Schlagwort-Archive: Lesen

Out now: Warum ich lese

 

Im Mai vergangenen Jahres veröffentlichte Sandro Abbate auf seinem Novolero-Blog den Artikel Warum ich lese. Die Resonanz anderer Literatur-Blogger war groß; viele lieferten ihre persönliche Version des Leser-Werdens. Schnell war die Idee geboren, ein Buch daraus zu machen.

Nun ist dieser Plan wunderbare Wirklichkeit: „Warum ich lese“ ist jetzt als Gemeinschaftswerk 40 deutschsprachiger Buchblogger im noch jungen homunculus Verlag aus Erlangen erschienen, einem Verlag, der durch seine bibliophile Arbeit bereits von sich Reden gemacht hat.

Ich freue mich sehr, dass auch ich mit meinem dingfest-Blog dabei sein darf. Ein echtes Schmankerl für Leseratten und Bücherwürmer!

Außerdem mit dabei:
1001buecher.wordpress.combibliothekarium.debooknerds.debuchrevier.com,
buchstabenmagie.blogspot.debuecher-kater-tee.dechristianweis.orgdasdebuet.comdasgrauesofa.com,
filmtheaterlesesaal.blogspot.defraeuleinjulia.de,
kaffeehaussitzer.dekapri-zioes.dekulturgeschwaetz.wordpress.com,
laubet.delectureoflife.wordpress.comlesemanie.blogspot.de,
lesenmachtgluecklich.wordpress.comlesenslust.wordpress.comliteratourismus.net,
literaturgedanken.blogspot.comliteraturleuchtet.wordpress.comlohntdaslesen.de,
lustauflesen.demokita.denotizhefte.wordpress.comnovelero.de,
palomapixel.blogspot.depeter-liest.depinkfisch.netpoesierausch.com,
schiefgelesen.netsoundsandbooks.comwasmitbuechern.de und
zeichenundzeiten.com.

 

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter -, gedruckt

Max Frisch zum Todestag 04.04

Da er am 04.04. -sprich: vorgestern- genau 25 Jahre verstorben war, darf heute der sehr verehrte Max Frisch zu Wort kommen. Mit einem Auszug aus seinem Tagebuch 1946-1949, das nach wie vor seinen Platz unter meinen 10 größten Leseerlebnissen ever hat. Es geht ums Lesen und: ich kann ihm nur zustimmen.
————
„Was zuweilen am meisten fesselt, sind die Bücher, die zum Widerspruch reizen, mindestens zum Ergänzen: – es fallen uns hundert Dinge ein, die der Verfasser nicht einmal erwähnt, obschon sie immerzu am Wege liegen, und vielleicht gehört es überhaupt zum Genuß des Lesens, daß der Leser vor allem den Reichtum seiner eignen Gedanken entdeckt. Mindestens muß ihm das Gefühl erlaubt sein, das alles hätte er selber sagen können. Es fehlt uns nur die Zeit, oder wie der Bescheidene sagt: Es fehlen uns nur die Worte. Und auch das ist noch eine holde Täuschung. Die hundert Dinge nämlich, die dem Verfasser nicht einfallen, warum fallen sie mir selber erst ein, wenn ich ihn lese? Noch da, wo wir uns am Widerspruch entzünden, sind wir offenbar die Empfangenden. Wir blühen aus eigenen Zweigen, aber aus der Erde eines andern.“

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter -

Notate zum Donnerstag

zeichentechnik-linie-02

Was mich an Literatur letztlich fasziniert, ist die Idee. Alle Sprache, alle Komposition ist mir nichts ohne Idee. Ein Gedicht, eine Geschichte, ein Roman können immer so oder so geschrieben, auf diese oder jene Weise konstruiert sein- es gibt Möglichkeiten, bei denen meist keine die eindeutig beste und einzige Lösung ist. Die Umsetzung dient der Idee.

strich1

Nicht selten hört man von Schreibern, die euphorisch mit einer Idee umherschweben, bis es ans konkrete Schreiben geht. Ab da tun sich die unübersichtlichen und unabschätzbaren Wege und Irrwege; die Sackgassen auf und bereichern nicht etwa, sondern gefährden die großartige, reine Idee.

strich2

Ein Buch sollte gut gemacht sein- wirklich unzweifelhaft richtig gemacht ist es nie. Immer gibt es Stellen, die anders, vielleicht besser hätten gemacht werden können. Wenn die Umsetzung die Idee bedient und nicht tötet, ist schon viel gewonnen.

strich3

Großartiger Stil ohne Idee ist nichts. Großartige Idee ohne Stil auch nicht.
Großartiger Stil mit der Idee, zu wirken, als gäbe es keine Idee, ist hohe Kunst.
Großartige Idee, umgesetzt mit dem Anschein, es gäbe keinen Stil- auch.

strich2

Die Umsetzung ist Geschmack, Moden, regionalen und zeitlichen Umständen verpflichtet: eine große Idee- nicht. Perfektion existiert nicht im Endprodukt- sie existiert in der Idee…wenn sie groß und wirklich genial ist.

strich1

Folgerichtigkeit und Alternativlosigkeit einer Umsetzung kann allein für den Autoren und allein in dem einen Moment des Schreibens bestehen- in einer Woche, sechs Monaten, 10 Jahren wird er seine Wahl für diese oder jene Wendung, seine Entscheidung für den einen oder anderen Weg vielleicht –und nicht ganz unwahrscheinlich– ganz anders sehen. Der Leser muss ihm folgen, es evtl. sogar können- ein Glücksfall. Im Idealfall sieht er aber auch die zahllosen anderen Möglichkeiten und empfindet einige davon für sich, in seinem Moment, als richtiger.

strich3

Man sollte vielleicht viel mehr Fragmente, Studien und abgebrochene Manuskripte lesen- denn sie sind in absolut gleichem Maße unfertig und unperfekt wie veröffentlichte und sogar kanonisierte Texte- nur ehrlicher und nicht mit dem Anstrich von abschließender Gültigkeit überzogen.

strich2

3 Kommentare

Eingeordnet unter -

Aus aktuellem Anlass aus dem Archiv: Hauptweg & Nebenwege- zur Lesebiographie

Dies hier war einer meiner allerersten Blogbeiträge vor nunmehr fast genau 2 Jahren. Ich hole ihn nun noch einmal aus der Versenkung hervor, da ich ihn am 11.06. im Rahmen einer Veranstaltung öffentlich lesen werde. Zum 25jährigen Ortsjubiläums unserer Stadtbücherei gestalte ich einen Abend mit Texten zu Bibliotheken und dem Sammeln von Büchern. Nach Borges, Manguel, Perec und Nossack bekommt das Publikum dann diesen Text von mir selbst zum Abschluss.

Die Veranstaltung: Staubige Mitbewohner oder: eine Art Paradies- beginnt um 19.30 Uhr in der Stadtbücherei Steinfurt. Es gibt auch Musik. Das gesamte Programm der Festwoche WortWelten gibt es hier.

Klee_HWNWHauptweg und Nebenwege– so heißt ein Gemälde von Paul Klee aus dem Jahre 1929.

Es ist auch ein guter Titel für eine Biographie, wie ich finde. Der einzig mögliche Titel eigentlich. Ich benutze ihn auch gern im Zusammenhang mit dem, was ich Lesebiographie nenne. (Und: Sehe nur ich das, oder ähneln die rechteckigen Felder auf Klees Gemälde nicht unzähligen Buchrücken- verschieden breit, verschieden hoch, in allen möglichen verschiedenen Farben?)

Mit der Sesamstraße brachte ich, der nicht zum Kindergarten ging und morgens mit der Mutter allein zu Haus, das Alphabeth bei –oder zumindest Teile davon, so dass ich bei meiner Einschulung schon einige Worte mehr schreiben konnte als die meisten meiner Mitschüler.

Nur wenige Jahre später verbrachte ich die Sonntagmorgende, an denen ich noch kurz zu meinen Eltern ins Bett durfte, bevor es zum Frühstück ging, mit dem Lesen der Buchrücken, denn meine Eltern hatten ein Doppelbett, hinter dessen Kopfende ein Bücherregal angebracht war. Hauptsächlich bestand die Bibliothek meiner Eltern aus den monatlichen Hauptvorschlagsbänden des Deutschen Bücherbundes, aber das war mir damals noch egal. Sir Walter Scotts Ivanhoe, Cervantes, Konsalik und Simmel standen in dem Regal friedlich an der Seite merkwürdiger Titel wie Apollonia und ihr Rittmeister oder so ähnlich, deren Inhalt mir damals aber noch genauso unbekannt war wie der der Klassiker nebenan.

Wenn mein Vater Nachtschicht hatte, schlief ich auf einem Klappbett im Zimmer meiner Mutter, damit Vater sich morgens ungestört in mein Bett legen konnte, welches auf dem ausgebauten Dachboden stand und für ihn verlässlicher Ruhe versprach. Weiterlesen

2 Kommentare

Eingeordnet unter -, essays

Borges: „Lesen ist Denken……“

BeFunky_bibliothek.jpg

Hinterlasse einen Kommentar

28. September 2014 · 11:12 am

– Kommt ein Blogstock geflogen…-

bücherwand

Mit etwas Verspätung greife ich mit diesem Beitrag die Einladung Wolfgang Schniers auf, der mir freundlicherweise dieses Blog-Stöckchen zuwarf. Über Bücher schreiben? -Für Jemanden, der liest wie blöd und auch selbst Bücher verfasst, kann und muss das nur eine Freude sein! Und das ist es für mich. Durch diese Fragen noch einmal einen Blick auf die eigene Lesebiographie und das eigene Lektüreverhalten zu werfen, ist allemal eine Pause vom Alltag wert. Gern hätte ich es früher getan, aber erst jetzt, wo mein neues Manuskript beim Verlag und ein möglicher Titel gefunden ist, etc., gewinne ich  neben dem weggelegten Stapel der zur Recherche benötigten Karten, Lexika und Biographien allmählich wieder meine Lust auf „fremde“ literarische Produktion zurück!

Nun denn: Danke, Wolfgang für die Einladung!

Welches Buch liest du momentan? Warum liest du das Buch? Was magst du daran?

Wie eigentlich schon die letzten Jahre ist mein Leseverhalten im Moment etwas aufgeteilt. Da ist auf der einen Seite das berufliche Lesen, als Buchhändler und Leiter mehrerer Lesekreise und auf der anderen ist die rein private Lektüre. Beide Seiten befruchten und ergänzen sich natürlich. Es gibt also nie nur EIN Buch, mit dem ich mich gerade beschäftige. Zudem ist der Jahresanfang für mich buchtechnisch immer eine besondere Zeit, denn unterm Weihnachtsbaum lagen mal wieder (durchaus erwünscht) ausschließlich Druckerzeugnisse, die noch nicht ab-„gearbeitet“ sind und Ende Janaur habe ich Geburtstag, zu dem sich dann (ebenfalls erwünscht) noch ein weiterer Stapel Bücher einfindet.
Wirklich sehr, sehr gereizt hat mich im vergangenen Herbst der erste Roman von Katharina Hartwell: Das fremde Meer. Jüngere deutsche Gegenwartsliteratur ist ja einer meiner Leseschwerpunkte und Katharina Hartwell ist vom unverschämt jungen Jahrgang 1984! Ich kanne bereits einige ihrer Erzählungen und war ohenhin auf etwas Größeres von ihr gespannt. Das fremde Meer hat dazu noch einen äußerst interessanten Ansatz und ich bin wirklich unglücklich, dass ich die Lektüre für neu anstehende Lesekreis-Bücher kurz unterbrechen musste. Hartwell erzählt ein und diesselbe Geschichte in jedem Kapitel in einem anderen literarischen Genre. Es gibt ein Märchen- und ein Science Fiction- Kapitel, ein historisierendes und so weiter, immer verknüpft mit kleinen Überleitungen, die die „eigentliche“ Geschichte fortführt. Alle Figuren wandeln sich und tragen jeweils andere Namen, aber die Grund-Konstellation bleibt immer erkennbar. Sehr mutig, aber sehr gekonnt.
Daneben lese ich abends immer ein paar Absätze in Martin Kessels Erzählung: Am Laubenheimer Platz, erschienen in der wunderbaren kleinen Reihe der Friedenauer Presse, bei der mich allein der Satzspiegel, das Papier und die Gestaltung in Verzückung versetzen. Kessel, dessen Roman: Herrn Brechers Fiasko ich bereits sehr schätze, war einer DER  Erzähler des Berlins der 20er Jahren. Wortwitz, Charme und ein enormer Esprit zeichnen neben einer großartigen ironischen Beobachtungsgabe seinen Erzählstil aus.
Ebenfalls so zwischendruch habe ich Kapitel aus Umberto Ecos neuem Buch: Die Geschichte der legendären Länder und Städte gelesen, da mich das Thema enorm interessiert und inspiriert und Eco ein so gleichermassen genauer und unterhaltsamer Erzähler ist. Tja und auf beruflicher Seite las oder lese ich gerade Lars Gustafsson, Alice Munro, Thomas Hettche und erneut Max Frisch, mit dessen Tagebüchern und Homo Faber wir uns in einem der Lesekreise beschäftigen. Dazu immer: Gedichte! Von Hans Ulrich Treichel, Hedrik Rost und William Carlos Williams, teils als Aufwärmer für die Lesekreise, teils als Anregung für meine nebenbei noch entstehenden eigenen Texte…

Wurde dir als Kind vorgelesen? Kannst du dich an eine der Geschichten erinnern?

Ich kann mich nicht konkret erinnern. Ich denke, die Geschichten, von denen ich weiß, dass meine Mutter sie erzählt hat, waren zum Teil vorgelesen. Vermutlich habe ich damals den Schnitt zwischen einer selbst erfundenen Geschichte und einer vorgelesenen einfach noch nicht gemacht. Noch bei den ersten von mir selbst gelesenen Büchern machte ich als Kind überhaupt keinen Unterschied zwischen Realität und Fiktion. Jedes Buch war wahr und einzigartig und allein für mich geschrieben- so war mein Gefühl, nein: meine Überzeugung! ALLE Protagonisten waren in gewisser Weise ICH, andere Erscheinungsformen und Teile meiner Selbst. Meine Eltern hatten mir irgendwann ein Buch geschenkt, in dem die Hauptfigur meinen Vornamen trug und ungefähr mein Alter hatte, sogar auf den Illustrationen sahen wir uns ähnlich. Vielleicht kam der Gedanke daher. Obwohl (oder gerade WEIL?) die Geschichte nichts mit meinem eigenen Leben zu tun hatte, war ich ungeheuer gespannt darauf, wie dieser Namensvetter sie durchleben würde. So ist es im Prinzip bis heute geblieben, stelle ich gerade fest. Jeder Held, selbst, wenn er mir nicht ähnlich sieht, ist eine Variante von mir selbst oder zumindest ein Vertrauter und Angehöriger derselben Spezies und somit als Identifikationsfigur tauglich.

bücherzeile

Gibt es einen Protagonisten oder eine Protagonistin, in den/die du mal regelrecht verliebt warst?

Nach dem besagten Namensvetter aus dem Kinderbuch waren das viele, unendlich viele. Im wahrsten Sinne „verliebt“ war ich wohl in die kindliche Kaiserin aus Michael Endes Die unendliche Geschichte. Wie so viele heranwachsende Männer (ich definiere das übrigens bis etwa 65 Jahre) fühlte ich mich Salingers Holden Caulfield aus dem Fänger im Roggen besonders nah. Seine kindliche Verwunderung über die Welt und sein hartnäckiges Hinterfragen der Konvention auf der Schwelle zum Erwachsenwerden haben mir immer als Vorbild gedient. Aber ich kann mich heute noch in den Anti-Helden eines Hans Ulrich Treichel oder Wolfgang Herrndorfs hineinfühlen und sagen: „Ja, Mann! Genauso ist es!“

In welchem Buch würdest du gern leben wollen?

Die Frage ist für mich gleichbedeutend mit : In welcher Welt würdest du gerne leben, denn alle Geschichten spiegeln unsere wirklich Welt in mehr oder weniger konkreter Weise wieder. In den meisten Büchern gibt es genauso Gewalt und Misstände wie im Hier und Jetzt und ich kann nicht wirklich behaupten, dass ich mich nach solchen sehnte! Ich will eigentlich kein Abenteuer und ich bin auch nicht auf Konflikte heiß. Es müsste eigentlich ein Buch sein, in dem Ruhe und Frieden herrscht, Versöhnlichkeit. Klar reizen die Welten von Tintenherz und Harry Potter oder Narnia, aber dort wird gekämpft, gemordet und verhext….. Nachbarn wie Dorian Gray oder Sherlock Holmes zu haben wäre natürlich toll, aber diese Dekadenz und all die grauenhaften Verbrechen verschafften dieser Welt auch nicht gerade einen Standortvorteil! Ich glaube, ich würde wohl höchstens in die Welt des Buches passen, an das ich mich als allersertes erinnere: Mein kleiner Esel Benjamin.  Die kleine Susi erzählt von ihrem Leben auf einer Insel im Mittelmeer, zusammen mit ihrem Papa, ihrer Mama, ihrer kleinen Schwester und vor allem mit Benjamin. Benjamin ist ein Eselbaby, das seit dem Tag bei Susi wohnt, an dem sie es mit ihrem Papa gefunden hat. Gemeinsam wird gespielt, gebadet, gelacht und geweint. Benjamin ist Susis bester Freund. Das folgende „Abenteuer“ ist so klein und das Happy End so absehbar, dass ich mir dieses kleine Buch als Heimstatt ganz gut vorstellen könnte. Weiterhin wären einige Lindgren-Bücher annehmbare Meldeadressen, denn dort sind meistens Sommerferien, herrscht angenehmes Wetter und die Erwachsenen sind überwiegend nett: Ja,  Bullerbü oder Saltkrokan würde ich ganz gern als Absender auf meine Postkarten an Freunde schreiben.

Nun müsste das Stöckchen von mir weitergeworfen werden- ich werde versuchen, diesr Aufgabe nachzukommen und unter meinen Blog-Kontakten noch den Ein oder Anderen anzusprechen, der noch nicht zum Zuge kam. Das kann aber ein paar Tage dauern- ich bitte um Geduld! Sollte sich derweil Jemand von diesem Beitrag angesprochen fühlen und selber Lust bekommen, die Fragen aus seiner Sicht zu beantworten- dann darf er das gerne tun! Ich würde mich freuen.

2 Kommentare

Eingeordnet unter -

-Hauptweg und Nebenwege- zur Lesebiographie

klee-highways-and-byways-1929

Hauptweg und Nebenwege– so heißt ein Gemälde von Paul Klee aus dem Jahre 1929.

Es ist auch ein guter Titel für eine Biographie, wie ich finde. Der einzig mögliche Titel eigentlich. Ich benutze ihn auch gern im Zusammenhang mit dem, was ich Lesebiographie nenne. (Und: Sehe nur ich das, oder ähneln die rechteckigen Felder auf Klees Gemälde nicht unzähligen Buchrücken- verschieden breit, verschieden hoch, in allen möglichen verschiedenen Farben?)

Mit der Sesamstraße brachte ich, der nicht zum Kindergarten ging und morgens mit der Mutter allein zu Haus, das Alphabeth bei –oder zumindest Teile davon, so dass ich bei meiner Einschulung schon einige Worte mehr schreiben konnte als die meisten meiner Mitschüler.

Nur wenige Jahre später verbrachte ich die Sonntagmorgende, an denen ich noch kurz zu meinen Eltern ins Bett durfte, bevor es zum Frühstück ging, mit dem Lesen der Buchrücken, denn meine Eltern hatten ein Doppelbett, hinter dessen Kopfende ein Bücherregal angebracht war. Hauptsächlich bestand die Bibliothek meiner Eltern aus den monatlichen Hauptvorschlagsbänden des Deutschen Bücherbundes, aber das war mir damals noch egal. Sir Walter Scotts Ivanhoe, Cervantes, Konsalik und Simmel standen in dem Regal friedlich an der Seite merkwürdiger Titel wie Apollonia und ihr Rittmeister oder so ähnlich, deren Inhalt mir damals aber noch genauso unbekannt war wie der der Klassiker nebenan.

Wenn mein Vater Nachtschicht hatte, schlief ich auf einem Klappbett im Zimmer meiner Mutter, damit Vater sich morgens ungestört in mein Bett legen konnte, welches auf dem ausgebauten Dachboden stand und für ihn verlässlicher Ruhe versprach.

Meine Mutter las damals noch immer eine Viertelstunde vor dem Einschlafen und ich wollte das auch. Doch besaß ich kaum eigene Bücher, weshalb ich mir aus dem elterlichen Regal etwas aussuchen durfte. So versuchte ich, da ich mich für Ritter interessierte den Ivanhoe und scheiterte kläglich. Aber es war mir egal. Ich las es dennoch zu einem guten Teil -genauso, wie ich morgens auf dem Schulweg auch alle Angebotstafeln der Supermärkte las und alles andere Gedruckte oder Geschriebene.

Ich weiß noch, wie sehr mich ein Buch mit dem Titel: Matthias und das Eichhörnchen verwirrt hat, da mein eigener Name darin vorkam- ein Junge, der so hieß wie ich und ungefähr so alt war als Held? Das war komisch.

Genauso wenig wie an die Handlung dieses Buches kann ich mich heute noch an die von 99 Drachen erinnern, einem Titel, von dem ich weiß, dass ich ihn verschlungen habe; mich nach den hastig gemachten Hausaufgaben regelrecht darauf gestürzt habe, um zu wissen, wie es ausgeht….

Einige Jahre vergingen…..

Den Kinderbüchern war ich entwachsen.

Die Hormone drängten, andere Dinge waren interessanter.

Mit ungefähr 15 stieß ich auf wieder auf das Lesen und diesmal auf Literatur, die mir etwas sagte. Es war schwierig, die richtigen Titel zu orten: meine Familie war keine sehr Belesene, meine Freunde begnügten sich mit Fussball, Fernsehen und Feten, um glücklich zu sein. Ich war damit nie zufrieden gewesen. Ein Loch klaffte in meinem eh schon sehr porösen Selbstbild.  Ich litt am Erwachsenwerden, ich litt an der Liebe und am Leben – kurzum: ich litt.

Ich entdeckte aber peu a peu, dass es nicht nur mir so ging. Da war der Junge Cal in John Steinbecks Jenseits von Eden, da war vor allem Holden Caulfield aus Salingers Fänger im Roggen!! Ich suchte diese Brüder im Geiste immer wieder auf, las fast alles von Steinbeck und stieß dabei auf viele junge Männer, die „mit der Größe rangen„. Ich probierte anderes.

An einem brüllendheißen Sommertag, ich war mittlerweile vom Dachboden in den Keller unseres Hauses umgezogen, lag ich auf der ausrangierten Couch meiner Großeltern und las das Reclamheftchen Die Verwandlung von Franz Kafka.

Ein junger Mann, der sich plötzlich verwandelt findet, was der Rest der Familie eklig findet und meidet. -Das war ja ich!

Also musste alles von Kafka her, wobei ich feststellte, dass ich das Meiste nicht verstand. aber die Dachse, Affen und Hunde mit menschlichen Gefühlen übten dennoch eine riesige Faszination auf mich aus.

Dann, es war noch vor Wikipedia- stieß ich irgendwo auf den Namen Rimbaud! -Ich ließ mir eine Ausgabe seiner Gedichte von meinen Eltern zum Geburtstag schenken, die allmählich fürchteten, ich schlüge nach einem entfernten Onkel, der in jungen Jahren Villon vergöttert hatte und in der Schizophrenie geendet war.

Auch Rimbaud verstand ich nur zur Hälfte- aber: er war ein wenig schmutzig und das war doch schon was.

Auf der Suche nach Ähnlichem kamen und gingen Verlaine, Mallarme und andere.

Jeder Geburtstag brachte einen Buchgutschein und in den spärlichen Regalen einer niederrheinischen Kleinstadt-Buchhandlung fand sich da und dort tatsächlich etwas: ein Sartre-Lesebuch, Camus Der Fremde und Die Pest, testweise Bukowski.

Manches blieb, manches ging -aber immer war da ein Weg von einem zum nächsten. Meine Lesebiographie hatte begonnen. Die Schule ergänzte um Frisch, (den ich erst hasste, dann sehr liebte) Goethe, Eich und Bachmann.

Allzu große Namen waren mir suspekt. Meine Seite war eher die obskure, dunkle. Mit langen Listen von irgendwo von irgendwem empfohlenen Büchern ging ich in die Buchhandlung umd ließ den armen Buchhändler auf tausend Umwegen über Schlagworte und Querverweise etwas suchen, was meine Wünsche erfüllte. Anthologien, Fremdsprachiges und Sekundärliteratur.

Ich weiß nicht, woher er sie hatte, aber eines Tages kam mein Vater mit einer Wolfgang Borchert-Biographie aus einem DDR-Verlag und ich las auch diese. Dann Borcherts Geschichten: so einfach, so klar, so perfekt.

Eines ergab das Andere.

Und so ist es geblieben. Ein Buch gelesen, sucht man das Nächste. Manchmal ist es nicht so toll wie das Vorige, aber vielleicht führt es zum Nächsten, das noch viel großartiger ist. Nebenwege führen eben auch weiter.

Bei den meisten meiner engsten Freunde in meiner Bücherwand weiß ich nicht mehr, woher ich sie kenne. Aber einige Verwandtschaften lassen sich noch deutlich erkennen. Ich liebte schon recht früh Cees Nooteboom und probierte dann Harry Mulisch (verworfen), probierte Leon de Winter (manches gut, manches schlecht)entdeckte schließlich Maarten t`Hart (jetzt heißt mein Sohn Maarten).

Ich las immer noch Kafka und kam irgendwie zu Hermann Kasacks Die Stadt hinter dem Strom und von dort zu Hans Erich Nossack und Paul Kornfeld.

Und so geht es heute noch. Es gibt die Hauptwege: deutsche Gegenwartsliteratur, Holland, ein wenig Amerika-

aber es gibt auch die Nebenwege, die sich davon verzweigen und auf manchem habe ich Lesefrüchte entdeckt, die ich nicht missen möchte.  Kein Buch ist je genauso wie das Andere, aber alle hängen irgendwie zusammen- und bilden meine Lesebiographie, die erst enden wird, wenn ich erblinde oder sterbe.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter allgemein