Christoph Kleinhubbert -Poldernovelle- eine Art Rezension

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Vorab: Christoph Kleinhubberts neue Novelle, fast genau runde hundert Seiten stark, ist ein Kleinod.

Eine Autopanne lässt den Protagonisten Berthold Mohrbach, einen erfolgreichen Schriftsteller Ende Vierzig, im beschaulichen Örtchen Greetsiel an der Nordseeküste stranden. Mohrbach steckt tief in einer Schaffenskrise und der Zwangsaufenthalt könnte beides sein: willkommener Wink des Schicksals oder eben nur ein weiterer Genickschlag.
Der Ort ist freundlich, die gefundene Unterkunft sogar heimelig- Mohrbach sitzt, den Laptop und die Notizbücher in Reichweite, wartend auf einen Einfall. Was er schreibt scheint ihm aber nur als Beweis für sein verlorenes Talent zu taugen. Zunächst selbstmitleidig, dann zunehmend fatalistisch dreht er Runden durch den Regen, führt belanglose Gespräche mit seinem Vermieter und anderen Eingeborenen und- schläft des Öfteren unvermittelt ein, um extrem realistisch zu träumen.
Zeichen seines Ausgebranntseins, der Erschöpfung? Oder gar Vorboten eines ernsthaften gesundheitlichen Kollapses? Nichts Gutes jedenfalls, denn diese Schlaf- und Traumattacken bringen ihn mehrfach in Verlegenheit, lassen ihn nicht mehr zwischen real Erlebtem und Geträumtem unterscheiden. Eines ist ihm klar: so kann es nicht weitergehen.

Und dann verwischt Christoph Kleinhubbert die Grenzen zwischen Realität und Parallelwelt gekonnt und mit Hinterlist immer mehr- wie seiner Figur Mohrbach ist auch dem Leser bald nicht mehr klar, was genau wirklich passiert. Eine ganze Reihe literarischer Motive wird hier ins Spiel gebracht: das Doppelgänger-Motiv der Romantik, zu dem auch ein gewisser Schauer des Gruseligen passt- mitunter meint man in einer lakonischeren Variante einer von E.T.A. Hoffmanns Geschichten zu stecken. Die oft graue und herbstliche Atmosphäre der norddeutschen Küstengegend, der ja jedwede Spökenkiekerei nicht fremd ist, trägt ihr Übriges dazu bei. Mit einem ungeklärten Mord erhalten wir sogar eine Spannungskomponente. All das könnte zu einer abgeschmackten Horrorgeschichte geraten und einem Abklatsch der schwarzen Romantik. Nicht so aber bei Christoph Kleinhubbert.

Ohne zu viel von der Handlung zu verraten: am Ende finden sich Mohrbach und der Leser dann tatsächlich im Zwischenreich von Leben und Tod und an der Seite von Toten wieder. Eine unverhoffte Begegnung mit Mohrbachs Jugendliebe Caro klärt letztlich auf, was nun hier konkret Sache ist und diese Szene zeigt exemplarisch, warum die Poldernovelle nicht zu einem Gruselkabinett gerät. Kleinhubberts Geschick wird in dieser grandiosen Episode besonders deutlich. Die bei aller Rätselhaftigkeit klar und handfest, in einem gleichfalls von Lakonie und Poesie geprägten Stil vorgetragene Geschichte findet hier eine ganz besondere Auflösung.

Man könnte nun mäkeln: hier hätte Schluss sein sollen, die konkreten Umstände, die noch nachgereicht werden, hätte es nicht gebraucht- jedoch bekommt die Novelle hier noch einmal einen Rahmen verpasst, der auf reizvolle Weise die allerersten Sätze noch einmal aufgreift und mit Bedeutung auflädt und der Nachsatz, in dem Mohrbachs Vermieter im vom Autor verlassenen Haus eben doch noch ein während dessen Aufenthalt entstandenes gelungenes Gedicht findet, ist derart charmant, dass man das Mäkeln dann doch getrost unterlassen mag. Schon zuvor finden sich einige Gedankengänge und Formulierungen, um die man Kleinhubbert nur beneiden kann, speziell dann, wenn er Mohrbachs zunehmende Vereinsamung und Abschottung vom Leben und den Lebenden beschreibt. Ein einziges Mal muss aber doch gemeckert werden: dass dem sonst augenscheinlich gründlichen Lektorat zweimal die falsche Schreibweise des Namens Hemingway durchgerutscht ist, tut bei einem literarischen Werk dieser Klasse, in dem es sich noch dazu um einen Schreiberling dreht, etwas weh.

Zuletzt: Christoph Kleinhubberts neue Novelle, fast genau runde hundert Seiten stark, ist ein Kleinod, liebevoll gestaltet und wunderbar von Michael Blümel illustriert-und zwar nicht mit naheliegenden maritimen Motiven, sondern recht expressiven, düsteren Innenwelten, die die Geschichte tatsächlich auf ein weiteres, optisches Level bringen.

Rund ist diese Novelle, auf ziemlich lässige Weise perfekt gebaut und klug. Den Lyriker, der Kleinhubbert ebenfalls ist, hört man auch dieser Prosa jederzeit heraus. Die Poldernovelle selbst ist –wie ihre Illustrationen- mit wenigen kräftigen Strichen ausdrucksstark und mit Wucht gestaltet. Ein weiterer sehr schöner Band im NordPark Verlag, der Liebhaber guter Literatur und bibliophiler Gestaltung auf jeden Fall erfreuen dürfte.

Christoph Kleinhubbert
Poldernovelle
mit Bildern von Michael Blümel
NordPark Verlag
ISBN 978-3-943940-22-0

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