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Stein macht sich schmutzig -Erzählung-

schneemann

Stein macht sich schmutzig

Am Morgen hatte Stein im Bad gestanden und kaum, dass er den Rasierer das erste Mal ausgespült hatte, bemerkt, dass das Wasser im Becken nicht mehr abfloss. Im Laufe des Vormittags versuchte er es mit Geschirrspülmittel und einem Reiniger aus der Drogerie, scheiterte jedoch kläglich. Das mit Rasierschaum und Stoppeln versetzte Wasser stand nur umso hartnäckiger und mit absolut regloser Oberfläche im Becken, ohne jeden Zug zum komplett geöffneten Abfluss.
Etwas später hatte Stein bereits ein halbes Dutzend durchtelefoniert, aber einen Klempner zu bekommen erwies sich als schwierig, weshalb sich Stein an den alten Hausmeister wandte.

„Aber Blum ist doch Klempner.“, sagte dieser.
„Blum?“, fragte Stein.
„Ja“, der Mann, der seit ungefähr zwei Monaten neben Ihnen wohnt.“
Stein erinnerte sich dunkel. Rechts waren neue Leute eingezogen. Eine Familie mit zwei Kindern. Sie hatte kurz nach ihrem Einzug alle Parteien des Hauses zum Kennenlern- Kaffee eingeladen, aber Stein war verhindert gewesen. Aber Stein nahm seine Nachbarn ohnehin für gewöhnlich kaum wahr, solange sie ihn nicht störten. Die Blums waren offenbar ruhige Leute. Der Mann verschwand früh zur Arbeit und kam spät heim, die Töchter gingen zur Schule und die Frau hörte man kaum. Nur abends, wenn er im Bad stand, schnappte Stein gelegentlich und unfreiwillig durch den gemeinsamen Lüftungsschacht Fetzen von Gesprächen auf. Seit dem Einzug der Blums kam das häufiger vor, fiel ihm jetzt auf, und es waren ganz offensichtlich Streitigkeiten, die er vernahm und bei denen die Stimme des Mannes dominierte.

„Fragen Sie Blum“, hatte der Hausmeister also als letzten Rat ausgesprochen. „Einen Fachmann im Haus zu haben, ist doch ein wahrer Glücksfall!“
Stein mochte Handwerker wenig. Sie lösten seine Probleme, ja, aber ihre Anwesenheit in seiner Wohnung war ihm zuwider, sie kosteten Zeit und Geld und verursachten Schmutz und Arbeit. Auch fiel es ihm seit jeher schwer, mit Handwerkern zu sprechen. Er wusste nichts von ihrem und sie nicht von seinem Leben. Er traf nie den richtigen Ton, oft kam es zu Missverständnissen oder betretenem Schweigen oder gleich beidem.
Aber es half ja nichts. Stein ging also über den Flur und klingelte. Frau Blum erschien. Stein murmelte etwas von Nachbar und noch nicht richtig vorgestellt und wie leid ihm die Störung tue, aber er habe da ein Problem. Wenige Minuten später kniete Herr Blum, ein kräftiger Mann mit blondem Stoppelschnitt, vor Steins Waschbecken, einen Werkzeugkoffer von der Größe eines kleinen Schrankes neben sich. Mit wenigen geschickten Handgriffen waren bald die Rohre unter dem Becken entfernt, das darin stehende Schmutzwasser in einen eilends von Blum gebrachten Eimer entleert und Blums Blick ins dunkle Innere der Wand gerichtet.

Stein wusste aus Erfahrung, recht bald würde Blum ihm mehr oder weniger dezent Unsauberkeit Unachtsamkeit seinem Abflusssystem gegenüber unterstellen, wie ein Jahrmarktzauberer unschöne Dinge aus seinen Rohren hervorholen, von denen Stein nicht wüsste, woher sie stammten. Er schwieg und wartete ab, auf welche Weise der Nachbar sein bisschen Überlegenheit ihm gegenüber ausspielen würde. Blum kratzte und bohrte mit einem kleinen Werkzeug in der Wandöffnung herum, richtete eine Taschenlampe hinein und schüttelte den Kopf in einer Mischung aus enttäuschtem Ehrgeiz und Empörung.

„Und?“, fragte Stein, möglichst vorsichtig.
„Hart wie Beton.“, entgegnete Blum. „Hab ich so auch noch nicht gehabt.“ Fast lag so etwas wie Anerkennung der besonderen Lage in seinem Ton.  Stein war sich unsicher, ob er mit Stolz oder Sorge darauf zu reagieren hatte, weshalb er nur stumm nickte.
„Da brauch ich den Bohrer“, sagte Blum nun trocken und entnahm seinem Koffer ein monströses Gerät, suchte und fand die Steckdose. Stein war sich jetzt schon klar, dass der Kampf gegen seinen eigenen Schmutz deutlich länger dauern und deutlich teurer werden würde, als er gehofft hatte. Aber das war immer so, wenn er Handwerker bemühte und von daher nichts Neues.

Das Gerät heulte auf, als Blum es ins Rohr einführte, rüttelte und röhrte. Stein ging drei Schritte zurück, um dem Lärm ein wenig zu entkommen. Seinem Gesichtsausdruck nach befand sich Blum jetzt in einem ganz persönlichen Kampf: Er und seine Maschine gegen Steins knüppelharten Dreck. Er fluchte durch die zusammengebissenen Zähne und sein Gesicht hatte bereits eine tiefrote Färbung angenommen. Dass er nicht aufgab, sondern vollen Einsatz zeigte und mit immensem Kraftaufwand an der Behebung seines Problems arbeitete, war ihm ja hoch anzurechnen, dachte Stein – noch dazu in seiner Freizeit. Als Blum absetzte, erneut ins Rohr sah und seiner Mimik nichts über den Erfolg der Bemühungen zu entnehmen war, fühlte sich Stein zu einigen aufmunternden Worten verpflichtet. Es sollte nicht den Anschein haben, als ließe er hier einen Nachbarn für sich die Drecksarbeit machen, ohne wenigstens Dankbarkeit zu zeigen.

„Ich bin sehr froh, dass der Hausmeister sie mir empfohlen hat. Gute Handwerker zu bekommen ist so schwierig, wenn man wirklich mal in der Klemme steckt.“
Blum wischte sich über die Stirn und nickte, fast ein wenig abfällig. Wahrscheinlich war ihm aus Erfahrung längst klar, dass das typisches Geschwafel von Kunden war, die ihn am liebsten so schnell wie möglich wieder aus dem Haus haben wollten. Diesen Eindruck wollte Stein eigentlich entkräften, aber ihm fiel nichts ein, außer weiterer belangloser Konversation.
„Früher hat der Haumeister –natürlich war er kein Fachmann- sowas selbst gemacht, aber er steht ja jetzt schon ganz kurz vor der Rente.“ Nun ließ sich Blum, der gerade einen größeren Bohrer auf seine Maschine schraubte, tatsächlich zu einer Replik hinreißen.
„Schön für ihn“, sagte Blum und Stein meinte, einen leisen Zorn in dessen Stimme wahrzunehmen.  „Unsereiner kann das ja wohl vergessen.“, fuhr der Nachbar fort. Stein nickte nur, im Glauben, die allgemeine Unsicherheit der kommenden Rentnergeneration sei ausreichend bekannt und erfordere keinen weiteren Kommentar, aber Blums Satz war noch nicht fertig:
„Bei den ganzen Sozialtouristen jetzt. Da müssen wir uns nicht wundern.“ Stein stand sprachlos und war beinahe froh, dass das erneut einsetzende Bohren und Rütteln von Blums Maschine sein Schweigen mehr als rechtfertigte.

Zunehmend erbittert führte Blum nun seinen Kampf gegen den Dreck Steins. Es schien, als befinde er sich auf einer Mission. Hier und da setzt er ab, fischte seifige Haarbüschel oder hart verkrustete Schmutzklumpen aus dem Ansatz des Rohres und vom Bohrer und pfefferte sie angewidert, aber mit Genugtuung in den Eimer, gänzlich ohne vorwurfsvollen Seitenblick auf Stein, den Verursacher, der eigentlich damit gerechnet hätte. Mittlerweile hoffte Stein, diese Situation möge möglichst schnell vorüber sein. Auf weitere Unterhaltung würde er nun verzichten und dem Nachbarn damit klar machen, dass er dessen vor wenigen Minuten geäußerte Meinung nicht teilte. Dieser sollte nun nur noch seine Arbeit machen, nicht mehr und nicht weniger. Weiterer Konversation war er nicht würdig.

Vielleicht hatte Blum Steins Schweigen als Zustimmung verstanden oder es war schlichtweg der Damm gebrochen. Auf jeden Fall fühlte er sich in einer weiteren Bohrpause veranlasst, weiterzureden.   Weiterlesen

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Die Insel ruft….Auszeit

see

Vor diesen grauen Flächen. Vor dieser leise schwappenden See, diesem diesigen Himmel ohne jede Tiefe fühlt sich Jan erstaunlicherweise beruhigt. Grobes, unregelmäßiges Gras im klumpigen Sand, Pfützen vom gerade erst abgezogenen Regen wie große Scherben darin. Es riecht nach Meer, das heißt genau genommen, nach salzigem Schmodder und Schlick, alles andere als fein. Plärrende Kinderstimmen und polterndes Elterngeschimpfe in unattraktiven Dialekten wehen vom Spielplatz herüber. Auf der Bank links schweigt eine bärbeißige Alte mit Krampfadern ihren Bildzeitung lesenden Mann an. Von Mutterschaft und Langeweile völlig zerstörte Körper liegen in pedantisch aufgehäuften Sandfestungen mit Deutschlandflagge, am Fähranleger drängeln ältere Eltern mit ihren sportiven Hightech-Kinderwagen in der Schlange vor. Trekking-Jacken, Künstlerschals um Vertreterhälsen, gut gelaunte Männergesangsvereine aus dem Rheinland mit Fischerhemden aus dem Andenkenladen über den Bierbäuchen. Trostlos tobendes Menschengewirr in einer denkbar unwirtlichen Enttäuschung aller Sommerträume.
Das sind wir nicht. Das sind wir immer noch nicht, denkt er. Wir sind immer noch: etwas Anderes, etwas anders. Bei allen Elternabenden, allen Besuchen von Disney-Filmen, allem Kuchenbacken für den Sonntagskaffee ist das Andere nicht in der Mehlschwitze der deftigen Bratensoße ertrunken.
Anders herum war er sich bewusst, dass die jungen Leute, die er gelegentlich auf der Straße sah, ihn genauso für einen in die Jahre kommenden Mann hielten, der den normalen Weg gegangen war, Frau, Kinder, Häuschen, Kombi oder Familienkutsche, eventuell Hund oder zumindest Meerschweinchen, kleiner oder größerer Garten, auf jeden Fall weit entfernt von jeder außergewöhnlichen Haltung oder Lebensweise, ertrunken im Kompromiss und zu einem Bauchansatz neigend. Junge Eltern von Erstgeborenen Säuglingen glichen sich an ihm und Sonja ab und schworen sich, alles anders, alles besser zu machen, wenn sie zufällig Jans und Sonjas Kinder gerade streitend oder in einem bockigen Moment erleben. Das war klar. Genauso hatten Jan und Sonja es früher schließlich auch gemacht.

Perspektivwechsel, wie bei den Seebildern. Ein Streifen helles Blau oben, ein Streifen dunkles Blau unten. Ein Tag am Meer. Wenn du es auf den Kopf stellst wird es eine Nacht, mit einem dunklen Himmel und einem vom Restlicht aufgehellten Meer.
Als habe sich das Meer irgendwann für die nächsten Milliarden Jahre für das Gleiten als vorübergehenden Zustand entschieden. Er weiß ja, dass das Meer das schon ewig tut, dieses Hin und dieses Her. Wenn es still liegt, kann man sich nicht vorstellen, dass es rau und wild sein kann. Wenn es aufgewühlt Wellen an den Strand wirft, glaubt man, es wird nie wieder damit aufhören. Wenn Jan sich besinnt, weiß er, dass niemand sagen kann, ob es immer so weiter geht: Ebbe, Flut, Ebbe, Flut, ständige Wiederholung, die ja angeblich nirgendwo hinführt. Gleichmaß, Gleichförmigkeit, im ewig gleichen Rhythmus, wie Herzschlag. Fort sein, anschwellen, da sein, abschwellen. Nie für immer da, nie für immer fort. Er weiß ja, dass auch nach 1000 Seiten, nach 30, 40 oder 70 Jahren nicht alles gesagt ist. Das letzte Wort; noch nicht gesprochen, welches wird es sein? Er weiß, er kann nur versuchen, Fäden zu finden und festzuhalten, bis sich eine Art Netz bildet, einzelne Fundstücke, Knüppel von Treibgut zu sammeln und zusammenzufügen, bis das Gebaute einem Floß gleicht, auf dem man theoretisch fahren kann. Er kann nur Puzzleteil auf Puzzleteil versuchen unterzubringen und nicht zweifeln, wenn auch nach Jahren nur ein unwesentlich abgestuftes Blau zu sehen ist. Er kann nur Karte um Karte umdrehen, in der Hoffnung, das die richtige irgendwann kommt. In seinen Träumen muss er Auto fahren, stundenlang im Kreisverkehr und er tut das erstaunlich langmütig, immer daran glaubend, dass die richtige Ausfahrt irgendwann, wie aus dem nichts auftaucht und irgendwo hinführt.

Irgendwann war das Meer einfach nicht mehr rausgegangen; hatte einen salzigen blauen Fleck auf ihm hinterlassen. Immer geradeaus, auf den Horizont schauen hatte man ihm geraten, dann schwindelt es Einem nicht. Doch zu Hause fehlte immer etwas Horizontales, irgendeine gerade Linie- alle waren verstellt: von spitzwinkligen Gebäuden, Bäumen, Dingen oder Schatten von Dingen, zu viele Menschen drängten sich davor . Die Insel dagegen: ein Experiment, Biotop, Garten Eden- Spielwiese für einen versuchten Neuanfang unter Laborbedingungen. Die fehlenden Möglichkeiten: hier kein Verlust, eher die Überschaubarkeit, der Überblick ein Gewinn, die Beschränkung ein Glück. Hier war man froh über jeden abgeworfenen Ballast und hier in Dünengras und Sand verlor sich alles viel leichter. Dieses Gefühl, nicht mehr Teil zu sein; abgetrennt, abgeschieden zu sein wurde zur Gewiss- und Gewohnheit und tat wohl. Das Kleine im Großen –die Insel- bot ausreichend Platz und einen tiefen grauen Graben gegen die Geschäftigkeit zu Haus. Keine Schaufenster, die Kauf mich Kauf mich schrien, keine Zeitungen, wispernd lifestyle und Skandal. Dabei lebten sie auch daheim weit genug von den Schmelztiegeln und Brandherden, in denen es –dem Fernsehen zufolge- stets nach verbranntem Gummi und röstenden Premium-Bohnen roch. Im üppigen Gürtel der Diaspora zwischen ihnen und den Metropolen verlor sich das alles und verglomm im Grün. Bei ihnen lag, zwischen Sommerflieder und Dung, höchstens noch leicht der Geruch eines schwachen Kokelns in der Luft. Doch hier: Das Meer war ein launischer und doch verlässlicher Nachbar. Mehrfach täglich wusch er ihre Füße. Der Wind fuhr ihnen über den Mund und verbot sich Überflüssiges mit Nachdruck.

Jan sitzt auf einer Bank am Wasser und besieht die Wolken. Sie ziehen sehr langsam, sehr tief. Jan sieht ein um das andere Mal eine tiefschwarze Regenwolke, auf eine Helle folgen, beide jeweils von der sinkenden Sonne grell beleuchtet, in ihrer Farbkraft verstärkt. Und auf den Inseln scheint schon die Sonne. Jan sieht den Schwarm Möwen auf der nahen Düne unter jeder dunklen Wolke, die darüber zieht, sich nervös erheben und sich unter der folgenden Hellen wieder niederlassen. Er empfindet, an einem Bonbon lutschend, auf einmal das Glück, nichts anderes zu tun zu haben und erwartet das Endes dieses Gefühls. Er nimmt sich das erste Mal seit langem als handelnde Person mit einem Effekt wahr, als auf sein Rascheln mit dem Bonbonpapier ein dicker schwarzer Vogel neben ihm auf der Bank landet. Es ist, als probiere er ein Spiel aus, als Zeitvertreib; das Spiel, die Dinge genau anders herum zu betrachten als gewohnt. Er sieht, wie das Meer endlos Wellen an den Strand stößt, die dort schnell versanden; wie die Wolken ständig kleine, vom Wind bald aufgelöste Teile absondern, und weiß plötzlich, er hat die ganze Zeit ebenso Teile von sich abgestoßen und ist trotzdem immer noch der, der er ganz am Anfang war. Alles, was er an Selbstauslöschung und Auflösung betrieben hat, ist gescheitert. Ist er gescheitert? Er weiß es nicht. Als wäre alles, was er sich nicht zugestehen wollte, ihm heimlich gefolgt und nun, da er einen Augenblick unachtsam war, unwiderruflich zu ihm zurückgekehrt. Er weiß noch nicht, ob er das gutheißen soll, aber er weiß, er muss es nicht jetzt entscheiden und das tut ihm wohl.

 

…mit diesem Stück aus einem Romanmanuskript verabschiede ich mich in den Urlaub und wünsche eine gute Zeit!

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Über Wasser -Erzählung-

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Ihm war bewusst, dass die Leute ihn nicht liebten.
Er täuschte sie, so waren sie sicher. Aber er tat es nicht mit großer Geste, um sie von seinem Trick abzulenken und es schien ihm gleich zu sein, ob sie ihm auf die Schliche kamen oder nicht. Lieben taten die Leute nur solche Betrüger, die ihren Betrug zu verbergen versuchten und ihnen selbst die Möglichkeit der Enthüllung ließen.

Er dagegen ließ sie jederzeit nachsehen, ob sich nicht zum Beispiel verborgene Stahlseile oder Glasplatten unter der Oberfläche verbargen, die seine Darbietung ermöglichten. Vor der Show, nach der Show- es war ihm ganz egal. Er lud sie stumm mit einer Geste ein, sich zu vergewissern und sie kamen eifrig, knieten nieder, brachten die Augen auf die Höhe des Wasserspiegels, fassten ins Wasser hinein und fuhren suchend mit den Armen hindurch, bestrebt, sein Geheimnis aufzudecken. Da sie nie etwas fanden, das Anlass zu triumphieren gab und nichts, dass ihn in Verlegenheit brachte, mochten sie ihn nicht.

Es war, was ihm geblieben war. Nach seiner Rückkehr hatte er versucht, an alte Zeiten anzuknüpfen, doch es war kläglicher gescheitert als beim ersten Mal. Niemand hatte ihm zugehört und wenn er doch einmal Jemanden fand, der ihm zwei Minuten lang Gehör schenkte, winkte dieser bald ab und ging weiter. Nichts von dem, was er vermochte, war geeignet, irgendjemanden zu beeindrucken. Für sein Reden tat man ihn als Spinner ab und versuchte er mit den alten Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, seinen Worten Nachdruck zu verleihen, drohte man, ihn wegen Vandalismus oder groben Unfuges zu belangen. Da schwor er sich, von nun an alles, was ihm an Begabung mitgegeben worden war, zu unterlassen und fortzugehen.

Es waren viele andere unterwegs und er schloss sich ihnen an. Viele Wochen lebte er unerkannt unter ihnen und es war beinahe wie früher. Sie teilten ihr Essen und er hungerte mit ihnen, obwohl es ein Leichtes für ihn gewesen wäre, sie satt zu machen. Sie halfen einander und führten Gespräche. Ihr gemeinsamer Weg führte sie viele tausend Kilometer weit, in Booten über das Meer. Unterwegs verloren sie einige und er sah es schweren Herzens mit an, obwohl es ein Leichtes für ihn gewesen wäre, sie zu retten. Aber sein Schwur verbot es ihm. Nie mehr wollte er sich über die Anderen erheben. Es war seine Art von Demut. Leid mit ansehen zu müssen, das hätte verhindert werden können, war seine Buße.

Angekommen, lernte er schnell, dass er mit Mildtätigkeit nicht rechnen konnte und er hier nicht erwünschter war als zu Hause. Es fand sich auch niemand, der sich ihm anschloss oder bereit war, ihn zu unterstützen. Er nahm, was man ihm gab: dem Wetter angemessene Kleidung, eine Unterkunft. Nach wenigen Wochen, glaubte er, die Strapazen der Reise überwunden zu haben und ging fort. Aber um zu arbeiten, sagte man ihm, brauche er Papiere, die er nicht besaß.
So blieb ihm letztlich, nach mehreren gescheiterten Versuchen, ein einziges Talent, das sich wenigstens noch zum Erwerb seines Lebensunterhaltes einsetzen ließ. Er brach seinen Schwur, um nicht zu verhungern. Dass er nicht sterben wollte, war selbstsüchtig und eitel, das war ihm schmerzlich bewusst, doch es war auch menschlich und das hatte er sich schließlich geschworen zu sein.

Die meisten seiner Auftritte waren beschämend, dazu lieblos und ohne jedes Gespür für Stimmung oder Dramaturgie arrangiert. Er war kein Entertainer. Er tat, was man von ihm erwartete, ohne Mätzchen oder spektakuläres Getue. Dass er dies an Bade- und Baggerseen, manchmal in künstlichen, nach Chlor riechenden Tropenbädern tat und dass das Publikum meist abgelenkt, gelangweilt oder sogar alkoholisiert war, machte es nicht leichter. Aber es sicherte sein Auskommen.
Er lebte bescheiden. Was er in der Sommersaison verdiente, brachte ihn über den Winter. Er mochte diese Jahreszeit, obwohl er oft fror und die Menschen meist missmutig waren. Da er keine Auftritte und auch sonst keine Beschäftigung hatte, konnte er nachdenken und sich besinnen. Begann die Saison nahm er seine Beschäftigung klaglos wieder auf. So hielt er es seit seiner Rückkehr. Immer fand sich eine sommerliche Musikveranstaltung, eine Schwimmbad-Eröffnung oder ein anderer Anlass, zu dem die Veranstalter ihn als Attraktion im Rahmenprogramm buchten. Meist ging er dann im Trubel der stampfenden Schlagermusik oder der allgemeinen Unruhe unter, fand nur wenige Zuschauer, machte, wofür er gebucht war und verschwand wieder.

Manchmal wurde er von den Veranstaltern, hier und da sogar vom Publikum beschimpft. Manches Mal riet man ihm fast mitleidig, an sich zu arbeiten, aus der Nummer sei doch was zu machen. Aber er wollte kein schillerndes Kostüm, keine theatralische Hintergrundmusik und keine Pyrotechnik. Er kam in seinem gewöhnlichen Straßenanzug, barfuß und ohne Requisiten. Mit einem stummen Nicken zu den Anwesenden stellte er sich auf, wenn er an der Reihe war, machte den ersten Schritt, dann den zweiten, stand schließlich früher oder später in der Mitte des Sees, Teiches oder Beckens, verweilte kurz, ohne auch nur eine weitere Geste, ging dann gemessenen Schrittes wieder zurück zum Rand und an Land oder den Beckenrand.
Wie zu erwarten, war die Resonanz meist dürftig. Manche gähnten, klatschen müde oder winkten ab. Pfiffe war er bald gewohnt und selbst die Beschimpfungen machten ihm nichts mehr aus. Er tourte mit dem Bus durch die Badeorte der Provinz, mal hier, mal dort gab er seine Darbietung zum Besten. In einer besonders unangenehmen Gegend bewarf man ihn mit Bierbechern oder beschoss ihn mit Wasser aus mitgebrachten Pistolen, so dass er schließlich völlig durchnässt, mit ins Gesicht hängendem Haar und tropfendem Bart an Land ankam, obwohl wie gewohnt nicht mehr als seine Fußsohlen die Oberfläche des Sees berührt hatten . Anderswo sprangen Jugendliche während seines Auftrittes in Wasser und wühlten es kraulend und tobend heftig auf. Als er nicht schwankte, nicht stürzte, griffen sie schließlich nach seinen Fesseln und versuchten, ihn hinab zu ziehen, aber er hielt stand, rührte sich nicht, versuchte nicht, sie abzuwehren. Schließlich gaben sie auf, aber als er aufrecht gehend seinen Rückweg ans Ufer antrat, begleiteten sie ihn schwimmend, spuckten nach ihm, nannten ihn Schwuchtel und Judensau. Er widersprach nicht und verschwand.

Es krähte kein Hahn nach ihm. Bis wenige Tage nach seinem Auftritt in diesem trostlosen Nest ein Kind beim Baden ertrank. Weiterlesen

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Kafka statt Kippen

Umschlag Matthias Engels

Von heute an bis zum 14.08. findet man meine Kurzgeschichte Kafka zu Haus in einigen ausgewählten Automaten der wunderbaren Literaturautomaten.
Seit nunmehr 10 Jahren gibt es dort für 2€ Lyrik, Poesie, Kurzgeschichten — von bekannten und unbekannte Autorinnen und Autoren, die nicht nur einen selbst, sondern auch Andere erfreuen. Alle acht Wochen werden die Automaten mit frischem Textmaterial gefüllt. Alle Texte kommen in einer hübsch gestalteten Schachtel daher- ein feines Sammelobjekt.

Meine Geschichte ist ziehbar in den Apparaten in:
Krefeld (Lentz)
Düsseldorf (zakk & Butze & Goethe-Museum)
Stuttgart (Merlin)
Wuppertal (Börse)
Leipzig (Kupfersaal)
Dresden (Scheune)
Bochum (Hochschule)

Wer also an einem der genannten Orte vom schnellen Hunger auf Literatur überwältigt wird…nur zu und guten Appetit!

 

 

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– Seestück & Urlaub-

see

Endlich! Morgen geht`s ab auf die Insel, für die ich sowas von reif bin! Aus diesem Anlass noch einmal mein: Seestück. Mittlerweile gibt es so viele davon, dass eine gute Bekannte meinte, es könne doch bald mal eine „See-Torte“ geben….das ist wahr.
Ich wünsch Euch erst mal was- bis bald!

Am Sommerurlaub haben sie bisher nicht gespart, auch wenn er Jan für den Rest des Jahres mit immer mulmigerem Gefühl die Kontoauszüge ziehen ließ. Er empfand beim  Prüfen dieser Zettel immer dieselbe merkwürdige Enttäuschung und nicht einmal nur wegen der zum Monatsende gen Null tendierenden Zahl. Ein schönes Wochenende, ein Urlaub, besondere Momente, alles war darauf in Buchungen übersetzt und die Erlebnisse, die damit verbunden waren, nicht erwähnt.

Ein gemeinsames Essen, (die Kinder liebten das chinesische Buffet) an einem Tisch, in den unter einer Glasplatte eine kleine Landschaft aus Bambus eingelassen war; konzentriertes, unbeholfenes Stochern mit Stäbchen in Reis war hier nur eine Abbuchung von 54 Euro von einem Empfänger namens Lotus-Lokal. Und der verfluchte Glückskeks, der mit der Rechnung gebracht wird, barg bei Jan den Spruch auf einem Zettel:

„Es ist an der Zeit, ein wenig Geld zu sparen!“

Ein Ausflug in die Stadt, an einem klaren Frühlingstag, ein Bummel um den See und durch Geschäfte mit einem neuen Buch für die Tochter und einem kleinen Spielzeug für den Sohn ist auf diesen Auszügen nur

8 Euro 95 an ihre bevorzugte Buchhandelskette und

7 Euro 50 an den Spielzeugladen.

Trostlos, denkt Jan dann und hat einen neuen Grund, sich diese lichtempfindlichen Zettelnicht mehr anzusehen.

Es ist eigentlich alles so einfach. Allein das Fehlen jeglicher Verpflichtungen lässt ihn herunterschalten. Er war schon als Kind begeistert gewesen vom flackernden Schnee im Fernsehen in Sendepausen (auch etwas, das es nicht mehr gab und was er den Kindern erst hätte erklären müssen). Für ihn hatte es immer etwas Beruhigendes gehabt. Ähnlich geht es ihm jetzt mit der monochromen Fläche Silbergrau, vor der er steht.

Ein Ärobier an seinen Elementsgrenzen, den aufrechten Gang gewohnt als Ausweis seiner fortgeschrittenen Spezies, doch ahnend, der Quastenflosser belächelt beharrlich die Zentralperspektive. Das Meer ist seit jeher des Himmels Reim, mit verminderter Transparenz, anders im Aggregatszustand und ohne zweifelhafte Transzendenz: Neptun und die Mischwesen aus Mensch und Fisch sind längst schon Disney und harmloser Kitsch.Und die Atlanter? –Sie gähnen gelangweilt

Es ist noch immer derselbe Parkplatz, den sie zuerst ansteuern, nur teurer. Immer noch derselbe See, um den sie laufen, um ans Meer zu gelangen. Jetzt gibt es dort auch Tretboote. Was damals ein Verliebtenparadies war, ist jetzt ein Kinderversprechen geworden, das von der Gegend gottlob (noch?) mühelos gehalten wird.

Jan weiß, später werden die Kinder über diese Urlaube eventuell anders denken, werden sie spießig oder altmodisch finden und vielleicht wenigstens mit einem Lächeln sagen, dass die Alten sich halt nie weiter weg getraut haben. Oder sich schämen, wenn die Freunde und Klassenkameraden erzählen, an welchen exotischen Orten sie selbst ihre Ferien verbracht haben.

Jan registriert andere Dinge. Die Einheimischen sind geschäftsmäßiger geworden und weniger ruppig, seit die Flüge ins Ausland so billig sind. Ein wenig spürt er die Schäbigkeit des Ganzen, bemerkt plötzlich die Familien, die mit ihnen hier sind. Sie wirken nicht, als führen sie aus Überzeugung hierher, sondern, weil das Budget nichts anderes zulässt. Zwar werden hier und da nutzlose Dinge allzu freigiebig gekauft, aber das ein oder andere Eis  dann aber ohne Begründung gestrichen. Er fragt sich, ob sie auch so wirken und kann das zum Glück (noch?) verneinen.

Unglaublich klein sind die Kinder, wenn sie nur 30 Meter entfernt von ihm im Watt stehen und mit ihren Schaufeln Dämme anlegen und zum Einsturz bringen und neue aufbauen.Als er damals mit Sonja allein hier war, hat er auch Familien beobachtet, aber die wirkten anders. Bollerwagen mit Kindern hinter sich herziehend, Eimer oder Schaufeln schleppend, ganz gewöhnlich. Ganz wie heute auch, aber damals kam ihm das erstrebenswert vor. Das wollten sie auch und wenn ein Pärchen ungefähr ihrer beider Statur hatte oder etwas in der Wirkung ähnlich war, haben sie sich oft vorgestellt, das sie das sein könnten, zehn Jahre älter.

Vor diesen grauen Flächen; vor dieser leise schwappenden See, diesem diesigen Himmel ohne jede Tiefe fühlt sich Jan erstaunlicherweise beruhigt. Grobes, unregelmäßiges Gras im klumpigen Sand, Pfützen vom gerade erst abgezogenen Regen wie große Scherben darin. Es riecht nach Meerdas heißt, genau genommen- nach salzigem Schmodder und Schlick, alles andere als fein. Plärrende Kinderstimmen und polterndes Elterngeschimpfe in unattraktiven Dialekten wehen vom Spielplatz herüber. Auf der Bank links schweigt eine bärbeißige Alte mit Krampfadern ihren Bildzeitung lesenden Mann an. Von Mutterschaft und Langeweile völlig zerstörte Körper liegen in pedantisch aufgehäuften Sandfestungen mit Deutschlandfähnchen, am Fähranleger drängeln ältere Eltern mit ihren sportiven Hightech-Kinderwagen in der Schlange vor. Trekking-Jacken, Künstlerschals um Vertreterhälsen, gut gelaunte Männergesangsvereine aus dem Rheinland mit Fischerhemden aus dem Andenkenladen über den Bierbäuchen. Trostlos tobendes Menschengewirr in einer denkbar unwirtlichen Enttäuschung aller Sommerträume.

Das sind wir nicht. Das sind wir immer noch nicht, denkt er. Wir sind immer noch: etwas Anderes, etwas anders. Bei allen Elternabenden, allen Besuchen von Disney-Filmen, allem Kuchenbacken für den Sonntagskaffee ist das Andere nicht in der Mehlschwitze der deftigen Bratensoße ertrunken.

Ein Streifen helles Blau oben, ein Streifen dunkles Blau unten. Ein Tag am Meer. Wenn du es auf den Kopf stellst wird es eine Nacht, mit einem dunklen Himmel und einem vom Restlicht aufgehellten Meer.

Als habe sich das Meer irgendwann für die nächsten Milliarden Jahre für das Gleiten als vorübergehenden Zustand entschieden. Er weiß ja, dass das Meer das schon ewig tut, dieses Hin und dieses Her. Wenn es still liegt, kann man sich nicht vorstellen, dass es rau und wild sein kann. Wenn es aufgewühlt Wellen an den Strand wirft, glaubt man, es wird nie wieder damit aufhören. Wenn Jan sich besinnt, weiß er, dass niemand sagen kann, ob es immer so weiter geht: Ebbe, Flut, Ebbe, Flut, ständige Wiederholung, die ja angeblich nirgendwo hinführt. Gleichmaß, Gleichförmigkeit, im ewig gleichen Rhythmus, wie Herzschlag. Fort sein, anschwellen, da sein, abschwellen. Nie für immer da, nie für immer fort.

Er weiß ja, dass auch nach 1000 Seiten, nach 30, 40 oder 70 Jahren nicht alles gesagt ist. Das letzte Wort; noch nicht gesprochen, welches wird es sein? Er weiß, er kann nur versuchen, Fäden zu finden und festzuhalten, bis sich eine Art Netz bildet, einzelne Fundstücke, Knüppel von Treibgut sammeln und zusammenzufügen, bis das Gebaute einem Floß gleicht, auf dem man theoretisch fahren kann. Er kann nur Puzzleteil auf Puzzleteil versuchen unterzubringen und nicht zweifeln, wenn auch nach Jahren nur ein unwesentlich abgestuftes Blau zu sehen ist. Er kann nur Karte um Karte umdrehen, in der Hoffnung, das die richtige irgendwann kommt. In seinen Träumen muss er Auto fahren, stundenlang im Kreisverkehr und er tut das erstaunlich langmütig, immer daran glaubend, dass die richtige Ausfahrt irgendwann, wie aus dem nichts auftaucht und irgendwo hinführt.

Jan sitzt auf einer Bank am Wasser und besieht die Wolken.

Sie ziehen sehr langsam, sehr tief. Jan sieht ein um das andere Mal eine tiefschwarze Regenwolke, auf eine Helle folgen, beide jeweils von der sinkenden Sonne grell beleuchtet, in ihrer Farbkraft verstärkt. Jan sieht den Schwarm Möwen auf der nahen Düne unter jeder dunklen Wolke, die darüber zieht, sich nervös erheben und sich unter der folgenden Hellen wieder niederlassen.

Er empfindet, an einem Bonbon lutschend, auf einmal das Glück, nichts anderes zu tun zu haben und erwartet das Endes dieses Gefühls. Er nimmt sich das erste Mal seit langem als handelnde Person mit einem Effekt wahr, als auf sein Rascheln mit dem Bonbonpapier ein dicker schwarzer Vogel neben ihm auf der Bank landet.

Es ist, als probiere er ein Spiel aus, als Zeitvertreib; das Spiel, die Dinge genau anders herum zu betrachten als gewohnt. Er sieht, wie das Meer endlos Wellen an den Strand stößt, die dort schnell versanden; wie die Wolken ständig kleine, vom Wind bald aufgelöste Teile absondern, und weiß plötzlich, er hat die ganze Zeit ebenso Teile von sich abgestoßen und ist trotz dessen immer noch der, der er ganz am Anfang war. Alles, was er an Selbstauslöschung und Auflösung betrieben hat, ist gescheitert. Ist er gescheitert?

Er weiß es nicht.

Als wäre alles, was er sich nicht zugestehen wollte, ihm heimlich gefolgt und nun, da er einen Augenblick unachtsam war, unwiderruflich zu ihm zurückgekehrt. Er weiß noch nicht, ob er das gutheißen soll, aber er weiß, er muß es nicht jetzt entscheiden und das tut ihm wohl.

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Seestück -Skizzen von der Insel-

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Irgendwann war das Meer nicht mehr rausgegangen; hatte einen salzigen blauen Fleck auf ihm hinterlassen. Immer geradeaus, auf den Horizont schauen hatte man ihm geraten, dann schwindelt es Einem nicht. Doch zu Hause fehlte immer etwas Horizontales, irgendeine gerade Linie- alle waren verstellt: von spitzwinkelingen Gebäuden, Bäumen, Dingen oder Schatten von Dingen, zu viele Menschen drängten sich davor . Die Insel dagegen: ein Experiment, Biotop, Garten Eden- Spielwiese für einen versuchten Neuanfang unter Laborbedingungen. Die fehlenden Möglichkeiten: hier kein Verlust, eher die Überschaubarkeit, der Überblick ein Gewinn, die Beschränkung ein Glück. Hier war man froh über jeden abgeworfenen Ballast und hier in Dünengras und Sand verlor sich alles viel leichter. Dieses Gefühl, nicht mehr Teil zu sein; abgetrennt, abgeschieden zu sein wurde zur Gewiss- und Gewohnheit und tat wohl. Das Kleine im Großen –die Insel- bot ausreichend Platz und einen tiefen grauen Graben gegen die Geschäftigkeit zu Haus. Keine Schaufenster, die Kauf mich Kauf mich schrien, keine Zeitungen, wispernd lifestyle und Skandal. Dabei lebten sie auch daheim weit genug von den Schmelztiegeln und Brandherden, in denen es –dem Fernsehen zufolge- stets nach verbranntem Gummi und röstenden Premium-Bohnen roch. Im üppigen Gürtel der Diaspora zwischen ihnen und den Metropolen verlor sich das alles und verglomm im Grün. Bei ihnen lag, zwischen Sommerflieder und Dung, höchstens noch leicht der Geruch eines schwachen Kokelns in der Luft. Doch hier: Das Meer war ein launischer und doch verlässlicher Nachbar. Mehrfach täglich wusch er ihre Füße. Der Wind fuhr ihnen über den Mund und verbot sich Überflüssiges mit Nachdruck.

..to be continued..

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..ich habe in den letzten Jahren so viele Seestücke geschrieben, dass eine Bekannte meint, es könne doch schon bald eine Seetorte sein. Aber von jedem Insel-Aufenthalt bringe ich trotzdem immer noch eines mit…

 

 

 

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DA STECKT DAS GUTE DRIN

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All diese lachenden Kinder, blonde, blauäugige, von einer niedlichen Wohlgenährtheit. Dutzendfach strahlten ihm ihre Milchzähne entgegen, genauso oft wie ihre Wangen ihn anleuchteten, von Knie- bis auf Schulterhöhe. Und als sei dies nicht genug, baumelte noch ein Plakat mit dem immer gleichen Kind, das ihn in all den Jahren seines Heranwachsens begleitet hatte, zu knapp über seinem Scheitel. Sie hatten dieses doppelt gebackene Zeug schon seit Jahren nicht mehr gekauft.

Was bei ihm als Schonkost, Babynahrung und als hilfreich bei Magen-Darm-Erkrankungen abgelegt war, hatte offenbar als Zutat vermeintlich bodenständiger Desserts Einzug in die moderne Alltagsküche gehalten. Der Überfluss, dachte er, schien es Trend werden zulassen, zu kochen, als habe man nicht viel. Er fragte sich, wie das kam und worin der Sinn bestand.

Sie stand im Gang, eines dieser orangeweißen Pakete in der Hand und den Blick auf das Regal gerichtet. „Es gibt ihn jetzt mit Schokolade, heller und dunkler- und neuerdings auch mit Kokosraspeln.“, sagte sie und er nickte. Es war heiß, es war voll, er wollte gern den Mantel ablegen, aber alle anderen trugen Mäntel, obwohl die Verkäuferinnen in dünnen, ärmellosen Kitteln arbeiteten und er wollte nicht auffallen. Nur schnell weiter, nur schnellstens die restlichen Besorgungen machen und dann fort. Ins Wochenende. Er bezweifelte ob dies hier die richtige Art sei, einen freien Tag, einen Feiertag oder auch nur einen Feierabend zu begehen – mit Konsum.  Erfahrungsgemäß verhungerte niemand über ein Wochenende, schon gar nicht in ihren Breiten, selbst ein Brückentag war zu überleben, dachte er.

Der Einkauf hatte sich bereits von Anfang an als schwierig erwiesen. Schon kurz hinter dem Drehkreuz am Eingang war keine Einigung über die heutige Gemüsebeilage zu erzielen gewesen. Er hatte ihren Vorschlag von Karotten wohlwollend benickt, war auch der Alternative der frischen Bohnen gegenüber aufgeschlossen gewesen, doch offenbar weder in dem einen noch im anderen Fall ausreichend begeistert herübergekommen, so dass man die Entscheidung verschoben hatte. Ob er generell ihre Idee von einem klassischen Drei-Komponenten-Essen mit Kartoffeln, Fleisch und Gemüse bezweifle und lieber wieder etwas wolle, was man aus der Hand essen könne, wollte sie wissen. Er war sich nicht sicher. Es war ihm, wenn er ehrlich war, egal. Er maß dem Essen nicht die ganz große Bedeutung bei und fand, dass das neuerdings viel zu viele taten, bezweifelte aber, dass es gut ankäme, wenn er es ihr gegenüber erwähnte.

„Hast du den Zettel?“, riss sie ihn aus seinen Überlegungen. Er hatte ihn, irgendwo- wusste aber nicht mehr genau, ob in der Hosen- oder der Manteltasche. Er fand zunächst eine Handvoll Kassenbons von früheren Einkäufen. Er warf sie nie weg, obwohl er sie nie wieder brauchte, nie etwas umtauschte oder reklamierte. Warum er sie aufhob, hatte er sich nie gefragt, sich aber oft v Weiterlesen

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