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Sketches of pain

mannWäre es nicht großartig, wenn man alles in einem einzigen Satz sagen könnte?
Aber jeder erste Satz beinhaltet bereits ein Verschweigen, selbst wenn tausend weitere folgen. Beim Verschweigen mag es noch unklar sein, ob es sich um eine Form der Lüge handelt, beim Erzählen dagegen ist von Anfang an klar, dass es den Bestand der Täuschung erfüllt. Denn, wie auch die Erinnerung, liefert keine Erzählung je ein vollständiges Bild. Sie wendet Filter an, verkürzt, vereinfacht, verändert die Gewichtung, je nach Anlass und Adressat.
Das liegt am Ich. Ich ist schon eine Blende und wer Ich sagt, hat bekanntlich noch gar nichts gesagt. So viel steht fest.
Die meisten Geschichten funktionieren ja so: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Schön chronologisch und die Gegenwart ist immer am Größten. Was ist, folgt immer aus dem was war und führt unausweichlich zu dem, was sein wird. Aber die Idee, dass Eins aus dem anderen folgt und so in gewisser Weise vorhersehbar ist, ist nicht mehr als das: eine Idee, ein Wunschdenken, geboren aus der Sehnsucht nach einem Sinn, einer Logik.
So gerne wir es so sähen: eine Geschichte ist kein Klappalter, der schön bündig schließt, wenn man ihn zuklappt. Die Lücken zwischen den Tafeln sind die Andreasgräben, in den alle Folgerichtigkeit sich verliert. Die rostigen Scharniere und das Fingerbreit Luft in den Zwischenräumen sind, was entscheidet. Dort sitzen die Geheimnisse, die Zufälle. Die Gegenwart kann unbedeutend sein gegenüber einer großen Vergangenheit und die Zukunft niemals eine Folge von etwas; sie bleibt immer nebulös und unklar. Morgen ist heute schon gestern und keine Geschichte hat einen fortlaufenden roten Faden. Streng genommen ist jede Geschichte ein Bündel aus Anfängen und jeder Satz ein Erster, der nirgendwo hinführt und eventuell schon Lüge, auf jeden Fall aber bereits ein Verschweigen ist. Fraglich bleibt, ob man das Eine oder Andere aus Liebe tun kann. Aus Liebe Verschweigen oder aus Liebe lügen, aber das steht auf einem anderen Blatt und gehört erst einmal nicht hierher.

 

 

 

 

 

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