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Jan Wagners „Regentonnenvariationen“

Jan Wagner erhält also die höchste Auszeichnung des deutschen Literaturbetriebs- den Georg-Büchner-Preis.
Mit meinem herzlichen Glückwunsch, denn es freut mich, dass die Wahl mal wieder auf einen Lyriker gefallen ist, möchte ich die Gelegenheit nutzen, noch einmal meine Rezension zu seinem Band Regentonnenvariationen aus der Versenkung zu holen, die kurz nach seinem Erscheinen und noch vor der Verleihung des Preises der Leipziger Messe erschien. 

Seit Langem wagnerhat mich kein Band mit Gegenwartslyrik so beeindruckt wie Jan Wagners neue Regentonnenvariationen.

Wagner, 1971 in Hamburg geboren und seit 1995 in Berlin ansässig, studierte Anglistik und Amerikanistik in Hamburg und  Dublin (am Trinity College übrigens, wo schon Oscar Wilde studierte- das nur am Rande).
Ich verfolge Wagners Schreiben bereits seit seinem allerersten Band: Probebohrung im Himmel, der 2001 im Berlin Verlag erschien. Die Regentonnenvariationen zeigen meines Erachtens, wie weit sich der Autor seitdem vorgewagt und entwickelt hat und heben sich angenehm ab von vielem, was momentan an moderner Lyrik geboten wird.
Recht umfang- und abwechslungsreich, das Ganze. Kurze, mittlere und lange Texte wechseln sich ab, was inmitten der vielen kurzatmigen, hektischen Lyrik schon einmal positiv auffällt. Unterschiedliche Rhtythmen, unterschiedliche Strukturen und Tempi werden durchgespielt. UND DANN: die Themen.

Der Band imaginiert eine Art verkommenen Garten; ein brachliegendes Grundstück- vielleicht das der Großeltern oder eines in einer entlegenen Straße eines weniger hippen Viertels. Hier gibt es Unkraut und Unrat; Schrott und Ödnis. Viele der Gedichte greifen Vergangenes auf, merkwürdig von Melancholie angegraute Individualgeschichte, Familienmythologien- und ein anderer guter Teil davon sind Naturgedichte- die bekanntlich nicht unbedingt zu den Lieblingsgenres jüngerer, großstädtischer Dichter gehören.
Bei Jan Wagner findet man Gedichte über den Giersch, über Zäune, Vögel und Bäume- und das so klug und unaufgeregt, dass es eine große Freude ist, der leisen Kunst des Autors zu folgen, auch dort, wo er in einzelnen Texten, das gewählte Setting der Gedichte verlässt und sich anderen Sujets zuwendet.
Allzu oft empfinde ich das obligatorische Fach- und Fremdsprachenbombardement anderer Lyriker, ihre manchmal scheinbar zwanghafte Zersplitterung der Form und Syntax als anstrengend bis nervtötend- was nicht heißt, dass es sich bei Jan Wagners Gedichten um altmodische Texte handelt! Gedanklich und in ihrer Handlung sind sie hochmodern und Intelligenz und Horizont können meiner Meinung nach niemals altbacken sein! Immer wieder fällt auf, wie virtuos der Dichter mit den überlieferten Formen spielt, sie bricht und bereichert.
Einige Beispiele möchte ich anführen:

Nehmen wir einmal das Gedicht laken, hier verlassen wir das Regentonnengrundstück und wenden uns einem Innenraum (in doppelter Hinsicht zu). Es beginnt skurril:

großvater wurde einbalsamiert
in seines und hinausgetragen,
und ich entdeckte ihn ein jahr später,
als wir die betten frisch bezogen,
zur wespe verschrumpelt, winziger
pharao eines längst vergangenen sommers.

Natürlich ist der Großvater ordnungsgemäß bestattet worden- keine Sorge! Er wurde weder vergessen und zur Mumie- noch mutierte er zum Kerbtier! Legen wir als Verständnis-Messlatte einmal einen kindlichen Geist an: ein Jahr nach dem Tod des Opas beschließt ma, das Bett wieder zu nutzen- als Schlafmöglichkeit für Gäste oder ähnliches. Verschrumpelte und dehydrierte Insektenleichen in dunklen Ecken und Nischen kennen wir alle- um eine solche wird es sich hier ganz real handeln, allerdings vom eventuell beim Bett beziehen helfenden Kinde geistig mit (oft in Leinen/Leichentücher gehüllte) Mumien und Toten überblendet.
Weiter geht es:

so faltete man laken: die arme
weit ausgebreitet, daß man sich zu spiegeln
begann über die straffgespannte fläche
hinweg; der wäschefoxtrott dann, bis schritt
um schritt ein rechteck im nächstkleineren
verschwand, bis sich die nasen fast berührten.

Eine wunderbare Beschreibung des Faltvorgangs, für alle die, die nur noch zusammengeknüllte, weil unfaltbare Spannbettlaken im Schrank haben. Zum Spiegel wird hier nicht etwa das gestärkte Leinen an sich, das so straff und blank ist, dass es refelktiert- vielmehr muss man sich wohl das an zwei Enden gehaltene Tuch als Spiegelachse zwischen den zwei Beteiligten vorstellen, die spiegelbildlich exakt die gleichen Bewegungen vollführen- herrlich als wäschefoxtrott beschrieben.
Die 3. Strophe listet nun Dinge auf, die in den gefaltenen Laken im Schrank gefunden werden können, darunter:

ein leerer flakon mit einem spuk parfum, das wurde, wie ich mir habe sagen lassen, gern gemacht: die eigentlich leere 4711-Flasche, in der Hoffnung, noch die allerletzte Ausdünstung mitzunehmen, um die Wäsche zu parfümieren- ein Spuk: jeder kann es sich vorstellen, was gemeint ist: praktisch nicht wahrnehmbarer und dennoch zielsicher zu erschnüffelnder Restgeruch.
Weiterhin finden sich im Text dann Lavendelblüten zwischen den Laken, Wiesenblumen sowie ein Wurf Mottenkugel. Man würde sagen: eine Hand voll….ein paar….oder einige Mottenkugeln- der Wurf stammt aus dem Tierreich: ein Wurf Ferkel, Katzen oder Mäuse. Dennoch weiß man: es sind mehr als zwei oder drei, aber sicher kein Dutzend Kampferkugeln, die hier verstreut sind und sie liegen achtlos, verstreut dort -die Laken werden zum Nest, was wiederum ins Bild passt.

Nach der absurden Kindheitserinnerung in Strophe 1, dem Vorgang des Faltens in der Zweiten und der Möglichkeitsform des Was-sich-darin-finden-könnte in Strophe 3 geht Wagner nun in der letzten Strophe zum JETZT über:

fürs erste aber ruhten sie, stumm
und weiß in ihren schränken, ganze
stapel von ihnen, eingelegt in duft,
gemangelt, gebügelt, gestärkt,
und sorgfältig gepackt wie fallschirme
vor einem sprung aus ungeahnten höhen.

Wer eine dieser sehr peniblen Großmütter hatte, wird das Bild der akkurat, Kante auf Kante liegenden Stapel kennen und den Vergleich mit stramm gepackten Fallschirmen als gelungen erkennen. Mit äußerster Genauigkeit, als ginge es um das eigene Leben, wird hier ein Alltagsgegenstand verwahrt; wie für Sprünge aus ungeahnten Höhen– dem Fallenlassen aus dem anstrengenden Tagesgeschehen in die weichen Tiefen des Schlafs, des Kontrollverlustes? -Scheint mir stimmig. Und schön!

Ein gutes Beispiel für die Texte dieses Bandes. Thematisch profan, sicher! Sprachlich nicht allzu experimentell, ja!- Kein Metaphernfeuerwerk, keine außergewöhnlichen Wendungen, die einem erst mit dem Fach- oder Fremdwörterlexikon verständlich werden. -Aber: in den herausgehobenen Stellen fällt auf, welches Stilmittel Wagner mit eindrucksvoller Perfektion und Einfallsreichtum beherrscht: das BILD! Der Pharao, Wurf Mottelkugeln, der Spuk Parfum, der Fallschirm….das alles sind sehr mächtige Bilder.

Aber wenden wir uns noch einem zweiten Text zu- einem von mehreren Tiergedichten in dem Band. Welcher jüngere Lyriker aus Berlin schreibt sonst noch welche?, möchte ich kurz zu bedenken geben!

Zwei Vierzeiler, zwei Dreizeiler. Wa rufen wir da alle ganz laut?- Genau!
Wagner benutzt hier die klassische Form des Sonettes, aber in seiner ganz eigenen Weise: die Silben über die Zeilen- und Strophenenden hinweggezogen, ohne es als zwanghaft modernen Bruch des Leseflusses zu benutzen, vielmehr: spielerisch.

 eule

still wie eine urne- bis die rufe
hoch über den köpfen
uns stocken lassen, sonderbar, als rufe
etwas durch sie hindurch; im braunen oder kupfern-

en federkleid zwischen den zweigen sitzend,
mit einem weißen schleier, zart wie mehltau
und brüsseler spitze,
verstreut sie die grazilen amulette

ihrer gewölle,….

Da sind sie wieder: die Bilder! Die Eule als stille Urne, das Gefieder wie Mehltau oder Spitze. Und wer je ein Gewölle in der Hand hatte, weiß wie treffend das Bild des Amulettes ist! Grazile Gebilde sind das, wahrlich!
Im Weiteren wird die Eule im Geäst des Baumes zum:

schlußstein in dem großen laubgewölbe;    –und Jeder kann sich vorstellen, wo genau sie sitzt.
ein gelber spalt und noch ein gelber spalt,
zwei augen hinter den tapetentüren
aus borke, dann der wald. der wald. der wald.

Das Sonett verlangt ja im letzten Vers sozusagen eine Quintessenz des gesamten Textes: was könnte da besser taugen als das dreifache der wald, das sich noch dazu so wunderbar harmonisch auf  spalt reimt, wie Wagner hier sowieso sehr gekonnt mit dem verpönten Stilmittel Reim und Binnenreim spielt: köpfen/kupfern, sitzend/Spitzen, Gewölle/..gewölbe, ..türen/..spüren.

Neben diesem Eulen-Gedicht gibt es noch eines über einen erlegten Elch, dessen Geweihschaufeln sich um die Luft legen:
wie hände eines champions am pokal.
Vielleicht kann ja der ein oder andere meiner Begeisterung folgen und die entspannte und nicht auf schnellen Effekt abzielende Kunst des Autoren ähnlich stark genießen.
Mein Fazit über diesen Band ist jedenfalls: Wenn mich in näherer Zukunft -wie es ab und an mal vorkommt- fragt, welche zeitgenössichen deutschen Dichter man lesen sollte, dann weiß ich, wen ich nenne! 

Noch einmal zum Verfasser:

Jan Wagner ist außerdem als Übersetzer und Literaturkritiker tätig. Er verfasst Rezensionen für die Frankfurter Rundschau und andere Zeitungen, Literaturzeitschriften sowie für den Rundfunk.

Als Herausgeber publizierte er gemeinsam mit Björn Kuhligk 2003 im DuMont Verlag die Antholgie Lyrik von Jetzt. 74 Stimmen, eine umfassende Sammlung junger und jüngster deutschsprachiger Lyrik, zu der Gerhard Falkner das Vorwort verfaßte. Ein Nachfolgeband erschien unter dem Titel Lyrik von Jetzt zwei. 50 Stimmen 2008 im Berlin Verlag.Seine Gedichte wurden in mehrere Sprachen übersetzt.
Regentonnenvariationen
erschien 2014 bei Hanser und hat 100 Seiten.

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Hermann Borgerding: the last song

last-song

Wer meinen Lyrik-Geschmack anhand meiner bisherigen Rezensionen ein wenig kennenlernen konnte, weiß, dass ich nicht allzu viel Zugang zur sogenannten Underground-Lyrik habe.
All die Kneipen, die Fluppen und Drogen interessieren mich meist nicht- Sex schon, aber nicht in der dort üblichen Darreichungsform. Das Meiste dort kommt mir aufgesetzt vor und leblos wie all die längst toten Rockstars, die gern darin herbeizitiert werden.

Anders, ganz anders, ist das bei den Texten Hermann Borgerdings, meinem aus dem Ruhrgebiet zugezogenen Münsterland-Kollegen.
Vorab: ich finde Udo Lindenberg schon immer schlichtweg unerträglich und die Stones lächerlich und peinlich -sorry, Hermann!-, aber in Hermanns Gedichten, auch dem eben erschienenen The last song finde ich daneben eben immer eine echte poetische Qualität. Auch dort wird gequalmt und mal ein Bier gekippt, auch hier heben mal Jim Morrison oder andere das müde Haupt, aber hier ist es keine aufgesetzte Haltung, keine teutonische-Bukowski-Maskerade: in The last song schreibt Hermann, der sich leider Gottes viel zu gut damit auskennt, von den letzten Dingen. Und das in einer melancholisch- resignierten Rotzigkeit, die mir außerordentlich gut gefällt. In scheinbar kunstloser, schlichter Sprache drängt hier eine Ehrlichkeit und Dringlichkeit des Gesagten durch, die fast schmerzt, so sehr mensch ist sie.
Hermann ist keiner, der tut, als sei er Dichter- Hermann ist ein Dichter, der mitunter so tut, als sei er gar keiner!
Ich hoffe inständig, dass dies nicht sein letztes Gedicht bleiben wird.

Es ist ein kleines, dünnes Bändchen der Reihe Verstreute Gedichte des Gonzo Verlags (Schande über mich, dass ich die nicht längst sammele!), das dieses neue Langgedicht enthält, das frei und locker komponiert daherkommt; wie dahingeschrieben bei einem Badeausflug an einem münsterländischen See.

Kleinigkeiten und sehr Großes geben sich dabei die Hand und dieses Gedicht, dessen Thema des eigenen Todes darin omnipräsent ist, enthält auf wunderbare Weise ganz ganz viel Leben (und das für 3€!)

strich1

Hermann Borgerding
the last song
Verstreute Gedichte X
Gonzo Verlag, 3€

 

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Seethaler vs Johnson

 

Momentan feiert der österreichische Autor Robert Seethaler eine Zeit der großen Erfolge, die einen der seltenen Fälle darstellt, in denen Feuilleton und Leser sich einig sind. Seethaler vereint Intellekt, handwerkliches Können und Witz mit großer Lesbarkeit. Vor wenigen Wochen erschien sein letzter Roman Ein ganzes Leben als Taschenbuch und wiederum erntet er verdienterweise Applaus und Erfolg. Ich betone: ich schätze Herrn Seethaler und seine Bücher sehr.
Und ich auch will gar nicht so tun, als habe ich es entdeckt. Andere wiesen bereits ausführlich darauf hin, so zum Beispiel der Spiegel schon zum Erscheinen der gebundenen Ausgabe von Ein ganzes Leben im Jahre 2014:
Der Roman erinnert doch sehr stark an einen anderen: den 2002 erschienenen Titel: Train dreams des Amerikaners Denis Johnson, der in den USA einen gewissen Kultstatus genießt, hier aber nahezu unbekannt ist.

Der Ähnlichkeiten sind viele: beide Bücher sind wenig mehr als 100 Seiten stark, spielen in kargen, ländlichen Regionen: bei Seethaler den Alpen- bei Johnson in den Wäldern. Die Natur und ihre Gewalten sind bei beiden von Bedeutung. Weiterhin fixieren sich beide Romane sehr auf ihre etwas knöchernen Hauptfiguren; Männer, die -wortkarg und pragmatisch- harte Arbeit und Einsamkeit gewohnt sind. Beide Bücher schildern komplette Lebensspannen in einem annähernd gleichen Zeitraum, der grob die ersten zwei Drittel des 20. Jahrhunderts abdecken.

Seethalers Andreas Egger verliert seine Frau durch eine Lawine, Johnsons Robert Grainier die seine durch eine Feuersbrunst. Ab diesen beiden Verlusten verstärkt sich ihr Einsiedlertum noch mehr.  Beiden begegnen später ihre verstorbenen Frauen als Geister. Beide erleben den Einzug der Technik- hier die Seilbahn, dort die Eisenbahn.
Doch die Parallelen gehen weiter: beide erleben kurz vor ihrem Tod noch einmal einen kurzen Impuls, doch noch am Leben teilzunehmen und stellen fest, dass es zu spät ist. Beide sterben einsam und werden erst spät gefunden.

Aber mit diesen grundsätzlichen Überschneidungen ist noch nicht Schluss: die Ähnlichkeiten gehen bis in die Komposition und die Stimmung hinein. Beide Bücher fühlen sich einfach gleich an. Viele Szenen sind nahezu eins zu eins in dem einen wie dem anderen Text zu finden, variiert, verändert, aber im Kern gleich. Gleich zu Beginn transportiert Egger in Ein ganzes Leben einen schwerkranken Schrat aus den Bergen, um ihn zu retten- Grainier tut das Gleiche mit einem vom eigenen Hund angeschossenen Bekannten. Die Szenen gleichen sich fast auf`s Haar und ist hier nur ein Beispiel.

Sicher, kann man sagen, auch der Unterschiede sind viele: Egger hat viel mehr familiären Background mitgegeben bekommen als Grainier. Dieser hatte eine Tochter, während Eggers ungeborenes Kind mit der Mutter stirbt. Egger hat Weltkriegserfahrung machen müssen- Grainier nicht usw.. Weiterhin hat Johnson seinem Buch eine dünne Schicht indianischer Mythologie aufgelegt, deren Entsprechung in Seethalers Buch bis auf die Geistererscheinung gänzlich fehlt, Überhaupt scheint Ein ganzes Leben noch karger, noch reduzierter und sachlicher im Stil. Aber der Eindruck großer -vielleicht verdächtig großer (?)- Nähe bleibt.

Ich bin sicher, dass es nicht so weit geht, dass eine Plagiats-Software, wie sie im Moment groß in Mode sind, wortwörtlich übernommene Formulierungen finden würde.  Der Spiegel wollte es genau wissen und rief Robert Seethaler diesbezüglich an. Der Autor fiel wohl selbst glaubhaft aus diversen Wolken und gab zu, Train Dreams seinerzeit begeistert gelesen zu haben. Allerdings habe er beim Schreiben des eigenen Buches keine Sekunde lang daran gedacht.
Hmm, es wird ihm allgemein geglaubt. Mir fällt es etwas schwer, da selbst Komposition und Stimmung der Bücher sich sooo sehr gleichen. Es gibt Fälle, sogar sehr oft, in denen Literatur andere Literatur provoziert. Wo ein Buch ein anderes als Echo findet. Aber meist sucht sich die Eigenheit des zweiten Autors dann doch so viel Raum, dass es vielleicht Parallelen gibt, aber nicht eine derart große Ähnlichkeit. Und: ich bin aus eigener Erfahrung skeptisch, dass einem das Vorbild für das eigene Buch im Moment des Schreibens so wenig präsent sein kann.

Nun denn, die weitaus interessantere Frage ist für mich: Wie soll man so etwas bewerten?
Da kam es mir zugute, dass ich beide Bücher in meinen Lesekreisen mit insgesamt etwa 30 begeisterten und beschlagenen Lesern und Leserinnen begutachten konnte. Die Wahrnehmung ist spannenderweise sehr sehr unterschiedlich.
Während eine Gruppe das Gefühl hat, Seethaler habe aus einer etwas krausen und wirren Vorlage etwas wirklich Großartiges gemacht; habe sozusagen Dreck in Gold verwandelt, empfindet es eine andere Fraktion als dreistes Plagiat. Betont wird hier, dass -wie ich kürzlich selbst in meinen Notizen zur Literatur behauptete- die Idee doch einen wesentlichen Teil der literarischen Leistung ausmache und es Seethaler hier doch sehr viel einfacher gehabt habe, denn das Grundkonstrukt seines Buches sei ja bereits bei Johnsons angelegt gewesen.
Hätte er darauf hinweisen müssen? Das Buch vielleicht als „Variation“ bezeichnen sollen?, war meine Nachfrage. Damit hätten die meisten der kritischen Teilnehmerinnen besser leben können, die letztlich nicht bestreiten, dass es sich bei Ein ganzes Leben um einen guten Roman handelt.

Meines Erachtens ist an beiden Meinungen etwas dran. Seethaler schneidet tatsächlich einiges weg, was nicht unbedingt nötig ist, reduziert, schärft seinen Text im Vergleich zum etwas verspielteren Johnson. Das ist sicherlich eine Leistung, eine Komprimierung- wenn dabei auch eine Schicht, eine Komponente verloren geht. Aber das Bearbeiten eines fremden Stoffes über die Erfindung eines eigenen zu stellen ist sicherlich fragwürdig.

Erschreckend finde ich, dass dem Leser, der das Buch Seethalers gerade liest und feiert, dieser Vergleich in den allermeisten Fällen gar nicht möglich ist, da weder Autor noch Verlag auf die Faktenlage hinweisen. Der Artikel des Spiegels sowie die daran anschließende kurze Diskussion wird den wenigsten bewusst geworden sein.

Plagiat oder nicht? -Eine Frage, die nicht abschließend zu klären sein wird. Zwei mal Lesegenuß, unbestritten- aber in einem Fall mit ein paar Fragezeichen.

strich3PS: Da in den Kommentaren der Wunsch nach weiteren konkreten Beispielen geäußert wurde, möchte ich noch etwas hinzufügen.

Allein die Entscheidung, einen sehr zentralen Protagonisten ohne nennenswerte Nebenfiguren über seine ganzes Leben zu begleiten und dies in einem sehr knappen Umfang von nur ca.100 Seiten, ist eine sehr gewichtige, denn sie gibt in gewisser Weise eine Form vor.
Beide Hauptfiguren leben ca. 80 Jahre- d.h. mir bleiben grob 10 bis 12 Seiten pro Lebensjahrzehnt. So funktionieren beide Romane. Mal verfliegen Jahre auf wenigen Seiten, auf einige prägnante Ereignisse wird mehr Zeit verwendet. Da beide Autoren überdies eine recht streng chronologische Erzählweise gewählt haben (es ginge ja durchaus auch anders) ereignen sich bestimmte Episoden -etwa das Verlieben, die Heirat etc.- ebenfalls zu recht parallelen Zeitpunkten im jeweiligen Buch. Beide nutzen zudem einzelne, dezente Rückblenden, um eine gedankliche oder menschliche Entwicklung der Protagonisten zu zeigen.

Nun möchte ich einiges zitieren, was der Spiegel in seinem sehr ausführlichen Artikel dankenswerterweise bereits zusammengetragen hat:

Der Beginn von Train Dreams klingt so:
„Im Sommer 1917 beteiligte sich Robert Grainier an dem Versuch, einen chinesischen Arbeiter ums Leben zu bringen …“

Ein ganzes Leben fängt so an: „An einem Februarmorgen des Jahres neunzehnhundertdreiunddreißig hob Andreas Egger den sterbenden Ziegenhirten Johannes Kalischka … von einem stark durchfeuchteten … Strohsack …“

Name des Protagonisten, Jahreszahl, ein novellenartiges besonders einschneidendes Erlebnis…. Weiter zum Ende:
Johnsons Held Grainier endet so: „Er war im Laufe seines langen Lebens in westlicher Richtung bis auf ein paar Dutzend Meilen an den Pazifik herangekommen, ohne den Ozean selbst je zu sehen … Er hatte eine Geliebte gehabt – seine Frau Gladys -, hatte ein Stück Land, zwei Pferde und einen Wagen besessen. Er war nie betrunken gewesen. Er hatte sich nie eine Schusswaffe gekauft oder ein Telefon benutzt … Er hatte keine Vorstellung, wer seine Eltern gewesen sein mochten, und er hinterließ keine Nachkommen.“

Seethalers Egger dagegen: „Er hatte seine Kindheit, einen Krieg und eine Lawine überlebt … Soweit er wusste, hatte er keine nennenswerte Schuld auf sich geladen, und er war den Verlockungen der Welt, der Sauferei, der Hurerei und der Völlerei, nie verfallen. Er hatte ein Haus gebaut, hatte in unzähligen Betten, in Ställen, auf Laderampen und ein paar Nächte sogar in einer russischen Holzkiste geschlafen. Er hatte geliebt. Und er hatte eine Ahnung davon bekommen, wohin die Liebe führen konnte … Er konnte sich nicht erinnern, wo er hergekommen war, und letztendlich wusste er nicht, wohin er gehen würde.“

Da hört man auch gleich einiges der von mir erwähnten Stimmung: ein TAZ-Rezensent nannte es mit Bezug auf  einen „komplett unaufgeregten Stil“ und „Sprache gewordenen Fatalismus“, eine Beschreibung, die ebenso auf den Ton Johnsons passt. Beide Romane -und ich nenne das eine ihrer Qualitäten- verzichten bewusst auf großes Psychologisieren, dem Leser wird überlassen, zu fühlen und mitzufühlen.  Großes Pathos und Emotion gibt es bei beiden Texten nicht, nicht vordergründig.

Meine Leserinnen sowie der Spiegel als auch ich kommen zu dem Ergebnis: kein Wort für Wort abgeschriebenes Plagiat liegt vor, aber eine Nähe, die eine Erwähnung der Umstände ratsam erscheinen ließe. Sie würde Seethalers Buch und seine Leistung kaum schmälern.

 

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But to live outside the law, you must be honest -Rezension: „Blaue Wildnis“ von Nico Feiden

Blaue Wildnis

Vor vielen vielen Monden einmal schickte ich meine ersten mühselig dem Stammeln abgerungenen Gedichte einem älteren, anerkannten Dichter.  Er war sehr freundlich und hinterließ mir einen schönen Satz, den ich damals nicht zur Gänze verstand und deshalb nie zitierte. Er sagte: „Deine Gedichte erinnern mich an etwas. Ich weiß nicht an was- aber ich würde es sehr gerne wieder lesen.“

Ich hörte damals nur den ersten Teil des Satzes und glaubte, er hielt meine Texte für epigonal, nicht eigenständig und unverwechselbar. Im Laufe der Zeit bekam ich aber eine Ahnung, wie der Ausspruch gemeint gewesen sein konnte.
Bei Nico Feidens erstem Band, der gerade eben erschienen ist und Blaue Wildnis heißt, kam mir das Statement des älteren Dichters wieder in den Sinn…
„Ja, nun bin ich der Großvater…“, lautet es in einer früher einmal viel gesendeten Werbung, die ich aber nun nicht zur Gänze zitieren möchte- aber als sich selbst seit über 20 Jahren an der Lyrik abarbeitender und (du meine Güte!) beinahe doppelt so alter Autor blicke ich auf Nicos Gedichte und seine Präsenz in genau dieser Weise.

Das Gedicht ist an sich, dank der Re- und Evolutionen der vergangenen 100 Jahre, ein Ort der FREIHEIT.
Es darf alles. Inhaltlich und strukturell. Meine eigene und manch andere Lyrikproduktion dagegen scheint mir geprägt von Einschränkungen, von außen oder selbst auferlegt: Dies verbot die Moderne:
Reim war out, allzu „große“ Hauptworte, die meist auf –ung oder –nis endeten, waren tabu. Pathos no go.
Anderes forderte sie dagegen dringend: knapp sollte man sein, ironisch, analytisch distanziert. So aber rückt das Schreiben letztendlich dem Verstummen näher als dem Erzählen.

Es ist schlimm, dass es alles negativ besetzte Begriffe sind, aber: Missachtung, Ignoranz oder gar Unkenntnis der formalen Neuerungen der modernen Lyrik, totale Wurschtigkeit gegenüber den Ansprüchen der Avantgarde und spontanes Drauflos-schreiben mit Hang zum Großen…denn auch das stellt die ursprüngliche Möglichkeit der kurzen und offenen Form Gedicht dar.

Nicos Gedichte sind um Längen besser als meine es waren, als ich so alt war wie er- das sei einmal festgehalten, aber ich erinnere mich bei der Lektüre eben gut daran, wie berauschend es war, ein Stück kompakte Sprache produziert zu haben, das nicht und niemand Anderem verpflichtet war als mir. Ob es nun Gedicht genannt werden konnte, ob es gar als modern zu bezeichnen war…egal.

Der Verlag, Elif in Nettetal, rückt in seinem Programm Nicos Verse in Richtung der Beat-Generation. Ja, Kerouacs spontane Prosa kommt in den Sinn, auch Ginsberg-Gedichte in ihren nur scheinbar unkomponierten großen Bögen. Und dieses hobo-hafte, am Rande der Gesellschaft stehende, die Sympathie für Randfiguren und Außenseiter ist in vielen Texten des Bandes vorhanden. Ich fühle mich aber auch sehr an Walt Whitman erinnert, der ebenfalls -sorry- einen Dreck auf Metrum, Reim und Komposition gab. Einer, dessen langen Atem, dessen Begeisterung für das große, manchmal fast psalmenhafte Sprechen Nico teilt. Dann ist das Ganze ein wenig subkulturell und -da spüre ich mein Alter, Autsch!- wie heute üblich absolut unbestimmbar, nicht Punk, nicht Beat, nicht Grunge….sondern sich überall bedienend. Da ist Jazz und Joint, da ist aber auch Landschaft und sehr viel Unendlichkeit..wie in meinem wohl Lieblingstext des Bandes:
Entschleunigung

Halt dich fest mein Freund,
wir sind unsterblich
und all die blinden Fenster
führen uns den Weg zum Leben
und all die Lippen durch den Tod
geschlossen

Im Zyklus der Gezeiten
ziehen Planeten ihre Kreise
und wir bleiben stehen,
weil alles andere sich bewegt.

Und jedes Mal, wenn ich diesen -übrigens sehr schon illustrierten Band- aufschlage, lande ich automatisch beim Gedicht Heimat,  dessen Thema mich nun schon seit Längerem ganz besonders beschäftigt. Und da zeigt sich ein ganz anderer Dichter -einer, der sehr wohl zu bauen und zu reimen weiß. 3 Vierzeiler mit durchgängigem Kreuzreim, die da enden:


es verbleicht die Heimat
wie ein Bild im falschen Buch.

Nico ist viel herumgekommen und hat viele Menschen getroffen- davon zeugt dieser Band. Für mich verkörpert er eine Erscheinung von Dichterschaft, wie sie ursprünglicher, kompromissloser und authentischer kaum sein könnte. Frei, räumlich wie geistig; etwas wild und ungeschliffen, aber von einem klaren Blick und fähig zum Gefühl.
Mich erinnern seine Gedichte an etwas, das ich nie wieder werde „lesen“ können- an etwas, auf das der Blick von den Jahren, den Lektüren, dem Leben verstellt ist:  an die von Regeln unbelastete, ungezügelte Freiheit von Gedichten.

 

Nico Feiden
Blaue Wildnis
mit Illustrationen von Giacomo
Elif Verlag

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Rezension: Das Meer ist ein alter Bekannter, der warten kann. Michael Starcke, gestorben am 19.02.2016

Das Meer ist ein alter Bekannter, der warten kann.


wenn die strandkörbe

weggekarrt werden
und leere gähnt,
als kehre keiner zurück,
während er, der baum vorm
haus, kein schaulustiger,
aber ein hoch gewachsener traum,
den horizont fest im blick behält.

So endet Michael Starckes Gedichtband: Das Meer ist ein alter Bekannter, der warten kann. Dass es nicht nur letzte Worte eines Buches, sondern ebenso letzte Worte eines Dichters sein würden, war bei Drucklegung nicht absehbar. Der Band erschien in gewohnt liebe- und prachtvoller Gestaltung vor wenigen Tagen im Elif Verlag in Nettetal und nur ein paar  weitere wenige Tage später, am 19.02., verstarb Michael Starcke 66jährig in Bochum. So wird dieser schöne, dem Meer gewidmete Band ein Vermächtnis.

Das Meer war Michael Starcke offenbar nicht nur ein alter Bekannter. Unter dem Begriff  Heimat  definiert ein Lexikon:
„Die Menschen sind an ihre Heimat durch ihre Geburt und ihre Kindheit, ihre Sprache, ihre frühesten Erfahrungen oder erworbene Affinität gebunden.“
Letzteres, die erworbene Affinität, traf wohl für den gebürtigen Erfurter und späteren Ruhrgebietler Starcke zu. Das Meer als Wahlheimat, Rückzugsort, Seelenverwandter. Und: Die Seele ist hier als Referenz nicht zu hoch gegriffen, denn das Herkunftswörterbuch des Duden weiß:

Das altgermanische Wort mhd. sele, ahd. se(u)la, got. sai-wala,  ist wahrscheinlich eine Ableitung von dem unter See behandelten Wort mit der Grundbedeutung “die zum See Gehörende”. Nach alter germanischer Vorstellung wohnten die Seelen der Toten im Wasser.

Die Gedichte des Bandes sind lang im Vergleich zu anderen, in etwa eine Druckseite, meist drei- oder vierstrophig und von der Nüchternheit konzentrierter wie beiläufiger Notate, der Prosa recht nah mitunter. Behutsam rhythmisiert, unterschwellig mit Motiven durchzogen, die auch die Grenzen des einzelnen Gedichts überschreiten und sich durch den gesamten Band ziehen. Die Wandelbarkeit des Wassers, das Meer als Spiegel, das Schwanken zwischen Beruhigung und Bedrohung.

Wir alle kennen das; kennen auch das Gehen auf Sand und das stundenlange Starren auf Horizonte und wissen um die Emotionen, die es auslösen kann. Das Meer als Null-Linie, als Projektionsfläche, Ausgangsplattform für Gedanken, Pläne, Abenteuer- wir alle kennen das. Doch festhalten können wir es selten- Michael Starcke konnte es.


die farbe des meeres
erinnert
an ein verlangen, vielleicht,
dass es Zukunft heißt.

Dabei ist es unerheblich, um welches Meer es sich handelt- es ist das Meer, obwohl die Gedichte große Vertrautheit mit einem bestimmten Ort vermuten lassen: prägnante Referenzpunkte wie der Baum vor dem Fenster wiederholen sich, jedoch -als den wechselnden Stimmungen unterworfene Details- immer wieder verändert.

Der Grundton der Gedichte ist ruhig und reflexiv, Seemannsromantik gibt es keine. Die Liebe zum Element und der Umgebung ist tatsächlich eher eine Liebe zum Zustand Meer, den viele von uns gut kennen: Auszeit, verhältnismäßige Kleinheit, Unbedeutsamkeit gegenüber der Urgewalt, Relativierung der Umstände und Wichtigkeiten. Meer heißt auch Unendlichkeit, Unbezwingbarkeit und das ein oder andere Boot in Michael Starckes Gedichten trudelt scheinbar willenlos und fremdbestimmt entlang der Horizontes und der Zeilen der Texte. Der Dichter registriert es, doch der Mensch und sein Tun sind zu klein, um in seinen Texten mehr als eine Statistenrolle einzunehmen.


und doch:
die menschen am ufer
werden davongehen
und einmal nicht mehr
zurückkehren. andere menschen
werden sie ersetzen,
um die welt später
zu verlassen wie einen traum.

Zentral bleibt: das Meer und sein alter Bekannter, der Dichter-nicht etwa Freund, dafür ist der eine von beiden zu groß und zu undurchschaubar. Man kennt sich, man schätzt sich, man duldet sich- bei gutem Benehmen- auf Zeit.
In der besonnenen, klugen Ruhe der Gedichte dieses Bandes liegen Kontemplation wie Denkanstoß zu gleichen Teilen. Entspannung durch Konzentration- nicht durch Zerstreuung- mit einem weiten Blick und geöffneten Horizonten.
Michael Starckes Buch ist eine Meditation über das Meer, eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Gewicht und der Vergänglichkeit und als solche ein berührendes und gewichtig-schwebendes, gültiges Schlusswort eines Dichters, dessen Stimme fehlen wird.


in letzten träumen
suche ich
meine Anlegestelle, das Meer,
gehe schaukelnden schrittes
an land.

 

ELIF VERLAG, Nettetal ISBN 978-3-9817509-2-8 76 Seiten, €13,95

Michael Starcke (1949-2016) lebte und arbeitete als Lyriker und Rezensent in Bochum. Mitglied im VS, in der europäischen Autorenvereinigung DIE KOGGE und im PEN-Zentrum Deutschland. Verschiedene Auszeichnungen und Preise, u. a. den Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur (2013) Zahlreiche Veröffentlichung in Literarischen Zeitschriften und Anthologien. 26 eigenständige Veröffentlichungen. Beiträge im Bayrischen Rundfunk, im WDR und in Radio Bozen.

 

 

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Rezension: Anke Glasmacher „Zwanzig/vierzehn“

Ein Lyrikband.
Eine Sammlung von Gedichten: Möglichkeit, Blüten vergangener Jahre, einer Schaffensperiode oder eben: zu einem Thema zu versammeln und zu bündeln.
Das Gedicht kann und darf ALLES. Darf lang sein oder kurz. Vertrackt und voller Untiefen oder klar und spruchhaft. Man kann ein Gedicht in tage-, wochen,- jahrelanger Arbeit erweitern, verknappen; mit mehr und mehr Rätseln befüllen oder es vereinfachen, abspecken, verknappen. Das Gedicht und folglich auch der Band Gedichte kann und darf ALLES!

Es scheint mir eine neue Tendenz zu geben, diese Freiheit freiwillig zu beschneiden – Begrenzung schafft neue Reize.
Schon die Wahl eines Themas ist eine solche. Manchmal reicht es für einen Zyklus, manchmal für einen ganzen Band.
Aber auch die Mittel kann man begrenzen. Zum Beispiel, in dem man sich einen eigenen, eingeschränkten Wortschatz sucht: Fremdwörter z.B., Wikipedia-Artikel oder wie Herta Müller: die Worte eines Blattes aus einer Zeitung. Wasweißich!

Aber auch die Verfertigung eines Gedichts oder Bandes kann man unter Beschränkungen stellen. Zum Beispiel kann man sagen: Ich arbeite nur eine Woche (einen Monat oder oder) an diesem Text. Die unendlichen Varianten, Zwischenstufen und Möglichkeiten der Verfeinerung lasse ich aus.
Radikaler ist es da noch, wenn man sagt: Ich schreibe JEDEN Tag EIN Gedicht und lasse es stehen, wie es ist.
Das Spontane, Skizzenhafte als Ziel. Derartiges ist bereits dagewesen und z.B. Adrian Kassnitz verfolgt mit seinem Projekt Kalendarium diesen Ansatz gerade auf spannende Weise ebenfalls. Hier könnte man nun in einen Tagebuch-Modus verfallen und z.B. die eigene Befindlichkeit in den Fokus stellen. Der Vorwurf der unpolitischen Nabelschau wird der deutschen Lyrik ja immer mal wieder gemacht und eben erst beklagte Heike Kunert in ihrer ZEIT-Besprechung des dreißigsten Jahrbuches der Lyrik, dass sich so gut wie kein politisches, zumindest gesellschaftskritisches Gedicht im Jahrbuch findet. Was auch immer man sich darunter vorstellen mag!

gekritzel6Anke Glasmacher, deren Band: Brot und Spiele ich vor einiger Zeit schon besprach, hat aber für ihr „Jeden-Tag-ein-Gedicht- Buch eine Vorgehensweise gewählt, die von der angeblich langweiligen, Ich-bezogenen Arbeitsweise angeblich der meisten deutschen Lyriker abweicht. Zwanzig/vierzehn enthält für JEDEN Tag des Jahres 2014 EIN Gedicht. Aber Anke Glasmacher wählt noch eine weitere Beschränkung: Thema des täglichen Gedichts ist jeweils die erste Meldung der abendlichen Tagesschau. So fallen eine Menge Themen weg: Landschaft, Liebe, eigenes Ich können höchstens gefiltert durch die tagesaktuelle und weltpolitische Brille auftauchen.

Wir kennen die Schwerpunkte von Tagesschau-Meldungen, dennoch: dass es eine Art Kriegstagebuch werden würde, hat die Autorin, wie der Elif-Verlag in seiner Werbung für den Band richtig bemerkt, nicht ahnen können.
Kaum ein erbauliches Ereignis findet sich unter den Top-Meldungen des Jahres 2014, einzig der Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft unterbricht vielleicht den Strom der Gefechte und Hiobsbotschaften.

Anke Glasmacher ist eine äußerst präzise Beobachterin: distanziert und in höchstem Masse zu Reflektion und klugen Übertragungen fähig. Dies lobte ich schon in ihrem vorigen Band. Wie dort sind die Gedichte in Zwanzig/vierzehn eher kurz, eher prägnant. Kryptische Metapherkaskaden und Bilderfluten sind Anke Glasmachers Sache nicht. Was auf den ersten Blick schlicht erscheinen mag, ist höchst durchdacht und individuell.
Man bedenke: für jeden Text standen höchstens 24 Stunden zur Verfügung und zahlreiche Themen wiederholten sich im genannten Jahr allzu oft auf beklemmend unschöne Art und Weise. Wie oft steht der „normale“ Tageschau-Seher sprachlos vor dem Gesehenen? Wie wenig Verlässliches wissen -bei aller Geschwätzigkeit- unsere „Experten“ zu Krim, Griechenland oder IS-Terror beizusteuern. Dies im Hinterkopf ist es höchst erstaunlich, welch breiten Rahmen an Formen und Ansätzen Anke Glasmacher in diesem Band findet.
Mal bleibt sie nah am Thema, mal wählt sie die Übertragung. Ihr sehr präziser, an der Kamera geschulter Blick lässt sie in Details und Sekundenaufnahmen aussagekräftige Wahrheiten finden. Sie hält Einzelheiten fest, die im Großen und Ganzen unterzugehen drohen, meidet jede Polemik oder Anklage- bleibt immer, zu was ihr schriftstellerischer Impuls sie bestimmt hat: Beobachterin, Individuum mit einem persönlichen Assoziationsrahmen. Sehr wohltuend.

Formal und thematisch gibt es einige überraschende Ansätze: Dezentes Spiel mit der konkreten Poesie, mit dem fabel- und märchenhaften und einige Sätze, die in ihrer Prägnanz zum weitverbreiteten Zitat werden müssten! Viele Gedichte in diesem Band sind nur wenige Worte und Zeilen lang. Sie verdanken dies einerseits der begrenzten Zeit, andererseits aber der Fähigkeit der Autorin, klar zu sehen– der Voraussetzung, um klar zu schreiben.

Zwanzig/vierzehn -ein Nachrichtenjahr- ist ein spannendes und äußerst gelungenes Experiment. Die Politik, die Ereignisse auf diesem Planeten, sind ein Feld der Sprachlosigkeit, der Logik und Analyse längst durch kaum erkennbare Zusammenhänge entzogen. Auch und gerade den Dichtern geht es so. In der Regel. Anke Glasmacher versucht, dies mit Mitteln der Poesie aufzubrechen. „Eine Zumutung“, schreibt der Verlag. Dies gilt ausdrücklich für die Autorin, deren Mut hier nicht genug zu loben ist- nicht für den Leser!

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Anke Glasmacher
„Zwanzig/Vierzehn. Ein Nachrichtenjahr“
elifverlag, Nettetal 2015
228 Seiten, 14,95 Euro
ISBN: 978-3981614756

Anke Glasmacher, Jahrgang 1969, wuchs im Bergischen Land auf. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Pädagogik an den Universitäten Bonn und Köln. Sie lebte 12 Jahre lang in Berlin im Prenzlauer Berg, wohnt und arbeitet heute aber wieder in Köln. 2013 gehörte sie zu den PreisträgerInnen des Lyrikwettbewerbs postpoetry.NRW. Sie ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller und im Literatur-Atelier Köln.

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Konzert ohne Dichter, Klaus Modick

modickMal wieder ein Bestseller.
Konzert ohne Dichter von Klaus Modick ist ja wirklich auch mal beim Leser sehr erfolgreich. Wie immer bei Modick, (Jahrgang 51) der jetzt wieder in seiner Geburtsstadt Oldenburg lebt, ist der Stil süffig, aber nicht ohne literarischen Anspruch und -wie auch schon zuvor- greift der Autor bei seinem Stoff auf reale Geschehnisse und reale Figuren zurück. Konzert ohne Dichter nun könnte DER große Worpswede- Roman werden, denn alle dort angesiedelten und heute noch verehrten Maler sind darin porträtiert. Heinrich Vogeler, der als Hauptfigur fungiert, Overbeck, Modersohn und Frau, die Bildhauerin Clara Westhoff und eben auch ihr prominenter Ehemann: Rainer Maria Rilke, dessen „Freundschaft“ und Verbindung zu Vogeler im Zentrum steht.

Vogeler, der immer wieder über sein „Meisterwerk“ DAS KONZERT resümiert, weiß, dass gerade dieses Bild ein Problem hat. Er stellt fest, dass er Musik nicht malen kann und fragt sich, ob das überhaupt möglich ist. Dass Rilke aus diesem Porträt der engsten Vertrauten getilgt ist, hat ebenfalls seinen Grund….Ein wenig hat Modick das gleiche Problem, wenn er versucht, über Malerei zu schreiben. Das Übertragen eines künstlerischen Mediums in eine anderes hat eben seine Tücken. (Wie sagte schon der große, wenn auch völlig anders geartete William Burroughs: Über Musik schreiben ist wie über Architektur tanzen“) Und so gerät manche Passage über die Bilder Vogelers und seiner Kollegen etwas zu sehr in Richtung Bildbeschreibung in der Schule. Aber seine Landschaftsbeschreibungen, seine Charakterisierung Rilkes und Vogelers, auch die der vielen Nebenfiguren und sein Porträt der Zeitumstände sind durchaus gelungen und unterhaltsam.

Heinrich_Vogeler_SommerabendÜberhaupt gefällt mir das alles recht gut- zumal ich eine Neigung zu Romanen mit realen Hauptfiguren habe, wie Ihr bereits festgestellt haben dürftet. Kompositorisch arbeitet Modick mit den Erinnerungen des bereits berühmten Vogelers, der allerdings erste Zweifel an seinem Konzept des künstlerisch völlig durchstilisierten Lebens hegt. Es gibt geschickt eingeflochtene Rückblicke und über Recherche brauchen wir bei Modick gar nicht reden- das ist alles sehr gut und gründlich gemacht. Und Rilke kommt herrlich unsympathisch, fast durchtrieben und wie ein Scharlatan herüber- wenn auch sein lyrisches Genie unangetastet bleibt. Die Sympathie, bei allen Schwächen, liegt eher bei Vogeler. Ich höre allerdings schon Kritiken, denen das alles zu viel norddeutsches Idyll ist, zu viel Flora und Fauna, zu viel Plattdeutsch. „Landlust-Literatur“ -Das hatten wir ja gerade bei Jan Wagner! Aber: Es muss ja nicht alles immer so berlin sein…. Oder?

Mein Fazit lautet: eine angenehme, handwerklich großartige Lektüre mit zeit-, kunst- und literaturgeschichtlichem Hintergrund. Wie schon bei Modicks Roman Sunset über Lion Feuchtwanger schätze ich seine Fähigkeit, genaue Recherche und interessante Charakterstudien zu verbinden, Zeit- und Milieuporträts zu schaffen, die Lust auf weiterführende Lektüre machen. Mit Konzert ohne Dichter im Gepäck sollte man natürlich einmal ins Teufelsmoor fahren, um es an den Originalschauplätzen zu lesen- ob es nun die, wie die Werbung es nennt: Chronique scandaleuse des Künstlerdorfes ist, sei dahingestellt. Dafür fehlt es wohl doch an sensationellen neuen Enthüllungen- aber braucht es die immer?

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