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Die Insel ruft….Auszeit

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Vor diesen grauen Flächen. Vor dieser leise schwappenden See, diesem diesigen Himmel ohne jede Tiefe fühlt sich Jan erstaunlicherweise beruhigt. Grobes, unregelmäßiges Gras im klumpigen Sand, Pfützen vom gerade erst abgezogenen Regen wie große Scherben darin. Es riecht nach Meer, das heißt genau genommen, nach salzigem Schmodder und Schlick, alles andere als fein. Plärrende Kinderstimmen und polterndes Elterngeschimpfe in unattraktiven Dialekten wehen vom Spielplatz herüber. Auf der Bank links schweigt eine bärbeißige Alte mit Krampfadern ihren Bildzeitung lesenden Mann an. Von Mutterschaft und Langeweile völlig zerstörte Körper liegen in pedantisch aufgehäuften Sandfestungen mit Deutschlandflagge, am Fähranleger drängeln ältere Eltern mit ihren sportiven Hightech-Kinderwagen in der Schlange vor. Trekking-Jacken, Künstlerschals um Vertreterhälsen, gut gelaunte Männergesangsvereine aus dem Rheinland mit Fischerhemden aus dem Andenkenladen über den Bierbäuchen. Trostlos tobendes Menschengewirr in einer denkbar unwirtlichen Enttäuschung aller Sommerträume.
Das sind wir nicht. Das sind wir immer noch nicht, denkt er. Wir sind immer noch: etwas Anderes, etwas anders. Bei allen Elternabenden, allen Besuchen von Disney-Filmen, allem Kuchenbacken für den Sonntagskaffee ist das Andere nicht in der Mehlschwitze der deftigen Bratensoße ertrunken.
Anders herum war er sich bewusst, dass die jungen Leute, die er gelegentlich auf der Straße sah, ihn genauso für einen in die Jahre kommenden Mann hielten, der den normalen Weg gegangen war, Frau, Kinder, Häuschen, Kombi oder Familienkutsche, eventuell Hund oder zumindest Meerschweinchen, kleiner oder größerer Garten, auf jeden Fall weit entfernt von jeder außergewöhnlichen Haltung oder Lebensweise, ertrunken im Kompromiss und zu einem Bauchansatz neigend. Junge Eltern von Erstgeborenen Säuglingen glichen sich an ihm und Sonja ab und schworen sich, alles anders, alles besser zu machen, wenn sie zufällig Jans und Sonjas Kinder gerade streitend oder in einem bockigen Moment erleben. Das war klar. Genauso hatten Jan und Sonja es früher schließlich auch gemacht.

Perspektivwechsel, wie bei den Seebildern. Ein Streifen helles Blau oben, ein Streifen dunkles Blau unten. Ein Tag am Meer. Wenn du es auf den Kopf stellst wird es eine Nacht, mit einem dunklen Himmel und einem vom Restlicht aufgehellten Meer.
Als habe sich das Meer irgendwann für die nächsten Milliarden Jahre für das Gleiten als vorübergehenden Zustand entschieden. Er weiß ja, dass das Meer das schon ewig tut, dieses Hin und dieses Her. Wenn es still liegt, kann man sich nicht vorstellen, dass es rau und wild sein kann. Wenn es aufgewühlt Wellen an den Strand wirft, glaubt man, es wird nie wieder damit aufhören. Wenn Jan sich besinnt, weiß er, dass niemand sagen kann, ob es immer so weiter geht: Ebbe, Flut, Ebbe, Flut, ständige Wiederholung, die ja angeblich nirgendwo hinführt. Gleichmaß, Gleichförmigkeit, im ewig gleichen Rhythmus, wie Herzschlag. Fort sein, anschwellen, da sein, abschwellen. Nie für immer da, nie für immer fort. Er weiß ja, dass auch nach 1000 Seiten, nach 30, 40 oder 70 Jahren nicht alles gesagt ist. Das letzte Wort; noch nicht gesprochen, welches wird es sein? Er weiß, er kann nur versuchen, Fäden zu finden und festzuhalten, bis sich eine Art Netz bildet, einzelne Fundstücke, Knüppel von Treibgut zu sammeln und zusammenzufügen, bis das Gebaute einem Floß gleicht, auf dem man theoretisch fahren kann. Er kann nur Puzzleteil auf Puzzleteil versuchen unterzubringen und nicht zweifeln, wenn auch nach Jahren nur ein unwesentlich abgestuftes Blau zu sehen ist. Er kann nur Karte um Karte umdrehen, in der Hoffnung, das die richtige irgendwann kommt. In seinen Träumen muss er Auto fahren, stundenlang im Kreisverkehr und er tut das erstaunlich langmütig, immer daran glaubend, dass die richtige Ausfahrt irgendwann, wie aus dem nichts auftaucht und irgendwo hinführt.

Irgendwann war das Meer einfach nicht mehr rausgegangen; hatte einen salzigen blauen Fleck auf ihm hinterlassen. Immer geradeaus, auf den Horizont schauen hatte man ihm geraten, dann schwindelt es Einem nicht. Doch zu Hause fehlte immer etwas Horizontales, irgendeine gerade Linie- alle waren verstellt: von spitzwinkligen Gebäuden, Bäumen, Dingen oder Schatten von Dingen, zu viele Menschen drängten sich davor . Die Insel dagegen: ein Experiment, Biotop, Garten Eden- Spielwiese für einen versuchten Neuanfang unter Laborbedingungen. Die fehlenden Möglichkeiten: hier kein Verlust, eher die Überschaubarkeit, der Überblick ein Gewinn, die Beschränkung ein Glück. Hier war man froh über jeden abgeworfenen Ballast und hier in Dünengras und Sand verlor sich alles viel leichter. Dieses Gefühl, nicht mehr Teil zu sein; abgetrennt, abgeschieden zu sein wurde zur Gewiss- und Gewohnheit und tat wohl. Das Kleine im Großen –die Insel- bot ausreichend Platz und einen tiefen grauen Graben gegen die Geschäftigkeit zu Haus. Keine Schaufenster, die Kauf mich Kauf mich schrien, keine Zeitungen, wispernd lifestyle und Skandal. Dabei lebten sie auch daheim weit genug von den Schmelztiegeln und Brandherden, in denen es –dem Fernsehen zufolge- stets nach verbranntem Gummi und röstenden Premium-Bohnen roch. Im üppigen Gürtel der Diaspora zwischen ihnen und den Metropolen verlor sich das alles und verglomm im Grün. Bei ihnen lag, zwischen Sommerflieder und Dung, höchstens noch leicht der Geruch eines schwachen Kokelns in der Luft. Doch hier: Das Meer war ein launischer und doch verlässlicher Nachbar. Mehrfach täglich wusch er ihre Füße. Der Wind fuhr ihnen über den Mund und verbot sich Überflüssiges mit Nachdruck.

Jan sitzt auf einer Bank am Wasser und besieht die Wolken. Sie ziehen sehr langsam, sehr tief. Jan sieht ein um das andere Mal eine tiefschwarze Regenwolke, auf eine Helle folgen, beide jeweils von der sinkenden Sonne grell beleuchtet, in ihrer Farbkraft verstärkt. Und auf den Inseln scheint schon die Sonne. Jan sieht den Schwarm Möwen auf der nahen Düne unter jeder dunklen Wolke, die darüber zieht, sich nervös erheben und sich unter der folgenden Hellen wieder niederlassen. Er empfindet, an einem Bonbon lutschend, auf einmal das Glück, nichts anderes zu tun zu haben und erwartet das Endes dieses Gefühls. Er nimmt sich das erste Mal seit langem als handelnde Person mit einem Effekt wahr, als auf sein Rascheln mit dem Bonbonpapier ein dicker schwarzer Vogel neben ihm auf der Bank landet. Es ist, als probiere er ein Spiel aus, als Zeitvertreib; das Spiel, die Dinge genau anders herum zu betrachten als gewohnt. Er sieht, wie das Meer endlos Wellen an den Strand stößt, die dort schnell versanden; wie die Wolken ständig kleine, vom Wind bald aufgelöste Teile absondern, und weiß plötzlich, er hat die ganze Zeit ebenso Teile von sich abgestoßen und ist trotzdem immer noch der, der er ganz am Anfang war. Alles, was er an Selbstauslöschung und Auflösung betrieben hat, ist gescheitert. Ist er gescheitert? Er weiß es nicht. Als wäre alles, was er sich nicht zugestehen wollte, ihm heimlich gefolgt und nun, da er einen Augenblick unachtsam war, unwiderruflich zu ihm zurückgekehrt. Er weiß noch nicht, ob er das gutheißen soll, aber er weiß, er muss es nicht jetzt entscheiden und das tut ihm wohl.

 

…mit diesem Stück aus einem Romanmanuskript verabschiede ich mich in den Urlaub und wünsche eine gute Zeit!

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Über Wasser -Erzählung-

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Ihm war bewusst, dass die Leute ihn nicht liebten.
Er täuschte sie, so waren sie sicher. Aber er tat es nicht mit großer Geste, um sie von seinem Trick abzulenken und es schien ihm gleich zu sein, ob sie ihm auf die Schliche kamen oder nicht. Lieben taten die Leute nur solche Betrüger, die ihren Betrug zu verbergen versuchten und ihnen selbst die Möglichkeit der Enthüllung ließen.

Er dagegen ließ sie jederzeit nachsehen, ob sich nicht zum Beispiel verborgene Stahlseile oder Glasplatten unter der Oberfläche verbargen, die seine Darbietung ermöglichten. Vor der Show, nach der Show- es war ihm ganz egal. Er lud sie stumm mit einer Geste ein, sich zu vergewissern und sie kamen eifrig, knieten nieder, brachten die Augen auf die Höhe des Wasserspiegels, fassten ins Wasser hinein und fuhren suchend mit den Armen hindurch, bestrebt, sein Geheimnis aufzudecken. Da sie nie etwas fanden, das Anlass zu triumphieren gab und nichts, dass ihn in Verlegenheit brachte, mochten sie ihn nicht.

Es war, was ihm geblieben war. Nach seiner Rückkehr hatte er versucht, an alte Zeiten anzuknüpfen, doch es war kläglicher gescheitert als beim ersten Mal. Niemand hatte ihm zugehört und wenn er doch einmal Jemanden fand, der ihm zwei Minuten lang Gehör schenkte, winkte dieser bald ab und ging weiter. Nichts von dem, was er vermochte, war geeignet, irgendjemanden zu beeindrucken. Für sein Reden tat man ihn als Spinner ab und versuchte er mit den alten Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, seinen Worten Nachdruck zu verleihen, drohte man, ihn wegen Vandalismus oder groben Unfuges zu belangen. Da schwor er sich, von nun an alles, was ihm an Begabung mitgegeben worden war, zu unterlassen und fortzugehen.

Es waren viele andere unterwegs und er schloss sich ihnen an. Viele Wochen lebte er unerkannt unter ihnen und es war beinahe wie früher. Sie teilten ihr Essen und er hungerte mit ihnen, obwohl es ein Leichtes für ihn gewesen wäre, sie satt zu machen. Sie halfen einander und führten Gespräche. Ihr gemeinsamer Weg führte sie viele tausend Kilometer weit, in Booten über das Meer. Unterwegs verloren sie einige und er sah es schweren Herzens mit an, obwohl es ein Leichtes für ihn gewesen wäre, sie zu retten. Aber sein Schwur verbot es ihm. Nie mehr wollte er sich über die Anderen erheben. Es war seine Art von Demut. Leid mit ansehen zu müssen, das hätte verhindert werden können, war seine Buße.

Angekommen, lernte er schnell, dass er mit Mildtätigkeit nicht rechnen konnte und er hier nicht erwünschter war als zu Hause. Es fand sich auch niemand, der sich ihm anschloss oder bereit war, ihn zu unterstützen. Er nahm, was man ihm gab: dem Wetter angemessene Kleidung, eine Unterkunft. Nach wenigen Wochen, glaubte er, die Strapazen der Reise überwunden zu haben und ging fort. Aber um zu arbeiten, sagte man ihm, brauche er Papiere, die er nicht besaß.
So blieb ihm letztlich, nach mehreren gescheiterten Versuchen, ein einziges Talent, das sich wenigstens noch zum Erwerb seines Lebensunterhaltes einsetzen ließ. Er brach seinen Schwur, um nicht zu verhungern. Dass er nicht sterben wollte, war selbstsüchtig und eitel, das war ihm schmerzlich bewusst, doch es war auch menschlich und das hatte er sich schließlich geschworen zu sein.

Die meisten seiner Auftritte waren beschämend, dazu lieblos und ohne jedes Gespür für Stimmung oder Dramaturgie arrangiert. Er war kein Entertainer. Er tat, was man von ihm erwartete, ohne Mätzchen oder spektakuläres Getue. Dass er dies an Bade- und Baggerseen, manchmal in künstlichen, nach Chlor riechenden Tropenbädern tat und dass das Publikum meist abgelenkt, gelangweilt oder sogar alkoholisiert war, machte es nicht leichter. Aber es sicherte sein Auskommen.
Er lebte bescheiden. Was er in der Sommersaison verdiente, brachte ihn über den Winter. Er mochte diese Jahreszeit, obwohl er oft fror und die Menschen meist missmutig waren. Da er keine Auftritte und auch sonst keine Beschäftigung hatte, konnte er nachdenken und sich besinnen. Begann die Saison nahm er seine Beschäftigung klaglos wieder auf. So hielt er es seit seiner Rückkehr. Immer fand sich eine sommerliche Musikveranstaltung, eine Schwimmbad-Eröffnung oder ein anderer Anlass, zu dem die Veranstalter ihn als Attraktion im Rahmenprogramm buchten. Meist ging er dann im Trubel der stampfenden Schlagermusik oder der allgemeinen Unruhe unter, fand nur wenige Zuschauer, machte, wofür er gebucht war und verschwand wieder.

Manchmal wurde er von den Veranstaltern, hier und da sogar vom Publikum beschimpft. Manches Mal riet man ihm fast mitleidig, an sich zu arbeiten, aus der Nummer sei doch was zu machen. Aber er wollte kein schillerndes Kostüm, keine theatralische Hintergrundmusik und keine Pyrotechnik. Er kam in seinem gewöhnlichen Straßenanzug, barfuß und ohne Requisiten. Mit einem stummen Nicken zu den Anwesenden stellte er sich auf, wenn er an der Reihe war, machte den ersten Schritt, dann den zweiten, stand schließlich früher oder später in der Mitte des Sees, Teiches oder Beckens, verweilte kurz, ohne auch nur eine weitere Geste, ging dann gemessenen Schrittes wieder zurück zum Rand und an Land oder den Beckenrand.
Wie zu erwarten, war die Resonanz meist dürftig. Manche gähnten, klatschen müde oder winkten ab. Pfiffe war er bald gewohnt und selbst die Beschimpfungen machten ihm nichts mehr aus. Er tourte mit dem Bus durch die Badeorte der Provinz, mal hier, mal dort gab er seine Darbietung zum Besten. In einer besonders unangenehmen Gegend bewarf man ihn mit Bierbechern oder beschoss ihn mit Wasser aus mitgebrachten Pistolen, so dass er schließlich völlig durchnässt, mit ins Gesicht hängendem Haar und tropfendem Bart an Land ankam, obwohl wie gewohnt nicht mehr als seine Fußsohlen die Oberfläche des Sees berührt hatten . Anderswo sprangen Jugendliche während seines Auftrittes in Wasser und wühlten es kraulend und tobend heftig auf. Als er nicht schwankte, nicht stürzte, griffen sie schließlich nach seinen Fesseln und versuchten, ihn hinab zu ziehen, aber er hielt stand, rührte sich nicht, versuchte nicht, sie abzuwehren. Schließlich gaben sie auf, aber als er aufrecht gehend seinen Rückweg ans Ufer antrat, begleiteten sie ihn schwimmend, spuckten nach ihm, nannten ihn Schwuchtel und Judensau. Er widersprach nicht und verschwand.

Es krähte kein Hahn nach ihm. Bis wenige Tage nach seinem Auftritt in diesem trostlosen Nest ein Kind beim Baden ertrank. Weiterlesen

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Stein & der Tod

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Ich reagiere nicht oft so schnell auf Tagesgeschehen.
Aber am 07.04. war ich in Münster. Die Buchhandlung, in der ich arbeite, liegt nicht sehr weit vom Kiepenkerl. Nur soviel: Der schönste Tag meines Lebens war das nicht.

 

STEIN & DER TOD

Stein war sich sicher. Nein, war er nicht. Er nahm an, vermutete zumindest, dass er dem Tod in diesem Moment am nächsten gewesen war. Oder der Tod ihm. Man weiß es ja nicht, aber ein Gefühl sagte es ihm. Letztlich war es eines der Dinge, bei denen es nicht um Details ging, nicht um die konkrete Zahl der Meter, auf die er dem Tod nah gekommen war oder der Tod ihm, nicht darum, ob er ihn gespürt oder sogar gestreift hatte. Es ging nur darum, dass er ihn nicht direkt getroffen hatte. Alles andere war unerheblich und wäre denen gegenüber, die ihn tatsächlich getroffen hatten, die er getroffen hatte, geschmacklos und anmaßend gewesen.
Stein war sich bewusst, dass der Tod und sein allgegenwärtiger Begleiter, die Angst, nicht direkt nach ihm suchten, nicht nach irgendjemandem konkret suchten, sondern mal hier hin und mal dort hin gingen und nahmen, was gerade da war. An Plätze, an denen man sich sicher fühlte, lieber als an Orte, an denen man auf das Erscheinen der beiden vorbereitet war.
Dennoch hatte Stein das Gefühl, dass der Tod ihm deutlich näher kam. Die Angst, die ihm offenbar stets vorausreiste, war schon lange da. Der Tod hatte sich die letzten Jahre in fernen Ländern aufgehalten, wo er für Stein mehr ein Gerücht gewesen war als ein konkretes Problem. Aber dann hatte er einige Grenzen überschritten und war Stein bereits deutlich näher und größer vorgekommen. Dennoch war er noch fern genug und die Welt groß genug für beide.

Gut, Stein war auch schon in London gewesen, hatte einen groben Plan der Stadt und seiner Aufenthaltsorte darin vor Augen, aber es war Jahrzehnte her. Doch der Tod setzte auch über den Kanal. Die Plätze, Avenuen und Rues in Nizza und Paris hatten Stein eher theoretisch etwas gesagt. Er wusste, dass sie existierten, wie Kuala Lumpur und Chicago existierten, er wusste auch, dass das Leben dort dem seinen nicht unähnlich war, aber er hatte sie nie gesehen, hatte keine Bilder davon im Kopf, kannte die Entfernungen und Wege nicht- genauso wenig wie in den Ländern fern fern von hier. Dennoch hatte Stein deutlich gespürt, dass die Angst sich bereits in seiner Gegend umsah.

Auch in Berlin war Stein gewesen und er kannte dort tatsächliche Leute, von denen wusste, dass sie zur Arbeit fuhren, ins Kino und Brot kaufen gingen wie er und nicht nur theoretisch existierten wie die Millionen von Londonern und Parisern, von denen er niemanden mit Namen kannte. Aber Steins letzter Berlin-Aufenthalt lag ebenso schon Jahre zurück.

Dann mäanderte der Tod eine Weile, pausierte, probierte, verwarf. Manche glaubten ihn in Rente, andere erkannte seine Launenhaftigkeit. Er tauchte hier auf, zeigte kurz seine Fratze, schickte dort nur die Angst eine Zeit lang randalierend durch die Straßen und sah gelangweilt zu. Er ging in Gegenden, die man nicht erwartete, zog Kreise, markierte sein Revier auf unübersichtliche Art und Weise und fand Gefallen am Versteckspiel und Finten.

Das Problem war, dass Stein so in gewissermaßen genau in der Einflugschneise lebte, das war ihm klar. Hier, so waren alle verhältnismäßig sicher, käme der Tod nicht so schnell vorbei. Zu reizlos, zu wenig spektakulär sei der Ort, so hieß es. Stein war sich nicht sicher, aber doch so sicher wie es mit der Angst im Nacken vertretbar war. Wenn diese Haltung den Tod anlocken sollte, so gab es noch genügend Gegenden, in denen er die Leute eines Besseren belehren konnte.

Und dann kam der Tod und alle waren überrascht Weiterlesen

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Postgeschichte

 

Es war in diesen nicht allzu lang zurückliegenden, aber heute unvorstellbaren Zeiten, in denen die Post noch zweimal am Tag kam- einmal früh morgens, gegen 8.30 Uhr und noch einmal im Mittag.
Der Postbote war ein Mann, den man mit Namen kannte und achtete, keine ständig wechselnde, immer eilige Aushilfskraft. Er trug eine Uniform, die sich über die Jahre hinweg nur wenig veränderte, eine schmissige Mütze und schob ein kleines, wohl geordnetes Wägelchen vor sich her. Kurze Hosen, Fährräder oder chaotisch befüllte Transporter waren noch undenkbar.

Unser Postbote hieß, über viele viele Jahre, Herr Lemke. Die Bezirke waren so etwas wie Königreiche und war es nicht Herr Lemke, der zweimal täglich sein Wägelchen durch seines schob, konnte man sicher sein, dass er erkrankt war – was sehr selten vorkam- oder Urlaub hatte. Herr Lemke war ein netter, ruhiger Mann mittleren Alters, immer freundlich und genau.
Es war noch vor der Zeit der ständigen Postwurfsendungen und Werbeblättchen. Es gab noch keine Emails und telefonieren war teuer. Trotzdem bekam man weniger Post als heute und jeder Brief und jede Postkarte hatten noch Belang und waren auf ihre Art ein Ereignis. Ich erinnere mich noch, dass mein Vater am frühen Nachmittag oft von der Arbeit aus anrief um sich zu erkundigen, ob Herr Lemke etwas für uns gehabt hatte und was.

Da die Männer zur Arbeit waren, waren es meist die Frauen, die die Post entgegen nahmen. Oft taten sie dies persönlich, hatten Herrn Lenke regelrecht erwartet, denn über den Morgen und Vormittag waren sie allein und hatten außer beim Einkaufen nicht viel Kontakt zu Anderen.
Meine Mutter Weiterlesen

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Der Dichter passiert die Grenze… Erzählung-

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Ich wurde gefragt, wann und warum ich anfing, Gedichte zu schreiben-
eine Art Antwort in Form einer kleinen Erzählung.

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Der Dichter passiert die Grenze


„Vielleicht ist er gestorben.“, meinte Ralf.
„Suizid!“, schlug Jan vor.
„Oder sie haben ihn doch eingesperrt.“, mutmaßte Kati.
Das erste Mal sah ich ihn in der Leihbücherei, als ich mit Jan für ein Referat recherchierte.
Er stand vor einem der Regale, sehr groß, sehr dünn, in einem etwas zu großen, offenbar älteren Anzug und hielt ein kleines Buch sehr nah vor sein Gesicht. Während alle anderen bemüht waren, möglichst leise zu sein, sprach er unentwegt, murmelte und lachte vor sich. Dabei wippte er unaufhörlich mit dem Oberkörper vor und zurück, gestikulierte mit dem freien Arm, schüttelte den Kopf oder ging drei Schritte nach links und nach rechts, hektisch und ruckartig. Was er las, schien äußerst dringlich und interessant zu sein, fast sah es aus, als spreche er mit dem Buch, mit den Wörtern darin und es musste eine sehr angeregte Diskussion sein. Jan und ich sahen uns an und grinsten.
Bald sah ich ihn regelmäßig, fast täglich: vor oder nach dem Konfirmandenunterricht, wenn wir nach der Schule rumhingen, auf einer der Bänke, mit einer Cherry-Cola für 35 Pfennig vom Lidl.
Er ging durch die Straßen unserer Kleinstadt, schritt wie ein Storch, das rotblonde Haar stand wie eine Flamme über seiner Stirn. Meist trug er seinen braunen Anzug, manchmal nur ein weites weißes Hemd mit flatternden Ärmeln. Und obwohl er immer allein war, nie Jemanden ansprach, schien er stets in ein angeregtes Gespräch vertieft zu sein. Er überquerte den Marktplatz mit großen Schritten, dabei mit den Armen fuchtelnd und rief den Autos auf der Parkplatzsuche laut Dinge entgegen.
Er glitt durch die Fußgängerpassage, vornübergebeugt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, völlig in sich selbst versunken und murmelnd. Im Winter trug er einen feuerroten Bart, und, obwohl es hier recht selten schneite oder wirklich kalt war, einen monströsen Pelzmantel, der nach Altkleider-Sammlung aussah. Meist trug er kleines Buch bei sich und ab und an konnte man ihn sehen, wie er es in die Höhe hielt, dicht vor die Augen und mit einem kurzen Bleistift Dinge hineinschrieb, im Gehen.
Wir machten uns lustig über ihn- allzu viel Interessantes gab es nicht, dass man in unserer Einkaufsstraße beobachten konnte. Er bot verlässlichen Gesprächsstoff. Ralf meinte, er sei irre. Kati wusste, von irgendwoher, er lebe in so einer Wohngruppe und halte sich für einen Dichter.
„Sag ich ja: irre!“, meinte Ralf.

Als ich einmal mit einem Geburtstagsgutschein in unserer mickrigen Buchhandlung nach einer Lektüre suchte, kam er hinein und schritt die Regale ab, dabei wie gewohnt  murmelnd und gestikulierend. Von der Buchhändlerin angesprochen, stellte er sich zackig vor:  Richard Thomsen, Lyriker.
Einen Handschlag hielt er offenbar nicht für notwendig. Dann fuhr er in strengem Ton und ziemlich laut fort: Sein Buch würde hier nicht präsentiert. Dabei lebe und wirke er doch hier in dieser Stadt!
Die Buchhändlerin antwortete ausweichend, aber er fuhr bereits fort:
Die großen Namen- Rilke, George, Hofmannsthal- sie fehlten sämtlich. Dafür führe man gleich haufenweise…Abfall. Und beim letzten Wort wischte er mit einer Handbewegung – ob absichtlich oder nicht kann ich nicht mehr sagen- die obersten zwei, drei Exemplare von einem hohen Stapel eines Bestseller-Romans. Das genügte der Buchhändlerin nun und sie bat ihn freundlich aber bestimmt, ihr Geschäft zu verlassen, was er tat, stolz aufgerichtet und ab und an den Kopf mit einem Auflachen in den Nacken werfend.
Tatsächlich, so erfuhr ich später, war es ihm mit Hilfe eines kleinen, treuen Unterstützerkreises gelungen, ein Bändchen seiner Gedichte drucken zu lassen. Ich fand es später einmal in einem Antiquariat, nahm es aus Sentimentalität mit, las aber erst viel später darin.

Ich beendete die Schule und begann eine Ausbildung in einer anderen kleinen Stadt in der Nähe.
Ich dachte, damit würde ich ihn aus den Augen verlieren. Tatsächlich meinten Ralf, Jan und Kati, die in unserer Heimatstadt blieben, er sei verschwunden- aber schon bald, nachdem ich meine Lehre angetreten hatte, tauchte er wieder auf.

Ich verbachte meine Mittagspause mit Spazierengehen und an einem der ersten kälteren Tage sah ich ihn: noch deutlich hagerer als zuvor, die Aufmachung etwas schlampiger als gewohnt, den Bart struppig schritt er über die Hauptstraße. Hatte er früher keinen der Passanten beachtet, sah er sich nun unablässig um, schüttelte hier und da den Kopf oder murmelte Unverständliches, lachte auf.
Unbeholfen die langen Beine übereinandergeschlagen, mit dem Oberkörper vor und zurückschaukelnd sah ich ihn einige Tage später auf einer niedrigen Mauer sitzend, das Büchlein auf dem spitzen Knie. Immer wieder stieß er einzelne Worte aus, zusammenhanglos erst, dann in kurzen Sätzen. Er schrieb, dann strich er, dann schrieb er wieder, streckte sich, richtete den Blick kurz in den Himmel und krümmte sich wieder über das Papier.

Es wurde kalt, er blieb unterwegs, jetzt in dem noch räudiger gewordenen Pelz.
Ich verbrachte von nun an die Pausen häufiger in meinem Lehrbetrieb und bekam nicht mit, wie er verschwand. Es gab einige, die meinten, er sei wohl eingewiesen worden. Andere glaubten von seinen langen nächtlichen Spaziergängen zu wissen, die ihn ein um das andere Mal ins Irre geführt hätten. Manchmal habe man ihn morgens erst wieder aufgefunden, in einem Waldstück oder an einer der schlammigen Uferweiden des Flusses.

Ich stellte mir vor, er sei einfach weitergewandert, mit ausgreifenden Schritten, über die nahe Grenze, irgendwie über die Flüsse, dabei murmelnd oder Verse deklamierend und würde mir irgendwann, von irgendwoher wieder entgegenkommen.

Einen guten Monat, nachdem er verschwunden war, schrieb ich mein erstes Gedicht.

 

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Sketches of pain

mannWäre es nicht großartig, wenn man alles in einem einzigen Satz sagen könnte?
Aber jeder erste Satz beinhaltet bereits ein Verschweigen, selbst wenn tausend weitere folgen. Beim Verschweigen mag es noch unklar sein, ob es sich um eine Form der Lüge handelt, beim Erzählen dagegen ist von Anfang an klar, dass es den Bestand der Täuschung erfüllt. Denn, wie auch die Erinnerung, liefert keine Erzählung je ein vollständiges Bild. Sie wendet Filter an, verkürzt, vereinfacht, verändert die Gewichtung, je nach Anlass und Adressat.
Das liegt am Ich. Ich ist schon eine Blende und wer Ich sagt, hat bekanntlich noch gar nichts gesagt. So viel steht fest.
Die meisten Geschichten funktionieren ja so: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Schön chronologisch und die Gegenwart ist immer am Größten. Was ist, folgt immer aus dem was war und führt unausweichlich zu dem, was sein wird. Aber die Idee, dass Eins aus dem anderen folgt und so in gewisser Weise vorhersehbar ist, ist nicht mehr als das: eine Idee, ein Wunschdenken, geboren aus der Sehnsucht nach einem Sinn, einer Logik.
So gerne wir es so sähen: eine Geschichte ist kein Klappalter, der schön bündig schließt, wenn man ihn zuklappt. Die Lücken zwischen den Tafeln sind die Andreasgräben, in den alle Folgerichtigkeit sich verliert. Die rostigen Scharniere und das Fingerbreit Luft in den Zwischenräumen sind, was entscheidet. Dort sitzen die Geheimnisse, die Zufälle. Die Gegenwart kann unbedeutend sein gegenüber einer großen Vergangenheit und die Zukunft niemals eine Folge von etwas; sie bleibt immer nebulös und unklar. Morgen ist heute schon gestern und keine Geschichte hat einen fortlaufenden roten Faden. Streng genommen ist jede Geschichte ein Bündel aus Anfängen und jeder Satz ein Erster, der nirgendwo hinführt und eventuell schon Lüge, auf jeden Fall aber bereits ein Verschweigen ist. Fraglich bleibt, ob man das Eine oder Andere aus Liebe tun kann. Aus Liebe Verschweigen oder aus Liebe lügen, aber das steht auf einem anderen Blatt und gehört erst einmal nicht hierher.

 

 

 

 

 

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Die Polizei fragt -Mikrogeschichte-

Okapi-Gmbh-Marktforschung-Feldarbeit-Bleistift

In der Nacht von Samstag auf Sonntag verschafften sich Unbekannte Zugang zum Garten der Familie G..
Es muss in Anbetracht der folgenden Geschehnisse von mehreren Tätern ausgegangen werden; wie diese in den Garten der Familie gelangten, bleibt unklar. Das Gartentor war am Morgen verschlossen, der Schlüssel befand sich im gewohnten Versteck in einem Blumenkasten, allerdings in einer anderen Lage; eventuell kamen die Täter auch über die Nachbargrundstücke.
Unbemerkt von der Familie und in offenbar routinierter Weise, die Wiederholungstäter vermuten lässt, öffneten die ungebetenen Besucher zunächst den Gartenschuppen und bedienten sich ungefragt der dort untergestellten Werkzeuge und Utensilien. Mit diesen mähten sie im Folgenden mit scheinbar grenzenloser Sicherheit, nicht entdeckt zu werden, den Rasen der Familie G., schnitten das Obstgehölz, gossen die Kübelpflanzen und ernteten überdies die reifen Tomaten, die sie anschließend in einem Körbchen auf dem Gartentisch platzierten. Obendrein putzen sie die Terrassenfenster und –türen, fegten den Weg und pflückten Unkraut in den Beeten . Daraufhin ordneten sie das Chaos im Schuppen, entsorgten den umfänglichen Grünschnitt fachgerecht und hinterließen auch sonst keinerlei verwertbare Spuren.  Das Erschrecken der Hausbewohner über ein derart abgebrühtes Eindringen in ihre Privatsphäre war am folgenden Morgen naturgemäß groß.
Die Polizei fragt nun: Wer hat in der fraglichen Nacht, zwischen 23.00 und 6.00 Uhr morgens, etwas Auffälliges beobachtet oder gehört? Um sachdienliche Hinweise wird gebeten.

 

 

 

…kleine, schräge Mikrogeschichte- ab und an hab ich Spaß an sowas…

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