Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können- eine Art Rezension

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Da liegt er nun, der eben im Elif Verlag erschienene Band:
Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können des Isländers Ragnar Helgi Ólafsson. Wunderbarer Titel! (Ein Buch für MICH, sagt er gleich!)

Der erste Eindruck: was für ein liebevoll gestalteter Band: mit offener Bindung und doppeltem, doppelt kreisrund ausgestanztem Cover in Drehscheiben-Optik.
„Aber“, sagt der Rest Ratio im vor Begeisterung dampfenden Bibliophilen: „davon nicht täuschen lassen- es geht schließlich um die Texte!“

Also erstmal Durchblättern: viele verschiedene Formen: Langes, klassisch gestrophtes neben Kurzem und einigen ins Auge stechenden Bildgedichten, spiralförmig gesetzt. Interessant!
Dann: anlesen, schnell festlesen. Der 1. Satz, den man gerne selbst geschrieben hätte:
„Was passiert, wenn ein Chamäleon in den Spiegel schaut?“ (aus: „noch ein paar Worte über Spiegel“
Es folgt: „Noch keine Postkarte“, ein Text, der letztlich wie ein klassischer Blues-Song funktioniert, mit entsprechender Form und bitterer Ironie.
–Überhaupt: Lieder & Texte steht vorn auf diesem wunderschönen Cover. Und: JA, viel Musikalisches hier, viel Rhythmus, lakonischer Witz und Pointen, einer der Übersetzer, Jón Thor Gíslason, ein ehemaliger Popmusiker.

Schnell weitere Sätze, die man gern selbst geschrieben hätte:
„Ich lehne alle Vergleiche ab. Alles ist das, was es ist.“ (aus: „Nichts wie nichts“)
und: (ich will ein T-Shirt, damit bedruckt)
„Ich mache mich verdammt noch mal nicht zum Laufburschen der Wirklichkeit“
(aus: „Nicht in der Arbeitsbeschreibung“)

So steht hier wunderbar Prosaisches („Die alte Bande“) neben Sentimentalem („Wiegenlied I“) neben Erotischem („Schweres Wasser“) neben Philosophischem und einigen herrlich maritimen „objets trouvé“.
Viele Stimmungen und Stimmen beherrscht dieser bisher in Deutschland unbekannte Ragnar Helgi Ólafsson . Witz hat er und Chuzpe. Cool ist er und klug. Ich mag ihn sehr!
Dank der kenntnisreichen, sicheren und äußerst flüssigen Übersetzung durch Gíslason und den umtriebigen Experten für die Literatur der kalten Insel, Wolfgang Schiffer, wird dieser Band zu einer überraschenden und höchst unterhaltsamen Entdeckung, wie wir schon einige aus dem kleinen, aber feinen niederrheinischen Verlag begrüßen durften.

 

 

 

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-Theodor Storm- Der Zweifel

Heute vor 200 Jahren wurde Theodor Storm geboren. 
Aus diesem Grunde noch mal:

Bild

Der Zweifel

Der Glaube ist zum Ruhen gut,
Doch bringt er nicht von der Stelle;
Der Zweifel in ehrlicher Männerfaust,
Der sprengt die Pforten der Hölle.

Theodor Storm      

P:S: (Frauenfäuste gelten natürlich auch!)

 

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..aus einem Langgedicht: Nur Sonnenuntergang

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nur sonnenuntergang

auf dem tisch schwanken
bedenklich die streichholzschlösser
und die sonne scheint nur so
photoshoporange
man lebt in ruinen
skelettierten träumen
zwischen lauter durchbrüchen
in tragenden wänden
in ganzjährigen warteräumen
durch die einschusslöcher
in den geschwärzten scheiben
blinkt der himmel: photoshopblau
und tätowiert mit vogelsilhouetten
man selbst illustriert
das wort blass am besten
und im westen: nichts neues
nur sonnenuntergang

 

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…Auszug aus einem unveröffentlichten Langgedicht

 

 

 

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Herbst 1 -Gedicht-

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totgesagter park

Der himmel bemüht sich
um möglichst beiläufiges blau
und allgemein weiß das wetter
nicht so genau wohin
ohnehin und her
ist`s schweres gehen
bei all dem grün-
schnitt

und all das welke geht mit
es ist kein geheimnis wohin
immer du schreitest
begleiten dich
saat und keimnis
ist der garten schoß
und offener sarg
zugleich

Ein Kommentar

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caution: hot contents

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Schön hier!- featuring: Viktor Sons

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Bei der Zusammenstellung unserer Anthologie: Schön hier! durfte ich so viele neue interessante Schreibende kennenlernen, dass ich diese Arbeit um keinen Preis missen möchte. Einige davon und ihre Texte möchte ich in den kommenden Wochen hier etwas genauer vorstellen.
Beginnen möchte ich ausdrücklich mit einem Text, den uns Viktor Sons zur Verfügung gestellt hat.

Geboren am 31.01.1953 in Wesel am Niederrhein, schrieb Viktor Sons Historisches, Satirisches und Kriminalistisches – in Prosa. Im Alter von 18 Jahren hatte es ihn in den Ruhrpott gezogen – von Oberhausen über Dortmund, wo er Sozialarbeit studierte, bis nach Lünen.

Viktor wählte als seinen westfälischen Lieblingsort das heimische Bett in Lünen und spricht in der kleinen Erzählung auf unnachahmliche und berührende Weise auch von seinem eigenen Tod. Viktor habe ich viel zu spät kennenlernen dürfen, denn nur wenige Tage nach dem Erscheinen unseres Büchleins ist er leider verstorben- voller Pläne und Energie.
So ist dieser Text sein literarisches Vermächtnis geworden und wir Herausgeber sind stolz, dass wir für dessen Erscheinen sorgen konnten.

 Aber nun, wie versprochen, sein Text: TraumOrtSchoen hier Cover Grafik

Viktor Sons

TraumOrt
Das eigene Bett in Lünen-Niederaden

Nett, heimelig und kuschelig, wie auf einer Wolke schwebend – unten weich, oben warm und sicher bedeckt fühle ich mich.
Und wenn ich mich mitnehmen lasse auf die Reise, geht es um die ganze Welt. Es ist keine Fahrt, auf der ich Ziel und Weg bestimme. An meinem Ort bleibe ich.
Mich steuert nicht die Realität, sondern der Traum ist der Steuermann. Manchmal nimmt er mich nicht mit, manchmal kommt der Krebs, der hinterlistige Zellengenosse, er zerrt mich ins Reich der Schmerzen und Angst. Aber wenn Freund Morpheus das Kommando übernimmt, mich mit seinem derivaten Tau versorgt, geht’s in die schönsten Regionen der Erinnerungen oder der Wünsche.
Bunte Bilder tauchen auf.
In der Kinderzeit beim Fußballspiel, der Elfmeter: Ich hatte ihn damals verschossen. Jetzt, 89. Minute, Spielstand 1 : 1, lege ich den Ball auf den Elfmeter-Punkt. Der Schiedsrichter korrigiert. Der Ball muss drei Zentimeter zurück mitten auf die Markierung. Endlich kann ich schießen. Ich schiebe die
Kugel rechts ins Eck. Eine lange Schrecksekunde bin ich wie gelähmt. Der Schuss war zu schwach, der Torwart wird den Ball erreichen. Er hat die richtige Ecke erahnt. Doch nur seine Fingerspitzen berühren das Leder. Tor! Tor! Und Sieg. Die
Mannschaft stürmt jubelnd auf mich zu.
Freundliche Traumwelt, mein Lieblingsort. Alte Freunde, längst vergessene Menschen, alle kommen freundlich auf mich zu. Sie besuchen mich, manche nur kurz, und manche sind astral. Ich empfange sie in meiner warmen, gemütlichen Höhle.
Vorige Woche klingelte ein Toter bei mir an. Als die alte Türklingel schräpte, öffnete ich. Da stand mein Lieblingsvetter quicklebendig und quietschvergnügt mit einer seltsamen Aktentasche unter dem Arm vor mir. Diese passte überhaupt
nicht zu ihm, weil er Akten hasste und damit auch entsprechende Taschen mied.
Als wäre nichts gewesen und er nicht schon mindestens 12 Jahre tot, forderte er mich munter auf: „Komm mit! Wir wollen los.“ Als ich fragte, wohin, und wie es sein kann, dass er lebendig vor mir steht, gab er keine Antwort. Ich wollte wissen, wie es dort sei, wo er jetzt ist, und ob er im Reich der Toten lebe. Er knurrte
verständnislos: „Wie soll man im Reich der Toten leben?
Ein Widerspruch in sich.“
Mich interessierte, wie er den Übergang vom Leben zum Tod erlebt habe. Ich merkte selber: erlebt passte nicht. Erstorben? Er schwieg, als sei die Frage nicht gestellt oder unhörbar. Stattdessen grinste er und winkte locker aus dem linken
Handgelenk, ich solle ihm folgen. Ich trottete wie automatisch hinter ihm her.
Aber nicht weit – der Wecker spielte ausgerechnet „Knockin ́ On Heaven ́s Door“. Dass ich am schönsten Ort bin, merke ich immer schmerzlich, wenn ich dort rausgeschmissen werde, weil der Wecker losschlägt oder einer rüttelt: „Aufstehen!“- Hast du geträumt?“
„Ja.“
„Was denn?“
„Ich weiß es nicht mehr. Es war etwas Schönes.“
Im Bett: werden die meisten Menschen gezeugt (früher im Heu, später im Auto).
Ich erinnere mich an wilden, heißen und lauen Sex.
Im Bett: vegetieren Milben und manchmal Wanzen.
Im Bett: liegen Kranke, Sieche und Todgeweihte.

Im Bett: sterben die meisten Menschen (oder doch im Krieg?)
Wenn der Sensenmann mir wohlgesonnen ist, lässt er mich nicht lange mit Krankheit und Schmerz liegen. Er holt mich gnädig aus dem Bett. So gelange ich von meinem Lieblingsort direkt ins Paradies.

 

 

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Poem 09/04/17

Okapi-Gmbh-Marktforschung-Feldarbeit-Bleistift

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