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Bullerbü brennt -Prolog-

Das-Haus-vom-Nikolaus

…ich wag mich nun mal raus- mit diesem Manuskript, mit dem ich schon seit sehr langer Zeit kämpfe. 150 Seiten können seeehr schwer sein! Hier der Einstieg zu einer sonderbaren Geschichte zweier Liebender. Mit einem E-Mails an Mr. Murphy schreibenden Protagonisten der so dies und das denkt: über die Liebe, das Leben, Kinder und das ganze trostlos Drum und Dran… 

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BULLERBÜ BRENNT

-PROLOG-
„Wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, eine Aufgabe zu erledigen, und eine davon in einer Katastrophe endet oder sonstwie unerwünschte Konsequenzen nach sich zieht, dann wird es jemand genau so machen.“
Edward A. Murphy
1

Ich kann diese Geschichte nicht erzählen.
Mir fehlt dafür der Anfang und auch das Ende kenne ich nicht. Aber diese werden in der Regel zu recht erwartet. Aber wer weiß schon wirklich, wann eine Geschichte definitiv ihren Anfang nahm und ob der erste Stein für die weiteren Entwicklungen nicht schon lange vor diesem fiktiven Punkt gelegt war.
Ebenso verhält es sich mit den Enden: Der größte Irrglaube ist, anzunehmen, dass irgendeine Geschichte je mit dem letzten Punkt hinter dem letzten Wort wirklich zu Ende ist. Alles geht weiter, geht immer weiter. Wir steigen als Leser und als Beteiligte nur aus und beenden unsere Zeugenschaft an einem Punkt, der irgendwem adäquat und sinnvoll dafür erscheint. Ohne uns nimmt alles seinen weiteren Verlauf, ob wir das billigen oder nicht.
Ich kann diese Geschichte nicht erzählen. Aber ich könnte EINE Geschichte erzählen. Die von Jan und Sonja in meiner, EINER Variante- der des zufälligen Zeugen einiger interessanter Geschehnisse. Aber wenn Jemand an der GANZEN Geschichte interessiert ist, bin ich leider nicht die richtige Adresse.
Ich werde also eine Geschichte erzählen, als sei es eine komplette- schicke aber gleich voraus: vielen wird sie langweilig erscheinen, denn es ist nichts Außergewöhnliches daran. Viele werden sagen, sie sei eintönig, es finde keine Entwicklung statt. Aber seien wir einmal ehrlich: findet im wahren Leben, bei wahren Menschen tatsächlich immer eine Entwicklung statt? Eine klar verfolg- und benennbare Veränderung, nach Möglichkeit zum Guten? Wohl kaum. Das wollen wir aber, sagt der Leser, denn Langeweile und Gleichmaß- das haben wir ja in unseren eigenen Leben selbst und reichlich. Da ist was dran.
Sie wollen davon hören, was Menschen können, was ihnen möglich ist. Aber kann es nicht auch reizvoll sein, zu hören, was sie nicht können, woran sie scheitern?
Immerhin wird hier geliebt und gelitten, Menschen werden geboren und Menschen sterben- reicht das nicht an großen Gefühlen und Verwirrung? Außergewöhnlich ist die Geschichte nicht, nein. Ich werde sie dennoch erzählen, oder zu erzählen versuchen.

2

Ach Jan, da sitzt du: mit deinem sehr kurzen Namen, der Keinem Mühe macht, ihn zu behalten und dennoch oder gerade deshalb so oft vergessen wird. Zu wenig Zeichen, zu wenig Haken und Schlaufen, um sich in fremden Gehirnen zu verankern. Dazu dein Allerweltsgesicht, für das sich andere nicht schämen.
Du hast nun, ach, erfolglos einige Semester Mathematik und Philosophie studiert und beides aufgegeben. (Weil dem einen der Begriff Liebe fremd war und das Andere ihn nicht erklären konnte) Du hast eine Lehre gemacht, geheiratet, Kinder bekommen und kurzzeitig aufgehört zu arbeiten. Bist nach den ersten Jahren, in denen du dich um den Nachwuchs kümmertest, nie wieder richtig in einen Vollzeit-Job gekommen, übst eine Aushilfstätigkeit aus, die nicht viel einbringt und für die Rente unerheblich ist, aber du hast viel Zeit für die Kinder, bist fast immer zu Hause, wenn deine Frau heimkommt und das ist gut so.

Du weißt so einiges und hast das Gefühl nichts zu wissen, immer weniger sogar, als nähme dein Wissen um die Zusammenhänge täglich ab, während es in einem gewissen Alter täglich zuzunehmen und klarer zu werden schien. Immer weniger, was du einmal erlerntest, gilt noch, vieles deines Grundschulwissens ist bereits widerlegt und an vielem, was du später an Information abspeichertest, gibt es inzwischen berechtigte Zweifel. Was du noch zu wissen glaubst, scheint dir aus Fetzen zu bestehen, die du hier und dort aufgelesen hast und zu weiten Teilen, gibst du zu, könnte dein ach so fundiertes Wissen aus den kurzen Artikeln Aus aller Welt auf der Rückseite der Tageszeitung stammen und tut es auch.
Ach, Jan, jetzt sitzt du manchmal morgens da, wenn die Frau zur Arbeit und die Kinder zur Schule verschwunden sind und ab und an drängt es dich, alles darzulegen, alles, was dich bewegt, zu verschriftlichen. Kein noch so guter Gedanke ist so frappierend, dass er per se vor dem Vergessen geschützt ist. Das weißt du. Du hast ja nie ausdauernd Tagebuch geführt, irgendwann verlorst du stets die Lust und nach längeren Pausen sahst du den Sinn nicht mehr, damit weiterzumachen. Enge Freunde zum Briefeschreiben hast du nicht wirklich und wer macht sich heute auch noch die Mühe, Briefe zu lesen und gar ausführlich zu beantworten. Du willst auch nicht das Risiko eingehen, dass irgendwer irgendwann mit diesen Briefen käme, die du aus einer wandelbaren Stimmung heraus geschrieben hättest und deren Inhalt dir höchstwahrscheinlich schon nach Tagen peinlich wäre.

Also schreibst du E-Mails, denn diese scheinen dir von Natur aus so nah am sinnlosen Geplapper wie kein anderes Medium. Das Problem ist nur: auch Mails haben per se einen Adressaten, aber auch das ließ sich lösen. Du dachtest dir einfach die Adresse einer Person aus, von der du annahmst, sie würde all deine kleinen Schadensberichte und Selbstgespräche verstehen können. So öffnest du in letzter Zeit häufiger ein neues Fenster in deinem Mitgliederbereich und gibst den Empfänger deiner mal langen, mal kurzen Nachricht ein. Du beginnst direkt und ohne groß über Formulierungen nachzudenken. Du liest grundsätzlich nicht noch einmal durch, was du geschrieben hast, sondern klickst sofort auf den Senden- Button und kümmerst dich nicht mehr darum, was mit deinen Worten passiert. Auf Antworten wartest du nie, es werden auch keine kommen. Aber das ist Teil des Vergnügens

An: http://www.murphy@hotmail.de

Betreff: Liebe kommt von Laub

Lieber Murphy,
im Lexikon steht: Liebe sei ein starkes Gefühl, das mit tiefer Verbundenheit zu einer anderen Person einhergeht und nicht zwingend auf den Zweck eines Zusammenlebens mit dieser gerichtet ist, vielmehr diesen Wunsch sogar übersteigt. Eine allgemein entgegenkommende Zuwendung, unabhängig von deren Erwiderung und ebenso wenig gebunden an ein körperliches Begehren. Liebe sei -rein sprachgeschichtlich- ein Abstraktum. Die Subjektivierung des Adjektivs lieb, das in den verschiedensten Sprachräumen und unterschiedlichen Varianten auf die Begriffe für begehren und verlangen zurückgeht. Eine sprachliche Verwandtschaft mit Laub sei -verschiedenen Experten zufolge- nicht auszuschließen, wenn man von der Begierde der Herdentiere nach frischen Laubzweigen ausgehe. Einzelheiten blieben aber unsicher.
Das war zu erwarten.
Dein Jan

 

 

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Sketches of pain X

 

 

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Ein Kind von 20 Jahren

Was war man, ist man denn anderes?
Obwohl der Glaube, in irgendeiner Weise erwählt zu sein, langsam schwindet, fühlt sich das nicht schlimm an. Immer noch ist man sich gewiss, dass einem eine große Zukunft bevorsteht. Man empfindet sich immer noch als soviel reiner, frischer und beweglicher als die anderen und dass man je genau so müde, gehemmt und verstrickt in vermeintliche Verpflichtungen sein wird, scheint undenkbar. Noch fliegt einem alles zu und es gibt viel Wohlwollen einem gegenüber, immer im Hinblick –anders ist es nicht zu erklären- auf die Fähigkeiten, die man in ihm sieht. Man ist sich sicher, gar kein Zweifel, gut gerüstet zu sein und auf der richtigen Seite. Das Anderssein ist nicht mehr so bedeutsam wie noch vor ein paar Jahren. Anknüpfungspunkte an die Normalität der Anderen sind nun in Ordnung und lose mit der Masse verknüpft zu sein ist sogar ganz reizvoll. Man kommt zurecht damit und meistert die ein oder andere schwierige Stelle gut. Eine schlafwandlerische Sicherheit zeigt einem, wie man sich zu verhalten hat, um nicht sonderbar zu erscheinen und doch seine Besonderheit nicht zu verlieren. Man wird für etwaige Ecken und Kanten sogar geschätzt, sie machen einen aus und man weiß das Extreme noch im Repertoire, aber auch, dass man es nur noch in Notfällen brauchen wird; ahnt schon den Luxus, es nur noch nach Laune als charmante Exaltiertheit einsetzen zu können. Man gewinnt und verliert sogar nicht ungern, da man der Überzeugung ist, auch Niederlagen machten Einen irgendwie noch stärker. Geld ist noch nicht wichtig. Vielmehr ist keines zu haben eine Form von Freiheit.

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Ein Kind von 30 Jahren

Was war, was ist man denn anderes?
Man hat gelernt, weiß eine Menge mehr und seine eigenen Fehler und Überspanntheiten von damals sind einem peinlich. Man leugnet sie. Weisheit ist noch ein Ziel. Vieles ist schwieriger als geglaubt, doch man hat Wege gefunden, das Ein oder Andere dennoch zu erreichen. Manchmal muss es ein Kompromiss tun, eine Vorstufe oder Abstufung von dem, was man anvisiert hatte. Man erinnert sich daran, dass es gut ist, zuzugeben, dass manche Ziele falsch waren und das Umkehren keine Schande ist. Man merkt, dass einiges auf einem lastet, aber kann noch locker damit umgehen. Die Kraft ist da und man ist sogar belastbarer und beweglicher als früher, da das Korsett der eigenen Vorstellungen flexibler ist. Wohltuend ist die Erkenntnis, dass das kein Verlust ist. Man kann besser mit dem Zufall umgehen und erkennt ihn auch als Solchen. Man kann besser über sich selbst lachen. Die Ängste sind etwas mehr geworden, aber ihnen folgt fast immer ein Kraftzuwachs aus zum Teil unerwarteten Quellen, der das wieder auffängt. Man weiß eigentlich, dass man nichts Besonderes ist und das schmerzt weniger als erwartet- unter den Anderen einer der Besseren zu sein, reicht völlig und dieser gesunkene Anspruch macht vieles einfacher. Auch Verzicht fällt leicht, aber man glaubt durchaus noch, man würde irgendwann irgendwie belohnt werden und hätte mit Leichtigkeit den Atem, darauf zu warten, bis dahin seien die Kräfte noch lange nicht verbraucht, so dass man dann auch noch wirklich etwas davon hätte. Geld ist immer noch nicht alles, aber dass es beruhigt, hat man verstanden.

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Ein Kind von 40 Jahren

Was war, was ist man denn anderes?
Nichts ist mehr eindeutig. Während man vor Jahren noch überzeugt war, später immer noch daran glaubte, dass sich mit den zurückgelegten Jahren alles ordnen würde, ist nun klar, dass nichts einfacher wird, nur weil man älter ist. Erfahrung ist nützlich, aber nicht entscheidend. Mittlerweile kommt es einem eher so vor, als würden unbedarfte Anfänger mühelos an Einem vorbeiziehen. Alles hat mehrere Seiten und nur wenige davon sind risikolos oder schön, immer gehen eine Menge mögliche Komplikationen mit jeder kleinen Aktion einher. Weisheit und Klarheit sind mit den Jahren eher unerreichbarer geworden, gerade weil die Erkenntnis facettenreicher und nuancierter geworden ist. Zweifel kommen auf, ob gemachte Fehler aus der Vergangenheit noch so ohne weiteres korrigierbar sind und ob man in der Lage ist, genau die gleichen in der Zukunft zu vermeiden- von ganz neuen Fehlern ganz zu schweigen. Das Anderssein wird mitunter zum Hindernis, man versucht, es eine Privatsache sein zu lassen, es auf diese Weise am Leben zu erhalten und fährt mitunter im Alltag lieber im Windschatten, weil dort leichter vorankommen ist. Vieles geht auf Autopilot, wobei man nicht sicher ist, ob das gut ist, denn der Reiz des jedes Mal neu Probierens geht damit verloren. Aber es schont die Kräfte, die sich in ihrem wirklichen Umfang fast nur noch in Extremsituationen zeigen, die man jedoch vermeidet. Ein großer Teil davon wird zum täglichen Durchhalten gebraucht. Allmählich wünscht man sich eine Erntezeit, die Belohnung für die aufgebrachten Mühen, aber will nicht vermessen sein und ist sich bewusst, dass es wahrscheinlich zu früh dafür wäre. Die eigene Wahrnehmung unterscheidet sich immer stärker von der Realität. Man glaubt sich immer noch dreißig- sieht aber weder so aus, noch wirkt man auf andere so. Die Veränderungen gehen noch zu langsam vonstatten, als dass man sie in angemessenem Tempo realisieren würde. Noch kann man darüber hinwegsehen, fühlt aber, dass etwas nicht mehr so ganz übereinander passt. Die Wichtigkeit von Geld als Grundvorsetzung für jede andere, ideelle Beschäftigung ist schmerzlich erkannt.

 

 

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– Seestück & Urlaub-

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Endlich! Morgen geht`s ab auf die Insel, für die ich sowas von reif bin! Aus diesem Anlass noch einmal mein: Seestück. Mittlerweile gibt es so viele davon, dass eine gute Bekannte meinte, es könne doch bald mal eine „See-Torte“ geben….das ist wahr.
Ich wünsch Euch erst mal was- bis bald!

Am Sommerurlaub haben sie bisher nicht gespart, auch wenn er Jan für den Rest des Jahres mit immer mulmigerem Gefühl die Kontoauszüge ziehen ließ. Er empfand beim  Prüfen dieser Zettel immer dieselbe merkwürdige Enttäuschung und nicht einmal nur wegen der zum Monatsende gen Null tendierenden Zahl. Ein schönes Wochenende, ein Urlaub, besondere Momente, alles war darauf in Buchungen übersetzt und die Erlebnisse, die damit verbunden waren, nicht erwähnt.

Ein gemeinsames Essen, (die Kinder liebten das chinesische Buffet) an einem Tisch, in den unter einer Glasplatte eine kleine Landschaft aus Bambus eingelassen war; konzentriertes, unbeholfenes Stochern mit Stäbchen in Reis war hier nur eine Abbuchung von 54 Euro von einem Empfänger namens Lotus-Lokal. Und der verfluchte Glückskeks, der mit der Rechnung gebracht wird, barg bei Jan den Spruch auf einem Zettel:

„Es ist an der Zeit, ein wenig Geld zu sparen!“

Ein Ausflug in die Stadt, an einem klaren Frühlingstag, ein Bummel um den See und durch Geschäfte mit einem neuen Buch für die Tochter und einem kleinen Spielzeug für den Sohn ist auf diesen Auszügen nur

8 Euro 95 an ihre bevorzugte Buchhandelskette und

7 Euro 50 an den Spielzeugladen.

Trostlos, denkt Jan dann und hat einen neuen Grund, sich diese lichtempfindlichen Zettelnicht mehr anzusehen.

Es ist eigentlich alles so einfach. Allein das Fehlen jeglicher Verpflichtungen lässt ihn herunterschalten. Er war schon als Kind begeistert gewesen vom flackernden Schnee im Fernsehen in Sendepausen (auch etwas, das es nicht mehr gab und was er den Kindern erst hätte erklären müssen). Für ihn hatte es immer etwas Beruhigendes gehabt. Ähnlich geht es ihm jetzt mit der monochromen Fläche Silbergrau, vor der er steht.

Ein Ärobier an seinen Elementsgrenzen, den aufrechten Gang gewohnt als Ausweis seiner fortgeschrittenen Spezies, doch ahnend, der Quastenflosser belächelt beharrlich die Zentralperspektive. Das Meer ist seit jeher des Himmels Reim, mit verminderter Transparenz, anders im Aggregatszustand und ohne zweifelhafte Transzendenz: Neptun und die Mischwesen aus Mensch und Fisch sind längst schon Disney und harmloser Kitsch.Und die Atlanter? –Sie gähnen gelangweilt

Es ist noch immer derselbe Parkplatz, den sie zuerst ansteuern, nur teurer. Immer noch derselbe See, um den sie laufen, um ans Meer zu gelangen. Jetzt gibt es dort auch Tretboote. Was damals ein Verliebtenparadies war, ist jetzt ein Kinderversprechen geworden, das von der Gegend gottlob (noch?) mühelos gehalten wird.

Jan weiß, später werden die Kinder über diese Urlaube eventuell anders denken, werden sie spießig oder altmodisch finden und vielleicht wenigstens mit einem Lächeln sagen, dass die Alten sich halt nie weiter weg getraut haben. Oder sich schämen, wenn die Freunde und Klassenkameraden erzählen, an welchen exotischen Orten sie selbst ihre Ferien verbracht haben.

Jan registriert andere Dinge. Die Einheimischen sind geschäftsmäßiger geworden und weniger ruppig, seit die Flüge ins Ausland so billig sind. Ein wenig spürt er die Schäbigkeit des Ganzen, bemerkt plötzlich die Familien, die mit ihnen hier sind. Sie wirken nicht, als führen sie aus Überzeugung hierher, sondern, weil das Budget nichts anderes zulässt. Zwar werden hier und da nutzlose Dinge allzu freigiebig gekauft, aber das ein oder andere Eis  dann aber ohne Begründung gestrichen. Er fragt sich, ob sie auch so wirken und kann das zum Glück (noch?) verneinen.

Unglaublich klein sind die Kinder, wenn sie nur 30 Meter entfernt von ihm im Watt stehen und mit ihren Schaufeln Dämme anlegen und zum Einsturz bringen und neue aufbauen.Als er damals mit Sonja allein hier war, hat er auch Familien beobachtet, aber die wirkten anders. Bollerwagen mit Kindern hinter sich herziehend, Eimer oder Schaufeln schleppend, ganz gewöhnlich. Ganz wie heute auch, aber damals kam ihm das erstrebenswert vor. Das wollten sie auch und wenn ein Pärchen ungefähr ihrer beider Statur hatte oder etwas in der Wirkung ähnlich war, haben sie sich oft vorgestellt, das sie das sein könnten, zehn Jahre älter.

Vor diesen grauen Flächen; vor dieser leise schwappenden See, diesem diesigen Himmel ohne jede Tiefe fühlt sich Jan erstaunlicherweise beruhigt. Grobes, unregelmäßiges Gras im klumpigen Sand, Pfützen vom gerade erst abgezogenen Regen wie große Scherben darin. Es riecht nach Meerdas heißt, genau genommen- nach salzigem Schmodder und Schlick, alles andere als fein. Plärrende Kinderstimmen und polterndes Elterngeschimpfe in unattraktiven Dialekten wehen vom Spielplatz herüber. Auf der Bank links schweigt eine bärbeißige Alte mit Krampfadern ihren Bildzeitung lesenden Mann an. Von Mutterschaft und Langeweile völlig zerstörte Körper liegen in pedantisch aufgehäuften Sandfestungen mit Deutschlandfähnchen, am Fähranleger drängeln ältere Eltern mit ihren sportiven Hightech-Kinderwagen in der Schlange vor. Trekking-Jacken, Künstlerschals um Vertreterhälsen, gut gelaunte Männergesangsvereine aus dem Rheinland mit Fischerhemden aus dem Andenkenladen über den Bierbäuchen. Trostlos tobendes Menschengewirr in einer denkbar unwirtlichen Enttäuschung aller Sommerträume.

Das sind wir nicht. Das sind wir immer noch nicht, denkt er. Wir sind immer noch: etwas Anderes, etwas anders. Bei allen Elternabenden, allen Besuchen von Disney-Filmen, allem Kuchenbacken für den Sonntagskaffee ist das Andere nicht in der Mehlschwitze der deftigen Bratensoße ertrunken.

Ein Streifen helles Blau oben, ein Streifen dunkles Blau unten. Ein Tag am Meer. Wenn du es auf den Kopf stellst wird es eine Nacht, mit einem dunklen Himmel und einem vom Restlicht aufgehellten Meer.

Als habe sich das Meer irgendwann für die nächsten Milliarden Jahre für das Gleiten als vorübergehenden Zustand entschieden. Er weiß ja, dass das Meer das schon ewig tut, dieses Hin und dieses Her. Wenn es still liegt, kann man sich nicht vorstellen, dass es rau und wild sein kann. Wenn es aufgewühlt Wellen an den Strand wirft, glaubt man, es wird nie wieder damit aufhören. Wenn Jan sich besinnt, weiß er, dass niemand sagen kann, ob es immer so weiter geht: Ebbe, Flut, Ebbe, Flut, ständige Wiederholung, die ja angeblich nirgendwo hinführt. Gleichmaß, Gleichförmigkeit, im ewig gleichen Rhythmus, wie Herzschlag. Fort sein, anschwellen, da sein, abschwellen. Nie für immer da, nie für immer fort.

Er weiß ja, dass auch nach 1000 Seiten, nach 30, 40 oder 70 Jahren nicht alles gesagt ist. Das letzte Wort; noch nicht gesprochen, welches wird es sein? Er weiß, er kann nur versuchen, Fäden zu finden und festzuhalten, bis sich eine Art Netz bildet, einzelne Fundstücke, Knüppel von Treibgut sammeln und zusammenzufügen, bis das Gebaute einem Floß gleicht, auf dem man theoretisch fahren kann. Er kann nur Puzzleteil auf Puzzleteil versuchen unterzubringen und nicht zweifeln, wenn auch nach Jahren nur ein unwesentlich abgestuftes Blau zu sehen ist. Er kann nur Karte um Karte umdrehen, in der Hoffnung, das die richtige irgendwann kommt. In seinen Träumen muss er Auto fahren, stundenlang im Kreisverkehr und er tut das erstaunlich langmütig, immer daran glaubend, dass die richtige Ausfahrt irgendwann, wie aus dem nichts auftaucht und irgendwo hinführt.

Jan sitzt auf einer Bank am Wasser und besieht die Wolken.

Sie ziehen sehr langsam, sehr tief. Jan sieht ein um das andere Mal eine tiefschwarze Regenwolke, auf eine Helle folgen, beide jeweils von der sinkenden Sonne grell beleuchtet, in ihrer Farbkraft verstärkt. Jan sieht den Schwarm Möwen auf der nahen Düne unter jeder dunklen Wolke, die darüber zieht, sich nervös erheben und sich unter der folgenden Hellen wieder niederlassen.

Er empfindet, an einem Bonbon lutschend, auf einmal das Glück, nichts anderes zu tun zu haben und erwartet das Endes dieses Gefühls. Er nimmt sich das erste Mal seit langem als handelnde Person mit einem Effekt wahr, als auf sein Rascheln mit dem Bonbonpapier ein dicker schwarzer Vogel neben ihm auf der Bank landet.

Es ist, als probiere er ein Spiel aus, als Zeitvertreib; das Spiel, die Dinge genau anders herum zu betrachten als gewohnt. Er sieht, wie das Meer endlos Wellen an den Strand stößt, die dort schnell versanden; wie die Wolken ständig kleine, vom Wind bald aufgelöste Teile absondern, und weiß plötzlich, er hat die ganze Zeit ebenso Teile von sich abgestoßen und ist trotz dessen immer noch der, der er ganz am Anfang war. Alles, was er an Selbstauslöschung und Auflösung betrieben hat, ist gescheitert. Ist er gescheitert?

Er weiß es nicht.

Als wäre alles, was er sich nicht zugestehen wollte, ihm heimlich gefolgt und nun, da er einen Augenblick unachtsam war, unwiderruflich zu ihm zurückgekehrt. Er weiß noch nicht, ob er das gutheißen soll, aber er weiß, er muß es nicht jetzt entscheiden und das tut ihm wohl.

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Denken Sie an Ihr Herz

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Der Arzt sagte: Denken Sie an ihr Herz!

Er sei nun einigermaßen wieder hergestellt, müsse sich aber dringend noch schonen. Mit Stichen in der Brust sei bei Überanstrengung noch längere Zeit zu rechnen.
Denken Sie an ihr Herz! Es war das erste Mal, dass das Jemand zu ihm sagte.
Dabei denkt er ständig an sein Herz, hat sich oft gefragt, ob das Herz tatsächlich Sitz der Gefühle sein sollte, Herzdame, Herzkönig, oder ob man besser der wissenschaftlichen Sicht der Dinge folgte, nachdem die Pumpe so etwas wie ein kleines Kraftwerk war. Er hat sich oft sein Herz vorgestellt wie einen dicken roten Vogel, eingeklemmt zwischen den Rippenbögen, sein Brustkorb ein zu enger Käfig. Er war nur das Haus seines Herzens und manchmal dachte er an ein Herz, wenn er an ihre erste gemeinsame Wohnung dachte, 2 Herzkammern, Küche, Diele, Bad.

Er war aufgewacht, nassgeschwitzt und mit der klaren Gewissheit, dies sei jetzt ein Infarkt. Zuvor hatte er sich herumgewälzt, hatte verzweifelt versucht, der Beklemmung irgendwie zu entkommen, die er nicht hatte orten können. Als er nun wach auf dem Rücken lag und in die Dunkelheit starrte, fühlte er, wie eng sein Brustkorb sich zusammengezogen hatte. Das Atmen fiel ihm schwer, immer wieder legten sich Schleier vor seinen Blick und er konnte nicht sagen, ob es an der Müdigkeit oder an etwas anderem lag. Hin und wieder nickte er weg, aber scharfe Stiche in der Brust weckten ihn nach Sekunden wieder auf.
Er war nie ernstlich krank gewesen, kannte solche Schmerzen nicht. Er konnte den Kopf nicht heben, die Arme nicht bewegen, jeder angesprochene Muskel antwortete mit Schmerz. Sonja hatte seine Unruhe längst gespürt. So sehr er sich auch bemühte, sie nicht zu wecken,  war sie nun ebenfalls wach geworden und sprach ihn an. Er konnte nicht sagen, was genau ihm fehlte, nur die Schmerzen in der Brust und die Atemlosigkeit konnte er klar benennen. Er solle versuchen, sich zu entspannen, meinte Sonja, ruhig und gleichmäßig zu atmen. Auf jeden Fall müsse er am nächsten Morgen sofort zum Arzt. Sie fühlte seine Stirn, die kaltschweißig war und sagte es ihm und erst da fiel ihm auf, wie sehr er fror, aber das Gewicht der Decke auf der Brust war ihm unerträglich.

Irgendwie waren sie durch die Nacht gekommen. Sonja war früh aufgestanden. Er hatte es nicht bemerkt, da er endlich Schlaf gefunden hatte. Sie hatte die Kinder geweckt und für den Kindergarten fertig gemacht, ihre Arbeitsstelle benachrichtigt, dass sie später komme und ihre Mutter gebeten, anzureisen und nach Jan zu sehen, wenn sie zur Arbeit müsse, einen Arzttermin gemacht. Er hatte nichts von all dem mitbekommen, kam erst zu sich, als Sonja sich über ihn beugte und mit der ihr eigenen Sachlichkeit erklärte, er müsse jetzt zum Arzt und sie werde ihm beim Anziehen helfen. Er weiß nicht mehr, wie er in die Praxis gelangt war, nur, dass es schnell gegangen war, dass die greise Ärztin bei seinem Anblick selber bleich geworden war und ihn am Arm gefasst und gestützt hatte. Er erinnert sich nur bruchstückhaft an das Röntgen des Thorax und die Blutuntersuchung. Es war kein Infarkt gewesen, nur eine schwere Lungenentzündung. Sonja hatte ihn zurück ins Bett gebracht, ihn mit seinen Medikamenten versorgt und war schweren Herzens zur Arbeit gefahren. Von der Ankunft seiner Schwiegermutter, der Rückkehr der Kinder, dem Nachmittag und Sonjas Rückkehr von der Arbeit wusste er nichts mehr. Er schlief, komatös, nur ganz weit hinten, hinter einem Schleier aus Schmerzmitteln und unendlicher Erschöpfung hörte er hier und da, dass Jemand ins Zimmer kam und vorsichtig wieder ging, hörte die vertrauten Geräusche der alltäglichen Abläufe, von denen er sonst ein Teil war. Teller, die auf den Tisch gestellt wurden und einen scheinbar endlos langen Schlaf später wieder abgeräumt wurden, hörte Wasser laufen und Stunden später die Kinder leise Gute Nacht zur Oma sagen, hörte Sonja gedämpft mit ihrer Mutter reden, unendlich weit entfernt. Eben noch war es hell gewesen, jetzt schon konnte er nicht mehr sagen, ob es erst Abend oder schon tiefste Nacht war.
Auf einmal lag Sonja schon neben ihm und schlief und er hatte sie nicht kommen hören, nicht gesehen, wie sie sich ausgezogen hatte. Er war zwei Wochen lang krank gewesen, krank aus dem alten Jahr gegangen und krank in das neue hinein. Hatte im Bett gelegen, als draußen die Raketen flogen. Sonja war um 12 kurz hineingekommen und hatte ihm, nicht ohne Traurigkeit, ein gutes neues Jahr gewünscht. Er konnte nicht antworten, immerhin das Heben des Kopfes war wieder möglich, aber immer noch anstrengend.

 

….aus meinem Roman-Manuskript: Bullerbü brennt

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Mails an Mr. Murphy

 

 

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…ein weiterer Schnipsel aus meinem Manuskript: Bullerbü brennt. Derartige Mails an Mr Murphy (Ja, den von Murphys Gesetz) schreibt dort mein Protagonist Jan.

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1. April 2016 · 11:23 am

-Autoreninterview mit Judith H. Strohm-

Mittlerweile ist es mir zu einer schönen Gewohnheit geworden, ab und an auch anderen Autorinnen und Autoren hier auf  -dingfest- Platz einzuräumen. Was uns Schreibende bewegt, woran wir arbeiten und was uns genau das erleichtert oder erschwert- all das sind spannende Themen: für andere Autoren wie für die Leser. Diese Woche hat sich Judith H. Strohm bereit erklärt, mir einige Fragen zu beantworten. Judith erlebt gerade eine der angenehmeren Facetten des Schriftsteller-Daseins: sie steht kurz vor der Veröffentlichung ihres ersten Buches. Allerdings ist das Prozedere in Judiths Fall ein etwas Ungewohntes. – Aber Näheres dazu erfährt man im Anhang, nun  endlich zur Autorin selbst:
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Hallo Judith. Danke, dass du dich zu diesem Interview bereit erklärt hast. Du lebst in Berlin und bist außerordentlich viel unterwegs- sowohl körperlich auf Reisen, wie auch im Netz und in verschiedensten Schreibgruppen. Kann man das so sagen? Erzähl mal ein wenig über die verschiedenen Seiten deines Schreibens.

Orte und natürlich mit ihnen die visuellen Eindrücke, der Geruch etc. vor Ort sind ganz sicher eine der wichtigsten Inspirationsquellen für mich. Entsprechend ist Reisen extrem wichtig. Dabei nehme ich aus Wolfenbüttel ebenso etwas mit wie aus Lahore in Pakistan. Das Schreiben an sich ist wie bei allen Autorinnen und Autoren ein schöpferischer Akt aus mir selbst heraus. Ich will nicht von der „einsamen Sache“ sprechen, da ich mich beim Schreiben nicht einsam fühle, aber es findet, ganz praktisch, alleine statt. Was ich im Anschluss jedoch für mich als extrem bereichernd empfinde, ist, dass ich mir unmittelbares Feedback einholen kann, und zwar nicht von engen Freunden oder meiner Familie, sondern von anderen Autorinnen und Autoren, sei es beim Autorenkombinat Komamndo Torben B. oder bei der Gruppe MischMash, die ich beide mitgegründet habe.
Last but not least ist auch das Netz eine für mich gewinnbringende Möglichkeit, mit einer (kritischen) Leserschaft im Kontakt zu sein und von ihnen Reflexionsanstöße zu erhalten.

Und das scheint Früchte zu tragen! Bei dir steht in Kürze etwas Großes an, nicht wahr?

Ich glaube, die Aufregung ist bei mir noch nicht angekommen. Mal sehen, ob das noch kommt.

Worum wird es sich handeln?

Tatsächlich freue ich mich sehr, dass der kladdebuchverlag meine Sammlung von zwölf Kurzgeschichten zur Veröffentlichung angenommen hat. Damit wird mein erstes Buch erscheinen. Das ist schon eine aufregende und beglückende Sache.

Die kurze Form ist ja durch die Vergabe des Nobelpreises an Alice Munro gerade ein wenig mehr in das Zentrum des Leserinteresses gerückt. Mir scheint bei der großen kanadischen Autorin der Begriff short-story oft etwas zu kurz gegriffen. Kurzgeschichten oder Erzählungen- wie nennst du deine Texte?

Ich selbst spreche von Kurzgeschichten, obwohl Literaturwissenschaftler meine Texte evtl. eher in die Tradition der angelsächsischen Short Story stellen würden. Ich selbst finde diese Kategorisierungen nicht so spannend. Das ist ja immer der unterschiedliche Fokus zwischen Kunst und ihrer Kritik. Die Literaturkritik macht aus der Kategorisierung eine Wissenschaft, spürt Traditionslinien und Brüchen nach. Das ist aber nicht mein Feld.

Sicher wirst du auch ständig, wie so viele Autoren, die sich mit der kürzeren Form beschäftigen, nach dem großen Roman gefragt. Ist das eine Option für dich? Etwas, das im Hinterkopf ist?

Ja, es gibt schon Leute die sagen: „Super, jetzt also zwölf Geschichten, demnächst also zwölf Romane?“ Dann wirkt die kürzere Prosaform immer wie eine Fingerübung zu etwas vermeintlich „Erwachsenerem“, „Großartigerem“. Tatsächlich plane ich momentan weder in kürzerer noch in fernerer Zukunft ein Romanprojekt, aber ich will auch nicht „niemals“ sagen.

Worin liegt für dich der Reiz kürzerer Texte?

Der Reiz liegt für mich in der Vielfalt der Kurzprosa. Sie ist sogar so vielfältig, dass selbst die Grenze zum Roman verschwimmt. Nimmt man beispielsweise von Alice Munro „Das Bettlermädchen: Geschichten von Flo und Rose“, so ist dies formal eine Kurzgeschichtensammlung. Tatsächlich begleiten diese die beiden titelgebenden Figuren jedoch durch viele Stationen ihres Lebens und es entfaltet sich ein Gesellschaftspanorama, wie es auch in einem Roman komplexer kaum sein könnte. Aus meiner Sicht werden die Möglichkeiten der Kurzgeschichte häufig leider unterschätzt. Insofern liegt für mich der Reiz auch darin, meinem Publikum diese Literaturform näher zu bringen.

Für diejenigen, die sich für deine Texte interessieren- kannst du sie ein wenig charakterisieren?- Gibt es Themen, die vorherrschen? Eine bestimmte stilistische Besonderheit? Dinge, die dich in deinen Geschichten besonders beschäftigen?

Ohne zu agit-prop-mäßig wirken zu wollen, blitzt in meinen Geschichten sicher die Tatsache durch, dass ich Politikwissenschaftlerin bin und ich in meinen Geschichten auch aktuelle politische Themen adressiere. Die Kunst ist, Drohnenattacken in Pakistan oder die tonnenweise Vernichtung von Lebensmitteln so in die Geschichten einzuflechten, dass die Leserinnen und Leser das nicht als aufgezwungen erleben, sondern über etwas stolpern, bei Lesungen nachfragen, zum Nachdenken angeregt werden.
Da ich meine Texte wirklich sehr gerne öffentlich vortrage, ist für mich die Lesbarkeit, so etwas wie Melodie und Rhythmus extrem wichtig. Dabei arbeite ich daran, dass Form und Inhalt Hand in Hand gehen. Es gibt zum Beispiel eine sehr lange Sequenz, in der jemand eine Treppe hochläuft, immer zwei Stufen auf einmal nimmt. Wenn ich diese Stelle laut lese, bin ich am Ende genauso atemlos wie der Protagonist, muss genauso eine Pause machen, um Atem zu holen.

Das klingt sehr spannend und macht mir und sicher vielen Anderen schon Lust auf dein Buch. Aber mal weg vom Inhaltlichen- Wie Patrice Talleurs Kinderbuch Flämmchen, das ich kürzlich hier vorstellte, und auch mein neuer Roman wird dein Buch im neu gegründeten kladde buchverlag erscheinen. Warum hast du dich für kladde entschieden?

Tatsächlich ist der kladdebuchverlag für mich ein völliger und sehr glücklicher Zufall. Ich war eigentlich voll auf „selfpublishing“ gepolt und führte bereits erste Gespräche mit einer Lektorin und einer Graphikerin, da auch ein selbst publiziertes Buch Qualität haben muss. Ich hatte von so viele jungen Autorinnen und Autoren über deren verzweifelte Agentur- und Verlagssuche erfahren, dass ich überhaupt keine Lust hatte, mich überhaupt da hinein zu begeben. Mein Anliegen ist, dass Menschen meine Texte lesen. Das kann ich heutzutage auch auf direktem Weg erreichen. Via Facebook wurde ich dann auf den kladdebuchverlag aufmerksam, habe nach dem Motto „ich habe ja nichts zu verlieren“ einen Text für eine Anthologie vorgeschlagen und zwei Tage später kam eine Email: „Wir wollen mehr!“ Ich glaube, die haben sich für mich entschieden und gar nicht so sehr umgekehrt.

Wie ist bisher die Zusammenarbeit mit den jungen Kreativen dort?

Super! Ich selbst bin ja auch eine „Macherin“, bin beruflich und ehrenamtlich sehr engagiert und habe daher große Sympathien für Menschen, die mutig etwas Neues wagen. Zugleich habe ich auch Spaß daran, eigene Ideen in das Buchprojekt einzubringen. Bisher lässt sich unsere Zusammenarbeit sehr gut an. Ich bin gespannt, wie es laufen wird, wenn es nun Ernst wird mit dem Start der Funding-Kampagne.
kladdeJetzt machen wir mal einen auf Werber! Warum sollte man dein Buch mit einem Funding-Beitrag unterstützen? 

Dieses Projekt ist unterstützenswert, da gute Literatur und neue Geschichten immer eine Bereicherung sind. Zudem zahlt sich die Investition in vielfältiger Weise aus. Denn das Buch wird ein sehr schönes, hochwertiges Produkt sein, aus tollem Papier und mit Lesebändchen. Zugleich unterstützt der Kauf kleine und mittelständische Unternehmen im Handwerk (Papiermanufaktur, Druckerei) und der Kreativwirtschaft (Start-up Verlag und die von ihm bevorzugten inhabergeführten Buchhandlungen) und last but not least wächst natürlich auch meine persönliche Motivation als Autorin noch bessere Geschichten zu schreiben. Das Interesse der Leserinnen und Leser ist ein sehr wichtiger Motor.

Was ist dein größter Wunsch derzeit? Im Schreiben und generell?

Der Weltfrieden? Im Ernst. Die Frage ist zu groß. Ich wünsche mir sehr, dass das Buchprojekt sein Publikum findet und realisiert werden kann, da das erfolgreiche Funding auf visionbakery die existentielle Bedingung für das Buch darstellt. Und für mich persönlich wünsche ich mir gerade mehr Zeit zum Schreiben. Neben Vollzeitjob, Familie und mehreren Ehrenämtern, ist das nicht immer einfach. Zugleich habe ich so viele Themen im Kopf, zu denen Geschichten erzählt werden müssen!

Wer wünschte sich nicht den Weltfrieden!? Aber ein vergleichsweise kleiner Wunsch im eigenen privaten und beruflichen Bereich ist sicher ebenso gestattet und wichtig. Ich wünsche dir ganz viel Erfolg mit deinem Buch und deinen weiteren Plänen! Vielen Dank für das nette Gespräch!

Wer Judiths Buch lesen möchte, sollte also nach Möglichkeit nicht in der gewohnten Haltung verharren, es zu erwerben, wenn es denn im Laden liegt. Aber wie geht es nun konkret?- 

Der kladde buchverlag, wird also bald schon im Vorfeld der Veröffentlichung gezielt nach Unterstützern des Projektes suchen, die den Druck des Buches mittels crowdfunding finanzieren. Der Leser wird auf der Plattform  visionbakery bereits vor der Veröffentlichung mit Informationen und Leseproben zu Text und Autorin versorgt und erhält die Möglichkeit, das Manuskript schon vor den späteren Lesern kennenzulernen und mit einer individuellen Unterstützung zu pushen. Vom risikofreien Kauf des Buches zum späteren Ladenpreis über das Vorbestellen eines signierten Exemplars bis zur Erwähnung des eigenen Namens im späteren gedruckten Buch sind zahlreiche Möglichkeiten gegeben, sich als Unterstützer direkt und unittelbar mit dem Projekt zu verknüpfen. Ein spannendes und innovatives Konzept, das dem jungen Verlag schon einige Aufmerksamkeit beschert hat.  Es sei somit noch einmal an alle appeliert, die mit dem Gedanken spielen, Judiths Buch zu erwerben: unterstützt schon im Vorfeld das Projekt und macht das Erscheinen mit Eurer Hilfe erst möglich! Ihr fördert eine junge Autorin, einen innovativen Verlag und werdet direkt Teil eines bemerkenswerten Konzepts!

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Ein literarisches Gespräch mit Matthias Engels und Wolfgang Schnier

Vor einigen Wochen verkündete Sebastian Schmidt auf seinem textbasis.blog, dass meine Geschichte -Seestück- seine Ausschreibung Des Sommers dunkle Seite, gewonnen hatte. Aus diesem Anlass planten wir, ein ausführliches Interview zu führen, welches dann letztlich auf ganz spezielle Weise stattfand. Gemeinsam mit dem dazugestoßenen Lyriker und Autoren Wolfgang Schnier sprachen wir über mehrere Wochen hinweg über Literatur im Allgemeinen und im Speziellen.

Das Gespräch selbst gliedert sich in vier Abschnitte:
Im Block eins geht es allgemein um den Buchmarkt, den Einfluss des E-Books auf die Verlagswelt.
Block zwei behandelt ausführlich das Handwerkszeug aller Textschaffenden: das Schreiben.
Mit Block drei schließlich widmeten wir uns dem Thema: Literatur und Gesellschaft und in Block vier stellten wir einander unsere ganz konkreten literarischen Projekte vor.

Ein derart intensives und anregendes Gespräch habe ich selten geführt.
Ich danke Sebastian und Wolfgang für diese außerordentliche Erfahrung und wünsche allen Lesern schon einmal vorab viel Vergnügen.

textbasis.blog

Einleitung

Liebe Leserinnen und Leser,

es hat etwas länger gedauert, bis das Interview mit Buchhändler, Dichter und Schriftsteller Matthias Engels, dem Gewinner der AusschreibungDes Sommers dunkle Seite, zu seinem Ende gekommen ist. Grund hierfür war nicht etwa Faulheit oder gar Aufschub, sondern ein über die Zeit stetig gestiegener Umfang der eigentlichen Unternehmung. Das heißt konkret: Im Laufe des Gespräches mit Matthias Engels stieß Schriftsteller und Dichter Wolfgang Schnier als weiterer Diskussionspartner dazu und die Anfang November geführte Unterhaltung entwickelte eine wunderbare Dynamik, der wir drei uns nicht mehr so recht entziehen konnten und wollten. So ist nun das vorliegende Interview zu einem Streitgespräch unter Freunden geworden. Ein Gespräch zwischen gleichberechtigten Gesprächspartnern, jeder mit denselben Befugnissen: Fragen- und Zwischenfragen durften gestellt werden, jeder durfte mitmoderieren.
Ein Experiment durch und durch, das die modernen Methoden der Kommunikation nutzte: Das Gespräch wurde online geführt auf einer spezialisierten Plattform. Diese ermöglichte…

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