Archiv der Kategorie: prosaisch

Sketches of pain X

 

 

junge

Ein Kind von 20 Jahren

Was war man, ist man denn anderes?
Obwohl der Glaube, in irgendeiner Weise erwählt zu sein, langsam schwindet, fühlt sich das nicht schlimm an. Immer noch ist man sich gewiss, dass einem eine große Zukunft bevorsteht. Man empfindet sich immer noch als soviel reiner, frischer und beweglicher als die anderen und dass man je genau so müde, gehemmt und verstrickt in vermeintliche Verpflichtungen sein wird, scheint undenkbar. Noch fliegt einem alles zu und es gibt viel Wohlwollen einem gegenüber, immer im Hinblick –anders ist es nicht zu erklären- auf die Fähigkeiten, die man in ihm sieht. Man ist sich sicher, gar kein Zweifel, gut gerüstet zu sein und auf der richtigen Seite. Das Anderssein ist nicht mehr so bedeutsam wie noch vor ein paar Jahren. Anknüpfungspunkte an die Normalität der Anderen sind nun in Ordnung und lose mit der Masse verknüpft zu sein ist sogar ganz reizvoll. Man kommt zurecht damit und meistert die ein oder andere schwierige Stelle gut. Eine schlafwandlerische Sicherheit zeigt einem, wie man sich zu verhalten hat, um nicht sonderbar zu erscheinen und doch seine Besonderheit nicht zu verlieren. Man wird für etwaige Ecken und Kanten sogar geschätzt, sie machen einen aus und man weiß das Extreme noch im Repertoire, aber auch, dass man es nur noch in Notfällen brauchen wird; ahnt schon den Luxus, es nur noch nach Laune als charmante Exaltiertheit einsetzen zu können. Man gewinnt und verliert sogar nicht ungern, da man der Überzeugung ist, auch Niederlagen machten Einen irgendwie noch stärker. Geld ist noch nicht wichtig. Vielmehr ist keines zu haben eine Form von Freiheit.

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Ein Kind von 30 Jahren

Was war, was ist man denn anderes?
Man hat gelernt, weiß eine Menge mehr und seine eigenen Fehler und Überspanntheiten von damals sind einem peinlich. Man leugnet sie. Weisheit ist noch ein Ziel. Vieles ist schwieriger als geglaubt, doch man hat Wege gefunden, das Ein oder Andere dennoch zu erreichen. Manchmal muss es ein Kompromiss tun, eine Vorstufe oder Abstufung von dem, was man anvisiert hatte. Man erinnert sich daran, dass es gut ist, zuzugeben, dass manche Ziele falsch waren und das Umkehren keine Schande ist. Man merkt, dass einiges auf einem lastet, aber kann noch locker damit umgehen. Die Kraft ist da und man ist sogar belastbarer und beweglicher als früher, da das Korsett der eigenen Vorstellungen flexibler ist. Wohltuend ist die Erkenntnis, dass das kein Verlust ist. Man kann besser mit dem Zufall umgehen und erkennt ihn auch als Solchen. Man kann besser über sich selbst lachen. Die Ängste sind etwas mehr geworden, aber ihnen folgt fast immer ein Kraftzuwachs aus zum Teil unerwarteten Quellen, der das wieder auffängt. Man weiß eigentlich, dass man nichts Besonderes ist und das schmerzt weniger als erwartet- unter den Anderen einer der Besseren zu sein, reicht völlig und dieser gesunkene Anspruch macht vieles einfacher. Auch Verzicht fällt leicht, aber man glaubt durchaus noch, man würde irgendwann irgendwie belohnt werden und hätte mit Leichtigkeit den Atem, darauf zu warten, bis dahin seien die Kräfte noch lange nicht verbraucht, so dass man dann auch noch wirklich etwas davon hätte. Geld ist immer noch nicht alles, aber dass es beruhigt, hat man verstanden.

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Ein Kind von 40 Jahren

Was war, was ist man denn anderes?
Nichts ist mehr eindeutig. Während man vor Jahren noch überzeugt war, später immer noch daran glaubte, dass sich mit den zurückgelegten Jahren alles ordnen würde, ist nun klar, dass nichts einfacher wird, nur weil man älter ist. Erfahrung ist nützlich, aber nicht entscheidend. Mittlerweile kommt es einem eher so vor, als würden unbedarfte Anfänger mühelos an Einem vorbeiziehen. Alles hat mehrere Seiten und nur wenige davon sind risikolos oder schön, immer gehen eine Menge mögliche Komplikationen mit jeder kleinen Aktion einher. Weisheit und Klarheit sind mit den Jahren eher unerreichbarer geworden, gerade weil die Erkenntnis facettenreicher und nuancierter geworden ist. Zweifel kommen auf, ob gemachte Fehler aus der Vergangenheit noch so ohne weiteres korrigierbar sind und ob man in der Lage ist, genau die gleichen in der Zukunft zu vermeiden- von ganz neuen Fehlern ganz zu schweigen. Das Anderssein wird mitunter zum Hindernis, man versucht, es eine Privatsache sein zu lassen, es auf diese Weise am Leben zu erhalten und fährt mitunter im Alltag lieber im Windschatten, weil dort leichter vorankommen ist. Vieles geht auf Autopilot, wobei man nicht sicher ist, ob das gut ist, denn der Reiz des jedes Mal neu Probierens geht damit verloren. Aber es schont die Kräfte, die sich in ihrem wirklichen Umfang fast nur noch in Extremsituationen zeigen, die man jedoch vermeidet. Ein großer Teil davon wird zum täglichen Durchhalten gebraucht. Allmählich wünscht man sich eine Erntezeit, die Belohnung für die aufgebrachten Mühen, aber will nicht vermessen sein und ist sich bewusst, dass es wahrscheinlich zu früh dafür wäre. Die eigene Wahrnehmung unterscheidet sich immer stärker von der Realität. Man glaubt sich immer noch dreißig- sieht aber weder so aus, noch wirkt man auf andere so. Die Veränderungen gehen noch zu langsam vonstatten, als dass man sie in angemessenem Tempo realisieren würde. Noch kann man darüber hinwegsehen, fühlt aber, dass etwas nicht mehr so ganz übereinander passt. Die Wichtigkeit von Geld als Grundvorsetzung für jede andere, ideelle Beschäftigung ist schmerzlich erkannt.

 

 

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Die Insel ruft….Auszeit

see

Vor diesen grauen Flächen. Vor dieser leise schwappenden See, diesem diesigen Himmel ohne jede Tiefe fühlt sich Jan erstaunlicherweise beruhigt. Grobes, unregelmäßiges Gras im klumpigen Sand, Pfützen vom gerade erst abgezogenen Regen wie große Scherben darin. Es riecht nach Meer, das heißt genau genommen, nach salzigem Schmodder und Schlick, alles andere als fein. Plärrende Kinderstimmen und polterndes Elterngeschimpfe in unattraktiven Dialekten wehen vom Spielplatz herüber. Auf der Bank links schweigt eine bärbeißige Alte mit Krampfadern ihren Bildzeitung lesenden Mann an. Von Mutterschaft und Langeweile völlig zerstörte Körper liegen in pedantisch aufgehäuften Sandfestungen mit Deutschlandflagge, am Fähranleger drängeln ältere Eltern mit ihren sportiven Hightech-Kinderwagen in der Schlange vor. Trekking-Jacken, Künstlerschals um Vertreterhälsen, gut gelaunte Männergesangsvereine aus dem Rheinland mit Fischerhemden aus dem Andenkenladen über den Bierbäuchen. Trostlos tobendes Menschengewirr in einer denkbar unwirtlichen Enttäuschung aller Sommerträume.
Das sind wir nicht. Das sind wir immer noch nicht, denkt er. Wir sind immer noch: etwas Anderes, etwas anders. Bei allen Elternabenden, allen Besuchen von Disney-Filmen, allem Kuchenbacken für den Sonntagskaffee ist das Andere nicht in der Mehlschwitze der deftigen Bratensoße ertrunken.
Anders herum war er sich bewusst, dass die jungen Leute, die er gelegentlich auf der Straße sah, ihn genauso für einen in die Jahre kommenden Mann hielten, der den normalen Weg gegangen war, Frau, Kinder, Häuschen, Kombi oder Familienkutsche, eventuell Hund oder zumindest Meerschweinchen, kleiner oder größerer Garten, auf jeden Fall weit entfernt von jeder außergewöhnlichen Haltung oder Lebensweise, ertrunken im Kompromiss und zu einem Bauchansatz neigend. Junge Eltern von Erstgeborenen Säuglingen glichen sich an ihm und Sonja ab und schworen sich, alles anders, alles besser zu machen, wenn sie zufällig Jans und Sonjas Kinder gerade streitend oder in einem bockigen Moment erleben. Das war klar. Genauso hatten Jan und Sonja es früher schließlich auch gemacht.

Perspektivwechsel, wie bei den Seebildern. Ein Streifen helles Blau oben, ein Streifen dunkles Blau unten. Ein Tag am Meer. Wenn du es auf den Kopf stellst wird es eine Nacht, mit einem dunklen Himmel und einem vom Restlicht aufgehellten Meer.
Als habe sich das Meer irgendwann für die nächsten Milliarden Jahre für das Gleiten als vorübergehenden Zustand entschieden. Er weiß ja, dass das Meer das schon ewig tut, dieses Hin und dieses Her. Wenn es still liegt, kann man sich nicht vorstellen, dass es rau und wild sein kann. Wenn es aufgewühlt Wellen an den Strand wirft, glaubt man, es wird nie wieder damit aufhören. Wenn Jan sich besinnt, weiß er, dass niemand sagen kann, ob es immer so weiter geht: Ebbe, Flut, Ebbe, Flut, ständige Wiederholung, die ja angeblich nirgendwo hinführt. Gleichmaß, Gleichförmigkeit, im ewig gleichen Rhythmus, wie Herzschlag. Fort sein, anschwellen, da sein, abschwellen. Nie für immer da, nie für immer fort. Er weiß ja, dass auch nach 1000 Seiten, nach 30, 40 oder 70 Jahren nicht alles gesagt ist. Das letzte Wort; noch nicht gesprochen, welches wird es sein? Er weiß, er kann nur versuchen, Fäden zu finden und festzuhalten, bis sich eine Art Netz bildet, einzelne Fundstücke, Knüppel von Treibgut zu sammeln und zusammenzufügen, bis das Gebaute einem Floß gleicht, auf dem man theoretisch fahren kann. Er kann nur Puzzleteil auf Puzzleteil versuchen unterzubringen und nicht zweifeln, wenn auch nach Jahren nur ein unwesentlich abgestuftes Blau zu sehen ist. Er kann nur Karte um Karte umdrehen, in der Hoffnung, das die richtige irgendwann kommt. In seinen Träumen muss er Auto fahren, stundenlang im Kreisverkehr und er tut das erstaunlich langmütig, immer daran glaubend, dass die richtige Ausfahrt irgendwann, wie aus dem nichts auftaucht und irgendwo hinführt.

Irgendwann war das Meer einfach nicht mehr rausgegangen; hatte einen salzigen blauen Fleck auf ihm hinterlassen. Immer geradeaus, auf den Horizont schauen hatte man ihm geraten, dann schwindelt es Einem nicht. Doch zu Hause fehlte immer etwas Horizontales, irgendeine gerade Linie- alle waren verstellt: von spitzwinkligen Gebäuden, Bäumen, Dingen oder Schatten von Dingen, zu viele Menschen drängten sich davor . Die Insel dagegen: ein Experiment, Biotop, Garten Eden- Spielwiese für einen versuchten Neuanfang unter Laborbedingungen. Die fehlenden Möglichkeiten: hier kein Verlust, eher die Überschaubarkeit, der Überblick ein Gewinn, die Beschränkung ein Glück. Hier war man froh über jeden abgeworfenen Ballast und hier in Dünengras und Sand verlor sich alles viel leichter. Dieses Gefühl, nicht mehr Teil zu sein; abgetrennt, abgeschieden zu sein wurde zur Gewiss- und Gewohnheit und tat wohl. Das Kleine im Großen –die Insel- bot ausreichend Platz und einen tiefen grauen Graben gegen die Geschäftigkeit zu Haus. Keine Schaufenster, die Kauf mich Kauf mich schrien, keine Zeitungen, wispernd lifestyle und Skandal. Dabei lebten sie auch daheim weit genug von den Schmelztiegeln und Brandherden, in denen es –dem Fernsehen zufolge- stets nach verbranntem Gummi und röstenden Premium-Bohnen roch. Im üppigen Gürtel der Diaspora zwischen ihnen und den Metropolen verlor sich das alles und verglomm im Grün. Bei ihnen lag, zwischen Sommerflieder und Dung, höchstens noch leicht der Geruch eines schwachen Kokelns in der Luft. Doch hier: Das Meer war ein launischer und doch verlässlicher Nachbar. Mehrfach täglich wusch er ihre Füße. Der Wind fuhr ihnen über den Mund und verbot sich Überflüssiges mit Nachdruck.

Jan sitzt auf einer Bank am Wasser und besieht die Wolken. Sie ziehen sehr langsam, sehr tief. Jan sieht ein um das andere Mal eine tiefschwarze Regenwolke, auf eine Helle folgen, beide jeweils von der sinkenden Sonne grell beleuchtet, in ihrer Farbkraft verstärkt. Und auf den Inseln scheint schon die Sonne. Jan sieht den Schwarm Möwen auf der nahen Düne unter jeder dunklen Wolke, die darüber zieht, sich nervös erheben und sich unter der folgenden Hellen wieder niederlassen. Er empfindet, an einem Bonbon lutschend, auf einmal das Glück, nichts anderes zu tun zu haben und erwartet das Endes dieses Gefühls. Er nimmt sich das erste Mal seit langem als handelnde Person mit einem Effekt wahr, als auf sein Rascheln mit dem Bonbonpapier ein dicker schwarzer Vogel neben ihm auf der Bank landet. Es ist, als probiere er ein Spiel aus, als Zeitvertreib; das Spiel, die Dinge genau anders herum zu betrachten als gewohnt. Er sieht, wie das Meer endlos Wellen an den Strand stößt, die dort schnell versanden; wie die Wolken ständig kleine, vom Wind bald aufgelöste Teile absondern, und weiß plötzlich, er hat die ganze Zeit ebenso Teile von sich abgestoßen und ist trotzdem immer noch der, der er ganz am Anfang war. Alles, was er an Selbstauslöschung und Auflösung betrieben hat, ist gescheitert. Ist er gescheitert? Er weiß es nicht. Als wäre alles, was er sich nicht zugestehen wollte, ihm heimlich gefolgt und nun, da er einen Augenblick unachtsam war, unwiderruflich zu ihm zurückgekehrt. Er weiß noch nicht, ob er das gutheißen soll, aber er weiß, er muss es nicht jetzt entscheiden und das tut ihm wohl.

 

…mit diesem Stück aus einem Romanmanuskript verabschiede ich mich in den Urlaub und wünsche eine gute Zeit!

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Über Wasser -Erzählung-

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Ihm war bewusst, dass die Leute ihn nicht liebten.
Er täuschte sie, so waren sie sicher. Aber er tat es nicht mit großer Geste, um sie von seinem Trick abzulenken und es schien ihm gleich zu sein, ob sie ihm auf die Schliche kamen oder nicht. Lieben taten die Leute nur solche Betrüger, die ihren Betrug zu verbergen versuchten und ihnen selbst die Möglichkeit der Enthüllung ließen.

Er dagegen ließ sie jederzeit nachsehen, ob sich nicht zum Beispiel verborgene Stahlseile oder Glasplatten unter der Oberfläche verbargen, die seine Darbietung ermöglichten. Vor der Show, nach der Show- es war ihm ganz egal. Er lud sie stumm mit einer Geste ein, sich zu vergewissern und sie kamen eifrig, knieten nieder, brachten die Augen auf die Höhe des Wasserspiegels, fassten ins Wasser hinein und fuhren suchend mit den Armen hindurch, bestrebt, sein Geheimnis aufzudecken. Da sie nie etwas fanden, das Anlass zu triumphieren gab und nichts, dass ihn in Verlegenheit brachte, mochten sie ihn nicht.

Es war, was ihm geblieben war. Nach seiner Rückkehr hatte er versucht, an alte Zeiten anzuknüpfen, doch es war kläglicher gescheitert als beim ersten Mal. Niemand hatte ihm zugehört und wenn er doch einmal Jemanden fand, der ihm zwei Minuten lang Gehör schenkte, winkte dieser bald ab und ging weiter. Nichts von dem, was er vermochte, war geeignet, irgendjemanden zu beeindrucken. Für sein Reden tat man ihn als Spinner ab und versuchte er mit den alten Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, seinen Worten Nachdruck zu verleihen, drohte man, ihn wegen Vandalismus oder groben Unfuges zu belangen. Da schwor er sich, von nun an alles, was ihm an Begabung mitgegeben worden war, zu unterlassen und fortzugehen.

Es waren viele andere unterwegs und er schloss sich ihnen an. Viele Wochen lebte er unerkannt unter ihnen und es war beinahe wie früher. Sie teilten ihr Essen und er hungerte mit ihnen, obwohl es ein Leichtes für ihn gewesen wäre, sie satt zu machen. Sie halfen einander und führten Gespräche. Ihr gemeinsamer Weg führte sie viele tausend Kilometer weit, in Booten über das Meer. Unterwegs verloren sie einige und er sah es schweren Herzens mit an, obwohl es ein Leichtes für ihn gewesen wäre, sie zu retten. Aber sein Schwur verbot es ihm. Nie mehr wollte er sich über die Anderen erheben. Es war seine Art von Demut. Leid mit ansehen zu müssen, das hätte verhindert werden können, war seine Buße.

Angekommen, lernte er schnell, dass er mit Mildtätigkeit nicht rechnen konnte und er hier nicht erwünschter war als zu Hause. Es fand sich auch niemand, der sich ihm anschloss oder bereit war, ihn zu unterstützen. Er nahm, was man ihm gab: dem Wetter angemessene Kleidung, eine Unterkunft. Nach wenigen Wochen, glaubte er, die Strapazen der Reise überwunden zu haben und ging fort. Aber um zu arbeiten, sagte man ihm, brauche er Papiere, die er nicht besaß.
So blieb ihm letztlich, nach mehreren gescheiterten Versuchen, ein einziges Talent, das sich wenigstens noch zum Erwerb seines Lebensunterhaltes einsetzen ließ. Er brach seinen Schwur, um nicht zu verhungern. Dass er nicht sterben wollte, war selbstsüchtig und eitel, das war ihm schmerzlich bewusst, doch es war auch menschlich und das hatte er sich schließlich geschworen zu sein.

Die meisten seiner Auftritte waren beschämend, dazu lieblos und ohne jedes Gespür für Stimmung oder Dramaturgie arrangiert. Er war kein Entertainer. Er tat, was man von ihm erwartete, ohne Mätzchen oder spektakuläres Getue. Dass er dies an Bade- und Baggerseen, manchmal in künstlichen, nach Chlor riechenden Tropenbädern tat und dass das Publikum meist abgelenkt, gelangweilt oder sogar alkoholisiert war, machte es nicht leichter. Aber es sicherte sein Auskommen.
Er lebte bescheiden. Was er in der Sommersaison verdiente, brachte ihn über den Winter. Er mochte diese Jahreszeit, obwohl er oft fror und die Menschen meist missmutig waren. Da er keine Auftritte und auch sonst keine Beschäftigung hatte, konnte er nachdenken und sich besinnen. Begann die Saison nahm er seine Beschäftigung klaglos wieder auf. So hielt er es seit seiner Rückkehr. Immer fand sich eine sommerliche Musikveranstaltung, eine Schwimmbad-Eröffnung oder ein anderer Anlass, zu dem die Veranstalter ihn als Attraktion im Rahmenprogramm buchten. Meist ging er dann im Trubel der stampfenden Schlagermusik oder der allgemeinen Unruhe unter, fand nur wenige Zuschauer, machte, wofür er gebucht war und verschwand wieder.

Manchmal wurde er von den Veranstaltern, hier und da sogar vom Publikum beschimpft. Manches Mal riet man ihm fast mitleidig, an sich zu arbeiten, aus der Nummer sei doch was zu machen. Aber er wollte kein schillerndes Kostüm, keine theatralische Hintergrundmusik und keine Pyrotechnik. Er kam in seinem gewöhnlichen Straßenanzug, barfuß und ohne Requisiten. Mit einem stummen Nicken zu den Anwesenden stellte er sich auf, wenn er an der Reihe war, machte den ersten Schritt, dann den zweiten, stand schließlich früher oder später in der Mitte des Sees, Teiches oder Beckens, verweilte kurz, ohne auch nur eine weitere Geste, ging dann gemessenen Schrittes wieder zurück zum Rand und an Land oder den Beckenrand.
Wie zu erwarten, war die Resonanz meist dürftig. Manche gähnten, klatschen müde oder winkten ab. Pfiffe war er bald gewohnt und selbst die Beschimpfungen machten ihm nichts mehr aus. Er tourte mit dem Bus durch die Badeorte der Provinz, mal hier, mal dort gab er seine Darbietung zum Besten. In einer besonders unangenehmen Gegend bewarf man ihn mit Bierbechern oder beschoss ihn mit Wasser aus mitgebrachten Pistolen, so dass er schließlich völlig durchnässt, mit ins Gesicht hängendem Haar und tropfendem Bart an Land ankam, obwohl wie gewohnt nicht mehr als seine Fußsohlen die Oberfläche des Sees berührt hatten . Anderswo sprangen Jugendliche während seines Auftrittes in Wasser und wühlten es kraulend und tobend heftig auf. Als er nicht schwankte, nicht stürzte, griffen sie schließlich nach seinen Fesseln und versuchten, ihn hinab zu ziehen, aber er hielt stand, rührte sich nicht, versuchte nicht, sie abzuwehren. Schließlich gaben sie auf, aber als er aufrecht gehend seinen Rückweg ans Ufer antrat, begleiteten sie ihn schwimmend, spuckten nach ihm, nannten ihn Schwuchtel und Judensau. Er widersprach nicht und verschwand.

Es krähte kein Hahn nach ihm. Bis wenige Tage nach seinem Auftritt in diesem trostlosen Nest ein Kind beim Baden ertrank. Weiterlesen

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Postgeschichte

 

Es war in diesen nicht allzu lang zurückliegenden, aber heute unvorstellbaren Zeiten, in denen die Post noch zweimal am Tag kam- einmal früh morgens, gegen 8.30 Uhr und noch einmal im Mittag.
Der Postbote war ein Mann, den man mit Namen kannte und achtete, keine ständig wechselnde, immer eilige Aushilfskraft. Er trug eine Uniform, die sich über die Jahre hinweg nur wenig veränderte, eine schmissige Mütze und schob ein kleines, wohl geordnetes Wägelchen vor sich her. Kurze Hosen, Fährräder oder chaotisch befüllte Transporter waren noch undenkbar.

Unser Postbote hieß, über viele viele Jahre, Herr Lemke. Die Bezirke waren so etwas wie Königreiche und war es nicht Herr Lemke, der zweimal täglich sein Wägelchen durch seines schob, konnte man sicher sein, dass er erkrankt war – was sehr selten vorkam- oder Urlaub hatte. Herr Lemke war ein netter, ruhiger Mann mittleren Alters, immer freundlich und genau.
Es war noch vor der Zeit der ständigen Postwurfsendungen und Werbeblättchen. Es gab noch keine Emails und telefonieren war teuer. Trotzdem bekam man weniger Post als heute und jeder Brief und jede Postkarte hatten noch Belang und waren auf ihre Art ein Ereignis. Ich erinnere mich noch, dass mein Vater am frühen Nachmittag oft von der Arbeit aus anrief um sich zu erkundigen, ob Herr Lemke etwas für uns gehabt hatte und was.

Da die Männer zur Arbeit waren, waren es meist die Frauen, die die Post entgegen nahmen. Oft taten sie dies persönlich, hatten Herrn Lenke regelrecht erwartet, denn über den Morgen und Vormittag waren sie allein und hatten außer beim Einkaufen nicht viel Kontakt zu Anderen.
Meine Mutter Weiterlesen

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Der Dichter passiert die Grenze… Erzählung-

dichter

Ich wurde gefragt, wann und warum ich anfing, Gedichte zu schreiben-
eine Art Antwort in Form einer kleinen Erzählung.

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Der Dichter passiert die Grenze


„Vielleicht ist er gestorben.“, meinte Ralf.
„Suizid!“, schlug Jan vor.
„Oder sie haben ihn doch eingesperrt.“, mutmaßte Kati.
Das erste Mal sah ich ihn in der Leihbücherei, als ich mit Jan für ein Referat recherchierte.
Er stand vor einem der Regale, sehr groß, sehr dünn, in einem etwas zu großen, offenbar älteren Anzug und hielt ein kleines Buch sehr nah vor sein Gesicht. Während alle anderen bemüht waren, möglichst leise zu sein, sprach er unentwegt, murmelte und lachte vor sich. Dabei wippte er unaufhörlich mit dem Oberkörper vor und zurück, gestikulierte mit dem freien Arm, schüttelte den Kopf oder ging drei Schritte nach links und nach rechts, hektisch und ruckartig. Was er las, schien äußerst dringlich und interessant zu sein, fast sah es aus, als spreche er mit dem Buch, mit den Wörtern darin und es musste eine sehr angeregte Diskussion sein. Jan und ich sahen uns an und grinsten.
Bald sah ich ihn regelmäßig, fast täglich: vor oder nach dem Konfirmandenunterricht, wenn wir nach der Schule rumhingen, auf einer der Bänke, mit einer Cherry-Cola für 35 Pfennig vom Lidl.
Er ging durch die Straßen unserer Kleinstadt, schritt wie ein Storch, das rotblonde Haar stand wie eine Flamme über seiner Stirn. Meist trug er seinen braunen Anzug, manchmal nur ein weites weißes Hemd mit flatternden Ärmeln. Und obwohl er immer allein war, nie Jemanden ansprach, schien er stets in ein angeregtes Gespräch vertieft zu sein. Er überquerte den Marktplatz mit großen Schritten, dabei mit den Armen fuchtelnd und rief den Autos auf der Parkplatzsuche laut Dinge entgegen.
Er glitt durch die Fußgängerpassage, vornübergebeugt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, völlig in sich selbst versunken und murmelnd. Im Winter trug er einen feuerroten Bart, und, obwohl es hier recht selten schneite oder wirklich kalt war, einen monströsen Pelzmantel, der nach Altkleider-Sammlung aussah. Meist trug er kleines Buch bei sich und ab und an konnte man ihn sehen, wie er es in die Höhe hielt, dicht vor die Augen und mit einem kurzen Bleistift Dinge hineinschrieb, im Gehen.
Wir machten uns lustig über ihn- allzu viel Interessantes gab es nicht, dass man in unserer Einkaufsstraße beobachten konnte. Er bot verlässlichen Gesprächsstoff. Ralf meinte, er sei irre. Kati wusste, von irgendwoher, er lebe in so einer Wohngruppe und halte sich für einen Dichter.
„Sag ich ja: irre!“, meinte Ralf.

Als ich einmal mit einem Geburtstagsgutschein in unserer mickrigen Buchhandlung nach einer Lektüre suchte, kam er hinein und schritt die Regale ab, dabei wie gewohnt  murmelnd und gestikulierend. Von der Buchhändlerin angesprochen, stellte er sich zackig vor:  Richard Thomsen, Lyriker.
Einen Handschlag hielt er offenbar nicht für notwendig. Dann fuhr er in strengem Ton und ziemlich laut fort: Sein Buch würde hier nicht präsentiert. Dabei lebe und wirke er doch hier in dieser Stadt!
Die Buchhändlerin antwortete ausweichend, aber er fuhr bereits fort:
Die großen Namen- Rilke, George, Hofmannsthal- sie fehlten sämtlich. Dafür führe man gleich haufenweise…Abfall. Und beim letzten Wort wischte er mit einer Handbewegung – ob absichtlich oder nicht kann ich nicht mehr sagen- die obersten zwei, drei Exemplare von einem hohen Stapel eines Bestseller-Romans. Das genügte der Buchhändlerin nun und sie bat ihn freundlich aber bestimmt, ihr Geschäft zu verlassen, was er tat, stolz aufgerichtet und ab und an den Kopf mit einem Auflachen in den Nacken werfend.
Tatsächlich, so erfuhr ich später, war es ihm mit Hilfe eines kleinen, treuen Unterstützerkreises gelungen, ein Bändchen seiner Gedichte drucken zu lassen. Ich fand es später einmal in einem Antiquariat, nahm es aus Sentimentalität mit, las aber erst viel später darin.

Ich beendete die Schule und begann eine Ausbildung in einer anderen kleinen Stadt in der Nähe.
Ich dachte, damit würde ich ihn aus den Augen verlieren. Tatsächlich meinten Ralf, Jan und Kati, die in unserer Heimatstadt blieben, er sei verschwunden- aber schon bald, nachdem ich meine Lehre angetreten hatte, tauchte er wieder auf.

Ich verbachte meine Mittagspause mit Spazierengehen und an einem der ersten kälteren Tage sah ich ihn: noch deutlich hagerer als zuvor, die Aufmachung etwas schlampiger als gewohnt, den Bart struppig schritt er über die Hauptstraße. Hatte er früher keinen der Passanten beachtet, sah er sich nun unablässig um, schüttelte hier und da den Kopf oder murmelte Unverständliches, lachte auf.
Unbeholfen die langen Beine übereinandergeschlagen, mit dem Oberkörper vor und zurückschaukelnd sah ich ihn einige Tage später auf einer niedrigen Mauer sitzend, das Büchlein auf dem spitzen Knie. Immer wieder stieß er einzelne Worte aus, zusammenhanglos erst, dann in kurzen Sätzen. Er schrieb, dann strich er, dann schrieb er wieder, streckte sich, richtete den Blick kurz in den Himmel und krümmte sich wieder über das Papier.

Es wurde kalt, er blieb unterwegs, jetzt in dem noch räudiger gewordenen Pelz.
Ich verbrachte von nun an die Pausen häufiger in meinem Lehrbetrieb und bekam nicht mit, wie er verschwand. Es gab einige, die meinten, er sei wohl eingewiesen worden. Andere glaubten von seinen langen nächtlichen Spaziergängen zu wissen, die ihn ein um das andere Mal ins Irre geführt hätten. Manchmal habe man ihn morgens erst wieder aufgefunden, in einem Waldstück oder an einer der schlammigen Uferweiden des Flusses.

Ich stellte mir vor, er sei einfach weitergewandert, mit ausgreifenden Schritten, über die nahe Grenze, irgendwie über die Flüsse, dabei murmelnd oder Verse deklamierend und würde mir irgendwann, von irgendwoher wieder entgegenkommen.

Einen guten Monat, nachdem er verschwunden war, schrieb ich mein erstes Gedicht.

 

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– Seestück & Urlaub-

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Endlich! Morgen geht`s ab auf die Insel, für die ich sowas von reif bin! Aus diesem Anlass noch einmal mein: Seestück. Mittlerweile gibt es so viele davon, dass eine gute Bekannte meinte, es könne doch bald mal eine „See-Torte“ geben….das ist wahr.
Ich wünsch Euch erst mal was- bis bald!

Am Sommerurlaub haben sie bisher nicht gespart, auch wenn er Jan für den Rest des Jahres mit immer mulmigerem Gefühl die Kontoauszüge ziehen ließ. Er empfand beim  Prüfen dieser Zettel immer dieselbe merkwürdige Enttäuschung und nicht einmal nur wegen der zum Monatsende gen Null tendierenden Zahl. Ein schönes Wochenende, ein Urlaub, besondere Momente, alles war darauf in Buchungen übersetzt und die Erlebnisse, die damit verbunden waren, nicht erwähnt.

Ein gemeinsames Essen, (die Kinder liebten das chinesische Buffet) an einem Tisch, in den unter einer Glasplatte eine kleine Landschaft aus Bambus eingelassen war; konzentriertes, unbeholfenes Stochern mit Stäbchen in Reis war hier nur eine Abbuchung von 54 Euro von einem Empfänger namens Lotus-Lokal. Und der verfluchte Glückskeks, der mit der Rechnung gebracht wird, barg bei Jan den Spruch auf einem Zettel:

„Es ist an der Zeit, ein wenig Geld zu sparen!“

Ein Ausflug in die Stadt, an einem klaren Frühlingstag, ein Bummel um den See und durch Geschäfte mit einem neuen Buch für die Tochter und einem kleinen Spielzeug für den Sohn ist auf diesen Auszügen nur

8 Euro 95 an ihre bevorzugte Buchhandelskette und

7 Euro 50 an den Spielzeugladen.

Trostlos, denkt Jan dann und hat einen neuen Grund, sich diese lichtempfindlichen Zettelnicht mehr anzusehen.

Es ist eigentlich alles so einfach. Allein das Fehlen jeglicher Verpflichtungen lässt ihn herunterschalten. Er war schon als Kind begeistert gewesen vom flackernden Schnee im Fernsehen in Sendepausen (auch etwas, das es nicht mehr gab und was er den Kindern erst hätte erklären müssen). Für ihn hatte es immer etwas Beruhigendes gehabt. Ähnlich geht es ihm jetzt mit der monochromen Fläche Silbergrau, vor der er steht.

Ein Ärobier an seinen Elementsgrenzen, den aufrechten Gang gewohnt als Ausweis seiner fortgeschrittenen Spezies, doch ahnend, der Quastenflosser belächelt beharrlich die Zentralperspektive. Das Meer ist seit jeher des Himmels Reim, mit verminderter Transparenz, anders im Aggregatszustand und ohne zweifelhafte Transzendenz: Neptun und die Mischwesen aus Mensch und Fisch sind längst schon Disney und harmloser Kitsch.Und die Atlanter? –Sie gähnen gelangweilt

Es ist noch immer derselbe Parkplatz, den sie zuerst ansteuern, nur teurer. Immer noch derselbe See, um den sie laufen, um ans Meer zu gelangen. Jetzt gibt es dort auch Tretboote. Was damals ein Verliebtenparadies war, ist jetzt ein Kinderversprechen geworden, das von der Gegend gottlob (noch?) mühelos gehalten wird.

Jan weiß, später werden die Kinder über diese Urlaube eventuell anders denken, werden sie spießig oder altmodisch finden und vielleicht wenigstens mit einem Lächeln sagen, dass die Alten sich halt nie weiter weg getraut haben. Oder sich schämen, wenn die Freunde und Klassenkameraden erzählen, an welchen exotischen Orten sie selbst ihre Ferien verbracht haben.

Jan registriert andere Dinge. Die Einheimischen sind geschäftsmäßiger geworden und weniger ruppig, seit die Flüge ins Ausland so billig sind. Ein wenig spürt er die Schäbigkeit des Ganzen, bemerkt plötzlich die Familien, die mit ihnen hier sind. Sie wirken nicht, als führen sie aus Überzeugung hierher, sondern, weil das Budget nichts anderes zulässt. Zwar werden hier und da nutzlose Dinge allzu freigiebig gekauft, aber das ein oder andere Eis  dann aber ohne Begründung gestrichen. Er fragt sich, ob sie auch so wirken und kann das zum Glück (noch?) verneinen.

Unglaublich klein sind die Kinder, wenn sie nur 30 Meter entfernt von ihm im Watt stehen und mit ihren Schaufeln Dämme anlegen und zum Einsturz bringen und neue aufbauen.Als er damals mit Sonja allein hier war, hat er auch Familien beobachtet, aber die wirkten anders. Bollerwagen mit Kindern hinter sich herziehend, Eimer oder Schaufeln schleppend, ganz gewöhnlich. Ganz wie heute auch, aber damals kam ihm das erstrebenswert vor. Das wollten sie auch und wenn ein Pärchen ungefähr ihrer beider Statur hatte oder etwas in der Wirkung ähnlich war, haben sie sich oft vorgestellt, das sie das sein könnten, zehn Jahre älter.

Vor diesen grauen Flächen; vor dieser leise schwappenden See, diesem diesigen Himmel ohne jede Tiefe fühlt sich Jan erstaunlicherweise beruhigt. Grobes, unregelmäßiges Gras im klumpigen Sand, Pfützen vom gerade erst abgezogenen Regen wie große Scherben darin. Es riecht nach Meerdas heißt, genau genommen- nach salzigem Schmodder und Schlick, alles andere als fein. Plärrende Kinderstimmen und polterndes Elterngeschimpfe in unattraktiven Dialekten wehen vom Spielplatz herüber. Auf der Bank links schweigt eine bärbeißige Alte mit Krampfadern ihren Bildzeitung lesenden Mann an. Von Mutterschaft und Langeweile völlig zerstörte Körper liegen in pedantisch aufgehäuften Sandfestungen mit Deutschlandfähnchen, am Fähranleger drängeln ältere Eltern mit ihren sportiven Hightech-Kinderwagen in der Schlange vor. Trekking-Jacken, Künstlerschals um Vertreterhälsen, gut gelaunte Männergesangsvereine aus dem Rheinland mit Fischerhemden aus dem Andenkenladen über den Bierbäuchen. Trostlos tobendes Menschengewirr in einer denkbar unwirtlichen Enttäuschung aller Sommerträume.

Das sind wir nicht. Das sind wir immer noch nicht, denkt er. Wir sind immer noch: etwas Anderes, etwas anders. Bei allen Elternabenden, allen Besuchen von Disney-Filmen, allem Kuchenbacken für den Sonntagskaffee ist das Andere nicht in der Mehlschwitze der deftigen Bratensoße ertrunken.

Ein Streifen helles Blau oben, ein Streifen dunkles Blau unten. Ein Tag am Meer. Wenn du es auf den Kopf stellst wird es eine Nacht, mit einem dunklen Himmel und einem vom Restlicht aufgehellten Meer.

Als habe sich das Meer irgendwann für die nächsten Milliarden Jahre für das Gleiten als vorübergehenden Zustand entschieden. Er weiß ja, dass das Meer das schon ewig tut, dieses Hin und dieses Her. Wenn es still liegt, kann man sich nicht vorstellen, dass es rau und wild sein kann. Wenn es aufgewühlt Wellen an den Strand wirft, glaubt man, es wird nie wieder damit aufhören. Wenn Jan sich besinnt, weiß er, dass niemand sagen kann, ob es immer so weiter geht: Ebbe, Flut, Ebbe, Flut, ständige Wiederholung, die ja angeblich nirgendwo hinführt. Gleichmaß, Gleichförmigkeit, im ewig gleichen Rhythmus, wie Herzschlag. Fort sein, anschwellen, da sein, abschwellen. Nie für immer da, nie für immer fort.

Er weiß ja, dass auch nach 1000 Seiten, nach 30, 40 oder 70 Jahren nicht alles gesagt ist. Das letzte Wort; noch nicht gesprochen, welches wird es sein? Er weiß, er kann nur versuchen, Fäden zu finden und festzuhalten, bis sich eine Art Netz bildet, einzelne Fundstücke, Knüppel von Treibgut sammeln und zusammenzufügen, bis das Gebaute einem Floß gleicht, auf dem man theoretisch fahren kann. Er kann nur Puzzleteil auf Puzzleteil versuchen unterzubringen und nicht zweifeln, wenn auch nach Jahren nur ein unwesentlich abgestuftes Blau zu sehen ist. Er kann nur Karte um Karte umdrehen, in der Hoffnung, das die richtige irgendwann kommt. In seinen Träumen muss er Auto fahren, stundenlang im Kreisverkehr und er tut das erstaunlich langmütig, immer daran glaubend, dass die richtige Ausfahrt irgendwann, wie aus dem nichts auftaucht und irgendwo hinführt.

Jan sitzt auf einer Bank am Wasser und besieht die Wolken.

Sie ziehen sehr langsam, sehr tief. Jan sieht ein um das andere Mal eine tiefschwarze Regenwolke, auf eine Helle folgen, beide jeweils von der sinkenden Sonne grell beleuchtet, in ihrer Farbkraft verstärkt. Jan sieht den Schwarm Möwen auf der nahen Düne unter jeder dunklen Wolke, die darüber zieht, sich nervös erheben und sich unter der folgenden Hellen wieder niederlassen.

Er empfindet, an einem Bonbon lutschend, auf einmal das Glück, nichts anderes zu tun zu haben und erwartet das Endes dieses Gefühls. Er nimmt sich das erste Mal seit langem als handelnde Person mit einem Effekt wahr, als auf sein Rascheln mit dem Bonbonpapier ein dicker schwarzer Vogel neben ihm auf der Bank landet.

Es ist, als probiere er ein Spiel aus, als Zeitvertreib; das Spiel, die Dinge genau anders herum zu betrachten als gewohnt. Er sieht, wie das Meer endlos Wellen an den Strand stößt, die dort schnell versanden; wie die Wolken ständig kleine, vom Wind bald aufgelöste Teile absondern, und weiß plötzlich, er hat die ganze Zeit ebenso Teile von sich abgestoßen und ist trotz dessen immer noch der, der er ganz am Anfang war. Alles, was er an Selbstauslöschung und Auflösung betrieben hat, ist gescheitert. Ist er gescheitert?

Er weiß es nicht.

Als wäre alles, was er sich nicht zugestehen wollte, ihm heimlich gefolgt und nun, da er einen Augenblick unachtsam war, unwiderruflich zu ihm zurückgekehrt. Er weiß noch nicht, ob er das gutheißen soll, aber er weiß, er muß es nicht jetzt entscheiden und das tut ihm wohl.

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