Archiv der Kategorie: Rezensionen

Seethaler vs Johnson

 

Momentan feiert der österreichische Autor Robert Seethaler eine Zeit der großen Erfolge, die einen der seltenen Fälle darstellt, in denen Feuilleton und Leser sich einig sind. Seethaler vereint Intellekt, handwerkliches Können und Witz mit großer Lesbarkeit. Vor wenigen Wochen erschien sein letzter Roman Ein ganzes Leben als Taschenbuch und wiederum erntet er verdienterweise Applaus und Erfolg. Ich betone: ich schätze Herrn Seethaler und seine Bücher sehr.
Und ich auch will gar nicht so tun, als habe ich es entdeckt. Andere wiesen bereits ausführlich darauf hin, so zum Beispiel der Spiegel schon zum Erscheinen der gebundenen Ausgabe von Ein ganzes Leben im Jahre 2014:
Der Roman erinnert doch sehr stark an einen anderen: den 2002 erschienenen Titel: Train dreams des Amerikaners Denis Johnson, der in den USA einen gewissen Kultstatus genießt, hier aber nahezu unbekannt ist.

Der Ähnlichkeiten sind viele: beide Bücher sind wenig mehr als 100 Seiten stark, spielen in kargen, ländlichen Regionen: bei Seethaler den Alpen- bei Johnson in den Wäldern. Die Natur und ihre Gewalten sind bei beiden von Bedeutung. Weiterhin fixieren sich beide Romane sehr auf ihre etwas knöchernen Hauptfiguren; Männer, die -wortkarg und pragmatisch- harte Arbeit und Einsamkeit gewohnt sind. Beide Bücher schildern komplette Lebensspannen in einem annähernd gleichen Zeitraum, der grob die ersten zwei Drittel des 20. Jahrhunderts abdecken.

Seethalers Andreas Egger verliert seine Frau durch eine Lawine, Johnsons Robert Grainier die seine durch eine Feuersbrunst. Ab diesen beiden Verlusten verstärkt sich ihr Einsiedlertum noch mehr.  Beiden begegnen später ihre verstorbenen Frauen als Geister. Beide erleben den Einzug der Technik- hier die Seilbahn, dort die Eisenbahn.
Doch die Parallelen gehen weiter: beide erleben kurz vor ihrem Tod noch einmal einen kurzen Impuls, doch noch am Leben teilzunehmen und stellen fest, dass es zu spät ist. Beide sterben einsam und werden erst spät gefunden.

Aber mit diesen grundsätzlichen Überschneidungen ist noch nicht Schluss: die Ähnlichkeiten gehen bis in die Komposition und die Stimmung hinein. Beide Bücher fühlen sich einfach gleich an. Viele Szenen sind nahezu eins zu eins in dem einen wie dem anderen Text zu finden, variiert, verändert, aber im Kern gleich. Gleich zu Beginn transportiert Egger in Ein ganzes Leben einen schwerkranken Schrat aus den Bergen, um ihn zu retten- Grainier tut das Gleiche mit einem vom eigenen Hund angeschossenen Bekannten. Die Szenen gleichen sich fast auf`s Haar und ist hier nur ein Beispiel.

Sicher, kann man sagen, auch der Unterschiede sind viele: Egger hat viel mehr familiären Background mitgegeben bekommen als Grainier. Dieser hatte eine Tochter, während Eggers ungeborenes Kind mit der Mutter stirbt. Egger hat Weltkriegserfahrung machen müssen- Grainier nicht usw.. Weiterhin hat Johnson seinem Buch eine dünne Schicht indianischer Mythologie aufgelegt, deren Entsprechung in Seethalers Buch bis auf die Geistererscheinung gänzlich fehlt, Überhaupt scheint Ein ganzes Leben noch karger, noch reduzierter und sachlicher im Stil. Aber der Eindruck großer -vielleicht verdächtig großer (?)- Nähe bleibt.

Ich bin sicher, dass es nicht so weit geht, dass eine Plagiats-Software, wie sie im Moment groß in Mode sind, wortwörtlich übernommene Formulierungen finden würde.  Der Spiegel wollte es genau wissen und rief Robert Seethaler diesbezüglich an. Der Autor fiel wohl selbst glaubhaft aus diversen Wolken und gab zu, Train Dreams seinerzeit begeistert gelesen zu haben. Allerdings habe er beim Schreiben des eigenen Buches keine Sekunde lang daran gedacht.
Hmm, es wird ihm allgemein geglaubt. Mir fällt es etwas schwer, da selbst Komposition und Stimmung der Bücher sich sooo sehr gleichen. Es gibt Fälle, sogar sehr oft, in denen Literatur andere Literatur provoziert. Wo ein Buch ein anderes als Echo findet. Aber meist sucht sich die Eigenheit des zweiten Autors dann doch so viel Raum, dass es vielleicht Parallelen gibt, aber nicht eine derart große Ähnlichkeit. Und: ich bin aus eigener Erfahrung skeptisch, dass einem das Vorbild für das eigene Buch im Moment des Schreibens so wenig präsent sein kann.

Nun denn, die weitaus interessantere Frage ist für mich: Wie soll man so etwas bewerten?
Da kam es mir zugute, dass ich beide Bücher in meinen Lesekreisen mit insgesamt etwa 30 begeisterten und beschlagenen Lesern und Leserinnen begutachten konnte. Die Wahrnehmung ist spannenderweise sehr sehr unterschiedlich.
Während eine Gruppe das Gefühl hat, Seethaler habe aus einer etwas krausen und wirren Vorlage etwas wirklich Großartiges gemacht; habe sozusagen Dreck in Gold verwandelt, empfindet es eine andere Fraktion als dreistes Plagiat. Betont wird hier, dass -wie ich kürzlich selbst in meinen Notizen zur Literatur behauptete- die Idee doch einen wesentlichen Teil der literarischen Leistung ausmache und es Seethaler hier doch sehr viel einfacher gehabt habe, denn das Grundkonstrukt seines Buches sei ja bereits bei Johnsons angelegt gewesen.
Hätte er darauf hinweisen müssen? Das Buch vielleicht als „Variation“ bezeichnen sollen?, war meine Nachfrage. Damit hätten die meisten der kritischen Teilnehmerinnen besser leben können, die letztlich nicht bestreiten, dass es sich bei Ein ganzes Leben um einen guten Roman handelt.

Meines Erachtens ist an beiden Meinungen etwas dran. Seethaler schneidet tatsächlich einiges weg, was nicht unbedingt nötig ist, reduziert, schärft seinen Text im Vergleich zum etwas verspielteren Johnson. Das ist sicherlich eine Leistung, eine Komprimierung- wenn dabei auch eine Schicht, eine Komponente verloren geht. Aber das Bearbeiten eines fremden Stoffes über die Erfindung eines eigenen zu stellen ist sicherlich fragwürdig.

Erschreckend finde ich, dass dem Leser, der das Buch Seethalers gerade liest und feiert, dieser Vergleich in den allermeisten Fällen gar nicht möglich ist, da weder Autor noch Verlag auf die Faktenlage hinweisen. Der Artikel des Spiegels sowie die daran anschließende kurze Diskussion wird den wenigsten bewusst geworden sein.

Plagiat oder nicht? -Eine Frage, die nicht abschließend zu klären sein wird. Zwei mal Lesegenuß, unbestritten- aber in einem Fall mit ein paar Fragezeichen.

strich3PS: Da in den Kommentaren der Wunsch nach weiteren konkreten Beispielen geäußert wurde, möchte ich noch etwas hinzufügen.

Allein die Entscheidung, einen sehr zentralen Protagonisten ohne nennenswerte Nebenfiguren über seine ganzes Leben zu begleiten und dies in einem sehr knappen Umfang von nur ca.100 Seiten, ist eine sehr gewichtige, denn sie gibt in gewisser Weise eine Form vor.
Beide Hauptfiguren leben ca. 80 Jahre- d.h. mir bleiben grob 10 bis 12 Seiten pro Lebensjahrzehnt. So funktionieren beide Romane. Mal verfliegen Jahre auf wenigen Seiten, auf einige prägnante Ereignisse wird mehr Zeit verwendet. Da beide Autoren überdies eine recht streng chronologische Erzählweise gewählt haben (es ginge ja durchaus auch anders) ereignen sich bestimmte Episoden -etwa das Verlieben, die Heirat etc.- ebenfalls zu recht parallelen Zeitpunkten im jeweiligen Buch. Beide nutzen zudem einzelne, dezente Rückblenden, um eine gedankliche oder menschliche Entwicklung der Protagonisten zu zeigen.

Nun möchte ich einiges zitieren, was der Spiegel in seinem sehr ausführlichen Artikel dankenswerterweise bereits zusammengetragen hat:

Der Beginn von Train Dreams klingt so:
„Im Sommer 1917 beteiligte sich Robert Grainier an dem Versuch, einen chinesischen Arbeiter ums Leben zu bringen …“

Ein ganzes Leben fängt so an: „An einem Februarmorgen des Jahres neunzehnhundertdreiunddreißig hob Andreas Egger den sterbenden Ziegenhirten Johannes Kalischka … von einem stark durchfeuchteten … Strohsack …“

Name des Protagonisten, Jahreszahl, ein novellenartiges besonders einschneidendes Erlebnis…. Weiter zum Ende:
Johnsons Held Grainier endet so: „Er war im Laufe seines langen Lebens in westlicher Richtung bis auf ein paar Dutzend Meilen an den Pazifik herangekommen, ohne den Ozean selbst je zu sehen … Er hatte eine Geliebte gehabt – seine Frau Gladys -, hatte ein Stück Land, zwei Pferde und einen Wagen besessen. Er war nie betrunken gewesen. Er hatte sich nie eine Schusswaffe gekauft oder ein Telefon benutzt … Er hatte keine Vorstellung, wer seine Eltern gewesen sein mochten, und er hinterließ keine Nachkommen.“

Seethalers Egger dagegen: „Er hatte seine Kindheit, einen Krieg und eine Lawine überlebt … Soweit er wusste, hatte er keine nennenswerte Schuld auf sich geladen, und er war den Verlockungen der Welt, der Sauferei, der Hurerei und der Völlerei, nie verfallen. Er hatte ein Haus gebaut, hatte in unzähligen Betten, in Ställen, auf Laderampen und ein paar Nächte sogar in einer russischen Holzkiste geschlafen. Er hatte geliebt. Und er hatte eine Ahnung davon bekommen, wohin die Liebe führen konnte … Er konnte sich nicht erinnern, wo er hergekommen war, und letztendlich wusste er nicht, wohin er gehen würde.“

Da hört man auch gleich einiges der von mir erwähnten Stimmung: ein TAZ-Rezensent nannte es mit Bezug auf  einen „komplett unaufgeregten Stil“ und „Sprache gewordenen Fatalismus“, eine Beschreibung, die ebenso auf den Ton Johnsons passt. Beide Romane -und ich nenne das eine ihrer Qualitäten- verzichten bewusst auf großes Psychologisieren, dem Leser wird überlassen, zu fühlen und mitzufühlen.  Großes Pathos und Emotion gibt es bei beiden Texten nicht, nicht vordergründig.

Meine Leserinnen sowie der Spiegel als auch ich kommen zu dem Ergebnis: kein Wort für Wort abgeschriebenes Plagiat liegt vor, aber eine Nähe, die eine Erwähnung der Umstände ratsam erscheinen ließe. Sie würde Seethalers Buch und seine Leistung kaum schmälern.

 

12 Kommentare

Eingeordnet unter -, Rezensionen

But to live outside the law, you must be honest -Rezension: „Blaue Wildnis“ von Nico Feiden

Blaue Wildnis

Vor vielen vielen Monden einmal schickte ich meine ersten mühselig dem Stammeln abgerungenen Gedichte einem älteren, anerkannten Dichter.  Er war sehr freundlich und hinterließ mir einen schönen Satz, den ich damals nicht zur Gänze verstand und deshalb nie zitierte. Er sagte: „Deine Gedichte erinnern mich an etwas. Ich weiß nicht an was- aber ich würde es sehr gerne wieder lesen.“

Ich hörte damals nur den ersten Teil des Satzes und glaubte, er hielt meine Texte für epigonal, nicht eigenständig und unverwechselbar. Im Laufe der Zeit bekam ich aber eine Ahnung, wie der Ausspruch gemeint gewesen sein konnte.
Bei Nico Feidens erstem Band, der gerade eben erschienen ist und Blaue Wildnis heißt, kam mir das Statement des älteren Dichters wieder in den Sinn…
„Ja, nun bin ich der Großvater…“, lautet es in einer früher einmal viel gesendeten Werbung, die ich aber nun nicht zur Gänze zitieren möchte- aber als sich selbst seit über 20 Jahren an der Lyrik abarbeitender und (du meine Güte!) beinahe doppelt so alter Autor blicke ich auf Nicos Gedichte und seine Präsenz in genau dieser Weise.

Das Gedicht ist an sich, dank der Re- und Evolutionen der vergangenen 100 Jahre, ein Ort der FREIHEIT.
Es darf alles. Inhaltlich und strukturell. Meine eigene und manch andere Lyrikproduktion dagegen scheint mir geprägt von Einschränkungen, von außen oder selbst auferlegt: Dies verbot die Moderne:
Reim war out, allzu „große“ Hauptworte, die meist auf –ung oder –nis endeten, waren tabu. Pathos no go.
Anderes forderte sie dagegen dringend: knapp sollte man sein, ironisch, analytisch distanziert. So aber rückt das Schreiben letztendlich dem Verstummen näher als dem Erzählen.

Es ist schlimm, dass es alles negativ besetzte Begriffe sind, aber: Missachtung, Ignoranz oder gar Unkenntnis der formalen Neuerungen der modernen Lyrik, totale Wurschtigkeit gegenüber den Ansprüchen der Avantgarde und spontanes Drauflos-schreiben mit Hang zum Großen…denn auch das stellt die ursprüngliche Möglichkeit der kurzen und offenen Form Gedicht dar.

Nicos Gedichte sind um Längen besser als meine es waren, als ich so alt war wie er- das sei einmal festgehalten, aber ich erinnere mich bei der Lektüre eben gut daran, wie berauschend es war, ein Stück kompakte Sprache produziert zu haben, das nicht und niemand Anderem verpflichtet war als mir. Ob es nun Gedicht genannt werden konnte, ob es gar als modern zu bezeichnen war…egal.

Der Verlag, Elif in Nettetal, rückt in seinem Programm Nicos Verse in Richtung der Beat-Generation. Ja, Kerouacs spontane Prosa kommt in den Sinn, auch Ginsberg-Gedichte in ihren nur scheinbar unkomponierten großen Bögen. Und dieses hobo-hafte, am Rande der Gesellschaft stehende, die Sympathie für Randfiguren und Außenseiter ist in vielen Texten des Bandes vorhanden. Ich fühle mich aber auch sehr an Walt Whitman erinnert, der ebenfalls -sorry- einen Dreck auf Metrum, Reim und Komposition gab. Einer, dessen langen Atem, dessen Begeisterung für das große, manchmal fast psalmenhafte Sprechen Nico teilt. Dann ist das Ganze ein wenig subkulturell und -da spüre ich mein Alter, Autsch!- wie heute üblich absolut unbestimmbar, nicht Punk, nicht Beat, nicht Grunge….sondern sich überall bedienend. Da ist Jazz und Joint, da ist aber auch Landschaft und sehr viel Unendlichkeit..wie in meinem wohl Lieblingstext des Bandes:
Entschleunigung

Halt dich fest mein Freund,
wir sind unsterblich
und all die blinden Fenster
führen uns den Weg zum Leben
und all die Lippen durch den Tod
geschlossen

Im Zyklus der Gezeiten
ziehen Planeten ihre Kreise
und wir bleiben stehen,
weil alles andere sich bewegt.

Und jedes Mal, wenn ich diesen -übrigens sehr schon illustrierten Band- aufschlage, lande ich automatisch beim Gedicht Heimat,  dessen Thema mich nun schon seit Längerem ganz besonders beschäftigt. Und da zeigt sich ein ganz anderer Dichter -einer, der sehr wohl zu bauen und zu reimen weiß. 3 Vierzeiler mit durchgängigem Kreuzreim, die da enden:


es verbleicht die Heimat
wie ein Bild im falschen Buch.

Nico ist viel herumgekommen und hat viele Menschen getroffen- davon zeugt dieser Band. Für mich verkörpert er eine Erscheinung von Dichterschaft, wie sie ursprünglicher, kompromissloser und authentischer kaum sein könnte. Frei, räumlich wie geistig; etwas wild und ungeschliffen, aber von einem klaren Blick und fähig zum Gefühl.
Mich erinnern seine Gedichte an etwas, das ich nie wieder werde „lesen“ können- an etwas, auf das der Blick von den Jahren, den Lektüren, dem Leben verstellt ist:  an die von Regeln unbelastete, ungezügelte Freiheit von Gedichten.

 

Nico Feiden
Blaue Wildnis
mit Illustrationen von Giacomo
Elif Verlag

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter -, Rezensionen

Rezension: Das Meer ist ein alter Bekannter, der warten kann. Michael Starcke, gestorben am 19.02.2016

Das Meer ist ein alter Bekannter, der warten kann.


wenn die strandkörbe

weggekarrt werden
und leere gähnt,
als kehre keiner zurück,
während er, der baum vorm
haus, kein schaulustiger,
aber ein hoch gewachsener traum,
den horizont fest im blick behält.

So endet Michael Starckes Gedichtband: Das Meer ist ein alter Bekannter, der warten kann. Dass es nicht nur letzte Worte eines Buches, sondern ebenso letzte Worte eines Dichters sein würden, war bei Drucklegung nicht absehbar. Der Band erschien in gewohnt liebe- und prachtvoller Gestaltung vor wenigen Tagen im Elif Verlag in Nettetal und nur ein paar  weitere wenige Tage später, am 19.02., verstarb Michael Starcke 66jährig in Bochum. So wird dieser schöne, dem Meer gewidmete Band ein Vermächtnis.

Das Meer war Michael Starcke offenbar nicht nur ein alter Bekannter. Unter dem Begriff  Heimat  definiert ein Lexikon:
„Die Menschen sind an ihre Heimat durch ihre Geburt und ihre Kindheit, ihre Sprache, ihre frühesten Erfahrungen oder erworbene Affinität gebunden.“
Letzteres, die erworbene Affinität, traf wohl für den gebürtigen Erfurter und späteren Ruhrgebietler Starcke zu. Das Meer als Wahlheimat, Rückzugsort, Seelenverwandter. Und: Die Seele ist hier als Referenz nicht zu hoch gegriffen, denn das Herkunftswörterbuch des Duden weiß:

Das altgermanische Wort mhd. sele, ahd. se(u)la, got. sai-wala,  ist wahrscheinlich eine Ableitung von dem unter See behandelten Wort mit der Grundbedeutung “die zum See Gehörende”. Nach alter germanischer Vorstellung wohnten die Seelen der Toten im Wasser.

Die Gedichte des Bandes sind lang im Vergleich zu anderen, in etwa eine Druckseite, meist drei- oder vierstrophig und von der Nüchternheit konzentrierter wie beiläufiger Notate, der Prosa recht nah mitunter. Behutsam rhythmisiert, unterschwellig mit Motiven durchzogen, die auch die Grenzen des einzelnen Gedichts überschreiten und sich durch den gesamten Band ziehen. Die Wandelbarkeit des Wassers, das Meer als Spiegel, das Schwanken zwischen Beruhigung und Bedrohung.

Wir alle kennen das; kennen auch das Gehen auf Sand und das stundenlange Starren auf Horizonte und wissen um die Emotionen, die es auslösen kann. Das Meer als Null-Linie, als Projektionsfläche, Ausgangsplattform für Gedanken, Pläne, Abenteuer- wir alle kennen das. Doch festhalten können wir es selten- Michael Starcke konnte es.


die farbe des meeres
erinnert
an ein verlangen, vielleicht,
dass es Zukunft heißt.

Dabei ist es unerheblich, um welches Meer es sich handelt- es ist das Meer, obwohl die Gedichte große Vertrautheit mit einem bestimmten Ort vermuten lassen: prägnante Referenzpunkte wie der Baum vor dem Fenster wiederholen sich, jedoch -als den wechselnden Stimmungen unterworfene Details- immer wieder verändert.

Der Grundton der Gedichte ist ruhig und reflexiv, Seemannsromantik gibt es keine. Die Liebe zum Element und der Umgebung ist tatsächlich eher eine Liebe zum Zustand Meer, den viele von uns gut kennen: Auszeit, verhältnismäßige Kleinheit, Unbedeutsamkeit gegenüber der Urgewalt, Relativierung der Umstände und Wichtigkeiten. Meer heißt auch Unendlichkeit, Unbezwingbarkeit und das ein oder andere Boot in Michael Starckes Gedichten trudelt scheinbar willenlos und fremdbestimmt entlang der Horizontes und der Zeilen der Texte. Der Dichter registriert es, doch der Mensch und sein Tun sind zu klein, um in seinen Texten mehr als eine Statistenrolle einzunehmen.


und doch:
die menschen am ufer
werden davongehen
und einmal nicht mehr
zurückkehren. andere menschen
werden sie ersetzen,
um die welt später
zu verlassen wie einen traum.

Zentral bleibt: das Meer und sein alter Bekannter, der Dichter-nicht etwa Freund, dafür ist der eine von beiden zu groß und zu undurchschaubar. Man kennt sich, man schätzt sich, man duldet sich- bei gutem Benehmen- auf Zeit.
In der besonnenen, klugen Ruhe der Gedichte dieses Bandes liegen Kontemplation wie Denkanstoß zu gleichen Teilen. Entspannung durch Konzentration- nicht durch Zerstreuung- mit einem weiten Blick und geöffneten Horizonten.
Michael Starckes Buch ist eine Meditation über das Meer, eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Gewicht und der Vergänglichkeit und als solche ein berührendes und gewichtig-schwebendes, gültiges Schlusswort eines Dichters, dessen Stimme fehlen wird.


in letzten träumen
suche ich
meine Anlegestelle, das Meer,
gehe schaukelnden schrittes
an land.

 

ELIF VERLAG, Nettetal ISBN 978-3-9817509-2-8 76 Seiten, €13,95

Michael Starcke (1949-2016) lebte und arbeitete als Lyriker und Rezensent in Bochum. Mitglied im VS, in der europäischen Autorenvereinigung DIE KOGGE und im PEN-Zentrum Deutschland. Verschiedene Auszeichnungen und Preise, u. a. den Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur (2013) Zahlreiche Veröffentlichung in Literarischen Zeitschriften und Anthologien. 26 eigenständige Veröffentlichungen. Beiträge im Bayrischen Rundfunk, im WDR und in Radio Bozen.

 

 

Ein Kommentar

Eingeordnet unter -, Rezensionen

Rezension: Anke Glasmacher „Zwanzig/vierzehn“

Ein Lyrikband.
Eine Sammlung von Gedichten: Möglichkeit, Blüten vergangener Jahre, einer Schaffensperiode oder eben: zu einem Thema zu versammeln und zu bündeln.
Das Gedicht kann und darf ALLES. Darf lang sein oder kurz. Vertrackt und voller Untiefen oder klar und spruchhaft. Man kann ein Gedicht in tage-, wochen,- jahrelanger Arbeit erweitern, verknappen; mit mehr und mehr Rätseln befüllen oder es vereinfachen, abspecken, verknappen. Das Gedicht und folglich auch der Band Gedichte kann und darf ALLES!

Es scheint mir eine neue Tendenz zu geben, diese Freiheit freiwillig zu beschneiden – Begrenzung schafft neue Reize.
Schon die Wahl eines Themas ist eine solche. Manchmal reicht es für einen Zyklus, manchmal für einen ganzen Band.
Aber auch die Mittel kann man begrenzen. Zum Beispiel, in dem man sich einen eigenen, eingeschränkten Wortschatz sucht: Fremdwörter z.B., Wikipedia-Artikel oder wie Herta Müller: die Worte eines Blattes aus einer Zeitung. Wasweißich!

Aber auch die Verfertigung eines Gedichts oder Bandes kann man unter Beschränkungen stellen. Zum Beispiel kann man sagen: Ich arbeite nur eine Woche (einen Monat oder oder) an diesem Text. Die unendlichen Varianten, Zwischenstufen und Möglichkeiten der Verfeinerung lasse ich aus.
Radikaler ist es da noch, wenn man sagt: Ich schreibe JEDEN Tag EIN Gedicht und lasse es stehen, wie es ist.
Das Spontane, Skizzenhafte als Ziel. Derartiges ist bereits dagewesen und z.B. Adrian Kassnitz verfolgt mit seinem Projekt Kalendarium diesen Ansatz gerade auf spannende Weise ebenfalls. Hier könnte man nun in einen Tagebuch-Modus verfallen und z.B. die eigene Befindlichkeit in den Fokus stellen. Der Vorwurf der unpolitischen Nabelschau wird der deutschen Lyrik ja immer mal wieder gemacht und eben erst beklagte Heike Kunert in ihrer ZEIT-Besprechung des dreißigsten Jahrbuches der Lyrik, dass sich so gut wie kein politisches, zumindest gesellschaftskritisches Gedicht im Jahrbuch findet. Was auch immer man sich darunter vorstellen mag!

gekritzel6Anke Glasmacher, deren Band: Brot und Spiele ich vor einiger Zeit schon besprach, hat aber für ihr „Jeden-Tag-ein-Gedicht- Buch eine Vorgehensweise gewählt, die von der angeblich langweiligen, Ich-bezogenen Arbeitsweise angeblich der meisten deutschen Lyriker abweicht. Zwanzig/vierzehn enthält für JEDEN Tag des Jahres 2014 EIN Gedicht. Aber Anke Glasmacher wählt noch eine weitere Beschränkung: Thema des täglichen Gedichts ist jeweils die erste Meldung der abendlichen Tagesschau. So fallen eine Menge Themen weg: Landschaft, Liebe, eigenes Ich können höchstens gefiltert durch die tagesaktuelle und weltpolitische Brille auftauchen.

Wir kennen die Schwerpunkte von Tagesschau-Meldungen, dennoch: dass es eine Art Kriegstagebuch werden würde, hat die Autorin, wie der Elif-Verlag in seiner Werbung für den Band richtig bemerkt, nicht ahnen können.
Kaum ein erbauliches Ereignis findet sich unter den Top-Meldungen des Jahres 2014, einzig der Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft unterbricht vielleicht den Strom der Gefechte und Hiobsbotschaften.

Anke Glasmacher ist eine äußerst präzise Beobachterin: distanziert und in höchstem Masse zu Reflektion und klugen Übertragungen fähig. Dies lobte ich schon in ihrem vorigen Band. Wie dort sind die Gedichte in Zwanzig/vierzehn eher kurz, eher prägnant. Kryptische Metapherkaskaden und Bilderfluten sind Anke Glasmachers Sache nicht. Was auf den ersten Blick schlicht erscheinen mag, ist höchst durchdacht und individuell.
Man bedenke: für jeden Text standen höchstens 24 Stunden zur Verfügung und zahlreiche Themen wiederholten sich im genannten Jahr allzu oft auf beklemmend unschöne Art und Weise. Wie oft steht der „normale“ Tageschau-Seher sprachlos vor dem Gesehenen? Wie wenig Verlässliches wissen -bei aller Geschwätzigkeit- unsere „Experten“ zu Krim, Griechenland oder IS-Terror beizusteuern. Dies im Hinterkopf ist es höchst erstaunlich, welch breiten Rahmen an Formen und Ansätzen Anke Glasmacher in diesem Band findet.
Mal bleibt sie nah am Thema, mal wählt sie die Übertragung. Ihr sehr präziser, an der Kamera geschulter Blick lässt sie in Details und Sekundenaufnahmen aussagekräftige Wahrheiten finden. Sie hält Einzelheiten fest, die im Großen und Ganzen unterzugehen drohen, meidet jede Polemik oder Anklage- bleibt immer, zu was ihr schriftstellerischer Impuls sie bestimmt hat: Beobachterin, Individuum mit einem persönlichen Assoziationsrahmen. Sehr wohltuend.

Formal und thematisch gibt es einige überraschende Ansätze: Dezentes Spiel mit der konkreten Poesie, mit dem fabel- und märchenhaften und einige Sätze, die in ihrer Prägnanz zum weitverbreiteten Zitat werden müssten! Viele Gedichte in diesem Band sind nur wenige Worte und Zeilen lang. Sie verdanken dies einerseits der begrenzten Zeit, andererseits aber der Fähigkeit der Autorin, klar zu sehen– der Voraussetzung, um klar zu schreiben.

Zwanzig/vierzehn -ein Nachrichtenjahr- ist ein spannendes und äußerst gelungenes Experiment. Die Politik, die Ereignisse auf diesem Planeten, sind ein Feld der Sprachlosigkeit, der Logik und Analyse längst durch kaum erkennbare Zusammenhänge entzogen. Auch und gerade den Dichtern geht es so. In der Regel. Anke Glasmacher versucht, dies mit Mitteln der Poesie aufzubrechen. „Eine Zumutung“, schreibt der Verlag. Dies gilt ausdrücklich für die Autorin, deren Mut hier nicht genug zu loben ist- nicht für den Leser!

hand_feder_04

Anke Glasmacher
„Zwanzig/Vierzehn. Ein Nachrichtenjahr“
elifverlag, Nettetal 2015
228 Seiten, 14,95 Euro
ISBN: 978-3981614756

Anke Glasmacher, Jahrgang 1969, wuchs im Bergischen Land auf. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Pädagogik an den Universitäten Bonn und Köln. Sie lebte 12 Jahre lang in Berlin im Prenzlauer Berg, wohnt und arbeitet heute aber wieder in Köln. 2013 gehörte sie zu den PreisträgerInnen des Lyrikwettbewerbs postpoetry.NRW. Sie ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller und im Literatur-Atelier Köln.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter -, Rezensionen

Konzert ohne Dichter, Klaus Modick

modickMal wieder ein Bestseller.
Konzert ohne Dichter von Klaus Modick ist ja wirklich auch mal beim Leser sehr erfolgreich. Wie immer bei Modick, (Jahrgang 51) der jetzt wieder in seiner Geburtsstadt Oldenburg lebt, ist der Stil süffig, aber nicht ohne literarischen Anspruch und -wie auch schon zuvor- greift der Autor bei seinem Stoff auf reale Geschehnisse und reale Figuren zurück. Konzert ohne Dichter nun könnte DER große Worpswede- Roman werden, denn alle dort angesiedelten und heute noch verehrten Maler sind darin porträtiert. Heinrich Vogeler, der als Hauptfigur fungiert, Overbeck, Modersohn und Frau, die Bildhauerin Clara Westhoff und eben auch ihr prominenter Ehemann: Rainer Maria Rilke, dessen „Freundschaft“ und Verbindung zu Vogeler im Zentrum steht.

Vogeler, der immer wieder über sein „Meisterwerk“ DAS KONZERT resümiert, weiß, dass gerade dieses Bild ein Problem hat. Er stellt fest, dass er Musik nicht malen kann und fragt sich, ob das überhaupt möglich ist. Dass Rilke aus diesem Porträt der engsten Vertrauten getilgt ist, hat ebenfalls seinen Grund….Ein wenig hat Modick das gleiche Problem, wenn er versucht, über Malerei zu schreiben. Das Übertragen eines künstlerischen Mediums in eine anderes hat eben seine Tücken. (Wie sagte schon der große, wenn auch völlig anders geartete William Burroughs: Über Musik schreiben ist wie über Architektur tanzen“) Und so gerät manche Passage über die Bilder Vogelers und seiner Kollegen etwas zu sehr in Richtung Bildbeschreibung in der Schule. Aber seine Landschaftsbeschreibungen, seine Charakterisierung Rilkes und Vogelers, auch die der vielen Nebenfiguren und sein Porträt der Zeitumstände sind durchaus gelungen und unterhaltsam.

Heinrich_Vogeler_SommerabendÜberhaupt gefällt mir das alles recht gut- zumal ich eine Neigung zu Romanen mit realen Hauptfiguren habe, wie Ihr bereits festgestellt haben dürftet. Kompositorisch arbeitet Modick mit den Erinnerungen des bereits berühmten Vogelers, der allerdings erste Zweifel an seinem Konzept des künstlerisch völlig durchstilisierten Lebens hegt. Es gibt geschickt eingeflochtene Rückblicke und über Recherche brauchen wir bei Modick gar nicht reden- das ist alles sehr gut und gründlich gemacht. Und Rilke kommt herrlich unsympathisch, fast durchtrieben und wie ein Scharlatan herüber- wenn auch sein lyrisches Genie unangetastet bleibt. Die Sympathie, bei allen Schwächen, liegt eher bei Vogeler. Ich höre allerdings schon Kritiken, denen das alles zu viel norddeutsches Idyll ist, zu viel Flora und Fauna, zu viel Plattdeutsch. „Landlust-Literatur“ -Das hatten wir ja gerade bei Jan Wagner! Aber: Es muss ja nicht alles immer so berlin sein…. Oder?

Mein Fazit lautet: eine angenehme, handwerklich großartige Lektüre mit zeit-, kunst- und literaturgeschichtlichem Hintergrund. Wie schon bei Modicks Roman Sunset über Lion Feuchtwanger schätze ich seine Fähigkeit, genaue Recherche und interessante Charakterstudien zu verbinden, Zeit- und Milieuporträts zu schaffen, die Lust auf weiterführende Lektüre machen. Mit Konzert ohne Dichter im Gepäck sollte man natürlich einmal ins Teufelsmoor fahren, um es an den Originalschauplätzen zu lesen- ob es nun die, wie die Werbung es nennt: Chronique scandaleuse des Künstlerdorfes ist, sei dahingestellt. Dafür fehlt es wohl doch an sensationellen neuen Enthüllungen- aber braucht es die immer?

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter -, Rezensionen

Frühling = Lesezeit -4 neue Titel, kurz & knapp-

Auch der Frühling mit der Leipziger Messe und seinen zahlreichen Neuerscheinungen ist LESEZEIT! Durch diese 4 neuen Romane fraß ich mich in den letzten zwei Wochen- zum Teil gefesselt, zum Teil latent unbefriedigt, mitunter begeistert. Kurze Resümees:
wolf
Angetan war ich bei Julia Wolfs Roman: Alles ist jetzt, erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt, besonders von den sprachlichen Fähigkeiten der Autorin (*1980). Kurze, prägnante Sätze, die dennoch biegsam und variantenreich daherkommen. Die Geschichte der jungen Protagonistin ist von Enttäuschungen geprägt: vom Vater früh, von der Mutter dauerhaft enttäuscht, vom Freund lieblos zurückgelassen, lebt sie ziellos und scheinbar Gefühle vermeidend vor sich hin. Als einziger Anker und Anlehnungspunkt fungiert der Bruder. Großartige Szenen, wie etwa das Treffen mit dem längst neu verheirateten Vater im Café, bei dem sie heimlich und vom in völlig anderen Gedanken verstrickten Vater unbemerkt, den ihr mitgebrachten Nelkenstrauß verspeist;- oder einige Schilderungen eines Besuches bei der absolut unerträglichen, alkoholkranken Mutter. Auch die als Kontrast durchaus geeigneten skurrilen Szenen im Live-Strip-Club, in dem Wolfs Protagonistin ihr Geld an der Bar verdient, sind generell gut gedacht.
Im Grunde sind die merkwürdigen und bunt gewürfelten Charaktere dort auf gewisse Weise ihre eigentlich Familie- bis auch diese sie verrät. Am Ende steht ein Aufbruch.
Sicher bin ich mir nur nicht, ob Entwicklungsgeschichten junger Frauen immer derart stark auf (oft gefühlsentleerten und derben) Sex fixiert müssen; von Drogen einmal abgesehen. Hier fühlte ich mich stellenweise alt und provinziell. Aber Julia Wolfs Beobachtungsgabe und sezierende psychologische Darstellung menschlicher Defizite hat mich beeindruckt.

pofalla

Alt und provinziell hätte ich mich auch bei Boris Pofallas Roman Low (Metrolit) fühlen müssen. Der Autor, geboren 1983, studierte Kunstgeschichte und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, ist Autor und Kunstkritiker der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und schreibt außerdem für das Kunstmagazin Monopol.
Die Verlagswerbung fragt dann auch sinngemäß, ob man noch eines weiteren Berliner Szene-Roman von einem jungen Journalisten bedürfe und beantwortet dies mit Ja: Wenn er derart gut gemacht sei wie Pofallas Debüt.
Tatsächlich dachte ich auf Seite 118, ich habe nun genug Berlin und Drogen gehabt- aber die Geschichte des Ich-Erzählers, der auf der verzweifelten Suche nach seinem urplötzlich verschwundenen Freund und Mitbewohner von a nach B irrt und C und D und E und F trifft, ließ mich letztlich doch nicht los. Das liegt gar nicht so sehr daran, dass ich unbedingt wissen wollte, was mit eben diesem Moritz, um den alles kreist, geschehen ist, sondern an Pofallas flüssiger und lakonischer Sprache, die frisch und echt herüberkommt. Trotz ständiger Szene-Partys mit reichhaltigem Drogen-Buffet, abgedrehten Charakteren aus dem Club- und Künstler-Milieu, wirkte Pofallas Erzähler auf mich authentisch und interessant- vielleicht eben WEIL er zwar schnupft und raucht und schluckt, was kommt-sein Antrieb aber ein zutiefst verständlicher und „normaler“ ist: er sucht seinen sehr sehr engen Freund, an dem er sich abglich, an dem er wuchs und der ihm Halt gab. Die Andeutungen einer gewissen Homoerotik wollen nicht unterschlagen sein, bleiben aber unklar; ebenso wie Moritz` letztendlicher Verbleib.
Als Fazit bleibt: auch wenn für mich, als westfälischem Wohngebiets-Eremiten, die Beschreibungen der hippen Berliner Großstadt immer ein wenig wie Feldforschungen eines Anthropologe bei mir völlig fremden Stämmen wirken, hat mich das alles unterhalten und stellenweise auch berührt. Auch hier steht am Ende ein Aufbruch.

wlad

In gewisser Weise lag mir da die Lebenswelt von Doris Knechts Protagonistin Marian in Wald (Rowohlt Berlin) deutlich näher. Hier geht es zunächst nicht um einen Aufbruch- vielmehr um einen Rückzug. Nach Gruber geht und Besser ist Wald Knechts dritter Roman. Marian war eine aufstrebende Mode-Designerin mit eigenem Label, Freunden, einem gewissen Erfolg und all den Attributen, die man modernen Großstädtern zuschreibt: einer schicken Wohnung, einem ökologischen Bewusstsein und einer gewissen Nervosität- bis die Krise kam. Stück für Stück muss Marian alles opfern; schlecht beraten von ihrem Finanzberater und zu lange blind für die verheerende Situation geht alles den Bach runter. Letztlich bleibt ihr nichts als das ererbte Häuschen ihrer Großmutter auf dem Dorf, mitsamt dem Eingemachten und etwas Land als Refugium. Hier, von den Dörflern angefeindet, ausgehalten vom hochangesehenen Landbesitzer Franz, dem sie bald gegen Schutz und gelegentliche Hilfestellung sexuell zu Diensten ist, verbringt sie zunächst einen schlimmen Winter, lernt nur allmählich, sich mit Erde, Angel und Flinte selbst zu ernähren und die Einsamkeit zu schätzen. Hier, in Rückblicken auf ihr früheres Leben, reflektiert Marian ihre Herkunft, ihre Karriere und die Fehler, die sie hierher geführt haben.
Zunächst könnte man an Haushofers Wand denken -schließlich trennt die Wand vom Wald nur ein Buchstabe, aber dies ist ein völlig anderes Buch. Letztlich geht es fast weniger um Marians Zurechtkommen im Wald, der m.E. etwas kurz kommt, als um Marians Antriebe und Entwicklung.
Ich mag Doris Knechts manchmal bissige, manchmal harte und manchmal spielerische Sprache sehr, finde aber, dass sie das logische Herauswachsen eines Charakters aus der eigenen Familiengeschichte und die Verstrickungen des sozialen Miteinanders in ihrem vorigen Roman Besser -nun ja- besser und intensiver dargestellt hat. Dennoch hat mich Wald sehr gut unterhalten und auch die Sozialkritik light, war weder peinlich noch oberflächlich, was einzig Doris Knechts Können geschuldet ist. Hilfreiche Tipps zum Überleben in der Wildnis fallen folglich weitestgehend aus- aber dafür gibt es ja Rüdiger Nehberg! In Wald bekommt man dafür ein feines Porträt einer Gescheiterten, die letztlich etwas findet, in dem sie -ganz ohne fremde Ansprüche an sich selbst- zufrieden ist.

bilkau

Noch viel glücklicher bin ich mit Die Glücklichen von Kristine Bilkau (*1974), erschienen bei Luchterhand. Möglicherweise, weil mir die Lebenswelt der Protagonisten vertrauter ist. Ein Paar, dann Vater-Mutter-Kind. Leise, aber genau und einfühlsam schildert Bilkau das Leben eines jungen Ehepaars, in dessen Leben mit dem Nachwuchs viel Freude, aber auch neue Herausforderungen treten. Gar nicht so sehr finanziell; auch das wieder Ankommen im Beruf, das Familienpolitische ist nicht so sehr Thema, wenn es auch geschildert wird, denn die Stadt, die Welt ist nichts für Versager! M.E. mehr im Zentrum stehen die Veränderungen in der eigenen Wahrnehmung, der Wahrnehmung des Gegenübers und die Frage nach der Definition der eigenen Person in den verschiedenen Rollen. Ein weiterer Strang sind die beruflichen Nöte der beiden. Isabell ist Cellistin in einem Orchester, aber seit Längerem von körperlichen Einschränkungen geplagt, die ein Andauern ihrer Karriere bedrohen. Georgs Zeitung ist defizitär und auch hier schwelt es. Aber Die Glücklichen hebt nicht vordergründig auf Gesellschafts –oder Globalisierungskritik ab, sondern fixiert sich auf das Persönliche, was mir außerordentlich gut gefällt. Es ist ein Familienroman, im Sinne der Darstellung der ehemals heiligen Dreifaltigkeit von Mann/Frau/Kind, aber auch im Aufbröseln der Generationen davor und deren Antriebe. Während Isabells Mutter sich früh abgesetzt hat, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen, in dem die Tochter kaum vorkommt, bemüht sich Georg um seine mittlerweile kränkliche und vom Verlust des eigenen Geschäftes geprägte einsame Mutter. Eine weitere Rolle erwachsener Kinder, unmittelbar angehängt an eine Zeit als Märchenpaar ohne weitere Bindungen. Leben mit Kind oder Kindern, die plötzliche und ungefragte Einbindung in einen „Verein“, von dem man gar nicht weiß, ob man sich dessen Statuten fügen oder sich daran orientieren will; das Dürfen und Müssen, das Bild der „guten“ Mutter oder des „guten“ Vaters und die Erwartungen des „Draußen“ , sich bei aller Verschmelzung als Person nicht zu verlieren, letztlich die Liebe mit Zusatzfunktion- all das sind Themen, die dieser Roman großartig angeht und umsetzt. Isabell und Georg wollen es „gut“ machen, aber wer definiert gut? Diesen Frühling bisher mein Favorit!

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter -, Rezensionen

Bilder deiner großen Liebe von Wolfgang Herrndorf

bilderDie Zeitungen habe ja ausführlich darüber berichtet: aus dem Nachlass von Wolfgang Herrndorf wurde kürzlich das Fragment Bilder deiner großen Liebe veröffentlicht.

Herrndorf, dem seine Krankheit nicht genug Zeit und Kraft ließ, um den Roman zu vollenden, hatte sich selbst einen Co-Autor vorgestellt, der das Ganze fertigschreiben sollte. Da sich aber keiner seiner Freunde und Kollegen dazu in der Lage fühlte und alle der Ansicht waren, ein Buch von Wolfgang Herrndorf müsse nur von Wolfgang Herrndorf geschrieben sein, wurde das vorhandene Material von zwei Herausgebern behutsam geordnet und  eingepasst.

In einer Mail benannte der Autor das Werk selbst als „Tschick-Fortsetzung aus Isas Sicht..“ (wer sich erinnert: Isa ist in Tschick das Mädchen auf der Müllkippe) als solche würde ich Bilder deiner großen Liebe nicht unbedingt betiteln. Es ist keine Fortsetzung im Sinne von: „hier geht die Geschichte weiter…“ Vielleicht wäre der Begriff Variation besser. Eine Nebenfigur bekommt den ihr zustehenden Freiraum. Natürlich kommen Maik und Tschick aus dem Ursprungsbuch vor, aber nur in einer Szene, die wir aus anderer Sicht bereits daher kennen.

Der Roman ist ein Fragment. Das merkt man und es wird im Nachwort und im Untertitel bereits deutlich darauf hingewiesen. Es gibt einige logische Fehler und merkwürdige Verschiebungen in der Chronologie und den Örtlichkeiten. Journalisten und Germanisten habe sie bereits aufgelistet, aber das tut nichts zur Sache.
Interessant ist allerdings -Herrndorf hat es in seinem Blogtagebuch selbst vermerkt- wie perfekt die Konzeption Road-Movie einer unzuverlässigen Erzählerin dem Fragmentarischen zuspielt. Der Autor konstatierte selbst: Keine Komposition nötig….Es stimmt: die Szenen, durch die wir Isa begleiten, könnten auch anders aufeinander folgen, anders zusammengestellt sein. Da es außer dem „in Bewegung sein“, denn Isa flüchtet zu Beginn aus der Psychiatrie, keine weitere, große Bögen schlagende Handlung gibt, funktioniert das blendend.

Wie schon im „Mutterbuch“ Tschick hat Herrndorf es geschafft, skurril/liebenswürdige Charaktere aus der abseitigeren Kategorie zu erfinden und sie treffend und mit wenigen Strichen zu typisieren,  ohne sie ins Lächerliche zu ziehen. Der Fernfahrer, der Isa ein Stück mitnimmt und sich, während sie die im LKW leidenden Schweine tränkt, bei ihrem Anblick selbst befriedigt; der Bankräuber/Kapitän mit seiner wunderbar (erfundenen?) Räuberpistole…selbst im Fragmentarischen großartige Figuren.

Man muss es aber sagen: Wer einen perfekt durchkomponierten Roman erwartet oder eben ein gleichwertiges Tschick 2.0, wird vielleicht enttäuscht sein. Dafür fehlt es an Dramaturgie, an Breite und Tiefe. Aber auch gerade DAS hat seinen Reiz: Isas Geschichte bleibt schwebend, offen- durch ihre ständige Lügerei und ihre Tagträumereien sind auch die Fehlstellen und Unklarheiten auf merkwürdige Weise stimmig.
Ich staune, we ein todkranker Autor in der Lage war, einen derart treffenden Ton zu finden und Figuren und Bilder zu kreieren, die viele viele andere im Vollbesitz ihrer Kräfte nicht annähernd so hinbekommen. Beinhahe rührend: das Selbstporträt des Autors als Mann mit grüner Trainingsjacke, der Isa auf dem Friedhof begegnet. Überhaupt ist das Mädchen mit ihren Gedanken über den Tod und dessen Umstände hier durchaus zu einem Sprachrohr des sterbenden Autoren geworden.https://i0.wp.com/cdn4.spiegel.de/images/image-537073-panoV9-upgm.jpgWolfgang Herrndorf

Für mich, der ich Tschick sehr mochte, war Bilder deiner großen Liebe ein Muss und ich bin nicht enttäuscht worden. Ich merke sogar, dass mich gerade das inspiriert, was nicht mehr fertig geworden ist. In diesem kleinen Buch steckt ein Großes, das wir nie werden lesen können..ein Schatz- und dem nachzuspüren, ihn in Andeutungen und Spuren schon zu erahnen, ist der Reiz.

So sehr ich perfekt durchkomponierte Literatur bewundere- Texte, in denen kein Wort zuviel und keines zu wenig ist und in denen jede Nuance stimmt: das Spekulieren, wie groß Herrndorfs Buch hätte werden können, wenn er über genug Zeit und uneingeschränkte Gesundheit verfügt hätte, ist für mich persönlich fast interessanter als das bloße Feststellen von Perfektion.

Ich merke nach der Lektüre, dass ich große Lust hätte, mehr Fragmente zu lesen: unfertige, abgebrochene und verworfene Manuskripte- in vielen kann etwas Gutes sein, dass vielleicht niemals seinen Weg in ein vollendetes Werk gefunden hat. Ich bin sicher: man könnte aus solchen Texten ebenso viel über das Schreiben und die Literatur lernen wie aus fertigen Werken.  Ich mag verrückt sein…aber wie Isa in einem wunderschönen ersten Satz sagt: “ Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist und nicht bescheuert.“

 

3 Kommentare

Eingeordnet unter -, Rezensionen

Clemens Setz: Die Vogelstraußtrompete -Gedichte-

Noch mehr aktuelle Lektüre:

Heute möchte ich mich kurz einem Gedichtband zuwenden: Clemens Setz` Die Vogelstraußtrompete, erschienen bei Suhrkamp im März 2014

https://i0.wp.com/s3-eu-west-1.amazonaws.com/cover.allsize.lovelybooks.de/Die-Vogelstrau%C3%9Ftrompete-9783518424162_xxl.jpg
Clemens Setz, geboren 1982 in Graz, ist bisher schon als Erzähler auf große Resonanz gestoßen, unter anderem schaffte es sein Roman Indigo auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises, nachdem sein Erzählband Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes 2011 den Preis der Leipziger Messe erhalten hatte.
Setz ist überdies als Übersetzer tätig und schreibt für die Literaturzeitschift Volltext die wunderbare Reihe Nicht mehr lieferbar, in der er Einblicke in seinen völlig abseitigen und obskuren privaten Literaturkanon gewährt.

Ob einige der Texte in seinem Band: Die Vogelstraußtrompete nun wirklich Gedichte sind, sei dahingestellt. Die Definition der Form ist mittlerweile so breit gefaßt, dass ich diese Diskussion gar nicht erst eröffnen möchte.
Man findet durchaus einiges geverstes und gestrophtes, aber weder klassischen Fundus lyrischer Mittel: Klang, Rhythmus- Wortmusik eben; noch den modernen Ansatz der absolut modernen Form an der Grenze des Verständlichen, sollte man  unbedingt erwarten, wenn man sich der Lektüre widmet. Setz ist eigen, beinahe sein eigenes Genre- auch in seiner Lyrik.

Überwiegend bleibt Setz doch prosaisch, oder besser: es sind die prosaischeren Texte, die mir besonders in Erinnerung bleiben. Der Autor verfügt über einen Hang zum Absonderlichen, Nicht-Alltäglichen und Obskuren, das weiß Jeder, der sich z.B. mit seinen Romanen befasst hat. Sein Bezugsgebiet ist literarisch weitläufig abgesteckt. Er spürt Fakten, Anekdoten und Namen aus der etwas weniger kanonisierten Seite der Geschichte nach, er bezieht Comic-Strip und Lexikon-Artikel als Stoff heran und pflegt als Hobbies vermutlich die ausgedehnte Lektüre alter Nachschlagewerke und der weniger aufgerufenen und zweifelhafteren Wikipedia-Artikel.
Aus diesem Fundus zieht er zielsicher Fetzen, die auf ihre Weise einen verwirrenden und manchmal verstörenden Blick auf die Welt an sich der allgemeinen Übereinkünften folgenden Version hinzufügen. Und das passiert lakonisch, ohne großen Seher-Gestus, dafür mit einem genauen Gespür für die Pointe und mit Witz.
Ich möchte als Beispiel nur mein Lieblings-gedicht heranziehen:

Über Papageien

Kinderlose Papageien
die frei in der Wohnung fliegen
beginnen manchmal Schuhe zu füttern

Sie halten sie für offene Schnäbel
und sammeln Körner für sie

Kein noch so hochhackiges
fremdes Paar Stiefel
das nur eine Nacht hier stehen blieb
muss leer nach Hause gehn

Ich habe es nicht geprüft, ob Papageien dies wirklich tun und habe auch keine einschlägige Erfahrung damit. Wenn ich aber an die Quellen denke, die zur Überprüfung nötig wären und an mögliche Forscher, die sich genau diesem Feld gewidmet haben könnten, finde ich mich damit automatisch mitten in der Setz`schen Welt wieder. 
Und: ich hätte gern, dass derartige, hier in großer Fülle angeführten, Fakten wirklich Fakten wären und sich häufiger gegen das durchsetzten (schönes Wortspiel!), was wir täglich in den Medien sehen.

Trotz seines -lyriktypisch- schmalen Umfangs ein Bändchen, in dem man beim Hin- und Herblättern immer wieder etwas Neues entdeckt und schmunzelt. Sehr anregend, sehr lesenswert.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter -, Rezensionen

Marlene Streeruwitz Nachkommen.

https://i0.wp.com/www.fischerverlage.de/media/fs/15/u1_978-3-10-074445-6.jpg

Noch mehr aktuelle Lektüre:

Beim ersten Versuch gab ich die Lektüre des neuen Streeruwitz-Romans auf Seite 20 auf, da mir der Stil der Autorin unheimlich auf den Zeiger ging. Streeruwitz. Schreibt bevorzugt. Schreibt ein. Oder zwei-Wort-Sätze. Mit ziemlich. Ziemlich gewagter Interpunktion.So ähnlich. Das ließ mich abbrechen.
Beim zweiten Versuch allerdings staunte ich, wie sehr mich plötzlich die Geschichte packte, die sich nach und nach entspinnt und wie sehr mich das die gelegentlichen, natürlich bewußt eingestreuten stilistischen Stolpersteinchen vergessen ließ.

Die junge Neila Fehn hat einen Roman geschrieben. Ziemlich autobiographisch. Inspiriert durch die Liebe zu ihrem griechischen Freund, der ganz offenbar bei politischen Protesten verletzt wurde. Aber dieser Strang bleibt recht dünn.
Wichtiger ist die Beschreibung der turbulenten Messetage und Nelias Reflexionen über den Preis und den Betrieb an sich.
Die im „Business“ sehr verehrte, mittlerweile verstorbene Mutter, ebenfalls Autorin, schwebt über allem und wie aus dem Nichts taucht Nelias Vater wieder auf, zu dem sie praktisch nie Kontakt hatte. Nelias Roman landet gleich auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

die Familiengeschichte, in der auch die Großeltern eine Rolle spielen, wird natürlich von Verwicklungen und Verwirrungen um die Rollenbilder und Erwartungen im familiären Geflecht geprägt, interessanter blieben mir allerdings die Überlegungen Nelias zum Schreiben an sich.
Was bedeutet dieser Preis? (den sie übrigens nicht bekommt)Was bedeuten Bücher, Romane, Literatur und der ganze dazugehörende Betrieb überhaupt und besonders heute, wo Büchermachen nur EINE von tausenden Möglichkeiten für einen jungen Menschen wie Nelia ist, sein Leben zu gestalten.
Ist Literatur überhaupt noch relevanteses Medium, wenn man sich in die Welt und ihr Geschehen einbringen will.
(siehe Griechenland/Ukraine/Naher Osten etc etc. Sind das Konflikte, die man mit Büchern löst?)

In einem Buchmessen-Interview wird Nelia danach gefragt und sagt, zum Schrecken des Journalisten und des Publikums, einige sehr kluge Sätze oder besser: fragt selbst.
Warum sie das mache, Bücherschreiben, ist z.B. eine Frage.
Sie wisse es nicht, antwortet Nelia. Vielleicht sei es die Suche nach dem Lebendigen. Literatur. Das sei doch eine antistatistische Maßnahme. Eine antidatensammlerische Maßnahme. Da verbänden sich Daten zu einer konkreten Geschichte und nicht zu einer Tabelle. Literatur kann der Person gerecht werden.

Dieser Ansatz hat mir zu denken gegeben. Ich kann unterschreiben und betonen, dass Literatur, dass Kunst an sich, einen Keim von Freiheit in sich trägt, wenn man nicht für Bestseller-Listen oder Preise schreibt, keine Markterwartungen möglichst eins-zu-eins zu erfüllen versucht. Literatur ist nichtauszurechenen, Fiktion nicht vorhersehbar und die Einfälle eines Autoren/einer Autori nicht wirklich statistisch kalkulierbar. Jede Beschäftigung mit Kunst, bleiben wir hier bei Literatur, trägt einen subversiven akt in sich, das sehen wir am Ugang totalitärer Regime mit Künstlern nur allzu gut.

Nachkommen. hat mich folglich inspiriert und mir zu denken gegeben, und das ist nicht wenig. Noch dazu hat es mich unterhalten. Fern ist es allerdings von dem, was die Presse zum Teil schreibt: dass es sich hier um einen Schlüsselroman zum Literaturbetrieb handele. So bissig die Seitenhiebe auf diese sich selbst bespiegelnde Branche am Rand des Abgrunds auch sind- es bleibt letztlich nur ein Setting, vor dem m.E. andere und wichtigere Themen verhandelt werden.

Nachsatz:
Nun äußert sich Frau Streeruwitz in der Presse auch zum realen Deutschen Buchpreis und unterschreibt die aufgekommenen Vorwürfe, er sei männerdominiert und sie betrachte jede Jury-Entscheidung als falsch. Denn erhielte eine Frau den Preis, dann nur, um das Patriarchat zu verhüllen, das wiederum sein wahres Gesicht zeigt, sollte der Preis an einen Mann gehen.
Christopher Schmidt kommentiert das in der Süddeutschen Zeitung von heute mit den Worten: „Irgendwas fehlt immer. Im Moment der klare Verstand.“ Nun ja. Schmidt rechnet übrigens auch vor, dass der Preis seit seinem Bestehen sechs Mal an Frauen und drei Mal an einen Mann vergeben wurde.
Meines Erachtens sollten wir allerdings lieber über den Roman der Streeruwitz und Nelia Fehn und deren höchst interessante Weltsicht reden. Das Buch hat es verdient!

 

 

 

 

4 Kommentare

Eingeordnet unter -, Rezensionen

Karl Ove Knausgård- Gedanken zu STERBEN

Kurz: Karl Ove Knausgård? Was meint IHR!?
Mega-Erfolg, sehr viel positive Presse, aber literarisch?
Hopp oder Topp?
Bin kurz vor Ende der Lektüre von Sterben noch etwas unschlüssig.

https://i0.wp.com/s.gullipics.com/image/5/4/d/7rxecm-kljcti-nkkj/sterben.jpeg

Ich möchte meinen noch etwas unentschiedenen Eindruck noch ein wenig präzisieren:

Kurz: Der Roman stellt den 39jährigen Autoren praktisch in der Gegenwart der Niederschrift vor und greift Erlebnisse auf, die bis in seine Kindheit zurückreichen. Angestoßen ist der Rückblick massgeblich vom kürzlichen Tod des Vaters und der Auseinandersetzung mit ihm. Der eigene Charakter wird ausgelotet, in Abgleichung mit den Mitgliedern der eigenen Familie und anderen Personen.

Inwieweit Knausgards Buch als Roman zu bezeichnen ist, wäre meine erste Frage. Denn, so ist zumindest der Anschein und Anspruch, in der mehrbändigen Reihe geht es nicht um gelungene und inspirierte Fiktion, sondern: um die Wahrheit- nicht mehr und nicht weniger. Der Protagonist heißt Karl Ove Knausgard, sein Vater ist: sein Vater, sein Bruder: sein Bruder und so weiter. Zeiten, Orte Ereignisse- alles ist in der realen Biographie des Autors zu finden. Also ist es ein autobiographischer Roman, könnte man sagen. Die Abgrenzung zur Biographie liegt hier im Stil, der weniger auf Fakten, Zahlen, Daten etc. und auch nicht auf unbedinge Chronologie ausgerichtet ist, als auf Eindruck, Stimmung, Reflexion.
Das ist nicht soo besonders und auffällig, sind doch einzelne Romane und umfassende Reihen mit autobiographischem Hintergrund nichts Neues. noch recht frisches Beispiel: einige neuere Romane Uwe Timms- frühere natürlich Elias Canetti oder auch Peter Weiß` Titel aus den frühen 60er Jahren: Fluchtpunkt und Abschied von den Eltern, auch mancher Peter Handke Titel kommt in den Sinn.

Bei Knausgard ist das Ziel der Expedition die Innenwelt. Bei ihm geht es, im Gegensatz zum Beispiel zu Canetti, nicht auch um die Darstellung der Aussenwelt und geschichtlicher Zusammenhänge. Kein weltgeschichtliches Ereignis wird erwähnt, keine Namen von Politikern oder ähnlichem. Natürlich gibt es einige Bands und Künstler, die dem Autoren besonders bedeutsam waren und mehr als prägende Einflüsse verwendet werden und natürlich auch Zeitgeschichte sind, aber Dinge wie der Fall der Mauer oder der Irak-Krieg etc. kommen nicht vor. Zentrum ist hier definitiv der Autor selbst.

Ich fragte ja Hopp oder Topp. Das Problem ist, das eines der massgeblichen Kriterien beim Beurteilen eines Romans hier ausfällt. Ich erwähnte es schon: Wir können nicht fragen, ob der Autor hier eine glaubwürdige und schlüssige Geschichte erfunden hat. Denn sie ist nicht erfunden– sie ist erlebt. Auf den Anspruch, dass es sich hier um nicht als die Wahrheit geht, müssen wir uns aber erst einmal einfach verlassen.
was natürlich weiterhin ebenfalls ausfällt, ist ein Element, das die moderne erzählerische Literatur seit Längerem enorm bereichert: das Spiel mit der Wahrheit. In Sterben findet sich keinerlei Fallstrick oder doppelter Boden, der daran zweifeln ließe, dass es sich hier um eine wahre Geschichte handeln könnte. Wir alle sind schon als Leser dem ein oder anderen der momentan sehr beliebten unzuverlässigen Ich-Erzähler begegnet, der seine Geschichte erzählt, wie man sie in Wirklichkeit nun einmal erzählt: komprimiert, dem jeweiligen Zuhörer angepasst und im Laufe der Zeit jedesmal ein klein wenig anders. Ein Ich-Erzähler hat immer den Vorteil, recht schnell Identifikation beim Leser zu erreichen und ihm wird immer gerne schnell geglaubt, besonders, wenn es an anderen Stimmen fehlt. Mit dieser Doppelbödigkeit -denn der, der Ich sagt, kann ja genauso gut lügen- muss der Leser moderner Romane leben und dementsprechend lesen. Oft bekommt er konkrete Hinweise, dass es mit der Aufrichtigkeit des Erzählers vielleicht doch nicht soweit her ist oder einen zweiten, dritten Erzähler an die Seite gestellt, der das bereits erfahrene relativiert. Ich nenne hier nur mal Julian Barnes als Meister dieser Methode.
Nicht so Knausgard. – Bei ihm gibt es als die Dinge und die Welt einschätzende Instanz nur: Knausgard. Aber das ist ein Konzept und bietet durchaus einen gewissen Reiz.

Was ihn sicherlich auszeichnet, ist seine ungeheure Genauigkeit in der Beschreibung: sowohl von Dingen, Orten als auch inneren Prozessen. Dabei bleibt er sprachlich an und für sich recht schlicht. Ich habe keine einzige Stelle mehrfach lesen müssen, um sie zu verstehen. Auch der Wortschatz ist einfach, aber das passt im Grunde zu seiner offenen Darstellung einer Person, die zwar Schriftsteller, aber deshalb noch lang kein Philosoph ist und der die meisten Bücher, die er gelesen hat, genau wie die Welt nur oberflächlich verstanden hat.  Das schafft Sympathie und eine gewisse Augenhöhe. Allerdings habe ich mich hier und da gefragt, ob die wiederholte Schilderung, wie Jemand ein Fenster putzt oder einen Lappen über einem eimer auswringt anderen Autoren nicht als langweilig herausgestrichen worden wären. Über die Großmutter wird in recht kurzer Folge sicher 5 mal in exakt gleichem Wortlaut verkündet: „Das Leben ist ein Gampf“, sagte die Frau, denn sie konnte das K nicht sprechen.  Das könnte man auch maniriert nennen, darüber hinaus bekommt es etwas Zeichenhaftes, das dem simplen Faktor Sprachfehler dort im Grunde gar nicht innewohnt. Dass Knausgard selbst unter einem solchen leidet, wird nicht ebenfalls in dieser Form in seinen eigenen Sprechpassagen wiedergegeben und sollte es ein Zeichen der generationsübergreifenden Verbindung der beiden Menschen sein sollen, dann wäre der Satz: Meine Mutter litt an dem gleichen Sprachfehler wie ich oder anders herum auch ausreichend. Aber das sind Kleinigkeiten.

Naürlich ist Knausgards Anspruch groß und lobenswert und es entsteht zugegebenermassen ein enormer Sog, wenn es auch an einer Geschichte im eigentlichen Sinne fehlt. Es ist eben das wahre Leben des Karl Ove Knausgard. Ob die Wahrheit als taugliche Geschichte für einen Roman ausreicht, ist und bleibt die Frage. Auch, ob sie generell nicht kritisierbar oder anzuzweifeln ist, eben weil es die Wahrheit ist. Ob jede Zuspitzung, Schleifarbeit oder Bearbeitung an sich, die dem Text eine etwas prägnantere Aussage oder Deutungsmöglichkeit gegeben hätte, generell Verrat am Stoff gewesen wäre. Der deutsche Romancier Ingo Schulze sagte einmal in etwa: Mit dem Anspruch: Aber genau so ist es gewesen! schreibe man nicht einmal ein taugliches Gedicht, geschweige denn: einen Roman. Vor diesem Problem stünden wir hier dann wohl.

Dennoch habe ich mich in diesem Mann wiedererkannt und mit ihm gelitten. Dass er keinen allumfassend gebildeten, analytischen Geist, sondern ein sozusagen romantisches Kind im Manne darstellt, sich nicht größer macht, als er ist, eben: ehrlich ist oder zumindest zu sein scheint, nimmt mich für diesen Autor ein, der noch dazu, wie schon erwähnt, über eine außerordentliche Wahrnehmungsgabe und Wiedergabefähigkeit verfügt.
Ihr seht, mein Eindruck ist zwiespältig und ich habe Kritikpunkte- allerdings habe ich dieses Buch mit knapp 600 Seiten in 2 Tagen gelesen, lesen müssen!, denn der Sog des Ganzen ließ mich nicht los. Allein das spricht für ihn, wenn auch oben ausgeführte Punkte mich an der ganz großen Qualität und Bedeutung, die von der Werbemaschinerie ausgerufen wird, etwas zweifeln lassen.

Aber eventuell habe ich auch Aspekte völlig überlesen und manches in den falschen Hals bekommen. Wenn ihr das anders seht- ich freue mich auf Eure Meinungen……………….

7 Kommentare

Eingeordnet unter -, Rezensionen