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– Seestück & Urlaub-

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Endlich! Morgen geht`s ab auf die Insel, für die ich sowas von reif bin! Aus diesem Anlass noch einmal mein: Seestück. Mittlerweile gibt es so viele davon, dass eine gute Bekannte meinte, es könne doch bald mal eine „See-Torte“ geben….das ist wahr.
Ich wünsch Euch erst mal was- bis bald!

Am Sommerurlaub haben sie bisher nicht gespart, auch wenn er Jan für den Rest des Jahres mit immer mulmigerem Gefühl die Kontoauszüge ziehen ließ. Er empfand beim  Prüfen dieser Zettel immer dieselbe merkwürdige Enttäuschung und nicht einmal nur wegen der zum Monatsende gen Null tendierenden Zahl. Ein schönes Wochenende, ein Urlaub, besondere Momente, alles war darauf in Buchungen übersetzt und die Erlebnisse, die damit verbunden waren, nicht erwähnt.

Ein gemeinsames Essen, (die Kinder liebten das chinesische Buffet) an einem Tisch, in den unter einer Glasplatte eine kleine Landschaft aus Bambus eingelassen war; konzentriertes, unbeholfenes Stochern mit Stäbchen in Reis war hier nur eine Abbuchung von 54 Euro von einem Empfänger namens Lotus-Lokal. Und der verfluchte Glückskeks, der mit der Rechnung gebracht wird, barg bei Jan den Spruch auf einem Zettel:

„Es ist an der Zeit, ein wenig Geld zu sparen!“

Ein Ausflug in die Stadt, an einem klaren Frühlingstag, ein Bummel um den See und durch Geschäfte mit einem neuen Buch für die Tochter und einem kleinen Spielzeug für den Sohn ist auf diesen Auszügen nur

8 Euro 95 an ihre bevorzugte Buchhandelskette und

7 Euro 50 an den Spielzeugladen.

Trostlos, denkt Jan dann und hat einen neuen Grund, sich diese lichtempfindlichen Zettelnicht mehr anzusehen.

Es ist eigentlich alles so einfach. Allein das Fehlen jeglicher Verpflichtungen lässt ihn herunterschalten. Er war schon als Kind begeistert gewesen vom flackernden Schnee im Fernsehen in Sendepausen (auch etwas, das es nicht mehr gab und was er den Kindern erst hätte erklären müssen). Für ihn hatte es immer etwas Beruhigendes gehabt. Ähnlich geht es ihm jetzt mit der monochromen Fläche Silbergrau, vor der er steht.

Ein Ärobier an seinen Elementsgrenzen, den aufrechten Gang gewohnt als Ausweis seiner fortgeschrittenen Spezies, doch ahnend, der Quastenflosser belächelt beharrlich die Zentralperspektive. Das Meer ist seit jeher des Himmels Reim, mit verminderter Transparenz, anders im Aggregatszustand und ohne zweifelhafte Transzendenz: Neptun und die Mischwesen aus Mensch und Fisch sind längst schon Disney und harmloser Kitsch.Und die Atlanter? –Sie gähnen gelangweilt

Es ist noch immer derselbe Parkplatz, den sie zuerst ansteuern, nur teurer. Immer noch derselbe See, um den sie laufen, um ans Meer zu gelangen. Jetzt gibt es dort auch Tretboote. Was damals ein Verliebtenparadies war, ist jetzt ein Kinderversprechen geworden, das von der Gegend gottlob (noch?) mühelos gehalten wird.

Jan weiß, später werden die Kinder über diese Urlaube eventuell anders denken, werden sie spießig oder altmodisch finden und vielleicht wenigstens mit einem Lächeln sagen, dass die Alten sich halt nie weiter weg getraut haben. Oder sich schämen, wenn die Freunde und Klassenkameraden erzählen, an welchen exotischen Orten sie selbst ihre Ferien verbracht haben.

Jan registriert andere Dinge. Die Einheimischen sind geschäftsmäßiger geworden und weniger ruppig, seit die Flüge ins Ausland so billig sind. Ein wenig spürt er die Schäbigkeit des Ganzen, bemerkt plötzlich die Familien, die mit ihnen hier sind. Sie wirken nicht, als führen sie aus Überzeugung hierher, sondern, weil das Budget nichts anderes zulässt. Zwar werden hier und da nutzlose Dinge allzu freigiebig gekauft, aber das ein oder andere Eis  dann aber ohne Begründung gestrichen. Er fragt sich, ob sie auch so wirken und kann das zum Glück (noch?) verneinen.

Unglaublich klein sind die Kinder, wenn sie nur 30 Meter entfernt von ihm im Watt stehen und mit ihren Schaufeln Dämme anlegen und zum Einsturz bringen und neue aufbauen.Als er damals mit Sonja allein hier war, hat er auch Familien beobachtet, aber die wirkten anders. Bollerwagen mit Kindern hinter sich herziehend, Eimer oder Schaufeln schleppend, ganz gewöhnlich. Ganz wie heute auch, aber damals kam ihm das erstrebenswert vor. Das wollten sie auch und wenn ein Pärchen ungefähr ihrer beider Statur hatte oder etwas in der Wirkung ähnlich war, haben sie sich oft vorgestellt, das sie das sein könnten, zehn Jahre älter.

Vor diesen grauen Flächen; vor dieser leise schwappenden See, diesem diesigen Himmel ohne jede Tiefe fühlt sich Jan erstaunlicherweise beruhigt. Grobes, unregelmäßiges Gras im klumpigen Sand, Pfützen vom gerade erst abgezogenen Regen wie große Scherben darin. Es riecht nach Meerdas heißt, genau genommen- nach salzigem Schmodder und Schlick, alles andere als fein. Plärrende Kinderstimmen und polterndes Elterngeschimpfe in unattraktiven Dialekten wehen vom Spielplatz herüber. Auf der Bank links schweigt eine bärbeißige Alte mit Krampfadern ihren Bildzeitung lesenden Mann an. Von Mutterschaft und Langeweile völlig zerstörte Körper liegen in pedantisch aufgehäuften Sandfestungen mit Deutschlandfähnchen, am Fähranleger drängeln ältere Eltern mit ihren sportiven Hightech-Kinderwagen in der Schlange vor. Trekking-Jacken, Künstlerschals um Vertreterhälsen, gut gelaunte Männergesangsvereine aus dem Rheinland mit Fischerhemden aus dem Andenkenladen über den Bierbäuchen. Trostlos tobendes Menschengewirr in einer denkbar unwirtlichen Enttäuschung aller Sommerträume.

Das sind wir nicht. Das sind wir immer noch nicht, denkt er. Wir sind immer noch: etwas Anderes, etwas anders. Bei allen Elternabenden, allen Besuchen von Disney-Filmen, allem Kuchenbacken für den Sonntagskaffee ist das Andere nicht in der Mehlschwitze der deftigen Bratensoße ertrunken.

Ein Streifen helles Blau oben, ein Streifen dunkles Blau unten. Ein Tag am Meer. Wenn du es auf den Kopf stellst wird es eine Nacht, mit einem dunklen Himmel und einem vom Restlicht aufgehellten Meer.

Als habe sich das Meer irgendwann für die nächsten Milliarden Jahre für das Gleiten als vorübergehenden Zustand entschieden. Er weiß ja, dass das Meer das schon ewig tut, dieses Hin und dieses Her. Wenn es still liegt, kann man sich nicht vorstellen, dass es rau und wild sein kann. Wenn es aufgewühlt Wellen an den Strand wirft, glaubt man, es wird nie wieder damit aufhören. Wenn Jan sich besinnt, weiß er, dass niemand sagen kann, ob es immer so weiter geht: Ebbe, Flut, Ebbe, Flut, ständige Wiederholung, die ja angeblich nirgendwo hinführt. Gleichmaß, Gleichförmigkeit, im ewig gleichen Rhythmus, wie Herzschlag. Fort sein, anschwellen, da sein, abschwellen. Nie für immer da, nie für immer fort.

Er weiß ja, dass auch nach 1000 Seiten, nach 30, 40 oder 70 Jahren nicht alles gesagt ist. Das letzte Wort; noch nicht gesprochen, welches wird es sein? Er weiß, er kann nur versuchen, Fäden zu finden und festzuhalten, bis sich eine Art Netz bildet, einzelne Fundstücke, Knüppel von Treibgut sammeln und zusammenzufügen, bis das Gebaute einem Floß gleicht, auf dem man theoretisch fahren kann. Er kann nur Puzzleteil auf Puzzleteil versuchen unterzubringen und nicht zweifeln, wenn auch nach Jahren nur ein unwesentlich abgestuftes Blau zu sehen ist. Er kann nur Karte um Karte umdrehen, in der Hoffnung, das die richtige irgendwann kommt. In seinen Träumen muss er Auto fahren, stundenlang im Kreisverkehr und er tut das erstaunlich langmütig, immer daran glaubend, dass die richtige Ausfahrt irgendwann, wie aus dem nichts auftaucht und irgendwo hinführt.

Jan sitzt auf einer Bank am Wasser und besieht die Wolken.

Sie ziehen sehr langsam, sehr tief. Jan sieht ein um das andere Mal eine tiefschwarze Regenwolke, auf eine Helle folgen, beide jeweils von der sinkenden Sonne grell beleuchtet, in ihrer Farbkraft verstärkt. Jan sieht den Schwarm Möwen auf der nahen Düne unter jeder dunklen Wolke, die darüber zieht, sich nervös erheben und sich unter der folgenden Hellen wieder niederlassen.

Er empfindet, an einem Bonbon lutschend, auf einmal das Glück, nichts anderes zu tun zu haben und erwartet das Endes dieses Gefühls. Er nimmt sich das erste Mal seit langem als handelnde Person mit einem Effekt wahr, als auf sein Rascheln mit dem Bonbonpapier ein dicker schwarzer Vogel neben ihm auf der Bank landet.

Es ist, als probiere er ein Spiel aus, als Zeitvertreib; das Spiel, die Dinge genau anders herum zu betrachten als gewohnt. Er sieht, wie das Meer endlos Wellen an den Strand stößt, die dort schnell versanden; wie die Wolken ständig kleine, vom Wind bald aufgelöste Teile absondern, und weiß plötzlich, er hat die ganze Zeit ebenso Teile von sich abgestoßen und ist trotz dessen immer noch der, der er ganz am Anfang war. Alles, was er an Selbstauslöschung und Auflösung betrieben hat, ist gescheitert. Ist er gescheitert?

Er weiß es nicht.

Als wäre alles, was er sich nicht zugestehen wollte, ihm heimlich gefolgt und nun, da er einen Augenblick unachtsam war, unwiderruflich zu ihm zurückgekehrt. Er weiß noch nicht, ob er das gutheißen soll, aber er weiß, er muß es nicht jetzt entscheiden und das tut ihm wohl.

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Seestück -Skizzen von der Insel-

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Irgendwann war das Meer nicht mehr rausgegangen; hatte einen salzigen blauen Fleck auf ihm hinterlassen. Immer geradeaus, auf den Horizont schauen hatte man ihm geraten, dann schwindelt es Einem nicht. Doch zu Hause fehlte immer etwas Horizontales, irgendeine gerade Linie- alle waren verstellt: von spitzwinkelingen Gebäuden, Bäumen, Dingen oder Schatten von Dingen, zu viele Menschen drängten sich davor . Die Insel dagegen: ein Experiment, Biotop, Garten Eden- Spielwiese für einen versuchten Neuanfang unter Laborbedingungen. Die fehlenden Möglichkeiten: hier kein Verlust, eher die Überschaubarkeit, der Überblick ein Gewinn, die Beschränkung ein Glück. Hier war man froh über jeden abgeworfenen Ballast und hier in Dünengras und Sand verlor sich alles viel leichter. Dieses Gefühl, nicht mehr Teil zu sein; abgetrennt, abgeschieden zu sein wurde zur Gewiss- und Gewohnheit und tat wohl. Das Kleine im Großen –die Insel- bot ausreichend Platz und einen tiefen grauen Graben gegen die Geschäftigkeit zu Haus. Keine Schaufenster, die Kauf mich Kauf mich schrien, keine Zeitungen, wispernd lifestyle und Skandal. Dabei lebten sie auch daheim weit genug von den Schmelztiegeln und Brandherden, in denen es –dem Fernsehen zufolge- stets nach verbranntem Gummi und röstenden Premium-Bohnen roch. Im üppigen Gürtel der Diaspora zwischen ihnen und den Metropolen verlor sich das alles und verglomm im Grün. Bei ihnen lag, zwischen Sommerflieder und Dung, höchstens noch leicht der Geruch eines schwachen Kokelns in der Luft. Doch hier: Das Meer war ein launischer und doch verlässlicher Nachbar. Mehrfach täglich wusch er ihre Füße. Der Wind fuhr ihnen über den Mund und verbot sich Überflüssiges mit Nachdruck.

..to be continued..

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..ich habe in den letzten Jahren so viele Seestücke geschrieben, dass eine Bekannte meint, es könne doch schon bald eine Seetorte sein. Aber von jedem Insel-Aufenthalt bringe ich trotzdem immer noch eines mit…

 

 

 

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DA STECKT DAS GUTE DRIN

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All diese lachenden Kinder, blonde, blauäugige, von einer niedlichen Wohlgenährtheit. Dutzendfach strahlten ihm ihre Milchzähne entgegen, genauso oft wie ihre Wangen ihn anleuchteten, von Knie- bis auf Schulterhöhe. Und als sei dies nicht genug, baumelte noch ein Plakat mit dem immer gleichen Kind, das ihn in all den Jahren seines Heranwachsens begleitet hatte, zu knapp über seinem Scheitel. Sie hatten dieses doppelt gebackene Zeug schon seit Jahren nicht mehr gekauft.

Was bei ihm als Schonkost, Babynahrung und als hilfreich bei Magen-Darm-Erkrankungen abgelegt war, hatte offenbar als Zutat vermeintlich bodenständiger Desserts Einzug in die moderne Alltagsküche gehalten. Der Überfluss, dachte er, schien es Trend werden zulassen, zu kochen, als habe man nicht viel. Er fragte sich, wie das kam und worin der Sinn bestand.

Sie stand im Gang, eines dieser orangeweißen Pakete in der Hand und den Blick auf das Regal gerichtet. „Es gibt ihn jetzt mit Schokolade, heller und dunkler- und neuerdings auch mit Kokosraspeln.“, sagte sie und er nickte. Es war heiß, es war voll, er wollte gern den Mantel ablegen, aber alle anderen trugen Mäntel, obwohl die Verkäuferinnen in dünnen, ärmellosen Kitteln arbeiteten und er wollte nicht auffallen. Nur schnell weiter, nur schnellstens die restlichen Besorgungen machen und dann fort. Ins Wochenende. Er bezweifelte ob dies hier die richtige Art sei, einen freien Tag, einen Feiertag oder auch nur einen Feierabend zu begehen – mit Konsum.  Erfahrungsgemäß verhungerte niemand über ein Wochenende, schon gar nicht in ihren Breiten, selbst ein Brückentag war zu überleben, dachte er.

Der Einkauf hatte sich bereits von Anfang an als schwierig erwiesen. Schon kurz hinter dem Drehkreuz am Eingang war keine Einigung über die heutige Gemüsebeilage zu erzielen gewesen. Er hatte ihren Vorschlag von Karotten wohlwollend benickt, war auch der Alternative der frischen Bohnen gegenüber aufgeschlossen gewesen, doch offenbar weder in dem einen noch im anderen Fall ausreichend begeistert herübergekommen, so dass man die Entscheidung verschoben hatte. Ob er generell ihre Idee von einem klassischen Drei-Komponenten-Essen mit Kartoffeln, Fleisch und Gemüse bezweifle und lieber wieder etwas wolle, was man aus der Hand essen könne, wollte sie wissen. Er war sich nicht sicher. Es war ihm, wenn er ehrlich war, egal. Er maß dem Essen nicht die ganz große Bedeutung bei und fand, dass das neuerdings viel zu viele taten, bezweifelte aber, dass es gut ankäme, wenn er es ihr gegenüber erwähnte.

„Hast du den Zettel?“, riss sie ihn aus seinen Überlegungen. Er hatte ihn, irgendwo- wusste aber nicht mehr genau, ob in der Hosen- oder der Manteltasche. Er fand zunächst eine Handvoll Kassenbons von früheren Einkäufen. Er warf sie nie weg, obwohl er sie nie wieder brauchte, nie etwas umtauschte oder reklamierte. Warum er sie aufhob, hatte er sich nie gefragt, sich aber oft v Weiterlesen

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-Zen in der Kunst des Dosenwerfens- Erzählung

Als kleinen Sonntags- und Pfingstgruß aus meiner Blogpause möchte ich Euch diese kleine Geschichte kredenzen. Habt es gut!

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Wir waren gerade dabei, unseren Radius zu vergrößern. Flo kannte den Begriff Radius nur aus Mathe und hatte nie ganz verstanden, was es damit auf sich hatte.

Überhaupt wunderten sich alle, dass wir Freunde waren, denn Flo zog immer jeden Ärger magisch an, war mies in der Schule, während ich recht einfach durchkam und mit niemandem größere Probleme hatte. Dennoch waren wir irgendwann Freunde geworden; ein ungleiches Paar: ich groß und dürr und dunkel- er kompakt, kräftig und blond. Er der Laute, ich der Leise.

Trotz seines losen Mundwerks und seinem Temperament gehörte Flo nicht zu den Jungs, die im Unterricht mit zwei Linealen den vor ihnen sitzenden Mädchen den BH-Verschluss öffneten oder sonstigen Unfug machten. Man sah es ihm bestimmt nicht an, aber er war genauso schüchtern wie ich.

Meine sonstigen Freunde waren aus Papier. Ich las. Alles, was mir in die Quere kam. Es waren die späten Achtziger, die beiden Kinos unserer Kleinstadt hatten zugemacht, für die Bank vor dem Bäcker in der Innenstadt waren wir noch zwei, drei Jahre zu jung und definitiv nicht cool genug.

Der einzige Ruhm, den unsere Stadt je erlebt hatte, war die kleine Meldung in den Nachrichten gewesen, in der erwähnt wurde, dass der Turm unserer katholischen Kirche über Nacht zusammengestürzt war. Es war nur Sachschaden entstanden, das Auto des Küsters war unter den Trümmern begraben worden, aber sonst war nichts weiter dabei geschehen.

An den Nachmittagen trafen sich Flo und ich regelmäßig. Erst waren wir bei mir geblieben, hatten gequatscht oder Scherzanrufe bei Lehrern oder Klassenkameradinnen gemacht. Bald hatten wir uns aber angewöhnt rauszugehen. Stück für Stück erweiterten wir unseren Radius. Bis zum Stadtpark mit dem verwahrlosten Minigolfplatz, zum Platz mit der Bücherei und schließlich in die Stadt hinein. Es gab eine Einkaufsstraße, die uns damals lang vorkam, einige Geschäfte, in denen man ein wenig herumstöbern konnte. Wir waren in einem Alter, in dem den Verkäufern nicht klar war, ob wir noch als Kinder und nett, oder schon als Jugendliche und potentielle Ladendiebe behandelt werden sollten. Die Eisdiele war okay für uns, das kleine Kaufhaus. Wenn wir gar nicht mehr wussten, was wir tun sollten, gingen wir zu unserer Schule, die ebenfalls nicht weit weg lag. Wir setzten uns auf irgendeine Bank auf dem Schulhof, den wir erst vor wenigen Stunden verlassen hatten und genossen die vertraute Umgebung. Ich erzählte Flo, was ich gelesen hatte. Er las nie ein Buch, war mehr der Typ für Disneys lustige Taschenbücher, hörte aber meinen Erzählungen immer ausdauernd und geduldig zu.

Es passierte nicht viel. Ab und zu trafen wir Klassenkameraden oder Klassenkameradinnen- der eigentliche Grund, aus dem wir unterwegs waren. Wir grüßten dann lässig und gingen weiter. Wenn es aber zu einem kurzen Gespräch kam, waren wir so albern und aufgedreht, dass wir uns hinterher über uns selber ärgerten.

Eben weil hier nichts los war, hatte ich zu lesen begonnen und beschäftigte mich mit allerlei komischem Kram. Ich hatte Jack Kerouacs Bücher entdeckt, in denen Typen einfach so den Daumen hochhielten und in eine ihnen völlig unbekannte Gegend aufbrachen. Sie soffen, nahmen Drogen, hatten Sex mit leichtfertigen Mädchen, waren andererseits aber auch irgendwie spirituell und meditierten. Eigentlich war ich zu jung dafür, aber ich war mit den Jugendbüchern fertig und meine Eltern waren froh, dass ich las und keine Scheiben einwarf. Kerouacs Helden faszinierten mich. Ich versuchte mich erfolglos an den Jazzplatten, die irgendwo noch von meiner Mutter herumstanden, und suchte weiter nach Lektüre. Da immer ein Buch das andere ergab, hatten mich meine Bücherei-Aufenthalte am Samstagmorgen (Flo hatte da Fußball-Training) irgendwie von Kerouac zum Buddhismus gebracht. In den Regalen unserer Kleinstadt-Bücherei gab es nicht so viel darüber, die turmlose Kirche lag schließlich direkt nebenan, aber die Bibliothekarin war die Mutter eines Klassenkameraden, kannte mich also und bemühte sich nach Kräften, meinen Wünschen nachzukommen.

Schwierige Sachbücher von irgendwelchen Mönchen blätterte ich durch, fand irgendwo eine Meditationsanleitung und beschloss, es zu Hause zu versuchen. Der Konfirmandenunterricht hatte mich extrem gelangweilt und zu kaum einem der vorgeschriebenen Gottesdienste war ich hingegangen. Es musste irgendwo noch etwas anderes geben.

Ich erzählte auch Flo von meinen Zen-Bemühungen, der überhaupt nichts damit anfangen konnte, aber sein Zuhören und seine Fragen halfen mir selbst immer beim Verstehen. Ich hatte bereits „gesessen“, wie man es beim Zen nannte. Gottlob war der Lotussitz nicht Pflicht, so stand es in einem der Bücher. Man konnte auch mit untergeschlagenen Füßen „sitzen“. Ich hatte die Atemübungen befolgt und wartete auf das Erlebnis der absoluten Leere, das sich angeblich einstellen sollte. Totale Konzentration. Bei irgendeinem Ausflug in Mutters Heimatstadt, die immerhin zu den größten in der Umgebung gehörte, hatte ich eine Platte mit Meditationsmusik ergattern können. Flo fand sie ganz schön nervig und ich auch, wenn ich ehrlich war, aber ich fand, es gehöre nun einmal dazu.

Allzu weit war ich noch nicht gekommen, aber die Idee, Buddhist zu sein, war so einzigartig in meiner katholischen Gegend, dass sie mir natürlich gefiel. Viel mehr Möglichkeiten zur Rebellion standen mir nicht zur Verfügung. Ich hätte mich nicht getraut, mir einen Irokesenschnitt verpassen zu lassen oder Ähnliches. Meine Eltern waren ohnehin so liberal, dass keine Verkleidung sie schockiert hätte. Es waren die Achtziger und meine Eltern waren auf ihre Art Achtundsechziger.

Die freundliche Bibliothekarin hatte mir Zen in der Kunst des Bogenschießens besorgt. Wieder war totale Konzentration gefordert. Ich las es, aber der Wunsch Bogenschießen zu betreiben, entstand dadurch nicht bei mir. Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten von Robert Pirsig war dann weniger hilfreich, wenn auch unterhaltsam. Manchmal griff man halt daneben, sagte ich mir.

An einem Herbsttag in dieser Zeit war ich wieder mit Flo unterwegs. Wir hatten in der Stadt herumgehangen, ein paar Bänke vom Bäcker entfernt, wo die wirklich coolen Typen sich trafen. Wir wussten: Unsere Zeit würde kommen. In einem Jahr oder so würden die jetzt dort Sitzenden um diese Zeit in der Lehre sein und um diese Zeit noch unter Autos liegen oder auf dem Traktor sitzen. Die Bänke wären frei und wir die rechtmäßigen Erben. Aber noch war es nicht so weit.

Wir hatten am Kiosk eine Tüte mit Brausekugeln gekauft und beim Supermarkt Dosen mit Kirschcola für 35 Pfennig. Das taten wir immer. Zwei Mädchen aus unserer Klasse hatten sich offenbar zum Bummeln verabredet und an diesem Nachmittag hatten wir sie schon dreimal getroffen -so groß war die Einkaufsstraße dann doch nicht. Die Zeit zwischen den Begegnungen hatten wir uns ausgemalt, was wir sagen oder tun könnten, wenn wir uns das nächste Mal träfen, uns coole Sprüche ausgedacht oder erwogen, sie zum Eis einzuladen. Letztlich kam der Regen dazwischen.

Gegen 16.30 Uhr begann es zu tröpfeln. Das störte uns im Allgemeinen nicht. Wir konnten beweisen, dass wir keinen Schirm brauchten, und blieben einfach sitzen. Aber bald schon wurde es stärker und die Leute, die ringsum in die Geschäfte oder nach Hause strömten, fanden uns wohl nicht mehr abgebrüht, sondern dämlich, also beschlossen auch wir, uns irgendwo unterzustellen. Natürlich wollten wir uns nicht zu den anderen unter eine Markise oder das Vordach eines der Geschäfte stellen, das wäre peinlich gewesen. Also nahmen wir unsere durchnässte Tüte mit den Brausekugeln und unsere Coladosen und schlenderten betont langsam durch den kalten Regen die Straße hinunter, als schiene die Sonne. Flo zog sogar seine Jacke aus. Unser Ziel war natürlich die Schule, denn da war um diese Zeit ja keiner.

Wir passierten den Marktplatz und die Kirche, in deren Schiff es, trotz der über das Loch, wo der Turm gewesen war, gebreiteten Planen hineinregnete und gingen weiter. Der Regen wurde immer stärker. Wir beschlossen, den Plan mit der Schule aufzugeben. Schließlich sah uns hier schon keiner mehr, es war ja niemand bei diesem Wetter mehr unterwegs. Nicht weit entfernt war ein neuer Bau der Sparkasse errichtet worden, nur ein kleiner Kubus mit einem Geldautomaten und einem Kontoauszugsdrucker darin. Es war die neueste Errungenschaft. Dort wollten wir uns unterstellen, denn das Flachdach des Gebäudes stand einen halben Meter weit an allen Seiten über. Auch dort war kein Mensch, überhaupt hatte ich dort noch nie jemanden Geld holen sehen. Die Leute hier gingen eben noch lieber an den Schalter der Hauptgeschäftsstelle, wo sie ein Bankangestellter bediente. Wir setzten uns auf den Boden unter dem Überhang. Ringsum waren Platten verlegt und Kiesbeete angelegt worden. Es war okay, für ein paar Minuten. Doch der Regen hörte nicht auf.

Wir begannen wieder zu quatschen, malen uns aus, was die Mädels wohl taten, jetzt, da ihr Einkaufsbummel ins Wasser gefallen war. Flo meinte, die seien sicher nach Hause gegangen oder in die Eisdiele. Sabrina habe ja auch nur ein weißes T-Shirt angehabt und keine Jacke. Das sei jetzt bestimmt total durchsichtig. Er hatte die leere Kirschcoladose noch dabei, und als es länger zu dauern schien, bis der Regen aufhörte, stellte er sie ein paar Meter weit von uns ins Kiesbeet und begann, mit den kleinen Steinchen danach zu werfen.

Ich erzählte dies und das. Von diversen Büchern, besonders deren schweinischen Stellen, von denen ich wusste, dass sie ihn immer interessierten und auch von meinen Zen-Versuchen sprach ich. Ich hatte erstmals etwas wie einen Anfangserfolg verspürt, letzten Abend. Mir war, nach ein oder zwei Stunden sitzen und atmen, einmal nicht nur der Hintern eingeschlafen, sondern das Gefühl gekommen, mein Hirn habe sich selbstständig gemacht und sei über meinem Kopf herumgeschwebt. Es hatte sich angefühlt wie ein mit Wasser gefüllter kleiner Ballon, etwa je eine Handbreit über und vor meiner Stirn. Flo machte Witze darüber, was ich nicht mochte, dennoch sprach ich weiter.

Er warf weiter Steinchen nach der Dose, wobei er sie sicher 250mal verfehlte und nicht einmal traf.

Ich sagte: Mit totaler Konzentration; wenn man förmlich mit dem All und dem Gegenstand eins werde, könne einem schlichtweg alles gelingen. „Arm, Kopf, Geist und Universum-alles muss verschmelzen.“

Flo meinte, das könne er sich nicht vorstellen.

Ich erzählte vom Bogenschießen, als habe ich es seit Jahren praktiziert und Flo meinte, das sei ja toll, aber dennoch glaube er nicht daran.

„Ist aber so“, sagte ich. „Die Zen-Meister, die können das.“

„Glaub ich nicht“, sagte Flo und warf ein weiteres Steinchen weit neben der Dose in den Regen.

Es war eine merkwürdige Stimmung an diesem Nachmittag. Es schien, als säßen wir schon ewig hier, ohne dass sich irgendetwas verändert hätte. Es war kein Mensch unterwegs, auch nur wenige Autos und der Regen rauschte runter wie dichter Vorhang und das schon seit gefühlten Stunden. Es war die Mitte unserer Zeit damals. Um 15.00 Uhr trafen wir uns gewöhnlich und um 18.00 Uhr gingen wir heim. Es schien uns endlos damals und jetzt war noch fast genauso viel Zeit übrig, wie wir schon gemeinsam verbracht hatten. Wir würden, wenn es gar nicht anders ging, noch eine ganze Weile hier an der Mauer des Sparkassenhäuschens lehnen, die Schuhe im Kies und den Hintern auf den klammen Gehwegplatten. Irgendwie schwebte alles vor sich hin. Ich wusste nichts mehr zu erzählen, deshalb schwiegen wir eine Weile.

Ich griff nun selbst einen der Kieselsteine, wog ihn ein wenig in der Hand, schaute kurz das erste Mal wirklich auf die Dose im Regen, einige Meter von uns entfernt und warf.

In einem hübschen Bogen flog der Kiesel und traf mit einem -Plong- genau die Mitte der Dose, die widerstandslos umfiel.

Flo war baff. Augenblicklich ließ er alle Kiesel, die er noch in der Hand hielt, fallen und sah mich an. Als wäre ich sein neuer Gott oder so.

„War das jetzt Zen, oder was“, fragte er schließlich. Ich sagte nichts.

Es regnete weiter. Flo warf nicht mehr.

Als er mich nach ein paar Minuten aufforderte, das eben Geschehene zu wiederholen, hätte ich mich weigern müssen. Denn egal, wie sehr ich mich konzentrierte, ich traf die Dose nicht mehr. Kein einziges Mal.

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Reissalat im Crazy Horse

Früher war Silvester irgendwie aufregender.
Mutter rödelte in der Küche. Vater war noch bis 19.30 Uhr arbeiten. Ich bewunderte die Luftschlangen am Weihnachtsbaum. Das einzige Mal im Jahr gab es Reissalat, weil den außer mir keiner mochte. Nachdem Vater heimgekommen war, aßen wir und schalteten den Fernseher ein. Abgehalfterte Komiker aus den 60ern verbrieten alte Witze an ein dankbares Publikum.
Manches davon war wohl schweinisch, was ich an Vaters Lachen bemerkte. Schlagerstars sangen und die sonst so spröde Nachrichtensprecherin durfte für die Gala mal ihr Tiefdekolltiertes anziehen, was Mutter abfällig und Vater nicht kommentierte. Mutter war um zehn schon müde, legte sich auf die Couch und ließ sich von Vater die Füße massieren. Ich futterte Salzstangen.

Kurz vor Mitternacht öffnete Vater den Sekt und weckte Mutter. Im Fernsehen wurde eine Polonäse veranstaltet und die letzten Sekunden wurden heruntergezählt. Wir stießen an und wünschten uns alles Gute. Raus gingen wir nicht, denn in den letzten Jahren waren wir vom plötzlich redseligen Nachbarehepaar eingeladen worden, das sonst das ganze Jahr nicht mit uns sprach und waren bis 2 Uhr dort hängengeblieben.

Fünf nach zwölf begann die Sendung: Live aus dem Crazy Horse in Paris, die irgendwie keiner abschaltete. Mutter war zu müde und schon auf dem Sprung ins Bett und Vater schielte selber hin.
Ich verhielt mich ruhig. 20 Tänzerinnen, die alle gleich aussahen; in Glitzerfäden gehülllt und mit Kopfputzen, schwangen die langen Beine. 40 nackte Brüste! Als Mutter ins Bett ging, sah Vater, dass ich, mit einer Salzstange in der Hand, von der ich vergaß, abzubeißen, gebannt hinschaute und schaltete wortlos um.
Ich musste ins Bett, obwohl draußen noch laut geböllert wurde. Trotzdem hörte ich, kaum, dass ich im Bett lag, aus dem Wohnzimmer wieder die Revuemusik des Crazy Horse und versuchte mir die wenigen, hastig erhaschten Bilder wieder ins Gedächtnis zu rufen, worüber ich einschlief.

An Neujahr gab es Reste. Ich klaubte die Luftschlangen aus dem Baum und wickelte sie eng zu flachen Scheiben auf. Früher war Silvester irgendwie aufregender.

 

 

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-Ein Mann steht vor seinem Winter-

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Ein Mann steht vor seinem Winter.
Er steigt aus dem Schlaf und geht ins Haus.
Aus den Briefen fischt er einen heraus. Er ist von ihm. Ein alter Plan steckt darin und er stellt fest, er kann ihn nicht mehr lesen.
Er fragt seinen Schatten, aber der ist das Stillstehen leid und winkt ihm wortlos zum Abschied. Ein Mann sieht eine Wand an, sieht aus dem Dunkel. Vor dem Haus steht eine Hoffnung. Man sieht es nicht, aber eine Ahnung frißt an ihr, ganz langsam, von unter der Rinde.
Ein Mann sieht in einen alten Spiegel, aber der Junge darin ist verschwunden. Ein Mann setzt sich zu seinen Zweifeln. Sie rücken auf und machen Platz. Er blättert in Bildern, merkt, dass er nicht darin vorkommt und schaltet sie ab.
Er ißt noch etwas von seiner Gewohnheit, trinkt den Tag aus, rückt die Ängste in den Regalen zurecht. Er tastet nach seinem Gesicht, dass er unter das Kissen gelegt hat, in der Hoffnung, sich so vielleicht diesen Morgen daran zu erinnern. Er horcht auf das Rauschen. Die Maschine verrichtet ihre sinnlose Arbeit. Er achtet nicht weiter darauf, schneidet sich die Wünsche, kämmt seine Gedanken streng, legt eine Vorsicht auf und schlüpft in eine Erscheinung.

In der Bahn schwitzen links und rechts Geheimnisse, deren Geruch er schwer ertragen kann, dampft Dummheit, drängen Hormone zum Botenstoff, dösen Dramen träge vor sich hin.
Auf der Arbeit konfrontiert man ihn mit Leben, mit lauter MENSCH. Er erträgt es und denkt dabei an sein Spiel.
Er sucht überall einen Horizont, eine Null-Linie ohne Ausschlag, eine millimetergenaue Eichung; ertappt sich, wie er mit der Schuhspitze Krater scharrt in die Grasnarbe des Parks, auf der Suche nach Kabeln und Kupferrohren. Mit dem Finger versucht er Löcher zu bohren in brüchige blaue Stellen am Himmel, er vermutet dahinter ein Drahtgeflecht.
Er kauft ein Tuch. Den Zweck kann er der Verkäuferin nicht nennen, er braucht es weder für Tisch, noch Hals, noch Bett und es fällt ihm schwer, sich zu besinnen:
Was war noch Tisch, was Hals, was Bett? Die Verkäuferin kassiert seine Würde und legt sie in die Kasse.

Er braucht das Tuch für die Nacht. Ob die Welt schläft wie der schwatzhafte Vogel, wenn es sich schwärzt um sie herum?
Ein Mann schüttelt den Kopf. Immer schwirrt ihm das Staunen genau ins Auge! Er nimmt seine Maske ab, wischt es fort und setzt sie wieder auf. Ein Mann fährt heim. Unterwegs sieht er flackernde Vergnügen und wie Feuerwerkskörper verglühende Versprechen. Er steigt aus, seine Haltung lässt er im Wagen. Unter seinen Schuhen splittern die Minuten wie Murmeln.
Am Zaun lehnt sein Schatten und friert. Im Nachbarhaus wohnen Wort, Hunger und Armut und werfen Blicke von hinter den Vorhängen. Sicher hat er Morgen wieder eine Häme an die Hauswand geschmiert.

Ein Mann steht vor seinem Winter. Er kommt ins Schwitzen und nimmt den Mut ab, entledigt sich seines Gewissens. Er liest ein paar Minuten auf und rollt sie hinüber zum Zaun. Er war nie gut darin und der unbekannte Junge am Zaun schmunzelt.
Ein Mann atmet einen Abend. Von drinnen rufen die Dinge, rufen die Bilder, ruft die Angst. Er hört die Hast laut klingeln.
Ein Mann steht am Zaun und streckt die Spitze der Zunge heraus, ganz langsam und nicht sehr weit. Ein Mann schmeckt seine Zeit, sie schmeckt salzig und leicht nach Eisen.

Ein Mann steht im Winter und fühlt, wie sein Bedauern taut. Er hat den Haufen Verzicht unter dem Baum im Herbst nicht aufgekehrt, täglich fiel Blatt auf Blatt. Er wollte die Wut nicht wecken, die darunter schläft wie ein kleiner Nager.
Er fühlt wieder sein Gesicht und versucht einen Ausdruck. Im Zimmer spürt er seine Hände und denkt:
Eine Tat wäre ein Gedanke.
In der Besteckschublade findet er einige kleine Möglichkeiten, zusammen mit Büroklammern, Reißnägeln und Schlüsseln, für die es kein Schloß mehr gibt.
Ein Mann findet einen Faden und den kläglichen Stummel eines Stifts. Er sieht kleine Partikel Graphit in kleinen Scharten eines Gewebes aus Fasern zurückbleiben und ein Staunen schwirrt wieder direkt in seine Augen. Er läßt es dort und freut sich am Prinzip der Reibung.
Reibung erzeugt Wärme, sagt sein Schatten und schaut ihm interessiert über die Schulter.
Ein Mann denkt einen Weg, ein Mann denkt einen Wald.
In einer Ecke spinnt etwas einen Faden. Ein Mann schreibt sein Leben. Das Papier bleibt winterweiss, aber die Reibung der Schreibhand erwärmt es langsam.
Ein Mann setzt zögernd Zeichen auf ein fragwürdiges und irgendwann zerfallendes poröses Material und irgendwo tief unten, im staubigen Bauch eines dunklen Möbels, antwortet etwas mit leisem Pochen, was der Mann jetzt noch nicht hören kann.

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– Weihnachten mit Peter Alexander, Uwe Seeler und Onkel Klaus-

eisblumen
Ein Tag vor Weihnachten.
Meine Mutter hatte mein Bett bereits in Vaters Hobbyzimmer gemacht, denn Tante und Onkel würden mein Zimmer unter dem Dach belegen, wenn sie morgen anreisten. Da Mutter für die Feiertage viel vorzubereiten hatte, war sie froh über alles, was schon erledigt war und so schlief ich schon heute eine Etage tiefer, zwischen den Büchern meines Vaters. Ich mochte den Geruch und kannte die Titel seiner Bibliothek zu weiten Teilen auswendig. Selbst im Dunkeln konnte ich Reihe für Reihe vor mich hinsagen, wenn ich nicht einschlafen konnte.
Elf Freunde müsst ihr sein
Der Ball ist rund
Ecken sind halbe Tore und
Drei Ecken sind ein Tor, was mich damals bereits verwirrte, weil es ja schon rein rechnerisch nicht stimmen konnte.
Ich hatte einen Teil davon zu lesen versucht und war theoretisch ein begnadeter und mit allen Wassern gewaschener Stratege, aber leider in Wirklichkeit mit Abstand weder der Schnellste noch der Kräftigste unter den Jungen in meiner Klasse. Ich las gern und malte viel.

Vater mochte es nicht, wenn ich in seinem Zimmer schlief, denn sein Schreibtisch und seine Regale waren dadurch für einige Tage blockiert. Aber jetzt hatte er Nachtdienst und war nicht zu Hause; außerdem hätte er, wenn der Weihnachtsbesuch da war, ohnehin keine Zeit gefunden, mit donnerndem Anschlag Autogrammanfragen an ehemalige Fussballstars aller Herren Länder zu verfassen.

Ich lag auf der Matratze und hörte meine Mutter unten in der Küche mit irgendwas hantieren, im Wohnzimmer lief der Fernseher: Die Peter-Alexander-Show, alljährlicher Höhepunkt im Dezemberprogramm- Ich konnte nicht einschlafen.

Es klingelte an der Haustür. Ich horchte, wie meine Mutter den schweren Vorhang wegzog, der die kalte Luft daran hindern sollte, unter der Haustür hindurch ins Haus zu kommen; hörte, wie sie die Kette löste und aufschloss. Lange dauerte es nicht, bis ich erkannte, wer zu Besuch kam. Die Stimme war mir vertraut.

Ich nannte Klaus Onkel, obwohl er es nicht war. Meinen richtigen Onkel, den Mann meiner Tante, mochte ich nicht sonderlich und er mich auch nicht. Er würde die Feiertage sicher wieder mit dem neuen Quelle-Katalog auf der Couch verbringen; einen Finger zwischen den Seiten mit dem Heimwerkerkram, während er, wenn er sich unbeobachtet glaubte, ausgiebig die Abbildungen der Modelle in Damenunterwäsche betrachtete. Klaus dagegen liebte ich, obwohl ich ihn leider nur selten sah. Inwieweit wir eigentlich verwandt waren, habe ich nie richtig verstanden. Unter all meinen steinalten Verwandten war er der Jüngste, wenn ich auch damals nicht sagen konnte, wie alt er eigentlich war. Beinahe zwei Meter groß, war Klaus damals für mich ein unermesslicher Riese -keiner in meiner Familie war so groß und keiner trug einen feuerroten Vollbart wie er. Seine Augen funkelten immer lustig, wenn er mich sah und auf seinen Arm nahm, wo mir in der ungewohnten Höhe schwindlig wurde.

Ich hoffte, dass meine Mutter mich rufen würde, damit ich ihn begrüßen und vielleicht eine halbe Stunde mit ihm spielen könnte. Mehr Zeit hatte Klaus ohnehin selten, aber das machte mir nichts aus. Ich konnte nicht alles verstehen, was die beiden unten sprachen, wahrscheinlich hatte Mutter ihn ins Esszimmer gebeten, das weiter hinten in Haus lag. Ihr Gespräch kam nur noch bruchstückhaft bei mir an, aber ich war sicher, er würde nach mir fragen; käme eigentlich, um mich zu besuchen. Unter keinen Umständen durfte ich jetzt einschlafen, denn wenn Mutter nach mir sähe und ins Dunkle fragen würde, ob ich schliefe, musste ich um jeden Preis mit NEIN antworten können. Aber sie kam nicht.

Nach einer Weile -es kann die Dauer gewesen sein, die Klaus brauchte, um eine Tasse dampfenden Kaffee in einem Zug zu leeren oder länger- wurden ihre Stimmen wieder lauter, näherten sich wieder Treppe und Tür. Ich spürte den Schwall kalter Luft, der durch die geöffnete Haustür hereinkam, und hörte Klaus sich von meiner Mutter verabschieden und zum Schluss deutlich lauter noch Frohe Weihnachten wünschen und war enttäuscht.

Ich lauschte angestrengt, hörte aber kein Auto, kein klapperndes Fahrrad noch irgendetwas- Klaus war einfach fort. Dafür hörte ich Mutter die letzten Schüsseln und Teller auf das Abtropfregal stellen und etwas später ins Wohnzimmer gehen. Der Fernseher wurde lauter gestellt, aber dann lehnte sie wohl die Tür an und ich hörte kaum noch etwas.

Es war dunkel- ich lag nah am Boden und konnte, wenn ich den Arm ausstreckte, Vaters Bürostuhl an den Rollen fassen und minimal hin und herschieben. Die Buchrücken waren nicht mehr lesbar, aber das war egal. Hier und dort konnte ich einzelne Buchstaben ausmachen, die von der Weihnachtsbeleuchtung der Nachbarn erhellt wurden, und wusste so genau, welche Titel links und rechts standen. Ich dachte noch ein wenig darüber nach, wer recht hatte, was die Ecken anging: Fritz Walter oder Uwe Seeler- dann schlief ich ein.

Am folgenden Tag -Heiligabend- war ich früh wach. Vater schlief bis Mittags, wenn er vom Nachtdienst kam und ich musste leise sein. Aber das war kein Problem für mich. Ich stand auf und genoss zum letzten Mal den Geschmack des kleinen Stückchens Schokolade aus dem Adventskalender auf nüchternen Magen und mit ungeputzten Zähnen.

Auf meinem Fühstücksteller lag ein kleines Päckchen, recht unbeholfen eingepackt, aber mit meinem Namen darauf. „Das hat der Weihnachtsmann gestern für dich abgegeben, als du schon eingeschlafen warst“, sagte meine Mutter. Ich nickte, wickelte es neugierig aus, bevor sie es sich anders überlegen konnte und es doch unter den Weihnachtsbaum legen. Es enthielt eine Packung Stifte -ganz besondere, die ich schon lange gewollt hatte. Meine Mutter schwor später all die Jahre, die ich sie danach fragte, Onkel Klaus sei an diesem Abend nicht zu Besuch gewesen. Er sei doch bei der Bundeswehr, oben in Niedersachsen. Selbst den Bart habe er sich abnehmen müssen.

Es war das letzte Jahr gewesen, in dem ich noch an den Weihnachtsmann glaubte- im Advent darauf fand ich die Riesenpackung mit genau der Dominobahn, die ich mir aus dem Quelle-Katalog ausgesucht hatte, unten im Schrank in Vaters Zimmer, unter den Wolldecken und ein paar abgelegten Kleidern. Ich verriet mich nicht- die restliche Vorweihnachtszeit nicht und auch nicht beim Auspacken am Heiligen Abend.

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