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Roman der Zukunft -ein Versuch-

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Der Roman der Zukunft: schon immer und oft und ausgiebig ist darüber diskutiert worden, wie er auszusehen habe. Die gleiche Frage gibt es ja für die Lyrik, das Theater und Literatur an sich.
Ob es etwas Derartiges überhaupt geben kann -DER Roman, DAS Gedicht, DAS Drama der Moderne- sei einmal dahingestellt. Ein paar Überlegungen müssen dazu erlaubt sein:

Neulich stieß ich auf einen Artikel, der bemerkte, dass es heutzutage praktisch unmöglich sei, literarische Figuren in Situationen zu bringen, die nicht mittels Handy oder Internet zu lösen seien. In unzähligen Durbridge-Krimis sehen sich die Ermittler in Notsituationen erst einmal vor die Aufgabe gestellt, möglichst schnell eine Telefonzelle zu finden. Jemand wartet vergeblich auf einen alles entscheidenden Brief?  Heute –trotz regelmäßiger Poststreiks- kein Thema mehr, schickt man eben eine Mail oder SMS! Kafkas Landvermesser im Roman Das Schloss könnte heute leicht vor seiner Abreise Wikipedia über die Gewohnheiten und Begebenheiten seines Bestimmungsortes befragen und stünde hinterher nicht vor derlei Rätseln wie im Original. Dem amerikanische creative-writing-Lehrer Sol Stein zufolge, sind beinahe alle großen Romane auf einen einzigen Plot zurückzuführen: Die Suche. Jemand sucht etwas, Jemanden, einen Ort…wie leicht ginge das heute- mittels E-Mail, Facebook oder google maps?

Die einzig bleibende Erklärung, die dementsprechend auch immer häufiger in der Literatur auftauchen dürfte, lautet: Er/Sie hat kein Netz. Aber dafür muss man schon abgelegene Handlungsorte wie Höhlen oder Gebirge erfinden und dies ist bereits ein Punkt, an dem die technische Welt die Literatur prägt. Sicherlich werden wir demnächst öfter lesen: „Er/Sie hatte sein Handy vergessen“ und „Sein/Ihr Akku war leer.“ könnte ein Standard-Satz sein- aber das wären Taschenspielertricks, um Situationen zu erklären, die eigentlich nicht mehr vorkommen.

crusoeGut, Hans Castorp oder Büchners Lenz könnten sich also nach wie vor im Gebirge und im Schnee verlaufen, auch Robinson Crusoe würde auf seiner einsamen Insel wohl keinen Kontakt zur Außenwelt bekommen- allerdings gibt es derartige Inseln, die nicht zumindest von Luxus-Hotels als Tagesausflug angesteuert werden, kaum noch.

Das Jemand daran scheitert, etwas nicht zu wissen, oder sich wegen mangelnder Orientierung in brenzlige Situationen begibt, wird immer unwahrscheinlicher. Auch der Suche-Plot funktioniert also nur noch bedingt  mit Orten, Personen oder Informationen. Nur noch im Privaten und bei Gefühlen greift er. Weiterlesen

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Essay zur Literatur in der aktuellen eXperimenta

Die neue Ausgabe der online-Literaturzeitschrift eXperimenta ist draußen.
Herausgegeben von Rüdiger Heins und dem INKAS Institut (INstitut für KreAtives Schreiben in Bad Kreuznach) widmet sich das Blatt monatlich interessanten Themen. Diesmal lautet das Motto: Befreiung…verschwinden ist nicht verdrängen.

cover_2015_05Unter anderem findet ihr diesmal darin Ordnung versus Chaos, einen meiner Essays, der sich unter Betrachtung von Kafka, Thomas Mann, Kerouac, Gottfried Benn und anderen mit Fragen zum Schreiben und der Literatur beschäftigt. In den folgenden beiden Ausgaben von eXperimenta werden zwei weitere erscheinen.

Die aktuelle Nummer gibt es hier als kostenfreien download, man freut sich aber auch über ein Solidaritätsabo…Macht Euch mal schlau, es lohnt sich!
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Hier schon mal ein Schnipsel meines Textes zum Schnuppern:

Ordnung vs Chaos.

Über Kontrolle und freiwilligen Gleitflug

Es gibt ihn nach wie vor – diesen Streit, woraus Kunst entsteht. Welche Triebfeder dahinter stehen sollte. Weiterlesen

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Ein literarisches Gespräch mit Matthias Engels und Wolfgang Schnier

Vor einigen Wochen verkündete Sebastian Schmidt auf seinem textbasis.blog, dass meine Geschichte -Seestück- seine Ausschreibung Des Sommers dunkle Seite, gewonnen hatte. Aus diesem Anlass planten wir, ein ausführliches Interview zu führen, welches dann letztlich auf ganz spezielle Weise stattfand. Gemeinsam mit dem dazugestoßenen Lyriker und Autoren Wolfgang Schnier sprachen wir über mehrere Wochen hinweg über Literatur im Allgemeinen und im Speziellen.

Das Gespräch selbst gliedert sich in vier Abschnitte:
Im Block eins geht es allgemein um den Buchmarkt, den Einfluss des E-Books auf die Verlagswelt.
Block zwei behandelt ausführlich das Handwerkszeug aller Textschaffenden: das Schreiben.
Mit Block drei schließlich widmeten wir uns dem Thema: Literatur und Gesellschaft und in Block vier stellten wir einander unsere ganz konkreten literarischen Projekte vor.

Ein derart intensives und anregendes Gespräch habe ich selten geführt.
Ich danke Sebastian und Wolfgang für diese außerordentliche Erfahrung und wünsche allen Lesern schon einmal vorab viel Vergnügen.

textbasis.blog

Einleitung

Liebe Leserinnen und Leser,

es hat etwas länger gedauert, bis das Interview mit Buchhändler, Dichter und Schriftsteller Matthias Engels, dem Gewinner der AusschreibungDes Sommers dunkle Seite, zu seinem Ende gekommen ist. Grund hierfür war nicht etwa Faulheit oder gar Aufschub, sondern ein über die Zeit stetig gestiegener Umfang der eigentlichen Unternehmung. Das heißt konkret: Im Laufe des Gespräches mit Matthias Engels stieß Schriftsteller und Dichter Wolfgang Schnier als weiterer Diskussionspartner dazu und die Anfang November geführte Unterhaltung entwickelte eine wunderbare Dynamik, der wir drei uns nicht mehr so recht entziehen konnten und wollten. So ist nun das vorliegende Interview zu einem Streitgespräch unter Freunden geworden. Ein Gespräch zwischen gleichberechtigten Gesprächspartnern, jeder mit denselben Befugnissen: Fragen- und Zwischenfragen durften gestellt werden, jeder durfte mitmoderieren.
Ein Experiment durch und durch, das die modernen Methoden der Kommunikation nutzte: Das Gespräch wurde online geführt auf einer spezialisierten Plattform. Diese ermöglichte…

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-Schönheit, Freiheit, Harmonie- Gedanken zu Kunst & Kitsch

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Sebastian Schmidt machte sich aktuell in seinem Blog noch einmal Gedanken über die Lyrik und den Lieschen Müller-Stempel, den er nach unserem Interview für den lyrischen Mittwoch erfunden hat.

http://textbasis.wordpress.com/2013/07/07/poesie-das-ist-musik-3-gedichte-mit-herzblut-schreiben-ein-pla%C2%ADdo%C2%ADyer-fur-bewusste-wortwahl-im-gedicht/

Gibt es Worte, die ein Gedicht von vornherein disqualifizieren. Worte, die zu profan oder anderweitig „unlyrisch“ sind. In einer Zeit, in der man alles sagen kann und darf, in der verschiedene Epochen und Schulen den Wortschatz der Lyrik aus den unterschiedlichsten Feldern ergänzt und erweitert haben? Wir sprachen im Interview davon, dass heutige Lyriker bestimmte Begriffe zu scheuen scheinen wie der Teufel das Weihwasser. Ich erzählte ihm von vielen Kritiken (von anderen Lyrikern und Kennern), die ich erhielt, da ich gelegentlich gerne Herz und ähnliche Begriffe benutze. Andersherum wurde ich neulich (von einem Leser) kritisiert, da ich das Wort Krisengebiet in einem Gedicht auftauchen ließ, das sicher bei modernen Lyrikern kein Grund zum Anstoßnehmen gewesen wäre. Woher kommt diese Diskrepanz zwischen dem Empfinden derer, die Lyrik schreiben und denen, die Lyrik lesen? Gibt es eine Art „Geheimclub der modernen Dichter“, der weiß, was geht und was nicht und -auf der anderen Seite- den Leser, der nicht eingeweiht ist und deshalb sicherheitshalber zum Kanon der älteren Gedichte greift? Hier noch einmal ein paar Überlegungen, die -zugegebenermaßen- etwas weiter ausgreifen.

Es ist schon seltsam. Die Lieblingsgedichte der Deutschen.

 Wie jede Blüte welkt und jede JugendBild

Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,

Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend

Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe

Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,

Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern

In andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Da blüht und welkt es metaphorisch, da waltet der Weltgeist.

Und: Weisheit, Tugend, Herz und Zauber– verdammt große Worte!

Könnte man das heute noch bringen?

Ein anderes Beispiel:Bild

Und meine Seele spannte

Weit ihre Flügel aus,

Flog durch die stillen Lande,

Als flöge sie nach Haus.

Eichendorffs -Mondnacht- gehört ebenfalls zum ewigen Kanon. Da wird geküßt und geträumt und die Seele hat Flügel.

Heute noch machbar? Eher nicht, dennoch geliebt von den Lesern.

Selbst Erich Frieds lange lange danach entstandenes Gedicht –Was es ist- ist eine Betrachtung wert:

Es ist lächerlichErich_Fried
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

 Schmerz Stolz Liebe Angst Vernunft Erfahrung – Was für Worte. Kleiner hatte er es wohl nicht?

Ein schönes Gedicht, die Kitschgrenze ist aus heutiger Sicht allerdings nicht allzu fern und die Leute?- Lieben es!

 Ich staune, wie selten diese Worte in der heutigen Lyrik vorkommen. Warum ist das so?

Warum sind „große“ und „schöne“ Worte heute so in Verruf gekommen? Liegt es an der Erfahrung zweier Weltkriege (Frieds Gedicht entstand danach!), an der modernen Welt an sich, in der nichts mehr eindeutig ist? Liegt es an der Dialektik? Ist Karl Marx schuld, mit dem ollen Brecht als Handlanger?

Wo ist er hin? -Der Lyriker alten Schlages? Ist er in Verdun gefallen? In Stalingrad? Oder doch in Silicon Valley?

 Exkurs: Es gilt für alle Kunstformen. Könnte man heute noch ein altmeisterliches Landschaftsbild in Öl malen? – Man kann und es wird wahrscheinlich genauso oft getan wie klassisch gereimte Gedichte oder formvollendete Sonette geschrieben werden. Aber nimmt es noch Jemand als moderne Kunst wahr? Van Goghs Sonnenblumen oder Rembrandts Nachtwache heute? Nö, aber an Millionen von Wänden hängen sie dennoch und die Revolutionen sind wohl auch durch, wenn Kandinsky die Arztpraxen der Welt dominiert.

Die Abkehr vom Realismus in der Malerei hin zur Abstraktion und dem Expressiven ist ein alter Hut. Die Musik warf ihre Regeln und althergebrachten Harmonien auch schon vor über 100 Jahren über Bord. Die Lyriker wandten sich zunächst vom Reim ab und das auch schon um 1870. Der Reim, der mit seinem wohltuenden Gleichklang ein Element der Harmonie war. Ein Stück Schönheit verschwand zugunsten eines Stückes Verwirrung durch Dissonanz. Durchaus auch eine Bereicherung! Dada zerstörte die Syntax und proklamierte den reinen Klang im Lautgedicht. Dennoch blieb die Lyrik von der Lyra, der Musik herkommend, dem verwurzelt, kam ihm vielleicht sogar näher. Allerdings verschwand gleichzeitig diese wunderbare Synthese aus Inhalt und Form der Lyrik, die das Gedicht zum Einzigen in seiner originalen Form transportierbares Kunstwerk machte. Ein Gedicht konnte man durch den Rhythmus und den Reim leicht auswendig lernen und 1zu1 weitergeben. Niemand kann das mit einem Roman oder einem Theaterstück. Man kann die Handlung wiedergeben, aber den Wortlaut nicht. Das ging nur mit dem Gedicht.

Dennoch war die Abkehr von Reim, Harmonie, vom Erwarteten nützlich, denn eine Dissonanz kann prickelnder sein als ein Gleichklang; das Fehlen des Reimworts an einer Stelle, die danach schreit, interessanter als der Reim selbst.

Die Prise Salz im Schokoladenpudding.

Aber zurück zur Schönheit: Die Kunst und speziell die Lyrik erklärten uns einmal die Welt durch Abbildung, Übertragung und Verallgemeinerung. Mir scheint, sie tut es noch heute- doch mit veränderter Haltung. Da das Ganze (Faust) in seiner Vielfalt nicht mehr fassbar, durchschaubar und verstehbar ist, richtet sich heut der Blick der Lyriker auf Biotope, Bildauschnitte und Fachbereiche. Außerdem fehlt ein wichtiger Bezugspunkt fast zur Gänze. Das christliche Weltbild, das viele Jahrhunderte die Kunst und Künstler auf gewisse Weise zusammenhielt, ist gewichen und an seine Stelle trat….? Was?weimar_Denkmal_weimar_GmbH_Maik_Schuck

Man kann jetzt sagen, dass es eine Abkehr vom Christentum auch schon früher gab und das ist richtig. In gewissen Strömungen der Romantik, die andersherum auch wieder extrem katholisch ist; bei Goethe. Aber z.B. beim Geheimen Rat in Weimar gab es stattdessen die Antike, das Hehre, Klassische, in manchen Texten der Romantik ein verklärtes Heidentum.

Über die längste Zeit jedoch waren die Begriffe und Fragestellungen der Theologie und der Philosophie das Rüstzeug auch der Lyriker- heute hat eher der nüchterne Ansatz des Wissenschaftlers und der analytische Blick des Fotografen Einzug gehalten. Das Kleine wird durchleuchtet, da das Große nicht mehr greifbar scheint. Keine Utopien, Allegorien finden mehr statt, dafür Diagnosen und Fallberichte.

Neben dem Fehlen des Hehren und der Utopien scheint mir noch etwas die Arbeit der Kunst zu erschweren: das Fehlen der Tabus, die auch zum großen Teil aus der Religion herrührten.Hermann+Nitsch

Was ist denn als Provokation in der Kunst überhaupt noch möglich? Jesus, Buddha, die Mutter Maria sind längst als Bildmaterial in die Werkzeugkiste der Gegenwart eingegangen. Blut, Sex und Tod reißen niemanden mehr vom Hocker. Einen ähnlichen Eklat wie die Mohammed-Karikaturen in der islamischen dürfte wohl kaum ein Motiv in der westlichen Welt hervorrufen. In Wien schmiert Herrmann Nitsch seit Jahrzehnten mit seinen Kubiklitern Schweineblut auf Leinwänden und Frauenkörpern herum- mehr als ein paar Omis und CSU-Politiker wird er damit wohl eher nicht mehr provozieren. Es wurde schon im Fluxus der 70er Künstlerkot in Dosen abgefüllt und Eigensperma auf Metallplatten gab es auch schon. Wenn eine Band heute Hotelzimmer zertrümmert, wirkt das fast schon nostalgisch. Die logische Folge und damit der eigentlich provozierendste Gegenwartskünstler wäre damit in gewissem Sinne Jeff Koons mit seinen überdimensionierten Kitschobjekten in Rosa und Pastell. Kitsch scheint an die Stelle der alten Tabus getreten zu sein. jeff koons

Der Kunst ihre Freiheit! -Natürlich: die Kunst ist frei. Nach DADA, Duchamp, Beuys, Ulysses, Arno Schmidt und John Cage geht alles. Gottfried Benn (auch schon wieder Kanon) ergänzte den lyrischen Fundus um die Fachsprache und englische Mode-Begriffe; Celan und die hermitsche Lyrik erfanden zum Teil wunderschöne und verwirrende Metaphern aus unterschiedlichsten Sprachfeldern, Rolf Dieter Brinkmann fügte Werbung und Songtext-Schnipsel hinzu….

Es gibt kein Diktat der Regeln mehr. In der Thematik: Man kann über alles schreiben: Tankstutzen, Kartoffelschälmesser und gleichgeschlechtliche Liebe. Auch in der Form: man kann lange und kurze Texte schreiben; mit oder ohne Reim, ganz ohne Struktur, man kann Fremdtexte einbeziehen oder nicht; man kann Seiten zerschneiden und neu zusammensetzen, lautmalerisch arbeiten. Keine Regeln, kein Diktat! Nicht? In gewisser Weise sind wir doch diktiert. Von der als unerlässlich angesehenen Notwendigkeit der Distanz und der Ironie. Man kann noch klassische Sonette schreiben- aber bitte mit einem ironischen Clou; man kann noch reimen -aber bitte postmodern, mit einem spielerischen Kniff. Van Goghs Sonnenblumen kann man gern zitieren -in Collagen, vermischt mit Werbeplakaten oder BILD-Schlagzeilen.

 Es scheint eine Angst vor dem Harmonischen vorzuherrschen, vielleicht die Furcht vor dem Totschlagargument: Kitsch. Eichendorffs Seele, Hesses Zauber und Frieds Einsicht und Vernunft halten eben diesem neuen Blick nicht stand und erweisen sich bei festerem Zufassen als zu weich und wechselhaft in ihrer Gestalt. Was bleibt dann als Material? Das Verfallene, Schmutzige, Kaputte und natürlich ist unsere Welt verfallen, schmutzig und kaputt -in vielerlei Hinsicht. Das Wort Regenbogen z.B. würde in einem literarischen Text heute wohl prompt ein Naserümpfen provozieren, während die Worte Fixerspritze und Hundekot als beißender Realismus gelobt würden. (Ich muss dazu sagen, dass ich persönlich in meinem westfälischen Kaff wesentlich öfter Regenbögen sehe als Fixerspritzen, Hundekot sei jetzt mal dahingestellt)

 Ist es, weil das Hehre, Saubere und Schöne einem anderen Feld des täglichen Lebens überlassen worden ist, das als profan angesehen wird. Ist es die Abgrenzung der Literatur und der Kunst allgemein gegenüber dem Fernsehen und der Werbung? Dort gibt es noch all diese Dinge: tiefe Liebe über Grenzen und Hindernisse, unberührte Landschaften und perfekte Familien. Dort gibt es noch einfache Wahrheiten und diese Medien leben genau davon. Ironie oder Distanz findet man dort eher selten. Ein Produkt muss ohne kritisches Hinterfragen dargestellt werden. Die große Pilcher-Liebe darf nicht ironisiert werden. Sonst funktioniert es nicht. Erstaunlich, dass diese Formate von ungleich mehr Menschen konsumiert werden und oft zum Fixpunkt des eigenen Lebens werden als moderne Literatur. Wie viele Menschen orientieren sich in Auftreten und Lebenszielen an Schauspielern oder den Serienfiguren, die sie verkörpern?

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Wie viele Film- oder Werbesprüche sind in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen? Ich möchte die Kunst nicht ermuntern, es diesen Medien gleichzutun! Doch eine scheinbar recht weitverbreitete Sehnsucht nach SEELE ZAUBER und TRAUM scheint nicht wegzudiskutieren zu sein.

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-Für wen und warum- Gedanken zum Schreiben Teil II

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Glücklich diejenigen, die behaupten, sie schrieben einzig für sich allein.

In diversen social-media-Literatur-Gruppen beobachtete ich in der letzten Zeit still (wie ich eigentlich immer still beobachte), dass Werbung (auch „versteckte“) für das eigene Buch oder andere Druckerzeugnisse aus eigener Hand, geradezu als Affront gewertet wird.
Werbefreie Tage, einzelne, speziell für Werbung vorgesehene Wochentage und strikte Verbote werden ausgesprochen….
Dabei ist es doch, der aktuellen Weltmeinung zufolge, gerade das Internet, über das man seine Umsätze ankurbeln und optimieren soll? Hier ist, ohne viel Aufwand und Kosten; bequem von zu Haus aus die „Zielgruppe“ zu erreichen. Schöne neue Welt.

Wo liegt der Denkfehler?
In Autorenforen tummeln sich Autoren. Autoren haben Interesse an Literatur- soweit richtig! Aber ein Mitglied einer solchen Gruppe brachte es kürzlich wunderbar auf den Punkt: „Autoren interessieren sich für nichts weniger als für die Bücher von anderen.“
Ist das so? Wenn einer schreibt, dann liest er doch auch, oder? Oder nicht?
Man sollte davon ausgehen, dass fremde Literatur eine der Hauptinspirationsquellen und Messlatten für das eigene Schreiben ist. Dementsprechend muss man doch lesen, oder? Oder nicht?
Befrage ich mich einmal selbst: Es ist wahr. Wenn ich selber in einem Manuskript stecke, ist der Appetit auf fremde Literatur praktisch erloschen. Die Erzählstimme, die nicht die eigene ist, kann sogar schädlich sein. Das ist die Zeit für trockene Sachtexte und Lexika zwecks Recherchen. Gerichtsprotokolle –wunderbar! Zeitungsartikel- großartig! Briefe -ja,gerne! Aber Romane, Erzählungen, Gedichte?- Hmmm, nicht unbedingt.
Zwischen den Arbeiten an dem einen oder anderen eigenen Text aber wird gefressen und inhaliert, was an Literatur auch nur so gerade eben zu greifen ist. Mal wieder Kafka- her damit. Eine aktuelle Gedichtsammlung – immer! Ein interessanter neuer Autor-ja ja ja!
Dazu all die Neuerscheinungen des vorangegangenen Halbjahrs, die man wegen der eigenen Schreiberei auslassen musste- Hunger Hunger Hunger.
Aber das scheint nicht die Regel zu sein. Der einfache Schluss: -Andere Autoren sind dem Autor gleichgesinnt und potentielle Leser- scheint nicht so einfach zu ziehen zu sein.

Ich zitiere mal wieder den großen Knut Hamsun, Nobelpreisträger und Verwalter eines ansehnlichen Lebenswerkes, der sagte:
„Ich mag keine Bücher! Immer, wenn mir Freunde etwas zu lesen schenken wollen, bete ich: Lass es ein Lexikon sein oder eine Zeitschrift!“
Hamsun las keine Romane. Er schnitt Artikel aus Zeitungen aus, sammelte Berichte über Expeditionen und geschichtliche Nachschlagewerke. Aber Fiktion? -Nee! Er kannte die Werke seiner Zeitgenossen (und dazu zählten Namen wie Zola, Wilde, Flaubert, Ibsen und andere) nicht. Lediglich Strindberg schätzte er ein wenig. Je älter er wurde, umso weniger las er.
Oscar Wilde, der immerhin hunderte von Rezensionen schrieb und sich gut auskannte in der Literatur seiner und vergangener Zeiten, sagte einmal. „Literatur langweilt mich“ und allgemein bekannt war, dass er die Bücher, die er geschenkt oder zur Rezension geschickt bekam, oft nur flüchtig durchblätterte. Er verehrte einige wenige Autoren, ansonsten fanden sich in seiner Bibliothek eher Werke über Esoterik oder Freimaurerei sowie die alten Epen der Antike. Gegenwartsliteratur?- Sehr vereinzelt.
Also: die Autoren lesen sich gegenseitig nicht. Das Schreiben und Vermarkten des eigenen Werks scheint uns völlig auszulasten. Wir werfen den Amazon-Link zu unseren Büchern in die Welt, wo wir gehen und stehen, empfinden aber die Werbung der Anderen als lästig. Wir wollen, dass andere Autoren uns lesen- lesen selber andere Autoren aber nicht. Hmm.
Ist es denn so ein Haifischbecken, der Literaturbetrieb? Die Aufmerksamkeit von Schreibern für das Werk eines Kollegen ist so gering, dass es manchmal schon beleidigend ist. Zumindest in vielen Feldern der wunderbaren Netzwelt. Manchmal beschränkt es sich auf (letztlich sich aufhebendes) Lob und Gegenlob, das war es dann. Vernetzungen entstehen fast gar nicht. Jeder steht allein. Schade, oder? Oder nicht?
„Ist ja alles gut und schön“ -mag der ein oder andere sagen. „Autoren schreiben ja auch nicht für Autoren, sondern für LESER“ -Soweit richtig, aber den Leser zu erreichen ist ähnlich schwierig, zumal er sich seltener in Gruppen organisiert und in seiner Erscheinungsform mindestens so vielfältig und schwer zu greifen daherkommt wie der Autor. Und ein Autor in einer Lesergruppe steht von vorne herein unter dem Generalverdacht, nur Werbung machen zu wollen. Schlimmer noch ist allerdings, dass die eigentlich naheliegende Annahme, ein Autor SEI ein Leser, offenbar nicht ganz richtig ist.
Und nochmal zur Werbung: in der Tätigkeit des Schreibens ist ja das Gelesenwerden irgendwie impliziert, wenn mich meine altmodische Weltsicht nicht trügt. Ist die Tätigkeit, ein Buch zu verfassen also nicht zwingend mit einem gewissen Schritt auf die Öffentlichkeit zu verbunden? Ist der Punkt, an dem man sich entscheidet, sich fortan „Autor“ zu nennen und Bücher zum Kauf anzubieten nicht schon der Wechsel ins Marketing? Gut, man kann sich „Autor“ nennen und seine Texte verschenken oder gar nicht erst drucken. Man kann mit den schönsten selbsterdachten Gedichten der vergangenen 500 Jahre im Kopf umhergehen und sich „Dichter“ nennen, ohne, dass eines davon je auf Papier gesetzt worden wäre. Das gliche dann der Selbstbezeichnung „Imker“ oder „Heimwerker“, solange diese weder Honig noch selbstgebaute Möbel zum Erwerb anbietet. Aber wenn die Bienchen fleißig sind und die Säge gut flutscht, kann irgendwann der Gedanke an einen Ertrag entstehen, der mit dem vielleicht mittlerweile zum wichtigen Lebensbestandteil gewordenen Hobby zu erzielen wäre. Und dann? Kommen die Leute von allein, aus einer vagen, mystischen Ahnung heraus an die Tür und fragen nach Brotaufstrich oder Sitzgelegenheiten der besonderen Art? -Hmm. Eher nicht! Oder doch?
Bin ich jetzt unromantisch, weil ich Honig, Tisch und Roman zusammen in eine Schublade stecke, auf der „WARE“ steht??

Kurzum:
Wir sollen also schreiben. Wir sollen unsere Texte bitte ungekürzt und kostenlos zur Verfügung stellen. Aber wir sollen bitte niemanden daran erinnern, dass man diese Texte auch alle schön ordentlich gebunden und gesammelt für Geld kaufen kann. Das ist verwerflich. Wir sollen also romantisch auf den großen Wurf warten, auf das Entdeckt-werden über Nacht und ohne unser Zutun.

Und was essen die armen hungrigen Kinder? Womit schützen sie ihre zarten Füßlein vor dem Frost und was erfreut ihr Herz in den dunklen Stunden der Langeweile?
In einem schönen Text über das Leben als Autor von Marc Degens äußert ein „Freund“ des Verfassers die Meinung: „Jeder Schriftsteller sollte einen anständigen Beruf haben“ – Recht hat er! Dann bräuchte man sich nicht anzupreisen wie Sauerbier. Man könnte mal wieder was mit Holz machen. Und Bienchen sind eine interessante Spezies…. Glücklich diejenigen, die nur sich selbst schreiben können.

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4. Juli 2013 · 9:08 am

-Ich mach was mit Büchern- Interview

Wer mindestens 18 Jahre alt geworden ist, hat Stoff für zig Romane

von Matthias Engels am 6. Juli 2011

in Interview-Reihe: Köpfe der Buchbranche

Matthias Engels

Matthias Engels

Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern?

„Ein ganz normales Leben taugt für 1000 Geschichten“ ist so ein bisschen ein Motto für mich und mein Schreiben.

Ich mache nicht nur „was“ mit Büchern, eigentlich mache ich „alles“ mit Büchern. Wenn man es genau betrachtet, kreist mein ganzes Leben und Bücher um ihre Inhalte. Natürlich lese ich phanatisch, aber ich bin auch gelernter Buchhändler und verkaufe Bücher, oft ganz bewußt gegen den Mainstream. Als Kursleiter für Literatur in der Erwachsenenbildung spreche ich regelmäßig mit anderen interessierten Lesern über Bücher; ihre Konstruktion, ihre Geschichte, ihren Ton und Stil. Als Autor schreibe ich Lyrik (seit gefühlten 100 Jahren) und Romane. Ich mag die scheinbar ganz normale Welt in Büchern und speziell in meinen eigenen Geschichten, die oft autobiographisch wirken, aber meist nur nah an der Wirklichkeit entlang geschrieben sind. Irgendein Kollege sagte einmal, wer mindestens 18 Jahre alt geworden ist, hat Stoff für zig Romane. So ähnlich sehe ich es auch und gerade die scheinbar unspektakulären Leben, in denen auf den ersten Blick wenig passiert, finde ich spannend.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Ich arbeite meist morgens, wenn die Kinder zur Schule sind. Erste Skizzen zu Texten entstehen handschriftlich, in Kladden gesaut, bis ich genügend Material, einen ersten Satz habe, um anfangen zu können. Dann geht es an den Rechner. Der reinen Arbeitszeit am Text steht natürlich immer das Nachdenken gegenüber. Wie geht es weiter? Was muss noch unbedingt gesagt werden? Etc. Und die Recherche, denn ich mag es, meine fiktiven Geschichten mit realen Orten und Begebenheiten zu unterfüttern. Auch das braucht viel Zeit im Internet oder über Büchern und Zeitungen. Bin ich mitten in einem Text, bin ich sicher oft kein sehr angenehmer Gesprächspartner. Gewollt oder ungewolt, alles kreist um die Figuren oder einen Sachverhalt und die reale Welt hat es schwer, mich zu erreichen.

Wie hat sich Ihre Arbeit in den letzten Jahren bzw. in der letzten Zeit verändert?

Nach nunmehr drei Romanen merke ich, dass ich gezielter arbeiten kann, effektiver. Ich verfüge jetzt über etwas Routine, was den Aufbau eines Textes angeht und dennoch muss ich noch so unsagbar viel lernen. Da ich immer nur eine begrenzte Zeit zum Schreiben habe, musste ich lernen, dann zu arbeiten, wenn es geht. Das alte Klischee vom Autor, den die Inspiration überfällt und sich sofort an die Arbeit macht, ist zwar hübsch, traf auf mich aber aus rein praktischen Gründen nie zu. Das war oft ein Problem, jetzt geht es besser. Früher fiel es mir außerdem schwerer, eine Konstruktion für den ganzen Stoff zu finden, der mir vorschwebte. Heute geht das schneller. Ich habe überdies gelernt, dass es genauso wichtig ist, Dinge auszulassen, um dem Leser Raum zum Phantasieren zu lassen. Früher habe ich gedacht, ich müsse alles ausformulieren und so hatten alle Texte einen Hang zum Monolog. Mittlerweile schätze ich den Dialog, der mir früher Probleme bereitete.

Was ist ein typisches Problem bei Ihrer Arbeit, für das Sie eine Lösung suchen?

Erstens: das Gefühl, nach einem fertigestellten Text nie wieder etwas zu erzählen zu haben.

Ein Loch, in das man fällt und sich quält, obwohl man schon die Erfahrung gemacht hat, dass einen irgendwann ganz von alleine etwas anspringt und nicht mehr losläßt.

Zweitens: ich traue mich oft nicht an Dinge, die ich noch nicht versucht habe. Mittlerweile zwinge ich mich dazu, aber eine Hemmschwelle gegenüber mir fremden Stoffen und Genres ist noch da.

Wo finden wir Sie im Internet?

Ich habe eine eigene kleine Homepage, auf der es unregelmäßig frische Gedichte und Neuigkeiten von mir gibt, auch Leseproben meiner Romane und Erzählungen: www.matthiasengels.jimdo.com. Weiterhin gibt es Profile auf zahlreichen Seiten, z.B. beim Literaturbüro Westfalen oder dem Kulturserver NRW. Auch bei facebook gibt es eine Autorenseite.

Die Original-Webseite findet man hier:

ich mach was mit büchern

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-Zwei neue Bücher über das Schreiben-

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Sibylle Lewitscharoff Vom Guten, Wahren und Schönen, Suhrkamp/ Ursula Krechel In Zukunft schreiben, Jung und Jung

Zwei neue Titel, die sich mit der Literatur und dem Schreiben befassen.

Sibylle Lewitscharoffs Buch: Vom Guten, Wahren und Schönen enthält ihre Zürcher und Frankfurter Poetikvorlesungen

Ursula Krechels Titel: In Zukunft schreiben geht z.T. zurück auf ihre Arbeit als Gastprofessorin des Deutschen Literaturinstitus Leipzig.

Beide Bücher befassen sich also ausgehend von einem wissenschaftlichen Kontext mit dem Schreiben, das ja -laut einhelliger Allgemeinmeinung- nicht lern- und folglich auch nicht leerfähig sein soll. Warum also Creative writing-Kurse und poetologische Sachbücher?

Poetik, so sagt Juli Zeh, ist etwas für „Quacksalber, Schwächlinge, Oberlehrer, Zivilversager und andere Scharlatane“. Schreiben lebt von der „Poetikfeindlichkeit“, ist nämlich ein „verschriftlichtes Selbstgespräch“.Poetik klingt immer so, als wüsste der Autor, was er da tut – dabei weiß er bestenfalls, was er getan hat.“

Ihre Reaktion auf die Einladung zu einer Poetik-Vorlesung der Universität Frankfurt lautete folglich: „Poetikvorlesung? Kommt nicht in Frage. Man ist entweder Autor oder Poetikbesitzer. Ich bin doch nicht mein eigener Deutsch-Leistungskurs. Ohne mich.“

Dennoch: 2 neue Bücher zum Schreiben.

Ursula Krechel, Jahrgang 1947 und Trägerin des Deutschen Buchpreises für ihren Roman Landgericht, geht die Sache recht sachlich, recht ratgeber-mäßig an, aber nur auf den ersten Blick:

Sie möchten einen Roman schreiben und damit viel Geld verdienen? Dann sind Sie für dieses Buch nicht der Richtige. Wenn Sie aber nicht ans Geld, sondern an die Wörter und Sätze denken, die sich in Ihnen melden und die ein Text werden wollen, dann haben Sie gerade das Buch in der Hand, das Ihnen dabei helfen kann. Es enthält nämlich weder Schnittmuster noch Baupläne und schon gar keine Gebrauchsanweisungen; es nimmt vielmehr Sie selbst ernst als jemanden, der sich auf das riskante Unternehmen einlässt, aus Erfahrung und Sprache Kunst entstehen zu lassen. Da ist dann vom Glück des Beginnens ebenso die Rede wie vom Einfall, vom Figuren finden, von Klang und Wohlklang, aber auch von der Blockade und dem Warten. Kluges Nachdenken über die Rolle des Schriftstellers hilft beim Überprüfen der eigenen Erwartungen.

In der Folge entwickelt und zeigt sie Strategien auf, wie Texte keimen und sich entwickeln können und versucht, dem Leser (und der Zielgruppe: den „Schreibenwollenden“) die richtige Haltung gegenüber Stoffen, Themen und Figuren zu vermitteln. Hierzu benutzt sie verschiedene konkrete Übungen, die jedoch eher Lockerungsübungen darstellen sollen, als dass sie ein erfolgsversprechendes Patentprogramm a la amerikanischer Creative writing-Schule sein wollen. Die Perspektive, die Stimmung sind ihr Thema, in den Prosa- wie in den Lyrikkapiteln, denn die Autorin ist ja in beiden Formen zuhause. Aber auch die Rolle der Literatur an sich kommt zur Sprache. „Der Leser will, dass wir (die Autoren) ihm Augen geben, mit denen er die Welt sehen kann.“ –Denn: die Welt, wie er sie sieht, kennt er ja schon. Realismus ist schön und gut, aber nicht alles. Auch Perspektivwechsel, Verschiebungen, ungewöhnliche Umdeutungen gehören dazu.            Krechels Stil ist da sachlich, wo es um das Handwerk geht, empfiehlt schlichtes, nicht mit einem vorgefertigten Ziel ausgestattetes Schreiben zunächst; dann Präzisierung. In den Passagen, die Inspiration und Kreativität behandeln, wird sie offener, assoziativer -letztlich: lyrischer.Auf sehr angenehme Art und Weise plädiert Krechel für den versierten Motorenflug in einer gut gewarteten Maschine, mit der Bereitschaft -ja, dem Wunsch- bei der erreichten Höhe bewußt in den Gleitflug überzugehen.

Sehr gut, sehr praktisch. Mit konkreten Anleitungen zum Ausprobieren.

Ursula Krechel

„In Zukunft schreiben“

Handbuch für alle, die schreiben wollen

Jung und Jung Verlag, Salzburg – Wien 2003
Gebunden, 215 Seiten, 19,90 EUR

Sibylle Lewitscharoffs Buch ist -erwartungsgemäß- ganz anders geartet. Sie, geboren 1954 und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet -just mit dem Büchner-Preis-,  beginnt bei: Adam. Mit der Namensgebung ist ER letztlich erst endgültig erschaffen.  Der Name, das Benennen einer Sache, die mit dem Erhalt eines Namens aus der Allgemeingültigkeit des Dinglichen zum Individuum wird- darin sieht Lewitscharoff eine der Wurzeln der Literatur. 

Wie in ihren Romanen Blumenberg, Apostoloff oder Montgomery ist Lewitscharoffs Sicht auch im poetologischen Bereich eine ungewöhnliche und reizvolle. Ihr Umgang mit der Literatur, dem Schreiben entspinnt sich, so ist es hier nachzuvollziehen, aus dem Klang und den Bedeutungsfeldern eines einzelnen Wortes und aus einem Kanon an klassischer und teils obskurer Literatur, den sie zurecht bei vielen jungen Gegenwartsautoren vermisst. In ihrem Buch verfolgt sie die erzählende Prosa zurück zur Bibel und zu den Mythen. Sie charakterisiert Autorentypen wie Beckett, Mann und Kafka und stellt ganz bewußt eine Frage, die gegenwärtig nicht oft gestellt wird: Die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz von Literatur. Sie analysiert die Darstellung der Klassenunterschiede in den Romanen und Erzählungen früherer und heutiger Epochen und kommt zu dem Schluß, dass der Realismus, der für junge Autoren eine Art allein seligmachendes Credo zu sein scheint, sich in ihren Augen erschöpft hat. Das Fernsehen und der Film haben längst die Deutungshoheit über arm und reich/gut und schlecht übernommen und an deren Strukturen kann der Roman sich, Lewitscharoff zufolge, nicht abarbeiten. Sie plädiert für das Loslösen vom reinen Realismus. Eine solide Ebene, ja! Um davon abzuheben. In der Fähigkeit des reinen Abbildens von Tatsachen sieht sie den Roman nicht an erster Stelle und darin nicht seine massgebliche Aufgabe. An Beispielen aus der Literaturgeschichte zeigt sie, wie willig der Leser unrealistisches als wahr nimmt, nehmen will und folgert daraus einen tiefverankerten Wunsch nach Elementen, die die reine Sachlichkeit verneinen, übersteigen und bereichern.  Entgegen aller Moden und Schulen will Lewitscharoff genau DAS zurück in den Romanen sehen, was ihrer Meinung nach bei allem Schliff an der abgeklärten Haltung verloren gegangen ist: Gefühl und: -ja auch- Anteilnahme und ein Versprechen von Erlösung. In der Darstellung des Elenden will sie die Mittel des Erzählers nicht erschöpft sehen. Beinahe klingt es altmodisch und konservativ, aber die Argumentationsführungen der Autorin lassen einen ahnen, was man selbst hier und da an Romanen der neueren Zeit vermisste, ohne es konkret benennen zu können.

Wer Sibylle Lewitscharoffs Romane kennt, weiß, dass es sich bei ihr um keine genormte, an Instituten glatt geschliffene Autorin handelt, sondern um eine, die ihre Mittel, ihre Themen aus ganz eigenen Quellen speist. Und so strotzt auch Vom Wahren, Guten und Schönen vor unerwarteten Zitaten verschiedener Theologen, Philosophen und Wissenschaftler. Es mag dem ein oder anderen zu viel sein. Die Denkanstöße, die die Autorin liefert, sind Gold wert.

Sibylle Lewitscharoff:

„Vom Guten, Wahren und Schönen“.

Frankfurter und Zürcher Poetikvorlesungen.

Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 200 S., br., 14,– €.

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