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out now: Trakl-Translations

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Da ist es also: mein neues Bändchen beim Brot & Kunst Verlag.
Die Trakl-Translations enthalten 25 „Übersetzungen“ von Gedichten des österreichischen Expressionisten Georg Trakl.
Die Translations sind Trakl minus Katholizismus minus Pathos plus Lakonie plus Moderne. So kommt irgendwie wieder Engels raus… . Eine strenge Auflage an mich selbst war die Beibehaltung der originalen Struktur und Reimschemata. Auch der begrenzte Trakl`sche Motiv-Fundus sollte eine Entsprechung finden.

Das Bändchen zeigt jeweils Original neben „Übersetzung“, dazu gibt es großartige Grafiken von Christiane Semmler, die auch für das Cover verantwortlich zeichnet.

Aus dem außerordentlich klugen Nachwort des Dortmunder Schriftstellers Josef Krug:
»Trakl-Translations nannte Matthias Engels die vorstehenden 25 lyrischen Experimente wohl nicht nur des Stabreims wegen. Aber muss, um Trakl zu verstehen, sein Deutsch in ein gegenwärtiges – oder als gegenwärtig angenommenes – übersetzt werden? […]
Man könnte sich unter Translation auch so etwas wie ein Übersetzen über einen Fluss vorstellen, eine Fähr-Bewegung von Gedicht zu Gedicht, ein Übersetzen über die mehr als 100 Jahre seit Trakl: Aus dem, was sich nach langer, stürmischer Überfahrt aus der alten Versfracht noch als brauchbar erweist, erschafft der Nachgeborene, zusammen mit eigenen Wort- und Bild-Materialien, neue Texte.«

Der Band aus der Reihe „Lyrik im Quadrat“ hat 80 Seiten und ist für 10€ ausschließlich über den Verlag und mich zu beziehen.

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Trakl-Translations

traklsemmler1Illustration: Christiane Semmler

Wie ich schon einmal erwähnte, befasse ich mich derzeit mit der „Übersetzung“ von Trakl-Gedichten in „meine“ Sprache. Ich ziehe von seinen Texten sozusagen den Katholizismus und das Pathos ab und übertrage -manchmal mit der wunderbaren Hilfe des Google-Übersetzers- seine Motivwelt ins Moderne. Dabei bemühe ich mich, relativ nah an den Strukturen und Formen des Originals zu bleiben. Was dabei so herauskommt, liest sich so und ähnlich:

Deep house

klirrendes plätschern, darüber ragen
wolken auf, weich und gletscherweiß
senioren schieben ihre wagen
im park im immer selben kreis

die betten der toten sind ungemacht
flugzeuge ziehen nach westen
ein müder mann schaut in die nacht
die sich verfängt in den ästen

durchs fenster blutet ein baum
blätter die der wind verwehte
rotlicht und schatten fluten den raum
und schmieren teufel auf die tapete

ein fremder klopft im erdgeschoß
ein hund geht vor die hunde
der letzte zieht die die tür ins schloss
deep house zu später stunde

 

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..und hier als Fußnote das Original:

Musik im Mirabell
Ein Brunnen singt. Die Wolken stehn/Im klaren Blau, die weißen, zarten/Bedächtig stille Menschen gehen/Am Abend durch den alten Garten//Der Ahnen Marmor ist ergraut/ Ein Vogelzug streift in die Weiten/Ein Faun mit toten Augen schaut/Nach Schatten, die ins Dunkel gleiten//Das Laub fällt rot vom alten Baum/Und kreist herein durchs offne Fenster/Ein Feuerschein glüht auf im Raum//Und malet trübe Angstgespenster/Ein weißer Fremdling tritt ins Haus/Ein Hund stürzt durch verfallene Gänge/Die Magd löscht eine Lampe aus/ Das Ohr hört nachts Sonatenklänge//

 

 

 

 

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Translating Trakl

anitrakl.gif

Sowohl für meine mündliche Abitur- sowie meine Buchhändler-Abschlussprüfung habe ich Texte von Georg Trakl als Thema gewählt.
Meine Beschäftigung mit dem österreichischem Expressionisten währt also schon lange und er bleibt einer der Autoren, zu denen ich immer wieder zurückkomme- als Leser sowie, aber nun auch schreibend.

Nachdem meine Heimatgedichte, mit denen ich die letzten 3 Jahre vertrödelte, nun im Brot & Kunst-Verlag unter dem Titel Landschaft mit großem h erschienen sind, wende ich mich einem neuen Projekt zu. Ich nenne es vorläufig die Trakl-Translations.

Trakls Gedichte in „meine“ Sprache zu „übersetzen“ ist das Ziel. Dabei gilt es, die Atmosphäre der Texte nicht zu zerstören. Auch an der Form der Texte orientiere ich mich grob. Natürlich werden sie moderner, natürlich macht der oft hohe, hymnische Ton der Texte vom Anfang des 20. Jahrhunderts heute Probleme. Manches Verb am Zeileende muss vorne in den Satz oder umgekehrt, um eine zeitgenössischere Sprechweise zu erhalten- das verändert dann wieder den Rhythmus usw.

Erstaunlich finde ich, wie gut manche Gedichte funktionieren, wenn man aus den zahlreichen Naturmotiven städtische macht; wie sich hier und da ein lakonischer Rolf-Dieter Brinkmann- Ton einschleicht. Andere machen es schwer. Bisher ist es nicht mehr als eine Spielerei, die mich einiges an technischen Dingen lehrt und mich von meinem Heimat-Ansatz zu neuen Formen führen soll.

Ca. ein Dutzend Gedichte habe ich fertig bearbeitet- weitere sind in Arbeit.
Ein Beispiel von einem der bekanntesten Trakl-Gedichte hier:

Das Original:

Im roten Laubwerk voll Guitarren…

Im roten Laubwerk voll Guitarren
Der Mädchen gelbe Haare wehen
Am Zaun, wo Sonnenblumen stehen.
Durch Wolken fährt ein goldner Karren.

In brauner Schatten Ruh verstummen
Die Alten, die sich blöd umschlingen.
Die Waisen süß zur Vesper singen.
In gelben Dünsten Fliegen summen.

Am Bache waschen noch die Frauen.
Die aufgehängten Linnen wallen.
Die Kleine, die mir lang gefallen,
Kommt wieder durch das Abendgrauen.

Vom lauen Himmel Spatzen stürzen
In grüne Löcher voll Verwesung.
Dem Hungrigen täuscht vor Genesung
Ein Duft von Brot und herben Würzen

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..und meine Bearbeitung:

Im roten Laubwerk voll Guitarren…

Unterm zugewachsenen balkon
stehen blondinen teilnahmslos
zwischen löwenzahn und moos
am himmel faucht ein heißballon

inmitten dunkler holzvertäfelung
vergreiste paare, die welken hände
in wortloser umklammerung
und fliegen verdunkeln die wände

frau an frau liegt ufernah
die abgelegten kleider wehen
ich sehe im vorübergehen
die eine, die ich früher sah

die blechschwalben fallen aus der luft
tief in graues und trübes schäumen
dem einsamen reicht zum träumen
ein blick und ein herbsüßer duft

strich2

 

Soweit. Mal sehen, was daraus wird…

 

 

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Spuren der Moderne in Münsterland & Westfalen: Jakob van Hoddis in Dr. Lackmanns Kurklinik, Wolbeck

lackmannsHeute erinnert nur noch die Bushaltestelle Kurhaus an der Hofstraße in Münster Wolbeck an Dr. Lackmanns Kurhaus. Etwa 10 Minuten Fußweg entfernt lag es vom Drostenhof im gleichen Ortsteil. Das Flüßchen Angel zieht unweit der Stelle durch den Ort, an dem die 1892 errichtete Kurklinik Dr. Wilhelm Lackmanns sich befand. Eine damals fortschrittliche Einrichtung für Nervenkranke, in der aber auch Bluthochdruck, Arteriosklerose, Korpulenz, Gicht, Rheumatismus und Frauenleiden mit Packungen, medizinischen Bädern, Abreibungen und kalten Abklatschungen behandelt wurden. Auch ein wenig mondän, das Ganze: mit Kunst an den Wänden, einem eleganten großen Speisesaal, einer weißen Torbrücke am Kurgarten mitsamt seinem von Putten umsäumten Kräuterfeld. Die Klinik lief gut, mehrfach wurde das Gebäude erweitert. Nach Dr. Lackmanns Tod übernahm 1909 sein Sohn das Kurhaus und trieb es zu weiterer Blüte. Anfang des 20. Jahrhunderts konnten in 50 Zimmern bis zu 80 Kurgäste untergebracht werden. Eine Woche Unterbringung mit Vollpension kostete damals 50 Reichsmark.

Jacob_van_HoddisAm 5. September 1912 wird ein gewisser Hans Davidsohn dort aufgenommen. Ein 25jähriger Mann, der unter seinem Pseudonym Jakob van Hoddis nicht mehr ganz unbekannt ist. Er war in Berlin Teil des Neopathetischen Cabarets und sein Gedicht Weltende, zum Anfang des Vorjahres erstmals in der Berliner Zeitschrift Der Demokrat veröffentlicht, hatte ihm bereits einen gewissen Ruhm beschert. Wer kennt es nicht? Es steht als DAS Gedicht des Expressionismus in jeder Anthologie und Literaturgeschichte.

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei,
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Wie genau Hans Davidsohn Anfang September 1912 nach Wolbeck gekommen ist, ist unbekannt. Dr. Lackmann erwähnte einmal, er sei vermutlich auf Rat einer seiner Patientinnen gekommen, mit der er im Briefkontakt stand ́. Einiges weist darauf hin, dass es sich hierbei um die höchst exzentrische Tante und Freundin der Familie, Laura Henschel, gehandelt haben muss, der van Hoddis vertraute.

Den Aufzeichnungen zufolge bleibt Davidsohn bis zum 08. Oktober in Wolbeck- ein wirrer Brief, den er an seinen Freund Erwin Loewenson schreibt, trägt allerdings noch den dortigen Poststempel vom 20. Oktober.
hoddisVielleicht war Wolbeck für van Hoddis ein Versuch, in ländlicher Idylle zur Ruhe zu kommen. Wiederholt hatte er in der Vergangenheit Symptome geistiger Verwirrung gezeigt, hatte sich aggressiv gegen Freunde und seine Familie gewandt- ein ohnehin schwieriges Verhältnis! Viele lasen schon damals aus seinen skurrilen Texten Anzeichen einer Schizophrenie heraus. Und Verfolgungswahn und Verwirrung zeigte sich auch in Wolbeck und in den Briefen des Dichters von dort.
hoddis 2

Die Dichterin Emmy Ball-Hennings, mit der van Hoddis unmittelbar vor seinem Wolbeck-Aufenthalt eine Zeit in München zusammengelebt hatte, berichtete in einem Brief später:Er hatte im Beginn seiner Krankheit einen richtigen Verfolgungswahn, hat seine Familie beschuldigt und konnte dies recht glaubhaft vortragen, so dass Leute, die nicht um seinen Zustand wussten ihm Glauben schenkten. Doch stimmte buchstäblich nichts von dem, was er sagte. Er klagt mir zum Beispiel, meine Mutter schickt mir Schuhe mit Nägeln darin, die mich drücken, ja vielleicht vergiften müssen. Er gab mir die Schuhe in die Hand, damit ich sie untersuche. Nichts drin.

Neuen Halt suchte der Sohn einer jüdischen Familie zu der Zeit auch im Katholizismus- da war er in Westfalen am rechten Ort. Dr. Lackmann erinnerte sich noch in 50er Jahren, wie wichtig dem Patienten die katholische Kapelle in den Parkanlagen der Klinik gewesen war:
Er hielt sich schief und schlich an den Wänden entlang, leise und verschüchtert. […] Ihm gefiel die ländliche Umgebung, der große Park, die Ruhe, das gute Essen. Es fiel mir auf, daß er nie seine Kleider wechselte und immer bis drei Uhr nachts arbeitete. Er sprach mit niemandem, außer mit dem Kaplan von der Beck, denn ihn beschäftigten hauptsächlich religiöse Fragen. Er war, kurz bevor er hierher kam, Katholik geworden und war von einer übersteigerten Gläubigkeit.

Doch nicht nur religiöses beschäftige van Hoddis offenbar in dieser Zeit. Das zur Ruhe kommen gelang offenbar nur leidlich. Die Briefe künden von literarischen Plänen und den anhaltenden Kämpfen mit der Familie

Noch während seines Verweilens in der Klink bemühen sich die Freunde um ihn, dessen Talent sie hoch schätzen.Unter Hochdruck wurde eine Lösung gesucht und Freund Loewensohn erreicht bei der Familie zumindest zeitweilig die Einwilligung:… Hoddis nach Abschluß der ärztlichen Beobachtungen, aber ohne Rücksicht auf die Diagnose, aus dem Sanatorium weg- und mit jemandem zusammenziehen zu lassen, der Geduld, Genie und die unbedingte Hochachtung Hoddis besäle und sich dafür zu sorgen verpflichtete, daßl Hoddis äße, schliefe, sich zum Schlafen umkleide und das Geld besser verwende. So suchen wir den Mann….

HoddisAls van Hoddis Ende Oktober aus Wolbeck flieht, weil ihm der Besuch seiner Familie angekündigt wird, führt einer seiner ersten Wege wieder zu Laura Henschel, der exzentrischen Tante in Berlin.Doch diese folgt diesmal der Mutter Davidsohn und sorgt, wie Hoddis befürchtet hatte, für eine Zwangseinweisung in die Heilanstalt Waldhaus Nikolassee noch am 31. Oktober. So endet van Hoddis westfälische Zeit schnell.

Ab 1915 lebt Hans Davidsohn zwölf Jahre lang bei Privatleuten erst in Thüringen, dann in Tübingen als Pensionär. 1926 wird er entmündigt, 1927 in die dortige Universitäts-Nervenklinik eingewiesen. Er lebt danach sechs Jahre lang im Christophsbad Göppingen, ist -den Akten zufolge- ein unauffälliger, oft heiter gestimmter Patient, der viel im Park herumgeht, raucht, Schach spielt und sich selbst Postkarten schreibt.

Bei der Emigration der Schwestern und der Mutter nach Palästina, 1933, bleibt der kranke Bruder und Sohn zurück. Er wird in die Israelitische Heil- und Pflegeanstalten Bendorf bei Koblenz verbracht.
Jüdische Ärzte und Pfleger können hier bis 1942 eine humane Behandlung jüdischer Patienten aufrecht erhalten, bis die Klinik geschlossen und Patienten wie Personal in den Distrikt Lublin deportiert und ermordet werden. Hans Davidsohn, alias Jakob van Hoddis stirbt im Mai oder Juni 1942 im Vernichtungslager Sobibor.

Mittlerweile gibt es auf meinem Blog einige ganz ähnliche Spurensuchen in meiner Region, zum Beispiel die über den OberDADA Richard Hülsenbeck, den sein schlechtes Betragen als Schüler in ein strenges Steinfurter Gymnasium führte, wo sein Abitur beinahe wegen eines kleinen Skandals geplatzt wäre…..zu lesen: HIER

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-Hans Henny Jahnn: Der Fortschritt…-

 

 

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…zur Kollektivierung, zum Konformismus, zum Auslöschen des Individuums, gleichermaßen in den Reichen des Ostens und des Westens.“

 

Hans Henny Jahnn, 1894-1959

deutscher Autor, Orgelreformer, Musikverleger und Pferdezüchter.

Eine der merkwürdigsten Gestalten der deutschen Literatur im 20.Jahrhundert. Er startete als junger Mann mit einer Art Spätexpressionismus und erhielt 1920 den hoch dotierten Kleist-Preis für eines seiner Dramen. Jahnn gründete die Künstlergruppe Ugrino, die später gesellschaftsreformatorischen und fast sektenähnlichen Charakter annahm, in dem auch der Jungmänner-Kult homoerotischer Ausprägung Platz hatte. Jahnn warnte schon früh vor der NSDAP und verließ Deutschland bereits 1933. Den 2.Weltkrieg verbrachte er massgeblich auf einem Bauernhof auf Bornholm. 

Nach dem Krieg kehrte er nach Deutschland zurück und thematisierte, seiner Zeit weit voraus, bereits in den 50er Jahren Themen wie den Naturschutz und die Gefahren der Atomkraft.

Seine Mammutwerke Perrudja & Fluss ohne Ufer zählen zu den leider wenig gelesenen Meilensteinen der deutschen Literatur, die technisch auf der Höhe der avantgardistischen Weltliteratur waren.

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-Blindverkostung- Folge 1 mit Jost Renner

BeFunky_blindverkostungIn dieser neuen Kategorie meines Blogs findet etwas ganz Besonderes statt:
Autoren, Lyriker und Leute aus dem Kulturbetrieb besprechen fremde Texte, ohne den Verfasser zu kennen.

Die Regeln:

Ich suche für jeden teilnehmenden Schreiberling ein Gedicht oder einen kurzen Prosatext aus meiner oft etwas obskuren Bibliothek heraus und übersende ihm diesen ohne Autorenangabe. Es herrscht strengstes Suchmaschinenverbot!!
Der teilnehmende Autor bespricht nun spontan und subjektiv den von mir ausgewählten Text, äußert seine Assoziationen und versucht, die Herkunft einzukreisen. Erst im Nachhinein verrate ich den tatsächlichen Verfasser.

Ein sicher aufschlußreiches und interessantes Spiel, das hoffentlich einiges über den individuellen Zugang zu Literatur verraten wird.

FOLGE 1

Mit Freude eröffne ich heute die neue Kategorie Blindverkostung.
Und das direkt mit einem Highlight:

Als erster Autor hat sich Jost Renner der Aufgabe gestellt, einen ihm völlig unbekannten Text zu bearbeiten, dessen Entstehungszeit und Verfasser ich ihm erst am Ende dieses Artikels verrate.

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Jost Renner wurde 1960 geboren und lebt in Berlin. Sein erlernter Beruf ist der des Buchhändlers, somit sind wir Kollegen, was mich umso mehr erfreut. Sein Blog: http://liebesenden.twoday.net wird vom deutschen Literaturarchiv in Marbach archiviert und erfreut sich großer Beliebtheit.

In diesem Jahr erschien sein Gedichtband LiebesEnden im Mirabilis Verlag, ISBN 978-3-9814925-2-1.

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Hier nun der Text, den ich ihm für die erste Folge Blindverkostung ausgesucht habe:

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Und das Ergebnis seiner Beschäftigung damit:

Was wäre die Literatur, die Lyrik ohne den Traum ? Schon in der Genesis begegnen wir den Träumen des Pharao und den Deutungen des Joseph. Träume haben dort eine andere Funktion als in späteren Zeiten – sie warnen oder sind zumindest ein kleiner Einblick in zukünftiges Geschehen, ihr Wesen aber hat sich nicht verändert : sie kommen in Bildern, Symbolen daher, die einer Interpretation bedürfen, sie entwickeln dadurch – zumindest in der Erinnerung an sie – eine nicht zu vernachlässigende Vagheit, etwas Ambivalentes, Verschwimmendes.

Weitaus anarchischer erscheint dann Shakespeare. Sein „Mittsommernachtstraum“ ist ein Gebilde, das sich auf einer Ebene zwischen Traum und einer märchenhaften Wirklichkeit bewegt, und weder Figuren noch Zuschauer können sicher sein, ob das Geschehen nichts anderes gewesen ist als ein Traum. Erlebt jedenfalls haben alle Beteiligten es als höchst reales Geschehen.

Für die Romantik ist der Traum als Motiv vermutlich unverzichtbar, lassen sich doch Sehnsüchte, insbesondere unerfüllbare, damit trefflich beschreiben, lassen sich ideale Welten der Harmonie, der Liebe schaffen, damit durch das Erwachen auch möglicherweise deren Gegenteil : das Gefangensein im unerbittlichen Hier und Jetzt, das unendliche und Unerfüllbare der Sehnsucht.

Dennoch ist der Traum keineswegs immer angenehm : es gibt dessen düstere Spielart, Schreckensszenarien apokalyptischen Ausmaßes, die zunächst in der späten Romantik auftauchen, dann aber vor allem im Expressionismus Platz greifen. Der expressionistische Dichter Georg Heym z.B. notierte seine Träume akribisch in einem Tagebuch, und sie waren selten angenehm. 1910 beschrieb er einen Traum, in dem er beinahe ertrunken wäre, ein Schicksal, das ihn 1912, diesmal ohne guten Ausgang, ereilte.

Etwa in diesem Zeitraum wurden Träume und deren Deutung auch gesellschaftlich relevant – Freud veröffentlichte 1899 seine Traumdeutung, später folgt C.G. Jung, der sich auch in seiner Sichtweise scharf von Freud, seinem Lehrer, abgrenzt.

Der mir vorliegende Text ist unzweifelhaft ein Gedicht. Endreime, Versmaß und Strophenform qualifizieren ihn als solches. Den Autor weiß ich nicht zu nennen, dem Inhalt nach entstammt er allerdings nicht der Romantik, wiewohl – etwa mit dem Wort „Märchenbuch“ – Anklänge durchaus vorhanden sind. Eher weisen „Anderssein“, „Vielfachheiten“ auf das zwanzigste Jahrhundert hin, da sich die Frage der „Identität“ in der Romantik selten stellte. Unzweifelhaft ist der Traum in diesem Gedicht dennoch eine Art Freiraum, eine Befreiung aus dem Alltäglichen, möglicherweise einer gesellschaftlichen Rollenzuweisung. Diese mag durch die Arbeitswelt oder bürgerliche Konventionen erfolgt sein. Auch dies verbindet – ein wenig – mit der Romantik, denkt man daran, daß der „Taugenichts“ oder auch der Protagonist aus E.T.A. Hoffmanns „Der goldene Topf“ allenfalls in einer Märchenwelt, nicht aber in der bürgerlichen Gesellschaft glücklich werden können. „Traum II“ erzählt von Freiheit, allerdings mit zweifelhaftem Ausgang : sie mag Schreiben ermöglichen, aber genauso gut auch wieder verwehen. Vielleicht ist der Traum kein Traum, sondern allein ein Bild des schöpferischen Prozesses, der nicht unbedingt von Erfolg gekrönt sein muß. Eine gewisse Vagheit, etwas zwischen Schlaf und Wachen scheint mir gegeben. Ich neige dazu, den Text einer Autorin, nicht einem Mann zuzuordnen, kann diese allerdings ohne gezielte Suche nicht identifizieren, nur strikt behaupten, Else Lasker-Schüler sei es nicht. Die Weiblichkeit der Verfasserin scheint mir gerade dadurch stimmig, daß deren Alltagsrolle durch die bürgerliche Gesellschaft weitgehend festgelegt, bestimmt wurde. Gleiches aber mag auch für einen Mann gelten, dessen Broterwerb – wie bei Kafka – das Dasein in organisierten Strukturen notwendig machte. Ich halte den Text für recht gelungen, denoch störe ich mich ein wenig an der Abfolge kurzer Hauptsätze in der ersten Strophe, die dem harmonischen Versmaß, so scheint es mir, entgegen arbeiten.

Kommentar: „Was wäre die Literatur, die Lyrik ohne den Traum?“ -Ein sehr schöner Einstieg, den Jost hier gewählt hat. Allgemeingültig und für diesen Text natürlich passend, da es sich, laut Betitelung, um einen Traum -den Zweiten von vermutlich mehreren- handelt. Josts Verortung des Textes ins 20. Jahrhundert und seine Tendenz, mit den Assoziationen von Freud und Jung, eher zum frühen 20. Jahrhundert, treffen tatsächlich ins Schwarze. Das Gedicht entstammt dem Expressionismus. Und auch mit der Vermutung, der Verfasser sei weiblich, aber nicht die wohl größte und bekannteste expressionistische Dichterin: Else Lasker-Schüler, hat er Recht. Jost spürt in seiner Interpretation sehr sicher die Verbindung zu romantischen Motiven auf, die vielen expressionistischen Dichterinnen näher scheinen als ihren männlichen Kollegen. Nah, sehr nah kommt er mit seiner Beschäftigung dem tatsächlichen Ursprung des Textes. Ein gelungener Einstieg in diese neue Reihe, für den ich Jost noch einmal herzlichst danken möchte.

Und nun zur Auflösung:
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Josts Text stammt von Emmy Hennings (* 17. Januar 1885 in Flensburg; † 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano). Hennings war als Schriftstellerin und Kabarettistin tätig und bildete, zusammen mit ihrem späteren Ehemann Hugo Ball eine Art Schnittstelle zwischen Schwabinger Boheme, Dada und dem Kreis um den Monte Verita. Emmy Hennings war nicht nur Autorin, sondern trat auch auf den Kleinkunst-Bühnen Münchens und im berühmten Cabarét Voltaire auf, wo sie tanzte und rezitierte. Sie verband eine lebenslange Freundschaft mit Hermann Hesse, dessen erster Biograph ihr Ehemann Hugo wurde.  Sie zählt zu den zahlreichen fast vergessenen Autorinnen ihrer Zeit, die inmitten der damaligen Strömungen standen und oft außerordentliche und typische Texte ihrer Epoche verfassten, leider ohne damit in den Kanon der Literaturgeschichte einzugehen.

Ihr Gedicht ist folgender Anthologie entnommen:

In roten Schuhen tanzt die Sonne sich zu TodLyrik expressionistischer Lyrikerinnen
Herausgeber: Hartmut Vollmer, Igel Verlag, Hamburg 2011
ISBN 9783868155266

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