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– Weihnachten mit Peter Alexander, Uwe Seeler und Onkel Klaus-

eisblumen
Ein Tag vor Weihnachten.
Meine Mutter hatte mein Bett bereits in Vaters Hobbyzimmer gemacht, denn Tante und Onkel würden mein Zimmer unter dem Dach belegen, wenn sie morgen anreisten. Da Mutter für die Feiertage viel vorzubereiten hatte, war sie froh über alles, was schon erledigt war und so schlief ich schon heute eine Etage tiefer, zwischen den Büchern meines Vaters. Ich mochte den Geruch und kannte die Titel seiner Bibliothek zu weiten Teilen auswendig. Selbst im Dunkeln konnte ich Reihe für Reihe vor mich hinsagen, wenn ich nicht einschlafen konnte.
Elf Freunde müsst ihr sein
Der Ball ist rund
Ecken sind halbe Tore und
Drei Ecken sind ein Tor, was mich damals bereits verwirrte, weil es ja schon rein rechnerisch nicht stimmen konnte.
Ich hatte einen Teil davon zu lesen versucht und war theoretisch ein begnadeter und mit allen Wassern gewaschener Stratege, aber leider in Wirklichkeit mit Abstand weder der Schnellste noch der Kräftigste unter den Jungen in meiner Klasse. Ich las gern und malte viel.

Vater mochte es nicht, wenn ich in seinem Zimmer schlief, denn sein Schreibtisch und seine Regale waren dadurch für einige Tage blockiert. Aber jetzt hatte er Nachtdienst und war nicht zu Hause; außerdem hätte er, wenn der Weihnachtsbesuch da war, ohnehin keine Zeit gefunden, mit donnerndem Anschlag Autogrammanfragen an ehemalige Fussballstars aller Herren Länder zu verfassen.

Ich lag auf der Matratze und hörte meine Mutter unten in der Küche mit irgendwas hantieren, im Wohnzimmer lief der Fernseher: Die Peter-Alexander-Show, alljährlicher Höhepunkt im Dezemberprogramm- Ich konnte nicht einschlafen.

Es klingelte an der Haustür. Ich horchte, wie meine Mutter den schweren Vorhang wegzog, der die kalte Luft daran hindern sollte, unter der Haustür hindurch ins Haus zu kommen; hörte, wie sie die Kette löste und aufschloss. Lange dauerte es nicht, bis ich erkannte, wer zu Besuch kam. Die Stimme war mir vertraut.

Ich nannte Klaus Onkel, obwohl er es nicht war. Meinen richtigen Onkel, den Mann meiner Tante, mochte ich nicht sonderlich und er mich auch nicht. Er würde die Feiertage sicher wieder mit dem neuen Quelle-Katalog auf der Couch verbringen; einen Finger zwischen den Seiten mit dem Heimwerkerkram, während er, wenn er sich unbeobachtet glaubte, ausgiebig die Abbildungen der Modelle in Damenunterwäsche betrachtete. Klaus dagegen liebte ich, obwohl ich ihn leider nur selten sah. Inwieweit wir eigentlich verwandt waren, habe ich nie richtig verstanden. Unter all meinen steinalten Verwandten war er der Jüngste, wenn ich auch damals nicht sagen konnte, wie alt er eigentlich war. Beinahe zwei Meter groß, war Klaus damals für mich ein unermesslicher Riese -keiner in meiner Familie war so groß und keiner trug einen feuerroten Vollbart wie er. Seine Augen funkelten immer lustig, wenn er mich sah und auf seinen Arm nahm, wo mir in der ungewohnten Höhe schwindlig wurde.

Ich hoffte, dass meine Mutter mich rufen würde, damit ich ihn begrüßen und vielleicht eine halbe Stunde mit ihm spielen könnte. Mehr Zeit hatte Klaus ohnehin selten, aber das machte mir nichts aus. Ich konnte nicht alles verstehen, was die beiden unten sprachen, wahrscheinlich hatte Mutter ihn ins Esszimmer gebeten, das weiter hinten in Haus lag. Ihr Gespräch kam nur noch bruchstückhaft bei mir an, aber ich war sicher, er würde nach mir fragen; käme eigentlich, um mich zu besuchen. Unter keinen Umständen durfte ich jetzt einschlafen, denn wenn Mutter nach mir sähe und ins Dunkle fragen würde, ob ich schliefe, musste ich um jeden Preis mit NEIN antworten können. Aber sie kam nicht.

Nach einer Weile -es kann die Dauer gewesen sein, die Klaus brauchte, um eine Tasse dampfenden Kaffee in einem Zug zu leeren oder länger- wurden ihre Stimmen wieder lauter, näherten sich wieder Treppe und Tür. Ich spürte den Schwall kalter Luft, der durch die geöffnete Haustür hereinkam, und hörte Klaus sich von meiner Mutter verabschieden und zum Schluss deutlich lauter noch Frohe Weihnachten wünschen und war enttäuscht.

Ich lauschte angestrengt, hörte aber kein Auto, kein klapperndes Fahrrad noch irgendetwas- Klaus war einfach fort. Dafür hörte ich Mutter die letzten Schüsseln und Teller auf das Abtropfregal stellen und etwas später ins Wohnzimmer gehen. Der Fernseher wurde lauter gestellt, aber dann lehnte sie wohl die Tür an und ich hörte kaum noch etwas.

Es war dunkel- ich lag nah am Boden und konnte, wenn ich den Arm ausstreckte, Vaters Bürostuhl an den Rollen fassen und minimal hin und herschieben. Die Buchrücken waren nicht mehr lesbar, aber das war egal. Hier und dort konnte ich einzelne Buchstaben ausmachen, die von der Weihnachtsbeleuchtung der Nachbarn erhellt wurden, und wusste so genau, welche Titel links und rechts standen. Ich dachte noch ein wenig darüber nach, wer recht hatte, was die Ecken anging: Fritz Walter oder Uwe Seeler- dann schlief ich ein.

Am folgenden Tag -Heiligabend- war ich früh wach. Vater schlief bis Mittags, wenn er vom Nachtdienst kam und ich musste leise sein. Aber das war kein Problem für mich. Ich stand auf und genoss zum letzten Mal den Geschmack des kleinen Stückchens Schokolade aus dem Adventskalender auf nüchternen Magen und mit ungeputzten Zähnen.

Auf meinem Fühstücksteller lag ein kleines Päckchen, recht unbeholfen eingepackt, aber mit meinem Namen darauf. „Das hat der Weihnachtsmann gestern für dich abgegeben, als du schon eingeschlafen warst“, sagte meine Mutter. Ich nickte, wickelte es neugierig aus, bevor sie es sich anders überlegen konnte und es doch unter den Weihnachtsbaum legen. Es enthielt eine Packung Stifte -ganz besondere, die ich schon lange gewollt hatte. Meine Mutter schwor später all die Jahre, die ich sie danach fragte, Onkel Klaus sei an diesem Abend nicht zu Besuch gewesen. Er sei doch bei der Bundeswehr, oben in Niedersachsen. Selbst den Bart habe er sich abnehmen müssen.

Es war das letzte Jahr gewesen, in dem ich noch an den Weihnachtsmann glaubte- im Advent darauf fand ich die Riesenpackung mit genau der Dominobahn, die ich mir aus dem Quelle-Katalog ausgesucht hatte, unten im Schrank in Vaters Zimmer, unter den Wolldecken und ein paar abgelegten Kleidern. Ich verriet mich nicht- die restliche Vorweihnachtszeit nicht und auch nicht beim Auspacken am Heiligen Abend.

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