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Leeds/Dortmund 50- ein Schreibprojekt

Okapi-Gmbh-Marktforschung-Feldarbeit-Bleistift

Die Städtepartnerschaft zwischen Dortmund und Leeds feiert ihren 50sten Geburtstag. Das Projekt LD50 hat aus diesem Anlass u.a Schreib-Partnerschaften von Dichtern beider Städte angeregt und vermittelt. 10 Schreiber aus Deutschland und 10 aus England haben sich in den letzten Monaten literarisch mit dem Thema „Nachbarschaft“ auseinander gesetzt. Präsentiert wird das Ganze im Oktober bei einem großen Festival in Leeds sowie auf einer eigenen Website.

Ich bin sehr stolz, ebenfalls dabei zu sein. Gemeinsam mit meiner Partnerin Barney Bardsley durfte ich jeweils ein Gedicht und eine Kurzprosa verfassen, bei deren Entstehungsprozess wir uns eng aneinander angelehnt und intensiv diskutiert haben. Eine großartige Erfahrung!

Auf der LD50-Website gibt es bereits die ersten Texte aller Teilnehmer.
Dorthin geht es HIER. Als Beispiel einmal mein Gedicht:

Landschaftsbild
Erst nur eine hand voll häuser, ins grün gewürfelt.
dann wenige wege, bögen schlagend um
halststarriger bauern grund. eine spitze kirche:
zur besänftigung der landschaft aufgepflanzt;

aber bald schon paffte die stadt, steckte sich
einen schlot an, den nun, längst erloschen,
stahl und waschbeton überragen.
die visagen der stadt: verzagt und grau;

den meisten nachbarn allzu ähnlich: ein flachbau,
postmodern neben sakralem. einige vernarbte fassaden
neben fensterfronten mit blindem blick; dann
fachwerkreminiszenzen und homöopathisch: grün.

an masten verblasste parteiplakate, vorbei
wogen bahnen und wagen. fremdgewächse suchen
die sonne im kreisverkehr und alle bewohner
gehen gebeugt, bezeugt von tiefen wolken.

 

Und hier in der Übersetzung von Dr. Kara McKechnie von der School of Performance and Cultural Industries der University of Leeds

 

IMAGE OF THE LANDSCAPE
At first just a handful of houses, dotted about in the green
then a few paths, forming loops around
stubborn farmers‘ land. A pointy church:
planted to calm down the landscape;

but soon the city started smoking, lit itself
a chimney, long since extinguished, which is now
overshadowed by steel and exposed concrete.
the faces of the city: disheartened and grey.

Most of the neighbours are all too similar: a flat building,
post modern next to something sacred. a few scarred facades
next to window fronts casting a blind eye; then
reminiscence of half timber and homeopathic: green.

Election posters grown pale on masts, past them
undulate trains and trucks. Unfamiliar plants search for
sun on the roundabout and all the residents
walk with bent backs, witnessed by deep clouds.

 
MATTHIAS ENGELS
TRANSLATOR: KARA McKECHNIE

 

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-Autoreninterview mit Judith H. Strohm-

Mittlerweile ist es mir zu einer schönen Gewohnheit geworden, ab und an auch anderen Autorinnen und Autoren hier auf  -dingfest- Platz einzuräumen. Was uns Schreibende bewegt, woran wir arbeiten und was uns genau das erleichtert oder erschwert- all das sind spannende Themen: für andere Autoren wie für die Leser. Diese Woche hat sich Judith H. Strohm bereit erklärt, mir einige Fragen zu beantworten. Judith erlebt gerade eine der angenehmeren Facetten des Schriftsteller-Daseins: sie steht kurz vor der Veröffentlichung ihres ersten Buches. Allerdings ist das Prozedere in Judiths Fall ein etwas Ungewohntes. – Aber Näheres dazu erfährt man im Anhang, nun  endlich zur Autorin selbst:
Bild

Hallo Judith. Danke, dass du dich zu diesem Interview bereit erklärt hast. Du lebst in Berlin und bist außerordentlich viel unterwegs- sowohl körperlich auf Reisen, wie auch im Netz und in verschiedensten Schreibgruppen. Kann man das so sagen? Erzähl mal ein wenig über die verschiedenen Seiten deines Schreibens.

Orte und natürlich mit ihnen die visuellen Eindrücke, der Geruch etc. vor Ort sind ganz sicher eine der wichtigsten Inspirationsquellen für mich. Entsprechend ist Reisen extrem wichtig. Dabei nehme ich aus Wolfenbüttel ebenso etwas mit wie aus Lahore in Pakistan. Das Schreiben an sich ist wie bei allen Autorinnen und Autoren ein schöpferischer Akt aus mir selbst heraus. Ich will nicht von der „einsamen Sache“ sprechen, da ich mich beim Schreiben nicht einsam fühle, aber es findet, ganz praktisch, alleine statt. Was ich im Anschluss jedoch für mich als extrem bereichernd empfinde, ist, dass ich mir unmittelbares Feedback einholen kann, und zwar nicht von engen Freunden oder meiner Familie, sondern von anderen Autorinnen und Autoren, sei es beim Autorenkombinat Komamndo Torben B. oder bei der Gruppe MischMash, die ich beide mitgegründet habe.
Last but not least ist auch das Netz eine für mich gewinnbringende Möglichkeit, mit einer (kritischen) Leserschaft im Kontakt zu sein und von ihnen Reflexionsanstöße zu erhalten.

Und das scheint Früchte zu tragen! Bei dir steht in Kürze etwas Großes an, nicht wahr?

Ich glaube, die Aufregung ist bei mir noch nicht angekommen. Mal sehen, ob das noch kommt.

Worum wird es sich handeln?

Tatsächlich freue ich mich sehr, dass der kladdebuchverlag meine Sammlung von zwölf Kurzgeschichten zur Veröffentlichung angenommen hat. Damit wird mein erstes Buch erscheinen. Das ist schon eine aufregende und beglückende Sache.

Die kurze Form ist ja durch die Vergabe des Nobelpreises an Alice Munro gerade ein wenig mehr in das Zentrum des Leserinteresses gerückt. Mir scheint bei der großen kanadischen Autorin der Begriff short-story oft etwas zu kurz gegriffen. Kurzgeschichten oder Erzählungen- wie nennst du deine Texte?

Ich selbst spreche von Kurzgeschichten, obwohl Literaturwissenschaftler meine Texte evtl. eher in die Tradition der angelsächsischen Short Story stellen würden. Ich selbst finde diese Kategorisierungen nicht so spannend. Das ist ja immer der unterschiedliche Fokus zwischen Kunst und ihrer Kritik. Die Literaturkritik macht aus der Kategorisierung eine Wissenschaft, spürt Traditionslinien und Brüchen nach. Das ist aber nicht mein Feld.

Sicher wirst du auch ständig, wie so viele Autoren, die sich mit der kürzeren Form beschäftigen, nach dem großen Roman gefragt. Ist das eine Option für dich? Etwas, das im Hinterkopf ist?

Ja, es gibt schon Leute die sagen: „Super, jetzt also zwölf Geschichten, demnächst also zwölf Romane?“ Dann wirkt die kürzere Prosaform immer wie eine Fingerübung zu etwas vermeintlich „Erwachsenerem“, „Großartigerem“. Tatsächlich plane ich momentan weder in kürzerer noch in fernerer Zukunft ein Romanprojekt, aber ich will auch nicht „niemals“ sagen.

Worin liegt für dich der Reiz kürzerer Texte?

Der Reiz liegt für mich in der Vielfalt der Kurzprosa. Sie ist sogar so vielfältig, dass selbst die Grenze zum Roman verschwimmt. Nimmt man beispielsweise von Alice Munro „Das Bettlermädchen: Geschichten von Flo und Rose“, so ist dies formal eine Kurzgeschichtensammlung. Tatsächlich begleiten diese die beiden titelgebenden Figuren jedoch durch viele Stationen ihres Lebens und es entfaltet sich ein Gesellschaftspanorama, wie es auch in einem Roman komplexer kaum sein könnte. Aus meiner Sicht werden die Möglichkeiten der Kurzgeschichte häufig leider unterschätzt. Insofern liegt für mich der Reiz auch darin, meinem Publikum diese Literaturform näher zu bringen.

Für diejenigen, die sich für deine Texte interessieren- kannst du sie ein wenig charakterisieren?- Gibt es Themen, die vorherrschen? Eine bestimmte stilistische Besonderheit? Dinge, die dich in deinen Geschichten besonders beschäftigen?

Ohne zu agit-prop-mäßig wirken zu wollen, blitzt in meinen Geschichten sicher die Tatsache durch, dass ich Politikwissenschaftlerin bin und ich in meinen Geschichten auch aktuelle politische Themen adressiere. Die Kunst ist, Drohnenattacken in Pakistan oder die tonnenweise Vernichtung von Lebensmitteln so in die Geschichten einzuflechten, dass die Leserinnen und Leser das nicht als aufgezwungen erleben, sondern über etwas stolpern, bei Lesungen nachfragen, zum Nachdenken angeregt werden.
Da ich meine Texte wirklich sehr gerne öffentlich vortrage, ist für mich die Lesbarkeit, so etwas wie Melodie und Rhythmus extrem wichtig. Dabei arbeite ich daran, dass Form und Inhalt Hand in Hand gehen. Es gibt zum Beispiel eine sehr lange Sequenz, in der jemand eine Treppe hochläuft, immer zwei Stufen auf einmal nimmt. Wenn ich diese Stelle laut lese, bin ich am Ende genauso atemlos wie der Protagonist, muss genauso eine Pause machen, um Atem zu holen.

Das klingt sehr spannend und macht mir und sicher vielen Anderen schon Lust auf dein Buch. Aber mal weg vom Inhaltlichen- Wie Patrice Talleurs Kinderbuch Flämmchen, das ich kürzlich hier vorstellte, und auch mein neuer Roman wird dein Buch im neu gegründeten kladde buchverlag erscheinen. Warum hast du dich für kladde entschieden?

Tatsächlich ist der kladdebuchverlag für mich ein völliger und sehr glücklicher Zufall. Ich war eigentlich voll auf „selfpublishing“ gepolt und führte bereits erste Gespräche mit einer Lektorin und einer Graphikerin, da auch ein selbst publiziertes Buch Qualität haben muss. Ich hatte von so viele jungen Autorinnen und Autoren über deren verzweifelte Agentur- und Verlagssuche erfahren, dass ich überhaupt keine Lust hatte, mich überhaupt da hinein zu begeben. Mein Anliegen ist, dass Menschen meine Texte lesen. Das kann ich heutzutage auch auf direktem Weg erreichen. Via Facebook wurde ich dann auf den kladdebuchverlag aufmerksam, habe nach dem Motto „ich habe ja nichts zu verlieren“ einen Text für eine Anthologie vorgeschlagen und zwei Tage später kam eine Email: „Wir wollen mehr!“ Ich glaube, die haben sich für mich entschieden und gar nicht so sehr umgekehrt.

Wie ist bisher die Zusammenarbeit mit den jungen Kreativen dort?

Super! Ich selbst bin ja auch eine „Macherin“, bin beruflich und ehrenamtlich sehr engagiert und habe daher große Sympathien für Menschen, die mutig etwas Neues wagen. Zugleich habe ich auch Spaß daran, eigene Ideen in das Buchprojekt einzubringen. Bisher lässt sich unsere Zusammenarbeit sehr gut an. Ich bin gespannt, wie es laufen wird, wenn es nun Ernst wird mit dem Start der Funding-Kampagne.
kladdeJetzt machen wir mal einen auf Werber! Warum sollte man dein Buch mit einem Funding-Beitrag unterstützen? 

Dieses Projekt ist unterstützenswert, da gute Literatur und neue Geschichten immer eine Bereicherung sind. Zudem zahlt sich die Investition in vielfältiger Weise aus. Denn das Buch wird ein sehr schönes, hochwertiges Produkt sein, aus tollem Papier und mit Lesebändchen. Zugleich unterstützt der Kauf kleine und mittelständische Unternehmen im Handwerk (Papiermanufaktur, Druckerei) und der Kreativwirtschaft (Start-up Verlag und die von ihm bevorzugten inhabergeführten Buchhandlungen) und last but not least wächst natürlich auch meine persönliche Motivation als Autorin noch bessere Geschichten zu schreiben. Das Interesse der Leserinnen und Leser ist ein sehr wichtiger Motor.

Was ist dein größter Wunsch derzeit? Im Schreiben und generell?

Der Weltfrieden? Im Ernst. Die Frage ist zu groß. Ich wünsche mir sehr, dass das Buchprojekt sein Publikum findet und realisiert werden kann, da das erfolgreiche Funding auf visionbakery die existentielle Bedingung für das Buch darstellt. Und für mich persönlich wünsche ich mir gerade mehr Zeit zum Schreiben. Neben Vollzeitjob, Familie und mehreren Ehrenämtern, ist das nicht immer einfach. Zugleich habe ich so viele Themen im Kopf, zu denen Geschichten erzählt werden müssen!

Wer wünschte sich nicht den Weltfrieden!? Aber ein vergleichsweise kleiner Wunsch im eigenen privaten und beruflichen Bereich ist sicher ebenso gestattet und wichtig. Ich wünsche dir ganz viel Erfolg mit deinem Buch und deinen weiteren Plänen! Vielen Dank für das nette Gespräch!

Wer Judiths Buch lesen möchte, sollte also nach Möglichkeit nicht in der gewohnten Haltung verharren, es zu erwerben, wenn es denn im Laden liegt. Aber wie geht es nun konkret?- 

Der kladde buchverlag, wird also bald schon im Vorfeld der Veröffentlichung gezielt nach Unterstützern des Projektes suchen, die den Druck des Buches mittels crowdfunding finanzieren. Der Leser wird auf der Plattform  visionbakery bereits vor der Veröffentlichung mit Informationen und Leseproben zu Text und Autorin versorgt und erhält die Möglichkeit, das Manuskript schon vor den späteren Lesern kennenzulernen und mit einer individuellen Unterstützung zu pushen. Vom risikofreien Kauf des Buches zum späteren Ladenpreis über das Vorbestellen eines signierten Exemplars bis zur Erwähnung des eigenen Namens im späteren gedruckten Buch sind zahlreiche Möglichkeiten gegeben, sich als Unterstützer direkt und unittelbar mit dem Projekt zu verknüpfen. Ein spannendes und innovatives Konzept, das dem jungen Verlag schon einige Aufmerksamkeit beschert hat.  Es sei somit noch einmal an alle appeliert, die mit dem Gedanken spielen, Judiths Buch zu erwerben: unterstützt schon im Vorfeld das Projekt und macht das Erscheinen mit Eurer Hilfe erst möglich! Ihr fördert eine junge Autorin, einen innovativen Verlag und werdet direkt Teil eines bemerkenswerten Konzepts!

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-Blindverkostung- Folge 3: mit Anke Laufer

BeFunky_blindverkostung

In dieser Kategorie meines Blogs findet etwas ganz Besonderes statt:
Autoren, Lyriker und Leute aus dem Kulturbetrieb besprechen fremde Texte, ohne den Verfasser zu kennen.

Die Regeln:

Ich suche für jeden teilnehmenden Schreiberling ein Gedicht oder einen kurzen Prosatext aus meiner oft etwas obskuren Bibliothek heraus und übersende ihm diesen ohne Autorenangabe. Es herrscht strengstes Suchmaschinenverbot!!
Der teilnehmende Autor bespricht nun spontan und subjektiv den von mir ausgewählten Text, äußert seine Assoziationen und versucht, die Herkunft einzukreisen. Erst im Nachhinein verrate ich den tatsächlichen Verfasser.

Ein sicher aufschlußreiches und interessantes Spiel, das hoffentlich einiges über den individuellen Zugang zu Literatur verrät.

Bisher haben mir:

Jost Renner  https://dingfest.wordpress.com/2013/07/14/blindverkostung-folge-1-mit-jost-renner/
Thyra Thorn https://dingfest.wordpress.com/2013/07/20/blindverkostung-folge-2-mit-thyra-thorn/
Anke Laufer https://dingfest.wordpress.com/2013/07/27/blindverkostung-folge-3-mit-anke-laufer/
und Paul Fehm    https://dingfest.wordpress.com/2013/08/02/blindverkostung-folge-4-mit-paul-fehm/
die Ehre gegeben.

tafelIch freue mich, erneut eine interessante und hochtalentierte Autorin für diesen Feldversuch gewonnen zu haben.

Anke Laufers Texte sind eine ganz eigene Kategorie. Keiner davon läßt mich kalt. Da steht Spannung neben Humor, feine Beobachtungsgabe neben handfesten Dialogen. Anke Laufer liebt ihre Figuren und gestaltet sie treffsicher und facettenreich. Dennoch kennt sie kein unnötiges Mitleid mit ihnen und führt sie in die fürchterlichsten Situationen. Und das mit einem trickreichen und sicherem Handwerk, dass es nicht wundert,  dass die Autorin bereits mehrere Auszeichnungen für ihr Schreiben erhalten hat.

In dieser Folge nähert sich Anke auf die bisher vielleicht überraschendste und kreativste Weise ihrem Blindverkostungstext. Viel Vergnügen!

Zur Autorin:

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Anke Laufer studierte Ethnologie und Politik in Freiburg im Breisgau. Sie promovierte im Jahr 2000, war anschließend im Verlagswesen und Multi-Media-Publishing beschäftigt und begann ihre  Dozentinnentätigkeit. Seit 2006 veröffentlicht sie literarische Texte, für die sie bereits Stipendien und mehrere Auszeichnungen erhielt, darunter den Deutschen Kurzkrimipreis 2009 und den Würth-Literaturpreis 2011.

Veröffentlichungen: (u.a.)

Die Irritation. 21 Stories. worthandel : verlag, Dresden, 2012.

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Weitere Infos über Ankes Bücher, Vorträge und sonstige Aktivitäten findet man  unter:

http://ankelaufer.com/

ankescreen

Hier der Text, den ich Anke zum blindverkosten ausgesucht habe:

text anke

Und Anke Laufers „Senf“ dazu:

Zufallstext

Ja, schon gut. Hör auf.
Da schreibt also einer seine „Morgenseiten“. Zugegeben, er macht es nicht auf diese egozentrische und weichgespülte Art.
Wie? Ihr wisst gar nicht, was „Morgenseiten“ sind? Kein Drama, wirklich nicht. Also: Die Idee stammt wohl ursprünglich von Natalie Goldberg, die solch (überaus erfolgreiche und alberne) Bücher verfasst hat wie „Der Weg des Schreibens. Durch Schreiben zu sich selbst finden.“ Amazon setzt erläuternd hinzu: Esoterik (womit Amazon das Produkt treffend kennzeichnet). Natalie Goldberg und die wachsende Zahl ihre Jünger, darunter nicht wenige SchreibwerkstättenleiterInnen glauben nämlich allen ernstes, dass man schreiben lernt, in dem man sich zuallererst und beinahe ausschließlich mit sich selbst beschäftigt. Um eins klarzustellen: Ich finde, wenn man überhaupt in den eigenen Geschichten vorkommen sollte, dann höchstens wie Hitchcock in seinen Filmen, in denen er in Zwei-Sekunden-Sequenzen an der Kamera vorbeihuscht, als Hundespaziergänger, zum Beispiel. Ein irritierter Blick zur Kamera hin war dabei das höchste der Gefühle. Nur wenn man ihn wirklich abpasst, kann man ihn entdecken, wenn nicht, ist das dann auch okay. Es gibt da ja diese nervenzerreißend spannende Geschichte, die gar nichts mit ihm zu tun hat. Scheinbar.
Aber ich schweife ab. Also: Dieser Autor schreibt seine Morgenseiten, fleißig und irgendwie ziellos, allerdings hat er beschlossen, dass diese sich nicht mit ihm selbst, sondern der Welt da draußen beschäftigen sollen. Um warm zu werden listet er Tatsachen, Halbwahrheiten und Behauptungen auf, die ihm auf Zickzackkurs durch den Kopf schießen wie Flipperautomatenkugeln.(In der Flipperautomatenzeit dürfte der Text wohl auch entstanden sein, schätze ich, aber das nur nebenbei)
Wie auch immer: Ein halbausgeschlafener Autor versichert sich der Welt, in dem er sie protokolliert, ein wenig hilflos scheint mir der Versuch und daher irgendwie rührend, möglich, dass ich das Gefühl ganz gut kenne. Wahrscheinlich ist es noch viel zu früh am Tag für ihn. Er muss seine Sinne erst zusammenraffen. Also tastet und tappt er herum, die Haare ungekämmt, in der Mundhöhle noch der Geschmack der schlechten Träume der vergangenen Nacht. Aufgrund dieser ziemlich deutlichen Vision lehne ich mich jetzt mal ganz weit aus dem Fenster und behaupte: Der Autor dieser Zeilen ist ein Mann.
Und der Kerl hat ein Problem. Eindeutig. Wieso ich das weiß? Ich sag jetzt einfach mal nur: Erfahrung.
Mir kann er da wirklich nichts vormachen. Ich hab ihn (aus gutem Grund) nicht überlesen, diesen einen Satz, auch wenn er noch so beiläufig daherkommt: „Schriftsteller schreiben Romane“ behauptet unser Schreiberling. „Ja, klar“, rufe ich ihm über den Schreibtisch hinweg zu, „Oder eben auch nicht!“ und dann schnauze ich: „ Verdammt, geh endlich duschen, mach dir einen ordentlichen Kaffee, reiß dich zusammen. Vielleicht fällt dir dann etwas ein, aus dem eine gute Geschichte werden könnte, muss ja kein Roman sein.“
Zwischendurch klaubt er zu meiner großen Erleichterung etwas auf, das ausnahmsweise nicht nach seinen gebrauchten Socken riecht, sondern nach einer Story: Zwei Anhänger der koreanischen Religionsgemeinde Genri Undo Kenkyudai sind am Dienstag bei einer Gebetsübung unter dem Wasser­fall in Kuzumi (Japan) an Unterkühlung gestorben. „Na also“, sage ich, „geht doch!“, aber da macht er schon weiter wie gehabt und schreibt: Wir kennen keine Langeweile, hebt das zerknitterte Gesicht und grinst mir blödsinnig hoffnungsfroh entgegen. Jetzt werde ich wirklich sauer. „Hast du eine Ahnung!“  Aber dann tut er mir auch schon leid und ich fühle mich berufen, ihm ein wenig auf die Sprünge zu helfen, wobei ich schnell merke, dass mir die Sache schon wieder entgleitet. „Hör mal, keiner sagt mehr ´Primaner` und überhaupt: Filme reißen nicht mehr, wenn man von deinem Filmriss absieht, den du wohl dem Besäufnis gestern zu verdanken hast. Aber glaub mir, der positive Einfluss von Alkohol und Drogen auf die literarische Schaffenskraft wird eindeutig überschätzt.“
Er ist jetzt natürlich ein bisschen eingeschnappt, aber ich schiebe ihm meinen Zettelkasten mit den alten Zeitungsausschnitten über den gemeinsamen Schreibtisch. „Wenn du da nichts findest, ist dir nicht zu helfen, echt. Ich mach jetzt Kaffee. Aber das nächste Mal bist du dran.“
Er fängt an zu kramen und während ich den Kaffee aufbrühe, liest er laut vor:
Quilca, La Punta und el Chorro heißen die Weiler im lang gezogenen Küsternort, in denen kein Stein auf dem anderen geblieben ist. Enrique Gutierrez, der Bürgermeister, berichtete von zwei Kindern, die zum Zeitpunkt des Bebens und der Flutwelle allein zu Hause waren. Die Leichen der fünf und sieben Jahre alten Geschwister fand man später in den Trümmern. Sie lagen sich gegenseitig in den Armen.
Elsa Saile aus Beuren war die Botin. Sie kannte jeden Stein und jedes Haus mitsamt Bewohnern. Sie schleppte die Gebrauchsgegenstände der alten bäuerlich-handwerklichen Welt von einem Ort zum anderen – wo sie eben gebraucht wurden.
Der Vater der Unabhängigkeitserklärung habe zumindest ein Kind mit der 28 Jahre jüngeren schwarzen Sklavin Sally Hemings gehabt, erklärte die Thomas Jefferson Memorial Foundation.
Christine W. ist alleinerziehend. Sie lebt mit zwei Kindern sparsam und zufrieden in drei Wohnwagen. „Sonst müsste ich zum Amt“, sagt sie

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Mein Kommentar:

Na, so richtig festlegen mag sie sich nicht, die Anke Laufer. Und sie hat auch keine falsche Ehrfurcht vor diesem Text. Sie sieht den unbekannten Autoren einfach als Kollegen, der -genau wie wir anderen Schreiber auch- auf der Suche ist nach einem Sujet für einen Text, denn:  Schriftsteller schreiben Romane. Diese scheinbare Selbstverständlichkeit reiht sich leise ein in all die anderen einfachen Wahrheiten. Sahne macht dick, Hunde bellen, Ferngespräche kosten Geld. -Ein wenig Mitleid hört man aus ihrem fiktiven Zwiegespräch mit dem gesuchten Autoren heraus, aber auch Verständnis!
Anke Laufer kennt dieses Ringen sicher auch, das Notieren und Sammeln von Meldungen, Berichten, Anekdoten, die irgendwo einen fast unsichtbaren Keim einer Geschichte in sich bergen und sie legt am Schluss ihrer Betrachtungen dem bedauernswerten Kollegen und uns sogar ein paar ihrer Zettel aus dem magischen Kästchen offen.
Sie vermutet einen männlichen Autoren (in unserer Korrespondenz für die heutige Folge spricht sie sogar von einem KERL) und sie hat Recht damit. Woran erkennt sie das? Bauchgefühl vermutlich. Es handelt sich sogar um einen ziemlichen KERL. Aber dazu später.
Irgendwann in der Flipperautomatenzeit verortet sie den Text und auf Nachfrage meint sie damit schon eine Zeit, die einige Jahrzehnte zurückliegt. Und es gibt ja noch ein paar andere Indizien: Brecht ist schon tod und die Politiker gehen hier nach BONN, aha! Da kann man also sagen: der Text ist nicht älter als 1956 und nicht jünger als 1999.
Eine ungefähre Verortung. Wie lange man sich schon bewußt ist, das Rauchen Lungenkrebs verursacht und ob die Polizeistunde de facto noch existiert, müsste man glatt recherchieren. Ansonsten gibt der Text mit seinen vielen Allgemeinplätzen nicht mehr her. Nein?
Mal zurück zu den einfachen Wahrheiten: Züge haben Verspätung, ja! Ampeln stehen auf Rot, ja! Der Kaffee wird kalt, ja verdammt- und immer viel zu schnell! Aber: gehen Politiker wirklich aus Überzeugung nach Bonn (oder heute: nach Berlin)? Sind wir wirklich Optimisten und kennen keine Langeweile, wie es hier zwischen anderen Allgemeinheiten behauptet wird? Das ist so eine Sache. Eher fragliche Dinge werden uns hier sehr beiläufig zum Abnicken untergeschoben.

UND: da ist er tatsächlich: dieser Fetzen einer Geschichte, den auch Anke Laufer mit geschultem Auge entdeckt. Zwei Anhänger der koreanischen Religionsgemeinde Genri Undo Kenkyudai sind am Dienstag bei einer Gebetsübung unter dem Wasser­fall in Kuzumi (Japan) an Unterkühlung gestorben. Aha! Und, wenn man genau hinsieht, ist da noch mehr. Auch warum der Amokläufer genau aufgeben musste und wie das ablief, wäre interessant. Und was geschieht mit der Mondsonde? Was plante denn der unbewaffnete Amerikaner und war das Fehlen einer Waffe dafür hilfreich oder fatal?
Dieser vermutlich männliche Autor streut hier doch mehr Krumen aus, als anfangs vermutet. Sie sind schwer erkennbar unter den üppig ausgebreiteten Nichtigkeiten, die einer näheren Betrachtung gar nicht würdig zu sein scheinen. Hier tastet jemand im Dunklen und findet tatsächlich das Ein oder Andere. Die Geschichten selbst- die müssten allerdings nich geschrieben werden. Aber vielleicht klappt es ja nach Ankes Kaffee und Ermunterung, wer weiß!

Sehr amüsant und klug -Ankes Auseinandersetzung mit dem Text. Auch so kann man es also angehen. Sicher die bisher ungewöhnlichste Folge der -Blindverkostung-. Meinen herzlichen Dank dafür!

Aber jetzt für die, denen die Detektivarbeit nicht zu kurz kommen soll:


Lösen wir es auf: der Text stammt von einem Autor, der Ende der sechziger Jahre eine Art Popstar unter den Literaten war, dessen Lyrikbände immense Auflagen hatten und der auch mit seinen kurzen Prosatexten erfolgreich war. An keinem Boxring und auf keiner Schickeria-Party fehlte er. 1969 erschien dieser Text in seinem Buch mit dem wunderbaren Titel: Früher begann der Tag mit einer Schußwunde, das eine ganze Reihe derartiger Kurztexte enthält. Der Autor heißt Wolf Wondratschek, kein Unbekannter also und einer, der noch unter uns weilt und in den letzten Jahren durchaus wieder eine gewisse Beachtung findet, die in den 90er Jahren etwas nachgelassen hatte.

Wondratschek_TOP

1943 geboren  wuchs Wondratschek in  Karlsruhe auf.  Von 1964 bis 1965 war er Redakteur der Literaturzeitschift Text & Kritik.  Seit 1967 lebt er als freier Schriftsteller in München.  Wondratschek verweigert sich seit seinen literarischen Anfängen weitgehend dem Literaturbetrieb, gibt kaum Interviews und tritt selten auf. Zuletzt veröffentlichte er überwiegend Prosa.

Der hier vorgestellte Text ist folgendem Buch entnommen:

Wolf Wondratschek: Früher begann der Tag mit einer Schußwundewond

Reihe Hanser 15, 1969

Hanser Verlag, München

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