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Werkstattberichte

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Ein Romanmanuskript in der Schublade, das noch einen Verlag sucht und schon wieder zurück zum historischen und biographischen Roman. Noch nicht klar, wie das Thema anzupacken ist.

Ein Materialmonster.
Ein Monster von Hauptfigur, mit einer verwirrenden Biographie.
Kein Schriftsteller diesmal im eigentlichen Sinn. Aber er wäre gern einer gewesen.

Viele Knotenpunkte der deutschen Geschichte werden berührt.
Es wird also um Deutschland gehen, ja. Aber auf welche Weise? 
Da ist Jemand modern, liberal, sogar zeitweise ein Revoluzzer, der sich für seine Haltung ins Gefängnis stecken lassen muss. Und dann wird er königstreu, bereist die Welt und sieht überall nur Germanen? -Heute nicht mehr vorstellbar, aber damals nicht unüblich.

Da ist ein knorriger Westfale in Bayern, in Griechenland, auf Gran Canaria und in Afrika. Da ist ein Gegenüber, das in der Literatur, im Film und in der öffentlichen Wahrnehmung so ausgelutscht und klischee-behaftet ist, dass man es fast nicht mehr benutzen kann..obwohl: es gibt diese fabelhafte Klaus Mann-Novelle, die als Vorbild dienen könnte. 

Man bräuchte Personal, bräuchte Quellen, die zum Teil kaum recherchierbar sind, sogar der Öffentlichkeit gar nicht zugänglich mitunter. Was tun? Das Ganze mit Fantasie auffüllen? -Wahrscheinlich.
Auf die Faktenlage pfeifen und die Literatur einfach entlang der großartigen Idee frei flattern lassen? -Wenn man kann!
Die Ironie könnte helfen. Einmal üppig ironisch über das Ganze drüber? Sozusagen augenzwinkernd erzählen? -Schwierig, aber eine Möglichkeit!

Und dann jedes Mal die gleichen Fragen:
Wie komponieren?
Chronologisch? -Am einfachsten, ja. Für den Leser leichter, ja. 
Zeitsprünge? – Ja, aber logisch und nachvollziehbar. Schwierig also.

Wieder Reisen, wieder viele Orte, viele reale Quellen:
Nicht in das Strickmuster meines Romans um Oscar Wilde und Knut Hamsun verfallen.
Etwas Anderes machen! -Nicht ZWEI Hauptfiguren, auch wenn die Eine, Potentielle so einlädt! Nur die EINE Hauptfigur!

Und dann schrieb diese Hauptfigur selbst derartig gute Prosa, dass man am liebsten alles so stehen lassen würde, aber es soll ja MEIN Roman sein und kein Lesebuch aus Seinen Werken. Das Ganze nachbilden, im Ton, im Klang? -Einen Versuch wert.

Das Ganze braucht einen Erzähler. -Oder mehrere?
Es wird kein Ich-Erzähler, das ist schon klar.
Es wird kein klar Benennbarer, das auch.
Auktorial also.

Aber man braucht Dialog! –Aber wie sprach Er? Und wie die Anderen?
Und: kann man/soll man Dialekt abbilden und wie?- Schwierig!

Generell: ein Projekt, das mich an meine Grenzen bringen wird.
So klar zunächst eine Struktur, eine Idee da vor mir stand- so stark verschwimmt das Ganze gerade im Detail. Was ist nützlich, was nicht?
Ist all das nur für mich als angefixten Autor spannend und interessant, aber für den Leser irrelevant? –Kann gut sein!

Ich habe da eine Riesenmaschine in Gang gesetzt, die ich nun kontrollieren muss.
Wir werden sehen…

 

 

 

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– Lebenslauf eines Gedichts- Einblicke in die Werkstatt & das Lektorat

notWie genau entsteht ein Gedicht? Wie verändert es sich während der eigenen Arbeit daran? Und im Lektorat?- diesen Fragen möchte ich einmal am Beispiel eines eigenen Textes nachgehen.

Es handelt sich um ein recht frisches Gedicht, das -wie so oft bei mir- aus ein, zwei einzelnen Formulierungen entstanden war, dann wuchs, dann schrumpfte, neu angereichert wurde und so weiter…. . (Es ist sicher nicht das Gedicht des Jahrhunderts und zählt auch bestimmt nicht zu meinen 10 Besten, aber als Anschauungsobjekt taugt es ganz gut.)

Im Folgenden möchte ich nun einen 1zu1 realen Einblick in die gemeinsame Arbeit von Autor und Lektor an einem solchen Text vermitteln.

Ich hatte also ein (noch titelloses) Gedicht, das bereits zahllose Bearbeitungen erfahren hatte und meines Erachtens relativ fertig war. Es war  über mehrere Wochen im Rohzustand zwischengelagert gewesen und basierte auf der Grundidee, ein weißes Blatt Papier und eine unberührte Schneelandschaft zu überblenden. Das literarische Schreiben als eigentlich sinnloses und nur scheinbar selbstbestimmtes Tun sollte darin thematisiert werden.  Aus den Grundbestandteilen: „abhängige Landschaft“, „schneeblindheit“ und der von Büchners Lenz angeregtem Vergleich: „Sonnenstrahlen als Schwerter“ war eine erste vorläufige End-Version entstanden, mit der ich leidlich zufrieden war, die aber dringend Hilfe von Außen brauchte.

sebastianSebastian Schmidt, professioneller Lektor und Betreiber des großartigen textbasis.blogs, erklärte sich nun dankenswerter Weise bereit, sich des Textes anzunehmen und ihn zu lektorieren. Ihr seht hier nun meine jeweiligen Versionen mit Sebastians Anmerkungen und meinen Erwiderungen, sowie unsere Diskussion zwischen den Arbeitsgängen. (Wir hatten uns dabei bewußt für die Form eines online-pads entschieden, in dem an direkt in die Texte des Anderen hineinkommentieren und antworten kann)
Sebastians Text wird jeweils in lila,

meiner in grün dargestellt.

1. vorläufige Fassung:

abhängige landschaft
in einem weiß von der trügerischen tragfähigkeit stiller gewässer
erste schritte im blendfeld
bewaffnet mit argwohn und selbst mit dem beutepelz behängt
als zu leicht befunden
für heimisch
stetig tiefer frierende fährten
größeres gewicht vorgaukelnd als faktisch
und lotsen verläßlich an die spalten
unter dem abraum des jahres
zeichenreisig streuend
auf dass der tritt greift
und prophylaktische punkte
gegen der sonne blendenden stahl
schneeblind in der illusion
man lege selbst diese grafitene spur
dabei schreibt die stille alles vor
in weiss auf weiss

Sebastians erstes Fazit war dann so:

Was mir besonders gefällt ist die Doppeldeutigkeit der „tragfähigkeit“. Ich verbinde damit die gefrorene Oberfläche des Sees und die bürokratischen Vorgänge zur Beurteilung von dem, was sich eigentlich von selbst schreibt, wenn auch nicht schwarz auf weiß, sondern eben wie Schnee auf Eis, „weiß auf weiß“ – also die Natur. In dem Spannungsfeld lese ich das Gedicht. Die Szene dann ist schön durch die vorsichtige Wanderung und den naturnahen Wortschatz, dessen Wörter in der Bedeutung völlig transformiert wurden. Der Beutepelz am Hals der Beute selbst, eventuell der Beute des brüchigen Eises? Den Argwohn auf irgendetwas gerichtet, aber nicht auf die „spalten / unter dem abraum des jahres“. Eine gefährliche Tätigkeit, gehalten in den verkannten Spuren im schmelzenden Eis, vom „zeichenreisig“ einen festen Schritt vorgegaukelt bis zum offenen Ende „schneeblind in der Illusion“. Die Mischung aus Naturgedicht, Heimatkundeunterricht, politischem Gedicht und avantgardistischer Politur in einem Sud aus konkreter Poesie (ich kann den zweiten Vers nicht anders lesen: für mich ist er ein konkretes Abbild einer brüchigen Eisdecke) gefällt mir und ist frisch und durch das Nüchterne auch gut unterkühlt und wohltuend emotionslos. Der Verweis auf den Abraum greift die Distanz der Erinnerung gut auf, auch wenn es hier nicht um ein Erinnern, sondern ein selbstverschuldetes, verkanntes Entrinnen zu gehen scheint. Über den Titel werden Assoziationen zur Menschheitsdämmerung geweckt, auch wenn es nur ein schmelzender See ist (scheinbar). Auf zu neuen Ufern?!

Nun aber auch ein bisschen Kritik, was? 😉

Der letzte Vers gefiele mir ohne „in“ besser, die Ellipse in Vers 7 gefällt mir nicht, überhaupt bleibe ich beim Lesen immer ein wenig an Vers 7 hängen, das stimmt der Satzfall nicht, der Rhythmus liegt dort etwas quer. Das Bild des „greifenden Trittes“ (Vers 11) ist an sich gut in der Theorie, verbindet es doch das Sichfesthalten mit dem progressiven Voranschreiten, aber hier wäre ein nüchternes Bild eventuell passender.

„gegen der sonne blendenden strahl“ klingt archaisch, wahrscheinlich absichtlich so, aber was spricht gegen „das blenden der sonne“?

Die Ellipse in Vers 12 ist wie die in Vers 7: Liest man sie als Ellipse, dann versteht man, dass auch die „prophylaktischen punkte“ „gestreut“ werden. Liest man jedoch nicht aufmerksam, kommt man da etwas ins Stocken, man denkt, es fehle das Verb.

Unschlüssig bin ich mir, ob „grafitene“ passt, da zu wenig abgedreht im Vergleich zu „phophylaktisch“, das Suffix „-ene“ wirkt schwerfällig und nimmt dem Fremdwort ein bisschen die Wirkung. Herausragend für mich sind die Verse 1-5, 8+9!, 10!!, 12+13, 17! (ohne „in“). Schönes Ding!

 Ich antwortete: -Danke! Bezüglich: „gegen der sonne blendenden strahl“ – ich kam da durch sonnen-STRAHL hin,
SonnenSTAHL wäre mir zu nah dran und gewollt, oder doch nicht?
der Stahl der Sonne -hm-?
der Sonne Stahl -kam da irgendwie

und dann: Schwert/Stahl blendende/s Klinge/Schwert –so diese Verkettung, du verstehst? Schau es mir aber noch mal an.

 –Ja, verstehe schon, aber das Bild basiert für meinen Geschmack etwas zu sehr auf dem Wortspiel, denn auf dem bildlichen Aspekt. Nicht dass der Eindruck entsteht: Haha, was für ein Wortspiel. Eventuell irgendwas mit „Licht“? Das Wort ist nicht so „vorbelastet“

Ich merkte hier, dass es tatsächlich an einigen Stellen haperte, besonders rhythmisch. Auch was das Vokabular betraf, hatte Sebastian Recht. Ich merkte aber auch, dass ich mich ungern von der Idee SonnenStrahl/Stahl/Schwert etc. trennen wollte. Wie oben erwähnt, stammte diese Verbindung aus Büchners Lenz. Erneut darüber nachdenkend fiel mir auf, wieviel Niederschlag dieser Text in meinem Gedicht gefunden hatte. Die Erzählung beginnt: „Den 20. ging Lenz durch’s Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen…“ etc. Da waren schon die Berge, die Abhänge, der Schnee und all das. Und der erfolglose Schriftsteller Jakob Michael Reinhold Lenz, den Büchner hier porträtierte, war ein am Schreiben Gescheiterter, dem die ganze Kritzelei auf weißen Grund nichtig erschienen sein mag wie das Spuren hinterlassen im Schnee, der sie im Tauen auslöscht.

Ich entschied mich also, mein Gedicht LENZ zu nennen und erwog,  es mit einigen weiteren Elementen aus Büchners Text anzureichern, was dann aber deutlich zu bewußt und gewollt gschah. Also löschte ich all das und kehrte näher an die ursprüngliche Version zurück.

Kurz darauf präsentierte ich Sebastian eine überarbeitete Fassung mit Fragen und Vorschlägen für Stellen , bei denen ich mir nicht sicher war:

not2

LENZ

abhängige landschaft

in einem weiß von der trügerischen tragfähigkeit stiller gewässer

erste schritte im blendfeld 

bewaffnet mit argwohn und selbst mit dem beutepelz behängt 

als zu leicht befunden für heimisch

stetig tiefer frierende fährten 

gaukeln größeres gewicht vor als faktisch 

und lotsen verläßlich an die spalten (und gräben?)

(verborgen?) unter dem abraum des jahres (so war es ursprünglich)

zeichenreisig streuend 

auf dass der tritt greift (ursprünglich: „auf dass greife der tritt“) Sohle? Profil?

und prophylaktische punkte (setzend(?))verändert zumindest den Rhythmus

gegen der sonne blendenden stahl

schneeblind in der illusion 

man lege selbst diese spur von grafit

dabei schreibt alles die stille vor 

weiss auf weiss

Sebastian ergänzte daraufhin noch folgende Anmerkungen:

LENZ

abhängige landschaft
in einem weiß von der trügerischen tragfähigkeit stiller gewässer
erste schritte im blendfeld
bewaffnet mit argwohn und selbst mit dem beutepelz behängt
als zu leicht befunden
für heimisch
(Das ist gut, dass es in einem neuen Vers steht!)
stetig tiefer frierende fährten
gaukeln größeres gewicht vor [[als faktisch ]] damit kann ich mich immer noch nicht so richtig anfreunden
(echot ein wenig auf „für heimisch“ und nimmt klanglich „verläßlich“ vorraus)
(Ja, schon.  Aber in meinem Kopf klingt es so, als fehle ein Wort, also etwa ein „vorhanden“. Auch wenn es nicht in den Rhythmus passen würde. So klingt der Vers irgendwie abgehakt.)
und lotsen verläßlich (hier alte Rechtschreibung gewollt?)
an die spalten und gräben
verborgen unter dem abraum
des jahres
(das klingt jetzt prima rund, ich finde es so stark!)
zeichenreisig streuend
auf dem die sohle leidlich fasst
(Verbindung von Fuß(Sohle) und „fassen“(Hände) für mich nicht so schön. vielleicht in die Richtung: „für die haltlosen Sohlen“??? – Aber „tritt fassen“ gibts doch z.B.? Geben tut es das schon :-), aber persönlich mag ich die Verbindung von Hand- und Fußeigenschaften nicht so. Doch Hauptsache, dass es dir gefällt, ist ja dein Gedicht, nicht meins. 🙂
und prophylaktisch punkte setzend
gegen den scharfen
sonnenstahl
(in Verbindung mit „scharf“ und als ez. Vers gefällt es mir so gut.)
schneeblind in der illusion
man lege diese grafitspur (ja!)selbst
dabei ist alles längst geschrieben
von der stille weiss auf
weiss
[Wie handhabst du das Eszett? In Vers 2 „ß“, hier „ss“ gewollt?]
Ach, völlig unkalkuliert und wider jedes angelerntes Wissen!

-Habe ich es jetzt verschlimmbessert?
-Nein, gar nicht, die Version finde ich noch runder, ein paar Überlegungen hab ich oben gleich reingekritzelt. Ich finde es erstaunlich, wie du so schnell an die Versionen gelangst, ich tue mich da schwerer —
Och, wenn das Material da ist und ich grade drin bin, geht das recht zügig. Ich sehe meine Gedichte ohnehin nie oder selten als fertig an, sie sind bei jedem Lesen wieder auf dem Prüfstand und bis ich die je irgendwie veröffentlichen werde, sehen sie garantiert noch zig Veränderungen.

Und nach erneuter Überarbeitung entstand so diese dritte und vorläufig letzte Fassung:

LENZ

abhängige landschaft
in einem weiß von der trügerischen tragfähigkeit stiller gewässer
erste schritte im blendfeld
bewaffnet mit argwohn und selbst mit dem beutepelz behängt
als zu leicht befunden
für heimisch
stetig tiefer frierende fährten
gaukeln größeres gewicht vor als faktisch
und lotsen verlässlich an die spalten und gräben
verborgen unter dem abraum
des jahres
zeichenreisig streuend
auf dem der tritt nur leidlich greift
und prophylaktisch punkte setzend
gegen den scharfen sonnenstahl
schneeblind in der illusion
man lege diese grafitspur selbst
dabei ist alles längst geschrieben
von der stille weiss auf
weiss

Diese kommentierte Sebastian nun wie folgt:

-Der Rhythmus des Gedichtes ist Wahnsinn, das ist wie ein Lied, wenn man das Gedicht vorträgt. „Schwelgen möcht ich in euch, Verse!“

Sicher ist die Arbeit an LENZ noch lang nicht abgeschlossen. Erfahrungsgemäß ist eine solche Zwischenstufe bei mir immer nur eine Arbeitsgrundlage, die ich mir auf kürzere oder längere Zeit noch einmal vornehmen werde, um sie erneut zu verändern. Mancher Text bleibt dabei auf der Strecke und wird „über– arbeitet“. Manche gewinnen aber auch erst so ihre endgültige und beste Wirkung.
sicher ist auch diese Arbeitsweise nur eine von vielen und nicht die Definitive. Sebastian war nicht allzu streng mit mir!
Aber ich hoffe, dass dieser kleine Einblick Euch a) gut unterhalten hat und b) eventuell sogar für die Schreiber unter Euch einen kleinen Nutzen für Eure eigene Arbeit hat. Vielen Dank!

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