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Spuren der Moderne in Münsterland & Westfalen: OberDADA Hülsenbeck in der münsterländer Pampa-

100 Jahre DADA- ein schöner Anlass, diesen Artikel noch einmal aus der Versenkung zu holen. Ausgerechnet einer der Köpfe der Bewegung hat eine enge Beziehung zu meinem beschaulichen Heimatörtchen….

 

 

Diese Aufnahme des DADA-Autoren Richard Huelsenbeck entstand, lange nachdem DADA in den Kunstkanon des 20.Jahrhunderts eingegangen war, in Huelsenbecks amerikanischer Wohnung. Er lebte als Arzt und anerkannter Reiseschriftsteller dort und verwaltete weltweit das DADA-Erbe als Mit-Erfinder, Moderator und Exeget der Bewegung.

richard-huelsenbeck-portrait

Die Texte, die er hier vorträgt, stammen aus seinem Büchlein: Phantastische Gebete, dem ersten Fanal Dadas, der Kunstrichtung, die um 1916 im berühmt-berüchtigten Cabaret Voltaire in Zürich begründet wurde.

Zahlreiche Emigranten aus aller Herren Länder hatten sich dort versammelt: Deutsche, Schweizer, Rumänen, Bulgaren, Franzosen, darunter: Hugo Ball und Emmy Ball-Hennings, Jean Arp, Tristan Tzare und Marcel Janco.

Ein Russe, der später unter dem Namen Lenin bekannt werden sollte, ging desöfteren in diese Kaschemme, um Schach zu spielen. Abends gab es Ausdruckstanz, Lesungen, Ausstellungen moderner Kunst und aus diesem Brutkasten heraus erhob sich Dada, dessen Name -der Legende nach- beim blinden Tippen in ein französisches Wörterbuch entstanden sein soll.

Alle bürgerlichen Werte und Normen der Kunst- und Kulturgeschichte wurden über Bord geworfen. Radikaler noch als der parallel stattfindende Expressionismus zertrümmerte Dada die Syntax und wand sich zum reinen Laut- und  Nonsensgedicht. Gerne trug man bei der Rezitation Phantasie-Kostüme oder überließ (wie bei einer Dada-Tournee durch die Niederlande) dem Publikum die Bühne.

Richard Huelsenbeck , (Amerika nannte er sich Charles Hulbeck) war einer der Ziehväter der Bewegung. 1892 in Frankenau als Sohn eines Apothekers geboren, erwies er sich schnell als schwieriges Kind. Die Familie zog oft um und Richard besuchte verschiedene Schulen in Dortmund und in Bochum. Der äußerst intelligente, aber widerborstige Schüler hätte wegen zahlreicher Regelverstöße das Abitur beinahe vergessen können, wenn es nicht ein Gymnasium gegeben hätte, das sich auf solche Fälle in gewisser Weise spezialisiert hatte.

Das Arnoldinum in Burgsteinfurt, mitten im nördlichen Münsterland, erklärte sich bereit, dem jungen Hülsenbeck eine letzte Chance zu geben. Eine sehr kleine Klasse und strenge Lehrkräfte sollten es dem aufsässigen Schüler ermöglichen, seinen Abschluß doch noch zu bekommen.  Von 1908 bis 1911 sollte er hier verbringen.

Im Januar 1909 steht der spätere Dichter auch das erste Mal sprechend auf einer Bühne, ebenfalls in Burgsteinfurt.    „Zur Feier des Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers und Königs Wilhelm II.“ deklamiert er in der Feier das Gedicht „An Deutschland“ von Emanuel Geibel, ein 12-strophiges Gedicht mit dem Untertitel „Januar 1871“, das überquillt vor nationalem Pathos.  Das Schulprogramm 1908-1909 hält fest, dass „außer vielen Freunden und Gönnern der Anstalt auch Seine Durchlaucht der Erbprinz Adolf in Vertretung Seiner Durchlaucht des Fürsten zu Bentheim u. Steinfurt erschienen war“.

text_huelsenbeck_13_1Es gibt zahlreiche Anekdoten aus der Zeit des späteren Ober-Dadas in der Provinzschule- die prägnanteste ist sicher die, die den Sinn und Zweck der Verschickung Huelsenbecks hierher beinahe noch gefährdet hätte.

Gen Ende der Schulzeit waren nur noch 5 Schüler in der Abiturklasse übrig geblieben. Unter ihnen kursierte schon länger ein Schlüssel zum Zimmer des Direktors, den sich einer der Jungs besorgt hatte.  Im Dezember 1910 wird eben dieser Schüler vom Direktor in dessen Büro gestellt, wie er gerade das verschnürte Paket mit den Abiturprüfungen öffnen wollte. Eine umfangreiche Untersuchung gegen alle Schüler wurde eingeleitet, bei der geprüft wurde, in wieweit die Anderen Schüler in den Plan eingeweiht gewesen waren.

Auf das Einwirken des Vaters eines der Schüler hin, der glücklicherweise Lehrer der Anstalt war, wurden die anderen vier entlastet. Mit einer „ernstlichen Verwarnung“ wurden sie nun dennoch zur Prüfung zugelassen und Huelsenbeck bestand. Er verließ Burgsteinfurt jedoch noch am selben Tag und bekam sein Zeugnis nachgeschickt.

Er studierte in den folgenenden Jahren zunächst in Münster, dann in München, Berlin und Greifswald Medizin, Philosophie und Kunstgeschichte, bevor die Wirren des ersten Weltkriegs ihn in die Schweiz und zum Dada trieben.

Hier noch ein Text aus den Phantastischen Gebeten:

ENDE DER WELT

Soweit ist es nun tatsächlich mit dieser Welt gekommen

Auf den Telegraphenstangen sitzen die Kühe und spielen Schach

So melancholisch singt der Kakadu unter den Röcken der spanischen

Tänzerin wie ein Stabstrompeter und die Kanonen jammern

den ganzen Tag

Das ist die Landschaft in Lila von der Herr Mayer sprach als er das

Auge verlor

Nur mit der Feuerwehr ist die Nachtmahr aus dem Salon zu vertreiben

aber alle Schläuche sind entzwei

Ja ja Sonja da sehen Sie die Zelluliodpuppe als Wechselbalg an

und schreien: God save the king

Der ganze Monistenbund ist auf dem Dampfer „Meyerbeer“ versammelt

doch nur der Steuermann hat eine Ahnung vom hohen C

Ich ziehe den anatomischen Atlas aus meiner Zehe

ein ernsthaftes Studium beginnt

Habt ihr die Fische gesehen die im Cutaway vor der Opera stehen

schon zween Nächte und zween Tage?

Ach Ach Ihr großen Teufel – ach ach Ihr Imker und Platzkom-

mandanten

Wille wau wau wau Wille wo wo wo wer weiß heute nicht was unser

Vater Homer gedichtet hat

Ich halte den Krieg und den Frieden in meiner Toga aber ich ent-

scheide mich für den Cherry-Brandy flip

Heute weiß keiner ob er morgen gewesen ist

Mit dem Sargdeckel schlägt man den Takt dazu

Wenn doch nur einer den Mut hätte der Trambahn die Schwanzfedern

auszureißen es ist eine große Zeit

Die Zoologieprofessoren sammeln sich im Wiesengrund

Sie wehren den Regenbogen mit den Handtellern ab

Der große Magier legt die Tomaten auf seine Stirn

Füllest wieder Busch und Schloß

Pfeift der Rehbock hüpft das Roß

(Wer sollte da nicht blödsinnig werden)

 

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Literaturzeitschrift eXperimenta Juli/August

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Ich melde mich aus dem Urlaub zurück und darf gleich, wenn auch etwas verspätet, verkünden: wie schon in den beiden vorhergehenden Ausgaben gibt es auch diesen Monat einen Essay von mir in der neuen Ausgabe der online-Literaturzeitschrift: eXperimenta. Das Motto lautet diesmal: HautNah. Meinen Text: Gedanken zum Schreiben und Leben findet Ihr zum Gratis-Download HIER.

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Roman der Zukunft -ein Versuch-

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Der Roman der Zukunft: schon immer und oft und ausgiebig ist darüber diskutiert worden, wie er auszusehen habe. Die gleiche Frage gibt es ja für die Lyrik, das Theater und Literatur an sich.
Ob es etwas Derartiges überhaupt geben kann -DER Roman, DAS Gedicht, DAS Drama der Moderne- sei einmal dahingestellt. Ein paar Überlegungen müssen dazu erlaubt sein:

Neulich stieß ich auf einen Artikel, der bemerkte, dass es heutzutage praktisch unmöglich sei, literarische Figuren in Situationen zu bringen, die nicht mittels Handy oder Internet zu lösen seien. In unzähligen Durbridge-Krimis sehen sich die Ermittler in Notsituationen erst einmal vor die Aufgabe gestellt, möglichst schnell eine Telefonzelle zu finden. Jemand wartet vergeblich auf einen alles entscheidenden Brief?  Heute –trotz regelmäßiger Poststreiks- kein Thema mehr, schickt man eben eine Mail oder SMS! Kafkas Landvermesser im Roman Das Schloss könnte heute leicht vor seiner Abreise Wikipedia über die Gewohnheiten und Begebenheiten seines Bestimmungsortes befragen und stünde hinterher nicht vor derlei Rätseln wie im Original. Dem amerikanische creative-writing-Lehrer Sol Stein zufolge, sind beinahe alle großen Romane auf einen einzigen Plot zurückzuführen: Die Suche. Jemand sucht etwas, Jemanden, einen Ort…wie leicht ginge das heute- mittels E-Mail, Facebook oder google maps?

Die einzig bleibende Erklärung, die dementsprechend auch immer häufiger in der Literatur auftauchen dürfte, lautet: Er/Sie hat kein Netz. Aber dafür muss man schon abgelegene Handlungsorte wie Höhlen oder Gebirge erfinden und dies ist bereits ein Punkt, an dem die technische Welt die Literatur prägt. Sicherlich werden wir demnächst öfter lesen: „Er/Sie hatte sein Handy vergessen“ und „Sein/Ihr Akku war leer.“ könnte ein Standard-Satz sein- aber das wären Taschenspielertricks, um Situationen zu erklären, die eigentlich nicht mehr vorkommen.

crusoeGut, Hans Castorp oder Büchners Lenz könnten sich also nach wie vor im Gebirge und im Schnee verlaufen, auch Robinson Crusoe würde auf seiner einsamen Insel wohl keinen Kontakt zur Außenwelt bekommen- allerdings gibt es derartige Inseln, die nicht zumindest von Luxus-Hotels als Tagesausflug angesteuert werden, kaum noch.

Das Jemand daran scheitert, etwas nicht zu wissen, oder sich wegen mangelnder Orientierung in brenzlige Situationen begibt, wird immer unwahrscheinlicher. Auch der Suche-Plot funktioniert also nur noch bedingt  mit Orten, Personen oder Informationen. Nur noch im Privaten und bei Gefühlen greift er. Weiterlesen

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Essay zur Literatur in der aktuellen eXperimenta

Die neue Ausgabe der online-Literaturzeitschrift eXperimenta ist draußen.
Herausgegeben von Rüdiger Heins und dem INKAS Institut (INstitut für KreAtives Schreiben in Bad Kreuznach) widmet sich das Blatt monatlich interessanten Themen. Diesmal lautet das Motto: Befreiung…verschwinden ist nicht verdrängen.

cover_2015_05Unter anderem findet ihr diesmal darin Ordnung versus Chaos, einen meiner Essays, der sich unter Betrachtung von Kafka, Thomas Mann, Kerouac, Gottfried Benn und anderen mit Fragen zum Schreiben und der Literatur beschäftigt. In den folgenden beiden Ausgaben von eXperimenta werden zwei weitere erscheinen.

Die aktuelle Nummer gibt es hier als kostenfreien download, man freut sich aber auch über ein Solidaritätsabo…Macht Euch mal schlau, es lohnt sich!
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Hier schon mal ein Schnipsel meines Textes zum Schnuppern:

Ordnung vs Chaos.

Über Kontrolle und freiwilligen Gleitflug

Es gibt ihn nach wie vor – diesen Streit, woraus Kunst entsteht. Welche Triebfeder dahinter stehen sollte. Weiterlesen

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eXperimenta – Zeitschrift für zeitgenössische Lyrik und Prosa

experimentaIn den nächsten drei Ausgaben der online-Literaturzeitschrift eXperimenta  Zeitschrift für zeitgenössische Lyrik und Prosa, herausgegeben von Rüdiger Heins und dem INKAS – Institut für Kreatives Schreiben im Netzwerk für alternative Medien und Kulturarbeit e. V. wird jeweils ein Essay von mir zum Thema Schreiben enthalten sein. Es beginnt in der bald erscheinenden Mai-Ausgabe mit dem Text: „Ordnung versus Chaos“, der einige Gedanken zu Struktur und kreativem Durcheinander reflektiert. Ich sag Bescheid, wenn es soweit ist. Die Zeitschrift ist jeweils kostenlos auf der Homepage herunterzuladen, man freut sich allerdings über ein Solidaritätsabo.

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Spuren der Moderne in Münsterland & Westfalen: Jakob van Hoddis in Dr. Lackmanns Kurklinik, Wolbeck

lackmannsHeute erinnert nur noch die Bushaltestelle Kurhaus an der Hofstraße in Münster Wolbeck an Dr. Lackmanns Kurhaus. Etwa 10 Minuten Fußweg entfernt lag es vom Drostenhof im gleichen Ortsteil. Das Flüßchen Angel zieht unweit der Stelle durch den Ort, an dem die 1892 errichtete Kurklinik Dr. Wilhelm Lackmanns sich befand. Eine damals fortschrittliche Einrichtung für Nervenkranke, in der aber auch Bluthochdruck, Arteriosklerose, Korpulenz, Gicht, Rheumatismus und Frauenleiden mit Packungen, medizinischen Bädern, Abreibungen und kalten Abklatschungen behandelt wurden. Auch ein wenig mondän, das Ganze: mit Kunst an den Wänden, einem eleganten großen Speisesaal, einer weißen Torbrücke am Kurgarten mitsamt seinem von Putten umsäumten Kräuterfeld. Die Klinik lief gut, mehrfach wurde das Gebäude erweitert. Nach Dr. Lackmanns Tod übernahm 1909 sein Sohn das Kurhaus und trieb es zu weiterer Blüte. Anfang des 20. Jahrhunderts konnten in 50 Zimmern bis zu 80 Kurgäste untergebracht werden. Eine Woche Unterbringung mit Vollpension kostete damals 50 Reichsmark.

Jacob_van_HoddisAm 5. September 1912 wird ein gewisser Hans Davidsohn dort aufgenommen. Ein 25jähriger Mann, der unter seinem Pseudonym Jakob van Hoddis nicht mehr ganz unbekannt ist. Er war in Berlin Teil des Neopathetischen Cabarets und sein Gedicht Weltende, zum Anfang des Vorjahres erstmals in der Berliner Zeitschrift Der Demokrat veröffentlicht, hatte ihm bereits einen gewissen Ruhm beschert. Wer kennt es nicht? Es steht als DAS Gedicht des Expressionismus in jeder Anthologie und Literaturgeschichte.

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei,
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Wie genau Hans Davidsohn Anfang September 1912 nach Wolbeck gekommen ist, ist unbekannt. Dr. Lackmann erwähnte einmal, er sei vermutlich auf Rat einer seiner Patientinnen gekommen, mit der er im Briefkontakt stand ́. Einiges weist darauf hin, dass es sich hierbei um die höchst exzentrische Tante und Freundin der Familie, Laura Henschel, gehandelt haben muss, der van Hoddis vertraute.

Den Aufzeichnungen zufolge bleibt Davidsohn bis zum 08. Oktober in Wolbeck- ein wirrer Brief, den er an seinen Freund Erwin Loewenson schreibt, trägt allerdings noch den dortigen Poststempel vom 20. Oktober.
hoddisVielleicht war Wolbeck für van Hoddis ein Versuch, in ländlicher Idylle zur Ruhe zu kommen. Wiederholt hatte er in der Vergangenheit Symptome geistiger Verwirrung gezeigt, hatte sich aggressiv gegen Freunde und seine Familie gewandt- ein ohnehin schwieriges Verhältnis! Viele lasen schon damals aus seinen skurrilen Texten Anzeichen einer Schizophrenie heraus. Und Verfolgungswahn und Verwirrung zeigte sich auch in Wolbeck und in den Briefen des Dichters von dort.
hoddis 2

Die Dichterin Emmy Ball-Hennings, mit der van Hoddis unmittelbar vor seinem Wolbeck-Aufenthalt eine Zeit in München zusammengelebt hatte, berichtete in einem Brief später:Er hatte im Beginn seiner Krankheit einen richtigen Verfolgungswahn, hat seine Familie beschuldigt und konnte dies recht glaubhaft vortragen, so dass Leute, die nicht um seinen Zustand wussten ihm Glauben schenkten. Doch stimmte buchstäblich nichts von dem, was er sagte. Er klagt mir zum Beispiel, meine Mutter schickt mir Schuhe mit Nägeln darin, die mich drücken, ja vielleicht vergiften müssen. Er gab mir die Schuhe in die Hand, damit ich sie untersuche. Nichts drin.

Neuen Halt suchte der Sohn einer jüdischen Familie zu der Zeit auch im Katholizismus- da war er in Westfalen am rechten Ort. Dr. Lackmann erinnerte sich noch in 50er Jahren, wie wichtig dem Patienten die katholische Kapelle in den Parkanlagen der Klinik gewesen war:
Er hielt sich schief und schlich an den Wänden entlang, leise und verschüchtert. […] Ihm gefiel die ländliche Umgebung, der große Park, die Ruhe, das gute Essen. Es fiel mir auf, daß er nie seine Kleider wechselte und immer bis drei Uhr nachts arbeitete. Er sprach mit niemandem, außer mit dem Kaplan von der Beck, denn ihn beschäftigten hauptsächlich religiöse Fragen. Er war, kurz bevor er hierher kam, Katholik geworden und war von einer übersteigerten Gläubigkeit.

Doch nicht nur religiöses beschäftige van Hoddis offenbar in dieser Zeit. Das zur Ruhe kommen gelang offenbar nur leidlich. Die Briefe künden von literarischen Plänen und den anhaltenden Kämpfen mit der Familie

Noch während seines Verweilens in der Klink bemühen sich die Freunde um ihn, dessen Talent sie hoch schätzen.Unter Hochdruck wurde eine Lösung gesucht und Freund Loewensohn erreicht bei der Familie zumindest zeitweilig die Einwilligung:… Hoddis nach Abschluß der ärztlichen Beobachtungen, aber ohne Rücksicht auf die Diagnose, aus dem Sanatorium weg- und mit jemandem zusammenziehen zu lassen, der Geduld, Genie und die unbedingte Hochachtung Hoddis besäle und sich dafür zu sorgen verpflichtete, daßl Hoddis äße, schliefe, sich zum Schlafen umkleide und das Geld besser verwende. So suchen wir den Mann….

HoddisAls van Hoddis Ende Oktober aus Wolbeck flieht, weil ihm der Besuch seiner Familie angekündigt wird, führt einer seiner ersten Wege wieder zu Laura Henschel, der exzentrischen Tante in Berlin.Doch diese folgt diesmal der Mutter Davidsohn und sorgt, wie Hoddis befürchtet hatte, für eine Zwangseinweisung in die Heilanstalt Waldhaus Nikolassee noch am 31. Oktober. So endet van Hoddis westfälische Zeit schnell.

Ab 1915 lebt Hans Davidsohn zwölf Jahre lang bei Privatleuten erst in Thüringen, dann in Tübingen als Pensionär. 1926 wird er entmündigt, 1927 in die dortige Universitäts-Nervenklinik eingewiesen. Er lebt danach sechs Jahre lang im Christophsbad Göppingen, ist -den Akten zufolge- ein unauffälliger, oft heiter gestimmter Patient, der viel im Park herumgeht, raucht, Schach spielt und sich selbst Postkarten schreibt.

Bei der Emigration der Schwestern und der Mutter nach Palästina, 1933, bleibt der kranke Bruder und Sohn zurück. Er wird in die Israelitische Heil- und Pflegeanstalten Bendorf bei Koblenz verbracht.
Jüdische Ärzte und Pfleger können hier bis 1942 eine humane Behandlung jüdischer Patienten aufrecht erhalten, bis die Klinik geschlossen und Patienten wie Personal in den Distrikt Lublin deportiert und ermordet werden. Hans Davidsohn, alias Jakob van Hoddis stirbt im Mai oder Juni 1942 im Vernichtungslager Sobibor.

Mittlerweile gibt es auf meinem Blog einige ganz ähnliche Spurensuchen in meiner Region, zum Beispiel die über den OberDADA Richard Hülsenbeck, den sein schlechtes Betragen als Schüler in ein strenges Steinfurter Gymnasium führte, wo sein Abitur beinahe wegen eines kleinen Skandals geplatzt wäre…..zu lesen: HIER

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-Blindverkostung Folge 9-

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Nach einigen Wochen der Pause, in denen ich mich anderen Dingen zu widmen hatte, gibt es nun endlich eine neue Folge -Blindverkostung-

Hier für Diejenigen, die das Spielchen noch nicht kennen:
In dieser Kategorie meines Blogs findet etwas ganz Besonderes statt:
Autoren, Lyriker und Leute aus dem Kulturbetrieb besprechen fremde Texte, ohne den Verfasser zu kennen.

Die Regeln:
Ich suche für jeden teilnehmenden Schreiberling ein Gedicht oder einen kurzen Prosatext aus meiner oft etwas obskuren Bibliothek heraus und übersende ihm diesen ohne Autorenangabe. Es herrscht strengstes Suchmaschinenverbot!!
Der teilnehmende Autor bespricht nun spontan und subjektiv den von mir ausgewählten Text, äußert seine Assoziationen und versucht, die Herkunft einzukreisen. Erst im Nachhinein verrate ich den tatsächlichen Verfasser.
Ein sicher aufschlußreiches und interessantes Spiel, das hoffentlich einiges über den individuellen Zugang zu Literatur verrät.

Hier nun also:

stempeljudith

Judith Fallerfaller, geboren am 13. April 1960 in St. Gallen. Lebt und schreibt zur Zeit in Winterthur.

Sie absolvierte eine pädagogische Erstausbildung (Arbeit mit diversen Altersstufen) und arbeitete als freie Journalistin bei einer Tageszeitung über: Kunst – Kultur – und Frauenthemen. Weiterhin verfügt Judith über verschiedene Körpertherapieausbildungen, darunter Kunst-und Audruckstherapie. Vielen Jahre arbeitete sie in Psychiatrischen Kliniken. Zuletzt auf einer Borderlinestation mit jungen Erwachsenen.

Bibliographie:

Lyrikband Wachstumsschmerzen, März 2012. Zweitauflage im September 2012.

fallerbuchVeröffentlichungen von  Gedichten, Texten und Kurzgeschichten in literarischen Zeitschriften oder OnlineLiteraturPortalen.

Diverse Rezensionen und einiges mehr sind auf Judiths Website zu lesen: http://www.judith-faller.ch/

Mehr über die Autorin gibt es außerdem hier:
http://www.autorinnenvereinigung.eu/
http://www.femscript.ch/
https://www.facebook.com/pages/Faller-Judith-Wachstumsschmerzen/264775616987171

Ich schätze Judith seit einiger Zeit für ihre Gedichte, ihren tollen, oft skurrilen Humor und Wortwitz und für die Begeisterungsfhigkeit, mit der sie an ihre jeweiligen Projekte herangeht. Zur Zeit arbeitet Judith Faller an einem neuen Lyrikband, Kurzgeschichten, einer Erzählung und anderen grösseren Projekten. Neue Veröffentlichungen kommen bald! Umso mehr freue ich mich, dass sie Zeit für dieses kleine Experiment gefunden hat. Danke dafür!

Hier nun der Text, den ich Judith vorlegte:

text judith

und: was ihr dazu einfiel:

Stimme im Dunkel

Ein „heiteres“ Paar habe ich da angetroffen, mehrere Paare sogar. Eine Aufgabe, die sich zusammenfügt aus Blind-Verkostung und Stimme im Dunkel. Schon diese Gemeinsamkeit verdient eine Würdigung, sei sie auch nur zufällig entstanden. Wer sucht der findet.

So soll ich mich also blind auf den Weg durch ein Labyrinth begeben, in welcher mir die Stimme unbekannt und ferne liegt. Ich tue es, ganz assoziativ!

Entdecke eine Stimme, die nicht zu hören, höchstens zu erahnen ist. Denn es gibt sie nicht. Und deshalb wird sie nie im Chor zu hören sein. Sie bleibt für immer ein einsamer Sänger, ein Solist, der uns Lebendiges entreisst und zugleich an seiner eigenen Einsamkeit erstickt. Wir geben ihr eine Stimme, weil wir dies Unerträgliche des Nichtseins nur ertragen, indem wir ihr Gestalt und Stimme geben, sie uns angleichen. Eine mystische Mitteilung an uns Lebende, indem wir ihr eine Botschaft in den nicht vorhandenen Mund legen. Der Name Shakespeare lässt meinen eigenen Mund trocken werden, der Thematik im Gedicht erinnert mich an die Dramatik in Zeiten der Romantik, also in etwa im 16. /17. Jahrhundert. Ich finde in diesem Gedicht all das, was mir so gar nicht zusagt, mich nicht in hineinzieht in die Art des Ausdruckes.

Zu dramatisch für mich, zu theatralisch, zu blutrünstig, wenn auch das Blut und alles andere nur in meiner eigenen Fantasie zu sehen sind! Gut möglich, dass es lediglich durch die Andeutung von hinter den Worten liegender Dramatik auf eine völlig andere Zeit hinweist, und nur mein eigenes Herz in der alten Zeiten dort weilt…

Die erwähnte Monstranz, und somit die symbolische Einbindung der katholischen Kirche in meinem vorliegenden Text, dem Auftauchen des Herzens Jesu, dargestellt als aufgerissenes und blutrotes Herz im reinen Gewand, sehen wir im Staube liegend. Ein Symbol für Respektlosigkeit oder wiederum dem der Vernichtung und der Auflösung? Hinter Glas wird manchmal in einer Monstranz das gemalte Herz festgehalten, in einem tragbaren Gefäss aus Metall oder Olivenholz, wohl, dass es nicht davonfliege in seinem Wunsch nach lebendig sein. Womit auch das  Bild der Auferstehung für einen Moment darin aufblitzt. Bis dato werden diese Monstranzen auch in der griechisch orthodoxen Kirche als Symbol des Lebens und Sterbens Christi in den meisten Kirchen nahe des Einganges aufgestellt, damit ein Jeder, der die heiligen Hallen betrete, diese in Ehrfurcht und tiefer Liebe küssen möge. (Die Bakterien die sich dadurch unter den Menschen verteilen, seien eine Metapher für sich, die jedoch bis zum Tode führen kann.)

Der in meinen Augen gesichtslose Tod im dunklen Gewand, der Fährmann,  an der Seite der Schiffe dargestellt die uns hinüber geleiten sollen, wurde zum Unbekannten, Namenlosen, Stimmlosen, der in seiner eigenen Einsamkeit nie ein festes Ufer erreichen kann. Durch die Unendlichkeit, dem nie Endenden führt sein Kommen und Gehen, gerade so, wie auch Sisyphos, dem Listigen, Schlauen, Schalkhaften aus der griechischen Mythologie, der den Göttern auf den Putz haute, und dem Todesgott Thanatos ein Schnippchen schlug, ihn fesselte und dadurch den armen Toten wohl den Zugang zum Hades verunmöglichte.

Ich finde mich nun selber mit einer altbackenen Sprache in verschiedenen Zeitaltern und ihrer Symbolik wieder, wie ich versuche, meinen Assoziationen nach zu schwimmen, die mir davon schwimmen, wie die Felle auf dem Fluss des Vergehens, und bleibe bei Themen, die den meisten von uns Zeit unseres Lebens Angst und Ungemach bereiten, stecken. Denn nie gerät der Mensch mehr an seine Grenzen als dann, wenn er nicht fassen kann, was unfassbar bleiben soll. Die Auflösung der Gestalt, der Stimme des Menschen, des Lebens an sich. Dem Tode, der auch als Schlafes Bruder, mit verwelkten Blumen am Herzen des Lebens darnieder liegen muss.

Zwischen Katholizismus und Schlacht befinde ich mich, so zumindest erlebe ich es gerade. Da wird der Tod zu einer eigenständigen, einsamen Figur, er liegt der Nacht zur Seite, der einzigen Dunkelheit, die ihm selber mehr als bekannt, und die ihm nahe ist. Im ersten Moment dachte ich sogar an Schlafes Bruder, welcher somit die Brücke durch die Zeiten, ins Heute schlagen würde.

Fazit für mich: So wie dem Tode die Hand des Lebens entgleitet, entgleiten muss, weil das Paradoxe, das Werden und Vergehen nicht aufgehoben werden kann, entgleitet mir das Gedicht, welches mich abstösst und anzieht in einem.

Ich habe keine Ahnung, wer es geschrieben hat!

Mein Kommentar:hand_feder_04

Stellen wir uns also einen jungen Helden mit Halskrause vor, der am Bühnenrand die Hand auf die Brust legt und mit sehnsuchtsvollem Blick ins Nichts folgende Zeilen deklamiert:

„Oh, so alone with me am I!
The night calls me brother for my dress is dark.
All roses are withered at my chest.
The barges draw to red horizons without me;
never my voice drunk wirh songs
my hand is screaming into a swoon for an other.

Shakespeare?- Denkbar?-Warum nicht?!
Was jedoch auffällt, ist die dann doch etwas zu moderne Metrik und der Verzicht auf Reime-überhaupt: die zu freie Form.
Könnte man es mit einer modernen Übersetzung zu tun haben, die sich diese Freiheiten nimmt, etwa wie die, die Helmut Krausser kürzlich von den Sonetten von Old-Willie-Boy vorgelegt hat?- Erneut: denkbar!
Eine interessante Assoziation, die Judith da äußert! Da auch Shakespeare die „großen“ menschlichen Regungen und Triebe thematisiert: Liebe, Neid, Tod, etc., ist dieser Text mit seinen Todes- und Schmerzmotiven viellecht gar nicht soo weit davon entfernt.

Dennoch, wie gesagt: etwas mit der Form stimmt da nicht.
Auf den ersten Blick wirkt das Ganze recht klassisch. Wir haben Strophen, wir haben Verse von ähnlicher Länge-
aber allein mit dem Blick auf die Zeilenenden stellen wir fest, dass hier kein Reim stattfindet, sogar eher klangliche Dissonanzen benutzt werden.
Nun gut, kann man sagen, den Endreim warf man in Europa auch schon ca. 1870 über Bord!. Dennoch hielten sich klassische Formen und Reim noch ausgeprochen widerstandsfähig bis in die 50er Jahre und darüber hinaus. (Man sehe sich nur mal die ganzen klassichen Sonettkränze an, die in Internet-Dichter-Foren geflochten werden.)

Da ist also zeitlich nicht viel herauszuholen. Auch die schon erwähnten „archaischen“ Gefühle des lyrischen Ichs lassen keine Rückschlüsse auf die Entstehungszeit zu, denn geliebt und gelitten hat wohl auch schon unser breitstirniger Freund Homo Neandertalensis. Keine Geschirrspülmaschine, kein Zebrastreifen, kein Zeitgeist irgendeiner Form lassen hier irgendetwas eingrenzen.

Wenden wir uns näher dem Inhalt zu. Was haben wir denn hier? Wenn es um ein ICH und ein DU geht, liegt meist ein Liebesgedicht ziemlich nah. Das ist hier der Fall, wenn auch das DU erst in der letzten Zeile auftaucht. Aber davor?- da ist man einsam, da ist alles dunkel, die Rosen welk und die Kähne an die roten Horizonte sind schon wieder ohne Einen abgefahren! Gelitten wird da- einsam und deutlich.
Mir fällt plötzlich auf, dass es gar nicht zwingend ein Liebesgedicht sein muss. Es könnte auch einfach einen Menschen, sprechend aus einem irgendwie gearteten Dunkel, darstellen könnte. Der Knackpunkt wäre dann allerdings das DU. Wer sollte es dann sein, wenn kein Geliebter, der nicht wiederliebt? In vielen Gedichten dieser intensiven Art fiel mir schon auf, dass man den Begriff Liebe recht oft und einfach durch Gott ersetzen könnte- eine höchste Instanz gegen die Andere. Die Monstranz im letzten Abschnitt rückt den Text ja in die Nähe der Religion…

Judith spürt sehr stark die düsteren Elemente dieses Textes, riecht sogar Blut, wo eigentlich gar keines vorkommt. Aber es stimmt schon: Der Verfasser/die Verfasserin dieses Textes legt da so ein paar Spuren: die Rosen, die ja bekantlich gern im Märchen oder in der Realität mit ihren Dornen kleine rote Tropfen produzieren; (man stelle sich mal einen üppigen Rosenstrauß vor, gepresst an eine nackte Brust..)  die Kähne liest Judith zu Recht auch als Barke über den Fluß ins Jenseits und spätestens das Herz provoziert ein blutiges Bild- ist es doch die „Schaltzentrale“ unseres Blutkreislaufes. Dieses dann herausgeschnitten (z.B. als Beweis für die Königin, dass Schneewittchen wirklich starb), ist definitiv eine blutige Angelegenheit und ein Akt der Gewalt.
Vanitas-Motive, wo man hinsieht und Judith erkennt sie richtig als oft beinahe archetypische Symbole:
Ein dunkles Kleid- man geht in Trauer
Die Nacht –die Romantiker sahen hier die Zeit für alles Dunkle, auch im Menschen
Welke Rosen
Die Kähne-  einmal Jenseits, einfache Fahrt
und dann die Monstranz. Ein christliches Motiv. Von lat. monstrare „zeigen“. Etwas, was man herzeigt, offenlegt, zur Verehrung öffentlich macht. Wer würde sein Herz (den Sitz der Gefühle) freimütig zur Schau stellen?- Der Liebende!
Und was geschieht damit? Es liegt im Staub, vor den Füßen des DU. Des Angebeteten? Weist hier Jemand das Allerheiligste zurück, das ihm geboten wurde? Ich denke, dahin geht die Reise wohl. Verschmähte Liebe.

Freude gibt es hier nicht. Gesungen wird nicht; die Blumen sind verblüht- einzig die roten Horizonte versprechen etwas, aber der Kahn hat ja schon abgelegt. Man ist jetzt allein und einzig: Bruder der Nacht.

Ein (recht simples?) Liebesgedicht trauriger Art? -Ja, vielleicht!
Dennoch finde ich, sollte die Gestaltung noch einmal geprüft werden.
Es sind schon ziemlich „heftige“ Bilder, die hier verwendet werden und die Judith verständlicherweise sogar etwas abgestoßen haben.
Da wird in Ohnmacht geschrieen, da ist viel Tod und Schmerz, endend mit einem (zwar nur bildlich, aber dennoch:) herausgerissenem Herzen!

Schon ein wenig extrem, schon ein wenig morbide. Der Liebesschmerz mag derart heftige Emotionen rechtfertigen, doch sie geben in ihrer Darstellung auch einen Hinweis auf die Epoche, aus dem das Gedicht stammt.
Heute mögen uns Metaphern wie „schreiende Hände“ und Sätze wie „die Nacht nennt mich Bruder“ nicht mehr allzu mutig erscheinen- in seiner Zeit jedoch war dies durchaus ein typisches und modernes Gedicht. Das Pathos vieler älterer Texte stößt uns heute oft etwas ab- ich habe mir angewöhnt, diese Art Text für mich nüchtern zu lesen und oft ist die Wirkung dann ganz anders.
Der Schrei der Hand könnte schon ein Indiz sein. Sturz und Schrei, so ist ein Kapitel aus Kurt Pinthus` Menschheitsdämmerung überschrieben, dem ersten Manifest des Expressionismus.
Der Sturm, der rote Hahn, die Aktion: so hießen die literarischen Zeitschriften dieser Zeit von etwa 1910 bis 1925 und Else Lasker-Schüler schrieb: „es ist ein Weinen in der Welt, als ob der liebe Gott gestorben wär“
Auch ein wenig Herzeleid, auch ein wenig Christentum, auch Tod, auch Trauer. Eigentlich keine gewagte Form, eigentlich kein gewagtes Vokabular- aber sehr sehr ausdrucksstark.- Und genau in diese Zeit fällt die Entstehung dieses Textes.

Von der Verfasserin (hätte Jemand daran gezweifelt, dass es von einer Frau stammt?) ist leider nicht allzu viel bekannt, daher fallen die großen autobiographischen Bezüge dieses Mal zwangsläufig aus.
Von Elisabeth Joest weiß man mit 1893 genau ein Geburts- aber z.B. kein Sterbedatum.
Um 1920 herum erschienen einige ihrer Gedichte in Zeitschriften und einige wenige Bücher mit Novellen, vornehmlich im Georg Müller Verlag in München. Sie zählt leider nicht zu den großen Namen ihrer Epoche, aber das ging vielen Frauen dieser Zeit so. In der Regel waren ihre Texte eine kleine Spur leiser als die Leichenschauhauslyrik des Dr.Benn oder die leicht kabarettistischen des Jakob van Hoddis. Man musste als Frau schon die Verbindungen und das Auftreten der großen Lasker-Schüler haben, um ähnlich wahrgenommen zu werden.Wenn dann, vor der Zeit der Geburtenkontrolle, noch ein Kind dazukam oder -wie so oft-  ein dominanterer Mann, griffen dann, bei aller Boheme, die Bindungen der Geschlechterrollen doch.  Es gibt eine Menge von Autorinnen dieser Zeit, die leider fast nur noch als „Anhängsel“ der „größeren“ Männer in den Literaturgeschichten auftauchen. Emmy Ball-Hennigs ist: die Frau von Hugo Ball, Lola Landau: die Geliebte von Armin T.Wegener, Claire Goll: die Frau von Yvan Goll usw… . Oftmals jedoch bereicherten diese Autorinnen die Literatur ihrer Zeit um neue, „weibliche“ Tonfälle und Bilder. Elisabeth Joest ist dafür ein gutes Beispiel, wie ich finde und sicher eine Beschäftigung wert.

In der wunderbaren Anthologie „In roten Schuhen tanzt die Sonne sich zu Tod“ hat Hartmut Vollmer  die Texte dieser Frauen gesammelt und zum Teil vor dem endgültigen Vergessen gerettet. Von kaum einer dieser Autorinnen gibt es lieferbare Einzelbände.
Manche, wie Elisabeth Joest, haben nicht einmal ein Sterbedatum!

Sicherlich ist dieser Text nicht DAS Gedicht seiner Epoche, aber durch seinen Hintergrund und seine Gestaltung dennoch eine Betrachtung wert.

Vielen Dank, Judith Faller, für diese wunderbare Folge!

Die vergangenen Folgen der -Blindverkostung- findet man hier:

Folge 1 mit Jost RennerFolge 2 mit Thyra Thorn
Folge 3 mit Anke Laufer
Folge 4 mit Paul Fehm
Folge 5 mit Hanna Scotti
Folge 6 mit Arnd Dünnebacke
Folge 7 mit Jonas Navid Mehrabanian Al-Nemri
Folge 8 mit Werner Weimar- Mazur

der Text dieser Folge ist zitiert nach:

In roten Schuhen tanzt die Sonne sich zu TodLyrik expressionistischer Lyrikerinnen
Herausgeber: Hartmut Vollmer, Igel Verlag, Hamburg 2011
ISBN 9783868155266

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