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Kruso & Deutscher Buchpreis- Keine Rezension

Da der ganze Trubel um die Vergabe des Deutschen Buchpreises nun ja wieder losgeht, möchte ich pünktlich zu diesem Anlass noch einmal meinen letztjährigen Artikel von kurz nach der Preisverleihung an Lutz Seiler anbringen. -Der Preisträger wird dieses Jahr natürlich ein Anderer sein, aber an den Überlegungen ändert sich nichts……

bcherwandklein.jpgLutz Seiler hat also den Deutschen Buchpreis gewonnen.
In den letzten Wochen hab ich mich ja schon ab und an zu diesem Thema ausgelassen.
Erst über die Anfeindungen von Seiten Marlene Streeruwitz`, die verkündete, der Preis sei sexistisch und keine Entscheidung der Jury könne richtig sein, denn bekäme ein Mann den Preis , unterstreiche dies nur den patriachalischen Charakter der Veranstaltung und würde eine Frau augezeichnet, dann geschähe dies nur, um eben diesen zu übertünchen- nun denn………

Ich habe ja auch schon verlautbaren lassen, dass ich furchtbar finde, wenn Dinge wie ein Buchpreis um jeden Preis torpediert werden müssen- eine Reflexhandlung offenbar, die mit dem Internet irgendwie aus dem Boden geschossen ist. Da haben wir einen Preis, der dafür sorgt, dass gehobene Literatur auch einmal ein Feedback im Buchhandel und beim Leser findet und beschweren uns dann:
-darüber, dass nur der Preisträger gelesen wird und schon die aussortierten Longlist-Titel durchfallen,
-darüber, dass ein gewisses Kalkül bei der Auswahl zu erkennen ist. (Ein Kehlmann z.B. bekommt den Preis eher nicht, dafür lieber ein anderer Autor, der nicht schon jeden Preis gewonnen hat. Ein Bezug zu aktuellenThemen, wie jetzt bei Seiler, hilft auch.)
-manche besonders bissige Kommentatoren bemängelten sogar, dass so viele andere tolle Titel nicht auf der Liste waren, z.B. Karen Köhlers Wir haben Raketen geangelt. Dass dieser Titel als Erzählband bei einem Wettbewerb um den besten deutschen Roman des Jahres irgendwie fehlgeleitet wäre, wurde gerne ignoriert. Erneut: Nun denn!

Dass eine Beurteilung von Kunstwerken per se nicht objektiv und aus Mangel an einem allgemein gültigen Massband oder einer Tabelle mit Kriterien generell schwer bis unmöglich ist, sollte klar sein. Ich habe nicht die gesamte Shortlist gelesen und maße mir kein Urteil an, aber Seilers Kruso ist wieder so ein Titel, der bei seiner hohen literarischen Qualität auch durchaus seinen Reiz für das breitere Publikum hat und das begrüße ich immer.

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Aber ein paar Gedanken mache ich mir doch nochmal zu diesem Preis, allein, um einmal den Horizont der Literatur über den Rand des Betriebs hinaus zu erweitern:

Lutz Seiler hat also den Deutschen Buchpreis gewonnen und meine bisherige Lektüre sagt: zu Recht.
Kruso ist als bester Roman des Jahres ausgezeichnet worden.
Aber:Kruso ist als bester Roman der Eingereichten ausgezeichnet worden. Ca. 270 Romane bekam die Jury von den Verlagen zugeschickt- ein Bruchteil der erschienenen Romane in dieser unserer Sprache in diesem Jahr.
Ein Großteil davon -das räumt die Jury selber ein- wird nur angelesen, kurz sondiert und verworfen.
Ohne Auswahl geht es nicht- das ist so klar und strahlend wie die Augen Paul Austers! Dieser Einwand ist auch kein weiterer Buchpreis-Torpedo aus digitalem Geltungsdrang! Ich möchte den Gedanken fortführen:

Kruso ist als bester veröffentlichter Roman des Jahres ausgezeichent worden….!
Auch zu diesem Punkt las ich kürzlich einen interessanten Artikel: Wie viele Romane werden nicht veröffentlicht; ziehen Kreise durch die Lagerhallen der Lektorate und werden entweder gar nicht erst gelesen oder aus markttechnischen Gründen nicht verlegt? Was sagt das über die Qualität dieser Romane aus? Wir kennen den sehr umfänglichen Schrott, den die Verlage mitunter produzieren; wir kennen den inzwischen ebenso beeindruckend raumgreifenden Schrott, den die Selfpublisher produzieren und erkennen darunter die Perlen schon gar nicht mehr, die es unzweifelhaft gibt und die der Buchpreis-Jury zum Beispiel gar nicht vorgelegt werden. Wir kennen auch die Geschichten von späteren Bestsellern, die von 30, 40 oder 120 Verlagen abgelehnt wurden, bevor sie endlich ein wohlwollendes Lektorenauge fanden- was, wenn auch dieser Lektor in genau diesem Augenblick eine Bindehautentzündung oder schlimmes Magengrimmen hat und seine übellaunige studentische Praktikantinnenvertretung das Manuskript statt seiner unter die Finger nimmt? Es erschiene wohl nicht– und wäre deshalb qualitativ nicht schlechter.
Und was ist mit den aus unterschiedlichsten Gründen nie einem Verlag angebotenen Romanen? Die, deren Autor zu feige ist oder unentschlossen? Die, deren Verfasser unter schlimmster Soziophobie leiden oder sich mit Bleistift und offline-Existenz den modernen Notwendigkeiten des Betriebs konsequent entziehen?- auch diese nahmen logischerweise nicht am Wettbewerb teil.

Ich würde sie gerne lesen: die Abgelehnten, die Übersehenen, die nie Eingereichen….es würde sicherlich den Preis und den Anspruch des Preises relativieren. Noch mehr Müll stünde da gegen noch mehr Perlen- ein vergrößertes Abbild des Marktes, wie er jetzt ist.
Lutz Seiler hat also den Deutschen Buchpreis gewonnen und ich freue mich darüber!

Nennt mich spinnert- aber diese Gedanken mussten mal geäußert werden…..

 

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Roman der Zukunft -ein Versuch-

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Der Roman der Zukunft: schon immer und oft und ausgiebig ist darüber diskutiert worden, wie er auszusehen habe. Die gleiche Frage gibt es ja für die Lyrik, das Theater und Literatur an sich.
Ob es etwas Derartiges überhaupt geben kann -DER Roman, DAS Gedicht, DAS Drama der Moderne- sei einmal dahingestellt. Ein paar Überlegungen müssen dazu erlaubt sein:

Neulich stieß ich auf einen Artikel, der bemerkte, dass es heutzutage praktisch unmöglich sei, literarische Figuren in Situationen zu bringen, die nicht mittels Handy oder Internet zu lösen seien. In unzähligen Durbridge-Krimis sehen sich die Ermittler in Notsituationen erst einmal vor die Aufgabe gestellt, möglichst schnell eine Telefonzelle zu finden. Jemand wartet vergeblich auf einen alles entscheidenden Brief?  Heute –trotz regelmäßiger Poststreiks- kein Thema mehr, schickt man eben eine Mail oder SMS! Kafkas Landvermesser im Roman Das Schloss könnte heute leicht vor seiner Abreise Wikipedia über die Gewohnheiten und Begebenheiten seines Bestimmungsortes befragen und stünde hinterher nicht vor derlei Rätseln wie im Original. Dem amerikanische creative-writing-Lehrer Sol Stein zufolge, sind beinahe alle großen Romane auf einen einzigen Plot zurückzuführen: Die Suche. Jemand sucht etwas, Jemanden, einen Ort…wie leicht ginge das heute- mittels E-Mail, Facebook oder google maps?

Die einzig bleibende Erklärung, die dementsprechend auch immer häufiger in der Literatur auftauchen dürfte, lautet: Er/Sie hat kein Netz. Aber dafür muss man schon abgelegene Handlungsorte wie Höhlen oder Gebirge erfinden und dies ist bereits ein Punkt, an dem die technische Welt die Literatur prägt. Sicherlich werden wir demnächst öfter lesen: „Er/Sie hatte sein Handy vergessen“ und „Sein/Ihr Akku war leer.“ könnte ein Standard-Satz sein- aber das wären Taschenspielertricks, um Situationen zu erklären, die eigentlich nicht mehr vorkommen.

crusoeGut, Hans Castorp oder Büchners Lenz könnten sich also nach wie vor im Gebirge und im Schnee verlaufen, auch Robinson Crusoe würde auf seiner einsamen Insel wohl keinen Kontakt zur Außenwelt bekommen- allerdings gibt es derartige Inseln, die nicht zumindest von Luxus-Hotels als Tagesausflug angesteuert werden, kaum noch.

Das Jemand daran scheitert, etwas nicht zu wissen, oder sich wegen mangelnder Orientierung in brenzlige Situationen begibt, wird immer unwahrscheinlicher. Auch der Suche-Plot funktioniert also nur noch bedingt  mit Orten, Personen oder Informationen. Nur noch im Privaten und bei Gefühlen greift er. Weiterlesen

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Aus aktuellem Anlass aus dem Archiv: Hauptweg & Nebenwege- zur Lesebiographie

Dies hier war einer meiner allerersten Blogbeiträge vor nunmehr fast genau 2 Jahren. Ich hole ihn nun noch einmal aus der Versenkung hervor, da ich ihn am 11.06. im Rahmen einer Veranstaltung öffentlich lesen werde. Zum 25jährigen Ortsjubiläums unserer Stadtbücherei gestalte ich einen Abend mit Texten zu Bibliotheken und dem Sammeln von Büchern. Nach Borges, Manguel, Perec und Nossack bekommt das Publikum dann diesen Text von mir selbst zum Abschluss.

Die Veranstaltung: Staubige Mitbewohner oder: eine Art Paradies- beginnt um 19.30 Uhr in der Stadtbücherei Steinfurt. Es gibt auch Musik. Das gesamte Programm der Festwoche WortWelten gibt es hier.

Klee_HWNWHauptweg und Nebenwege– so heißt ein Gemälde von Paul Klee aus dem Jahre 1929.

Es ist auch ein guter Titel für eine Biographie, wie ich finde. Der einzig mögliche Titel eigentlich. Ich benutze ihn auch gern im Zusammenhang mit dem, was ich Lesebiographie nenne. (Und: Sehe nur ich das, oder ähneln die rechteckigen Felder auf Klees Gemälde nicht unzähligen Buchrücken- verschieden breit, verschieden hoch, in allen möglichen verschiedenen Farben?)

Mit der Sesamstraße brachte ich, der nicht zum Kindergarten ging und morgens mit der Mutter allein zu Haus, das Alphabeth bei –oder zumindest Teile davon, so dass ich bei meiner Einschulung schon einige Worte mehr schreiben konnte als die meisten meiner Mitschüler.

Nur wenige Jahre später verbrachte ich die Sonntagmorgende, an denen ich noch kurz zu meinen Eltern ins Bett durfte, bevor es zum Frühstück ging, mit dem Lesen der Buchrücken, denn meine Eltern hatten ein Doppelbett, hinter dessen Kopfende ein Bücherregal angebracht war. Hauptsächlich bestand die Bibliothek meiner Eltern aus den monatlichen Hauptvorschlagsbänden des Deutschen Bücherbundes, aber das war mir damals noch egal. Sir Walter Scotts Ivanhoe, Cervantes, Konsalik und Simmel standen in dem Regal friedlich an der Seite merkwürdiger Titel wie Apollonia und ihr Rittmeister oder so ähnlich, deren Inhalt mir damals aber noch genauso unbekannt war wie der der Klassiker nebenan.

Wenn mein Vater Nachtschicht hatte, schlief ich auf einem Klappbett im Zimmer meiner Mutter, damit Vater sich morgens ungestört in mein Bett legen konnte, welches auf dem ausgebauten Dachboden stand und für ihn verlässlicher Ruhe versprach. Weiterlesen

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Spuren der Moderne in Münsterland & Westfalen: Jakob van Hoddis in Dr. Lackmanns Kurklinik, Wolbeck

lackmannsHeute erinnert nur noch die Bushaltestelle Kurhaus an der Hofstraße in Münster Wolbeck an Dr. Lackmanns Kurhaus. Etwa 10 Minuten Fußweg entfernt lag es vom Drostenhof im gleichen Ortsteil. Das Flüßchen Angel zieht unweit der Stelle durch den Ort, an dem die 1892 errichtete Kurklinik Dr. Wilhelm Lackmanns sich befand. Eine damals fortschrittliche Einrichtung für Nervenkranke, in der aber auch Bluthochdruck, Arteriosklerose, Korpulenz, Gicht, Rheumatismus und Frauenleiden mit Packungen, medizinischen Bädern, Abreibungen und kalten Abklatschungen behandelt wurden. Auch ein wenig mondän, das Ganze: mit Kunst an den Wänden, einem eleganten großen Speisesaal, einer weißen Torbrücke am Kurgarten mitsamt seinem von Putten umsäumten Kräuterfeld. Die Klinik lief gut, mehrfach wurde das Gebäude erweitert. Nach Dr. Lackmanns Tod übernahm 1909 sein Sohn das Kurhaus und trieb es zu weiterer Blüte. Anfang des 20. Jahrhunderts konnten in 50 Zimmern bis zu 80 Kurgäste untergebracht werden. Eine Woche Unterbringung mit Vollpension kostete damals 50 Reichsmark.

Jacob_van_HoddisAm 5. September 1912 wird ein gewisser Hans Davidsohn dort aufgenommen. Ein 25jähriger Mann, der unter seinem Pseudonym Jakob van Hoddis nicht mehr ganz unbekannt ist. Er war in Berlin Teil des Neopathetischen Cabarets und sein Gedicht Weltende, zum Anfang des Vorjahres erstmals in der Berliner Zeitschrift Der Demokrat veröffentlicht, hatte ihm bereits einen gewissen Ruhm beschert. Wer kennt es nicht? Es steht als DAS Gedicht des Expressionismus in jeder Anthologie und Literaturgeschichte.

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei,
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Wie genau Hans Davidsohn Anfang September 1912 nach Wolbeck gekommen ist, ist unbekannt. Dr. Lackmann erwähnte einmal, er sei vermutlich auf Rat einer seiner Patientinnen gekommen, mit der er im Briefkontakt stand ́. Einiges weist darauf hin, dass es sich hierbei um die höchst exzentrische Tante und Freundin der Familie, Laura Henschel, gehandelt haben muss, der van Hoddis vertraute.

Den Aufzeichnungen zufolge bleibt Davidsohn bis zum 08. Oktober in Wolbeck- ein wirrer Brief, den er an seinen Freund Erwin Loewenson schreibt, trägt allerdings noch den dortigen Poststempel vom 20. Oktober.
hoddisVielleicht war Wolbeck für van Hoddis ein Versuch, in ländlicher Idylle zur Ruhe zu kommen. Wiederholt hatte er in der Vergangenheit Symptome geistiger Verwirrung gezeigt, hatte sich aggressiv gegen Freunde und seine Familie gewandt- ein ohnehin schwieriges Verhältnis! Viele lasen schon damals aus seinen skurrilen Texten Anzeichen einer Schizophrenie heraus. Und Verfolgungswahn und Verwirrung zeigte sich auch in Wolbeck und in den Briefen des Dichters von dort.
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Die Dichterin Emmy Ball-Hennings, mit der van Hoddis unmittelbar vor seinem Wolbeck-Aufenthalt eine Zeit in München zusammengelebt hatte, berichtete in einem Brief später:Er hatte im Beginn seiner Krankheit einen richtigen Verfolgungswahn, hat seine Familie beschuldigt und konnte dies recht glaubhaft vortragen, so dass Leute, die nicht um seinen Zustand wussten ihm Glauben schenkten. Doch stimmte buchstäblich nichts von dem, was er sagte. Er klagt mir zum Beispiel, meine Mutter schickt mir Schuhe mit Nägeln darin, die mich drücken, ja vielleicht vergiften müssen. Er gab mir die Schuhe in die Hand, damit ich sie untersuche. Nichts drin.

Neuen Halt suchte der Sohn einer jüdischen Familie zu der Zeit auch im Katholizismus- da war er in Westfalen am rechten Ort. Dr. Lackmann erinnerte sich noch in 50er Jahren, wie wichtig dem Patienten die katholische Kapelle in den Parkanlagen der Klinik gewesen war:
Er hielt sich schief und schlich an den Wänden entlang, leise und verschüchtert. […] Ihm gefiel die ländliche Umgebung, der große Park, die Ruhe, das gute Essen. Es fiel mir auf, daß er nie seine Kleider wechselte und immer bis drei Uhr nachts arbeitete. Er sprach mit niemandem, außer mit dem Kaplan von der Beck, denn ihn beschäftigten hauptsächlich religiöse Fragen. Er war, kurz bevor er hierher kam, Katholik geworden und war von einer übersteigerten Gläubigkeit.

Doch nicht nur religiöses beschäftige van Hoddis offenbar in dieser Zeit. Das zur Ruhe kommen gelang offenbar nur leidlich. Die Briefe künden von literarischen Plänen und den anhaltenden Kämpfen mit der Familie

Noch während seines Verweilens in der Klink bemühen sich die Freunde um ihn, dessen Talent sie hoch schätzen.Unter Hochdruck wurde eine Lösung gesucht und Freund Loewensohn erreicht bei der Familie zumindest zeitweilig die Einwilligung:… Hoddis nach Abschluß der ärztlichen Beobachtungen, aber ohne Rücksicht auf die Diagnose, aus dem Sanatorium weg- und mit jemandem zusammenziehen zu lassen, der Geduld, Genie und die unbedingte Hochachtung Hoddis besäle und sich dafür zu sorgen verpflichtete, daßl Hoddis äße, schliefe, sich zum Schlafen umkleide und das Geld besser verwende. So suchen wir den Mann….

HoddisAls van Hoddis Ende Oktober aus Wolbeck flieht, weil ihm der Besuch seiner Familie angekündigt wird, führt einer seiner ersten Wege wieder zu Laura Henschel, der exzentrischen Tante in Berlin.Doch diese folgt diesmal der Mutter Davidsohn und sorgt, wie Hoddis befürchtet hatte, für eine Zwangseinweisung in die Heilanstalt Waldhaus Nikolassee noch am 31. Oktober. So endet van Hoddis westfälische Zeit schnell.

Ab 1915 lebt Hans Davidsohn zwölf Jahre lang bei Privatleuten erst in Thüringen, dann in Tübingen als Pensionär. 1926 wird er entmündigt, 1927 in die dortige Universitäts-Nervenklinik eingewiesen. Er lebt danach sechs Jahre lang im Christophsbad Göppingen, ist -den Akten zufolge- ein unauffälliger, oft heiter gestimmter Patient, der viel im Park herumgeht, raucht, Schach spielt und sich selbst Postkarten schreibt.

Bei der Emigration der Schwestern und der Mutter nach Palästina, 1933, bleibt der kranke Bruder und Sohn zurück. Er wird in die Israelitische Heil- und Pflegeanstalten Bendorf bei Koblenz verbracht.
Jüdische Ärzte und Pfleger können hier bis 1942 eine humane Behandlung jüdischer Patienten aufrecht erhalten, bis die Klinik geschlossen und Patienten wie Personal in den Distrikt Lublin deportiert und ermordet werden. Hans Davidsohn, alias Jakob van Hoddis stirbt im Mai oder Juni 1942 im Vernichtungslager Sobibor.

Mittlerweile gibt es auf meinem Blog einige ganz ähnliche Spurensuchen in meiner Region, zum Beispiel die über den OberDADA Richard Hülsenbeck, den sein schlechtes Betragen als Schüler in ein strenges Steinfurter Gymnasium führte, wo sein Abitur beinahe wegen eines kleinen Skandals geplatzt wäre…..zu lesen: HIER

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Bestandsaufnahme oder: Eigentlich müssten alle meine Einträge „Gedanken zum Schreiben“ heißen

affeblogWo man hinsieht, lächeln Einen ja Erfolgsautoren an. Sie verkaufen ihre Bücher super, erhalten grandiose Rezensionen und schießen von Null in die Top Ten der Charts. Dies tun sie dann mit bunten Bildchen und gezielt gesetzten Links überall kund und man kommt fast gar nicht nicht umhin, es wahrzunehmen. Sie haben sich mit ihren Büchern Träume erfüllt, sich aus der Arbeitslosigkeit und/oder der Privatinsolvenz gerettet. So einfach ist das scheinbar. Und das alles, obwohl sie ihre Bücher, an denen sie ja immerhin eine ganze Zeit lang gearbeitet haben werden, verschenken oder für den Gegenwert irgendeines Plastikschrotts verkaufen.

Da muss man sich doch einmal die Frage stellen, ob man selbst nicht etwas falsch gemacht hat -oder sogar alles und von Grund auf.

2009 veröffentlichte ich einen Roman, wenn man das so nennen kann, denn sein Dasein fand nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Presse: einmal regional, zwei Lesungen vor insgesamt 25 Leuten. Absatz: ca.150 Exemplare.
In der Zeit, in der ich auf das Erscheinen wartete, begann ich einen Zweiten, der dann ziemlich zügig fertig wurde und recht kurz nach dem ersten, 2010, erscheinen konnte. Da er eine bekannte Hauptfigur hatte, die viele interessierten, und in der Region spielte, wurde dieser „Schnellschuss“ recht gut aufgenommen. Ein Radiobericht, überregional. Ein Fernsehbericht, regional. Zwei positive lokale Presseberichte. 2 Lesungen vor insgesamt 30 Leuten. Das machte dann einen Absatz von ca.400 Exemplaren.
Ich hatte zu der Zeit schon ein älteres Manuskript in der Schublade, das ich nun wieder hervorholte und komplett überarbeitete. Es war sicher mein bis dahin bester Text und der kleine Verlag, der meine ersten beiden Titel gemacht hatte, brachte ihn im Folgejahr heraus. Wir versprachen uns beide durchaus etwas davon, nach der freundlichen Aufnahme des Vorgängers. Aber der Neue hatte thematisch und stilistisch nichts mit diesem gemein und wurde ein Riesen-Flop. Eine Lesung vor 20 Leuten, zwei kleine Presseberichte. Absatz: tendierend gen Null. Ich sagte mir, dass dies vielleicht auch mit dem recht laxen Vorgehen des Verlags zu tun haben könnte und beschloß, dort nicht mehr zu veröffentlichen.

2012 erschien in einem ebenso kleinen, aber unglaublich viel sorgfältigeren Verlag ein Gedichtband. Optisch schön, inhaltlich sicher vertretbar, zumindest nicht zum Schämen. Im Gegensatz zu meinen ersten drei Büchern sauber und korrekt lektoriert und gesetzt. Nun gut, es war Lyrik und ich hatte nicht an den richtigen Schulen gelernt, wohnte nicht in Berlin und in den richtigen Zeitschriften war ich auch noch nicht gewesen. Damit konnte man das geringe Interesse begründen. Während der Korrekturarbeiten daran hatte ich zur Zerstreuung bereits einen kleinen satirischen Krimi geschrieben, der dann auch fast parallel in einem anderen Verlag, der auf so etwas spezialisiert war, erschien. Regional war das Interesse groß, darüber hinaus aber keines vorhanden.Nach dem ersten halben Jahr stagnierte der Absatz und stellte sich im Weiteren gänzlich ein.

Seit der Fertigstellung dieses Textes hatte ich an einem neuen Manuskript gebastelt, das alles übertreffen sollte, was ich bisher geschrieben hatte. Hier sollte ein Sprachfeuerwerk stattfinden und erstmals kein regionaler Bezug vorhanden sein. Doch ich geriet ins Stocken, der Stoff schien noch nicht zu Ende gedacht. Außerdem drängte sich durch einen Zufallsfund ein anderes Thema wieder auf, das ich bereits einmal in Ansätzen aufgegriffen hatte. Es faszinierte mich unheimlich und außerdem ähnelte es dem meines bisher erfolgreichsten 2. Romans. Ich ließ also das eine Manuskript liegen und arbeitete die folgenden 2 Jahre nur an dem Neuen, so intensiv und ambitioniert wie nie zuvor. Alles, was ich aus einer Familiengeschichte, einem biographischen Roman, einem Roadmovie und meinem Krimi gelernt hatte, floss dort hinein. Es ist sicher mein stärkster Roman- finde ich. Die Verlage, die reagierten, meinten jedoch: zu lang, zu flüchtig, zu speziell (obwohl er m.E. genau einigen momentanen Trend entspricht)…und ähnliches. Er ist bis heute ungedruckt.

Man kann einen Begründungsversuch starten, in dem man sich vergewissert, dass man mit einem Thema, das nicht regional zu verorten ist, in Konkurrenz mit schlichtweg allen anderen Romanen tritt. Man verläßt ein Biotop, das einem eine gewisse Aufmerksamkeit und eine gewisse Reichweite sichert und riskiert, dass einen vor Ort weniger Leute wahrnehmen als zuvor und noch dazu im Haifischbecken der Allgemeinheit bestenfalls untergeht….
Hatte ich zu viel gewollt? Habe ich zu früh veröffentlicht? Auf jeden Fall war ich mittlerweile zu alt, um als Wunderkind zu gelten, soviel stand fest. Bei meinem ersten kleinen (wirklich: klitzekleinen) Preis, den ich mit 24 erhielt, war das noch etwas anders. Ich hatte immerhin nun schon veröffentlicht, was manche Tür öffnete: zu Verzeichnissen, Katalogen, Vereinen…es zeigte sich nur, dass die meisten Räume hinter diesen Türen genau genommen menschen- und besonders leserleere Hallen waren.

In der Zeit, in der ich mich versuchte, damit abzufinden, nahm ich mein liegengelassenes Manuskript wieder hervor und arbeitete es durch. Vieles flog raus, anderes wurde ergänzt und ein Ende gefunden. Es liegt nun bei Verlagen; genauso wie der neue Band Gedichte, der in den Zeiten dazwischen entstand; für meine Verhältnisse üppig: mit über 50 neuen Texten seit meinem ersten, für dessen 40 Texte ich über 10 Jahre gebraucht hatte.

In den 5 Jahren seit 2009 habe ich also 4 Romane und einen Gedichtband veröffentlicht und von beiden Genres jeweils einen weiteren geschrieben. Einmal abgesehen von den Kurzgeschichten und Experimenten, die ich sowieso nur auf meinem Blog verschenke und Verlagen nicht einmal anbiete, denn wer druckt schließlich noch Stroys von einem unbekannten Autoren? Überhaupt höre ich von Verlagen momentan nicht viel Posititves. Zeitschriften und Anthologien nehmen hier und da einige meiner Gedichte, aber einen Band macht sowieso fast niemand mehr. Auch was die Prosa angeht, heißt es hier und da: „Nein, wir machen dieses Jahr lieber kein Buch, statt eines möglichen Flops, der uns die Existenz kosten könnte.“ Natürlich gibt es die, die sagen: „Super, machen wir! Überweisen Sie einfach 5000€ und los geht`s!“ Aber das ist nun einmal nicht meins.

Warum ich mir diese Fragen stelle? Um mich abzulenken von dem Gedanken, dass ich gerade, das erste Mal seit langer Zeit, an keinem Projekt arbeite; kein Gedicht, keine Geschichte und keinen Romanstoff im Hinterstübchen, geschweige denn unter der Feder habe. Da ist es mal Zeit für allgemeine Fragen und den Gedanken an den Sinn des Ganzen. Besonders angesichts der ausschließlich mit ihrem Erfolg protzenden Autoren. Nirgends sieht man als erfrischendes Gegenteil einmal Autoren, die ihren Misserfolg mitteilen. Ich weiß ja: Die Welt braucht nur eines weniger als Autoren- und das sind jammernde Autoren! Aber dies ist auch kein Jammern: es ist nur: ehrlich.
Dass Verkaufszahlen und Medienecho nichts über Qualität aussagen, habe ich ja selbst in genügend Beiträgen hier bereits thematisiert. By the way haben viele als „erfolgreich“ eingestufte Autoren, die deutschlandweit rezensiert werden, prozentual auf ihre Reichweite gerechnet, auch nicht nennenswert mehr verkauft.

Ich merke einfach, dass ich mich ein beträchtliches Stück weit über die literarische Produktion definiere. Ich muss dafür gar nicht konkret schreiben: wenn ein Thema ausdauernd in mir spazieren geht, eine Formulierung oder eine Metapher frech immer wieder ihren Kopf über den Berg Bügelwäsche erhebt und mir zuwinkt, dann fühle ich mich bereits tätig und einer einigermaßen sinnvollen und berechtigten Existenz ein gutes Stück näher. Ist das nicht so, fehlt etwas. Ich weiß, dass sich auf kurz oder lang etwas in der Art wieder einstellen wird und hoffe eher auf kurz. Forcieren kann man es nicht. Beklagen darf man sich nicht. In dem Moment, wo es kommt, wird dieser Stoff, diese Idee für mich die einzig interessante auf der ganzen Welt sein, selbst wenn mir schon bewußt ist, dass sich das für eben diese Welt dann bei Fertigstellung, Angebot und eventuellem Erscheinen gaaaaanz anders dastellen wird.

Wie auch immer: kann man es richtig machen? Kann man ein für soviele Teile der Spezies Mensch völlig uninteressantes, für die wirtschaft irrelevantes und eigentlich an Onanie grenzendes Geschäft wie das Schreiben von Büchern richtig machen? Machen es die Tausend lächelnden Erfolgsautoren richtig, deren Namen in der Bevölkerung noch weniger kennen als den von echten Erfolgschriftstellern -sagen wir mal- Thomas Mann? Jeder mittelmäßige Zweitliga-Fußballprofi hat mehr Fans als jeder Zweitliga-Autor. Nicht, dass das DAs Kriterium wäre, aber ein Daniel Kehlmann hat etwas mehr als 5000 Facebook-Likes, während ein Manuel Neuer bei gut über 7 Millionen liegt- nur mal so…..
Alles fließt-aber geht deshalb alles auch zwangsläufig den Bach runter?

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-Schönheit, Freiheit, Harmonie- Gedanken zu Kunst & Kitsch

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Sebastian Schmidt machte sich aktuell in seinem Blog noch einmal Gedanken über die Lyrik und den Lieschen Müller-Stempel, den er nach unserem Interview für den lyrischen Mittwoch erfunden hat.

http://textbasis.wordpress.com/2013/07/07/poesie-das-ist-musik-3-gedichte-mit-herzblut-schreiben-ein-pla%C2%ADdo%C2%ADyer-fur-bewusste-wortwahl-im-gedicht/

Gibt es Worte, die ein Gedicht von vornherein disqualifizieren. Worte, die zu profan oder anderweitig „unlyrisch“ sind. In einer Zeit, in der man alles sagen kann und darf, in der verschiedene Epochen und Schulen den Wortschatz der Lyrik aus den unterschiedlichsten Feldern ergänzt und erweitert haben? Wir sprachen im Interview davon, dass heutige Lyriker bestimmte Begriffe zu scheuen scheinen wie der Teufel das Weihwasser. Ich erzählte ihm von vielen Kritiken (von anderen Lyrikern und Kennern), die ich erhielt, da ich gelegentlich gerne Herz und ähnliche Begriffe benutze. Andersherum wurde ich neulich (von einem Leser) kritisiert, da ich das Wort Krisengebiet in einem Gedicht auftauchen ließ, das sicher bei modernen Lyrikern kein Grund zum Anstoßnehmen gewesen wäre. Woher kommt diese Diskrepanz zwischen dem Empfinden derer, die Lyrik schreiben und denen, die Lyrik lesen? Gibt es eine Art „Geheimclub der modernen Dichter“, der weiß, was geht und was nicht und -auf der anderen Seite- den Leser, der nicht eingeweiht ist und deshalb sicherheitshalber zum Kanon der älteren Gedichte greift? Hier noch einmal ein paar Überlegungen, die -zugegebenermaßen- etwas weiter ausgreifen.

Es ist schon seltsam. Die Lieblingsgedichte der Deutschen.

 Wie jede Blüte welkt und jede JugendBild

Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,

Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend

Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe

Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,

Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern

In andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Da blüht und welkt es metaphorisch, da waltet der Weltgeist.

Und: Weisheit, Tugend, Herz und Zauber– verdammt große Worte!

Könnte man das heute noch bringen?

Ein anderes Beispiel:Bild

Und meine Seele spannte

Weit ihre Flügel aus,

Flog durch die stillen Lande,

Als flöge sie nach Haus.

Eichendorffs -Mondnacht- gehört ebenfalls zum ewigen Kanon. Da wird geküßt und geträumt und die Seele hat Flügel.

Heute noch machbar? Eher nicht, dennoch geliebt von den Lesern.

Selbst Erich Frieds lange lange danach entstandenes Gedicht –Was es ist- ist eine Betrachtung wert:

Es ist lächerlichErich_Fried
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

 Schmerz Stolz Liebe Angst Vernunft Erfahrung – Was für Worte. Kleiner hatte er es wohl nicht?

Ein schönes Gedicht, die Kitschgrenze ist aus heutiger Sicht allerdings nicht allzu fern und die Leute?- Lieben es!

 Ich staune, wie selten diese Worte in der heutigen Lyrik vorkommen. Warum ist das so?

Warum sind „große“ und „schöne“ Worte heute so in Verruf gekommen? Liegt es an der Erfahrung zweier Weltkriege (Frieds Gedicht entstand danach!), an der modernen Welt an sich, in der nichts mehr eindeutig ist? Liegt es an der Dialektik? Ist Karl Marx schuld, mit dem ollen Brecht als Handlanger?

Wo ist er hin? -Der Lyriker alten Schlages? Ist er in Verdun gefallen? In Stalingrad? Oder doch in Silicon Valley?

 Exkurs: Es gilt für alle Kunstformen. Könnte man heute noch ein altmeisterliches Landschaftsbild in Öl malen? – Man kann und es wird wahrscheinlich genauso oft getan wie klassisch gereimte Gedichte oder formvollendete Sonette geschrieben werden. Aber nimmt es noch Jemand als moderne Kunst wahr? Van Goghs Sonnenblumen oder Rembrandts Nachtwache heute? Nö, aber an Millionen von Wänden hängen sie dennoch und die Revolutionen sind wohl auch durch, wenn Kandinsky die Arztpraxen der Welt dominiert.

Die Abkehr vom Realismus in der Malerei hin zur Abstraktion und dem Expressiven ist ein alter Hut. Die Musik warf ihre Regeln und althergebrachten Harmonien auch schon vor über 100 Jahren über Bord. Die Lyriker wandten sich zunächst vom Reim ab und das auch schon um 1870. Der Reim, der mit seinem wohltuenden Gleichklang ein Element der Harmonie war. Ein Stück Schönheit verschwand zugunsten eines Stückes Verwirrung durch Dissonanz. Durchaus auch eine Bereicherung! Dada zerstörte die Syntax und proklamierte den reinen Klang im Lautgedicht. Dennoch blieb die Lyrik von der Lyra, der Musik herkommend, dem verwurzelt, kam ihm vielleicht sogar näher. Allerdings verschwand gleichzeitig diese wunderbare Synthese aus Inhalt und Form der Lyrik, die das Gedicht zum Einzigen in seiner originalen Form transportierbares Kunstwerk machte. Ein Gedicht konnte man durch den Rhythmus und den Reim leicht auswendig lernen und 1zu1 weitergeben. Niemand kann das mit einem Roman oder einem Theaterstück. Man kann die Handlung wiedergeben, aber den Wortlaut nicht. Das ging nur mit dem Gedicht.

Dennoch war die Abkehr von Reim, Harmonie, vom Erwarteten nützlich, denn eine Dissonanz kann prickelnder sein als ein Gleichklang; das Fehlen des Reimworts an einer Stelle, die danach schreit, interessanter als der Reim selbst.

Die Prise Salz im Schokoladenpudding.

Aber zurück zur Schönheit: Die Kunst und speziell die Lyrik erklärten uns einmal die Welt durch Abbildung, Übertragung und Verallgemeinerung. Mir scheint, sie tut es noch heute- doch mit veränderter Haltung. Da das Ganze (Faust) in seiner Vielfalt nicht mehr fassbar, durchschaubar und verstehbar ist, richtet sich heut der Blick der Lyriker auf Biotope, Bildauschnitte und Fachbereiche. Außerdem fehlt ein wichtiger Bezugspunkt fast zur Gänze. Das christliche Weltbild, das viele Jahrhunderte die Kunst und Künstler auf gewisse Weise zusammenhielt, ist gewichen und an seine Stelle trat….? Was?weimar_Denkmal_weimar_GmbH_Maik_Schuck

Man kann jetzt sagen, dass es eine Abkehr vom Christentum auch schon früher gab und das ist richtig. In gewissen Strömungen der Romantik, die andersherum auch wieder extrem katholisch ist; bei Goethe. Aber z.B. beim Geheimen Rat in Weimar gab es stattdessen die Antike, das Hehre, Klassische, in manchen Texten der Romantik ein verklärtes Heidentum.

Über die längste Zeit jedoch waren die Begriffe und Fragestellungen der Theologie und der Philosophie das Rüstzeug auch der Lyriker- heute hat eher der nüchterne Ansatz des Wissenschaftlers und der analytische Blick des Fotografen Einzug gehalten. Das Kleine wird durchleuchtet, da das Große nicht mehr greifbar scheint. Keine Utopien, Allegorien finden mehr statt, dafür Diagnosen und Fallberichte.

Neben dem Fehlen des Hehren und der Utopien scheint mir noch etwas die Arbeit der Kunst zu erschweren: das Fehlen der Tabus, die auch zum großen Teil aus der Religion herrührten.Hermann+Nitsch

Was ist denn als Provokation in der Kunst überhaupt noch möglich? Jesus, Buddha, die Mutter Maria sind längst als Bildmaterial in die Werkzeugkiste der Gegenwart eingegangen. Blut, Sex und Tod reißen niemanden mehr vom Hocker. Einen ähnlichen Eklat wie die Mohammed-Karikaturen in der islamischen dürfte wohl kaum ein Motiv in der westlichen Welt hervorrufen. In Wien schmiert Herrmann Nitsch seit Jahrzehnten mit seinen Kubiklitern Schweineblut auf Leinwänden und Frauenkörpern herum- mehr als ein paar Omis und CSU-Politiker wird er damit wohl eher nicht mehr provozieren. Es wurde schon im Fluxus der 70er Künstlerkot in Dosen abgefüllt und Eigensperma auf Metallplatten gab es auch schon. Wenn eine Band heute Hotelzimmer zertrümmert, wirkt das fast schon nostalgisch. Die logische Folge und damit der eigentlich provozierendste Gegenwartskünstler wäre damit in gewissem Sinne Jeff Koons mit seinen überdimensionierten Kitschobjekten in Rosa und Pastell. Kitsch scheint an die Stelle der alten Tabus getreten zu sein. jeff koons

Der Kunst ihre Freiheit! -Natürlich: die Kunst ist frei. Nach DADA, Duchamp, Beuys, Ulysses, Arno Schmidt und John Cage geht alles. Gottfried Benn (auch schon wieder Kanon) ergänzte den lyrischen Fundus um die Fachsprache und englische Mode-Begriffe; Celan und die hermitsche Lyrik erfanden zum Teil wunderschöne und verwirrende Metaphern aus unterschiedlichsten Sprachfeldern, Rolf Dieter Brinkmann fügte Werbung und Songtext-Schnipsel hinzu….

Es gibt kein Diktat der Regeln mehr. In der Thematik: Man kann über alles schreiben: Tankstutzen, Kartoffelschälmesser und gleichgeschlechtliche Liebe. Auch in der Form: man kann lange und kurze Texte schreiben; mit oder ohne Reim, ganz ohne Struktur, man kann Fremdtexte einbeziehen oder nicht; man kann Seiten zerschneiden und neu zusammensetzen, lautmalerisch arbeiten. Keine Regeln, kein Diktat! Nicht? In gewisser Weise sind wir doch diktiert. Von der als unerlässlich angesehenen Notwendigkeit der Distanz und der Ironie. Man kann noch klassische Sonette schreiben- aber bitte mit einem ironischen Clou; man kann noch reimen -aber bitte postmodern, mit einem spielerischen Kniff. Van Goghs Sonnenblumen kann man gern zitieren -in Collagen, vermischt mit Werbeplakaten oder BILD-Schlagzeilen.

 Es scheint eine Angst vor dem Harmonischen vorzuherrschen, vielleicht die Furcht vor dem Totschlagargument: Kitsch. Eichendorffs Seele, Hesses Zauber und Frieds Einsicht und Vernunft halten eben diesem neuen Blick nicht stand und erweisen sich bei festerem Zufassen als zu weich und wechselhaft in ihrer Gestalt. Was bleibt dann als Material? Das Verfallene, Schmutzige, Kaputte und natürlich ist unsere Welt verfallen, schmutzig und kaputt -in vielerlei Hinsicht. Das Wort Regenbogen z.B. würde in einem literarischen Text heute wohl prompt ein Naserümpfen provozieren, während die Worte Fixerspritze und Hundekot als beißender Realismus gelobt würden. (Ich muss dazu sagen, dass ich persönlich in meinem westfälischen Kaff wesentlich öfter Regenbögen sehe als Fixerspritzen, Hundekot sei jetzt mal dahingestellt)

 Ist es, weil das Hehre, Saubere und Schöne einem anderen Feld des täglichen Lebens überlassen worden ist, das als profan angesehen wird. Ist es die Abgrenzung der Literatur und der Kunst allgemein gegenüber dem Fernsehen und der Werbung? Dort gibt es noch all diese Dinge: tiefe Liebe über Grenzen und Hindernisse, unberührte Landschaften und perfekte Familien. Dort gibt es noch einfache Wahrheiten und diese Medien leben genau davon. Ironie oder Distanz findet man dort eher selten. Ein Produkt muss ohne kritisches Hinterfragen dargestellt werden. Die große Pilcher-Liebe darf nicht ironisiert werden. Sonst funktioniert es nicht. Erstaunlich, dass diese Formate von ungleich mehr Menschen konsumiert werden und oft zum Fixpunkt des eigenen Lebens werden als moderne Literatur. Wie viele Menschen orientieren sich in Auftreten und Lebenszielen an Schauspielern oder den Serienfiguren, die sie verkörpern?

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Wie viele Film- oder Werbesprüche sind in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen? Ich möchte die Kunst nicht ermuntern, es diesen Medien gleichzutun! Doch eine scheinbar recht weitverbreitete Sehnsucht nach SEELE ZAUBER und TRAUM scheint nicht wegzudiskutieren zu sein.

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-Für wen und warum- Gedanken zum Schreiben Teil II

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Glücklich diejenigen, die behaupten, sie schrieben einzig für sich allein.

In diversen social-media-Literatur-Gruppen beobachtete ich in der letzten Zeit still (wie ich eigentlich immer still beobachte), dass Werbung (auch „versteckte“) für das eigene Buch oder andere Druckerzeugnisse aus eigener Hand, geradezu als Affront gewertet wird.
Werbefreie Tage, einzelne, speziell für Werbung vorgesehene Wochentage und strikte Verbote werden ausgesprochen….
Dabei ist es doch, der aktuellen Weltmeinung zufolge, gerade das Internet, über das man seine Umsätze ankurbeln und optimieren soll? Hier ist, ohne viel Aufwand und Kosten; bequem von zu Haus aus die „Zielgruppe“ zu erreichen. Schöne neue Welt.

Wo liegt der Denkfehler?
In Autorenforen tummeln sich Autoren. Autoren haben Interesse an Literatur- soweit richtig! Aber ein Mitglied einer solchen Gruppe brachte es kürzlich wunderbar auf den Punkt: „Autoren interessieren sich für nichts weniger als für die Bücher von anderen.“
Ist das so? Wenn einer schreibt, dann liest er doch auch, oder? Oder nicht?
Man sollte davon ausgehen, dass fremde Literatur eine der Hauptinspirationsquellen und Messlatten für das eigene Schreiben ist. Dementsprechend muss man doch lesen, oder? Oder nicht?
Befrage ich mich einmal selbst: Es ist wahr. Wenn ich selber in einem Manuskript stecke, ist der Appetit auf fremde Literatur praktisch erloschen. Die Erzählstimme, die nicht die eigene ist, kann sogar schädlich sein. Das ist die Zeit für trockene Sachtexte und Lexika zwecks Recherchen. Gerichtsprotokolle –wunderbar! Zeitungsartikel- großartig! Briefe -ja,gerne! Aber Romane, Erzählungen, Gedichte?- Hmmm, nicht unbedingt.
Zwischen den Arbeiten an dem einen oder anderen eigenen Text aber wird gefressen und inhaliert, was an Literatur auch nur so gerade eben zu greifen ist. Mal wieder Kafka- her damit. Eine aktuelle Gedichtsammlung – immer! Ein interessanter neuer Autor-ja ja ja!
Dazu all die Neuerscheinungen des vorangegangenen Halbjahrs, die man wegen der eigenen Schreiberei auslassen musste- Hunger Hunger Hunger.
Aber das scheint nicht die Regel zu sein. Der einfache Schluss: -Andere Autoren sind dem Autor gleichgesinnt und potentielle Leser- scheint nicht so einfach zu ziehen zu sein.

Ich zitiere mal wieder den großen Knut Hamsun, Nobelpreisträger und Verwalter eines ansehnlichen Lebenswerkes, der sagte:
„Ich mag keine Bücher! Immer, wenn mir Freunde etwas zu lesen schenken wollen, bete ich: Lass es ein Lexikon sein oder eine Zeitschrift!“
Hamsun las keine Romane. Er schnitt Artikel aus Zeitungen aus, sammelte Berichte über Expeditionen und geschichtliche Nachschlagewerke. Aber Fiktion? -Nee! Er kannte die Werke seiner Zeitgenossen (und dazu zählten Namen wie Zola, Wilde, Flaubert, Ibsen und andere) nicht. Lediglich Strindberg schätzte er ein wenig. Je älter er wurde, umso weniger las er.
Oscar Wilde, der immerhin hunderte von Rezensionen schrieb und sich gut auskannte in der Literatur seiner und vergangener Zeiten, sagte einmal. „Literatur langweilt mich“ und allgemein bekannt war, dass er die Bücher, die er geschenkt oder zur Rezension geschickt bekam, oft nur flüchtig durchblätterte. Er verehrte einige wenige Autoren, ansonsten fanden sich in seiner Bibliothek eher Werke über Esoterik oder Freimaurerei sowie die alten Epen der Antike. Gegenwartsliteratur?- Sehr vereinzelt.
Also: die Autoren lesen sich gegenseitig nicht. Das Schreiben und Vermarkten des eigenen Werks scheint uns völlig auszulasten. Wir werfen den Amazon-Link zu unseren Büchern in die Welt, wo wir gehen und stehen, empfinden aber die Werbung der Anderen als lästig. Wir wollen, dass andere Autoren uns lesen- lesen selber andere Autoren aber nicht. Hmm.
Ist es denn so ein Haifischbecken, der Literaturbetrieb? Die Aufmerksamkeit von Schreibern für das Werk eines Kollegen ist so gering, dass es manchmal schon beleidigend ist. Zumindest in vielen Feldern der wunderbaren Netzwelt. Manchmal beschränkt es sich auf (letztlich sich aufhebendes) Lob und Gegenlob, das war es dann. Vernetzungen entstehen fast gar nicht. Jeder steht allein. Schade, oder? Oder nicht?
„Ist ja alles gut und schön“ -mag der ein oder andere sagen. „Autoren schreiben ja auch nicht für Autoren, sondern für LESER“ -Soweit richtig, aber den Leser zu erreichen ist ähnlich schwierig, zumal er sich seltener in Gruppen organisiert und in seiner Erscheinungsform mindestens so vielfältig und schwer zu greifen daherkommt wie der Autor. Und ein Autor in einer Lesergruppe steht von vorne herein unter dem Generalverdacht, nur Werbung machen zu wollen. Schlimmer noch ist allerdings, dass die eigentlich naheliegende Annahme, ein Autor SEI ein Leser, offenbar nicht ganz richtig ist.
Und nochmal zur Werbung: in der Tätigkeit des Schreibens ist ja das Gelesenwerden irgendwie impliziert, wenn mich meine altmodische Weltsicht nicht trügt. Ist die Tätigkeit, ein Buch zu verfassen also nicht zwingend mit einem gewissen Schritt auf die Öffentlichkeit zu verbunden? Ist der Punkt, an dem man sich entscheidet, sich fortan „Autor“ zu nennen und Bücher zum Kauf anzubieten nicht schon der Wechsel ins Marketing? Gut, man kann sich „Autor“ nennen und seine Texte verschenken oder gar nicht erst drucken. Man kann mit den schönsten selbsterdachten Gedichten der vergangenen 500 Jahre im Kopf umhergehen und sich „Dichter“ nennen, ohne, dass eines davon je auf Papier gesetzt worden wäre. Das gliche dann der Selbstbezeichnung „Imker“ oder „Heimwerker“, solange diese weder Honig noch selbstgebaute Möbel zum Erwerb anbietet. Aber wenn die Bienchen fleißig sind und die Säge gut flutscht, kann irgendwann der Gedanke an einen Ertrag entstehen, der mit dem vielleicht mittlerweile zum wichtigen Lebensbestandteil gewordenen Hobby zu erzielen wäre. Und dann? Kommen die Leute von allein, aus einer vagen, mystischen Ahnung heraus an die Tür und fragen nach Brotaufstrich oder Sitzgelegenheiten der besonderen Art? -Hmm. Eher nicht! Oder doch?
Bin ich jetzt unromantisch, weil ich Honig, Tisch und Roman zusammen in eine Schublade stecke, auf der „WARE“ steht??

Kurzum:
Wir sollen also schreiben. Wir sollen unsere Texte bitte ungekürzt und kostenlos zur Verfügung stellen. Aber wir sollen bitte niemanden daran erinnern, dass man diese Texte auch alle schön ordentlich gebunden und gesammelt für Geld kaufen kann. Das ist verwerflich. Wir sollen also romantisch auf den großen Wurf warten, auf das Entdeckt-werden über Nacht und ohne unser Zutun.

Und was essen die armen hungrigen Kinder? Womit schützen sie ihre zarten Füßlein vor dem Frost und was erfreut ihr Herz in den dunklen Stunden der Langeweile?
In einem schönen Text über das Leben als Autor von Marc Degens äußert ein „Freund“ des Verfassers die Meinung: „Jeder Schriftsteller sollte einen anständigen Beruf haben“ – Recht hat er! Dann bräuchte man sich nicht anzupreisen wie Sauerbier. Man könnte mal wieder was mit Holz machen. Und Bienchen sind eine interessante Spezies…. Glücklich diejenigen, die nur sich selbst schreiben können.

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4. Juli 2013 · 9:08 am