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Postgeschichte

 

Es war in diesen nicht allzu lang zurückliegenden, aber heute unvorstellbaren Zeiten, in denen die Post noch zweimal am Tag kam- einmal früh morgens, gegen 8.30 Uhr und noch einmal im Mittag.
Der Postbote war ein Mann, den man mit Namen kannte und achtete, keine ständig wechselnde, immer eilige Aushilfskraft. Er trug eine Uniform, die sich über die Jahre hinweg nur wenig veränderte, eine schmissige Mütze und schob ein kleines, wohl geordnetes Wägelchen vor sich her. Kurze Hosen, Fährräder oder chaotisch befüllte Transporter waren noch undenkbar.

Unser Postbote hieß, über viele viele Jahre, Herr Lemke. Die Bezirke waren so etwas wie Königreiche und war es nicht Herr Lemke, der zweimal täglich sein Wägelchen durch seines schob, konnte man sicher sein, dass er erkrankt war – was sehr selten vorkam- oder Urlaub hatte. Herr Lemke war ein netter, ruhiger Mann mittleren Alters, immer freundlich und genau.
Es war noch vor der Zeit der ständigen Postwurfsendungen und Werbeblättchen. Es gab noch keine Emails und telefonieren war teuer. Trotzdem bekam man weniger Post als heute und jeder Brief und jede Postkarte hatten noch Belang und waren auf ihre Art ein Ereignis. Ich erinnere mich noch, dass mein Vater am frühen Nachmittag oft von der Arbeit aus anrief um sich zu erkundigen, ob Herr Lemke etwas für uns gehabt hatte und was.

Da die Männer zur Arbeit waren, waren es meist die Frauen, die die Post entgegen nahmen. Oft taten sie dies persönlich, hatten Herrn Lenke regelrecht erwartet, denn über den Morgen und Vormittag waren sie allein und hatten außer beim Einkaufen nicht viel Kontakt zu Anderen.
Meine Mutter Weiterlesen

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Der Dichter passiert die Grenze… Erzählung-

dichter

Ich wurde gefragt, wann und warum ich anfing, Gedichte zu schreiben-
eine Art Antwort in Form einer kleinen Erzählung.

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Der Dichter passiert die Grenze


„Vielleicht ist er gestorben.“, meinte Ralf.
„Suizid!“, schlug Jan vor.
„Oder sie haben ihn doch eingesperrt.“, mutmaßte Kati.
Das erste Mal sah ich ihn in der Leihbücherei, als ich mit Jan für ein Referat recherchierte.
Er stand vor einem der Regale, sehr groß, sehr dünn, in einem etwas zu großen, offenbar älteren Anzug und hielt ein kleines Buch sehr nah vor sein Gesicht. Während alle anderen bemüht waren, möglichst leise zu sein, sprach er unentwegt, murmelte und lachte vor sich. Dabei wippte er unaufhörlich mit dem Oberkörper vor und zurück, gestikulierte mit dem freien Arm, schüttelte den Kopf oder ging drei Schritte nach links und nach rechts, hektisch und ruckartig. Was er las, schien äußerst dringlich und interessant zu sein, fast sah es aus, als spreche er mit dem Buch, mit den Wörtern darin und es musste eine sehr angeregte Diskussion sein. Jan und ich sahen uns an und grinsten.
Bald sah ich ihn regelmäßig, fast täglich: vor oder nach dem Konfirmandenunterricht, wenn wir nach der Schule rumhingen, auf einer der Bänke, mit einer Cherry-Cola für 35 Pfennig vom Lidl.
Er ging durch die Straßen unserer Kleinstadt, schritt wie ein Storch, das rotblonde Haar stand wie eine Flamme über seiner Stirn. Meist trug er seinen braunen Anzug, manchmal nur ein weites weißes Hemd mit flatternden Ärmeln. Und obwohl er immer allein war, nie Jemanden ansprach, schien er stets in ein angeregtes Gespräch vertieft zu sein. Er überquerte den Marktplatz mit großen Schritten, dabei mit den Armen fuchtelnd und rief den Autos auf der Parkplatzsuche laut Dinge entgegen.
Er glitt durch die Fußgängerpassage, vornübergebeugt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, völlig in sich selbst versunken und murmelnd. Im Winter trug er einen feuerroten Bart, und, obwohl es hier recht selten schneite oder wirklich kalt war, einen monströsen Pelzmantel, der nach Altkleider-Sammlung aussah. Meist trug er kleines Buch bei sich und ab und an konnte man ihn sehen, wie er es in die Höhe hielt, dicht vor die Augen und mit einem kurzen Bleistift Dinge hineinschrieb, im Gehen.
Wir machten uns lustig über ihn- allzu viel Interessantes gab es nicht, dass man in unserer Einkaufsstraße beobachten konnte. Er bot verlässlichen Gesprächsstoff. Ralf meinte, er sei irre. Kati wusste, von irgendwoher, er lebe in so einer Wohngruppe und halte sich für einen Dichter.
„Sag ich ja: irre!“, meinte Ralf.

Als ich einmal mit einem Geburtstagsgutschein in unserer mickrigen Buchhandlung nach einer Lektüre suchte, kam er hinein und schritt die Regale ab, dabei wie gewohnt  murmelnd und gestikulierend. Von der Buchhändlerin angesprochen, stellte er sich zackig vor:  Richard Thomsen, Lyriker.
Einen Handschlag hielt er offenbar nicht für notwendig. Dann fuhr er in strengem Ton und ziemlich laut fort: Sein Buch würde hier nicht präsentiert. Dabei lebe und wirke er doch hier in dieser Stadt!
Die Buchhändlerin antwortete ausweichend, aber er fuhr bereits fort:
Die großen Namen- Rilke, George, Hofmannsthal- sie fehlten sämtlich. Dafür führe man gleich haufenweise…Abfall. Und beim letzten Wort wischte er mit einer Handbewegung – ob absichtlich oder nicht kann ich nicht mehr sagen- die obersten zwei, drei Exemplare von einem hohen Stapel eines Bestseller-Romans. Das genügte der Buchhändlerin nun und sie bat ihn freundlich aber bestimmt, ihr Geschäft zu verlassen, was er tat, stolz aufgerichtet und ab und an den Kopf mit einem Auflachen in den Nacken werfend.
Tatsächlich, so erfuhr ich später, war es ihm mit Hilfe eines kleinen, treuen Unterstützerkreises gelungen, ein Bändchen seiner Gedichte drucken zu lassen. Ich fand es später einmal in einem Antiquariat, nahm es aus Sentimentalität mit, las aber erst viel später darin.

Ich beendete die Schule und begann eine Ausbildung in einer anderen kleinen Stadt in der Nähe.
Ich dachte, damit würde ich ihn aus den Augen verlieren. Tatsächlich meinten Ralf, Jan und Kati, die in unserer Heimatstadt blieben, er sei verschwunden- aber schon bald, nachdem ich meine Lehre angetreten hatte, tauchte er wieder auf.

Ich verbachte meine Mittagspause mit Spazierengehen und an einem der ersten kälteren Tage sah ich ihn: noch deutlich hagerer als zuvor, die Aufmachung etwas schlampiger als gewohnt, den Bart struppig schritt er über die Hauptstraße. Hatte er früher keinen der Passanten beachtet, sah er sich nun unablässig um, schüttelte hier und da den Kopf oder murmelte Unverständliches, lachte auf.
Unbeholfen die langen Beine übereinandergeschlagen, mit dem Oberkörper vor und zurückschaukelnd sah ich ihn einige Tage später auf einer niedrigen Mauer sitzend, das Büchlein auf dem spitzen Knie. Immer wieder stieß er einzelne Worte aus, zusammenhanglos erst, dann in kurzen Sätzen. Er schrieb, dann strich er, dann schrieb er wieder, streckte sich, richtete den Blick kurz in den Himmel und krümmte sich wieder über das Papier.

Es wurde kalt, er blieb unterwegs, jetzt in dem noch räudiger gewordenen Pelz.
Ich verbrachte von nun an die Pausen häufiger in meinem Lehrbetrieb und bekam nicht mit, wie er verschwand. Es gab einige, die meinten, er sei wohl eingewiesen worden. Andere glaubten von seinen langen nächtlichen Spaziergängen zu wissen, die ihn ein um das andere Mal ins Irre geführt hätten. Manchmal habe man ihn morgens erst wieder aufgefunden, in einem Waldstück oder an einer der schlammigen Uferweiden des Flusses.

Ich stellte mir vor, er sei einfach weitergewandert, mit ausgreifenden Schritten, über die nahe Grenze, irgendwie über die Flüsse, dabei murmelnd oder Verse deklamierend und würde mir irgendwann, von irgendwoher wieder entgegenkommen.

Einen guten Monat, nachdem er verschwunden war, schrieb ich mein erstes Gedicht.

 

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– Seestück & Urlaub-

see

Endlich! Morgen geht`s ab auf die Insel, für die ich sowas von reif bin! Aus diesem Anlass noch einmal mein: Seestück. Mittlerweile gibt es so viele davon, dass eine gute Bekannte meinte, es könne doch bald mal eine „See-Torte“ geben….das ist wahr.
Ich wünsch Euch erst mal was- bis bald!

Am Sommerurlaub haben sie bisher nicht gespart, auch wenn er Jan für den Rest des Jahres mit immer mulmigerem Gefühl die Kontoauszüge ziehen ließ. Er empfand beim  Prüfen dieser Zettel immer dieselbe merkwürdige Enttäuschung und nicht einmal nur wegen der zum Monatsende gen Null tendierenden Zahl. Ein schönes Wochenende, ein Urlaub, besondere Momente, alles war darauf in Buchungen übersetzt und die Erlebnisse, die damit verbunden waren, nicht erwähnt.

Ein gemeinsames Essen, (die Kinder liebten das chinesische Buffet) an einem Tisch, in den unter einer Glasplatte eine kleine Landschaft aus Bambus eingelassen war; konzentriertes, unbeholfenes Stochern mit Stäbchen in Reis war hier nur eine Abbuchung von 54 Euro von einem Empfänger namens Lotus-Lokal. Und der verfluchte Glückskeks, der mit der Rechnung gebracht wird, barg bei Jan den Spruch auf einem Zettel:

„Es ist an der Zeit, ein wenig Geld zu sparen!“

Ein Ausflug in die Stadt, an einem klaren Frühlingstag, ein Bummel um den See und durch Geschäfte mit einem neuen Buch für die Tochter und einem kleinen Spielzeug für den Sohn ist auf diesen Auszügen nur

8 Euro 95 an ihre bevorzugte Buchhandelskette und

7 Euro 50 an den Spielzeugladen.

Trostlos, denkt Jan dann und hat einen neuen Grund, sich diese lichtempfindlichen Zettelnicht mehr anzusehen.

Es ist eigentlich alles so einfach. Allein das Fehlen jeglicher Verpflichtungen lässt ihn herunterschalten. Er war schon als Kind begeistert gewesen vom flackernden Schnee im Fernsehen in Sendepausen (auch etwas, das es nicht mehr gab und was er den Kindern erst hätte erklären müssen). Für ihn hatte es immer etwas Beruhigendes gehabt. Ähnlich geht es ihm jetzt mit der monochromen Fläche Silbergrau, vor der er steht.

Ein Ärobier an seinen Elementsgrenzen, den aufrechten Gang gewohnt als Ausweis seiner fortgeschrittenen Spezies, doch ahnend, der Quastenflosser belächelt beharrlich die Zentralperspektive. Das Meer ist seit jeher des Himmels Reim, mit verminderter Transparenz, anders im Aggregatszustand und ohne zweifelhafte Transzendenz: Neptun und die Mischwesen aus Mensch und Fisch sind längst schon Disney und harmloser Kitsch.Und die Atlanter? –Sie gähnen gelangweilt

Es ist noch immer derselbe Parkplatz, den sie zuerst ansteuern, nur teurer. Immer noch derselbe See, um den sie laufen, um ans Meer zu gelangen. Jetzt gibt es dort auch Tretboote. Was damals ein Verliebtenparadies war, ist jetzt ein Kinderversprechen geworden, das von der Gegend gottlob (noch?) mühelos gehalten wird.

Jan weiß, später werden die Kinder über diese Urlaube eventuell anders denken, werden sie spießig oder altmodisch finden und vielleicht wenigstens mit einem Lächeln sagen, dass die Alten sich halt nie weiter weg getraut haben. Oder sich schämen, wenn die Freunde und Klassenkameraden erzählen, an welchen exotischen Orten sie selbst ihre Ferien verbracht haben.

Jan registriert andere Dinge. Die Einheimischen sind geschäftsmäßiger geworden und weniger ruppig, seit die Flüge ins Ausland so billig sind. Ein wenig spürt er die Schäbigkeit des Ganzen, bemerkt plötzlich die Familien, die mit ihnen hier sind. Sie wirken nicht, als führen sie aus Überzeugung hierher, sondern, weil das Budget nichts anderes zulässt. Zwar werden hier und da nutzlose Dinge allzu freigiebig gekauft, aber das ein oder andere Eis  dann aber ohne Begründung gestrichen. Er fragt sich, ob sie auch so wirken und kann das zum Glück (noch?) verneinen.

Unglaublich klein sind die Kinder, wenn sie nur 30 Meter entfernt von ihm im Watt stehen und mit ihren Schaufeln Dämme anlegen und zum Einsturz bringen und neue aufbauen.Als er damals mit Sonja allein hier war, hat er auch Familien beobachtet, aber die wirkten anders. Bollerwagen mit Kindern hinter sich herziehend, Eimer oder Schaufeln schleppend, ganz gewöhnlich. Ganz wie heute auch, aber damals kam ihm das erstrebenswert vor. Das wollten sie auch und wenn ein Pärchen ungefähr ihrer beider Statur hatte oder etwas in der Wirkung ähnlich war, haben sie sich oft vorgestellt, das sie das sein könnten, zehn Jahre älter.

Vor diesen grauen Flächen; vor dieser leise schwappenden See, diesem diesigen Himmel ohne jede Tiefe fühlt sich Jan erstaunlicherweise beruhigt. Grobes, unregelmäßiges Gras im klumpigen Sand, Pfützen vom gerade erst abgezogenen Regen wie große Scherben darin. Es riecht nach Meerdas heißt, genau genommen- nach salzigem Schmodder und Schlick, alles andere als fein. Plärrende Kinderstimmen und polterndes Elterngeschimpfe in unattraktiven Dialekten wehen vom Spielplatz herüber. Auf der Bank links schweigt eine bärbeißige Alte mit Krampfadern ihren Bildzeitung lesenden Mann an. Von Mutterschaft und Langeweile völlig zerstörte Körper liegen in pedantisch aufgehäuften Sandfestungen mit Deutschlandfähnchen, am Fähranleger drängeln ältere Eltern mit ihren sportiven Hightech-Kinderwagen in der Schlange vor. Trekking-Jacken, Künstlerschals um Vertreterhälsen, gut gelaunte Männergesangsvereine aus dem Rheinland mit Fischerhemden aus dem Andenkenladen über den Bierbäuchen. Trostlos tobendes Menschengewirr in einer denkbar unwirtlichen Enttäuschung aller Sommerträume.

Das sind wir nicht. Das sind wir immer noch nicht, denkt er. Wir sind immer noch: etwas Anderes, etwas anders. Bei allen Elternabenden, allen Besuchen von Disney-Filmen, allem Kuchenbacken für den Sonntagskaffee ist das Andere nicht in der Mehlschwitze der deftigen Bratensoße ertrunken.

Ein Streifen helles Blau oben, ein Streifen dunkles Blau unten. Ein Tag am Meer. Wenn du es auf den Kopf stellst wird es eine Nacht, mit einem dunklen Himmel und einem vom Restlicht aufgehellten Meer.

Als habe sich das Meer irgendwann für die nächsten Milliarden Jahre für das Gleiten als vorübergehenden Zustand entschieden. Er weiß ja, dass das Meer das schon ewig tut, dieses Hin und dieses Her. Wenn es still liegt, kann man sich nicht vorstellen, dass es rau und wild sein kann. Wenn es aufgewühlt Wellen an den Strand wirft, glaubt man, es wird nie wieder damit aufhören. Wenn Jan sich besinnt, weiß er, dass niemand sagen kann, ob es immer so weiter geht: Ebbe, Flut, Ebbe, Flut, ständige Wiederholung, die ja angeblich nirgendwo hinführt. Gleichmaß, Gleichförmigkeit, im ewig gleichen Rhythmus, wie Herzschlag. Fort sein, anschwellen, da sein, abschwellen. Nie für immer da, nie für immer fort.

Er weiß ja, dass auch nach 1000 Seiten, nach 30, 40 oder 70 Jahren nicht alles gesagt ist. Das letzte Wort; noch nicht gesprochen, welches wird es sein? Er weiß, er kann nur versuchen, Fäden zu finden und festzuhalten, bis sich eine Art Netz bildet, einzelne Fundstücke, Knüppel von Treibgut sammeln und zusammenzufügen, bis das Gebaute einem Floß gleicht, auf dem man theoretisch fahren kann. Er kann nur Puzzleteil auf Puzzleteil versuchen unterzubringen und nicht zweifeln, wenn auch nach Jahren nur ein unwesentlich abgestuftes Blau zu sehen ist. Er kann nur Karte um Karte umdrehen, in der Hoffnung, das die richtige irgendwann kommt. In seinen Träumen muss er Auto fahren, stundenlang im Kreisverkehr und er tut das erstaunlich langmütig, immer daran glaubend, dass die richtige Ausfahrt irgendwann, wie aus dem nichts auftaucht und irgendwo hinführt.

Jan sitzt auf einer Bank am Wasser und besieht die Wolken.

Sie ziehen sehr langsam, sehr tief. Jan sieht ein um das andere Mal eine tiefschwarze Regenwolke, auf eine Helle folgen, beide jeweils von der sinkenden Sonne grell beleuchtet, in ihrer Farbkraft verstärkt. Jan sieht den Schwarm Möwen auf der nahen Düne unter jeder dunklen Wolke, die darüber zieht, sich nervös erheben und sich unter der folgenden Hellen wieder niederlassen.

Er empfindet, an einem Bonbon lutschend, auf einmal das Glück, nichts anderes zu tun zu haben und erwartet das Endes dieses Gefühls. Er nimmt sich das erste Mal seit langem als handelnde Person mit einem Effekt wahr, als auf sein Rascheln mit dem Bonbonpapier ein dicker schwarzer Vogel neben ihm auf der Bank landet.

Es ist, als probiere er ein Spiel aus, als Zeitvertreib; das Spiel, die Dinge genau anders herum zu betrachten als gewohnt. Er sieht, wie das Meer endlos Wellen an den Strand stößt, die dort schnell versanden; wie die Wolken ständig kleine, vom Wind bald aufgelöste Teile absondern, und weiß plötzlich, er hat die ganze Zeit ebenso Teile von sich abgestoßen und ist trotz dessen immer noch der, der er ganz am Anfang war. Alles, was er an Selbstauslöschung und Auflösung betrieben hat, ist gescheitert. Ist er gescheitert?

Er weiß es nicht.

Als wäre alles, was er sich nicht zugestehen wollte, ihm heimlich gefolgt und nun, da er einen Augenblick unachtsam war, unwiderruflich zu ihm zurückgekehrt. Er weiß noch nicht, ob er das gutheißen soll, aber er weiß, er muß es nicht jetzt entscheiden und das tut ihm wohl.

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Sketches of pain

mannWäre es nicht großartig, wenn man alles in einem einzigen Satz sagen könnte?
Aber jeder erste Satz beinhaltet bereits ein Verschweigen, selbst wenn tausend weitere folgen. Beim Verschweigen mag es noch unklar sein, ob es sich um eine Form der Lüge handelt, beim Erzählen dagegen ist von Anfang an klar, dass es den Bestand der Täuschung erfüllt. Denn, wie auch die Erinnerung, liefert keine Erzählung je ein vollständiges Bild. Sie wendet Filter an, verkürzt, vereinfacht, verändert die Gewichtung, je nach Anlass und Adressat.
Das liegt am Ich. Ich ist schon eine Blende und wer Ich sagt, hat bekanntlich noch gar nichts gesagt. So viel steht fest.
Die meisten Geschichten funktionieren ja so: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Schön chronologisch und die Gegenwart ist immer am Größten. Was ist, folgt immer aus dem was war und führt unausweichlich zu dem, was sein wird. Aber die Idee, dass Eins aus dem anderen folgt und so in gewisser Weise vorhersehbar ist, ist nicht mehr als das: eine Idee, ein Wunschdenken, geboren aus der Sehnsucht nach einem Sinn, einer Logik.
So gerne wir es so sähen: eine Geschichte ist kein Klappalter, der schön bündig schließt, wenn man ihn zuklappt. Die Lücken zwischen den Tafeln sind die Andreasgräben, in den alle Folgerichtigkeit sich verliert. Die rostigen Scharniere und das Fingerbreit Luft in den Zwischenräumen sind, was entscheidet. Dort sitzen die Geheimnisse, die Zufälle. Die Gegenwart kann unbedeutend sein gegenüber einer großen Vergangenheit und die Zukunft niemals eine Folge von etwas; sie bleibt immer nebulös und unklar. Morgen ist heute schon gestern und keine Geschichte hat einen fortlaufenden roten Faden. Streng genommen ist jede Geschichte ein Bündel aus Anfängen und jeder Satz ein Erster, der nirgendwo hinführt und eventuell schon Lüge, auf jeden Fall aber bereits ein Verschweigen ist. Fraglich bleibt, ob man das Eine oder Andere aus Liebe tun kann. Aus Liebe Verschweigen oder aus Liebe lügen, aber das steht auf einem anderen Blatt und gehört erst einmal nicht hierher.

 

 

 

 

 

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-Die Murphy-Mails I-

schreib2

an:www.murphy@hotmail.com

Lieber Murphy,

6 mal 6 und dieses Gesicht im Spiegel zeigt einem schon Ahnungen von seinem Zustand mit 50, mit 60 und entspricht so wenig dem Bild, das man selbst von sich hat und alles, was man nicht leiden mochte, als man jung war, verstärkt sich mit dem Alter. Die Nase, die Ohren wachsen ein Leben lang weiter, aber das Haar wird dünn. Man selbst sieht sich noch immer mit diesem weiten, wundergläubigen Blick: ein wenig zu weich, ein wenig zu weiblich. Mühelos schaut man hinter diese Maske, die Reife und Männlichkeit vorgibt. Noch immer ist man paralysiert und hilflos beim Anblick der oft schmerzhaften Perfektion junger Frauen. Man ist nach wie vor ahnungslos und unfähig, aus Fehlern zu lernen. Das magische Denken, sagt man, verschwindet mit sechs Jahren, aber jetzt hat man sechs mal sechs und genau wie die Kinder an Karneval verschmilzt man wie von Zauberhand mit dem, der man so gerne sein will und das eigentliche, eigene Gesicht verschwindet. Man füllt die hohlen Hände mit kaltem Wasser und wäscht sich und alles fühlt sich genau an wie immer. Verwandlungen: Gregor der Käfer fühlt sich genau so wie Gregor der junge Mann, bis auf einige körperliche Veränderungen, die allzu schnell vertraut sind und vergessen. Tigelchen und Töpfchen auf der Ablage sagen: Iss mich! Trink mich! Wer aus mir trinkt wird ein Tiger, wer aus mir trinkt wird ein Reh. Ein vager Blick muss reichen. Man mochte diesen schmollenden verwöhnten Zug nicht, aber seine bittere Negation auch nicht allzu genau betrachten. Man will sich in die Fresse hauen, aber wenn der Spiegel bricht, bist du sieben Jahre verflucht und sieben Jahre braucht die Haut, um sich komplett zu erneuern. Du wirst gewaschen von der Zeit, die über dich weggeht, ohne, dass du was dazu tust, aber auch geschliffen und geglättet. Nur, wenn wir tun, als ob wir Tiere wären, die nicht um das Sterben wissen und verbissen ineinander kämpfen um diesen einen Moment, in dem nicht der faulige Hauch der Zeit in der Luft liegt, klingt es ganz kurz kehlig und kraftvoll nach Leben wie die Laute der rolligen Katzen nachts im Hof.

herzlichst

dein

M.

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-Zen in der Kunst des Dosenwerfens- Erzählung

Als kleinen Sonntags- und Pfingstgruß aus meiner Blogpause möchte ich Euch diese kleine Geschichte kredenzen. Habt es gut!

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Wir waren gerade dabei, unseren Radius zu vergrößern. Flo kannte den Begriff Radius nur aus Mathe und hatte nie ganz verstanden, was es damit auf sich hatte.

Überhaupt wunderten sich alle, dass wir Freunde waren, denn Flo zog immer jeden Ärger magisch an, war mies in der Schule, während ich recht einfach durchkam und mit niemandem größere Probleme hatte. Dennoch waren wir irgendwann Freunde geworden; ein ungleiches Paar: ich groß und dürr und dunkel- er kompakt, kräftig und blond. Er der Laute, ich der Leise.

Trotz seines losen Mundwerks und seinem Temperament gehörte Flo nicht zu den Jungs, die im Unterricht mit zwei Linealen den vor ihnen sitzenden Mädchen den BH-Verschluss öffneten oder sonstigen Unfug machten. Man sah es ihm bestimmt nicht an, aber er war genauso schüchtern wie ich.

Meine sonstigen Freunde waren aus Papier. Ich las. Alles, was mir in die Quere kam. Es waren die späten Achtziger, die beiden Kinos unserer Kleinstadt hatten zugemacht, für die Bank vor dem Bäcker in der Innenstadt waren wir noch zwei, drei Jahre zu jung und definitiv nicht cool genug.

Der einzige Ruhm, den unsere Stadt je erlebt hatte, war die kleine Meldung in den Nachrichten gewesen, in der erwähnt wurde, dass der Turm unserer katholischen Kirche über Nacht zusammengestürzt war. Es war nur Sachschaden entstanden, das Auto des Küsters war unter den Trümmern begraben worden, aber sonst war nichts weiter dabei geschehen.

An den Nachmittagen trafen sich Flo und ich regelmäßig. Erst waren wir bei mir geblieben, hatten gequatscht oder Scherzanrufe bei Lehrern oder Klassenkameradinnen gemacht. Bald hatten wir uns aber angewöhnt rauszugehen. Stück für Stück erweiterten wir unseren Radius. Bis zum Stadtpark mit dem verwahrlosten Minigolfplatz, zum Platz mit der Bücherei und schließlich in die Stadt hinein. Es gab eine Einkaufsstraße, die uns damals lang vorkam, einige Geschäfte, in denen man ein wenig herumstöbern konnte. Wir waren in einem Alter, in dem den Verkäufern nicht klar war, ob wir noch als Kinder und nett, oder schon als Jugendliche und potentielle Ladendiebe behandelt werden sollten. Die Eisdiele war okay für uns, das kleine Kaufhaus. Wenn wir gar nicht mehr wussten, was wir tun sollten, gingen wir zu unserer Schule, die ebenfalls nicht weit weg lag. Wir setzten uns auf irgendeine Bank auf dem Schulhof, den wir erst vor wenigen Stunden verlassen hatten und genossen die vertraute Umgebung. Ich erzählte Flo, was ich gelesen hatte. Er las nie ein Buch, war mehr der Typ für Disneys lustige Taschenbücher, hörte aber meinen Erzählungen immer ausdauernd und geduldig zu.

Es passierte nicht viel. Ab und zu trafen wir Klassenkameraden oder Klassenkameradinnen- der eigentliche Grund, aus dem wir unterwegs waren. Wir grüßten dann lässig und gingen weiter. Wenn es aber zu einem kurzen Gespräch kam, waren wir so albern und aufgedreht, dass wir uns hinterher über uns selber ärgerten.

Eben weil hier nichts los war, hatte ich zu lesen begonnen und beschäftigte mich mit allerlei komischem Kram. Ich hatte Jack Kerouacs Bücher entdeckt, in denen Typen einfach so den Daumen hochhielten und in eine ihnen völlig unbekannte Gegend aufbrachen. Sie soffen, nahmen Drogen, hatten Sex mit leichtfertigen Mädchen, waren andererseits aber auch irgendwie spirituell und meditierten. Eigentlich war ich zu jung dafür, aber ich war mit den Jugendbüchern fertig und meine Eltern waren froh, dass ich las und keine Scheiben einwarf. Kerouacs Helden faszinierten mich. Ich versuchte mich erfolglos an den Jazzplatten, die irgendwo noch von meiner Mutter herumstanden, und suchte weiter nach Lektüre. Da immer ein Buch das andere ergab, hatten mich meine Bücherei-Aufenthalte am Samstagmorgen (Flo hatte da Fußball-Training) irgendwie von Kerouac zum Buddhismus gebracht. In den Regalen unserer Kleinstadt-Bücherei gab es nicht so viel darüber, die turmlose Kirche lag schließlich direkt nebenan, aber die Bibliothekarin war die Mutter eines Klassenkameraden, kannte mich also und bemühte sich nach Kräften, meinen Wünschen nachzukommen.

Schwierige Sachbücher von irgendwelchen Mönchen blätterte ich durch, fand irgendwo eine Meditationsanleitung und beschloss, es zu Hause zu versuchen. Der Konfirmandenunterricht hatte mich extrem gelangweilt und zu kaum einem der vorgeschriebenen Gottesdienste war ich hingegangen. Es musste irgendwo noch etwas anderes geben.

Ich erzählte auch Flo von meinen Zen-Bemühungen, der überhaupt nichts damit anfangen konnte, aber sein Zuhören und seine Fragen halfen mir selbst immer beim Verstehen. Ich hatte bereits „gesessen“, wie man es beim Zen nannte. Gottlob war der Lotussitz nicht Pflicht, so stand es in einem der Bücher. Man konnte auch mit untergeschlagenen Füßen „sitzen“. Ich hatte die Atemübungen befolgt und wartete auf das Erlebnis der absoluten Leere, das sich angeblich einstellen sollte. Totale Konzentration. Bei irgendeinem Ausflug in Mutters Heimatstadt, die immerhin zu den größten in der Umgebung gehörte, hatte ich eine Platte mit Meditationsmusik ergattern können. Flo fand sie ganz schön nervig und ich auch, wenn ich ehrlich war, aber ich fand, es gehöre nun einmal dazu.

Allzu weit war ich noch nicht gekommen, aber die Idee, Buddhist zu sein, war so einzigartig in meiner katholischen Gegend, dass sie mir natürlich gefiel. Viel mehr Möglichkeiten zur Rebellion standen mir nicht zur Verfügung. Ich hätte mich nicht getraut, mir einen Irokesenschnitt verpassen zu lassen oder Ähnliches. Meine Eltern waren ohnehin so liberal, dass keine Verkleidung sie schockiert hätte. Es waren die Achtziger und meine Eltern waren auf ihre Art Achtundsechziger.

Die freundliche Bibliothekarin hatte mir Zen in der Kunst des Bogenschießens besorgt. Wieder war totale Konzentration gefordert. Ich las es, aber der Wunsch Bogenschießen zu betreiben, entstand dadurch nicht bei mir. Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten von Robert Pirsig war dann weniger hilfreich, wenn auch unterhaltsam. Manchmal griff man halt daneben, sagte ich mir.

An einem Herbsttag in dieser Zeit war ich wieder mit Flo unterwegs. Wir hatten in der Stadt herumgehangen, ein paar Bänke vom Bäcker entfernt, wo die wirklich coolen Typen sich trafen. Wir wussten: Unsere Zeit würde kommen. In einem Jahr oder so würden die jetzt dort Sitzenden um diese Zeit in der Lehre sein und um diese Zeit noch unter Autos liegen oder auf dem Traktor sitzen. Die Bänke wären frei und wir die rechtmäßigen Erben. Aber noch war es nicht so weit.

Wir hatten am Kiosk eine Tüte mit Brausekugeln gekauft und beim Supermarkt Dosen mit Kirschcola für 35 Pfennig. Das taten wir immer. Zwei Mädchen aus unserer Klasse hatten sich offenbar zum Bummeln verabredet und an diesem Nachmittag hatten wir sie schon dreimal getroffen -so groß war die Einkaufsstraße dann doch nicht. Die Zeit zwischen den Begegnungen hatten wir uns ausgemalt, was wir sagen oder tun könnten, wenn wir uns das nächste Mal träfen, uns coole Sprüche ausgedacht oder erwogen, sie zum Eis einzuladen. Letztlich kam der Regen dazwischen.

Gegen 16.30 Uhr begann es zu tröpfeln. Das störte uns im Allgemeinen nicht. Wir konnten beweisen, dass wir keinen Schirm brauchten, und blieben einfach sitzen. Aber bald schon wurde es stärker und die Leute, die ringsum in die Geschäfte oder nach Hause strömten, fanden uns wohl nicht mehr abgebrüht, sondern dämlich, also beschlossen auch wir, uns irgendwo unterzustellen. Natürlich wollten wir uns nicht zu den anderen unter eine Markise oder das Vordach eines der Geschäfte stellen, das wäre peinlich gewesen. Also nahmen wir unsere durchnässte Tüte mit den Brausekugeln und unsere Coladosen und schlenderten betont langsam durch den kalten Regen die Straße hinunter, als schiene die Sonne. Flo zog sogar seine Jacke aus. Unser Ziel war natürlich die Schule, denn da war um diese Zeit ja keiner.

Wir passierten den Marktplatz und die Kirche, in deren Schiff es, trotz der über das Loch, wo der Turm gewesen war, gebreiteten Planen hineinregnete und gingen weiter. Der Regen wurde immer stärker. Wir beschlossen, den Plan mit der Schule aufzugeben. Schließlich sah uns hier schon keiner mehr, es war ja niemand bei diesem Wetter mehr unterwegs. Nicht weit entfernt war ein neuer Bau der Sparkasse errichtet worden, nur ein kleiner Kubus mit einem Geldautomaten und einem Kontoauszugsdrucker darin. Es war die neueste Errungenschaft. Dort wollten wir uns unterstellen, denn das Flachdach des Gebäudes stand einen halben Meter weit an allen Seiten über. Auch dort war kein Mensch, überhaupt hatte ich dort noch nie jemanden Geld holen sehen. Die Leute hier gingen eben noch lieber an den Schalter der Hauptgeschäftsstelle, wo sie ein Bankangestellter bediente. Wir setzten uns auf den Boden unter dem Überhang. Ringsum waren Platten verlegt und Kiesbeete angelegt worden. Es war okay, für ein paar Minuten. Doch der Regen hörte nicht auf.

Wir begannen wieder zu quatschen, malen uns aus, was die Mädels wohl taten, jetzt, da ihr Einkaufsbummel ins Wasser gefallen war. Flo meinte, die seien sicher nach Hause gegangen oder in die Eisdiele. Sabrina habe ja auch nur ein weißes T-Shirt angehabt und keine Jacke. Das sei jetzt bestimmt total durchsichtig. Er hatte die leere Kirschcoladose noch dabei, und als es länger zu dauern schien, bis der Regen aufhörte, stellte er sie ein paar Meter weit von uns ins Kiesbeet und begann, mit den kleinen Steinchen danach zu werfen.

Ich erzählte dies und das. Von diversen Büchern, besonders deren schweinischen Stellen, von denen ich wusste, dass sie ihn immer interessierten und auch von meinen Zen-Versuchen sprach ich. Ich hatte erstmals etwas wie einen Anfangserfolg verspürt, letzten Abend. Mir war, nach ein oder zwei Stunden sitzen und atmen, einmal nicht nur der Hintern eingeschlafen, sondern das Gefühl gekommen, mein Hirn habe sich selbstständig gemacht und sei über meinem Kopf herumgeschwebt. Es hatte sich angefühlt wie ein mit Wasser gefüllter kleiner Ballon, etwa je eine Handbreit über und vor meiner Stirn. Flo machte Witze darüber, was ich nicht mochte, dennoch sprach ich weiter.

Er warf weiter Steinchen nach der Dose, wobei er sie sicher 250mal verfehlte und nicht einmal traf.

Ich sagte: Mit totaler Konzentration; wenn man förmlich mit dem All und dem Gegenstand eins werde, könne einem schlichtweg alles gelingen. „Arm, Kopf, Geist und Universum-alles muss verschmelzen.“

Flo meinte, das könne er sich nicht vorstellen.

Ich erzählte vom Bogenschießen, als habe ich es seit Jahren praktiziert und Flo meinte, das sei ja toll, aber dennoch glaube er nicht daran.

„Ist aber so“, sagte ich. „Die Zen-Meister, die können das.“

„Glaub ich nicht“, sagte Flo und warf ein weiteres Steinchen weit neben der Dose in den Regen.

Es war eine merkwürdige Stimmung an diesem Nachmittag. Es schien, als säßen wir schon ewig hier, ohne dass sich irgendetwas verändert hätte. Es war kein Mensch unterwegs, auch nur wenige Autos und der Regen rauschte runter wie dichter Vorhang und das schon seit gefühlten Stunden. Es war die Mitte unserer Zeit damals. Um 15.00 Uhr trafen wir uns gewöhnlich und um 18.00 Uhr gingen wir heim. Es schien uns endlos damals und jetzt war noch fast genauso viel Zeit übrig, wie wir schon gemeinsam verbracht hatten. Wir würden, wenn es gar nicht anders ging, noch eine ganze Weile hier an der Mauer des Sparkassenhäuschens lehnen, die Schuhe im Kies und den Hintern auf den klammen Gehwegplatten. Irgendwie schwebte alles vor sich hin. Ich wusste nichts mehr zu erzählen, deshalb schwiegen wir eine Weile.

Ich griff nun selbst einen der Kieselsteine, wog ihn ein wenig in der Hand, schaute kurz das erste Mal wirklich auf die Dose im Regen, einige Meter von uns entfernt und warf.

In einem hübschen Bogen flog der Kiesel und traf mit einem -Plong- genau die Mitte der Dose, die widerstandslos umfiel.

Flo war baff. Augenblicklich ließ er alle Kiesel, die er noch in der Hand hielt, fallen und sah mich an. Als wäre ich sein neuer Gott oder so.

„War das jetzt Zen, oder was“, fragte er schließlich. Ich sagte nichts.

Es regnete weiter. Flo warf nicht mehr.

Als er mich nach ein paar Minuten aufforderte, das eben Geschehene zu wiederholen, hätte ich mich weigern müssen. Denn egal, wie sehr ich mich konzentrierte, ich traf die Dose nicht mehr. Kein einziges Mal.

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Die hohe Schule für Studien und Erziehung im Namen & der Nachfolge seiner göttlichen Größe oder: Burning love

elvis
Es war schon klar, dass es ein schlechter Tag werden würde.
Morgens waren die Lautsprecher in den Fluren kaputt gewesen, sodass wir nicht, wie sonst, mit Musik geweckt wurden, sondern von der Köchin Grace, die im Hof mit Töpfen und Deckeln Lärm schlug. Der Schulhund Shep, ein Basset, heulte herzzerreißend dazu und so waren wir allesamt schlagartig wach und fast ausnahmslos schlecht gelaunt.
Dass wir abends dann alle nach genau diesem Hund würden suchen müssen, war uns jedoch da noch nicht klar.
Mr. Fujimoto kam mit seinem Motorrad auf den Hof gebraust und brachte sowohl Grace als auch Shep zum Schweigen. Er konnte den Hund nicht leiden, das wussten alle. Oft ging er an dem blöde sabbernden Tier vorbei zu einem der Seitenflügel und nuschelte dabei die ersten Zeilen von Hound dog. Es war aber auch wirklich ein blöder Hund. Noch dazu zeigte er eine heftige Zuneigung zu Mr. Dick, unserem Karatlehrer, den Mr Fujimoto ebenfalls verabscheute.

Im Nachhinein fällt mir auf, dass an diesem Tag auch das Frühstück nicht so gut gewesen war wie sonst. Es lag wohl daran, dass Grace uns hatte wecken müssen und so weniger Zeit für die Blaubeerpfannkuchen gehabt hatte. Jedenfalls war schon früh morgens klar, dass es kein guter Tag werden konnte. Auch der Stundenplan sah nicht allzu erfreulich aus. Exegese, Doppelstunde Karate, Symetrie und Ikonographie, das volle Programm.

Wir sind jetzt im dritten Jahr. Der Anfang war absolut lachhaft, wenn man es heute betrachtet. Jetzt, wo wir vor den ersten Prüfungen stehen, wissen wir in etwa, was uns noch alles bevorsteht. Auch, was die älteren Schüler so erzählen, lässt einen Angst und Bange werden, obwohl wir ja außer in Karate und im Chor wenig Kontakt zu denen haben. Vielleicht wollen sie sich auch nur wichtig tun und uns Panik machen.Es ist schon hart, aber, wenn man hier erfolgreich abschließt, stehen einem eine Menge Türen sperrangelweit offen. Aus vielen unserer Partnerschulen sind schon bedeutende Leute hervorgegangen und zwar weltweit. Besonders gut läuft es im Moment in Asien, was ja eigentlich auf der Hand liegt, aber immer wieder zu Verwunderung führt. Daran sieht man natürlich, wie wenig sich die restliche Welt mit unseren Studien hier befasst. Aus unserem Stammhaus kommen sogar immer wieder Schüler, die es nach ganz oben in der Politik schaffen, in der Musik und dem Film ja sowieso.
Ehrlich gesagt ist es hier sogar ein offenes Geheimnis, dass diverse Präsidenten uns nah standen, aber darüber wird in der Öffentlichkeit wenig gesprochen. Der oberste Kopf unserer Einrichtung vermeidet auch mittlerweile, allzu offensiv damit umzugehen, denn das wird uns immer als Propaganda angekreidet.

In meinem Schlafsaal sind wir 12 Mädchen. Die Jungs sind 35, aber das ist normal und wir werden jedes Jahr mehr!
Um sieben wecken sie uns. Jeden Morgen mit einem anderen Lied, außer an dem Tag, an dem Shep verschwand natürlich. Manchmal ist es sanft und leise, aber an besonders wichtigen Tagen legen sie richtig los und nehmen einen Kracher, dann sind wir alle schlagartig wach.
Da wir werktags unsere Uniform tragen, sind wir alle schnell fertig. Eine Hose und ein bequemes Hemd aus dunkelblauem Drillich, wie bei den amerikanischen Sträflingen, darunter ein schwarzweiß geringeltes Shirt. Am Wochenende, wenn wir freie Kleiderwahl haben, brauchen wir etwas länger, aber lange nicht so wie die Jungs, die dann immer ganz spät zum Frühstück kommen, weil sie ewig für ihre Frisuren brauchen. Wie die sich dann rausputzen ist fast nicht mehr normal, aber es gehört halt dazu.
Ich sitze immer mit meinen Freundinnen zusammen. Wir sind ein richtiges Dreiergespann. Da macht es uns nichts aus, wenn andere Mädchen mehr Aufmerksamkeit kriegen. Wir haben da so ein paar Püppchen, die immer und überall im Mittelpunkt stehen. Manche wegen ihres Aussehens, andere wegen ihrer Herkunft. Am besten ist es natürlich, wenn man aus einem der 1A-Staaten kommt, Mississippi oder Tennessee. Aber ganz vorne steht natürlich Susie aus Hawaii, das ist klar. Sie ist eine richtige Südsee-Schönheit, wir nennen sie allerdings alle nur Aloha. Das findet sie sogar gut und merkt nicht dass wir uns damit über sie lustig machen. Da kommt Aloha aus Hawaii sagen wir, wenn wir ihr auf dem Flur begegnen.

Ich habe den Ruf schon früh gehört, eigentlich schon mit zehn, aber ich musste warten, bis ich 13 war, denn vorher kommt man hier nicht rein.
Ich erinnere mich noch gut an mein Aufnahmegespräch. Das ist eine hoch feierliche Angelegenheit. Meine Eltern haben mich hergefahren und es war komisch, wie deplaziert sie wirkten, mein Vater mit seinem Vollbart, dem langen, dünnen Haar und der Brille, meine Mutter mit ihrem roten Kurzhaarschnitt und den Schlabberkleidern. Sie waren stolz, fühlten sich aber sichtlich unwohl. Ich wurde zum Büro des Direktors gebracht, den alle nur den Colonel nennen, aber das wusste ich damals noch nicht. Der Raum war mit einem dicken, purpurfarbenen Teppich ausgelegt, das war das erste, was mir auffiel. Am anderen Ende stand ein riesiger Schreibtisch aus dunklem Holz, hinter dem ein gerahmtes Bild hing, irgendetwas abstraktes, dachte ich und wunderte mich, denn sonst gab es hier fast nur Bilder von IHM. Aus einer Tür an der anderen Seite kam der Direktor. Man hätte ihn fast für den Hausmeister halten können, denn er sah so normal aus. Er war klein und etwas untersetzt, hatte eine Halbglatze und trug ein kurzärmeliges Arbeiterhemd und eine graue, unförmige Hose mit Hosenträgern. Unter dem Arm hatte er einen unordentlichen Stapel Papiere und im Mund einen Zigarrenstumpen, der ihm ausgegangen war. Er stellte sich vor, ohne den Stumpen aus dem Mund zu nehmen und ich hatte sofort Vertrauen zu ihm. Er war wie ein netter Onkel zu mir und ich fragte mich, wie er dieses große Haus unter Kontrolle hielt, wie er sich wohl Respekt verschaffte, bei den Lehrern und den Schülern. Ich hatte gesehen, dass draußen vor dem Büro noch eine ganze Reihe anderer Jungen und Mädchen darauf warteten, mit ihm zu sprechen, sie saßen auf einer Bank aufgereiht, einige Mädchen hatten sich rausgeputzt und umklammerten ihre kleinen Handtäschchen und bunte Taschentücher vor Nervosität. Die Jungs lümmelten unbeholfen mit ihren langen Beinen herum. Ich dachte, es wäre nur ein kurzes Gespräch, aber der Direktor setzte sich hinter seinen Schreibtisch und bat mich einfach, zu erzählen. Ich begann ihm zu beschreiben, was ER für mich bedeutete und wie ich auf ihn gestoßen war. Ich erzählte von den Tonbändern meines Onkels, der sie mir einmal vorgespielt hatte, als ich klein war und wie ich wie hypnotisiert gewesen war. Als ich erzählte, fiel mein Blick auf das große Bild hinter dem Direktor und ich staunte, als ich bemerkte, dass es gar kein Gemälde war. Es war ein Tuch, ordentlich auf Holz aufgespannt. Leicht fliederfarben, wahrscheinlich Seide, denn es reflektierte das Licht und schillerte. Einige dunkle Punkte waren darin, die sich bei näherem Hinsehen zu Flächen formten. Mir wurde klar, was das war und ich verstand, warum es an dieser prominenten Stelle im Büro des Direktors angebracht war. Ich sprach weiter, von den Fernsehbildern, die ich anlässlich seines Todes gesehen hatte, vor einigen Jahren. Ich hatte noch gar nicht verstanden, wer da gestorben war, aber diese Bilder waren ein prägendes Erlebnis für mich gewesen. Der Direktor lächelte mich an und nickte verständnisvoll. Wahrscheinlich hörte er ähnliche Geschichten jeden Tag, aber es war klar, dass sie ihm nicht über waren, dass er sich ehrlich darüber freute.
Er ermunterte mich mit einer Geste, fortzufahren, er schien alle Zeit der Welt zu haben. Ich versuchte zu schildern, wie sehr ich ergriffen war von der Musik, den Posaunen, die klangen wie Fanfaren, dem Licht, der Menge unten vor der Bühne. Und Er, in Zeitlupe, schwitzend, ringend mit irgendwelchen Mächten, die ich noch gar nicht ermessen konnte. Seine Bewegungen, die eines Löwen in Ketten, ein angeschlagener Boxer, der jederzeit zu einem mächtigen Hieb in der Lage war, aber von irgendetwas daran gehindert wurde. Seine Macht war körperlich spürbar, selbst in dieser Verkleidung war er ein König. Selbst mit diesem Bauch.
Es tat gut, das alles zu erzählen. Lange hatte mich keiner verstanden, meinen unbedingten Willen, hierher zu gehen und zu lernen. Meine Begeisterung. Nur widerwillig hatten meine Eltern es nach und nach geschluckt und beschlossen, es mir zu ermöglichen. Der Direktor hatte sich das alles mit einem freundlichen Nicken angehört und mich dann verabschiedet. Drei Wochen später kam dann der Brief, der verkündete, dass ich aufgenommen sei. Es war der glücklichste Moment in meinem Leben, bisher.

Fräulein Leonaus fragt mal wieder das Bekenntnis ab. Sie beginnt:
Bodhidharma ging nach Westen….und wir müssen es im Chor vervollständigen:…und brachte China Weisheit. Sie trägt eine haarspray-getränkte Bienenkorbfrisur und ein Tweedkostüm und ist stets bemüht um eine möglichst aristokratische Haltung. Sie ist ziemlich streng und steif.
Mr. Fujimoto dagegen, der die nächste Stunde gibt, ist richtig cool. Er trägt pinkfarbene, zitronengelbe und lila Hemden, lässig offen gelassen und mit riesigen Krägen, seine Koteletten glänzen immer wie frisch geschwärzt. Er ist ein Spitzenlehrer, höchst qualifiziert und nur der Liebe wegen aus Japan gekommen, wo er bekanntlich ein ganz großer Name in seinem Fach war. Er gibt Ikonographie, das klingt öde, ist es auch eigentlich, aber Mr. Fujimoto hat den richtigen Riecher, wie man Schüler dafür begeistert und überdies hat er ein Gespür für Knalleffekte.

Wir haben überhaupt sehr gute Lehrer hier, aber Mr. Fujimoto und Frau Gladys sind mir am liebsten. Frau Gladys heißt eigentlich Frau Gladisch, aber als sie in Amerika im Stammhaus war, hat das niemand aussprechen können und so ist es bei Frau Gladys geblieben. Es passt auch gut. Sie ist klein und pummelig, hat eine dauergewellte Omafrisur und schöne dunkle Augen. Eine sehr liebe Person, die man aber nicht unterschätzen sollte. Sie gilt als sehr einflussreich, innerhalb des ganzen Instituts, auch in Übersee. In ihrem Fach macht ihr da kaum einer was vor. Sie unterrichtet uns in Exegese, so ein Mädchenfach, aber mir gefällt es. Frau Gladys ist sehr anspruchsvoll, sie sortiert in den ersten Jahren wirklich viele Schüler aus, damit sie am Ende nur die Besten in ihrem Kurs hat. In jeder Stunde bekommen wir ein Mantra, über das wir den Rest des Tages nachdenken sollen. Manchmal spielt sie sie in Originaltönen vor, von alten, rauschigen Platten, was ich sehr mag. Ich will unbedingt bis zum Ende weitermachen.
Neulich hat sie uns als Hausaufgabe einen Aufsatz schreiben lassen. Erläutern sie, inwiefern sich das altägyptische KA, der Doppelgänger aus Ton, der den Menschen auf der Höhe seiner Fähigkeiten zeigt, in Zusammenhang steht mit dem Träume des verlorenen Zwillings steht!
Das war natürlich starker Tobak, aber ich hab es einigermaßen hinbekommen.
Und das im dritten Jahr! Ich bin gespannt, was sonst noch kommt!

Dieses Jahr sind die ersten Prüfungen.
Die Lehrer geben auch mächtig Gas in den letzten Wochen. Mr.Fujimoto hat neulich eine kleine Buddhafigur aus Porzellan mit in den Unterricht gebracht und sie uns mit viel Getue präsentiert. Er trug sein Goldjackett, in dem er wie ein Ritter aussieht. Alle Mädchen stehen auf ihn. Die Figur hatte er aus einem japanischen Laden in der Stadt, in dem er seine Lebensmitteln einkauft. Sie stand dann die ganze Stunde lang auf seinem Pult und während er dahinter saß, die Schuhe mit der Kreppsohle lässig daraufgelegt, mussten wir anhand der Figur die klassischen Merkmale einer Buddhadarstellung und deren Wandel im Laufe der Jahrzehnte erläutern.Es war gar nicht schwer: der bronzene Hautton, die ausgeprägten Ohren, der hohe Knoten über der Stirn, der Allwissenheit bedeutet- es war alles da, auch wenn es nur eine billige Nippesfigur war.

Danach hatten wir Karate. Das liegt den Jungs natürlich mehr. Die machen da immer eine Show draus, schreien und springen viel mehr und höher als nötig.
Mr. Dick, der das Fach gibt, steht da eben drauf, aber er weiss auch zu schätzen, wenn wir Mädchen uns etwas zurückhalten. Mr. Dick macht so auf Japanisch, ist aber Amerikaner. Mr. Fujimoto macht sich ständig über ihn lustig und spricht japanisch mit ihm. Er kennt aber nur so Karatebegriffe und muss dann ganz kleinlaut auf Englisch antworten. Ansonsten finde ich ihn aber ganz okay. Er ist halt einer der späten Phase, dick und aufgedunsen. Erstaunlich, wie beweglich er noch dabei ist. Manchmal holt er, wenn wir für einen Jahrestag üben, die älteren Schüler dazu mit ihrer Klassenlehrerin, Frau Achmatova, eine Russin. Die Russen haben einige gute Kräfte hervorgebracht in den letzten Jahren. Frau Achmatova ist spindeldürr und gibt Choreografie. Manchmal denke ich, sie steht nicht richtig dahinter, denn unser Stil scheint ihr oft zu derb zu sein. Sie wirkt wie eine Ballerina, ganz streng, mit Haarknoten und stark hervortretenden Adern am Hals und auf der Stirn. Sie lacht auch nie.

In einer anderen Ikonographie-Stunde ließ uns Mr. Fujimoto einen Ausschnitt des legendären 1970er-Konzerts ansehen; in Zeitlupe und ohne Ton. Anschließend teilte er Testbögen aus, auf denen wir ankreuzen sollten, welche der berühmten Mudras, der bedeutungsvollen Handgesten wir erkannt hatten. Es war ganz leicht: ich kannte den Film in- und auswendig- jeder Schritt, jeder Scherz, jede Schweißperle darauf schien mir vertraut. Da war das Abhayamudra, die Geste der Furchtlosigkeit, ausgeführt im tiefen Spagatschritt, gefolgt vom Bhumisparshamudra, der Geste der Erdanrufung. Später, bei einer Ballade hatte ich erst die Erfüllung aller Wünsche mit links, dann das Schutzmudra mit der Rechten bemerkt. Auch einige weitere waren erkennbar gewesen. Ich war mir sicher, der Test würde gut ausfallen für mich, doch durch die ganzen folgenden Ereignisse bekamen wir ihn nie wieder zurück.

Es war am achten Januar, einem unserer hohen Tage.
So kurz nach Weihnachten sprachen noch alle vom heiligen Abend. Wir waren bei Blue Christmas angelangt, die Stimmung war nach dem Essen und der feierlichen Einkehr inzwischen locker und fröhlich. Die meisten tanzten.
Alle Wände waren wie üblich zu den Feiertagen mit dunkelblauem Samt behängt und wir hatten einen monströsen Christbaum in der Halle, mit winzig kleinen Gitarren und Kugeln geschmückt, die SEIN Konterfei trugen, alles original alte Ware. Draußen war es kalt und eine leichte Eisschicht lag über dem Gelände. Auf der Terrasse brannten Lichter in allen Farben, blinkende Rosetten und all so Kram. Ein großer Weihnachtsmann wiegte sich mechanisch in den Hüften und plärrte: Santa Claus is coming to town.

An einem der Tische saß Mr. Fujimoto allein vor einem Becher Eierpunsch und schmollte wie ein großer Teddybär. Er trug eine schwarze Hose mit Goldstickerei an den Nähten und sein Goldlameejackett.
Es war schon einigen aufgefallen. Madame Achmatova hatte den halben Abend mit Mr.Dick getanzt. Sie war ziemlich ausgelassen für ihre Verhältnisse. Mr. Dick mit seiner getönten Fliegersonnenbrille hatte sich zur Feier des Tages in seinen weißen Glitzeroverall gezwängt, gekrönt von dem breiten Championsgürtel, der seinen beachtlichen Bauch etwas zurückdrängte.
Eins von den anderen Mädchen hatte sich getraut und Mr. Fujimoto um einen Tanz gebeten, aber er hatte abgelehnt, nicht unhöflich, sondern mit einem bedauernden, traurigen Blick und so hatte er das Mädchen nicht enttäuscht, sondern eher noch mehr für ihn eingenommen, das sich zurückzog und im Kreis ihrer Freundinnen zu seufzen schien über den armen Lehrer, der derart zu leiden schien.

In den Wochen danach, über den Jahreswechsel, wurde hier und dort gemunkelt. Einige waren sich sicher, dass da was sei, mit Fujimoto und Achmatova; andere wollten wissen, dass die Madame in den letzten Tagen fast nur noch mit Mr. Dick zusammen war. In meinen Augen lag das jedoch an den Vorbereitungen für den achten Januar, zu dessen Feierlichkeiten jedes Jahr eine große Choreographie einstudiert wurde, mit Karate-Elementen, für die es beide Lehrer brauchte.

Zuerst fanden wir Mr. Dick, noch an diesem Abend.
Er saß hinter dem Steuer seines Cadillacs. („Mahayana-Großes Fahrzeug!“, hatte er immer gewitzelt.)Der Wagen war vorne völlig zerquetscht, da er mit hoher Geschwindigkeit gegen einen der Pfeiler des Tores gerast sein musste. Einige Lehrer weinten, als sie sahen, was geschehen war, fast alle Schülerinnen ebenso. Uns Jüngere brachte man schnell in die Schule zurück, Mrs. Gladys und die Köchin Grace übernahmen das. Später hörten wir, dass sie Mr. Dicks Leiche zunächst einmal in seinen Bungalow gebracht hatten. Ein paar Lehrer und einige von den Älteren haben ihn wohl getragen, was sicher keine leichte Aufgabe war.
Von unserem Schlafsaal aus konnte ich nur sehen, dass Mr. Fujimotos Motorrad („Hinayana- Kleines Fahrzeug!“, hatte er sich immer von Mr. Dick anhören müssen.) vor seinem Bungalow stand, in dem aber kein Licht brannte. Mme. Achmatova war fort.
Am nächsten Morgen fand natürlich kein Unterricht statt. Wir trafen uns noch vor dem Frühstück in der Aula und einige Lehrer sprachen ein paar Worte auf Mr. Dick. Sie hatten Recht. Er hatte wohl keinen allzu gesunden Lebenswandel geführt, aber ein großer Geist hatte in ihm für unsere Sache gebrannt. Er war einer der beliebtesten Lehrer gewesen, wenn er seine Fähigkeiten auch gerne allzu sehr als gering darstellte.
Wir sangen Peace in the valley, das Lied, das wir erst Anfang der Woche in Exegese von Frau Gladys zur Analyse bekommen hatten.

Ich bin müde und so erschöpft
aber muss alleine gehen
bis der Herr kommt und mich ruftmich fortruft
Der Morgen ist so hell
Und die Lampe brennt
Und die Nacht ist schwarz wie das Meer

Es wird für mich eines Tages Frieden im Tal sein,
Es wird Frieden im Tal sein für mich, so bitte ich, Herr
Da wird keine Traurigkeit sein, keine Trauer
und kein Ärger, den ich sehe
Es wird nur Frieden im Tal sein für mich, für mich

Es war ergreifend, aber ich dachte immer noch an den vorigen Abend. Ich war so schockiert gewesen, allerdings nicht nur wegen Mr. Dicks Tod oder der Leiche selbst. Es war mehr die Art, wie er dort saß, eingekeilt mit seinem massiven Leib hinter dem Lenkrad. Es war zwar sein pinkfarbener Caddy, in dem er saß, aber er selbst sah nicht so aus wie gewohnt. Sein äußerlich scheinbar unversehrter Körper steckte in einem völlig normalen, ziemlich unförmigen grauen Straßenanzug, wie man ihn in billigen Geschäften kaufen konnte und den ich noch nie an ihm gesehen hatte. Sein Haar war zerzaust von dem Aufprall, aber man konnte sehen, dass es schlecht gekämmt und strähnig herabhing und keinesfalls sorgsam mit Brillantine gekämmt gewesen war wie sonst. Er sah aus, wie ein übernächtiger und deshalb am Steuer eingeschlafener Handelsvertreter.

Am Vormittag wurde sein Wagen geborgen. Wir hatten extra eine Stunde Wurzelkunde, wie wir das Fach Basale Motivation nennen, als Vertretung bekommen, weil wir dann in einem vom Hof weit entfernten Klassenzimmer sitzen. Wir hörten von Jimmi Rodgers, dem singenden Eisenbahnbremser, von Johnny Ace und seinem russischen Roulette am Silvester-Abend und natürlich von Hank Wiliams, den das Fräulein nur kurz erwähnte. Sein Tod auf dem Rücksitz seines sündteuren Wagens wäre an diesem Tag eine unpassende Parallele gewesen. Richtig bei der Sache waren wir nicht und all diese tragischen Tode zogen uns noch weiter herunter.Heute erschien uns der Suff Dean Martins fast als die Sonnenseite des Lebens.

Von Mme Achmatova haben wir nie wieder etwas gehört. Ihr Unterricht fiel erst einmal auf, bis man eine neue Lehrerin fand, die mit schwingenden Röcken und rosa Spitzenschuhen antrat, obwohl sie schon Mitte vierzig war. Manche sagten, die Madame sei zurück nach Russland und habe ein neues Ballettensemble gegründet, die ausschließlich den Schwanensee aufführte, mit ihr selbst als dem schwarzen Schwan.

Insgesamt ist die Stimmung hier nicht mehr wie früher. Aber wir haben so viel mit dem Stoff zu tun, dass wir das alles irgendwie vergessen haben.Und letztlich ist es die Sache, die uns alle verbindet und über den Geschehnissen um Mr.Dick stehen. Es, ER ist größer und um die tragische Komponente unseres Treibens haben wir schließlich alle von Anfang an gewußt. Man muss nur trotzdem daran glauben.

Mr. Fujimoto sah ich einige Jahre im Fernsehen.Es war es ein Schreck, als ich ihn erkannte. Er trug einen schicken schwarzen Anzug, sein Haar glänzte wie gewohnt, nur ein wenig dezenter frisiert. Sein Charisma war unverändert, auch sein leicht schiefes Grinsen – vielleicht war es nur Einbildung, aber mir schien es um eine traurige Facette bereichert. Da war ein neuer Zug um seinen Mundwinkel.Ich stellte den Ton lauter und erfuhr, er war Präsident eines russischen Gaskonzerns geworden. Eine überraschende, aber nicht unwahrscheinliche Entwicklung.

Heute denke ich nur noch selten an diese Zeit; wenn auch mein Leben immer noch davon geprägt ist. Ich habe einen Mann und Kinder und dank einer glücklichen Fügung leben wir heute sogar in einem der 1A-Staaten. Dem Wunsch meines Mannes, einen Cadillac zu kaufen, konnte ich allerdings nie nachkommen. Ich fühle mch IHM nach wie vor nah, aber meinen Sohn habe ich nicht nach ihm benannt. Dafür haben wir einen Hund, den wir alle sehr lieben- und wie der heißt, kann man sich denken.

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