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Die vollkommenste aller möglichen Welten

hand
Heute, nach diesem unsäglichen Theater in Berlin, ist bei vielen wohl endgültig jedes Vertrauen in die Regierung erloschen.
Ich bin ja Einer, der immer für Pragmatismus, Besonnenheit und Ratio plädiert und der jegliche Schreierei und aufgesetzte Reflex-Empörung ablehnt, aber die aktuellen Geschehnisse bringen mich doch zum Staunen.
Man muss sich wirklich fragen: Für wie dumm hält man uns und denkt man wirklich, IRGENDJEMAND würde dies als gute Lösung abnicken?
Es gibt fast nur Verlierer (Die Kanzlerin, die SPD, die Demokratie) und die, die jetzt frohlocken, stehen meines Erachtens alle auf der falschen Seite, die eigentlich mit einem klaren Zeichen und mit Rückhalt der Mehrheit der Bevölkerung in ihre Schranken gewiesen werden sollte.
Dieses Handeln zeigt erneut, wie die Populisten unsere Regierung vor sich hertreiben und wie diese ihnen die Schlagworte und Steilvorlagen auch noch täglich selber liefert.

Dieser Kompromiss ist der faulste, den wir bisher erleben durften und das in einer Lage, in der es Führungsstärke, politische Intelligenz und die Fähigkeit zur Moderation der eigenen Entschlüsse bräuchte. Dieser Regierung geht all das ab. Die Kanzlerin, deren Fan ich nie war, die sich aber durch ihren unspektakulären und unaufgeregten Stil und die ein oder andere Entscheidung meinen Respekt erworben hat, hat ihren Instinkt, der sie jahrelang auszeichnete, verloren.
Die SPD, die sich in den letzten Tagen redlich bemüht, lässt sich vorführen wie ein Kindergartenkind. Der Innenminister tappt von einem Fettnapf in den nächsten und kokettiert mit rechtem Sprach- und Gedankenmaterial. Dabei gelingt es ihm zwar nicht, Sympathien oder Wählerstimmen zu gewinnen, aber seine spezielle Position schützt ihn dennoch vor dem Rauswurf. Die Kunst des Rücktritts beherrscht ohnehin keiner der politischen Klasse mehr.

Die Öffentlichkeit versteht diese Zeichen durchaus: Rechtspopulismus scheint nicht so schlimm zu sein und ist offensichtlich salonfähig geworden. Machterhalt und das Vermeiden jeglichen Konflikts scheint wichtiger als eine klare Positionierung.

Ich sag es nicht gern und bin erschreckt, wie AfD das jetzt klingt, aber: diese Regierung ist am Ende, war es vielleicht schon von Anfang an.
Die Kanzlerin stand vor der Wahl, den Innenminister zu brüskieren oder direkt zu entlassen, was unter Umständen zum Bruch mit der CSU geführt hätte, oder die SPD im wahrsten Sinne zu vera…… und zu hoffen, dass sie zugunsten des Fortbestands der Koalition schon wieder einen Kübel Kröten schlucken wird. Vielleicht tut sie es sogar.

Ein Bruch der Koalition wäre also das Logischste. Aber möchte man sich die Lage nach Neuwahlen vorstellen? Möglicherweise wäre keine Regierungsbildung ohne die Rechten möglich. Möchte man in Tagen wie diesen unter Umständen wieder monatelang ohne Regierung dastehen? -Eigentlich nicht!
Jedes demokratische Bündnis wäre richtig, richtiger zumindest als jede Regierung mit AfD. Aber man darf zu Recht zweifeln, dass sich die Parteien gegen eine solche über die links/rechts-Grenzen hinweg zusammenfinden würden. Gerade in Anbetracht der gestrigen Ereignisse.

Wen wundert`s, wenn meine Teenage-Kinder fragen, wen man denn eigentlich noch wählen soll, wenn man dann darf? Die Egos sind überall gleich groß, die Inhalte komplex und übervorsichtig und schlecht moderiert. Eine richtungsweisende Vision ist nirgendwo in Sicht.
Eigentlich würde jede demokratische Regierung genügen, auch diese GroKo würde genügen- wenn sie handeln würde, wie es in ihrer Macht steht, wenn Moral, die Allgemeinheit und der ehrliche Wille zu einem friedlichen Miteinander im Mittelpunkt ihrer Politik stünde und nicht nur die Interessen Einzelner an der Regierung Beteiligter. Dann stünde man -mit klaren Aussagen, Verlässlichkeit und festen Grundsätzen- vielleicht auch gar nicht vor dem Problem des Machterhaltes durch politische Spielchen, sondern hätte Wählerstimmen in einer Zahl, die diese erübrigten.

Was wollen wir denn? Natürlich ist niemandem wirklich an Instabilität gelegen, aber ist Stabilität, ein Weiter-so um jeden Preis wirklich die einzige Lösung?

„Wir sind mehr“-heißt es. Aber was sagt das schon, wenn die, die weniger sind, das politische Geschehen dominieren, die Tagespresse beherrschen und den Diskurs bestimmen? „Mehr“ heißt zunächst einmal gar nichts. Mehr heißt nicht erfolgreich und mehr heißt auch nicht zwingend im Recht. Ich möchte nicht auf 1940 verweisen, als die Nazis mehr waren- waren sie deshalb zwingend die Guten? Warum sich also über die reine Zahl definieren? Wir müssen schlauer sein, überzeugender und geschlossener.
Und: wir sollten nicht nur wissen, wogegen wir sind, sondern besonders auch: wofür!
Wir müssen genauso laut und deutlich wie die Anderen sagen, für was wir eigentlich stehen. Eine Menge tun dies und das ist gut.

Die Anderen aber -und die will ich gar nicht zählen- unterhalten sich zu Tode, konsumieren und posten Katzenbilder. Besser das als Hetzparolen, ja, aber sie erreicht das politische Tagesgeschehen nicht oder zu oft aus zweifelhaften Quellen.
Die müssen wir -solange sie noch nicht völlig verloren sind- wiederholen und dafür muss vielleicht auch der einmal das Wort ergreifen, der ansonsten zu solchen Dingen schweigt. Das tue ich hiermit:

Ich will nicht zusehen, wie mich die Regierung im Stich lässt, denn genau so fühlt es sich an. Ich will mich nicht dumm fühlen, weil ich auf die Politik und die Ratio vertraut habe.
Ich will nicht für dumm verkauft werden.
Ich fordere eine klare Positionierung gegen fremden- und verfassungswidriges Verhalten in allen Variationen und Abstufungen. Ich möchte, dass die, die zugunsten ihres eigenen Fortkommens Intrigen schmieden, Tatsachen verdrehen und Hass schüren, daran gehindert und zur Rechenschaft gezogen werden.

Eigentlich wollte ich heute nur diese Minuten-Novelle des Ungarn István Örkény posten, die sich zwar auf Ungarn und eine andere Zeit bezieht, aber dennoch hier sehr gut passt. Dass sie jetzt am Ende dieses langen Sermons etwas untergeht, möge mir der Autor posthum verzeihen- es ist nicht meines Schuld!

 

»Diese Welt ist die vollkommenste aller möglichen Welten«
»Aber warum nur schweige ich?«
»Ja, warum?«
»Weil mir nichts einfällt«, sagte er und putzte sich die Nase. »Das ist der Zustand der vollkommenen Glückseligkeit.« »So geht es vielen in diesem Land«, antwortete ich. »Ein glückliches Land!«
»Eine glückliche Zeit!« sagte er. »Denn sollte jemandem gegebenenfalls doch noch etwas Sinnvolles einfallen, könnte dieser Gedanke die real existierende vollkommene Welt nur weiter vervollkommnen, was nonsens ist, denn das Vollkommene kennt keinen Komparativ und auch keinen Superlativ. Sollte also jemandem etwas Sinnvolles einfallen, würde das bedeuten, daß unsere Welt nicht vollkommen ist.«
»Und was wäre dann?«
»Dann würde auch mir etwas einfallen.«
»Und? Nichts?«
»Nichts.«
»Demnach hat unsere Welt ohne Zweifel den Zustand der Vollkommenheit erreicht«, sagte ich.

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-Blindverkostung Folge 5: mit Hanna Scotti-

BeFunky_blindverkostung

In dieser Kategorie meines Blogs findet etwas ganz Besonderes statt:
Autoren, Lyriker und Leute aus dem Kulturbetrieb besprechen fremde Texte, ohne den Verfasser zu kennen.

Die Regeln:

Ich suche für jeden teilnehmenden Schreiberling ein Gedicht oder einen kurzen Prosatext aus meiner oft etwas obskuren Bibliothek heraus und übersende ihm diesen ohne Autorenangabe. Es herrscht strengstes Suchmaschinenverbot!!
Der teilnehmende Autor bespricht nun spontan und subjektiv den von mir ausgewählten Text, äußert seine Assoziationen und versucht, die Herkunft einzukreisen. Erst im Nachhinein verrate ich den tatsächlichen Verfasser.
Ein sicher aufschlußreiches und interessantes Spiel, das hoffentlich einiges über den individuellen Zugang zu Literatur verrät.

Bisher haben mir:
Jost Renner  https://dingfest.wordpress.com/2013/07/14/blindverkostung-folge-1-mit-jost-renner/
Thyra Thorn https://dingfest.wordpress.com/2013/07/20/blindverkostung-folge-2-mit-thyra-thorn/
Anke Laufer https://dingfest.wordpress.com/2013/07/27/blindverkostung-folge-3-mit-anke-laufer/
und Paul Fehm    https://dingfest.wordpress.com/2013/08/02/blindverkostung-folge-4-mit-paul-fehm/
die Ehre gegeben.

HEUTE NUN:

schildhanna

hannaAuch unsere heutige Probandin:
Hanna Scotti ist wieder einmal höchst interessant und mit ihrer Vielseitigkeit und ihrem Humor bestens geeignet für die Blindverkostung.

„Die Welt ist meine Bühne, Improvisationen, Augenblicke in lebendigen Begegnungen sind meine Freiheit und meine Stärke.“

Ich stieß auf Hanna und ihre Texte in einem sozialen Netzwerk und war sofort von ihrem Esprit und ihrer Art begeistert. Nach gelegentlichem Austausch und dem Besuch ihrer Blogs kam ich aus dem Staunen über Hannas vielfältige Betätigungen nicht mehr heraus.

„Aus Afrika brachte ich den „groove“, aus Asien „die Stille“ des Zen mit und webe alles in meine künstlerischen Arbeiten ein. Meine Texte, Zeichnungen, Fotografien und mein Spiel als Clownin sind davon geprägt.“

Hanna schreibt wunderbare Lyrik und sehr kluge und spitzfindige Artikel; gemeinsam mit ihrer Freundin Wiebke Plett widmet sie sich ihrem Hauptthema: dem Älterwerden. Die beiden schreiben, fotografieren, malen und machen Filme- und das alles voller Lebensfreude und bewußt gegen den Zeitgeist, der das Alter und den Tod so gerne ausblenden möchte.

Über sich selbst sagt Hanna:

Wer bin ich ? Wenn ich das wüßte…..
Jedenfalls fühle ich mich wie eine alte Närrin und verlaufe mich ständig in den verstaubten Falten des Theatervorhangs –
unter meiner Fußmatte habe ich mich neulich gefunden.
Wer sich nicht bücken möchte, um dort nachzuschauen findet dieses Rumpelstilzchen bei google unter ihrem Namen :
Hanna Scotti

Hanna Scotti und Wiebke Plett sind Mitgliedinnen in:
Literaturkontor Bremen
der Autorinnenvereinigung e.V.
der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.
Deutsche Haikugesellschaft e.V.
und waren 2012 nominiert für den Lyrikpreis Hochstadter Stier

 Ausführlichere Einblicke in Hannas vielschichtiges Tun erhält man hier:
http://hanna scotti.wordpress.com/
und
www.kunstvollaltern.de

Veröffentlichungen:scotti buch

Einzeltexte online und in Zeitschriften,
gedruckt liegt vor:
http://www.schicksal.komm
-Gedichte-
ISBN 9783943599077

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Hier der Text, den ich Hanna zum blindverkosten servierte:

texthanna

Und, was ihre Geschmacksknospen dazu sagten:

Eine köstliche Fischsuppe hast du mir hier serviert :

1 Prise Salz aus Aesops Mühle
2 EL. Geriebenes aus der Mystik
1 Tube  Mark aus den Töpfen Laotses
1 Spritzer Konfuzius
– Buddhas und Mohammeds Kleinigkeiten bleiben ein ewiges kulinarisches Geheimnis für den Gaumen,
ver(r)(f)ührt mit feinem jüdischen Humor

Das kann nur einer und ich setze hier alles auf eine Karte :
„Bertolt Brecht“.

Die Poesie dieses Textes liegt meines Erachtens einerseits in der schlichten literarischen Klarheit, andererseit an der Offenheit, die sich wie ein Kaleidoskop entfaltet. Immer neue Interpretationsmöglichkeiten bieten sich: Fische als Metapher für das „einfältige Volk“; in der Fremde (im All) ist alles besser ;Realitäten zurechtrücken – wie’s beliebt; die Begrenztheit aller lebenden Wesen löst sich in der Gleicheit auf; Misstrauen in die eigene Spezies; ich bekomme einen Gehirnknoten von all den Bildern und in dem Moment, in dem ich den Text loslasse, geschieht etwas Unglaubliches : ein Lachen taucht in mir auf, ein Lachen über diese irrwitzige, absurde, bunte, lebendige Welt, die sich großspurig in fremde Planeten ausdehnen will, sie vielleicht sogar erobern möchte? Das alles finde ich in dieser Geschichte, dass kann nur ein weiser Mensch geschrieben haben. Das Wort „ Kosmonaut“ verweist auf Ort und Zeit : Seine zeitweilige Nähe zum Sozialismus und zum Wettlauf im All, der etwa 1950 begann. Auch seine Affinität zu fernöstlichen Philosophien ist hier gut zu beobachen. Stutzig macht mich die Zahl 58 in dem Zusammenhang. Das steht dort sicher nicht ohne (politischen ? ) Grund, aber ich kenne ihn nicht.

Vorsichtshalber erwähne ich noch Böll, Grass und Benn. Böll mit seinen „Ansichten eines Clowns“ hätte die literarische Feingliedrigkeit, würde aber nie auf einen „Kosmonauten“ verweisen. Günther Grass ist einfach kein Autor filigraner Poesie. Gotfried Benn war Expressionist und liebäugelte mit Nietzsche, das ist kein Nährboden für diese Geschichte. Beim Überarbeiten machte meine Liebste mich noch auf Kunert, Biermann und Walser aufmerksam, aber keinen würde ich als Autor dieses „feinen Geschichtchens“ sehen. Und die Frauen ?? Ja, die Frauen hatten keine Zeit für Poesie. Sie befreiten sich gerade schmerzvoll aus Kirche und Küche und zeugten Kinder (möglichst weiblich) mit den Autonomen vermutlich mit allen gleichzeitig. Oder sie wurden die besseren Männer. Der Zickenkieg war eben allgegenwärtig und ließ einfach keinen inneren Raum für solche Kleinode, wie diese Geschichte. Neuere, jüngere Autoren/innen habe ich nicht in Betracht gezogen, weil das Thema später zwar sporadisch erschien, aber an politischer und sozialer Brisanz verlor und nur noch als Spektakel in den Medien auftauchte.

Da meine Gedächtnisstrukturen sich meistens im „jetzt“ bewegen, bitte ich um Nachsicht, wenn meine Gedanken sachlich nicht stimmen. Ich habe mich bereits damit ausgesöhnt , kein Monopol auf Wahrheiten zu haben. Aber diese „blinde“ Beschäftigung mit einem dreh – und angellosen Text ohne Anker, hat mich zur Fischerin in meinen autobiographischen Gewässern gemacht.

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Mein Kommentar:

Ja, eine hübsche Fischsuppe ist das hier. Ein ausgewogen komponiertes Gericht, mit ausreichend metaphorischem Salz und vollmundigem Hintersinn abgeschmeckt. Was ist das für ein Text, den Hanna Scotti hier mutig für uns blindverkostet? -Mit Fischgerichten muss man ja generell etwas vorsichtig sein!

Wir haben hier Tiere, denen durchaus menschliche Eigenschaften zugeschrieben werden: Sprechen, Denken, die Sehnsucht nach etwas Höherem und IRREN! Diese Kiementräger wollen hoch hinaus und landen -na wo? Im Verderben! Dies ist tatsächlich eine Art moderne Fabel. Dass sie nicht von Lafontaine, dem großen französischen Fabeldichter stammen kann,  dürfte allein durch die Verwendung des Begriffes Kosmonaut klar sein. Den irgendwie ostdeutschen Bezug schmeckt Hanna ja auch gleich heraus. Kann man hier vielleicht auch gleich eine zeitliche Eingrenzung versuchen? Hanna legt sich nicht so recht fest, definiert zwar 1950 als Beginn des Wettlaufes ins All und setzt somit einen sehr richtigen ersten Punkt; sie assoziiert auch gleich Autoren wie Brecht, Grass, Böll und Benn, deren wichtigstes Schaffen sich ganz grob über die 50er bis in die 60er Jahre  erstreckt und liegt letztendlich damit gar nicht so verkehrt! Früher kann dieser hübsche kleine Text mit Widerhaken also kaum entstanden sein. Aber vielleicht später? Spätestens ab der Mondlandung der Amerikaner 1969 verlor der Kosmonaut als Wort, Symbol und Beruf wohl deutlich an Bedeutung.  Könnte dies ein Endpunkt sein? -Genug der Rätselei: der Text stammt von 1968.

Böll vermutete Hanna – Ja, das Hintersinnige und der Hang zu einer moralischen Komponente ist da. -Ist aber nicht Böll!
Grass schließt Hanna selber aus. Zu leise, zu feingliedrig für den wortgewaltigen Erzähler, schlußfolgert sie -wobei Grass erster Gedichtband einen sehr schönen Text über Küken im Ei enthält, der durchaus „fabel“haften Charakter hat.   -Dennoch: nicht Grass.
Auch Benn kommt nicht in Frage.
Aber Brecht? -Hanna haut hier ja gleich zu Beginn ein Rezept heraus, dass durchaus aus dem Kochbuch des Augsburgers stammen könnte:

1 Prise  Aesop
2 EL.  Mystik
ein wenig Laotse und Konfuzius
und letztlich alles gut verrühren mit einem schönen Schuß hintersinnigem Humor, das könnte  doch nach Brecht schmecken!
Auch die Doppelbödigkeit des Textes, dieses beinahe Fabel-in-der-Fabel, wäre dem Geiste Brechts angemessen, denn neben der Übertragung des Strebens nach etwas anderem als dem immer gleichen Tümpel auf die Fische gibt es hier ja auch noch den staunenden Angler, der dem Fisch nichts anderes ist als großer Fisch und der bedauernswerterweise einziger Zeuge eines Wunders wird, das ihm keiner glauben wird.

Dennoch: -Nicht Brecht!
Aber Hannas mutiger Schuß aus der Hüfte geht gar nicht sooooo weit daneben!
Brecht, nach dem Krieg im Osten Deutschlands angesiedelt, teilt seinen Wohnort dieser Tage mit unserer Verfasserin. Und dort war er die prägendste literarische Kraft auch für die, die nicht so regimetreu waren. Sein Einfluß ist hier sicher mehr als nur zu vermuten. Er dürfte als gesetzt angenommen werden, denn unsere heutige Autorin wuchs in Ost-Berlin auf und begann das Schreiben und Veröffentlichen just in den Jahren, in denen der olle Brecht sich dort niederließ. 

Ich war etwas verwundert, dass Hanna in ihrer Besprechung nur männliche Autoren in Betracht zog und fragte deshalb nach. Daraufhin ging Hanna noch einmal in sich und ergänzte folgende Antwort, die ich nicht unterschlagen möchte:

Eine schöne Spielerei, dieses Kreuz – und Querdenken. Matthias hat nichts verraten, aber ich ahne : es ist doch eine Frau. Warum schloß ich sie so konsequent aus? Der Knick in meiner Argumentation ist mir in der Nacht klargeworden. So wird noch ein weiteres Stück Zeitgeschichte aus dieser Fabel ans Licht getragen.

Mein Focus in der Interpretation landete ganz intuitiv bei den Aktivitäten der Frauen im Westen. Unsere literarischen Themen waren Simone de Beauvoir, Sartre, die Straßenkämpfe in Paris und Berlin, die Emanzipation. Und all das endete abrupt an der Mauer. Oft stand ich davor, ratlos, ohne Vorstellungen von diesem „fremden Land“ auf der anderen Seite. Wie lebten die Frauen dort? Ich wußte nichts, alles war fremd und bedrohlich und es gab kein Ende. So wandte ich mich wieder meinen eigenen Interesse zu. Das ist eine Lücke, die ich emotional und intellektuell nicht schließen kann, wie sich hier ganz deutlich zeigt. Ich habe es nicht bemerkt. Leider war ich nicht politisch genug, mich diesem „Fremden“ zu nähern. Ich kannte sie einfach nicht, diese literarischen Schwestern. Sie waren fremd und lebten in einem Staat, der mir fremder war, als die Frauen in Afrika. Christa Wolf : Ihre Kassandra, gelesen von ihr selbst, geht unter die Haut. Sarah Kirsch, was gäbe ich heute darum, diesen Frauen in „unserer gemeinsamen Zeit“ begegnet zu sein. -Es ist ein Wunder, da schickt mir ein junger Mann eine kleine Parabel, die mich mir selbst näher bringt. Danke Matthias.

Ich habe zu danken, Hanna!!

Aber nun genug des Rätselspiels: Unser heutiger Text -Fische- stammt von:

reinigChrista Reinig (1926-2008)

Christa Reinig kam 1926 als uneheliche Tochter einer alleinerziehenden Putzfrau zur Welt und wuchs in ärmlichen Verhältnissen in Ost-Berlin auf. Im Zweiten Weltkrieg war Reinig zunächst Fabrikarbeiterin, dann Trümmerfrau und später Floristin. An der Arbeiter- und Bauern-Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin erwarb sie in den frühen 50er Jahren ihr Abitur und studierte im Anschluß Kunstgeschichte und Archäologie. 1957 bis 1964 war sie wissenschaftliche Assistentin am Märkischen Museum.

Das Schreiben begann Reinig bereits in 40er Jahren. Sie arbeitete an der Ostberliner Satire- Zeitschrift Eulenspiegel mit und konnte einige literarische Beiträge veröffentlichen. 1951 wurde jedoch wegen ihrer unangepaßten Haltung ein Publikationsverbot gegen sie verhängt, so dass ihre Werke von dort an nur noch in westdeutschen Verlagen erscheinen konnten. Von 1949 bis 1960 konnte sie sich als Herausgeberin des hektografierten Heftchens Ewiwa Future einer west-Berliner Autorengruppe betätigen. 1964, nach dem Tod der Mutter, kehrte Christa Reinig von der Reise anlässlich der Entgegennahme des Bremer Literaturpreises nicht wieder in die DDR zurück und lebte seitdem in München.

Christa Reinigs Werk enthält balladenhafte Gedichte, Liebeslyrik, Prosa und Hörspiele. In den 1970er Jahren bekannte sie sich öffentlich zu ihrer lesbischen Orientierung und von da an nahm die Beschäftigung mit dem Feminismus breiten Raum in ihrem Werk ein. Reinigs Texte sind häufig von Satire und schwarzem Humor gekennzeichnet. Die Autorin  war Mitglied im P.E.N.-Zentrum Deutschland und in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München.

Christa Reinig, die an Morbus Bechterew erkrankte, lebte seit 2008 bis zu ihrem Tod in einem Münchner Pflegeheim.
Neben dem Bremer Literaturpreis erhielt Reinig für ihr Werk auch den Hörspielpreis der Kriegsblinden, den Deutschen Kritikerpreis und war außerdem Stipendiatin der Villa Massimo sowie Trägerin des Bundesverdienstkreuzes.

-Fische-
erschien erstmals 1968
in dem Band:
Orion trat aus dem Haus
-Neue Sternbilder-
Eremiten-Presse

Mit dieser schönen Folge verabschiede ich mich erst einmal für eine Woche! Auch bei mir steht Urlaub an, aber am übernächsten Sonntag gibt es bereits die sechste Folge der -Blindverkostung-. Bis dahin müsst ihr halt die alten Episoden nochmal lesen oder euch die Bücher der Verkoster und Verkosteten besorgen…..! Ich freue mich auf die Auszeit und wünsche alles Angemessene! Bis bald!

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