischen Ichs im Gedicht noch trostloster machen durch eine Art Smog-Nebel, durch den hindurch man nur die kleinen Köpfe der rauchenden Schlote erkennt. Aber nun der Knackpunkt an der ganzen Sache: Wer sich bescheidet, dem könne diese Wüste ein Wald sein? Eine Herausforderung an das Verständnis! Eine Wüste bietet keinen Raum, sich zu bescheiden, in ihr kommt man um, wenn man sich bescheidet, überhaupt, was soll dieses altmodische bescheiden hier? Nein, entweder ist das „bescheidet“ bewusst so gewählt, um die anderen Formulierungen aufs Korn zu nehmen, oder aber die anderen Formulierungen sind recht gewagt in einer Zeit, die sprachlich einfach noch nicht so weit war. Aber das erscheint mir abwegig.
Es muss eine Möglichkeit geben, sich zu bescheiden in der Wüste, ohne umzukommen, irgendwie den Wald in ihr zu sehen. – Eventuell solle man sich auch schlicht bescheiden, dass einfach keine Veränderung eintritt, so wie in einer Wüste auch kaum neues Leben entsteht, ist es nicht schon vorher dort gewesen. Anschließend an eine Aussage von mir weiter oben, dass es auch etwas sehr Modernes sein könnte, könnte das ja auch ein Gedicht mit ökologischem Hintergrund sein. Schornsteine, Wüste und Wald deuteten in eine solche Richtung. Aber irgendwie gefällt mir dieser Ansatz nicht so gut. Was meint ihr?
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Matthias Engels:
Sebastian, du erkennst die verwirrende Wirkung dieser Zeilen, die sich gar nicht unbedingt beim ersten Lesen entfaltet, hier sehr gut. Ist es am Ende alles nur ein frommer Wunsch? Vielleicht sogar ein gewisser Sarkasmus oder Galgenhumor? Wer sich in der Wüste einen Wald ersinnt, verdurstet vielleicht glücklicher – aber er verdurstet! Was deinen ökologischen Bezug angeht, muss ich aber leider sagen: Da geht der Chili-Züchter mit dir durch!
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Stefanie Jerz:
Für mich klingt das einfach wie: erwarte nicht viel, dann bist du auch zufrieden. Ich bin nicht auf die Alliteration eingestiegen, weil sie so klar in ihrer Aussage ist. Auch sagt sie mir nichts Näheres über Zeitpunkt des Verfassens aus. – Darf ich mal ganz peinlich und blöd das Bild erzählen, dass ich die ganze Zeit habe. Das mein ich ganz fotografisch. Also ich sehe eine mondäne Salondame mit Zigarettenspitze im Art Deko Sessel sitzen, nein räkeln und über die Sinnlosigkeit des Lebens lästern…
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Sebastian Schmidt:
Und nach dem „wer sich bescheidet, dem ist“ pustet sie eine große Rauchwolke aus, „auch die Wüste ein Wald“? Hehe! Eine schöne Facette, die das Gedicht hier noch bietet – und ehrlich gesagt, wie schon bei deiner Assoziation mit dem Altern, Stefanie, wieder einmal auf den Punkt! Das Gedicht lässt sich wirklich prima aus dieser Sicht lesen. Warum auch nicht, es sind ja nicht alle Verse gleich goldene.
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Hanna Scotti:
Meines Erachtens beschreibt der/die VerfasserIn ein typisch christliches Menschenbild, miefig und fad. Es wird nur zurück und nach vorn geschaut. Die Salondame brächte den knisternden Touch, eine willkommene Brise.
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Stefanie Jerz:
Nachdem Matthias uns darauf hingewiesen hat, dass wir mit der Zeit wohl falsch liegen, tippe ich hiermit noch mal auf die eingangs von mir ebenfalls vermuteten 1970er! Linse gerade zur DDR rüber…In der Diktatur wird man enormst geschult in der Kunst der Andeutung…würde ebenfalls passen…muss ich aber noch wirken lassen, den Gedanken.
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Matthias Engels:
Herrliche Bilder! Ich muss aber scheinbar noch einmal präzisieren. Meine Aussage, dass ihr zeitlich recht weit danebenliegt, bezog sich darauf, dass ihr euch zuletzt sehr auf den Zeitraum Expressionismus/Weimarer Republik eingeschossen hattet. Das Biedermeier war ja eher ein theoretischer Gedankengang, der durch die freie Form des Textes ohnehin ausfällt- zu all euren anderen Vermutungen will ich nix gesagt haben……..
Nochmal zur letzten Frage und euren Antworten: „erwarte nicht viel, dann bist du auch zufrieden“, sagte Stefanie eben. Ich finde das sehr gut zusammengefasst! Hier tauchen auch die „Wünsche“ indirekt wieder auf, mit denen man „nichts mehr am Hut“ hat! Auf was kann man das nicht alles projezieren? Enttäuschte Hoffnungen kennen wir doch aus so vielen Bereichen! Im Zwischenmenschlichen, im Beruf, im Künstlerischen und vom Leben an sich. Auch im Gesellschaftlichen und in der Politik -klein wie groß- werden wir mit solchen konfrontiert! Und da steht man mit seinen kleinen Hoffnungen auf einmal und um Einen herum ist nur: WÜSTE -karge, unwirtliche Landschaft-tagsüber sengend heiß, nachts unmenschlich kalt! Aber: bescheide dich, Mensch! Und sehe auch in dem kleinen Steinkraut, dem kümmerlichen Kaktus Leben und Wald! ruft dieses Gedicht- wobei es mir das eher so dahinzuraunzen scheint als zu rufen. 
Der Wald, neben dem Rhein so ein urdeutsches, uraltes Motiv! Die deutsche Eiche, die Varusschlacht, die Romantik…Ruhe, Schutz, Schatten, weiches Moos und durch die Lücken in den Baumkronen fallendes, weiches, gefiltertes Licht.  All das muss für einen deutschen Geist, der sich als solcher verwurzelt fühlt, in der Wüste wie der Garten Eden erscheinen. Nationale DNA, sozusagen. 
Und dann ist da -in diesem sehr prosaischen Gedicht- noch dieser Klang am Ende: Wüste wird zu Wald, neben der Alliteration höre ich da auch: Wasser wird zu Wein, Gegensätze werden vereint; ein Wunder im Alltäglichen, Absurden, mitten im piefigen Mief.  – Aber ich betone: auch ich habe nicht die Deutungshoheit für dieses Gedicht; auch ich liebe es einfach aus völlig irrationalen Gründen und fühle mich in meiner eigenen Lesart ganz wohl:  Aber ich sage: verliert neben der allgemein auf das Leben an sich anwendbaren  Interpretation einen zeitgeschichtlichen Kontext nicht aus den Augen! 
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Stefanie Jerz:
Gut, dass du mich stoppst in der Zeitreise, war schon bei der Gruppe 47 und danach. Also Fluxkompensator wieder aus und bei den 1920er/30er Jahren geblieben. Matthias, den Begriff „Nationale DNA“ finde ich in diesem Zusammenhang durchaus passend, auch wenn ich ansonsten ein Problem damit habe. Aber ja. Gefühlsprägungen, bekommt man nicht raus. Bin ein Waldkind durch und durch. Und wer in dieser Fülle aufwachsen durfte, den haut so schnell auch nichts um. Also steckt in der Alliteration, in dieser Aussage,  auch eine Menge Kraft. Widerstandskraft!
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Matthias Engels:
Ich höre hier auch eine Art Widerstand- allerdings eher passiv und in Form von Verweigerung oder zumindest Desinteresse. Hier ist Jemand von dem unbestimmten Rumoren um ihn herum nicht wirklich gepackt und darin eingeschlossen. Vielmehr sieht hier ein lyrisches Ich auch die fatalen Seiten daran. Stefanies Bild der gelangweilt rauchenden Salondame passt hier ganz gut. Und: Ja, der Begriff „nationale DNA“ hat sicher einen gewissen Beiklang, aber wir verorten ihn mal wertfrei viiiiel früher als in der Zeit, die einem da sofort in den Kopf schießt. Ich wollte damit massgeblich den Fokus mal auf den Bereich „deutsche Verhältnisse“ lenken- davon gab es ja durchaus so ein paar, über die man ein Gedicht verzapfen könnte..
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Stefanie Jerz:
Da war ich ja mit meiner Vermutung weiter oben bei deutsch/jüdischen Verhältnissen. Es gab ja einige AutorInnen, die da früh genung hingefühlt haben, was nach dem ersten Weltkrieg noch so droht.
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Matthias Engels:
In der Tat, Stefanie. Nach meinem Verständnis sieht hier Jemand etwas Kommendes auch sehr klar, aber es hat nichts mit dem deutsch/jüdischen Verhältnis zu tun!
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Sebastian Schmidt:
Im Kontext des deutsch-jüdischen Verhältnisses hätte ich den Text keinesfalls gelesen, dafür halte ich die Bilder für zu ambig und willkürlich, auch ein bisschen zu schwach. Dennoch befinde ich mich ein wenig in der Bredouille, da deine Ausführungen zur Deutung, Matthias, sich ja auf die Kenntnis des Veröffentlichungsdatums stützen. Trotzdem überzeugt mich deine Interpretation nicht bis zum Ende. Der Begriff der „Nationalen DNA“ ist ziemlich gewagt, vor allem, wenn er gebunden ist an das Wort, und hier nur  das Wort „Wald“. Natürlich besitzt wohl der Deutsche einen literarischen Hang zum Wald, aber wohl auch alle anderen Länder, die ausgeprägte Baumlandschaften ihr eigen nennen dürfen. Überdies gefällt mir die Verallgemeinerung nicht so sehr, dass allein das Vorkommen des  Wortes „Wald“ im Stande sein soll, eventuell nicht nur in diesem Gedicht, sondern in allen Gedichten, diese Assoziationen hervorzurufen. Ich finde, das tut es auch nicht, gerade weil die deutsche Literatur so viel vom Wald spricht, verliert das Wort damit an Eigenheit und wird zu einem Wort, das ganz frei ist und noch immer nicht altbacken nach schaler DNA schmeckt.
Den Hinweis allerdings, dass hier auch Wasser zu Wein werden könnte, finde ich spannend, auch wenn es etwas eigenwillig ist, die Wüste gerade mit „Wasser“ konnotatoiv aufzuladen. Aber klar doch, dein Gedanke macht vor allem die etwas gekünstelt wirkende Alliteration zu etwas Greifbarem, das auf diese Weise sinnvoll in den Text eingeflochten werden kann. Ganz überzeugt mich diese Auslegung in einem modernen Kontext allerdings nicht, wobei eine Kritik jetzt den Rahmen sprengen würde.
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Matthias Engels:
Das war auch nur eine Abschweifung, Sebastian. Ich halte den Wald hier nicht für ein massgebliches Motiv- er zeigt einfach nur eine enge Verwurzelung von Autor/Autorin XY mit der heimischen Region….bescheide dich und ALLES kann dir HEIMAT werden- auch das steckt darin. Aber jetzt will ich nicht noch mehr Tipps geben, sondern lieber eine weitere Frage stellen:
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Wie interpretiert ihr eigentlich das -immerhin titelgebende: „wir lassen uns rückwärts auszählen“? -Oft ist ja der Titel nicht ganz unwichtig…..
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Sebastian Schmidt:
Es war klar, dass du zum Ende noch einen aus dem Ärmel schüttelst! Wenn ich mich nicht täusche, haben alle (mich eingeschlossen) gerade um diese Verse bisher einen Bogen gemacht! Ich gehe kurz in mich …
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Stefanie Jerz:
Boxkampf von 10 auf k.o.. Schlagabtausch, zusammen mit der Redewendung „Mit uns haben wir nichts mehr am Hut“. Niederlage, Selbstaufgabe. Da ist sie wieder, die fatalistische Einstellung zum Schicksal.
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Matthias Engels:
Okay! Ja! Aber beim Boxen zählt man doch von 1-9??Aufwärts!
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Stefanie Jerz:
Oh, ups…das war der Raketencountdown, der rückwärts geht, ahhhhhh!!!!!Zündung!!!
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Matthias Engels:
Aha! Wo zählt man denn noch rückwärts? 
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Hanna Scotti:
Der Titel heißt  „rückwärts“
Dreh dich nicht um, schau nicht auf Sodom, sonst erstarrst du. Dreh dich nicht um, denn der Plumsack geht um …   
Gehst du rückwärts, siehst du nicht, was hinter dir ist.
Wenn du dich umdrehst, verlierst du alles, was du liebst an den Tod.
Schaust du „Ihm“ ins Auge, bist du genau so verloren.
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Stefanie Jerz:
Das genau trifft’s!
Hanna Scotti:
Mir scheint, dieses Gedicht führt sich selbst mitsamt seinem Verfasser an der Nase herum und damit auch uns.

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Stefanie Jerz:
Das find ich nicht, aber es zeigt, wie unsinnig es ist, etwas zu wollen im Leben, oder?

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Matthias Engels: 
Oh doch! Sehr gute Zusammenfassung des Gesamtwerks von Verfasser/Verfasserin XY!
Dennoch gilt auch dein Einwand, Stefanie! Mit den „Wünschen“ fängt doch das Dilemma und -laut Buddha- das ewige Leiden an!
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Hanna Scotti:
Braucht die Welt Gedichte, Dichter, uns Interpreten, Public Pads…….? Nein, ganz schlicht : nein

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Stefanie Jerz:
Doch und unbedingt: immer wieder, um uns zu zeigen, dass grundsätzlich alles in Frage steht.

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Hanna Scotti:
Diese Erkenntnis schmerzt, ist aber wahr.

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Stefanie Jerz:
Stimmt. Autsch!
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Hanna Scotti:
Rückwärts zählen ????- Das Brettl vor meinem Kopf ist angenagelt.
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Stefanie Jerz:
Genau so, liebe Hanna. Diese Hoffnung/oder Befürchtung, es möge vielleicht noch etwas passieren, das spüre ich auch 
Nach dem Versuch, die von Matthias so sadistisch   umsichtig und herausfordernd ausgewählten Zeilen an etwas festzumachen,  sind wir nun vom Selbst zum Außen, von der Langeweile zum Krieg, vom  Boxsport über Sesselpupsen einmal quer über und durch sämtliche Facetten  dieses kleinen Diamants gesurft.
Matthias gab jetzt noch einmal einen Tipp zur Fokussierung. Und für mich steht nun fest, dass es sich um eine Meditation zur Jahreswende handeln  muss. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Rückwärts  zählen wir kurz vor den Raketen am Sylvesterabend. Es passt alles…und  ich bin tief beeindruckt, wie der Verfasser schafft, einen so  bestimmten Text so offen zu lassen für unsere wilden  Interpretationen…das Geheimnis von Sprache, ich werd das nie verstehen…
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Sebastian Schmidt:
Nun stehe ich ganz am Ende dieses so schönen Hin und Hers, dessen leichter Ton über die tiefen Gedanken fast hinweggleiten lässt. Aber ich will erst einmal gar nicht so tief hinab, sondern unvermittelt hinein und die kontextuelle Struktur der Eröffnungsverse betrachten. Was viel zu kompliziert klingt, für das was folgt. Ich frage mich hier lediglich: Wie kann so eine Situation aussehen, in der „wir“ uns auszählen lassen können und in der die Reihenfolge des Auszählens überhaupt von Bedeutung ist. Am Anfang also wieder die Frage: Was haben wir eigentlich?
Zuerst das Wort: „auszählen“. Es bedeutet für mich so etwas wie eine Frist, nach der für jemanden irgendetwas endet, und auch, dass diese Frist durch einen anderen gesetzt wird.
Danach haben wir „auszählen“ als Verb. Wer zählt wen aus? Ausgezählt werden wir von einem, der die Befugnis dazu hat und der die Regeln kennt, nach denen er einen anderen auszählen kann. Im Sport ist das beispielsweise meist der Schiedsrichter oder das Schiedsgericht.
Dadurch kommen wir zum Bild. Wir haben ein Bild, in dem es zwei Parteien gibt, diejenige, welche den Regeln folgt (die sie eventuell selbst gemacht hat), und diejenige, welche diesen Regeln folgen soll. Hier bestimmt die eine Partei über die andere.
Doch nun zu den Besonderheiten im Bild, von denen es zwei gibt: Einmal ist es die, dass dieses Auszählen freiwillig erduldet wird „wir lassen uns … auszählen“. Denn es steht nicht dort „Wir werden ausgezählt“ oder „Wir haben keine andere Wahl, als uns auszählen zu lassen“. Die Schuld also, dass hier überhaupt eine Partei ausgezählt wird, dass über eine Partei gerichtet wird, die liegt auch an der schwächeren Seite selbst, an der Masse der sich nicht dagegen Auflehnenden.
Zweite Besonderheit: Hier wird jemand „rückwärts“ ausgezählt. Für das Ergebnis spielt die Richtung des Auszählens eigentlich keine Rolle, das Resultat ist gleich: Game over! Aber für das Gedicht, das mit den Bedeutungsebenen spielt, ist es von großer Bedeutung. Denn allein der Bezug von „Countdown“ und „großer Knall“ gibt dem Auszählen ein finales Moment, ein Moment, das einen Endpunkt darstellt, der nicht alles unverändert lässt, wie ein vorwärtsgerichtetes Auszählen es andeuten würde
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Das ist die Rohmasse, die sich nun ganz leicht zu etwas Sinnvollem, hoffe ich, verspachteln lässt; ein kurzer Deutungsversuch unter veränderten Vorzeichen: Das Gedicht eröffnet zwei Spannungsverhältnisse, einmal das zwischen den Auszählern und den Auzuzählenden; und dann, bisher auch etwas untergegangen, zwischen Wir und lyrischem Ich. Denn scheinbar ist es so, dass die Auszuzählenden nicht genug getan haben, um sich gegen das Ausgezähltwerden zu wehren, sie „lassen“ es geschehen. Dadurch entsteht ein Machtverhältnis.
Leidtragender dieses gekippten Verhältnisses ist das lyrische Ich, denn es kommt nicht gegen das Wir an, auch wenn es den „großen Knall“ sieht. Es ist so etwas wie der tragische Held. Und der hat die Situation im Blick, sieht die von Überproduktion „glühenden Schornsteine“ der Konsumindustrie und die Bevormundung (es muss nicht nur auf Deutschland bezogen werden!), aber er erkennt die Hilflosigkeit gegenüber denen, die sich gegen diese Auszählung, dieses Überwachtwerden und Einschänkenlassen nicht wehren.
Damit haben wir ein Muster, dass nur noch gefüllt werden braucht etwa mit tagesaktuellen Themen. Beispielsweise die Überwachung durch die NAS im Zeitalter nahezu unbegrenzter technischer Möglichkeiten, in dem ein ganz und gar untechnischer „Sessel“ schon so etwas wie eine zweite Heimat sein kann. Aber es muss nicht so aktuell sein, jegliche Überwachung, etwa in der DDR und in anderen Ländern, könnte in das Muster eingesetzt werden. Herauskommt, je nach Tagesaktualität, ein modernes Gedicht, das nach der Analyse zur Einsicht gelangt: Die Chacen sind vertan, wenn überhaupt folgt noch der „große Knall“. Davor im Sessel noch Goodbye zu sagen, „das wäre ein Glück“. Aber es ist kein Glück, dieser Zug ist abgefahren!
Das Bescheiden ist dann ein letzter Weg vor Abzweig Ende, wenn auch kein Ausweg: Im Auge behalten, was es ist, eine „Wüste“, aber darin eventuell zumindest noch die Oase zu suchen, den Wald, mag der aussehen, wie er will.
Man könnte weitergehen und die etwas eigenwillige Sprache vor diesem Gedankenkonstrukt zu beschauen, aber es soll bei dem Hinweis bleiben, dass es auch in ihr nicht mehr möglich scheint, sich der Zeit zuvor zuzuwenden, da die Sprache dadurch alt und unglaubwürdig wird, gleichzeitig aber auch zeigt, dass das Anschreien gegen die Masse nur noch in der Sprache der Masse selbst möglich ist: In der Sprache der Zeit, die jedoch auf den großen Knall zuhält. Ein Paradox, ein Irrgarten ohne Ausweg. Eine Mischung aus Resignation, Ironie, Trauer, Fatalismus und Pathos. Zusammengefasst also der Kern dessen, um was unsere Gedanken seit vielen Hundert Worten elektrisch zwirbeln.
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Matthias Engels:
Das war ein sehr sehr schönes Schlusswort, Sebastian, das ich auch einfach mal so stehenlassen will. Nur noch kurz einmal für die Akten:
Wer spricht sich für einen männlichen Verfasser aus? ( Bitte kurz begründen, wenn ihr könnt und es noch nicht getan habt)
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Hanna Scotti:
Ich denke, es ist ein männlicher Verfasser. Begründen kann ich es nicht wirklich. 
Mein Versuch weiter oben ist wohl nicht ganz ernst zu nehmen?
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Matthias Engels:
Sicher nehmen wir das Ernst und einfach mal als Fakt, Hanna! aber nur, weil du Sebastian und mich ausdrücklich ausnimmst! Nee nee, dieses Dichterbild, das du da zeichnest, ist ja nicht ganz unbekannt. Ob es hier zutrifft?-Schauen wir mal!l
Stefanie Jerz:
Absolut ernstzunehmen, liebe Hanna!!! Siehe oben in deinem letzten Text.
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Matthias Engels:
…und wer für einen weiblichen? 
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Stefanie Jerz:
ich bin nach wie vor für einen weiblichen Verfasser bei diesem Text. Warum, erwähnte ich anfangs ja. 
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Hanna Scotti:
Hier, bei euch fühle ich mich doch immer, immer wieder zu Hause. Dieses kreative Chaos. Welch eine Herausforderung, welche Freude. Stefanie, du hast recht, Dichter mit ihren dichten Gedichten sind mit Nichten (nein – nicht die zweibeinigen Nichten) überflüssig.
Und doch….so würden wir es gerne sehen, unsere eigene Wichtigkeit in Frage zu stellen, ist wie sterben.
Auch das möchte ich einsehen lernen: Alles dichten, kritisieren, backen, streiten, lieben, kopulieren, trinken, arbeiten, faulenzen, sch…….sind Beschäftigungen, um die Zeit zwischen Geburt und Tod rumzubringen, mehr nicht. In 10000 Jahren kennt vermutlich niemand mehr unseren Rilke und schon gar nicht uns (seufz).Ist das nun tröstlich oder entsetzlich? 
Unserem Dichter scheint das gleich – gültig im Sinne von gleich gültig , wozu sich dann noch die Frage nach Männlein oder Weiblein stellt?
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Sebastian Schmidt:
Ich enthalte mich mit voller Absicht einer Entschiedung, um welche Dichterin oder um welchen Dichter es sich handeln könnte. (Ich könnte auch keinen Verfasser und keine Verfasserin bennen, die für mich in Frage kämen.) Ich finde es zu schön, all diese Klischees in der Blindverkostung außen vor zu lassen. Hier spricht ein Text, mag er stammen, von wem er will. Solche Texte zu schaffen, braucht es besondere Menschen, alles andere ist mir unwichtig. Der Text steht, nachdem er geschaffen wurde, allein, denn er muss auch ganz allein für sich selbst reden. Das ist meine Vorstellung von Literatur, unabhängig von der Blindverkostung. Ich möchte mit dieser Einstellung hier und heute nicht brechen. (Das ist übrigens auch der Grund, warum ich nicht direkt auf den Titel eingehe, für mich sind Titel eine Einmischung des Autors in und vor den Text, das mag gut oder schlecht sein, aber ich mag es nicht sonderlich, zumindest nicht bei Gedichten.)
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Matthias Engels:
Damit steht es eins zu eins, bei einer Enthaltung!-
Letztlich, was die Qualität und die Wirkung eines Textes angeht, ist das Geschlecht des Verfassers ja völlig irrelevant. Dennoch finde ich die Frage spannend, ob man es herauslesen KANN! Für alles gibt es ja mittlerweile Beispiele: für besonders feminin schreibende Herren und bewußt maskulin formulierende Damen. Man wird also nichts pauschalisieren können-aber genau das ist auch Teil des Reizes dieser Frage, die ich immer wieder stelle. Gibt es „weibliche“ Themen oder „männliche“ Begriffe? -Nein, oder besser, es mag sie geben, aber sie stehen BEIDERLEI Geschlecht als Material zur Verfügung. Hier könnte man sicher eine neue Diskussion starten, was wir aber vorläufig erstmal vertagen wollen.
Stefanie Jerz:
Das stimmt absolut, dass sich das alles glücklicherweise miteinander vermischt. Ist letztendlich bei mir auch immer nur Gefühlssache, ob ich meine, da ein Geschlecht zuordnen zu können…oder zu müssen.
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Matthias Engels:
Jetzt haben wir an Form, Inhalt, Interpretation und möglichem Entstehungsdatum herumgebastelt und haben uns manchem angenähert, anderes umschifft und sicher jede Menge ausgelassen und vergessen! 
Bevor ich euch jetzt aber noch raten lasse, ob der Verfasser möglicherweise bei der Niederschrift des Textes einen Schnupfen hatte oder Liebeskummer, ob es eher im März oder vielleicht doch im August verfasst wurde, will ich euch nicht länger auf die Folter spannen und euch Herkunft, Verfasser und Entstehungszeit verraten:
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Buddha bei die Fische!

Eine Rückschau beim Herunterzählen der Sekunden vor dem Jahreswechsel? Schlaglichter kommen ins Gedächtnis, überlagern sich….
„War das im Frühling? Nein, im Sommer! Ich weiß noch, als dies und das geschah, da machte ich gerade….“
Beamen wir uns mittels modernster Technik einmal zurück zum Jahreswechsel 1986/87.
Was da an großen und kleinen Ereignissen allein aus der ersten Hälfte des Jahres zusammenkommt, liest sich ein Stück weit wie ein Strickmuster für den Text, den Stefanie, Hanna, Sebastian und ich heute ohne diesen zeitgeschichtlichen Kontext zu kennen, verwurstet haben:

Helmut Kohl ist Bundeskanzler (und wird es noch lange bleiben)
Deutschland unterliegt im WM-Finale Argentien mit 2:3.
Die meisten Eltern nennen ihre Kinder Julia oder Alexander.
1000 Menschen sterben bei einem Erdbeben in San Salvador.
Mike Tyson wird nach K.O.-Sieg in der 2. Runde über Trevor Berbick mit 20 Jahren jüngster Schwergewichtsweltmeister aller Zeiten
Michail Gorbatschow fordert erstmals Glasnost.
Die US-Raumfähre Challenger bricht kurz nach dem Start auseinander. Alle sieben Astronauten kommen ums Leben.
Der Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts, sein Chauffeur Eckhard Groppler und der deutsche Diplomat Gerold von Braunmühl werden durch einen Bombenanschlag der RAF getötet.
Die Katastrophe von Tschernobyl ereignete sich am 26. April 1986 in Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl.
In Berlin schreibt der 34jährige Germanist und Autor Hans Ulrich Treichel sein Gedicht: Rückwärts.

…wir lassen uns rückwärts auszählen, der Himmel ist trüb, die Schornsteine glühen, aus dem Sessel kippen vor dem großen Knall….

treichelHans Ulrich Treichel, 1952 im westfälischen Versmold geboren, zählt zu den wichtigsten deutschen Gegenwartsautoren.
Promoviert über Wolfgang Koeppen begann der Germanist in den späten 70er und frühen 80er Jahren als Lyriker seine Autorenlaufbahn. Einige Gedichtbände erschienen seit 1979. Jedoch  wandte sich Treichel in den 90er Jahren auch der Prosa zu und schuf mit dem autobiographischen Roman Der Verlorene eines der meist übersetzten Bücher der deutschen Gegenwartsliteratur.
Der Autor thematisiert hier seine Kindheit als Spross von Eltern, die als Vertriebene aus den Ostgebieten in Westfalen gestrandet waren. Der Schatten des auf der Flucht verlorenen älteren Bruders lastet auf ihnen und auch dem erst nach dem Krieg geborenen Ich-Erzähler. Seine Heimat Ostwestfalen (dem merkwürdigen Namen für ein Irgendwo/Nirgendwo) ist dem heranwachsenden Anti-Helden sein eigenes, privates Sibirien, denn der Osten, aus dem die Familie stammt, ist irgendwie Russland und noch östlicher ist dann ja nur noch Sibirien…
Diese unwirtliche und emotional kalte Umgebung verließ Treichel allerdings recht bald, ging nach Berlin, wo er viele Jahre lebte. Er lehrt seit 1995 am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und verkörpert m.E. in vielerlei Hinsicht mittlerweile so etwas wie eine gesamtdeutsche Autoren-Biographie und hat sich schon früh und seitdem dauerhaft mit Fragen wie einer deutschen Identität befasst.

Seine Lyrik ist schmucklos, einfach, oft mit einem (selbst-)ironischen Unterton ausgestattet. Virtuos kann Treichel darin zwischen der abgeklärten Sachlichkeit eines Dr. Benn und dem klugen Hinterfragen des Status Quo im Stile eines Bert Brecht hin- und herwechseln. Ein leiser Humor und ein zaghaftes dennoch ziehen sich sowohl durch seine lyrischen als auch durch seine erzählerischen Werke. Und: Pathos ist seine Sache nicht, dafür die Langeweile. Niemand dekliniert so viruos, so konsequent und so unterhaltsam die ewigen, eintönigen Widerholungen des Lebens im Kleinen durch.

Das Gedicht, das ich euch vorlegte: -Rückwärts- stammt aus und ist zitiert nach seinem 1986 erschienenen Band -Liebe Not-
Suhrkamp 1986
ISBN:
978-3518113738

Jetzt könnte man einen solchen Jahresrückblick mit den verlässlich stattfindenden, regelmäßigen Katastrophen eigentlich zu jedem Silvester schreiben- dennoch kommt hier ja noch die Facette des sich bescheidens ins Spiel, das ihr ganz richtig erkannt habt. Allerdings nicht unter völliger Ausklammerung des Fragezeichens, das dahintersteht. Ich höre es in den letzten beiden Zeilen recht deutlich: ist es so? Ist dem, der sich mit seinem gemütlichen Jahreswechsel-Fest bei Fondue und Sekt zufrieden gibt, wirklich die Wüste ein Wald -angesichts im- und explodierender Technikträume, Naturkatastrophen und wunschlosem Unglück? Können wir schon zufrieden sein, wenn in unserem Land, in unseren kleinen Verhältnissen Ruhe herrscht, wenn sie denn auch an Langeweile grenzt? Ein warmer Ofen in den eigenen vier Wänden? Kein Krieg vor der Haustür und der große Knall weit genug entfernt, um hier lediglich als kleines Puff hörbar zu werden….?

Ich danke herzlichst meinen drei Probanden. Ohne ihre Bereitschaft, sich gehörig den Mund zu verbrennen und eventuell völlig blind herumzutapsen, wäre diese Folge nicht zustande gekommen! Sie haben ihre Aufgabe mit Bravour bestanden, finde ich!

Die letzten Worte dieser XXL-Folge -Blindverkostung- soll aber den fleißigen Verkostern gehören! Hat`s geschmeckt?

Hanna Scotti:
Danke für die Auflösung. Uffff, jetzt entweicht  langsam die Spannung, Ich lehne mich zufrieden zurück. Ein entzückend – virtuoses Werk ist entstanden. Und so stringend logisch am Dichter langgedacht, lach. Was Lyrik in mir auslöst, berührt mich immer wieder tief und die feine Zusammenarbeit mit euch, einfach so, beweist, dass sie eine besondere Nähe zwischen Menschen schaffen kann, weit über das alltägliche Maß hinaus. Straft das nicht den Tenor des Gedichts Lügen? Aber das zu klären ist eine neue Aufgabe.
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Sebastian Schmidt:
Den Fuß auf dem Schlauch, zumindest ein wenig. Zuerst aber einmal vielen Dank fürs Auflösen, Matthias, und die super Gelgenheit, hier so ein schönes Gespräch mit dir und den anderen Teilnehmern führen zu dürfen.
Ich hatte wohl ein wenig den Blick zu weit in der Ferne, denn mir ist es nicht so recht in den Sinn gekommen, dass dieses Auszählen auch ganz naheliegend zum Sylvesterabend gehören könnte. – Da hat man es wieder, dass einen die Gedanken doch machmal recht weit weg tragen, wenn sie so dahinflattern. Aber natürlich scheint das jetzt nach der Auflösung alles einleuchtender!
Die größte Erfahrung, die ich in diesem Gespräch gewinnen konnte, ist die: Wenn man die Texte ganz allein für sich hernimmt, dann zeigt sich, wie stark die Worte wirken können und wie manchmal auch die „richtige“, zumindest die zeitlich richtig eingeordnete Lesart, ein Stückchen hindert, den Deutungsspielraum in seiner Breite aufzufassen. Aber den einzufangen, das ist uns in der Blindverkostung hoffentlich ein kleines Stück weit gelungen.
Es war eine unglaubliche Reise entlang eines geistreich gestalteten Gedichtes; das dennoch nicht zu meinen Lieblingsgedichten werden wird. So weit muss ich dann auch ehrlich sein, aber das ist eher den ganz persönlichen Vorlieben geschuldet. Jedoch die Kunstfertigkeit, die ist natürlich keinesfalls in Abrede zu stellen und bewundernswert. Wohl dem, der solche Verse machen kann – und wohl dem, der die Gelegenheit hat, mit so reizenden Menschen über Lyrik zu sprechen. Vielen Dank!
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Stefanie Jerz:
Zwei Gefühle habe ich gerade zur Auflösung: einerseits bin ich ein wenig traurig den Dichter der besprochenen Verse nicht erkannt, ja nicht mal gekannt zu haben bisher. Aber andererseits bin ich froh und stolz darüber, was uns hier alles zu diesen wenigen Sätzen eingefallen ist.
Ganz besonders glücklich aber macht mich, dass ich wieder einmal erleben durfte, wie Lyrik imstande ist, die Gedankenwelt von Menschen zu öffnen! Romane, Dramen, Filme…alle anderen Genres für die man schreiben kann geben Richtung vor und lassen höchstens Interpretationsspielraum zu. Dichtung aber erschließt, berührt und entfacht – vorausgesetzt sie ist handwerklich gut gezimmert – ganze Welten im Leser. Deshalb liebe ich sie so.
Danke dir herzlich für diese Gelegenheit, Matthias, und dafür dass du uns hier so sanft, aber konzentriert durchgeführt hast! Von der Einladung auf diese komfortable Plattform ganz zu schweigen. Und auch an Hanna und Sebastian ein ganz inniges Dankeschön. Ich fand toll, wie wir uns hier die Bälle zugeworfen haben, ohne das jemand einen davon vor den Kopf bekommen hat.

Die vergangenen Folgen der -Blindverkostung- findet man hier:

Folge 1 mit Jost RennerFolge 2 mit Thyra Thorn
Folge 3 mit Anke Laufer
Folge 4 mit Paul Fehm
Folge 5 mit Hanna Scotti
Folge 6 mit Arnd Dünnebacke
Folge 7 mit Jonas Navid Mehrabanian Al-Nemri
Folge 8 mit Werner Weimar- Mazur

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