Spuren der Moderne in Münsterland & Westfalen: Jakob van Hoddis in Dr. Lackmanns Kurklinik, Wolbeck

lackmannsHeute erinnert nur noch die Bushaltestelle Kurhaus an der Hofstraße in Münster Wolbeck an Dr. Lackmanns Kurhaus. Etwa 10 Minuten Fußweg entfernt lag es vom Drostenhof im gleichen Ortsteil. Das Flüßchen Angel zieht unweit der Stelle durch den Ort, an dem die 1892 errichtete Kurklinik Dr. Wilhelm Lackmanns sich befand. Eine damals fortschrittliche Einrichtung für Nervenkranke, in der aber auch Bluthochdruck, Arteriosklerose, Korpulenz, Gicht, Rheumatismus und Frauenleiden mit Packungen, medizinischen Bädern, Abreibungen und kalten Abklatschungen behandelt wurden. Auch ein wenig mondän, das Ganze: mit Kunst an den Wänden, einem eleganten großen Speisesaal, einer weißen Torbrücke am Kurgarten mitsamt seinem von Putten umsäumten Kräuterfeld. Die Klinik lief gut, mehrfach wurde das Gebäude erweitert. Nach Dr. Lackmanns Tod übernahm 1909 sein Sohn das Kurhaus und trieb es zu weiterer Blüte. Anfang des 20. Jahrhunderts konnten in 50 Zimmern bis zu 80 Kurgäste untergebracht werden. Eine Woche Unterbringung mit Vollpension kostete damals 50 Reichsmark.

Jacob_van_HoddisAm 5. September 1912 wird ein gewisser Hans Davidsohn dort aufgenommen. Ein 25jähriger Mann, der unter seinem Pseudonym Jakob van Hoddis nicht mehr ganz unbekannt ist. Er war in Berlin Teil des Neopathetischen Cabarets und sein Gedicht Weltende, zum Anfang des Vorjahres erstmals in der Berliner Zeitschrift Der Demokrat veröffentlicht, hatte ihm bereits einen gewissen Ruhm beschert. Wer kennt es nicht? Es steht als DAS Gedicht des Expressionismus in jeder Anthologie und Literaturgeschichte.

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei,
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Wie genau Hans Davidsohn Anfang September 1912 nach Wolbeck gekommen ist, ist unbekannt. Dr. Lackmann erwähnte einmal, er sei vermutlich auf Rat einer seiner Patientinnen gekommen, mit der er im Briefkontakt stand ́. Einiges weist darauf hin, dass es sich hierbei um die höchst exzentrische Tante und Freundin der Familie, Laura Henschel, gehandelt haben muss, der van Hoddis vertraute.

Den Aufzeichnungen zufolge bleibt Davidsohn bis zum 08. Oktober in Wolbeck- ein wirrer Brief, den er an seinen Freund Erwin Loewenson schreibt, trägt allerdings noch den dortigen Poststempel vom 20. Oktober.
hoddisVielleicht war Wolbeck für van Hoddis ein Versuch, in ländlicher Idylle zur Ruhe zu kommen. Wiederholt hatte er in der Vergangenheit Symptome geistiger Verwirrung gezeigt, hatte sich aggressiv gegen Freunde und seine Familie gewandt- ein ohnehin schwieriges Verhältnis! Viele lasen schon damals aus seinen skurrilen Texten Anzeichen einer Schizophrenie heraus. Und Verfolgungswahn und Verwirrung zeigte sich auch in Wolbeck und in den Briefen des Dichters von dort.
hoddis 2

Die Dichterin Emmy Ball-Hennings, mit der van Hoddis unmittelbar vor seinem Wolbeck-Aufenthalt eine Zeit in München zusammengelebt hatte, berichtete in einem Brief später:Er hatte im Beginn seiner Krankheit einen richtigen Verfolgungswahn, hat seine Familie beschuldigt und konnte dies recht glaubhaft vortragen, so dass Leute, die nicht um seinen Zustand wussten ihm Glauben schenkten. Doch stimmte buchstäblich nichts von dem, was er sagte. Er klagt mir zum Beispiel, meine Mutter schickt mir Schuhe mit Nägeln darin, die mich drücken, ja vielleicht vergiften müssen. Er gab mir die Schuhe in die Hand, damit ich sie untersuche. Nichts drin.

Neuen Halt suchte der Sohn einer jüdischen Familie zu der Zeit auch im Katholizismus- da war er in Westfalen am rechten Ort. Dr. Lackmann erinnerte sich noch in 50er Jahren, wie wichtig dem Patienten die katholische Kapelle in den Parkanlagen der Klinik gewesen war:
Er hielt sich schief und schlich an den Wänden entlang, leise und verschüchtert. […] Ihm gefiel die ländliche Umgebung, der große Park, die Ruhe, das gute Essen. Es fiel mir auf, daß er nie seine Kleider wechselte und immer bis drei Uhr nachts arbeitete. Er sprach mit niemandem, außer mit dem Kaplan von der Beck, denn ihn beschäftigten hauptsächlich religiöse Fragen. Er war, kurz bevor er hierher kam, Katholik geworden und war von einer übersteigerten Gläubigkeit.

Doch nicht nur religiöses beschäftige van Hoddis offenbar in dieser Zeit. Das zur Ruhe kommen gelang offenbar nur leidlich. Die Briefe künden von literarischen Plänen und den anhaltenden Kämpfen mit der Familie

Noch während seines Verweilens in der Klink bemühen sich die Freunde um ihn, dessen Talent sie hoch schätzen.Unter Hochdruck wurde eine Lösung gesucht und Freund Loewensohn erreicht bei der Familie zumindest zeitweilig die Einwilligung:… Hoddis nach Abschluß der ärztlichen Beobachtungen, aber ohne Rücksicht auf die Diagnose, aus dem Sanatorium weg- und mit jemandem zusammenziehen zu lassen, der Geduld, Genie und die unbedingte Hochachtung Hoddis besäle und sich dafür zu sorgen verpflichtete, daßl Hoddis äße, schliefe, sich zum Schlafen umkleide und das Geld besser verwende. So suchen wir den Mann….

HoddisAls van Hoddis Ende Oktober aus Wolbeck flieht, weil ihm der Besuch seiner Familie angekündigt wird, führt einer seiner ersten Wege wieder zu Laura Henschel, der exzentrischen Tante in Berlin.Doch diese folgt diesmal der Mutter Davidsohn und sorgt, wie Hoddis befürchtet hatte, für eine Zwangseinweisung in die Heilanstalt Waldhaus Nikolassee noch am 31. Oktober. So endet van Hoddis westfälische Zeit schnell.

Ab 1915 lebt Hans Davidsohn zwölf Jahre lang bei Privatleuten erst in Thüringen, dann in Tübingen als Pensionär. 1926 wird er entmündigt, 1927 in die dortige Universitäts-Nervenklinik eingewiesen. Er lebt danach sechs Jahre lang im Christophsbad Göppingen, ist -den Akten zufolge- ein unauffälliger, oft heiter gestimmter Patient, der viel im Park herumgeht, raucht, Schach spielt und sich selbst Postkarten schreibt.

Bei der Emigration der Schwestern und der Mutter nach Palästina, 1933, bleibt der kranke Bruder und Sohn zurück. Er wird in die Israelitische Heil- und Pflegeanstalten Bendorf bei Koblenz verbracht.
Jüdische Ärzte und Pfleger können hier bis 1942 eine humane Behandlung jüdischer Patienten aufrecht erhalten, bis die Klinik geschlossen und Patienten wie Personal in den Distrikt Lublin deportiert und ermordet werden. Hans Davidsohn, alias Jakob van Hoddis stirbt im Mai oder Juni 1942 im Vernichtungslager Sobibor.

Mittlerweile gibt es auf meinem Blog einige ganz ähnliche Spurensuchen in meiner Region, zum Beispiel die über den OberDADA Richard Hülsenbeck, den sein schlechtes Betragen als Schüler in ein strenges Steinfurter Gymnasium führte, wo sein Abitur beinahe wegen eines kleinen Skandals geplatzt wäre…..zu lesen: HIER

5 Kommentare

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5 Antworten zu “Spuren der Moderne in Münsterland & Westfalen: Jakob van Hoddis in Dr. Lackmanns Kurklinik, Wolbeck

  1. Danke für den Hinweis auf diesen Artikel!
    Traurig, dass oft große Kunst aus großer Tragik entsteht…

    • Gern! Danke auch für`s Verbreiten.
      Ja, gerade van Hoddis` Schicksal scheint – auch im Hinblick auf sein trauriges Ende- besonders tragisch und da ist er nicht der Einzige, wohl wahr!
      Alles Gute!

  2. Pingback: Jakob van Hoddis – Indianisch Lied – Sätze&Schätze

  3. Pingback: Ringelnatz und die Puppenmacherin | ringelnatzereien

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