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Bullerbü brennt -Auszug-

Das-Haus-vom-Nikolaus

Da es nun bald so weit ist, weihnachtet es auch hier ein bissel.
Ein kurzer Ausschnitt aus dem aktuellen Manuskript: Bullerbü brennt

strich1

Love is stronger than pride

Am Vormittag hatten die Kinder gebadet. Sie hatten in letzter Zeit begonnen, sich dagegen zu sträuben. War das ein Zeichen für die nahende Pubertät? Früher waren sie gerne in die Wanne gegangen. Jan räumte die beiden nackten Barbie-Puppen der Tochter mit einem kurzen und verschämten Blick auf die riesige nippellose Oberweite vom Rand der Wanne und ließ nun Wasser für sich ein. Einmal in der Woche, am Sonntagmittag, suchte er Entspannung in einem warmen Bad. Er zog sich aus und betrachtete sich im Spiegel. Von Vorne sah er in seinen eigenen Augen noch genauso aus wie vor fünf oder zehn Jahren, von der Seite allerdings war der Bauch nicht mehr zu übersehen und Woche für Woche nahm er sich vor, etwas dagegen zu unternehmen. Ab und zu hielt er durch, ein oder zwei Wochen lang morgens ein paar Übungen zu machen, aber kam allzu bald wieder davon ab.

Diese Sonntage waren schön, aber manchmal so kurz, dass er sich fragte, wo die Stunden blieben. Etwas länger liegen bleiben, ausgiebig frühstücken, dann die Kinder ins Bad, eine DVD auf der Couch, dann die Reste der Hausaufgaben und vielleicht einen Spaziergang, im Herbst Blättersammeln oder Kastanien, im Sommer in den Garten, im Winter jetzt manchmal zum Bäcker, ein Stück Kuchen kaufen. Dann schon an das Abendbrot denken und die Schwimmsachen für den Montag herauslegen, das Geld für das Mittagessen des Sohnes nicht vergessen. Dann ein kurzer, ruhiger Abend mit Sonja, (kaum zwei Stunden, wenn man es genau nahm) schon etwas melancholisch, wegen der neu beginnenden Woche.

Weihnachten kam näher, sprungartig, wie in den letzten Jahren. Früher war die Zeit dorthin immer schleppend vergangen, dann irgendwann normal, wie eine Aufgabe, die bevorstand, die man aber größenmäßig einschätzen und bewältigen konnte. Nun verflogen Oktober und November und die Adventszeit war so kurz. Dennoch mochte Jan diese Zeit. Gewohnheitsgemäß nutzten sie diese Wochen auch zum Ballast abwerfen. Es wurde noch einmal Sperrmüll angemeldet und weggeworfen, was über das Jahr einfach in den Keller geräumt worden war. Die Suche nach den Weihnachtskisten brachte immer vieles ans Licht, was man vergessen hatte und einiges davon sortierten sie aus und warfen es weg. Ein wenig Luft machen, ein wenig Klarheit, dachte Jan, ersetzten den ein oder anderen guten Vorsatz. Die Kinder glaubten nun nicht mehr an seine Geschichten vom Christkind auf dem Radar der NASA, es hatte lange gedauert und eine abgespeckte Version des Weihnachtsfestes ohne kindlichen Wunderglaube würde gefunden werden müssen. Schade, aber unvermeidlich.
Früher war es schöner gewesen, aber das war der Lauf der Zeit und wenn er ehrlich war- auch damals hatte es immer beides nebeneinander gegeben.

Er erinnerte sich an eine Gelegenheit, als die Kinder noch klein waren.
Sie betrachteten ein Weihnachtsbilderbuch und die Tochter wollte wissen, wer das Kind in der Krippe war.
Das ist das Jesuskind, hatte Jan gesagt.
Und das?, hatte der Sohn gefragt und auf zwei weitere Figuren gezeigt.
Das sind seine Eltern, hatte Jan geantwortet und erst auf Maria, dann auf Josef gezeigt.
Dann hatten die Kinder aufmerksam die vielen weiteren Gestalten betrachtetet und Jan hatte gewusst, was sie fragen würden.
Wer sind all die Anderen?
Das ist die Frau von der Krankenkasse, die fragt, ob das Kind nicht vielleicht schon Einkünfte hat. Das ist der Mann vom Finanzamt, der die Lohnsteuernummer überreichen kommt und mit ihm kommen zwei Herren von der Bank, die Formulare zum Eröffnen eines Kontos und Broschüren zu Sparverträgen bringen.

Es lag ihm auf der Zunge, aber natürlich antwortete er: Das ist ein Engel, das sind die heiligen drei Könige und das ein Hirte.

 

 

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– Weihnachten mit Peter Alexander, Uwe Seeler und Onkel Klaus-

eisblumen
Ein Tag vor Weihnachten.
Meine Mutter hatte mein Bett bereits in Vaters Hobbyzimmer gemacht, denn Tante und Onkel würden mein Zimmer unter dem Dach belegen, wenn sie morgen anreisten. Da Mutter für die Feiertage viel vorzubereiten hatte, war sie froh über alles, was schon erledigt war und so schlief ich schon heute eine Etage tiefer, zwischen den Büchern meines Vaters. Ich mochte den Geruch und kannte die Titel seiner Bibliothek zu weiten Teilen auswendig. Selbst im Dunkeln konnte ich Reihe für Reihe vor mich hinsagen, wenn ich nicht einschlafen konnte.
Elf Freunde müsst ihr sein
Der Ball ist rund
Ecken sind halbe Tore und
Drei Ecken sind ein Tor, was mich damals bereits verwirrte, weil es ja schon rein rechnerisch nicht stimmen konnte.
Ich hatte einen Teil davon zu lesen versucht und war theoretisch ein begnadeter und mit allen Wassern gewaschener Stratege, aber leider in Wirklichkeit mit Abstand weder der Schnellste noch der Kräftigste unter den Jungen in meiner Klasse. Ich las gern und malte viel.

Vater mochte es nicht, wenn ich in seinem Zimmer schlief, denn sein Schreibtisch und seine Regale waren dadurch für einige Tage blockiert. Aber jetzt hatte er Nachtdienst und war nicht zu Hause; außerdem hätte er, wenn der Weihnachtsbesuch da war, ohnehin keine Zeit gefunden, mit donnerndem Anschlag Autogrammanfragen an ehemalige Fussballstars aller Herren Länder zu verfassen.

Ich lag auf der Matratze und hörte meine Mutter unten in der Küche mit irgendwas hantieren, im Wohnzimmer lief der Fernseher: Die Peter-Alexander-Show, alljährlicher Höhepunkt im Dezemberprogramm- Ich konnte nicht einschlafen.

Es klingelte an der Haustür. Ich horchte, wie meine Mutter den schweren Vorhang wegzog, der die kalte Luft daran hindern sollte, unter der Haustür hindurch ins Haus zu kommen; hörte, wie sie die Kette löste und aufschloss. Lange dauerte es nicht, bis ich erkannte, wer zu Besuch kam. Die Stimme war mir vertraut.

Ich nannte Klaus Onkel, obwohl er es nicht war. Meinen richtigen Onkel, den Mann meiner Tante, mochte ich nicht sonderlich und er mich auch nicht. Er würde die Feiertage sicher wieder mit dem neuen Quelle-Katalog auf der Couch verbringen; einen Finger zwischen den Seiten mit dem Heimwerkerkram, während er, wenn er sich unbeobachtet glaubte, ausgiebig die Abbildungen der Modelle in Damenunterwäsche betrachtete. Klaus dagegen liebte ich, obwohl ich ihn leider nur selten sah. Inwieweit wir eigentlich verwandt waren, habe ich nie richtig verstanden. Unter all meinen steinalten Verwandten war er der Jüngste, wenn ich auch damals nicht sagen konnte, wie alt er eigentlich war. Beinahe zwei Meter groß, war Klaus damals für mich ein unermesslicher Riese -keiner in meiner Familie war so groß und keiner trug einen feuerroten Vollbart wie er. Seine Augen funkelten immer lustig, wenn er mich sah und auf seinen Arm nahm, wo mir in der ungewohnten Höhe schwindlig wurde.

Ich hoffte, dass meine Mutter mich rufen würde, damit ich ihn begrüßen und vielleicht eine halbe Stunde mit ihm spielen könnte. Mehr Zeit hatte Klaus ohnehin selten, aber das machte mir nichts aus. Ich konnte nicht alles verstehen, was die beiden unten sprachen, wahrscheinlich hatte Mutter ihn ins Esszimmer gebeten, das weiter hinten in Haus lag. Ihr Gespräch kam nur noch bruchstückhaft bei mir an, aber ich war sicher, er würde nach mir fragen; käme eigentlich, um mich zu besuchen. Unter keinen Umständen durfte ich jetzt einschlafen, denn wenn Mutter nach mir sähe und ins Dunkle fragen würde, ob ich schliefe, musste ich um jeden Preis mit NEIN antworten können. Aber sie kam nicht.

Nach einer Weile -es kann die Dauer gewesen sein, die Klaus brauchte, um eine Tasse dampfenden Kaffee in einem Zug zu leeren oder länger- wurden ihre Stimmen wieder lauter, näherten sich wieder Treppe und Tür. Ich spürte den Schwall kalter Luft, der durch die geöffnete Haustür hereinkam, und hörte Klaus sich von meiner Mutter verabschieden und zum Schluss deutlich lauter noch Frohe Weihnachten wünschen und war enttäuscht.

Ich lauschte angestrengt, hörte aber kein Auto, kein klapperndes Fahrrad noch irgendetwas- Klaus war einfach fort. Dafür hörte ich Mutter die letzten Schüsseln und Teller auf das Abtropfregal stellen und etwas später ins Wohnzimmer gehen. Der Fernseher wurde lauter gestellt, aber dann lehnte sie wohl die Tür an und ich hörte kaum noch etwas.

Es war dunkel- ich lag nah am Boden und konnte, wenn ich den Arm ausstreckte, Vaters Bürostuhl an den Rollen fassen und minimal hin und herschieben. Die Buchrücken waren nicht mehr lesbar, aber das war egal. Hier und dort konnte ich einzelne Buchstaben ausmachen, die von der Weihnachtsbeleuchtung der Nachbarn erhellt wurden, und wusste so genau, welche Titel links und rechts standen. Ich dachte noch ein wenig darüber nach, wer recht hatte, was die Ecken anging: Fritz Walter oder Uwe Seeler- dann schlief ich ein.

Am folgenden Tag -Heiligabend- war ich früh wach. Vater schlief bis Mittags, wenn er vom Nachtdienst kam und ich musste leise sein. Aber das war kein Problem für mich. Ich stand auf und genoss zum letzten Mal den Geschmack des kleinen Stückchens Schokolade aus dem Adventskalender auf nüchternen Magen und mit ungeputzten Zähnen.

Auf meinem Fühstücksteller lag ein kleines Päckchen, recht unbeholfen eingepackt, aber mit meinem Namen darauf. „Das hat der Weihnachtsmann gestern für dich abgegeben, als du schon eingeschlafen warst“, sagte meine Mutter. Ich nickte, wickelte es neugierig aus, bevor sie es sich anders überlegen konnte und es doch unter den Weihnachtsbaum legen. Es enthielt eine Packung Stifte -ganz besondere, die ich schon lange gewollt hatte. Meine Mutter schwor später all die Jahre, die ich sie danach fragte, Onkel Klaus sei an diesem Abend nicht zu Besuch gewesen. Er sei doch bei der Bundeswehr, oben in Niedersachsen. Selbst den Bart habe er sich abnehmen müssen.

Es war das letzte Jahr gewesen, in dem ich noch an den Weihnachtsmann glaubte- im Advent darauf fand ich die Riesenpackung mit genau der Dominobahn, die ich mir aus dem Quelle-Katalog ausgesucht hatte, unten im Schrank in Vaters Zimmer, unter den Wolldecken und ein paar abgelegten Kleidern. Ich verriet mich nicht- die restliche Vorweihnachtszeit nicht und auch nicht beim Auspacken am Heiligen Abend.

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Eingeordnet unter allgemein, prosaisch