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Stefan George über das Interpretieren von Lyrik

zum heutigen Geburtstag des Meisters aus Bingen nochmal:BildDie Leute suchen hinter einem Gedicht was sie den „eigentlichen Sinn“ nennen. Sie sind wie die Affen die auch immer mit den Händen hinter einen Spiegel fahren, als müsse dort ein Körper zu fassen sein.

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Blindverkostung Folge 11: Thorsten Trelenberg

blindverkostung
In dieser Kategorie meines Blogs findet etwas ganz Besonderes statt:
Autoren, Lyriker und Leute aus dem Kulturbetrieb besprechen fremde Texte, ohne den Verfasser zu kennen.

Die Regeln:

Ich suche für jeden teilnehmenden Schreiberling ein Gedicht oder einen kurzen Prosatext aus meiner oft etwas obskuren Bibliothek heraus und übersende ihm diesen ohne Autorenangabe. Es herrscht strengstes Suchmaschinenverbot!!
Der teilnehmende Autor bespricht nun spontan und subjektiv den von mir ausgewählten Text, äußert seine Assoziationen und versucht, die Herkunft einzukreisen. Erst im Nachhinein verrate ich den tatsächlichen Verfasser.

Ein sicher aufschlußreiches und interessantes Spiel, das hoffentlich einiges über den individuellen Zugang zu Literatur verrät.

Die 10 vorhergehenden Folgen findet man HIER. –Aber nun:

gekritzel2                                                                                             schiefertafel

THORSTEN TRELENBERG,tt2

Flusspoet, Kinderbuchautor, Zeitmillionär und dem primären Impuls nach Lyriker, lebt als mehr oder weniger freier Schriftsteller in der Dorfstadt Schwerte, wo er weder Land, noch eine Quelle besitzt.
Thorstens Schaffen ist außerordentlich breit gefächert. Als absolut großartiger Vortragskünstler seiner Werke scheut er keinen noch so skurrilen Ort oder Rahmen für seine Veranstaltungen, während der er seine Texte nicht einfach nur liest, sondern sie  deklamiert, flüstert und säuselt, dabei leichtfüßig tänzelnd und gestikulierend. Außerdem ist Thorsten passionierter Wanderer und Islandfreund, wo er vor einigen Wochen ein Arbeitsstipendium absolvierte.

Thorsten Trelenberg ist mit Kurzgeschichten und Gedichten in zahlreichen Anthologien vertreten und veröffentlichte bis heute 14 Gedichtbände, 21 Kinderbilderbücher (mit Übersetzungen ins Englische, Französische, Holländische, Portugiesische, Türkische, Schwedische und Letzeburgische), sowie eine CD mit vertonten Texten.

Alles weitere unter: www.thorsten-trelenberg.de
Thorstens aktuelles Projekt: www.trelenberg-bereckis.de

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Hier der Text, den ich Thorsten ohne jegliche weitere Information vorlegte:

signale

Und was ihm dazu einfiel:

thorstenEs gibt Gedichte, die hauen mich schon beim Anlesen um! Schon die ersten Worte sickern bis in jede Körperzelle, bevor man solche Verse überhaupt  in ihrer gesamten Aussagekraft erfasst hat. Jede Zeile gleicht einem Feuerwerk. Wort für Wort saugt man, einem Lebensmittel gleich, diese Texte auf. Bei dem vorliegenden Gedicht Signale ist dies alles nicht der Fall. Weder bin ich nachts aufgestanden, um es erneut zu lesen, noch hat sich auch nur eine Zeile oder auch nur ein Wort beim Erstlesen so eingeprägt, dass es mein Unterbewusstsein beschäftigen konnte.

Zu Recht könnten Sie, liebe LeserInnen, diese ersten – wenn auch sehr subjektiven – meiner Zeilen beim Lesen jetzt schon an dieser Stelle als nicht gerade professionell oder gar vor Originalität auffallend  bewerten und sich einer anderen Beschäftigung widmen. Doch davor sei gewarnt. Es ist und bleibt für alle Beteiligten spannend!

Woran mag es liegen, dass mich dieses Gedicht beim ersten Lesen nicht berührt? Bekanntlich liegt ja die Deutungshoheit von Texten immer beim Publikum, den Lesern und Leserinnen. Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass manche Gedichte zeitlos, andere wiederum ihre Wirkung nur in ihrer Zeit entfalten. Schon werden in den unendlichen Schleifen meines Lyrikerhirns neue Fährten gelegt. Gibt es formale Klammern an denen ich mich abarbeiten könnte? Eine bloße Beschreibung der fraglos vorhandenen formalen Eigenschaften (äußere Struktur,usw.) wäre aber für mich ebenso wenig befriedigend wie eine reine Inhaltswiedergabe. Noch ist mir aber immer noch nicht klar, an welcher Stelle ich dieses Gedicht packen kann.

Was also tun? Gleich die Feder in den Sand werfen? Das Tintenfass nicht verschließen, damit es austrocknet?  Nein, natürlich nicht. Besser ist es, mal für ein paar Tage abzutauchen. Abzutauchen ins Gedankenlos…

Gedichte, die mich nicht berühren, werden zu einer Art von Wortlabyrinth oder Wörtersteinbruch, Lager für Noch-nicht-Entdecktes, Lager für Noch-zu-Entdeckendes.

Packt mich dann erneut mein Entdeckergeist, will ich hinein. Hinein in das Unbekannte. Hinein in das bisher Unentdeckte. Spielen will ich mit dir, du mein zu eroberndes Wortkonstrukt. Also spiele ich erst einmal und gehe die Aufgabe locker an:

Ich lese dich, und ich les dich nicht,
ich lese dich nicht und ich les dich doch,
ich lese dich nie und ich les dich doch,
denn du Gedicht, bist bald schon „mein“ Gedicht.

Und siehe da, es tut sich was. Mein weg von jeglichen Interpretationsversuchen zahlt sich aus; macht meinen Kopf frei.
Liegt da nicht ein wunderschönes Liebesgedicht vor mir? Na klar, schreit es in mir. Dieses Gedicht ist ein Liebesgedicht. Kann doch gar nicht anders sein, oder?

Auf der Suche nach weiteren „Signalen“ wird Quergelesen, Überlesen, Vorwärts gelesen, Rückwärts gelesen, bis….ja, bis ich endlich an einem Wort hängen bleibe. L-a-v-a.  Genau von hier aus, von diesem Zentrum des Gedichts, werde ich mich weiter vorarbeiten. Diese Mitte des Gedichts eröffnet mir endlich die gesuchte Perspektive.

Lava, da sollte doch jedem Islandfreund das Herz aufgehen.  Oder führt mich die Lava auf eine falsche, längst erkaltete Spur? Egal. Hier setze ich an. Lava wird für mich das Schlüsselwort.  Frei (aber wirklich ganz frei) nach Eichendorff: Und hast du erst das Schlüsselwort, ist bald schon des Gedichts Geheimnis fort.

Beeinflusst von isländischen Dichtern und Erzählern, allen voran Gunnar Gunnarsson, brechen sich einem Lavastrom gleich, erste Bilder Bahn. Ein erster Verdacht keimt auf. Handelt es sich möglicherweise um ein isländisches Gedicht, vielleicht um die Jahrhundertwende entstanden? Oder ist es noch älter? Für ein zeitgenössisches Gedicht halte ich es nicht. (Wobei ich persönlich mit der Spezifikation zeitgenössisch Gedichte meine, die nach 1945 entstanden sind.)

Nun heißt es, Ruhe bewahren und tiefer Eintauchen in den möglicherweise gerade entdeckten Zauber des vorliegenden unbekannten Gedichtes.
Schon splittert sich dieses (Liebes-)Gedicht auf und bietet mir ständig weitere Interpretationsspielräume. Wer auch immer dieses Gedicht geschrieben hat, geht nicht nur chronologisch vor. Die Abfolge der Zeitebenen wird gespiegelt. Der Text ist komplexer, als ich dachte…

Ich brauchte also erst meinen spielerischen und unbefangenen Zugang für die Auseinandersetzung mit den Signalen.  Schon wird manches klarer. Wir Leser steigen lose in die Welt des Protagonisten ein. Schreibt uns hier ein Mann? Schreibt uns hier eine Frau? Das mag ich nicht zu beurteilen. Und in der Tat ist dieser Punkt zum Verstehen des Gedichtes nicht wichtig.

Ganz im Gegenteil dazu betrachte ich nun die Zeitebene, besser gesagt die  zeitliche Abfolge / Handlung im Gedicht.

Hier steht also jemand und betrachtet sein Spiegelbild. Er / Sie erkennt im Gegenüber sowohl sich, als auch die andere Person. Ganz augenscheinlich ist diese Person weder im Raum und vielleicht auch nicht mehr in dieser Welt. Vor dem Hintergrund eines Vulkanausbruchs, bei dem früher oder später nicht nur Asche, sondern auch Lavagestein vom Himmel fällt, stellt dieser „jemand“ für sich und den / die andere fest: Wir sind die Welt. Die rebellische Kraft, die in solch einer Aussage steckt, muss ich als Leser ernst nehmen. Wir sind die Welt, steht für mich als Dokumentation einer bedingungslosen Liebe. Ganz gleich, was gerade draußen (in der anderen Welt) passiert. In den Zeilen 1 bis 8 wird der Spiegel zum Beichtspiegel.

In einer für den Protagonisten höchstwahrscheinlich ausweglosen Situation, konfrontiert mit der bevorstehenden Endlichkeit des eigenen Individuums, gesteht er / sie sich in einem Akt absoluter Freiheit seine / ihre Liebe.

Mittels einer geschickt eingearbeiteten Überlappungstechnik erkenne ich ab Zeile 7 bis zum Ende des Gedichts einen weiteren Handlungsstrang. Dieser kaskadenartige Übergang zwischen Innen(welt), also der Situation vor dem Spiegel, und Außen(welt), also der realen Konfrontation mit einem Vulkanausbruch, ist die Stelle, an der sich zwei Handlungsstränge überkreuzen. Diese Konstruktion im Gedicht bietet kaleidoskopartig Raum für neue Interpretationsmöglichkeiten. Gewollt oder ungewollt spielt der Urheber mit uns und unserer Fantasie.

Von der Mitte des Textes zu seinem Ende hin bleibt für mich als Leser nun alles offen. Plötzlich scheint mir dieses Gedicht von Mal zu Mal komplexer zu werden. Wie kann das denn sein, frage ich mich, dem doch die Signale bis vor wenigen Zeilen so überhaupt nichts sagten.

An dieser Stelle möchte ich für mich und für sie wesentliche Fakten zusammenfassen und vielleicht auch neue Fährten legen.

Im Angesicht einer Naturkatastrophe bringt sich eine uns unbekannte Person in einem noch nicht zerstörten Raum in Sicherheit. Vielleicht ist es eines jener kleinen Gehöfte, die weit außerhalb dicht besiedelter Gebiete zu finden sind. Hilfe ist hier nicht zu erwarten. Konfrontiert mit dem eigenen Tod,verharrt er oder sie dort vor einem Spiegel. In dieser Ausweglosigkeit begreift dieser Mensch den Moment als einen Augenblick absoluter Freiheit. Kompromisslos wird er sich der Liebe seines Lebens bewusst. Asche verdunkelt den Himmel, Lava fällt vom Himmel, Weltuntergang.

Wo aber ist eigentlich der / die andere?

Du rufst Signale, könnte hier zu einer Schlüsselszene werden. Kommt doch noch Hilfe? Werden die Liebenden gerettet?

Oder ist alles zu spät? Scheiterte ein Ausbruchsversuch, um Hilfe zu holen? Kam derjenige, der Hilfe holen wollte nicht weit und ist qualvoll gestorben? Dies alles bleibt offen. Deutungshoheit, wie schon festgestellt, bei den LeserInnen.

Die Flamme winselt vor dem Glück, dann zischelt sie zum letzten Male. Auch keine Zufallslyrik, sondern vielmehr technische Eleganz, die meine Fantasie beflügelt.

Platt formuliert könnte man ab Zeile 6 feststellen: Katastrophe – Alle tot. Doch ist das wirklich der Fall? Möglicherweise quoll der tödliche Lavafluss  schon durch den Eingang und kam dann plötzlich und unerwartet zum Stillstand. Die Flamme erlischt. Überlebte die Person im Raum? Nicht unbedingt, denn dort könnte ein Sauerstoffmangel herrschen, der die Flamme zum Erlöschen bringt. Wenn aber die Flamme erstickt, was ist dann mit der Person im Raum? Doch: Katastrophe – Alle tot?

Mehrfach noch lese ich das Gedicht und vor allem die letzten Zeilen. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich danach automatisch das Gedicht von vorne lese. Welche Signale erreichen mich da plötzlich? Ist das wirklich ein Liebesgedicht, oder wird dort nicht in poetisch kompetenter Art und Weise beschrieben, wie jemand in einem geschlossenen Raum auf seinen Tod wartet? Er / Sie blickt in den Spiegel, sieht die Lava kommen, züngelnde Flammen und sein Antlitz werden im Spiegel eins. Es gibt nur noch diesen Menschen, auf sich zurückgeworfen, und seinen herannahenden Tod auf der Welt. Wird im Gedicht nicht festgestellt: Wir sind die Welt. Du und ich; Leben und Tod. Beide vorgestellt in ihren vielfältigen Spielarten. Und wenn dann die Asche dichter und dichter vom Himmel fällt, die Welt mit Lava geflutet wird, und Mensch und Flamme ein letztes Mal winseln und zischeln…

Fazit: Es gibt Gedichte, die hauen mich erst um, nachdem ich sie immer und immer wieder gelesen habe. Signale gehört zweifelsohne dazu!

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Mein Senf & Auflösung:

Es sind oft die zunächst unscheinbaren Gedichte, die uns vor Rätsel stellen.
Auch Signale kommt ja zumindest in der Form einfach und vertraut daher: 3 Vierzeiler, A/B/B/A gereimt.
Es könnte alt sein, vielleicht sogar sehr alt- erinnert es in seiner scheinbaren Einfachheit doch fast an:
Du bist mein, ich bin dein,
dessen sollst du gewiss sein.
Du bist beschlossen
in meinem Herzen,
verloren ist das Schlüsselein:

du musst auch immer darinnen sein.
diesem berühmten Liebesgedicht aus der Tegernseer Briefsammlung, die zwischen 1178 und 1186 zusammengetragen wurde.

Aber, wie Thorsten Trelenberg hier m.E. richtig bemerkt, steckt doch einiges mehr darin. Eine recht gewaltige, bedrohliche Komponente findet sich in diesem Liebesgedicht. Die Lava erfordert einen Vulkan, eine Naturgewalt, die die Welt, die WIR, diese beiden Liebenden im Gedicht, bedroht und auf die Probe stellt. Ob es nun ein realer Vulkan, reale Lava oder eben metaphorische ist, sei dahingestellt. Von der Lava kommen wir dann recht leicht zur Asche und denken vielleicht auch an Pompeji, an mitten im täglichen Leben versteinerte und so konservierte Menschen, die uns trotz -oder gerade wegen- ihrer zeitlichen Entfernung einen so merkwürdigen Schauer des Wiedererkennens bescheren – sicher auch Liebende darunter.

Da Thorsten Trelenberg sich ja schon so eingehend  mit diesem Text auseinandergesetzt und einige schöne Querverbindungen geschaffen hat- schreiten wir nun zur Auflösung! Mit der zeitlichen Einordung des Textes ist es zugegebenermaßen schwer. Die Form ist altvertraut und es lassen sich keine Signalwörter wie Rolltreppe, Geschirrspülmaschine oder Atompilz finden, die eine Verortung in der Moderne nahelegen. Dennoch erschien dieses Gedicht tatsächlich nicht etwa im Jahre 1186 oder 1786, sondern 1986 und zwar in der Sammlung Atom und Aloe von Wolfgang Weyrauch.
weyrauchWolfgang Weyrauch wurde 1904 in Königsberg geboren. Sein maßgeblicher Verdienst, wenn man den Literaturgeschichten folgt, war die Prägung des Begriffes Kahlschlag-Literatur, den er in der von ihm 1949 herausgegebenen Anthologie 1000 Gramm erstmals benutzte.

Weyrauch selbst, der -nach einer Schauspielausbildung und einigen Jahren an verschiedenen Bühnen- Germanistik, Romanistik und Geschichte studierte, veröffentlichte über die Jahrzehnte hinweg Gedichte, Hörspiele und Prosa. Er war als Journalist tätig und unter anderem auch als Lektor beim Rowohlt Verlag. Seit 1951 nahm er an Tagungen der Gruppe 47 teil und war vielleicht in seiner Rolle als Vermittler, Herausgeber und Organisator, die er seit den unmittelbaren Nachkriegsjahren inne hatte, bedeutender denn als Autor selbst. Nach ihm ist auch der Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis benannt, der zur Nachwuchsförderung im Bereich der deutschsprachigen Lyrik im zweijährlichen Turnus von der Stadt Darmstadt verliehen wird. Dennoch flossen Weyrauch Texte aus der Feder, die ein Wiederlesen rechtfertigen und überraschen- wie etwa unser Text: Signale.

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Ich danke Thorsten Trelenberg für seine kluge und unterhaltsame Auseinandersetzung mit diesem Text.
Thorsten und ich treten bei Gelegenheit gern gemeinsam auf. Uns kann man mit zwei verschiedenen Programmen buchen:
–“FEIERABEND“: Ein literarisches Menü vom Gruß aus der Küche bis zum Absacker, inklusive launiger Anekdoten…Wir gestalten einen geschmackvollen literarischen Eintopf- gerne nach Vorgaben des Veranstalters.
oder:
-„HEIMATABEND“ mit unseren westfälischen und niederrheinischen Heimatgedichten fernab von Löns & Landlust. Zum aktuellen Thema 200 Jahre Westfalen sicher nicht uninteressant. Für ein Butterbrot und ein Pils kommen wir gern und gutgelaunt in Bildungseinrichtungen, Schulen, Büchereien etc….
Für beide Veranstaltungen stehen uns begleitende Musiker verschiedener Stile gern zur Seite.

Wir fahren gerne Bahn und Bus, freuen uns aber über einen Beitrag zur Reisekasse. Wir machen kostenlos selbst Marketing und schleifen, wenn es Not tut, auch die Oma mit, damit es nicht so leer aussieht.  Wir sind stets bereit, Sonderwünschen nachzukommen, soweit sie dem guten Geschmack und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung entsprechen.

Bei Interesse an einer der genannten Veranstaltungen schreiben sie einfach eine Mail an westlit@web.de, kontaktieren mich hier oder unter dingfest-literatur auf Facebook.

 

 

Wolfgang Weyrauchs Gedicht: Signale ist zitiert nach: Deutsche Gedichte, herausgegebenvon H.-J. Simm, Insel Verlag, 2000
Bild Wolfgang Weyrauch aus: Deutsche Literatur seit 1945, Volker Bohn, Suhrkamp, 1995

 

 

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– Blindverkostung- Supersonderspezialfolge 10

BildDie 10.Folge -Blindverkostung-
ein kleines Jubiläum, das eine Spezial-Folge rechtfertigt, denke ich!

XXL Anders als bei den 9 vorangegangenen Folgen stellt sich nicht EIN Autor einem Text, dessen Verfasser er nicht kennt, sondern gleich DREI!

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Mutig und motiviert erklärten sich
Stefanie Jerz, Hanna Scotti
& Sebastian Schmidt
bereit, sich auf das Experiment einzulassen und so präsentierte ich Ihnen unten stehendes Gedicht, ohne irgendwelche weiteren Informationen. Meine Fragen beantworteten sie im für diese Zwecke hervorragend  geeigneten Service: edupad.ch, der einen direkten Austausch und spannende Interaktion ermöglicht. So präsentiere ich nun mit Freude unsere 10. Folge und wünsche viel Spaß mit der literarischen Schnitzeljagd meiner drei Probanden!

Hier der Text, den ich den Dreien vorlegte:

rückwärts

Herzlich willkommen zu unserem kleinen Lyrik-Experiment.
Vielleicht wollt ihr euch kurz selbst vorstellen? Na?- Ladies first?:
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Stefanie Jerz:
Ich fasse mich jetzt einfach als Lady auf und mache den Anfang.
Ich schreibe,  seit ich denken kann, am liebsten Lyrik, auch Kurzgeschichten, einen Roman erst, wenn meine Kinder groß sind und ich steinalt bin. Literarische Kleinstbrötchen verdiene ich mit dem Schreiben von Bühnenstücken für ein von meiner Freundin und mir gegründetes Biografietheaterensemble, deren jüngstes Mitglied nächstes Jahr siebzig wird. Bin seit Jahren Beirätin und Pressefrau in der Autorinnenvereinigung e.V., wobei ich meine Funktionen dort gerade für mehr Schreibzeit etwas zurückschraube, und Mitglied im 42erAutoren-Verein bin ich auch. Mehr zu meinen Theaterstücken zu finden unter www.theatergold.de
Dankeschön an Matthias für dieses spannende Projekt!
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Als zweite Lady und erprobte Veteranin von Folge 5 meiner kleinen Reihe begrüße ich sehr herzlich Hanna Scotti:
lllllllllllllllllllllllll
Hanna Scotti:
Neben Familie, Studium und Beruf arbeitete ich dreißig Jahre im Bereich Schauspiel, Regie und Impro- Theater mit Erwachsenen, Kindern, Menschen mit Suchterkrankungen sowie seelischen und körperlichen Handicaps. Seit zehn Jahren bin ich ausgebildete Geriatric – Clownin
und begleite, jedoch nur noch gelegentlich, alte und sterbende Menschen.
Jetzt widme ich mich dem Schreiben von Gedichten, Fachartikeln und Kurzgeschichten. Auch Photoarbeiten, Videoclips und Tonaufnahmen sind inzwischen dazugekommen. Mein Leben als alte Frau wendet sich ganz langsam nach innen und das ist eine große Freude für mich, werde ich dadurch zunehmend unabhängiger von dem Tempo und dem Geschrei dieser Welt. Das Leben ist wie die Bühne, auf der ich immer gespielt habe, jetzt bin ich die Souffleuse. In Bremen habe ich mein zuhause gefunden.
Ich freue mich sehr über die Einladung von dir, lieber Matthias, ich werde euch hier aus meinem tiefsten Innern gerne was flüstern
lllllllllllllllllllllllll
Und, ebenfalls mit gezückter Feder, steht der Lektor und Lyrik-Aficionado Sebastian Schmidt bereit. Auch er sei gegrüßt:
Sebastian Schmidt:
Auch von mir ganz liebe Grüße an alle Teilnehmer und Leser. Ich mag Lyrik und gute Texte. Das Schreiben mag ich natürlich ebenfalls, auch wenn ich mich nie wirklich als Autor gesehen habe. Das war und ist bei mir eher eine Mischung aus gern lesen und Gedichte schreiben. – Dann kam die Frage auf: was tun nach der Germanistik? Gelandet bin ich im Meer der vielen Buchstaben als freiberuflicher Lektor (www.lektorat-textbasis.de). Über Lyrik, Sprache und Text blogge ich ein wenig auf textbasis.wordpress.com. Heute bei der Blindverkostung dabei sein zu dürfen, ist eine Ehre für mich!
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hand_feder_04Frage 1:
So, ihr Lieben, wenn Ihr diesen kleinen Text betrachtet, könnt ihr sicher schon etwas zur literarischen Form sagen. Gibt es Regelmäßigkeiten oder Besonderheiten, die euch auffallen, und könnt ihr vielleicht allein aus der Form heraus schon etwas über das Alter oder das Umfeld dieses Textes sagen??
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Stefanie Jerz:
zwanzigstes Jahrhundert würde ich sagen…wobei ich mich nicht entscheiden kann, ob da die 20er oder 70er Jahre…die freie Form lässt mich eher zu den 70ern hin tendieren…wie bei einem lange nachgereiften, augenzwinkernden Benn…bin sehr gespannt auf den Verfasser oder eher die Verfasserin? des Textes… . In meinem Kopf entsteht gerade eine Namenschimäre aus Brecht/Kaleko/Kirsch…wobei alle drei zu bekannt sind, um hier blind verkostet zu werden…spannend…
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Sebastian Schmidt:
Herzlichen Dank für die Einladung zur Blindverkostung, Matthias, über  die ich mich sehr freue. Was haben wir hier? Zuerst einmal einen Versblock, strophisch nicht unterteilt, das Versende auffallend oft um das „ü“ herumgestrickt, was einen eigenwilligen Ton hervorruft. Silben- und Hebungszahl variieren an den Schlüsselstellen ein wenig, jedoch formt Daktylus den Grundtenor und erzeugt auch über die Enjambements hinweg eine eigenwillige, ruhig-nachdenkliche Stimmung, die nicht ganz frei ist von Pathos („Doch es geschieht nichts“); die jedoch auch kollidiert mit saloppen Formulierungen wie „haben wir nichts / mehr am Hut“, „dem großen Knall“ oder „aus dem / Sessel zu kippen“. Reimfrei, frei in der Form, jedoch rhythmisch bedacht gestaltet, verorte ich das Gedicht ebenfalls im 20. Jahrhundert. Den Fokus auf Details gerichtet („Schornsteine glühen“), die Bilder einfach aber stark („die Wüste ein Wald“) und angesiedelt vor „dem großen Knall“ scheint mir das Gedicht durchaus politisch zu sein. Ohne jetzt schon in die Auslegung abzuschweifen, schließe ich den Ersten Weltkrieg als Bezugspunkt aus, setze das Gedicht also in die Weimarer Republik und hinter den Expressionismus – und hoffe, dass ich damit nicht ganz danebenliege.
Doch genug der Spekulationen, denn das zeichnet für mich ja die Blindverkostungen aus, dass man die Texte völlig frei von allem Ballast und aller Ablenkung splitternackt vor sich hat. (Anbei ist es eine Marotte von mir, Gedichte als Bildchen zu betrachten: Die Form eines nach rechts gewandten, voranwalzenden Panzers mitsamt Kanonenrohr kann daher durchaus reiner Zufall und Einbildung sein.)
ll
Hanna Scotti:
Für mich und meine poetische Lebenseinstellung hat dieses Gedicht einen höchst sozialpolitischen aktuellen Bezug: Knall = systemcrash des Sozialstaates. Ich schiebe den Text mal  ganz mutig in die Kategorie: neue politische Lyrik. Diese Sparte muss sich die Kritik gefallen lassen, nicht „scharf“ genug zu sein. Auch dieser Text legt zwar den Finger in die Wunde, verzichtet aber auf Polemik. Gestehen muss ich allerdings, dass ich von Zeitleisten wenig Ahnung habe.
ll
Matthias  Engels: 
Da muss ich gleich einmal einhaken. Ihr seid euch da, was die Zeit der Entstehung angeht, ja schon ziemlich einig und ich will erstmal gar nicht widersprechen. Stefanie, du erwähnst sowohl Brecht als auch Benn. Da käme dann in deren Nachfolge so ziemlich jeder Lyriker des späteren 20.Jahrhunderts (da wären wir wieder) infrage, oder?  Es sind wohl die zwei einflussreichsten Lyriker in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg. Ich hab ja nichts gegen berühmte AutorInnen. Auch der Verfasser/die Verfasserin dieser Zeilen genießt einen gewissen Ruhm- ist aber nicht unter den Genannten!- Wie genau entsteht eigentlich dein Eindruck, es müsse von einer Frau geschrieben sein?
l
Stefanie Jerz:
Wie  ich auf weibliche Urheberschaft komme? Marcel Reich-Ranicki sagte einmal: „Frauen können keine Dramen schreiben. Sie sind des Pathos nicht fähig.“ Diese Zeilen sind angenehmst pathosfrei. *nein  Scherz* Ich bin durch die Leichtigkeit des Textes gleich zu Mascha Kaleko geführt worden…wobei sie das wohl nicht ist…wäre zu einfach.
ll
Matthias Engels:
Da hast du ein schönes Zitat gebracht, Stefanie. Und richtig: Pathos scheint die Sache unseres Autoren/unserer Autorin nicht zu sein!- Marcel Reich-Ranicki zufolge müsste es also ein Text einer AutorIN sein, aber ob der leider verstorbene Kritiker unfehlbar war…wer weiß!
l
Stefanie Jerz:
Über lange Zeit hinweg war ich MRR böse deswegen…sehr sogar…bis ich begriff, dass das auch eine Auszeichnung sein kann. Hab ihm auch eine Dramaminiatur dazu geschickt…leider hat er nie drauf geantwortet…verstehe ich. Aber weiter zum Text.
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Hanna Scotti:
Reich- Ranicki, er ruhe in Frieden in seinem Ruhme, ich stehe seiner Lebensleistung und seinen poetischen Ansichten sehr kritisch gegenüber. Sprich: Von Frauen hatte er keine Ahnung, das teilte er aber mit vielen seiner Artgenossen. Dieser Einwurf musste unbedingt sein, aber nun zurück zur Textarbeit.
ll
Sebastian Schmidt:
Ihr habt natürlich recht, dass in den Versen nicht der feierliche Pathos mitschwingt. Aber in gewisser Weise finde ich doch, dass die Melancholie, gerade auch in Verbindung mit dem Versmaß, etwas Bedachtes, Ruhiges transportiert, das für mich ein bisschen pathetisch wirkt. Jedoch pathetisch nicht im negativen Wortsinn, sondern beim Wort genommen: Getragen, auch ein bisschen in sich ruhend und über den Dingen stehend. Zumindest suggeriert die Sprache das, der Inhalt ist vielschichtiger.
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Matthias Engels:
Eine kleine Nachfrage noch:
Sebastian, dessen Bild vom Panzer ich köstlich finde, rückt den Text in seiner Antwort zeitlich schon ein ganzes Stück weiter  nach vorne, etwa in die 20er Jahre. Was sagen die anderen dazu?- Wären dieses Vokabular und diese Reimfreie und Dissonante denn dort denkbar oder nicht? -Und WARUM?
lll
Hanna Scotti:
Ist es vielleicht Resignation, lieber Sebastian? Wir unterstellen den Dichtern immer gerne eine ruhige, weise Haltung. Drückt dieser Text das wirklich aus? Ich finde das fraglich. Ich bin mir nicht sicher, ob in den 20igern nicht eher Kämpfer am Zuge waren. Zumindest die Frauen ( ich liebe die Sufragetten) hätten niemals so geschrieben. Und überhaupt, vermutlich schauten die Menschen, besonders auch die Dichtergeister nach vorn. Das Reimen war damals, glaube ich, ein wichtiger Bestandteil eines konsequenten Regelwerks in der Lyrik, ebenso das Vokabular. Na- und Dissonantes schädigte eher den Ruf des etablierten Dichters. Jedoch, einige Rebellen gab es schon : Hesse, Kafka… aber wohl mehr in der inhaltlichen Auseinandersetzung als in der Form.
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Sebastian Schmidt:
Das ist eine schöne Überlegung, ob es nicht auch Resignation sein könnte. Aber darauf kann die Antwort nur sein: Natürlich kann es das. Denn je nach Auslegung könnte es sich ebenso um ein lyrisches Ich handeln, dass auf eine Veränderung von außen gewartet hat, jedoch ganz und gar enttäuscht ist, dass nichts geschieht. Aber irgendetwas gefällt mir an dem Gedanken nicht so sehr, dass hier ein lyrisches Ich aus seinem Kämmerchen spricht und lieber aus dem Sessel kippen will, als selbst noch zu versuchen, etwas zu ändern; lieber alles hinzunehmen, weil es zu enttäuscht war.
Mehr noch mache ich da eine Haltung aus, die sich in der Rolle gefällt, alles genau beschaut zu haben und nun auf ein Ende – welches auch immer – wartet, in der Gewissheit, dass es herannaht. Damit kommt das lyrische Ich nicht so ungeschoren davon, einfach sagen zu können: Nun war alles so unangenehm, jetzt kann ich auch nichts mehr ändern. Ich denke, dass es sich mehr um eine bewusste Entscheidung zur distanziert-feierlichen Betrachtung des bevorstehenden Unterganges handelt. Auch wenn das unter Umständen viel, viel zu apokalytisch klingt.
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Stefanie Jerz:
Wie schreibt mein Zweitlieblingsdichter Hugo von Hofmannsthal im „Brief des Lord Chandos“?:
„Es  gelang mir nicht mehr, sie mit dem vereinfachenden Blick der Gewohnheit zu erfassen. Es zerfiel mir alles in Teile, die Teile wieder in Teile, und nichts mehr ließ sich mit einem Begriff umspannen. Die einzelnen Worte schwammen um mich.  Der fiktive Verfasser des Briefs gibt  nach dieser Einsicht das Schreiben auf. Hofmannsthal und viele weitere  glücklicherweise nicht. Sehr  zu empfehlen, diese Lektüre, auch wenn ich sie längst nicht ganz  erfasst habe. Überhaupt bin ich gespannt von meinen Kollegen hier mehr dazu zu hören. Bin keine studierte Literatin, weiß aber doch, dass es um  die Jahrhundertwende zum Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gerade in  der Literatur eine kulturelle Krise gegeben hat.
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Sebastian Schmidt:
Ich halte das durchaus für denkbar, dass das Dissonante und Reimfreie in die Zeit passt. Mit dem Expressionismus ist alles möglich geworden, das bewusste Abgehen von überkommenen Strukturen und die Umkehrung der poetischen Werte beziehungsweise die veränderte Sichtweise auf das Subjekt als zerfallendes Objekt in einer splittrigen Welt. Geradezu unumgänglich ist es, einen Blick in die „Menscheitsdämmerung“ zu wagen. Wenn man darin ein bisschen liest, dann fällt, zumindest mir, immer wieder auf, dass die Strukturen der Gedichte oft gänzlich zerhauen wurden, dass allerdings nur langsam der Reim aufgegeben wurde. Eigentlich ist das seltsam, denn man würde erwarten, dass Lyrik, die im Umbruch stattfindet, davor nicht Halt machte. Aber da schweife ich ab. Worauf ich hinaus will: Auch wenn also in den Gedichten der „Menschheitsdämmerung“ immer noch viel gereimt wird, es finden sich auch zahlreiche Beispiele, die mit dieser Tradition brechen. –
Beim Durchblättern stieß ich gerade auf folgende Verse von Wilhelm Klemm aus dem Gedicht „Der Baum“: „Der Leib verwandelt sich im Lauf der Jahre, / Die Seele sucht ihre tausend Wege, / Alles, was ich bin, samt den Geschlechtern der Menschen / Strömt vorüber und kennt kaum das Ziel.“ Dass ich bei diesen Zeilen gelandet bin, war Zufall, dass sie sich jedoch so gut mit denen der Blindverkostung decken, erschreckt mich ein bisschen, auch wenn bei Klemm nicht der Krieg direkt thematisiert wird.
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Matthias Engels:
Da hast du schöne Zeilen als Beispiel für ein ähnlich frei strukturiertes Gedicht -hier- des Expressionismus gefunden! Insofern wäre die Zeit glaubhaft, aber ich kehre noch einmal zu Stefanies Zweitlieblingsdichter (der Erstliebling ist vermutlich Rilke?) zurück und frage:
Wenn ich jetzt sagen würde,“Rückwarts“ sei ein  Hofmannsthal-Text- warum würdest du das -rein aus der Wortwahl und Form heraus- wohl nicht glauben?
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Stefanie Jerz:
Weil die Form dieses Textes noch einmal ein Stück freier, unbestimmter ist. Und eben „zu leichtfertig“ für ihn…diese Angaben sind wie immer ohne Gewähr. Die letzten beiden Zeilen sind es, Matthias. Es ist noch Darben nach dem Krieg spürbar. Genauso die Erleichterung nach dem Schock. Übrigens richtig, lieber Matthias: der Erstliebling ist Rilke.
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Matthias Engels:
Hier muss ich nochmal ein wenig bohren! Tut mir leid, Stefanie, es tut auch nicht weh: Welcher Krieg? Und welcher Schock? Hier geht es doch im Text selbst recht unspektakulär zu? Oder nicht? UND: Gibt es denn -ganz konkret- Begriffe, die der gute Hugo nicht gekannt haben könnte? Etwas, dass ganz deutlich eine Enstehung um 1900 unmöglich macht? Wenn ich solche Spielchen mit meinen Lesekreis-Leuten mache, gehen die meist ganz pragmatisch da heran und suchen Begriffe wie „Waschmaschine“, „Zebrastreifen“ oder „Festplatte“, um einen Text schon mal grob zeitlich zu verorten. Meist klappt das ganz gut! Wie sieht es hier aus?
Stefanie  Jerz:
Ich weiß, du spielst auf die Schornsteine an. Industrialisierung! ich hätte doch Geschichte studieren sollen!…Ich allerdings hab sie als Symbol für Wohlstand (evtl. bedrohten) genommen…Habe gerade bei Wikipedia geschaut und bleibe bei den 1920er Jahren.
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Matthias Engels:
An die Schornsteine dachte ich grad gar nicht, aber gut gelesen, ja! Ich meinte eher:…Wünsche, Wald, Wüste etc. dürften ja klar sein.-…
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Stefanie Jerz:
Für mich der Hinweis auf überstandenen Krieg (Erster Weltkrieg), den Schrecken noch in den Knochen.

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Matthias Engels:
Aber ich leg nochmal den Finger auf Worte und Begriffe wie: „sich auszählen lassen“, „großer Knall“, „nichts mehr am Hut haben“-

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Stefanie Jerz:
Passte für mich auch in diese Zeit.

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Matthias Engels:
 -Okay! Vorher aber nicht, oder? 
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Stefanie Jerz:
Keinesfalls!Vielleicht sogar die dreißiger Jahre. Else Lasker-Schüler passt für mich. Zumal sie in einem Theaterstück den drohenden Holocaust quasi vorausschrieb. was mich wieder einmal zu der Frage treibt, ob wir Menschen nun aufschreiben was wir tun oder zu tun in die Lage kommen, was wir schreiben und erdenken können? Am Anfang war das Wort. Was für ein Verhängnis dann die menschliche Fantasie!? Aber das wäre wieder was für eine andere Unterhaltung.
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Hanna Scotti:
Kurz und bündig : es ist neue politische Lyrik. Hinweise dazu:
Individualisierung, protestantische Moral, politische Resignation, Schaffen eines persönlichen, pseudosicheren Raums aber auch Aufbruch anderer Lebensformen, nur abgegrenzt und abgesichert. Es ist für mich ein in sich revoltierendes schizoides Menschenbild, also kämen für mich die 60iger Jahre ins Spiel, eventuell auch Anfang der 70iger. Aber ich bleib mal bei neuer deutscher politischer Lyrik
Die Festung Kirche und ihre Vorstellung von Moral, die ich auch in diesem Gedicht lese, bröckelte, jedoch blieb es beim Bröckeln. Die Daseinsberechtigung dieser starken Institutionen wurde nur von einigen radikalen Literaten und Denkern angezweifelt. Sie gerieten damit bei der Zunft ins Abseits. Erst viel später, mit gehörigem Abstand, erhielten sie die ihnen gebührende Aufmerksamkeit.
Der Buddhismus wurde in dieser Zeit in den Westen getragen. ZEN, Osho (mit Sex, unerhört!!, aber wichtigen Anstößen, nicht nur praktisch sondern auch intellektuell)– Was hat das nun mit diesem Gedicht zu tun: Es läßt, ( ob es gelingt oder nicht, liegt an der Einlassung des/der Lesers/in) „das Gute und das Böse“ im Gestern und  im Morgen, Sich zu bescheiden und darin sein Heil zu suchen ist eine typisch christliche Haltung und in meinen Augen fade. Das hatten wir alles schon. Da fehlt mir das Britzeln von Paradigmenwechseln. Um es mit Karl Valentin zu sagen : Es ist alles schon gesagt worden, nur noch nicht von mir.
In der östlichen Literatur wird ausschließlich der augenblickliche Augenblick gesehen. (mein Steckenpferd, wie ihr ja wißt). Dadurch eröffnet sich eine neue Dimension: Die Alliteration der letzten zwei Zeilen wird dann nicht mehr als „sich persönlich  zufriedengeben mit dem Nötigsten“ innerhalb der Fülle des „Anderen“ betrachtet.  Die Metaphern von Wüste und Wald werden zu einem lebendigen „sowohl als auch“ und dieses detalierte Bild löst ein inneres Empfinden von Wohlbehagen aus, für diesen einen Moment. Solche Sequenzen aneinandergereiht, machen zufrieden und erscheinen als echte Lösung, jedenfalls nach meiner Meinung. Sollte der /die VerfasserIn tatsächlich an dieser Stelle angekommen sein ,was ich auf Grund der Wortwahl, ganz besonders auch deutet die Überschrift darauf hin, nicht glaube, wäre es  für mich ein Meisterwerk. Aber mein Anspruch an ein Gedicht ist nicht zeitgemäß, ich weiß das. 
Sowohl Rilke als auch Hesse (z.B.) würden sich in meinen Gedanken wiederfinden, davon bin ich überzeugt. Eine anmaßende Spielerei? Du hast mich gefragt, Matthias, ich habe aus meiner literarischen Hexenküche geantwortet.Muss ich jetzt mit einer Verbrennung rechnen? 
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Matthias Engels:
Unter keinen Umständen, Hanna! Ich bin einfach ganz Ohr und interessiert! 
Das sind äußerst spannende Gedanken, die dieser kleine Text hier bei dir auslöst. Ich stimme dir zu, wenn du sagst, dass die Haltung unseres lyrischen Ichs am Ende nicht unbedingt postitiv und Wohlbehagen zu nennen ist. Die hier auch schon genannte Resignation sehe ich -oder besser- spüre ich hier allerdings auch nicht. Ich rekapituliere aber noch einmal kurz das den Wortschatz betreffende, denn zur tieferen Interpretation werden wir später noch genügend Zeit haben.
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Stefanie Jerz:
Das  kann ich absolut nachvollziehen, was du da an Brücken baust. Da ruht  eine/einer in sich selbst, das Chaos außerhalb betrachtend…aber – hier  widerspreche ich – nicht erleuchtet, weil eben auch der Text leicht  zynisch gehalten ist. Der Wunsch, vor dem großen Knall aus dem Sessel zu  kippen, passt mir da nicht dazu. 
Toll! Neue Impulse für das Vexierbild!
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Sebastian Schmidt:
„Zwei Seelen …“ Ihr wisst schon! Denn einerseits stimme ich dir, liebe Hanna, zu, dass sich deine Überlegungen gut auf den Text übertragen lassen und, wie Stefanie schrieb, neue Impulse für die Deutung bringen. Das beweist, dass es sich um einen durchdachtes, bewusst offenes Gedicht handelt, das nicht vorgeben, sondern anregen will.
Andererseits muss ich auch gestehen, dass die theoretische Tiefe deiner Überlegungen auf mich etwa sehr wirkt, als wollte man mehr an die Verse herantragen, als wirklich aus ihnen hervorscheint. Besonders die protestantische Moral, von der du sprachst, die finde ich in der Form nicht. Für mich erscheint hier lediglich ein Hinweis darauf, dass das Gedichtende sowohl als „Moral der Bescheidenheit“ ausgelegt werden kann, als auch als ironische Wendestelle, die mit den Vorstellungen spielt, die von außen an ein Individuum, hier das lyrische Ich, herangetragen werden. Nach dem Motto: Was wollt ihr eigentlich! Wenn ihr euch nicht so haben würdet, dann wäre euch auch die vermeintliche Wüste ein Wald! Dass sie dabei immer eine Wüste bleibt, das würde dann ironisch herausgestellt werden und könnte auch als „Recht zum Hedonismus“ wider den (politischen) Vorgaben gelesen werden. Was genau zur gegenteiligen Auslegung führte. Von daher: Für mich bleibt noch immer alles offen und verrätselt.
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Matthias Engels:
Rein vom Vokabular her erscheint das Ganze also recht zeitlos. Einige sprachliche Wendungen finden sich jedoch, die zumindest ein Entstehen vor -sagen wir- dem ersten Weltkrieg undenkbar werden lassen. Lässt man die modernen Zeilenumbrüche mal außer acht, könnte dieses Gedicht also von dort bis heute praktisch IMMER entstanden sein?Ich persönlich fände das ja ein positives Merkmal eines Textes, da Begrifflichkeiten wie „Festplatte“ oder ähnliches so furchtbar schnell veralten.
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Sebastian Schmidt:
Du hast mich auf eine Idee gebracht! Mensch, klar. Wenn wir schon bei der Blindverkostung sind, dann hauen wir einfach alles über den Haufen. Das Gedicht muss gar keine Resignation sein, das kann auch einen Ausweg aufzeigen. Völlig vernachlässigen müsste man die Zeilensprünge und den fehlenden Reim. Aber hier kann sich das lyrische Ich auch bewusst ins Private zurückziehen, der ganzen Welt abschwören, die Schornsteine zum Glück aus der Ferne glühen sehen, gemütlich im Sessel sitzen. Das wäre der Biedermeier im 19. Jahrhundert. Das Kleine zum Großen erhoben, die Wohnung zum Rückzugsort. Stille Rebellion gegen den „großen Knall“, lieber heimlich abtreten und aus dem Sessel kippen. Inhaltlich passt das, von der Form her nicht. Eventuell gab es ja Tendenzen zu einem Neo-Biedermeier ein gutes Stück nach dem Zweiten Weltkrieg? Auch die Naturlyrik hatte da ja Früchte getragen, indem sie bewusst den Blick vom direkten Schrecken abwandte.
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Matthias Engels:
Sebastian, tatsächlich war die Masse der Lyrik, die unmittelbar nach dem 2.Weltkrieg  erschien, Naturlyrik und bewußt fern ab von Weltanschaulichem oder Politischem. Eine Art Neo-Biedermeier würde ich das aber nicht direkt nennen.

-Das  waren ja jetzt schon mal spannende Annäherungen an die Form und das mögliche Alter des Textes, das man daraus eventuell herauslesen kann.  Nun zum Inhaltlichen:
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hand_feder_04Frage 2:
Worum geht es letztlich hier?
Rein inhaltlich? Könnt ihr das zusammenfassen?

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Hanna Scott
i:
Wie oben schon gesagt ist es eine lethargische Einlassung für mich auf die Dramen dieser Welt, eine, vielleicht bittere Zustandsbeschreibung ohne Überraschungen, aber nicht ohne Humor, vielleicht sogar satirisch? Aber nur im Ansatz, es trieft nicht. (das wäre auch ein Hinweis auf einen lebenden Verfasser. Ich glaub‘ es ist ein Mann, das werde ich aber nicht begründen, sonst darf ich hier nicht mehr mitmachen.
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Matthias Engels:
Oh doch, Hanna! Das wirst du! Hier herrscht ja Redefreiheit!

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Stefanie Jerz:
Lacht sich, auf die G
efahr hin, hier dann auch nicht mehr mitmachen zu dürfen, eins in den Damenbart.

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Hanna Scotti:
Na gut : Um ein Klischee zu bedienen: Mann, Dichter, ein Guinnes oder einen süffigen Rotwein der edlen Sorte, an gehäuteten  Schneckenbrüstchen schlürfend und die phantasievolle Hingabe an das Leid der Welt genießend, besonders aber seinen ganz persönlichen Sissi – Fox celebrierend ist er der perfekte Grandseignieur der Dichtkunst. ( Aua, nicht hauen)
Ich persönlich spiele ja gerne mit den Underdogs, bei denen der Verstand die Haare weichen läßt und die verbleibenden am Ende des Stammhirns sich mit dem xxl – Tagebart zu Dreadlocks verweben.Diese Spezies kompensiert ihre Potenzschwäche wunderbar mit Gehirnmasse. Das macht rettungssüchtige Damen ungemein an.- Wie komme ich darauf? Diesesr Text erinnert mich an solche selbstmitleidigen Ergüsse.
Nichts für ungut. Ich irre mich bestimmt. Natürlich sind unser Autor (ich bleibe beim Mann, der noch lebt) Du, Matthias und Du, Sebastian ausgenommen vom Klischee.
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Matthias Engels:
Keine Sorge, Hanna! Jedem seien seine Erfahrungen und Beurteilungskriterien gelassen! Ich sammele nur eure Meinungen. Stefanie z.B. ist fest davon überzeugt, dass es sich bei dem Urheber von „Rückwärts“ um eine Frau handelt! Bei dir überwiegt also der Eindruck der Lethargie und der von etwas bitterem Humor. Da kann ich persönlich ganz gut mitgehen. Mal sehen, was die anderen so sagen….
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Sebastian Schmidt:
Da wir zwar eine Verortung versucht haben, aber alles bis zu deiner Auflösung mehr oder weniger offen bleibt, versuche ich jetzt gar nicht, irgendwelche geschichtlichen oder literaturhistorischen Anknüpfpunkte zu finden. Ich schaue also mal ganz neutral in den Text. Was mir besonders auffällt, das ist wohl der „große Knall“. Ganz ohne Assoziation kommt der nicht daher, das „Nach jedem Schlag Musik“ erinnert doch irgendwie an eine wie auch immer geartete Parade. Also ins Feld des Militärischen setze ich das Gedicht – wie gesagt, ohne jeden konkreten geschichtlichen Bezug. Mit sich selbst nichts mehr am Hut haben, heißt ja, sich zu verlieren, einen wichtigen Teil von sich aufgegeben, geopfert oder anders eingebüßt zu haben. Das Bescheiden am Ende, in der Wüste das Leben zu sehen, das Karge zu akzeptieren, ist progressiv. Hier schaut jemand angstvoll nach vorn, eventuell auch angstvoll zurück – im selben Moment. Dass die Sprache dann so nüchtern ist ohne viel Umschweife, nah am Jargon, das unterstreicht meines Erachtens das gewollte Nicht-Ablenken vom eigentlichen Thema: Hier droht eine Veränderung, auf die das lyrische Ich reagieren will, die es (für andere) deutlich nachvollziehbar reflektiert.
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Stefanie Jerz:
Guter Satz, Sebastian: „Hier schaut jemand angstvoll nach vor, eventuell auch angstvoll zurück.“
Genau diese Stimmung empfinde ich beim Lesen auch. Zuzüglich einer Sehnsucht nach Ausschweifung, Genuss, Hingabe an den Augenblick. Merke gerade, dass ich das Gedicht sowohl finster, als auch positiv lesen kann. Setze ich Krieg als Bild nicht ein, kann es einfach auch die Jugend sein, die da mit dem Erwachsenwerden hadert…oder bin ich da in der Interpretation zu frei? Else Lasker-Schüler fällt mir da gerade wieder ein.
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Sebastian Schmidt:
Nein, ich denke nicht, dass das zu frei ist, denn die Idee mit der Jugend hat mich gerade auf das Alter als solches gebracht! Ich stelle mir gerade vor, wie ein greiser Mensch am Fenster sitzt (zu welcher Zeit auch immer), der große Knall, der Tod, eventuell verbunden mit Leid – davor aus dem Sessel zu kippen, die Erlösung, die man eventuell selbst nicht mehr herbeirufen kann? Eine interessante Sichtweise, das angstvolle Zurück- und Nach-vorn-Schauen passte da auch. Dann wäre man weg vom Politischen.
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Stefanie Jerz:
Genau so las ich das Gedicht zuerst…nicht politisch. -Und ich beglückwünsche die Autorin (für mich steht jetzt fest, es muss eine sein), dass sie es durch ihre Wortwahl zeitlost gemacht hat (da bin ich gerade bei euren Überlegungen von vorhin.)
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Hanna Scotti: 
Auch das Private ist politisch, sonst sind wir wieder in der bewertenden Dualität. Diese Behauptungen -was ist privat, was ist politisch- will ich hier nicht so stehen lassen, wäre vielleicht sogar im Zusammenhang mit diesem Gedicht sehr interessant, führt aber vielleich zu weit?
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Stefanie Jerz:
Ging bei der Unterscheidung ja nur darum, die vielen Facetten herauszuarbeiten, die das Gedicht eventuell haben könnte.
Natürlich hast du recht: lässt sich nicht trennen.
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Matthias Engels:
Tatsächlich stimme ich Hanna hier ebenfalls zu! Das kritische oder politische Gedicht braucht keinen größeren Kontext als den Menschen an sich, um kritisch oder politisch zu sein. Der ganz normale tägliche Mief IST bereits Politik, denn er enthält die Gesellschaft im Kleinsten.
Aber das wollen wir hier tatsächlich nicht vertiefen -nur festhalten: man kann hier, in diesem kleinen Text, durchaus mal in Richtung des Größeren denken…..
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Sebastian Schmidt:
Ich bekomme dennoch gerade eine Gänsehaut, wenn ich die letzten Verse aus der traurigen Sicht eines alten Menschen lese.
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Stefanie Jerz:
Jaaa…die Gänsehaut kenne ich. Und ich kenne (unter den männlichen Dichtern, die ich gelesen habe) nur bei Rilke diesen Mut über den Tod zu schreiben. Noch einmal zur Gänsehaut: Das ist eine tolle…eine so lebenshungrige Art, die diese Sprache vermittelt. „Aus dem Sessel kippen“ so verspielt, dass sie aber erst durch die Hintertür muss, oder?
Den Inhalt dieses Gedichtes kann ich für mich so zusammenfassen: Gekonnt hat hier der Verfasser in leichter Sprache eines (heute würde man sagen: Coming-of-Age) Heranwachsenden (die dunkle Bedrohung des Erwachsenenlebens und des Todes aber Spürenden),  die Stimmung der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg eingefangen. Den nächsten spürend, vorausahnend, weil Krieg sowieso niemals Lösung ist, sondern lediglich Verschiebung eines Konflikts. Diese dunkle Drohung will das lyrische Ich hier fliehen. Sie am liebsten nicht erleben. Dem großen Knall schon vorher entkommen. „Aber es geschieht nichts.“ Oberflächlich kann das auch das Phlegma und die gleichzeitige Sehnsucht der Jugend nach Aufregung bedeuten. Näher hingesehen zeigt sie vielleicht die Stagnation, das Nichthinsehenwollen, was kommen kann. Ein Ruhen vor sich hin, dass nach den Schrecken eines Krieges auch sein muss. Dass aber die Schornsteine qualmen, die vielleicht zu Waffenfabriken gehören könnten, beunruhigt gleich wieder. Aber wenigstens diese Atempause gibt es noch…wer sich bescheidet, wer nicht allzu viel verlangt, dem ist auch die Wüste ein Wald. -Bin gespannt, auf wievielen Holzwegen ich gelandet bin. 
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Matthias Engels:
Schöne Deutung, Stefanie- diese Diskrepanz aus profanen Schornsteinen (wenn sie hier auch glühen statt  zu qualmen) und ihrer möglichen Zugehörigkeit zur Waffenfabrik habe ich  noch gar nicht gesehen. Man könnte jetzt noch weiter gehen mit diesen  Schornsteinen und sie ganz anders zuordnen, aber ich will euch nicht  vorgreifen. Der  friedlich bullernde Kamin mit dem rauchenden Schornstein ist ja in der  Regel eher ein Symbol der lauschigen Heimelichkeit, in deren Mitte man  sich gern im kuscheligen Sessel platziert -ein Bild, das dem von  Sebastian skizzierten Biedermeier-Ideal sehr nahe kommt. Durch die  kleinen Verschiebungen des hier „glühenden“ Schornsteins und des  „Kippens“ aus dem Ruhesessel ist tatsächlich schon einiges anders! Die  vordergründige Ruhe und Ordnung -trüber Himmel (leider so oft Normalität) und das Feuer im Ofen- wird hier in naher Zukunft zerschlagen  werden.
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Hanna Scotti
Rauchende Schornsteine, auch Metapher für „Kohle“ = Geld. Ich bleibe dabei, es ist ein „neuer“ Text
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Matthias Engels:
Ja, „der Schornstein raucht“ ist ziemlich prall mit möglichen Deutungen aufgeladen: wirtschaftlich: solange die Schornsteine rauchen wird produziert/geht es einem gut! Privat: heimelige, wohltuende Wärme in den eigenen 4 Wänden- aber man kann auch Stefanies Interpretation folgen und sagen,die Produktion, die dahintersteht, hält das Schlechte in der Welt in Gang- oder soweit gehen, darin evtl. sogar einen Krematoriumsofen zu sehen-immerhin sind es im Text einfach nur: „Schornsteine“- ganz offen! Dass sie hier nicht nur rauchen, sondern „glühen“ zeigt, dass irgendetwas -wie sagt man so schön neudeutsch- :over the top betrieben wird; über das Mass des Normalen hinaus.
….Dennoch, so gut eure Deutungen mittlerweile stimmen, zeitlich seid ihr immer noch ziemlich auf dem Holzweg.
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Sebastian Schmidt:
Na, je weiter man daneben liegt, umso mehr bietet doch der Text an Möglichkeiten. Es ist ja auch eine schöne Erfahrung, mal so richtig in die falsche Kiste zu greifen, am Ende springt einem der Jack in the box ins Gesicht und haut einem ein blaues Auge, aber man ist zumindest mit nur einem blauen Auge davongekommen. Denn wenn die Deutung sinnvoll ist, dann wird das Gedicht ja zeitlos. Aber ich denke, das ist Konsens in der Blindverkostung. Doch wenn du schon ein bisschen die richtige Fährte für uns auslegst, dann kann ich ja zumindest versuchen, zu folgen. Wenn der Biedermeier, der Expressionismus und die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht zutreffen, dann ist es eventuell etwas ganz Modernes?
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Stefanie Jerz:
Fein gesagt!!!
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Hanna Scotti:
Joooohhhh, was ist schon Zeit, was ist Tempo? Einsteigen und mit Lust mitfahren ersetzt  mühevolle Suche nach manchem/r zu fernen LiebhaberIn. – Will sagen, ich finds sexy mit euch. Vielleicht hätte dem Autor auch diese Variante gefallen und er/sie hätte dieses Gedicht nicht geschrieben. Ich bleibe immer noch dabei : Es ist ein Text von heute.
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Matthias Engels:
Den Sex-Appeal dieses Gesprächs mit euch kann ich nur bestätigen. Wie Sebastian eben bemerkte: Es gibt keine „endgültige“ Deutung! Die Reihe lebt ja davon, dass man die Zeitumstände, unter denen ein Text entsteht, völlig ausgeblendet hat. Manchmal, wenn ein Werk sehr stark an seine eigene Realität geknüpft ist -inhaltlich und auch schon rein begrifflich- fällt es leichter. Ich habe mittlerweile eine Vorliebe entwickelt für Texte, die theoretisch IMMER gültig und entstanden sein könnten. Auch bei einem Bild oder einem Musikstück fragt man sich ja nicht als Erstes, wann und unter welchen Bedingungen es entstand- man lässt es wirken und schaut, was es Einem sagt!

Ich fasse noch mal kurz zusammen:
Ihr habt nun schon eine ganze Menge hier heraus- und hineingelesen! Es könnte um das Erwachsenwerden gehen und den Rückblick auf die Kindheit samt Ausblick auf das Kommende. Andererseits wäre auch eine Rückschau aus dem Alter auf das vergangene Leben denkbar. Den „großen Knall“ lest ihr zeitgeschichtlich, politisch, am ehesten als Krieg. Das etwas flapsige „aus dem Sessel kippen“ ziemlich deutlich als Tod. Das sind schon sehr viele und sehr unterschiedliche Ansätze. Das hier eine elementare Erfahrung und düstere Ahnung recht salopp thematisiert wird, scheint sich herauszukristallisieren. Das Gedicht ist postiv wie negativ zu lesen, sagtet ihr ebenfalls. also ist es hier nicht so, dass eine klare Stimmung hervorgerufen wird? Sei es eine elegische, melancholische oder gleichgültige? 
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Stefanie Jerz:
Hinaus- und hineingelesen. Das stimmt. Ergänzen möchte ich noch, dass auch fatalistische Töne vorhanden sind.
Und mit unseren Wünschen,
noch vor dem großen Knall aus dem
Sessel zu kippen, das wäre ein Glück.-  wenn das nicht fatalistisch ist…ob der große Knall kommt ist hier nicht (etwa mit einem „falls) infrage gestellt sondern als unveränderliches, lediglich im Zeitraum nicht festgelegtes „wenn“ gemeint, oder nicht? Fatalistisch also weil scheinbar Unausweichliches droht und dem lieber durch Tod entgehen…weil sie sowieso nichts ändern können. 
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Sebastian Schmidt:
Ganz im Ernst, Matthias? Mittlerweile dreht sich in meinem Kopf jedes Wort und jeder Vers – und das Gedicht ist eigentlich alles. Es ist melancholisch, wenn man betrübt vor- oder zurückschaut auf ein bestimmtes Ereignis; es ist gleichgültig, wenn man darin eine Art von Resignation, Apathie liest: diese Mentalität „Was soll ich draußen von hier drinnen bewirken?„. Schwermütig wird es ganz und gar, wenn man an das Altern denkt, daran, dass einem die Möglichkeiten genommen wurden, selbst zu handeln und zu entscheiden. Nicht zuletzt ist es fatalistisch, wie Stefanie gerade schrieb, dadurch auch irgendwie ironisch. Dieses Gedicht, auch wenn es auf den ersten Blick sicher nicht der Masse Lieblingsgedicht ist, bietet doch schon jetzt, nach dieser kurzen dialogischen Beschäftigung, genau das, was ein gutes Gedicht bieten sollte: die Möglichkeit, sich selbst in das Gedicht zu begeben, um dort mit sich selbst und gemeinsam mit dem lyrischen Ich einen Sinn zu suchen, in dem man sich selbst eingewoben in Versen findet. Das ist doch etwas ganz Großartiges!
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Stefanie Jerz:
Da stimme ich dir sowas von zu, Sebastian!
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Matthias Engels:
Das ist genau die Mischung, die ich am Werk des Verfassers/der Verfasserin dieses Textes so liebe, Sebastian! Du fasst es ganz gut zusammen: Eine Portion Resignation und Schwermut, aber auch ein Quäntchen ironische Hoffnung. wie sagt man?- Pessimisten sind enttäuschte Optimisten? Diese Haltung findet man bei fast allen Texten des/der Gesuchten.
Viele Texte vermitteln ja EINE klare Stimmung.Hier ist es auf interessante Art und Weise anders, finde ich.
Aber: könnt ihr die letzten beiden Zeilen vielleicht noch einmal aufzudröseln versuchen? Es ist ja jetzt nicht unbedingt eine stehende Redewendung, über die man so hinweg gehen könnte. Was hat die Wüste mit dem Wald zu tun? Die schöne Alliteration, eigentlich das einzige lyrische Strukturmittel hier, ist euch wohl gar nicht aufgefallen? 
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Hanna Scotti:
Wenn die Wüste zum Wald wird, hat das „Ich“ sein Ziel erreicht, die Verehrung des „Kleinen“ in allen Dingen, macht bescheiden und wunschlos zufrieden.  Ich erkenne den Sand und seine Bedeutung und den unermesslichen Reichtum des Waldes. Ich lasse mir Zeit ( ohne das Verschwinden hinter der Zeit gehts nicht und fühle, dass auch die Wüste ( Metapher) voller Leben und Lieben ist.
Das ist ein Ort, den auch Stefanie gut kennt, wie ich vermute.
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Stefanie?
Jepp! Da sind Hanna und ich Schwestern im Geiste. Das lyrische Ich hier ist, meines Erachtens, noch in der Zeitschleife, empfindet so etwas wie, nein: vermittelt mir so etwas wie Hohn oder Hochmut über das Außen.
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Sebastian Schmidt:
Na, aufgefallen doch, aber ich lege nicht so viel Wert auf solche Stilmittel. Sie sind für mich Zier, schön, aber nur von geinger Bedeutung. Wenn man so will, verbindetet die Alliteration die beiden Wort schon stark, aber diese Verbindung wird auch über den Vergleich ausgedrückt, bedürfte daher nicht dieses rhetorischen Griffes. Aber klar, die beiden Verse sollte man ein bisschen näher betrachten. Fangen wir einmal bei den Schlüsselworten an. „Wüste“: Ein Ort, an dem das Leben fehlt, ein karger Platz, spärlich bewohnt, spärlich bedeckt von anderem außer Sand oder Salz. Sie ist der Gegensatz zum Wald, der für Leben steht, der Vegetation, der Artenvielfalt bedeutet. Nun, der Kontrast ist leicht zu erkennen. Von einer Wüste spricht man ja aber nicht nur im geografischen Sinn, das Bild lässt sich übertragen auf alles, dem ein vitales Moment fehlt oder dem es abhanden gekommen ist.
Da wären wir wieder bei dem großen Knall, der wohl als Ursprung dieser zukünftigen Veränderung gedeutet werden könnte. Auffällig ist auch, dass die Assoziation Wüste – Sonne zu den glühenden Schornsteinen führt, die quasi das Leuchten der Sonne ersetzen und die Wüste des lyrischen Ichs im Gedicht noch trostloster machen durch eine Art Smog-Nebel, durch den hindurch man nur die kleinen Köpfe der rauchenden Schlote erkennt. Aber nun der Knackpunkt an der ganzen Sache: Wer sich bescheidet, dem könne diese Wüste ein Wald sein? Eine Herausforderung an das Verständnis! Eine Wüste bietet keinen Raum, sich zu bescheiden, in ihr kommt man um, wenn man sich bescheidet, überhaupt, was soll dieses altmodische bescheiden hier? Nein, entweder ist das „bescheidet“ bewusst so gewählt, um die anderen Formulierungen aufs Korn zu nehmen, oder aber die anderen Formulierungen sind recht gewagt in einer Zeit, die sprachlich einfach noch nicht so weit war. Aber das erscheint mir abwegig.
Es muss eine Möglichkeit geben, sich zu bescheiden in der Wüste, ohne umzukommen, irgendwie den Wald in ihr zu sehen. – Eventuell solle man sich auch schlicht bescheiden, dass einfach keine Veränderung eintritt, so wie in einer Wüste auch kaum neues Leben entsteht, ist es nicht schon vorher dort gewesen. Anschließend an eine Aussage von mir weiter oben, dass es auch etwas sehr Modernes sein könnte, könnte das ja auch ein Gedicht mit ökologischem Hintergrund sein. Schornsteine, Wüste und Wald deuteten in eine solche Richtung. Aber irgendwie gefällt mir dieser Ansatz nicht so gut. Was meint ihr?
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Matthias Engels:
Sebastian, du erkennst die verwirrende Wirkung dieser Zeilen, die sich gar nicht unbedingt beim ersten Lesen entfaltet, hier sehr gut. Ist es am Ende alles nur ein frommer Wunsch? Vielleicht sogar ein gewisser Sarkasmus oder Galgenhumor? Wer sich in der Wüste einen Wald ersinnt, verdurstet vielleicht glücklicher – aber er verdurstet! Was deinen ökologischen Bezug angeht, muss ich aber leider sagen: Da geht der Chili-Züchter mit dir durch!
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Stefanie Jerz:
Für mich klingt das einfach wie: erwarte nicht viel, dann bist du auch zufrieden. Ich bin nicht auf die Alliteration eingestiegen, weil sie so klar in ihrer Aussage ist. Auch sagt sie mir nichts Näheres über Zeitpunkt des Verfassens aus. – Darf ich mal ganz peinlich und blöd das Bild erzählen, dass ich die ganze Zeit habe. Das mein ich ganz fotografisch. Also ich sehe eine mondäne Salondame mit Zigarettenspitze im Art Deko Sessel sitzen, nein räkeln und über die Sinnlosigkeit des Lebens lästern…
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Sebastian Schmidt:
Und nach dem „wer sich bescheidet, dem ist“ pustet sie eine große Rauchwolke aus, „auch die Wüste ein Wald“? Hehe! Eine schöne Facette, die das Gedicht hier noch bietet – und ehrlich gesagt, wie schon bei deiner Assoziation mit dem Altern, Stefanie, wieder einmal auf den Punkt! Das Gedicht lässt sich wirklich prima aus dieser Sicht lesen. Warum auch nicht, es sind ja nicht alle Verse gleich goldene.
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Hanna Scotti:
Meines Erachtens beschreibt der/die VerfasserIn ein typisch christliches Menschenbild, miefig und fad. Es wird nur zurück und nach vorn geschaut. Die Salondame brächte den knisternden Touch, eine willkommene Brise.
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Stefanie Jerz:
Nachdem Matthias uns darauf hingewiesen hat, dass wir mit der Zeit wohl falsch liegen, tippe ich hiermit noch mal auf die eingangs von mir ebenfalls vermuteten 1970er! Linse gerade zur DDR rüber…In der Diktatur wird man enormst geschult in der Kunst der Andeutung…würde ebenfalls passen…muss ich aber noch wirken lassen, den Gedanken.
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Matthias Engels:
Herrliche Bilder! Ich muss aber scheinbar noch einmal präzisieren. Meine Aussage, dass ihr zeitlich recht weit danebenliegt, bezog sich darauf, dass ihr euch zuletzt sehr auf den Zeitraum Expressionismus/Weimarer Republik eingeschossen hattet. Das Biedermeier war ja eher ein theoretischer Gedankengang, der durch die freie Form des Textes ohnehin ausfällt- zu all euren anderen Vermutungen will ich nix gesagt haben……..
Nochmal zur letzten Frage und euren Antworten: „erwarte nicht viel, dann bist du auch zufrieden“, sagte Stefanie eben. Ich finde das sehr gut zusammengefasst! Hier tauchen auch die „Wünsche“ indirekt wieder auf, mit denen man „nichts mehr am Hut“ hat! Auf was kann man das nicht alles projezieren? Enttäuschte Hoffnungen kennen wir doch aus so vielen Bereichen! Im Zwischenmenschlichen, im Beruf, im Künstlerischen und vom Leben an sich. Auch im Gesellschaftlichen und in der Politik -klein wie groß- werden wir mit solchen konfrontiert! Und da steht man mit seinen kleinen Hoffnungen auf einmal und um Einen herum ist nur: WÜSTE -karge, unwirtliche Landschaft-tagsüber sengend heiß, nachts unmenschlich kalt! Aber: bescheide dich, Mensch! Und sehe auch in dem kleinen Steinkraut, dem kümmerlichen Kaktus Leben und Wald! ruft dieses Gedicht- wobei es mir das eher so dahinzuraunzen scheint als zu rufen. 
Der Wald, neben dem Rhein so ein urdeutsches, uraltes Motiv! Die deutsche Eiche, die Varusschlacht, die Romantik…Ruhe, Schutz, Schatten, weiches Moos und durch die Lücken in den Baumkronen fallendes, weiches, gefiltertes Licht.  All das muss für einen deutschen Geist, der sich als solcher verwurzelt fühlt, in der Wüste wie der Garten Eden erscheinen. Nationale DNA, sozusagen. 
Und dann ist da -in diesem sehr prosaischen Gedicht- noch dieser Klang am Ende: Wüste wird zu Wald, neben der Alliteration höre ich da auch: Wasser wird zu Wein, Gegensätze werden vereint; ein Wunder im Alltäglichen, Absurden, mitten im piefigen Mief.  – Aber ich betone: auch ich habe nicht die Deutungshoheit für dieses Gedicht; auch ich liebe es einfach aus völlig irrationalen Gründen und fühle mich in meiner eigenen Lesart ganz wohl:  Aber ich sage: verliert neben der allgemein auf das Leben an sich anwendbaren  Interpretation einen zeitgeschichtlichen Kontext nicht aus den Augen! 
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Stefanie Jerz:
Gut, dass du mich stoppst in der Zeitreise, war schon bei der Gruppe 47 und danach. Also Fluxkompensator wieder aus und bei den 1920er/30er Jahren geblieben. Matthias, den Begriff „Nationale DNA“ finde ich in diesem Zusammenhang durchaus passend, auch wenn ich ansonsten ein Problem damit habe. Aber ja. Gefühlsprägungen, bekommt man nicht raus. Bin ein Waldkind durch und durch. Und wer in dieser Fülle aufwachsen durfte, den haut so schnell auch nichts um. Also steckt in der Alliteration, in dieser Aussage,  auch eine Menge Kraft. Widerstandskraft!
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Matthias Engels:
Ich höre hier auch eine Art Widerstand- allerdings eher passiv und in Form von Verweigerung oder zumindest Desinteresse. Hier ist Jemand von dem unbestimmten Rumoren um ihn herum nicht wirklich gepackt und darin eingeschlossen. Vielmehr sieht hier ein lyrisches Ich auch die fatalen Seiten daran. Stefanies Bild der gelangweilt rauchenden Salondame passt hier ganz gut. Und: Ja, der Begriff „nationale DNA“ hat sicher einen gewissen Beiklang, aber wir verorten ihn mal wertfrei viiiiel früher als in der Zeit, die einem da sofort in den Kopf schießt. Ich wollte damit massgeblich den Fokus mal auf den Bereich „deutsche Verhältnisse“ lenken- davon gab es ja durchaus so ein paar, über die man ein Gedicht verzapfen könnte..
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Stefanie Jerz:
Da war ich ja mit meiner Vermutung weiter oben bei deutsch/jüdischen Verhältnissen. Es gab ja einige AutorInnen, die da früh genung hingefühlt haben, was nach dem ersten Weltkrieg noch so droht.
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Matthias Engels:
In der Tat, Stefanie. Nach meinem Verständnis sieht hier Jemand etwas Kommendes auch sehr klar, aber es hat nichts mit dem deutsch/jüdischen Verhältnis zu tun!
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Sebastian Schmidt:
Im Kontext des deutsch-jüdischen Verhältnisses hätte ich den Text keinesfalls gelesen, dafür halte ich die Bilder für zu ambig und willkürlich, auch ein bisschen zu schwach. Dennoch befinde ich mich ein wenig in der Bredouille, da deine Ausführungen zur Deutung, Matthias, sich ja auf die Kenntnis des Veröffentlichungsdatums stützen. Trotzdem überzeugt mich deine Interpretation nicht bis zum Ende. Der Begriff der „Nationalen DNA“ ist ziemlich gewagt, vor allem, wenn er gebunden ist an das Wort, und hier nur  das Wort „Wald“. Natürlich besitzt wohl der Deutsche einen literarischen Hang zum Wald, aber wohl auch alle anderen Länder, die ausgeprägte Baumlandschaften ihr eigen nennen dürfen. Überdies gefällt mir die Verallgemeinerung nicht so sehr, dass allein das Vorkommen des  Wortes „Wald“ im Stande sein soll, eventuell nicht nur in diesem Gedicht, sondern in allen Gedichten, diese Assoziationen hervorzurufen. Ich finde, das tut es auch nicht, gerade weil die deutsche Literatur so viel vom Wald spricht, verliert das Wort damit an Eigenheit und wird zu einem Wort, das ganz frei ist und noch immer nicht altbacken nach schaler DNA schmeckt.
Den Hinweis allerdings, dass hier auch Wasser zu Wein werden könnte, finde ich spannend, auch wenn es etwas eigenwillig ist, die Wüste gerade mit „Wasser“ konnotatoiv aufzuladen. Aber klar doch, dein Gedanke macht vor allem die etwas gekünstelt wirkende Alliteration zu etwas Greifbarem, das auf diese Weise sinnvoll in den Text eingeflochten werden kann. Ganz überzeugt mich diese Auslegung in einem modernen Kontext allerdings nicht, wobei eine Kritik jetzt den Rahmen sprengen würde.
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Matthias Engels:
Das war auch nur eine Abschweifung, Sebastian. Ich halte den Wald hier nicht für ein massgebliches Motiv- er zeigt einfach nur eine enge Verwurzelung von Autor/Autorin XY mit der heimischen Region….bescheide dich und ALLES kann dir HEIMAT werden- auch das steckt darin. Aber jetzt will ich nicht noch mehr Tipps geben, sondern lieber eine weitere Frage stellen:
hand_feder_04
Wie interpretiert ihr eigentlich das -immerhin titelgebende: „wir lassen uns rückwärts auszählen“? -Oft ist ja der Titel nicht ganz unwichtig…..
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Sebastian Schmidt:
Es war klar, dass du zum Ende noch einen aus dem Ärmel schüttelst! Wenn ich mich nicht täusche, haben alle (mich eingeschlossen) gerade um diese Verse bisher einen Bogen gemacht! Ich gehe kurz in mich …
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Stefanie Jerz:
Boxkampf von 10 auf k.o.. Schlagabtausch, zusammen mit der Redewendung „Mit uns haben wir nichts mehr am Hut“. Niederlage, Selbstaufgabe. Da ist sie wieder, die fatalistische Einstellung zum Schicksal.
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Matthias Engels:
Okay! Ja! Aber beim Boxen zählt man doch von 1-9??Aufwärts!
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Stefanie Jerz:
Oh, ups…das war der Raketencountdown, der rückwärts geht, ahhhhhh!!!!!Zündung!!!
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Matthias Engels:
Aha! Wo zählt man denn noch rückwärts? 
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Hanna Scotti:
Der Titel heißt  „rückwärts“
Dreh dich nicht um, schau nicht auf Sodom, sonst erstarrst du. Dreh dich nicht um, denn der Plumsack geht um …   
Gehst du rückwärts, siehst du nicht, was hinter dir ist.
Wenn du dich umdrehst, verlierst du alles, was du liebst an den Tod.
Schaust du „Ihm“ ins Auge, bist du genau so verloren.
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Stefanie Jerz:
Das genau trifft’s!
Hanna Scotti:
Mir scheint, dieses Gedicht führt sich selbst mitsamt seinem Verfasser an der Nase herum und damit auch uns.

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Stefanie Jerz:
Das find ich nicht, aber es zeigt, wie unsinnig es ist, etwas zu wollen im Leben, oder?

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Matthias Engels: 
Oh doch! Sehr gute Zusammenfassung des Gesamtwerks von Verfasser/Verfasserin XY!
Dennoch gilt auch dein Einwand, Stefanie! Mit den „Wünschen“ fängt doch das Dilemma und -laut Buddha- das ewige Leiden an!
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Hanna Scotti:
Braucht die Welt Gedichte, Dichter, uns Interpreten, Public Pads…….? Nein, ganz schlicht : nein

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Stefanie Jerz:
Doch und unbedingt: immer wieder, um uns zu zeigen, dass grundsätzlich alles in Frage steht.

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Hanna Scotti:
Diese Erkenntnis schmerzt, ist aber wahr.

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Stefanie Jerz:
Stimmt. Autsch!
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Hanna Scotti:
Rückwärts zählen ????- Das Brettl vor meinem Kopf ist angenagelt.
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Stefanie Jerz:
Genau so, liebe Hanna. Diese Hoffnung/oder Befürchtung, es möge vielleicht noch etwas passieren, das spüre ich auch 
Nach dem Versuch, die von Matthias so sadistisch   umsichtig und herausfordernd ausgewählten Zeilen an etwas festzumachen,  sind wir nun vom Selbst zum Außen, von der Langeweile zum Krieg, vom  Boxsport über Sesselpupsen einmal quer über und durch sämtliche Facetten  dieses kleinen Diamants gesurft.
Matthias gab jetzt noch einmal einen Tipp zur Fokussierung. Und für mich steht nun fest, dass es sich um eine Meditation zur Jahreswende handeln  muss. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Rückwärts  zählen wir kurz vor den Raketen am Sylvesterabend. Es passt alles…und  ich bin tief beeindruckt, wie der Verfasser schafft, einen so  bestimmten Text so offen zu lassen für unsere wilden  Interpretationen…das Geheimnis von Sprache, ich werd das nie verstehen…
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Sebastian Schmidt:
Nun stehe ich ganz am Ende dieses so schönen Hin und Hers, dessen leichter Ton über die tiefen Gedanken fast hinweggleiten lässt. Aber ich will erst einmal gar nicht so tief hinab, sondern unvermittelt hinein und die kontextuelle Struktur der Eröffnungsverse betrachten. Was viel zu kompliziert klingt, für das was folgt. Ich frage mich hier lediglich: Wie kann so eine Situation aussehen, in der „wir“ uns auszählen lassen können und in der die Reihenfolge des Auszählens überhaupt von Bedeutung ist. Am Anfang also wieder die Frage: Was haben wir eigentlich?
Zuerst das Wort: „auszählen“. Es bedeutet für mich so etwas wie eine Frist, nach der für jemanden irgendetwas endet, und auch, dass diese Frist durch einen anderen gesetzt wird.
Danach haben wir „auszählen“ als Verb. Wer zählt wen aus? Ausgezählt werden wir von einem, der die Befugnis dazu hat und der die Regeln kennt, nach denen er einen anderen auszählen kann. Im Sport ist das beispielsweise meist der Schiedsrichter oder das Schiedsgericht.
Dadurch kommen wir zum Bild. Wir haben ein Bild, in dem es zwei Parteien gibt, diejenige, welche den Regeln folgt (die sie eventuell selbst gemacht hat), und diejenige, welche diesen Regeln folgen soll. Hier bestimmt die eine Partei über die andere.
Doch nun zu den Besonderheiten im Bild, von denen es zwei gibt: Einmal ist es die, dass dieses Auszählen freiwillig erduldet wird „wir lassen uns … auszählen“. Denn es steht nicht dort „Wir werden ausgezählt“ oder „Wir haben keine andere Wahl, als uns auszählen zu lassen“. Die Schuld also, dass hier überhaupt eine Partei ausgezählt wird, dass über eine Partei gerichtet wird, die liegt auch an der schwächeren Seite selbst, an der Masse der sich nicht dagegen Auflehnenden.
Zweite Besonderheit: Hier wird jemand „rückwärts“ ausgezählt. Für das Ergebnis spielt die Richtung des Auszählens eigentlich keine Rolle, das Resultat ist gleich: Game over! Aber für das Gedicht, das mit den Bedeutungsebenen spielt, ist es von großer Bedeutung. Denn allein der Bezug von „Countdown“ und „großer Knall“ gibt dem Auszählen ein finales Moment, ein Moment, das einen Endpunkt darstellt, der nicht alles unverändert lässt, wie ein vorwärtsgerichtetes Auszählen es andeuten würde
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Das ist die Rohmasse, die sich nun ganz leicht zu etwas Sinnvollem, hoffe ich, verspachteln lässt; ein kurzer Deutungsversuch unter veränderten Vorzeichen: Das Gedicht eröffnet zwei Spannungsverhältnisse, einmal das zwischen den Auszählern und den Auzuzählenden; und dann, bisher auch etwas untergegangen, zwischen Wir und lyrischem Ich. Denn scheinbar ist es so, dass die Auszuzählenden nicht genug getan haben, um sich gegen das Ausgezähltwerden zu wehren, sie „lassen“ es geschehen. Dadurch entsteht ein Machtverhältnis.
Leidtragender dieses gekippten Verhältnisses ist das lyrische Ich, denn es kommt nicht gegen das Wir an, auch wenn es den „großen Knall“ sieht. Es ist so etwas wie der tragische Held. Und der hat die Situation im Blick, sieht die von Überproduktion „glühenden Schornsteine“ der Konsumindustrie und die Bevormundung (es muss nicht nur auf Deutschland bezogen werden!), aber er erkennt die Hilflosigkeit gegenüber denen, die sich gegen diese Auszählung, dieses Überwachtwerden und Einschänkenlassen nicht wehren.
Damit haben wir ein Muster, dass nur noch gefüllt werden braucht etwa mit tagesaktuellen Themen. Beispielsweise die Überwachung durch die NAS im Zeitalter nahezu unbegrenzter technischer Möglichkeiten, in dem ein ganz und gar untechnischer „Sessel“ schon so etwas wie eine zweite Heimat sein kann. Aber es muss nicht so aktuell sein, jegliche Überwachung, etwa in der DDR und in anderen Ländern, könnte in das Muster eingesetzt werden. Herauskommt, je nach Tagesaktualität, ein modernes Gedicht, das nach der Analyse zur Einsicht gelangt: Die Chacen sind vertan, wenn überhaupt folgt noch der „große Knall“. Davor im Sessel noch Goodbye zu sagen, „das wäre ein Glück“. Aber es ist kein Glück, dieser Zug ist abgefahren!
Das Bescheiden ist dann ein letzter Weg vor Abzweig Ende, wenn auch kein Ausweg: Im Auge behalten, was es ist, eine „Wüste“, aber darin eventuell zumindest noch die Oase zu suchen, den Wald, mag der aussehen, wie er will.
Man könnte weitergehen und die etwas eigenwillige Sprache vor diesem Gedankenkonstrukt zu beschauen, aber es soll bei dem Hinweis bleiben, dass es auch in ihr nicht mehr möglich scheint, sich der Zeit zuvor zuzuwenden, da die Sprache dadurch alt und unglaubwürdig wird, gleichzeitig aber auch zeigt, dass das Anschreien gegen die Masse nur noch in der Sprache der Masse selbst möglich ist: In der Sprache der Zeit, die jedoch auf den großen Knall zuhält. Ein Paradox, ein Irrgarten ohne Ausweg. Eine Mischung aus Resignation, Ironie, Trauer, Fatalismus und Pathos. Zusammengefasst also der Kern dessen, um was unsere Gedanken seit vielen Hundert Worten elektrisch zwirbeln.
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Matthias Engels:
Das war ein sehr sehr schönes Schlusswort, Sebastian, das ich auch einfach mal so stehenlassen will. Nur noch kurz einmal für die Akten:
Wer spricht sich für einen männlichen Verfasser aus? ( Bitte kurz begründen, wenn ihr könnt und es noch nicht getan habt)
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Hanna Scotti:
Ich denke, es ist ein männlicher Verfasser. Begründen kann ich es nicht wirklich. 
Mein Versuch weiter oben ist wohl nicht ganz ernst zu nehmen?
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Matthias Engels:
Sicher nehmen wir das Ernst und einfach mal als Fakt, Hanna! aber nur, weil du Sebastian und mich ausdrücklich ausnimmst! Nee nee, dieses Dichterbild, das du da zeichnest, ist ja nicht ganz unbekannt. Ob es hier zutrifft?-Schauen wir mal!l
Stefanie Jerz:
Absolut ernstzunehmen, liebe Hanna!!! Siehe oben in deinem letzten Text.
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Matthias Engels:
…und wer für einen weiblichen? 
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Stefanie Jerz:
ich bin nach wie vor für einen weiblichen Verfasser bei diesem Text. Warum, erwähnte ich anfangs ja. 
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Hanna Scotti:
Hier, bei euch fühle ich mich doch immer, immer wieder zu Hause. Dieses kreative Chaos. Welch eine Herausforderung, welche Freude. Stefanie, du hast recht, Dichter mit ihren dichten Gedichten sind mit Nichten (nein – nicht die zweibeinigen Nichten) überflüssig.
Und doch….so würden wir es gerne sehen, unsere eigene Wichtigkeit in Frage zu stellen, ist wie sterben.
Auch das möchte ich einsehen lernen: Alles dichten, kritisieren, backen, streiten, lieben, kopulieren, trinken, arbeiten, faulenzen, sch…….sind Beschäftigungen, um die Zeit zwischen Geburt und Tod rumzubringen, mehr nicht. In 10000 Jahren kennt vermutlich niemand mehr unseren Rilke und schon gar nicht uns (seufz).Ist das nun tröstlich oder entsetzlich? 
Unserem Dichter scheint das gleich – gültig im Sinne von gleich gültig , wozu sich dann noch die Frage nach Männlein oder Weiblein stellt?
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Sebastian Schmidt:
Ich enthalte mich mit voller Absicht einer Entschiedung, um welche Dichterin oder um welchen Dichter es sich handeln könnte. (Ich könnte auch keinen Verfasser und keine Verfasserin bennen, die für mich in Frage kämen.) Ich finde es zu schön, all diese Klischees in der Blindverkostung außen vor zu lassen. Hier spricht ein Text, mag er stammen, von wem er will. Solche Texte zu schaffen, braucht es besondere Menschen, alles andere ist mir unwichtig. Der Text steht, nachdem er geschaffen wurde, allein, denn er muss auch ganz allein für sich selbst reden. Das ist meine Vorstellung von Literatur, unabhängig von der Blindverkostung. Ich möchte mit dieser Einstellung hier und heute nicht brechen. (Das ist übrigens auch der Grund, warum ich nicht direkt auf den Titel eingehe, für mich sind Titel eine Einmischung des Autors in und vor den Text, das mag gut oder schlecht sein, aber ich mag es nicht sonderlich, zumindest nicht bei Gedichten.)
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Matthias Engels:
Damit steht es eins zu eins, bei einer Enthaltung!-
Letztlich, was die Qualität und die Wirkung eines Textes angeht, ist das Geschlecht des Verfassers ja völlig irrelevant. Dennoch finde ich die Frage spannend, ob man es herauslesen KANN! Für alles gibt es ja mittlerweile Beispiele: für besonders feminin schreibende Herren und bewußt maskulin formulierende Damen. Man wird also nichts pauschalisieren können-aber genau das ist auch Teil des Reizes dieser Frage, die ich immer wieder stelle. Gibt es „weibliche“ Themen oder „männliche“ Begriffe? -Nein, oder besser, es mag sie geben, aber sie stehen BEIDERLEI Geschlecht als Material zur Verfügung. Hier könnte man sicher eine neue Diskussion starten, was wir aber vorläufig erstmal vertagen wollen.
Stefanie Jerz:
Das stimmt absolut, dass sich das alles glücklicherweise miteinander vermischt. Ist letztendlich bei mir auch immer nur Gefühlssache, ob ich meine, da ein Geschlecht zuordnen zu können…oder zu müssen.
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Matthias Engels:
Jetzt haben wir an Form, Inhalt, Interpretation und möglichem Entstehungsdatum herumgebastelt und haben uns manchem angenähert, anderes umschifft und sicher jede Menge ausgelassen und vergessen! 
Bevor ich euch jetzt aber noch raten lasse, ob der Verfasser möglicherweise bei der Niederschrift des Textes einen Schnupfen hatte oder Liebeskummer, ob es eher im März oder vielleicht doch im August verfasst wurde, will ich euch nicht länger auf die Folter spannen und euch Herkunft, Verfasser und Entstehungszeit verraten:
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Buddha bei die Fische!

Eine Rückschau beim Herunterzählen der Sekunden vor dem Jahreswechsel? Schlaglichter kommen ins Gedächtnis, überlagern sich….
„War das im Frühling? Nein, im Sommer! Ich weiß noch, als dies und das geschah, da machte ich gerade….“
Beamen wir uns mittels modernster Technik einmal zurück zum Jahreswechsel 1986/87.
Was da an großen und kleinen Ereignissen allein aus der ersten Hälfte des Jahres zusammenkommt, liest sich ein Stück weit wie ein Strickmuster für den Text, den Stefanie, Hanna, Sebastian und ich heute ohne diesen zeitgeschichtlichen Kontext zu kennen, verwurstet haben:

Helmut Kohl ist Bundeskanzler (und wird es noch lange bleiben)
Deutschland unterliegt im WM-Finale Argentien mit 2:3.
Die meisten Eltern nennen ihre Kinder Julia oder Alexander.
1000 Menschen sterben bei einem Erdbeben in San Salvador.
Mike Tyson wird nach K.O.-Sieg in der 2. Runde über Trevor Berbick mit 20 Jahren jüngster Schwergewichtsweltmeister aller Zeiten
Michail Gorbatschow fordert erstmals Glasnost.
Die US-Raumfähre Challenger bricht kurz nach dem Start auseinander. Alle sieben Astronauten kommen ums Leben.
Der Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts, sein Chauffeur Eckhard Groppler und der deutsche Diplomat Gerold von Braunmühl werden durch einen Bombenanschlag der RAF getötet.
Die Katastrophe von Tschernobyl ereignete sich am 26. April 1986 in Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl.
In Berlin schreibt der 34jährige Germanist und Autor Hans Ulrich Treichel sein Gedicht: Rückwärts.

…wir lassen uns rückwärts auszählen, der Himmel ist trüb, die Schornsteine glühen, aus dem Sessel kippen vor dem großen Knall….

treichelHans Ulrich Treichel, 1952 im westfälischen Versmold geboren, zählt zu den wichtigsten deutschen Gegenwartsautoren.
Promoviert über Wolfgang Koeppen begann der Germanist in den späten 70er und frühen 80er Jahren als Lyriker seine Autorenlaufbahn. Einige Gedichtbände erschienen seit 1979. Jedoch  wandte sich Treichel in den 90er Jahren auch der Prosa zu und schuf mit dem autobiographischen Roman Der Verlorene eines der meist übersetzten Bücher der deutschen Gegenwartsliteratur.
Der Autor thematisiert hier seine Kindheit als Spross von Eltern, die als Vertriebene aus den Ostgebieten in Westfalen gestrandet waren. Der Schatten des auf der Flucht verlorenen älteren Bruders lastet auf ihnen und auch dem erst nach dem Krieg geborenen Ich-Erzähler. Seine Heimat Ostwestfalen (dem merkwürdigen Namen für ein Irgendwo/Nirgendwo) ist dem heranwachsenden Anti-Helden sein eigenes, privates Sibirien, denn der Osten, aus dem die Familie stammt, ist irgendwie Russland und noch östlicher ist dann ja nur noch Sibirien…
Diese unwirtliche und emotional kalte Umgebung verließ Treichel allerdings recht bald, ging nach Berlin, wo er viele Jahre lebte. Er lehrt seit 1995 am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und verkörpert m.E. in vielerlei Hinsicht mittlerweile so etwas wie eine gesamtdeutsche Autoren-Biographie und hat sich schon früh und seitdem dauerhaft mit Fragen wie einer deutschen Identität befasst.

Seine Lyrik ist schmucklos, einfach, oft mit einem (selbst-)ironischen Unterton ausgestattet. Virtuos kann Treichel darin zwischen der abgeklärten Sachlichkeit eines Dr. Benn und dem klugen Hinterfragen des Status Quo im Stile eines Bert Brecht hin- und herwechseln. Ein leiser Humor und ein zaghaftes dennoch ziehen sich sowohl durch seine lyrischen als auch durch seine erzählerischen Werke. Und: Pathos ist seine Sache nicht, dafür die Langeweile. Niemand dekliniert so viruos, so konsequent und so unterhaltsam die ewigen, eintönigen Widerholungen des Lebens im Kleinen durch.

Das Gedicht, das ich euch vorlegte: -Rückwärts- stammt aus und ist zitiert nach seinem 1986 erschienenen Band -Liebe Not-
Suhrkamp 1986
ISBN:
978-3518113738

Jetzt könnte man einen solchen Jahresrückblick mit den verlässlich stattfindenden, regelmäßigen Katastrophen eigentlich zu jedem Silvester schreiben- dennoch kommt hier ja noch die Facette des sich bescheidens ins Spiel, das ihr ganz richtig erkannt habt. Allerdings nicht unter völliger Ausklammerung des Fragezeichens, das dahintersteht. Ich höre es in den letzten beiden Zeilen recht deutlich: ist es so? Ist dem, der sich mit seinem gemütlichen Jahreswechsel-Fest bei Fondue und Sekt zufrieden gibt, wirklich die Wüste ein Wald -angesichts im- und explodierender Technikträume, Naturkatastrophen und wunschlosem Unglück? Können wir schon zufrieden sein, wenn in unserem Land, in unseren kleinen Verhältnissen Ruhe herrscht, wenn sie denn auch an Langeweile grenzt? Ein warmer Ofen in den eigenen vier Wänden? Kein Krieg vor der Haustür und der große Knall weit genug entfernt, um hier lediglich als kleines Puff hörbar zu werden….?

Ich danke herzlichst meinen drei Probanden. Ohne ihre Bereitschaft, sich gehörig den Mund zu verbrennen und eventuell völlig blind herumzutapsen, wäre diese Folge nicht zustande gekommen! Sie haben ihre Aufgabe mit Bravour bestanden, finde ich!

Die letzten Worte dieser XXL-Folge -Blindverkostung- soll aber den fleißigen Verkostern gehören! Hat`s geschmeckt?

Hanna Scotti:
Danke für die Auflösung. Uffff, jetzt entweicht  langsam die Spannung, Ich lehne mich zufrieden zurück. Ein entzückend – virtuoses Werk ist entstanden. Und so stringend logisch am Dichter langgedacht, lach. Was Lyrik in mir auslöst, berührt mich immer wieder tief und die feine Zusammenarbeit mit euch, einfach so, beweist, dass sie eine besondere Nähe zwischen Menschen schaffen kann, weit über das alltägliche Maß hinaus. Straft das nicht den Tenor des Gedichts Lügen? Aber das zu klären ist eine neue Aufgabe.
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Sebastian Schmidt:
Den Fuß auf dem Schlauch, zumindest ein wenig. Zuerst aber einmal vielen Dank fürs Auflösen, Matthias, und die super Gelgenheit, hier so ein schönes Gespräch mit dir und den anderen Teilnehmern führen zu dürfen.
Ich hatte wohl ein wenig den Blick zu weit in der Ferne, denn mir ist es nicht so recht in den Sinn gekommen, dass dieses Auszählen auch ganz naheliegend zum Sylvesterabend gehören könnte. – Da hat man es wieder, dass einen die Gedanken doch machmal recht weit weg tragen, wenn sie so dahinflattern. Aber natürlich scheint das jetzt nach der Auflösung alles einleuchtender!
Die größte Erfahrung, die ich in diesem Gespräch gewinnen konnte, ist die: Wenn man die Texte ganz allein für sich hernimmt, dann zeigt sich, wie stark die Worte wirken können und wie manchmal auch die „richtige“, zumindest die zeitlich richtig eingeordnete Lesart, ein Stückchen hindert, den Deutungsspielraum in seiner Breite aufzufassen. Aber den einzufangen, das ist uns in der Blindverkostung hoffentlich ein kleines Stück weit gelungen.
Es war eine unglaubliche Reise entlang eines geistreich gestalteten Gedichtes; das dennoch nicht zu meinen Lieblingsgedichten werden wird. So weit muss ich dann auch ehrlich sein, aber das ist eher den ganz persönlichen Vorlieben geschuldet. Jedoch die Kunstfertigkeit, die ist natürlich keinesfalls in Abrede zu stellen und bewundernswert. Wohl dem, der solche Verse machen kann – und wohl dem, der die Gelegenheit hat, mit so reizenden Menschen über Lyrik zu sprechen. Vielen Dank!
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Stefanie Jerz:
Zwei Gefühle habe ich gerade zur Auflösung: einerseits bin ich ein wenig traurig den Dichter der besprochenen Verse nicht erkannt, ja nicht mal gekannt zu haben bisher. Aber andererseits bin ich froh und stolz darüber, was uns hier alles zu diesen wenigen Sätzen eingefallen ist.
Ganz besonders glücklich aber macht mich, dass ich wieder einmal erleben durfte, wie Lyrik imstande ist, die Gedankenwelt von Menschen zu öffnen! Romane, Dramen, Filme…alle anderen Genres für die man schreiben kann geben Richtung vor und lassen höchstens Interpretationsspielraum zu. Dichtung aber erschließt, berührt und entfacht – vorausgesetzt sie ist handwerklich gut gezimmert – ganze Welten im Leser. Deshalb liebe ich sie so.
Danke dir herzlich für diese Gelegenheit, Matthias, und dafür dass du uns hier so sanft, aber konzentriert durchgeführt hast! Von der Einladung auf diese komfortable Plattform ganz zu schweigen. Und auch an Hanna und Sebastian ein ganz inniges Dankeschön. Ich fand toll, wie wir uns hier die Bälle zugeworfen haben, ohne das jemand einen davon vor den Kopf bekommen hat.

Die vergangenen Folgen der -Blindverkostung- findet man hier:

Folge 1 mit Jost RennerFolge 2 mit Thyra Thorn
Folge 3 mit Anke Laufer
Folge 4 mit Paul Fehm
Folge 5 mit Hanna Scotti
Folge 6 mit Arnd Dünnebacke
Folge 7 mit Jonas Navid Mehrabanian Al-Nemri
Folge 8 mit Werner Weimar- Mazur

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-Blindverkostung Folge 9-

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Nach einigen Wochen der Pause, in denen ich mich anderen Dingen zu widmen hatte, gibt es nun endlich eine neue Folge -Blindverkostung-

Hier für Diejenigen, die das Spielchen noch nicht kennen:
In dieser Kategorie meines Blogs findet etwas ganz Besonderes statt:
Autoren, Lyriker und Leute aus dem Kulturbetrieb besprechen fremde Texte, ohne den Verfasser zu kennen.

Die Regeln:
Ich suche für jeden teilnehmenden Schreiberling ein Gedicht oder einen kurzen Prosatext aus meiner oft etwas obskuren Bibliothek heraus und übersende ihm diesen ohne Autorenangabe. Es herrscht strengstes Suchmaschinenverbot!!
Der teilnehmende Autor bespricht nun spontan und subjektiv den von mir ausgewählten Text, äußert seine Assoziationen und versucht, die Herkunft einzukreisen. Erst im Nachhinein verrate ich den tatsächlichen Verfasser.
Ein sicher aufschlußreiches und interessantes Spiel, das hoffentlich einiges über den individuellen Zugang zu Literatur verrät.

Hier nun also:

stempeljudith

Judith Fallerfaller, geboren am 13. April 1960 in St. Gallen. Lebt und schreibt zur Zeit in Winterthur.

Sie absolvierte eine pädagogische Erstausbildung (Arbeit mit diversen Altersstufen) und arbeitete als freie Journalistin bei einer Tageszeitung über: Kunst – Kultur – und Frauenthemen. Weiterhin verfügt Judith über verschiedene Körpertherapieausbildungen, darunter Kunst-und Audruckstherapie. Vielen Jahre arbeitete sie in Psychiatrischen Kliniken. Zuletzt auf einer Borderlinestation mit jungen Erwachsenen.

Bibliographie:

Lyrikband Wachstumsschmerzen, März 2012. Zweitauflage im September 2012.

fallerbuchVeröffentlichungen von  Gedichten, Texten und Kurzgeschichten in literarischen Zeitschriften oder OnlineLiteraturPortalen.

Diverse Rezensionen und einiges mehr sind auf Judiths Website zu lesen: http://www.judith-faller.ch/

Mehr über die Autorin gibt es außerdem hier:
http://www.autorinnenvereinigung.eu/
http://www.femscript.ch/
https://www.facebook.com/pages/Faller-Judith-Wachstumsschmerzen/264775616987171

Ich schätze Judith seit einiger Zeit für ihre Gedichte, ihren tollen, oft skurrilen Humor und Wortwitz und für die Begeisterungsfhigkeit, mit der sie an ihre jeweiligen Projekte herangeht. Zur Zeit arbeitet Judith Faller an einem neuen Lyrikband, Kurzgeschichten, einer Erzählung und anderen grösseren Projekten. Neue Veröffentlichungen kommen bald! Umso mehr freue ich mich, dass sie Zeit für dieses kleine Experiment gefunden hat. Danke dafür!

Hier nun der Text, den ich Judith vorlegte:

text judith

und: was ihr dazu einfiel:

Stimme im Dunkel

Ein „heiteres“ Paar habe ich da angetroffen, mehrere Paare sogar. Eine Aufgabe, die sich zusammenfügt aus Blind-Verkostung und Stimme im Dunkel. Schon diese Gemeinsamkeit verdient eine Würdigung, sei sie auch nur zufällig entstanden. Wer sucht der findet.

So soll ich mich also blind auf den Weg durch ein Labyrinth begeben, in welcher mir die Stimme unbekannt und ferne liegt. Ich tue es, ganz assoziativ!

Entdecke eine Stimme, die nicht zu hören, höchstens zu erahnen ist. Denn es gibt sie nicht. Und deshalb wird sie nie im Chor zu hören sein. Sie bleibt für immer ein einsamer Sänger, ein Solist, der uns Lebendiges entreisst und zugleich an seiner eigenen Einsamkeit erstickt. Wir geben ihr eine Stimme, weil wir dies Unerträgliche des Nichtseins nur ertragen, indem wir ihr Gestalt und Stimme geben, sie uns angleichen. Eine mystische Mitteilung an uns Lebende, indem wir ihr eine Botschaft in den nicht vorhandenen Mund legen. Der Name Shakespeare lässt meinen eigenen Mund trocken werden, der Thematik im Gedicht erinnert mich an die Dramatik in Zeiten der Romantik, also in etwa im 16. /17. Jahrhundert. Ich finde in diesem Gedicht all das, was mir so gar nicht zusagt, mich nicht in hineinzieht in die Art des Ausdruckes.

Zu dramatisch für mich, zu theatralisch, zu blutrünstig, wenn auch das Blut und alles andere nur in meiner eigenen Fantasie zu sehen sind! Gut möglich, dass es lediglich durch die Andeutung von hinter den Worten liegender Dramatik auf eine völlig andere Zeit hinweist, und nur mein eigenes Herz in der alten Zeiten dort weilt…

Die erwähnte Monstranz, und somit die symbolische Einbindung der katholischen Kirche in meinem vorliegenden Text, dem Auftauchen des Herzens Jesu, dargestellt als aufgerissenes und blutrotes Herz im reinen Gewand, sehen wir im Staube liegend. Ein Symbol für Respektlosigkeit oder wiederum dem der Vernichtung und der Auflösung? Hinter Glas wird manchmal in einer Monstranz das gemalte Herz festgehalten, in einem tragbaren Gefäss aus Metall oder Olivenholz, wohl, dass es nicht davonfliege in seinem Wunsch nach lebendig sein. Womit auch das  Bild der Auferstehung für einen Moment darin aufblitzt. Bis dato werden diese Monstranzen auch in der griechisch orthodoxen Kirche als Symbol des Lebens und Sterbens Christi in den meisten Kirchen nahe des Einganges aufgestellt, damit ein Jeder, der die heiligen Hallen betrete, diese in Ehrfurcht und tiefer Liebe küssen möge. (Die Bakterien die sich dadurch unter den Menschen verteilen, seien eine Metapher für sich, die jedoch bis zum Tode führen kann.)

Der in meinen Augen gesichtslose Tod im dunklen Gewand, der Fährmann,  an der Seite der Schiffe dargestellt die uns hinüber geleiten sollen, wurde zum Unbekannten, Namenlosen, Stimmlosen, der in seiner eigenen Einsamkeit nie ein festes Ufer erreichen kann. Durch die Unendlichkeit, dem nie Endenden führt sein Kommen und Gehen, gerade so, wie auch Sisyphos, dem Listigen, Schlauen, Schalkhaften aus der griechischen Mythologie, der den Göttern auf den Putz haute, und dem Todesgott Thanatos ein Schnippchen schlug, ihn fesselte und dadurch den armen Toten wohl den Zugang zum Hades verunmöglichte.

Ich finde mich nun selber mit einer altbackenen Sprache in verschiedenen Zeitaltern und ihrer Symbolik wieder, wie ich versuche, meinen Assoziationen nach zu schwimmen, die mir davon schwimmen, wie die Felle auf dem Fluss des Vergehens, und bleibe bei Themen, die den meisten von uns Zeit unseres Lebens Angst und Ungemach bereiten, stecken. Denn nie gerät der Mensch mehr an seine Grenzen als dann, wenn er nicht fassen kann, was unfassbar bleiben soll. Die Auflösung der Gestalt, der Stimme des Menschen, des Lebens an sich. Dem Tode, der auch als Schlafes Bruder, mit verwelkten Blumen am Herzen des Lebens darnieder liegen muss.

Zwischen Katholizismus und Schlacht befinde ich mich, so zumindest erlebe ich es gerade. Da wird der Tod zu einer eigenständigen, einsamen Figur, er liegt der Nacht zur Seite, der einzigen Dunkelheit, die ihm selber mehr als bekannt, und die ihm nahe ist. Im ersten Moment dachte ich sogar an Schlafes Bruder, welcher somit die Brücke durch die Zeiten, ins Heute schlagen würde.

Fazit für mich: So wie dem Tode die Hand des Lebens entgleitet, entgleiten muss, weil das Paradoxe, das Werden und Vergehen nicht aufgehoben werden kann, entgleitet mir das Gedicht, welches mich abstösst und anzieht in einem.

Ich habe keine Ahnung, wer es geschrieben hat!

Mein Kommentar:hand_feder_04

Stellen wir uns also einen jungen Helden mit Halskrause vor, der am Bühnenrand die Hand auf die Brust legt und mit sehnsuchtsvollem Blick ins Nichts folgende Zeilen deklamiert:

„Oh, so alone with me am I!
The night calls me brother for my dress is dark.
All roses are withered at my chest.
The barges draw to red horizons without me;
never my voice drunk wirh songs
my hand is screaming into a swoon for an other.

Shakespeare?- Denkbar?-Warum nicht?!
Was jedoch auffällt, ist die dann doch etwas zu moderne Metrik und der Verzicht auf Reime-überhaupt: die zu freie Form.
Könnte man es mit einer modernen Übersetzung zu tun haben, die sich diese Freiheiten nimmt, etwa wie die, die Helmut Krausser kürzlich von den Sonetten von Old-Willie-Boy vorgelegt hat?- Erneut: denkbar!
Eine interessante Assoziation, die Judith da äußert! Da auch Shakespeare die „großen“ menschlichen Regungen und Triebe thematisiert: Liebe, Neid, Tod, etc., ist dieser Text mit seinen Todes- und Schmerzmotiven viellecht gar nicht soo weit davon entfernt.

Dennoch, wie gesagt: etwas mit der Form stimmt da nicht.
Auf den ersten Blick wirkt das Ganze recht klassisch. Wir haben Strophen, wir haben Verse von ähnlicher Länge-
aber allein mit dem Blick auf die Zeilenenden stellen wir fest, dass hier kein Reim stattfindet, sogar eher klangliche Dissonanzen benutzt werden.
Nun gut, kann man sagen, den Endreim warf man in Europa auch schon ca. 1870 über Bord!. Dennoch hielten sich klassische Formen und Reim noch ausgeprochen widerstandsfähig bis in die 50er Jahre und darüber hinaus. (Man sehe sich nur mal die ganzen klassichen Sonettkränze an, die in Internet-Dichter-Foren geflochten werden.)

Da ist also zeitlich nicht viel herauszuholen. Auch die schon erwähnten „archaischen“ Gefühle des lyrischen Ichs lassen keine Rückschlüsse auf die Entstehungszeit zu, denn geliebt und gelitten hat wohl auch schon unser breitstirniger Freund Homo Neandertalensis. Keine Geschirrspülmaschine, kein Zebrastreifen, kein Zeitgeist irgendeiner Form lassen hier irgendetwas eingrenzen.

Wenden wir uns näher dem Inhalt zu. Was haben wir denn hier? Wenn es um ein ICH und ein DU geht, liegt meist ein Liebesgedicht ziemlich nah. Das ist hier der Fall, wenn auch das DU erst in der letzten Zeile auftaucht. Aber davor?- da ist man einsam, da ist alles dunkel, die Rosen welk und die Kähne an die roten Horizonte sind schon wieder ohne Einen abgefahren! Gelitten wird da- einsam und deutlich.
Mir fällt plötzlich auf, dass es gar nicht zwingend ein Liebesgedicht sein muss. Es könnte auch einfach einen Menschen, sprechend aus einem irgendwie gearteten Dunkel, darstellen könnte. Der Knackpunkt wäre dann allerdings das DU. Wer sollte es dann sein, wenn kein Geliebter, der nicht wiederliebt? In vielen Gedichten dieser intensiven Art fiel mir schon auf, dass man den Begriff Liebe recht oft und einfach durch Gott ersetzen könnte- eine höchste Instanz gegen die Andere. Die Monstranz im letzten Abschnitt rückt den Text ja in die Nähe der Religion…

Judith spürt sehr stark die düsteren Elemente dieses Textes, riecht sogar Blut, wo eigentlich gar keines vorkommt. Aber es stimmt schon: Der Verfasser/die Verfasserin dieses Textes legt da so ein paar Spuren: die Rosen, die ja bekantlich gern im Märchen oder in der Realität mit ihren Dornen kleine rote Tropfen produzieren; (man stelle sich mal einen üppigen Rosenstrauß vor, gepresst an eine nackte Brust..)  die Kähne liest Judith zu Recht auch als Barke über den Fluß ins Jenseits und spätestens das Herz provoziert ein blutiges Bild- ist es doch die „Schaltzentrale“ unseres Blutkreislaufes. Dieses dann herausgeschnitten (z.B. als Beweis für die Königin, dass Schneewittchen wirklich starb), ist definitiv eine blutige Angelegenheit und ein Akt der Gewalt.
Vanitas-Motive, wo man hinsieht und Judith erkennt sie richtig als oft beinahe archetypische Symbole:
Ein dunkles Kleid- man geht in Trauer
Die Nacht –die Romantiker sahen hier die Zeit für alles Dunkle, auch im Menschen
Welke Rosen
Die Kähne-  einmal Jenseits, einfache Fahrt
und dann die Monstranz. Ein christliches Motiv. Von lat. monstrare „zeigen“. Etwas, was man herzeigt, offenlegt, zur Verehrung öffentlich macht. Wer würde sein Herz (den Sitz der Gefühle) freimütig zur Schau stellen?- Der Liebende!
Und was geschieht damit? Es liegt im Staub, vor den Füßen des DU. Des Angebeteten? Weist hier Jemand das Allerheiligste zurück, das ihm geboten wurde? Ich denke, dahin geht die Reise wohl. Verschmähte Liebe.

Freude gibt es hier nicht. Gesungen wird nicht; die Blumen sind verblüht- einzig die roten Horizonte versprechen etwas, aber der Kahn hat ja schon abgelegt. Man ist jetzt allein und einzig: Bruder der Nacht.

Ein (recht simples?) Liebesgedicht trauriger Art? -Ja, vielleicht!
Dennoch finde ich, sollte die Gestaltung noch einmal geprüft werden.
Es sind schon ziemlich „heftige“ Bilder, die hier verwendet werden und die Judith verständlicherweise sogar etwas abgestoßen haben.
Da wird in Ohnmacht geschrieen, da ist viel Tod und Schmerz, endend mit einem (zwar nur bildlich, aber dennoch:) herausgerissenem Herzen!

Schon ein wenig extrem, schon ein wenig morbide. Der Liebesschmerz mag derart heftige Emotionen rechtfertigen, doch sie geben in ihrer Darstellung auch einen Hinweis auf die Epoche, aus dem das Gedicht stammt.
Heute mögen uns Metaphern wie „schreiende Hände“ und Sätze wie „die Nacht nennt mich Bruder“ nicht mehr allzu mutig erscheinen- in seiner Zeit jedoch war dies durchaus ein typisches und modernes Gedicht. Das Pathos vieler älterer Texte stößt uns heute oft etwas ab- ich habe mir angewöhnt, diese Art Text für mich nüchtern zu lesen und oft ist die Wirkung dann ganz anders.
Der Schrei der Hand könnte schon ein Indiz sein. Sturz und Schrei, so ist ein Kapitel aus Kurt Pinthus` Menschheitsdämmerung überschrieben, dem ersten Manifest des Expressionismus.
Der Sturm, der rote Hahn, die Aktion: so hießen die literarischen Zeitschriften dieser Zeit von etwa 1910 bis 1925 und Else Lasker-Schüler schrieb: „es ist ein Weinen in der Welt, als ob der liebe Gott gestorben wär“
Auch ein wenig Herzeleid, auch ein wenig Christentum, auch Tod, auch Trauer. Eigentlich keine gewagte Form, eigentlich kein gewagtes Vokabular- aber sehr sehr ausdrucksstark.- Und genau in diese Zeit fällt die Entstehung dieses Textes.

Von der Verfasserin (hätte Jemand daran gezweifelt, dass es von einer Frau stammt?) ist leider nicht allzu viel bekannt, daher fallen die großen autobiographischen Bezüge dieses Mal zwangsläufig aus.
Von Elisabeth Joest weiß man mit 1893 genau ein Geburts- aber z.B. kein Sterbedatum.
Um 1920 herum erschienen einige ihrer Gedichte in Zeitschriften und einige wenige Bücher mit Novellen, vornehmlich im Georg Müller Verlag in München. Sie zählt leider nicht zu den großen Namen ihrer Epoche, aber das ging vielen Frauen dieser Zeit so. In der Regel waren ihre Texte eine kleine Spur leiser als die Leichenschauhauslyrik des Dr.Benn oder die leicht kabarettistischen des Jakob van Hoddis. Man musste als Frau schon die Verbindungen und das Auftreten der großen Lasker-Schüler haben, um ähnlich wahrgenommen zu werden.Wenn dann, vor der Zeit der Geburtenkontrolle, noch ein Kind dazukam oder -wie so oft-  ein dominanterer Mann, griffen dann, bei aller Boheme, die Bindungen der Geschlechterrollen doch.  Es gibt eine Menge von Autorinnen dieser Zeit, die leider fast nur noch als „Anhängsel“ der „größeren“ Männer in den Literaturgeschichten auftauchen. Emmy Ball-Hennigs ist: die Frau von Hugo Ball, Lola Landau: die Geliebte von Armin T.Wegener, Claire Goll: die Frau von Yvan Goll usw… . Oftmals jedoch bereicherten diese Autorinnen die Literatur ihrer Zeit um neue, „weibliche“ Tonfälle und Bilder. Elisabeth Joest ist dafür ein gutes Beispiel, wie ich finde und sicher eine Beschäftigung wert.

In der wunderbaren Anthologie „In roten Schuhen tanzt die Sonne sich zu Tod“ hat Hartmut Vollmer  die Texte dieser Frauen gesammelt und zum Teil vor dem endgültigen Vergessen gerettet. Von kaum einer dieser Autorinnen gibt es lieferbare Einzelbände.
Manche, wie Elisabeth Joest, haben nicht einmal ein Sterbedatum!

Sicherlich ist dieser Text nicht DAS Gedicht seiner Epoche, aber durch seinen Hintergrund und seine Gestaltung dennoch eine Betrachtung wert.

Vielen Dank, Judith Faller, für diese wunderbare Folge!

Die vergangenen Folgen der -Blindverkostung- findet man hier:

Folge 1 mit Jost RennerFolge 2 mit Thyra Thorn
Folge 3 mit Anke Laufer
Folge 4 mit Paul Fehm
Folge 5 mit Hanna Scotti
Folge 6 mit Arnd Dünnebacke
Folge 7 mit Jonas Navid Mehrabanian Al-Nemri
Folge 8 mit Werner Weimar- Mazur

der Text dieser Folge ist zitiert nach:

In roten Schuhen tanzt die Sonne sich zu TodLyrik expressionistischer Lyrikerinnen
Herausgeber: Hartmut Vollmer, Igel Verlag, Hamburg 2011
ISBN 9783868155266

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-Blindverkostung- Folge 8

werner schild

BildWerner Weimar-Mazur wurde 1955 in Weimar geboren und wuchs in Karlsruhe auf.
Der studierte Geologe lebt, nach einigen Jahren in der Schweiz, seit 1992 im Raum Freiburg und schreibt seit seinem fünfzehnten Lebensjahr Gedichte und Prosa.

Ich schätze Werner Weimar-Mazurs scheinbar lakonische Gedichte, in denen immer ein warmer und kluger Blick auf die Dinge vorherrscht. Werners ausführliche Beschäftigung mit den literarischen Vorbildern hat ihm ein sehr sicheres und vielschichtiges Handwerkszeug verschafft. Eher leise und präzise spricht der Lyriker Weimar-Mazur. Eher von den kleinen Dingen, in denen oft genug Größeres schlummert.

Werner ist Mitglied im Literaturforum Südwest e.V., Freiburg (Literaturbüro Freiburg) und bei keinVerlag e.V., Erlangen
Derzeit arbeitet Werner an einem Roman, auf den ich sehr gespannt bin.

Werner Weimar-Mazur ist Preisträger des Athmer-Lyrikpreises 2013 und des Hildesheimer Lyrik-Wettbewerbs 2012 sowie Teilnehmer der ersten Lesung des Lyrikpreises München 2013 .
Mehr über Werner, seine Texte und Tätigkeiten findet man hier: www.weimar-mazur.de

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Hier der Text, den ich Werner zur Blindverkostung vorlegte:

werner text

und: Was ihm dazu einfiel

Matthias, da ist Dir ja was Feines gelungen, gleich in doppelter Hinsicht: Mich zum Mitmachen überredet zu haben, und mir einen Mord an einem Indianer zu präsentieren, wenn ich den Titel des Gedichtes mal wörtlich nehme (wörtlich nehmen ist bei Literatur immer ein guter Ansatz)!

Wie sage ich mir oft: Mehr als schief gehen kann es nicht, und wenn, ist auch nichts Schlimmes passiert! Nun denn!

Das Ganze hier erinnert mich irgendwie an meine Schulzeit: Gedichte interpretieren habe ich immer gehasst. Heute bin ich überhaupt der Meinung, ein Gedicht zu interpretieren, ist völlig daneben. Und heute weiß ich: Gedichte interpretiert man nicht, deutet sie nicht, man empfindet dabei, und erinnert.

Noch besser ist es, das Gedicht für sich selbst sprechen zu lassen. Wozu hätte es der Autor / die Autorin sonst geschrieben? Für mich wohl? Oder für seinen Indianerbruder. Damit aber endlich zum Text, ganz spontan und unsortiert, wie es meine Art ist, und was mir gestern abend vor dem zu Bett gehen dazu eingefallen ist, nachdem ich noch schnell in meinem „Kleinen Leitfaden für Gedichtinterpretation“ nachgeschaut habe, wie man so etwas angeht (Stichworte: Thema, Titel, Form, Sprache, Inhalt, Fazit).

Indianer. Dazu fällt mir natürlich sofort Karl May ein (wem nicht?), Winnetou und Old Shatterhand, die ewigen Blutsbrüder. Welcher Junge träumt nicht „Vom Wunsch, Indianer zu werden“, womit ich bei Franz Kafka und seiner kleinen, eindrücklichen Prosa dazu angekommen bin, den Büffelherden, dem Gras der Prärie, ein Reiter schief auf dem Pferd, alle sind schon lange nicht mehr.

Und dann schon sofort Kain und Abel. Das Motiv des Brudermordes: Kain erschlägt seinen Bruder Abel. Vielleicht in Fischerstiefeln im Uferschilf des Zweistromlandes? Ein uraltes Motiv, das bis weit vor den Beginn der Zeit zurück reicht.

Und auf einmal wird das Gedicht fast erotisch (sogar homoerotisch???). Die umschlingenden Brombeersträucher (erinnern mich an irgend jemanden, ich komme nicht drauf), der Würgegriff, die Hingabe, mehr Schmerz als Liebe, unstillbares Verlangen, Bedingungslosigkeit.

Ein christlich-mystifizierter Sakralmord / Ritualmord, der nicht sein darf und doch sein muss, eine Befreiung!

Die Schuhe Petrus tauchen als Motiv auf. Und das Opfer liebt seinen Mörder (jedenfalls aus der Sicht des Mörders, des Lyrischen Ichs).

Überhaupt scheint mir das zentrale Thema des Gedichtes die Frage nach Schuld / Verlust der Unschuld zu sein, und: der Wunsch / die Sehnsucht nach Vergebung, nach Gnade. Ja, das ist für mich der Kern in diesem Text.

Der Autor, die Autorin? Keine Ahnung. Die Zeit? Vielleicht so 1950er / frühe 1960er Jahre vom ganzen Sprachduktus, vom Ton und der Machart her? Oder doch nicht! Ich bin gespannt.

 Danke, lieber Matthias für das anregende Gedicht in der Blindverkostung, eine höchst interessante Erfahrung und, ich habe gerne mitgemacht. Tolle Idee, tolle Bibliothek!

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Mein Kommentar:

Ich danke Werner für diese schöne Folge! Eine gute Idee, noch einmal einen Blick in einen Interpretationsleitfaden zu tun, den er sicher gar nicht nötig gehabt hätte. Wie sicher er hier die anklingenden Motive und mitschwingenden Assoziationen erkennt, zeigt, wie gut Werner in den Epochen zu Hause ist.

Der Indianer ruft, neben Karl May und Kafka, sofort den Blutsbruder herbei, womit eine gute Spur gelegt ist.
Aber: BRUDER- da sind wir im christlichen Abendland gleich bei Kain und Abel und tatsächlich haben wir ja einen Brudermord in unserem kleinen Gedicht. Noch mehr christliches fließt hier ein: z.B. mit den Stiefeln im Wasser (Petrus/der Menschenfischer) und ich denke auch an den heiligen Christopherus, der das Jesuskind über den Fluss trägt, an die Taufe im Fluss. UND:Vergebung und Gnade, die von Werner erkannten Themen sind ja durchaus Bestandteile der christlichen Themenwelt.

Weiter: Täter und Opfer lieben sich. Vielleicht denkt Werner bei den Brombeersträuchern an Villons Erdbeeren etc.? Tatsächlich sind Beeren und Früchte ja -nicht nur bei Villon- ein erotisches Motiv (man schaue mal mit Sinn und Verstand Werbung oder Filme). Die Dornen so manches Beerenstrauches bringen die schmerzhafte Komponente der Erotik ins Spiel. Ein Liebesverhältnis a) unter Brüdern, b) nicht ohne Gewalt. Sogar zum Tod führt diese Liebe. Der paradoxe „Würgegriff der Hingabe“ ist hier sicher die zentrale Beschreibung dieser schmerzlichen Liebe.

Aber: wer wird jetzt hier geliebt? Wer ist der Indianerbruder?
Werner sieht es auch: der Indianer ist für viele Jungs ein Kindheitsbegleiter, sei es durch Karl May oder nicht. Man spielt Cowboy und Indianer und der amerikanische Ureinwohner verkörpert Wildheit, Freiheit und Verwegenheit. Verwurzelt in der Natur, verankert in seinem Stamm und seiner Familie, urwüchsig und stark. Ein kraftvolles Identifikationsangebot. Blutsbrüderschaft kann man mit engen Freunden schließen, aber hier ist der enge Verwandte meines Erachtens jemand anderes.

ICH. ICH, das Kind, der kindliche Teil meiner Selbst, der frei, stark und undomestiziert durch die weite Welt der Kindheit schritt und unweigerlich irgendwann starb, vielleicht von mir selbst zu Tode gebracht. Erwachsen werden ist von vielen Kämpfen begleitet, die meisten davon muss man mit sich selbst austragen und etwas bleibt auf der Strecke. Ein Teil von Einem überlebt das nicht.

Vielleicht ist das das Kernthema in unserem kleinen Gedicht mit seinen zum Ende hin immer kürzeren, gehetzten Zeilen.

Formal ist es sicher schwer einem Geschlecht oder einer Zeit zuzuordnen. Tatsächlich stammt es aus dem Jahr 1980 und aus dem Debütband „Aufstehen und Gehen“ unseres heutigen Autors:

———————-

eich-140x140Clemens Eich, (22. Mai 1954 Rosenheim- 22. Februar 1998 Wien), hatte als Sohn von Günter Eich und Ilse Aichinger, dem beiden großen Autoren der Nachkriegszeit, vielleicht die Literatur in die Wiege gelegt bekommen. Er wuchs in der Nähe von Salzburg auf und besuchte von 1971 bis 1974 eine Schauspielschule in Zürich. Von 1974 bis 1979 arbeitete er als Schauspieler in Landshut, am Theater in der Josefstadt in Wien, in Hamburg und am Schauspielhaus in Frankfurt am Main. Eich, der anfangs noch sehr von der Literatur der Eltern geprägt war; von surrealistischen Bildern und kafkaesken Situationen, lebte bis zu seinem Unfalltod als freier Schriftsteller in Hamburg und Wien. Eich erhielt 1980 den Förderpreis der Stadt Mannheim und 1996 den Mara-Cassens-Preis, aber der wirkliche Rang seiner Gedichte und Erzählungen, auch die Qualität seines Romans: Das steinerne Meer wurden erst nach seinem Tod erkannt.

Als Autor stand Clemens Eich in vielem auf der Grenze. Geboren 1954 war er zu jung für die 68er Bewegung und eigentlich für Punk und andere spätere Subkulturen zu alt. Eich hatte sowohl die deutsche als auch die österreichische Staatsangehörigkeit, lebte in Hamburg und in Wien, ohne sich ganz da oder ganz dort zu Hause zu fühlen. Sein Hauptthema, in allen Genres, war das eigene Ich.

Das Motto seines Romans Das steinerne Meer ist der Satz des Holofernes bei Nestroy: „Ich möcht‘ mich einmal mit mir selbst zusammenhetzen, nur um zu sehen, wer der Stärkere ist, ich oder ich.“

Das Gedicht ist zitiert aus:

KUNZE, REINER (Hrsg.):
Über, o über dem Dorn (Gedichte aus hundert Jahren S. Fischer Verlag)
Frankfurt/M., S. Fischer Verlag, 1986

ISBN 3100456025

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– أعمى تذوق الحلقة سبعة- (Blindverkostung Folge 7)

jonasmitrahmen

 

Jonas Navid Mehrabanian Al-Nemri
nennt sich -trotz seines Namens, der es nicht vermuten ließe- einen Fischkopp. Denn er stammt aus Hamburg, wo er 1984 als Kind zweier Kulturen geboren wurde.
Jonas lebt und studiert heute in Freiburg, ist verheiratet und hat zwei Kinder. jonas navidSein Debüt, der Erzählband Umm Nur, wurde sehr positiv besprochen und war für viele Rezensenten zu Recht ein echtes Highlight. Der bekannte österreichische Autor Josef Haslinger sprach von Umm Nur als „einer neuen Mythologisierung der Innenwelt.“  Jonas orientalische Wurzeln schlagen sich kraftvoll und lyrisch in der Sprache seiner Geschichten nieder. Duftig, märchenhaft und dennoch modern und rätselhaft kommen die Texte daher. In seinen Erzählungen -so sagt er selbst- versucht er die Innenwelten einzufangen und das, was dazwischen liegt. Er vertritt die Ansicht, das Wort werde gemeinsam von Schreiber und Leser geschaffen, für ihn ist es etwas Intimes, Außergewöhnliches und Unbegrenztes.

Derzeit arbeitet Jonas an seinem zweiten Buch und ist mit dem Vorantreiben des neuen, unabhängigen kladdebuchverlags beschäftigt.

Veröffentlichungen:umm nur

Umm Nur
-Erzählungen-
worthandel : verlag, Dresden
130 Seiten
ISBN 978-3-935259-84-2
14,90 €

nominiert für:
hotlist 2011
sheikh zayed book award 2012

weitere Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften:
„Amor und Psyche“
cross over/ Wettbewerb des Forum SQ (Hg.), 2010.
„Harem“ in IGdA-aktuell. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik. Heft 4, 2010. ISSN 0930-7079

– Meine ausführliche Rezension von Umm Nur findet man hier:
https://dingfest.wordpress.com/2013/06/09/rezension-umm-nur-von-jonas-navid-al-nemri/

– Mehr über Jonas erfährt man hier: www.al-nemri.de

– Zum kladdebuchverlag geht es hier: http://kladdebuchverlag.de/

—————————————————-

Hier der Text, den ich Jonas zum blindverkosten gab:

ACHTUNG!
Bevor der gute Jonas Schmähbriefe wegen seines respektlosen Umgangs mit dem ihm vorgelegten sensiblen Wortgebilde erhält, weisen wir ausdrücklich darauf hin, dass die Meinung des lyrischen Ichs in dieser Verkostung nicht unbedingt die Ansichten des Verkosters wiederspiegelt!“

spiralblock

und:
Was ihm dazu einfiel:

Ich bin böse auf dich, Gedicht! Echt. Wieso nicht Rilke, ja oder Romantik oder irgendein Impressionist. Du bist so Nachkriegszeit, so Erich-Fried, so ungeübt. Du versuchst schön zu sein, scheiterst dabei, wie dein lyrisches Ich. Deine Bilder sind nicht einmal mehr kitschig, sondern gänzlich ausgeblasst: Mitten auf einer grünen Wiese. Mitten in einem blauen Bach, mitten auf einem hohen Berg. Ich bitte dich! Aber das Schlimmste an dir, sind deine
ein
Wort
und zwei
Wort Zeilen,
das ist so was von vorgestern und damit meine ich nichts Gutes, du bist nicht retro, nicht vintage, nicht used, du hast keinen Bootcut, bist nicht skinny. Vielleicht bist du karotte und verschwindest selbst in etwas, das schließlich doch größer zu sein scheint. Deine Enjambements hetzen sich gegenseitig, verhaken sich, verklumpen – da wunderst du dich, dass du dich fett fühlst? Deine Wespentaille täuscht! Denn dein Dichter hat dich gemästet, hat seine ganzen blöden Worte in dich hineingestopft. Jetzt du bist schwarte! Ich sollte dich grillen.
Ich bin böse auf dich! Und besonders dein Stabreim regt mich auf! Wiese-wie-Wunder … wow! Einfallsreich! Dieses Stilmittel liegt dir nicht, sonst würdest du nicht so dumpf klingen. Nimm dir ein Beispiel an Poe, dem weary-way-worn-wanderer: das ist eine Alliteration. Du enttäuscht mich schon im Titel. Ein Haarschnitt, der so ungenau deinen knochigen Kopf bedeckt, wie vokuhila-oliba. Ich habe dich Gedicht genannt und erkenne dir jetzt diesen Titel ab, du bist kein Gedicht, du siehst nur so aus. Du bist ein Erguss irgendeiner Mode und ich zücke die Schere und zerschneide dich. Ich hab jetzt auch ein wenig Mitleid. Echt. Du kannst ja nichts dafür, dass du so hässlich bist. Und ich höre schon die Leute sagen: das kannst du dem kleinen Ding doch nicht antun. Aber ich kann. Und ich will. Und ich werden denen sagen: wenn ich es töte, kann es wiedergeboren werden. Als Zeitungsannonce oder Waschanleitungsetikett. Auf jeden Fall sinnvoller und klingender, als das was es jetzt ist. Aber ich wäre nicht ich, wenn ich keine Lösung hätte: ich dichte dich um, aber ich warne dich gleich: mehr als ein Haiku wird aus dir nicht.

Ich sitze im Gras,
bin depressiv und merke:
blablabla blabla.

Naja. Steht dir ganz gut, finde ich.
Schön bist du immer noch nicht, aber nun weiß jeder, woran er mit dir ist.
Und ich fühle mich gut. Das ist das Wichtigste.

——————————–

Mein Kommentar:

Jonas, Jonas! -Was hat dieses arme Gedicht dir nur getan? Nichts daran magst du, du sprichst ihm sogar die Bezeichnung GEDICHT ab. Dabei waren dieser Text und sein Autor mal sowas von hip und cool! So was von Pop und irgendwie auch Hardcore. Die Freaks lasen diese Texte! Und du, Jonas, findest es nachkriegszeit!- Es sei dir gestattet.  Komm du erstmal in unser Alter!!
Naja, es ist ja auch nicht viel dran.
Ein
vielleicht
mutig gemeinter
Zeilenumbruch macht
ja noch keine
lyrische Re
volution
-da magst du Recht haben. Und billige Alliterationen kann auch irgendwie Jeder, der das ABC beherrscht. Kunstlos, schlicht -ja, vielleicht profan kommt dieser Text daher. Aber: eine Wiedergeburt als Waschanleitung? -Das arme Ding. Da hat es all die impressionistischen Rüschen und expressionistischen Papphüte abgelegt und sich -überhaupt- ziemlich nackig gemacht und dann scheuchst du es so in die Ödnis! Ziemlich verschmäht steht es jetzt da, ohne Modelmasse, ohne trendiges Duftwasser, ohne schicke Dessous und du magst es nicht mit der Kneifzange anfassen!

Dabei kommt es doch auf die inneren Werte an, sagt man. Ist denn da was? Im Inneren unseres -zugegeben- äußerlich nicht sehr attraktiven Gedicht? Hm…schauen wir mal: Eine grüne Wiese reicht nicht für ein Gefühl….da müsstet ihr doch einig sein, oder? Und: irgendwie ist doch da irgendwas im Hintergrund, was mit duftigem Grün und blumigen Worten eh nicht zu fassen ist….der Autor merkt es doch selbst! Etwas, das sich von allein fortbewegt; etwas, was größer zu sein scheint als gekonnt-geführte-griffige-Gleichklänge und süße Synästhesie. Unser Autor weiß darum und weiß, er kriegt es nicht zu fassen -egal, welche Mittel er anwendet.  Dieses Etwas löst alles auf -lyrische Mittel, Moden, Haltungen- sogar den Autor selbst!

Dieses Gedicht ist also selbst kritisch gegenüber den Möglichkeiten der Dichtung, vielleicht will es selbst gar nicht Gedicht sein? In der scheinbar dilletantischen Nutzung lyrischer Mittel drückt es seine Abneigung gegen die süßliche Tradition des „schönen“ Gedichtes aus und thematisiert dessen Unfähigkeit, das „Größere“ zu fassen. Das wäre doch etwas, was diesen Text eventuell über die Waschanleitung erhebt, oder?

Und: ist der Autor dieser Zeilen wirklich einfach nur depressiv? -Ich weiß nicht. Sicher ist da das Leiden an dem oben benannten Umstand und sicher auch an der Ungreifbarkeit von Wahrheiten generell. Aber das Wissen darum ist m.E. doch schon was! Aber man kann es so sehen. Es fehlt die heute fast allgegenwärtige Haltung, die jede Aussage, jeden Standpunkt mit sofortiger Wirkung wieder relativiert und in Zweifel zieht: es fehlt die IRONIE, das lässig zwinkernde Auge oder die hochgezogene Augenbraue eines Harald Schmidt oder eines Christian- Kracht-liken Dandy-Darstellers. -Hier wird einach nur eine Aussage getätigt und mehr nicht- wir sind es nicht mehr gewohnt, offenbar!

Keine 50 Jahre alt und schon ist dieser Ansatz heute kaum noch nachzuvollziehen. Die Moden, Modernen und Schulen sind über diese ehemals schnoddrig-respektvolle Haltung hinweggegangen und der Schick dieser Zeilen ist verwelkt. Dies hier schockiert niemanden mehr und dies hier inspiriert auch kaum einen mehr. Leider. Es ist wahr: dieser Text ist auch schon mainstream, nicht mal mehr vintage oder retro-schick.

Jonas war es schon ein wenig peinlich, als er erfuhr, für wessen Werk er gerade den Grill angeheizt hatte. Immerhin zählt der Autor von Mehr oder weniger zu den Säulenheiligen der meisten jungen Autoren und gilt allgemein als wesentlich cooler als z.B. Hesse oder Fried. Aber unser Proband hat ja Recht- im Text selbst und seiner Erscheinungsform ist davon nur noch wenig zu spüren.

—————————————–

brinkmannNun, lösen wir es auf:

Unser Gedicht Mehr oder weniger stammt vom großen Rolf Dieter Brinkmann, der in den 60er und 70er Jahren sozusagen die Beat- und Hippieliteratur amerikanischer Ausprägung nach Deutschland  brachte.  Brinkmann entkleidete die Lyrik sowohl des politischen Pathos` als auch der lyrischen Attitüde. Alltag, Werbung, Pop und Banalität wurden zu seinen Themen. Brinkmann, der alles andere als ein Spaßmacher war, ließ seine Gedichte auf abgerissene Fetzen von Pin-up-Plakaten drucken, tourte monologisierend mit einem Aufnahmegerät des Westdeutschen Rundfunks durch Köln und zeterte, schmähte, polterte gegen alles und noch was. Der Kleinstadt-Junge aus Vechta im westlichen Niedersachsen fand seine Heimat in der rheinischen Metropole und provozierte auf Lesungen und Podiumsdiskussionen gerne einmal die Zuhörer und Mitdiskutierenden. Marcel Reich-Ranicki attackierte er einmal mit den Worten: „Wenn dieses Buch ein Maschinengewehr wäre, dann würde ich Sie jetzt niederschießen.“

Der Dichter mit der Bürgerschreck-Attitüde, dessen vielleicht bekanntestes Buch der Roman: Keiner weiß mehr ist, verstarb 1975 bei einem Unfall in London.

Mehr oder weniger
ist dem Band:
Rolf Dieter Brinkmann
Standphotos
Gedichte 1962-1970
Rowohlt Verlag, 1980
ISBN 3498004611

entnommen

Die früheren Folgen der -Blindverkostung- findet man auf der eigenen Seite meines Blogs: https://dingfest.wordpress.com/blindverkostung/

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-Blindverkostung Folge 5: mit Hanna Scotti-

BeFunky_blindverkostung

In dieser Kategorie meines Blogs findet etwas ganz Besonderes statt:
Autoren, Lyriker und Leute aus dem Kulturbetrieb besprechen fremde Texte, ohne den Verfasser zu kennen.

Die Regeln:

Ich suche für jeden teilnehmenden Schreiberling ein Gedicht oder einen kurzen Prosatext aus meiner oft etwas obskuren Bibliothek heraus und übersende ihm diesen ohne Autorenangabe. Es herrscht strengstes Suchmaschinenverbot!!
Der teilnehmende Autor bespricht nun spontan und subjektiv den von mir ausgewählten Text, äußert seine Assoziationen und versucht, die Herkunft einzukreisen. Erst im Nachhinein verrate ich den tatsächlichen Verfasser.
Ein sicher aufschlußreiches und interessantes Spiel, das hoffentlich einiges über den individuellen Zugang zu Literatur verrät.

Bisher haben mir:
Jost Renner  https://dingfest.wordpress.com/2013/07/14/blindverkostung-folge-1-mit-jost-renner/
Thyra Thorn https://dingfest.wordpress.com/2013/07/20/blindverkostung-folge-2-mit-thyra-thorn/
Anke Laufer https://dingfest.wordpress.com/2013/07/27/blindverkostung-folge-3-mit-anke-laufer/
und Paul Fehm    https://dingfest.wordpress.com/2013/08/02/blindverkostung-folge-4-mit-paul-fehm/
die Ehre gegeben.

HEUTE NUN:

schildhanna

hannaAuch unsere heutige Probandin:
Hanna Scotti ist wieder einmal höchst interessant und mit ihrer Vielseitigkeit und ihrem Humor bestens geeignet für die Blindverkostung.

„Die Welt ist meine Bühne, Improvisationen, Augenblicke in lebendigen Begegnungen sind meine Freiheit und meine Stärke.“

Ich stieß auf Hanna und ihre Texte in einem sozialen Netzwerk und war sofort von ihrem Esprit und ihrer Art begeistert. Nach gelegentlichem Austausch und dem Besuch ihrer Blogs kam ich aus dem Staunen über Hannas vielfältige Betätigungen nicht mehr heraus.

„Aus Afrika brachte ich den „groove“, aus Asien „die Stille“ des Zen mit und webe alles in meine künstlerischen Arbeiten ein. Meine Texte, Zeichnungen, Fotografien und mein Spiel als Clownin sind davon geprägt.“

Hanna schreibt wunderbare Lyrik und sehr kluge und spitzfindige Artikel; gemeinsam mit ihrer Freundin Wiebke Plett widmet sie sich ihrem Hauptthema: dem Älterwerden. Die beiden schreiben, fotografieren, malen und machen Filme- und das alles voller Lebensfreude und bewußt gegen den Zeitgeist, der das Alter und den Tod so gerne ausblenden möchte.

Über sich selbst sagt Hanna:

Wer bin ich ? Wenn ich das wüßte…..
Jedenfalls fühle ich mich wie eine alte Närrin und verlaufe mich ständig in den verstaubten Falten des Theatervorhangs –
unter meiner Fußmatte habe ich mich neulich gefunden.
Wer sich nicht bücken möchte, um dort nachzuschauen findet dieses Rumpelstilzchen bei google unter ihrem Namen :
Hanna Scotti

Hanna Scotti und Wiebke Plett sind Mitgliedinnen in:
Literaturkontor Bremen
der Autorinnenvereinigung e.V.
der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.
Deutsche Haikugesellschaft e.V.
und waren 2012 nominiert für den Lyrikpreis Hochstadter Stier

 Ausführlichere Einblicke in Hannas vielschichtiges Tun erhält man hier:
http://hanna scotti.wordpress.com/
und
www.kunstvollaltern.de

Veröffentlichungen:scotti buch

Einzeltexte online und in Zeitschriften,
gedruckt liegt vor:
http://www.schicksal.komm
-Gedichte-
ISBN 9783943599077

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Hier der Text, den ich Hanna zum blindverkosten servierte:

texthanna

Und, was ihre Geschmacksknospen dazu sagten:

Eine köstliche Fischsuppe hast du mir hier serviert :

1 Prise Salz aus Aesops Mühle
2 EL. Geriebenes aus der Mystik
1 Tube  Mark aus den Töpfen Laotses
1 Spritzer Konfuzius
– Buddhas und Mohammeds Kleinigkeiten bleiben ein ewiges kulinarisches Geheimnis für den Gaumen,
ver(r)(f)ührt mit feinem jüdischen Humor

Das kann nur einer und ich setze hier alles auf eine Karte :
„Bertolt Brecht“.

Die Poesie dieses Textes liegt meines Erachtens einerseits in der schlichten literarischen Klarheit, andererseit an der Offenheit, die sich wie ein Kaleidoskop entfaltet. Immer neue Interpretationsmöglichkeiten bieten sich: Fische als Metapher für das „einfältige Volk“; in der Fremde (im All) ist alles besser ;Realitäten zurechtrücken – wie’s beliebt; die Begrenztheit aller lebenden Wesen löst sich in der Gleicheit auf; Misstrauen in die eigene Spezies; ich bekomme einen Gehirnknoten von all den Bildern und in dem Moment, in dem ich den Text loslasse, geschieht etwas Unglaubliches : ein Lachen taucht in mir auf, ein Lachen über diese irrwitzige, absurde, bunte, lebendige Welt, die sich großspurig in fremde Planeten ausdehnen will, sie vielleicht sogar erobern möchte? Das alles finde ich in dieser Geschichte, dass kann nur ein weiser Mensch geschrieben haben. Das Wort „ Kosmonaut“ verweist auf Ort und Zeit : Seine zeitweilige Nähe zum Sozialismus und zum Wettlauf im All, der etwa 1950 begann. Auch seine Affinität zu fernöstlichen Philosophien ist hier gut zu beobachen. Stutzig macht mich die Zahl 58 in dem Zusammenhang. Das steht dort sicher nicht ohne (politischen ? ) Grund, aber ich kenne ihn nicht.

Vorsichtshalber erwähne ich noch Böll, Grass und Benn. Böll mit seinen „Ansichten eines Clowns“ hätte die literarische Feingliedrigkeit, würde aber nie auf einen „Kosmonauten“ verweisen. Günther Grass ist einfach kein Autor filigraner Poesie. Gotfried Benn war Expressionist und liebäugelte mit Nietzsche, das ist kein Nährboden für diese Geschichte. Beim Überarbeiten machte meine Liebste mich noch auf Kunert, Biermann und Walser aufmerksam, aber keinen würde ich als Autor dieses „feinen Geschichtchens“ sehen. Und die Frauen ?? Ja, die Frauen hatten keine Zeit für Poesie. Sie befreiten sich gerade schmerzvoll aus Kirche und Küche und zeugten Kinder (möglichst weiblich) mit den Autonomen vermutlich mit allen gleichzeitig. Oder sie wurden die besseren Männer. Der Zickenkieg war eben allgegenwärtig und ließ einfach keinen inneren Raum für solche Kleinode, wie diese Geschichte. Neuere, jüngere Autoren/innen habe ich nicht in Betracht gezogen, weil das Thema später zwar sporadisch erschien, aber an politischer und sozialer Brisanz verlor und nur noch als Spektakel in den Medien auftauchte.

Da meine Gedächtnisstrukturen sich meistens im „jetzt“ bewegen, bitte ich um Nachsicht, wenn meine Gedanken sachlich nicht stimmen. Ich habe mich bereits damit ausgesöhnt , kein Monopol auf Wahrheiten zu haben. Aber diese „blinde“ Beschäftigung mit einem dreh – und angellosen Text ohne Anker, hat mich zur Fischerin in meinen autobiographischen Gewässern gemacht.

——————————————————-

Mein Kommentar:

Ja, eine hübsche Fischsuppe ist das hier. Ein ausgewogen komponiertes Gericht, mit ausreichend metaphorischem Salz und vollmundigem Hintersinn abgeschmeckt. Was ist das für ein Text, den Hanna Scotti hier mutig für uns blindverkostet? -Mit Fischgerichten muss man ja generell etwas vorsichtig sein!

Wir haben hier Tiere, denen durchaus menschliche Eigenschaften zugeschrieben werden: Sprechen, Denken, die Sehnsucht nach etwas Höherem und IRREN! Diese Kiementräger wollen hoch hinaus und landen -na wo? Im Verderben! Dies ist tatsächlich eine Art moderne Fabel. Dass sie nicht von Lafontaine, dem großen französischen Fabeldichter stammen kann,  dürfte allein durch die Verwendung des Begriffes Kosmonaut klar sein. Den irgendwie ostdeutschen Bezug schmeckt Hanna ja auch gleich heraus. Kann man hier vielleicht auch gleich eine zeitliche Eingrenzung versuchen? Hanna legt sich nicht so recht fest, definiert zwar 1950 als Beginn des Wettlaufes ins All und setzt somit einen sehr richtigen ersten Punkt; sie assoziiert auch gleich Autoren wie Brecht, Grass, Böll und Benn, deren wichtigstes Schaffen sich ganz grob über die 50er bis in die 60er Jahre  erstreckt und liegt letztendlich damit gar nicht so verkehrt! Früher kann dieser hübsche kleine Text mit Widerhaken also kaum entstanden sein. Aber vielleicht später? Spätestens ab der Mondlandung der Amerikaner 1969 verlor der Kosmonaut als Wort, Symbol und Beruf wohl deutlich an Bedeutung.  Könnte dies ein Endpunkt sein? -Genug der Rätselei: der Text stammt von 1968.

Böll vermutete Hanna – Ja, das Hintersinnige und der Hang zu einer moralischen Komponente ist da. -Ist aber nicht Böll!
Grass schließt Hanna selber aus. Zu leise, zu feingliedrig für den wortgewaltigen Erzähler, schlußfolgert sie -wobei Grass erster Gedichtband einen sehr schönen Text über Küken im Ei enthält, der durchaus „fabel“haften Charakter hat.   -Dennoch: nicht Grass.
Auch Benn kommt nicht in Frage.
Aber Brecht? -Hanna haut hier ja gleich zu Beginn ein Rezept heraus, dass durchaus aus dem Kochbuch des Augsburgers stammen könnte:

1 Prise  Aesop
2 EL.  Mystik
ein wenig Laotse und Konfuzius
und letztlich alles gut verrühren mit einem schönen Schuß hintersinnigem Humor, das könnte  doch nach Brecht schmecken!
Auch die Doppelbödigkeit des Textes, dieses beinahe Fabel-in-der-Fabel, wäre dem Geiste Brechts angemessen, denn neben der Übertragung des Strebens nach etwas anderem als dem immer gleichen Tümpel auf die Fische gibt es hier ja auch noch den staunenden Angler, der dem Fisch nichts anderes ist als großer Fisch und der bedauernswerterweise einziger Zeuge eines Wunders wird, das ihm keiner glauben wird.

Dennoch: -Nicht Brecht!
Aber Hannas mutiger Schuß aus der Hüfte geht gar nicht sooooo weit daneben!
Brecht, nach dem Krieg im Osten Deutschlands angesiedelt, teilt seinen Wohnort dieser Tage mit unserer Verfasserin. Und dort war er die prägendste literarische Kraft auch für die, die nicht so regimetreu waren. Sein Einfluß ist hier sicher mehr als nur zu vermuten. Er dürfte als gesetzt angenommen werden, denn unsere heutige Autorin wuchs in Ost-Berlin auf und begann das Schreiben und Veröffentlichen just in den Jahren, in denen der olle Brecht sich dort niederließ. 

Ich war etwas verwundert, dass Hanna in ihrer Besprechung nur männliche Autoren in Betracht zog und fragte deshalb nach. Daraufhin ging Hanna noch einmal in sich und ergänzte folgende Antwort, die ich nicht unterschlagen möchte:

Eine schöne Spielerei, dieses Kreuz – und Querdenken. Matthias hat nichts verraten, aber ich ahne : es ist doch eine Frau. Warum schloß ich sie so konsequent aus? Der Knick in meiner Argumentation ist mir in der Nacht klargeworden. So wird noch ein weiteres Stück Zeitgeschichte aus dieser Fabel ans Licht getragen.

Mein Focus in der Interpretation landete ganz intuitiv bei den Aktivitäten der Frauen im Westen. Unsere literarischen Themen waren Simone de Beauvoir, Sartre, die Straßenkämpfe in Paris und Berlin, die Emanzipation. Und all das endete abrupt an der Mauer. Oft stand ich davor, ratlos, ohne Vorstellungen von diesem „fremden Land“ auf der anderen Seite. Wie lebten die Frauen dort? Ich wußte nichts, alles war fremd und bedrohlich und es gab kein Ende. So wandte ich mich wieder meinen eigenen Interesse zu. Das ist eine Lücke, die ich emotional und intellektuell nicht schließen kann, wie sich hier ganz deutlich zeigt. Ich habe es nicht bemerkt. Leider war ich nicht politisch genug, mich diesem „Fremden“ zu nähern. Ich kannte sie einfach nicht, diese literarischen Schwestern. Sie waren fremd und lebten in einem Staat, der mir fremder war, als die Frauen in Afrika. Christa Wolf : Ihre Kassandra, gelesen von ihr selbst, geht unter die Haut. Sarah Kirsch, was gäbe ich heute darum, diesen Frauen in „unserer gemeinsamen Zeit“ begegnet zu sein. -Es ist ein Wunder, da schickt mir ein junger Mann eine kleine Parabel, die mich mir selbst näher bringt. Danke Matthias.

Ich habe zu danken, Hanna!!

Aber nun genug des Rätselspiels: Unser heutiger Text -Fische- stammt von:

reinigChrista Reinig (1926-2008)

Christa Reinig kam 1926 als uneheliche Tochter einer alleinerziehenden Putzfrau zur Welt und wuchs in ärmlichen Verhältnissen in Ost-Berlin auf. Im Zweiten Weltkrieg war Reinig zunächst Fabrikarbeiterin, dann Trümmerfrau und später Floristin. An der Arbeiter- und Bauern-Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin erwarb sie in den frühen 50er Jahren ihr Abitur und studierte im Anschluß Kunstgeschichte und Archäologie. 1957 bis 1964 war sie wissenschaftliche Assistentin am Märkischen Museum.

Das Schreiben begann Reinig bereits in 40er Jahren. Sie arbeitete an der Ostberliner Satire- Zeitschrift Eulenspiegel mit und konnte einige literarische Beiträge veröffentlichen. 1951 wurde jedoch wegen ihrer unangepaßten Haltung ein Publikationsverbot gegen sie verhängt, so dass ihre Werke von dort an nur noch in westdeutschen Verlagen erscheinen konnten. Von 1949 bis 1960 konnte sie sich als Herausgeberin des hektografierten Heftchens Ewiwa Future einer west-Berliner Autorengruppe betätigen. 1964, nach dem Tod der Mutter, kehrte Christa Reinig von der Reise anlässlich der Entgegennahme des Bremer Literaturpreises nicht wieder in die DDR zurück und lebte seitdem in München.

Christa Reinigs Werk enthält balladenhafte Gedichte, Liebeslyrik, Prosa und Hörspiele. In den 1970er Jahren bekannte sie sich öffentlich zu ihrer lesbischen Orientierung und von da an nahm die Beschäftigung mit dem Feminismus breiten Raum in ihrem Werk ein. Reinigs Texte sind häufig von Satire und schwarzem Humor gekennzeichnet. Die Autorin  war Mitglied im P.E.N.-Zentrum Deutschland und in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München.

Christa Reinig, die an Morbus Bechterew erkrankte, lebte seit 2008 bis zu ihrem Tod in einem Münchner Pflegeheim.
Neben dem Bremer Literaturpreis erhielt Reinig für ihr Werk auch den Hörspielpreis der Kriegsblinden, den Deutschen Kritikerpreis und war außerdem Stipendiatin der Villa Massimo sowie Trägerin des Bundesverdienstkreuzes.

-Fische-
erschien erstmals 1968
in dem Band:
Orion trat aus dem Haus
-Neue Sternbilder-
Eremiten-Presse

Mit dieser schönen Folge verabschiede ich mich erst einmal für eine Woche! Auch bei mir steht Urlaub an, aber am übernächsten Sonntag gibt es bereits die sechste Folge der -Blindverkostung-. Bis dahin müsst ihr halt die alten Episoden nochmal lesen oder euch die Bücher der Verkoster und Verkosteten besorgen…..! Ich freue mich auf die Auszeit und wünsche alles Angemessene! Bis bald!

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