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Stein macht sich schmutzig -Erzählung-

schneemann

Stein macht sich schmutzig

Am Morgen hatte Stein im Bad gestanden und kaum, dass er den Rasierer das erste Mal ausgespült hatte, bemerkt, dass das Wasser im Becken nicht mehr abfloss. Im Laufe des Vormittags versuchte er es mit Geschirrspülmittel und einem Reiniger aus der Drogerie, scheiterte jedoch kläglich. Das mit Rasierschaum und Stoppeln versetzte Wasser stand nur umso hartnäckiger und mit absolut regloser Oberfläche im Becken, ohne jeden Zug zum komplett geöffneten Abfluss.
Etwas später hatte Stein bereits ein halbes Dutzend durchtelefoniert, aber einen Klempner zu bekommen erwies sich als schwierig, weshalb sich Stein an den alten Hausmeister wandte.

„Aber Blum ist doch Klempner.“, sagte dieser.
„Blum?“, fragte Stein.
„Ja“, der Mann, der seit ungefähr zwei Monaten neben Ihnen wohnt.“
Stein erinnerte sich dunkel. Rechts waren neue Leute eingezogen. Eine Familie mit zwei Kindern. Sie hatte kurz nach ihrem Einzug alle Parteien des Hauses zum Kennenlern- Kaffee eingeladen, aber Stein war verhindert gewesen. Aber Stein nahm seine Nachbarn ohnehin für gewöhnlich kaum wahr, solange sie ihn nicht störten. Die Blums waren offenbar ruhige Leute. Der Mann verschwand früh zur Arbeit und kam spät heim, die Töchter gingen zur Schule und die Frau hörte man kaum. Nur abends, wenn er im Bad stand, schnappte Stein gelegentlich und unfreiwillig durch den gemeinsamen Lüftungsschacht Fetzen von Gesprächen auf. Seit dem Einzug der Blums kam das häufiger vor, fiel ihm jetzt auf, und es waren ganz offensichtlich Streitigkeiten, die er vernahm und bei denen die Stimme des Mannes dominierte.

„Fragen Sie Blum“, hatte der Hausmeister also als letzten Rat ausgesprochen. „Einen Fachmann im Haus zu haben, ist doch ein wahrer Glücksfall!“
Stein mochte Handwerker wenig. Sie lösten seine Probleme, ja, aber ihre Anwesenheit in seiner Wohnung war ihm zuwider, sie kosteten Zeit und Geld und verursachten Schmutz und Arbeit. Auch fiel es ihm seit jeher schwer, mit Handwerkern zu sprechen. Er wusste nichts von ihrem und sie nicht von seinem Leben. Er traf nie den richtigen Ton, oft kam es zu Missverständnissen oder betretenem Schweigen oder gleich beidem.
Aber es half ja nichts. Stein ging also über den Flur und klingelte. Frau Blum erschien. Stein murmelte etwas von Nachbar und noch nicht richtig vorgestellt und wie leid ihm die Störung tue, aber er habe da ein Problem. Wenige Minuten später kniete Herr Blum, ein kräftiger Mann mit blondem Stoppelschnitt, vor Steins Waschbecken, einen Werkzeugkoffer von der Größe eines kleinen Schrankes neben sich. Mit wenigen geschickten Handgriffen waren bald die Rohre unter dem Becken entfernt, das darin stehende Schmutzwasser in einen eilends von Blum gebrachten Eimer entleert und Blums Blick ins dunkle Innere der Wand gerichtet.

Stein wusste aus Erfahrung, recht bald würde Blum ihm mehr oder weniger dezent Unsauberkeit Unachtsamkeit seinem Abflusssystem gegenüber unterstellen, wie ein Jahrmarktzauberer unschöne Dinge aus seinen Rohren hervorholen, von denen Stein nicht wüsste, woher sie stammten. Er schwieg und wartete ab, auf welche Weise der Nachbar sein bisschen Überlegenheit ihm gegenüber ausspielen würde. Blum kratzte und bohrte mit einem kleinen Werkzeug in der Wandöffnung herum, richtete eine Taschenlampe hinein und schüttelte den Kopf in einer Mischung aus enttäuschtem Ehrgeiz und Empörung.

„Und?“, fragte Stein, möglichst vorsichtig.
„Hart wie Beton.“, entgegnete Blum. „Hab ich so auch noch nicht gehabt.“ Fast lag so etwas wie Anerkennung der besonderen Lage in seinem Ton.  Stein war sich unsicher, ob er mit Stolz oder Sorge darauf zu reagieren hatte, weshalb er nur stumm nickte.
„Da brauch ich den Bohrer“, sagte Blum nun trocken und entnahm seinem Koffer ein monströses Gerät, suchte und fand die Steckdose. Stein war sich jetzt schon klar, dass der Kampf gegen seinen eigenen Schmutz deutlich länger dauern und deutlich teurer werden würde, als er gehofft hatte. Aber das war immer so, wenn er Handwerker bemühte und von daher nichts Neues.

Das Gerät heulte auf, als Blum es ins Rohr einführte, rüttelte und röhrte. Stein ging drei Schritte zurück, um dem Lärm ein wenig zu entkommen. Seinem Gesichtsausdruck nach befand sich Blum jetzt in einem ganz persönlichen Kampf: Er und seine Maschine gegen Steins knüppelharten Dreck. Er fluchte durch die zusammengebissenen Zähne und sein Gesicht hatte bereits eine tiefrote Färbung angenommen. Dass er nicht aufgab, sondern vollen Einsatz zeigte und mit immensem Kraftaufwand an der Behebung seines Problems arbeitete, war ihm ja hoch anzurechnen, dachte Stein – noch dazu in seiner Freizeit. Als Blum absetzte, erneut ins Rohr sah und seiner Mimik nichts über den Erfolg der Bemühungen zu entnehmen war, fühlte sich Stein zu einigen aufmunternden Worten verpflichtet. Es sollte nicht den Anschein haben, als ließe er hier einen Nachbarn für sich die Drecksarbeit machen, ohne wenigstens Dankbarkeit zu zeigen.

„Ich bin sehr froh, dass der Hausmeister sie mir empfohlen hat. Gute Handwerker zu bekommen ist so schwierig, wenn man wirklich mal in der Klemme steckt.“
Blum wischte sich über die Stirn und nickte, fast ein wenig abfällig. Wahrscheinlich war ihm aus Erfahrung längst klar, dass das typisches Geschwafel von Kunden war, die ihn am liebsten so schnell wie möglich wieder aus dem Haus haben wollten. Diesen Eindruck wollte Stein eigentlich entkräften, aber ihm fiel nichts ein, außer weiterer belangloser Konversation.
„Früher hat der Haumeister –natürlich war er kein Fachmann- sowas selbst gemacht, aber er steht ja jetzt schon ganz kurz vor der Rente.“ Nun ließ sich Blum, der gerade einen größeren Bohrer auf seine Maschine schraubte, tatsächlich zu einer Replik hinreißen.
„Schön für ihn“, sagte Blum und Stein meinte, einen leisen Zorn in dessen Stimme wahrzunehmen.  „Unsereiner kann das ja wohl vergessen.“, fuhr der Nachbar fort. Stein nickte nur, im Glauben, die allgemeine Unsicherheit der kommenden Rentnergeneration sei ausreichend bekannt und erfordere keinen weiteren Kommentar, aber Blums Satz war noch nicht fertig:
„Bei den ganzen Sozialtouristen jetzt. Da müssen wir uns nicht wundern.“ Stein stand sprachlos und war beinahe froh, dass das erneut einsetzende Bohren und Rütteln von Blums Maschine sein Schweigen mehr als rechtfertigte.

Zunehmend erbittert führte Blum nun seinen Kampf gegen den Dreck Steins. Es schien, als befinde er sich auf einer Mission. Hier und da setzt er ab, fischte seifige Haarbüschel oder hart verkrustete Schmutzklumpen aus dem Ansatz des Rohres und vom Bohrer und pfefferte sie angewidert, aber mit Genugtuung in den Eimer, gänzlich ohne vorwurfsvollen Seitenblick auf Stein, den Verursacher, der eigentlich damit gerechnet hätte. Mittlerweile hoffte Stein, diese Situation möge möglichst schnell vorüber sein. Auf weitere Unterhaltung würde er nun verzichten und dem Nachbarn damit klar machen, dass er dessen vor wenigen Minuten geäußerte Meinung nicht teilte. Dieser sollte nun nur noch seine Arbeit machen, nicht mehr und nicht weniger. Weiterer Konversation war er nicht würdig.

Vielleicht hatte Blum Steins Schweigen als Zustimmung verstanden oder es war schlichtweg der Damm gebrochen. Auf jeden Fall fühlte er sich in einer weiteren Bohrpause veranlasst, weiterzureden.   Weiterlesen

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All over Heimat -internationale Anthologie-

all over heimat 2019

Im Oktober 2017 schrieben Thomas Kade, Thorsten Trelenberg und ich unser Projekt „All over Heimat“ international aus. Fast anderthalb Jahre, über 1000 Mails und unzählige Arbeitsstunden später ist es nun bald soweit:

Die Anthologie unter Beteiligung von 150 Autor*innen aus über 20 Nationen steht kurz vor dem Erscheinen. Es finden sich darin überwiegend unveröffentlichte Beiträge aus Österreich und der Schweiz, Belgien, Luxemburg und den Niederlanden, Russland, Island, Tunesien, Italien, den USA und vielen anderen Ländern. Neben jungen Debütant*innen finden sich zahlreiche Autor*innen, die bereits bedeutende literarische Auszeichnungen erhalten haben.
Ein weltweit sicher einmaliges Projekt und das dickste Brett, das wir bisher gebohrt haben- nicht denkbar ohne die sensationellen Autor*innen und den unermüdlichen Einsatz unserer Verlegerin Karen Grol-Langner von stories & friends.

Wir wünschen unserem Baby eine Menge Resonanz. Die ersten Präsentationstermine stehen (dazu später mehr) und vorbestellbar ist es auch schon.

all over Heimat
herausgegeben von:
Matthias Engels, Thomas Kade, Thorsten Trelenberg
stories & friends, 448 Seiten
ISBN-13: 978-3942181891, 16€

Mit Lyrik und Prosa von Najet Adouani, Rodaan Al Galidi, Barney (Elizabeth) Bardsley, Roswitha Beer, Heinrich Beindorf, Gerhard Benigni, Oksana Beresuzkaja, Heide Bertram, Rolf, Birkholz, Marlies Blauth, Philipp Blömeke, Emeka Bob-Anyeji, Birgit Bodden, Bianca Boer, Hermann Borgerding, Gabriela Căluțiu Sonnenberg, Safiye Can, David Castillo, Ingo Cesaro, Orit Chazara, Carina Contreras, Volker W. Degener, Astrid Dehe, Larissa Dyck, Germain Droogenbroodt, Sigrid Drübbisch, Özlem Özgül Dündar, Eva von der Dunk, Matthias Engels, Achim Engstler, Patricia Falkenburg, Judith Faller, Nico Feiden, Armin Leonhard Fischer, Kerstin Fischer, Jürgen Flenker, Kersten Flenter, David Fox, Cornelia Franken, Doris Franzbach, Karin Friedle-Unger, Anke Fuchs, Martin Furtkamp, Velina van der Gaag, Clemens Bruno Gatzmaga, Thomas Geduhn, Daniela Gerlach, Anke Glasmacher, Marianne Glaßer, H. D. Gölzenleuchter, Axel Görlach, Annette Gonserowski, Tobias Grimbacher, Julia Grinberg, Dinçer Gücyeter, Lütfiye Güzel, Christin Habermann, Annette Hagemann, Aylin Rosa Hanka, Sören Heim, Paul Heinrich, Horst Hensel, Hans-Ulrich Heuser, Ghiath Hobbi, Claudia Hummelsheim, Klára Hůrková, Infrarot, Christa Issinger, Diana Jahr, Monika Jarju, Stefanie Jerz, Thomas Kade, Zarina Kanukova, Harald Kappel, Adrian Kasnitz, Chiara Nadine Kauffel, Manfred Kern, Irlan Khugaev, Christoph Kleinhubbert, Michael Köhler, Anne-Kathrin Koppetsch, Matthias Kröner, Josef Krug, Kathrin B. Külow, Axel Kutsch, Mariusz Lata, Fabian Lenthe, Monika Littau, Marc A. Littler, Sophie van Llewyn, Una López-Caparrós Jungmann, Britta Lübbers, Sylwia Ludas, Petya Lund, Alexander Makowka, Patricia Malcher, Hamdi Meça, Kerstin Meixner, Sophie Modert, Sudabeh Mohafez, Pega Mund, Anca Neubauer, Ngo Nguyen Dung, Jutta von Ochsenstein, Ragnar Helgi Ólafsson, Hellmuth Opitz, Birgit Ottengraf, Laura M. Pellizzari, Ester Naomi Perquin, Heinrich Peuckmann, Martin Piekar, Gerd Puls, Dennis Puplicks, Judith-Katja Raab, Ángel Rebollar, Andreas Reichelsdorfer, Torsten Reters, Daniela Rieß, Wolfgang Rödig, SAID, Fethi Sassi, Wolfgang Schiffer, Norbert W. Schlinkert, Sigune Schnabel, Janine Schneider, Katja Schraml, Tessa Schwartz, Matthias Schwincke, Anita Seo Dornbach, Richard Sleboe, Derya Soytut, Peter Spafford, Carsten Stephan, Markus Streichardt, Werner Streletz, Ralf Thenior, Maria Topali, Imre Török, Kinga Tóth, Thorsten Trelenberg, Emanuil A. Vidinski, Nataša Vukelić, Tom Weber, Werner Weimar-Mazur, Stefan Wieczorek, David Wonschewski, Inge Wrobel, Sascha Wundes, Wolfgang Wurmv und Péter Závada.

 

 

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Sketches of pain X

 

 

junge

Ein Kind von 20 Jahren

Was war man, ist man denn anderes?
Obwohl der Glaube, in irgendeiner Weise erwählt zu sein, langsam schwindet, fühlt sich das nicht schlimm an. Immer noch ist man sich gewiss, dass einem eine große Zukunft bevorsteht. Man empfindet sich immer noch als soviel reiner, frischer und beweglicher als die anderen und dass man je genau so müde, gehemmt und verstrickt in vermeintliche Verpflichtungen sein wird, scheint undenkbar. Noch fliegt einem alles zu und es gibt viel Wohlwollen einem gegenüber, immer im Hinblick –anders ist es nicht zu erklären- auf die Fähigkeiten, die man in ihm sieht. Man ist sich sicher, gar kein Zweifel, gut gerüstet zu sein und auf der richtigen Seite. Das Anderssein ist nicht mehr so bedeutsam wie noch vor ein paar Jahren. Anknüpfungspunkte an die Normalität der Anderen sind nun in Ordnung und lose mit der Masse verknüpft zu sein ist sogar ganz reizvoll. Man kommt zurecht damit und meistert die ein oder andere schwierige Stelle gut. Eine schlafwandlerische Sicherheit zeigt einem, wie man sich zu verhalten hat, um nicht sonderbar zu erscheinen und doch seine Besonderheit nicht zu verlieren. Man wird für etwaige Ecken und Kanten sogar geschätzt, sie machen einen aus und man weiß das Extreme noch im Repertoire, aber auch, dass man es nur noch in Notfällen brauchen wird; ahnt schon den Luxus, es nur noch nach Laune als charmante Exaltiertheit einsetzen zu können. Man gewinnt und verliert sogar nicht ungern, da man der Überzeugung ist, auch Niederlagen machten Einen irgendwie noch stärker. Geld ist noch nicht wichtig. Vielmehr ist keines zu haben eine Form von Freiheit.

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Ein Kind von 30 Jahren

Was war, was ist man denn anderes?
Man hat gelernt, weiß eine Menge mehr und seine eigenen Fehler und Überspanntheiten von damals sind einem peinlich. Man leugnet sie. Weisheit ist noch ein Ziel. Vieles ist schwieriger als geglaubt, doch man hat Wege gefunden, das Ein oder Andere dennoch zu erreichen. Manchmal muss es ein Kompromiss tun, eine Vorstufe oder Abstufung von dem, was man anvisiert hatte. Man erinnert sich daran, dass es gut ist, zuzugeben, dass manche Ziele falsch waren und das Umkehren keine Schande ist. Man merkt, dass einiges auf einem lastet, aber kann noch locker damit umgehen. Die Kraft ist da und man ist sogar belastbarer und beweglicher als früher, da das Korsett der eigenen Vorstellungen flexibler ist. Wohltuend ist die Erkenntnis, dass das kein Verlust ist. Man kann besser mit dem Zufall umgehen und erkennt ihn auch als Solchen. Man kann besser über sich selbst lachen. Die Ängste sind etwas mehr geworden, aber ihnen folgt fast immer ein Kraftzuwachs aus zum Teil unerwarteten Quellen, der das wieder auffängt. Man weiß eigentlich, dass man nichts Besonderes ist und das schmerzt weniger als erwartet- unter den Anderen einer der Besseren zu sein, reicht völlig und dieser gesunkene Anspruch macht vieles einfacher. Auch Verzicht fällt leicht, aber man glaubt durchaus noch, man würde irgendwann irgendwie belohnt werden und hätte mit Leichtigkeit den Atem, darauf zu warten, bis dahin seien die Kräfte noch lange nicht verbraucht, so dass man dann auch noch wirklich etwas davon hätte. Geld ist immer noch nicht alles, aber dass es beruhigt, hat man verstanden.

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Ein Kind von 40 Jahren

Was war, was ist man denn anderes?
Nichts ist mehr eindeutig. Während man vor Jahren noch überzeugt war, später immer noch daran glaubte, dass sich mit den zurückgelegten Jahren alles ordnen würde, ist nun klar, dass nichts einfacher wird, nur weil man älter ist. Erfahrung ist nützlich, aber nicht entscheidend. Mittlerweile kommt es einem eher so vor, als würden unbedarfte Anfänger mühelos an Einem vorbeiziehen. Alles hat mehrere Seiten und nur wenige davon sind risikolos oder schön, immer gehen eine Menge mögliche Komplikationen mit jeder kleinen Aktion einher. Weisheit und Klarheit sind mit den Jahren eher unerreichbarer geworden, gerade weil die Erkenntnis facettenreicher und nuancierter geworden ist. Zweifel kommen auf, ob gemachte Fehler aus der Vergangenheit noch so ohne weiteres korrigierbar sind und ob man in der Lage ist, genau die gleichen in der Zukunft zu vermeiden- von ganz neuen Fehlern ganz zu schweigen. Das Anderssein wird mitunter zum Hindernis, man versucht, es eine Privatsache sein zu lassen, es auf diese Weise am Leben zu erhalten und fährt mitunter im Alltag lieber im Windschatten, weil dort leichter vorankommen ist. Vieles geht auf Autopilot, wobei man nicht sicher ist, ob das gut ist, denn der Reiz des jedes Mal neu Probierens geht damit verloren. Aber es schont die Kräfte, die sich in ihrem wirklichen Umfang fast nur noch in Extremsituationen zeigen, die man jedoch vermeidet. Ein großer Teil davon wird zum täglichen Durchhalten gebraucht. Allmählich wünscht man sich eine Erntezeit, die Belohnung für die aufgebrachten Mühen, aber will nicht vermessen sein und ist sich bewusst, dass es wahrscheinlich zu früh dafür wäre. Die eigene Wahrnehmung unterscheidet sich immer stärker von der Realität. Man glaubt sich immer noch dreißig- sieht aber weder so aus, noch wirkt man auf andere so. Die Veränderungen gehen noch zu langsam vonstatten, als dass man sie in angemessenem Tempo realisieren würde. Noch kann man darüber hinwegsehen, fühlt aber, dass etwas nicht mehr so ganz übereinander passt. Die Wichtigkeit von Geld als Grundvorsetzung für jede andere, ideelle Beschäftigung ist schmerzlich erkannt.

 

 

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Die Insel ruft….Auszeit

see

Vor diesen grauen Flächen. Vor dieser leise schwappenden See, diesem diesigen Himmel ohne jede Tiefe fühlt sich Jan erstaunlicherweise beruhigt. Grobes, unregelmäßiges Gras im klumpigen Sand, Pfützen vom gerade erst abgezogenen Regen wie große Scherben darin. Es riecht nach Meer, das heißt genau genommen, nach salzigem Schmodder und Schlick, alles andere als fein. Plärrende Kinderstimmen und polterndes Elterngeschimpfe in unattraktiven Dialekten wehen vom Spielplatz herüber. Auf der Bank links schweigt eine bärbeißige Alte mit Krampfadern ihren Bildzeitung lesenden Mann an. Von Mutterschaft und Langeweile völlig zerstörte Körper liegen in pedantisch aufgehäuften Sandfestungen mit Deutschlandflagge, am Fähranleger drängeln ältere Eltern mit ihren sportiven Hightech-Kinderwagen in der Schlange vor. Trekking-Jacken, Künstlerschals um Vertreterhälsen, gut gelaunte Männergesangsvereine aus dem Rheinland mit Fischerhemden aus dem Andenkenladen über den Bierbäuchen. Trostlos tobendes Menschengewirr in einer denkbar unwirtlichen Enttäuschung aller Sommerträume.
Das sind wir nicht. Das sind wir immer noch nicht, denkt er. Wir sind immer noch: etwas Anderes, etwas anders. Bei allen Elternabenden, allen Besuchen von Disney-Filmen, allem Kuchenbacken für den Sonntagskaffee ist das Andere nicht in der Mehlschwitze der deftigen Bratensoße ertrunken.
Anders herum war er sich bewusst, dass die jungen Leute, die er gelegentlich auf der Straße sah, ihn genauso für einen in die Jahre kommenden Mann hielten, der den normalen Weg gegangen war, Frau, Kinder, Häuschen, Kombi oder Familienkutsche, eventuell Hund oder zumindest Meerschweinchen, kleiner oder größerer Garten, auf jeden Fall weit entfernt von jeder außergewöhnlichen Haltung oder Lebensweise, ertrunken im Kompromiss und zu einem Bauchansatz neigend. Junge Eltern von Erstgeborenen Säuglingen glichen sich an ihm und Sonja ab und schworen sich, alles anders, alles besser zu machen, wenn sie zufällig Jans und Sonjas Kinder gerade streitend oder in einem bockigen Moment erleben. Das war klar. Genauso hatten Jan und Sonja es früher schließlich auch gemacht.

Perspektivwechsel, wie bei den Seebildern. Ein Streifen helles Blau oben, ein Streifen dunkles Blau unten. Ein Tag am Meer. Wenn du es auf den Kopf stellst wird es eine Nacht, mit einem dunklen Himmel und einem vom Restlicht aufgehellten Meer.
Als habe sich das Meer irgendwann für die nächsten Milliarden Jahre für das Gleiten als vorübergehenden Zustand entschieden. Er weiß ja, dass das Meer das schon ewig tut, dieses Hin und dieses Her. Wenn es still liegt, kann man sich nicht vorstellen, dass es rau und wild sein kann. Wenn es aufgewühlt Wellen an den Strand wirft, glaubt man, es wird nie wieder damit aufhören. Wenn Jan sich besinnt, weiß er, dass niemand sagen kann, ob es immer so weiter geht: Ebbe, Flut, Ebbe, Flut, ständige Wiederholung, die ja angeblich nirgendwo hinführt. Gleichmaß, Gleichförmigkeit, im ewig gleichen Rhythmus, wie Herzschlag. Fort sein, anschwellen, da sein, abschwellen. Nie für immer da, nie für immer fort. Er weiß ja, dass auch nach 1000 Seiten, nach 30, 40 oder 70 Jahren nicht alles gesagt ist. Das letzte Wort; noch nicht gesprochen, welches wird es sein? Er weiß, er kann nur versuchen, Fäden zu finden und festzuhalten, bis sich eine Art Netz bildet, einzelne Fundstücke, Knüppel von Treibgut zu sammeln und zusammenzufügen, bis das Gebaute einem Floß gleicht, auf dem man theoretisch fahren kann. Er kann nur Puzzleteil auf Puzzleteil versuchen unterzubringen und nicht zweifeln, wenn auch nach Jahren nur ein unwesentlich abgestuftes Blau zu sehen ist. Er kann nur Karte um Karte umdrehen, in der Hoffnung, das die richtige irgendwann kommt. In seinen Träumen muss er Auto fahren, stundenlang im Kreisverkehr und er tut das erstaunlich langmütig, immer daran glaubend, dass die richtige Ausfahrt irgendwann, wie aus dem nichts auftaucht und irgendwo hinführt.

Irgendwann war das Meer einfach nicht mehr rausgegangen; hatte einen salzigen blauen Fleck auf ihm hinterlassen. Immer geradeaus, auf den Horizont schauen hatte man ihm geraten, dann schwindelt es Einem nicht. Doch zu Hause fehlte immer etwas Horizontales, irgendeine gerade Linie- alle waren verstellt: von spitzwinkligen Gebäuden, Bäumen, Dingen oder Schatten von Dingen, zu viele Menschen drängten sich davor . Die Insel dagegen: ein Experiment, Biotop, Garten Eden- Spielwiese für einen versuchten Neuanfang unter Laborbedingungen. Die fehlenden Möglichkeiten: hier kein Verlust, eher die Überschaubarkeit, der Überblick ein Gewinn, die Beschränkung ein Glück. Hier war man froh über jeden abgeworfenen Ballast und hier in Dünengras und Sand verlor sich alles viel leichter. Dieses Gefühl, nicht mehr Teil zu sein; abgetrennt, abgeschieden zu sein wurde zur Gewiss- und Gewohnheit und tat wohl. Das Kleine im Großen –die Insel- bot ausreichend Platz und einen tiefen grauen Graben gegen die Geschäftigkeit zu Haus. Keine Schaufenster, die Kauf mich Kauf mich schrien, keine Zeitungen, wispernd lifestyle und Skandal. Dabei lebten sie auch daheim weit genug von den Schmelztiegeln und Brandherden, in denen es –dem Fernsehen zufolge- stets nach verbranntem Gummi und röstenden Premium-Bohnen roch. Im üppigen Gürtel der Diaspora zwischen ihnen und den Metropolen verlor sich das alles und verglomm im Grün. Bei ihnen lag, zwischen Sommerflieder und Dung, höchstens noch leicht der Geruch eines schwachen Kokelns in der Luft. Doch hier: Das Meer war ein launischer und doch verlässlicher Nachbar. Mehrfach täglich wusch er ihre Füße. Der Wind fuhr ihnen über den Mund und verbot sich Überflüssiges mit Nachdruck.

Jan sitzt auf einer Bank am Wasser und besieht die Wolken. Sie ziehen sehr langsam, sehr tief. Jan sieht ein um das andere Mal eine tiefschwarze Regenwolke, auf eine Helle folgen, beide jeweils von der sinkenden Sonne grell beleuchtet, in ihrer Farbkraft verstärkt. Und auf den Inseln scheint schon die Sonne. Jan sieht den Schwarm Möwen auf der nahen Düne unter jeder dunklen Wolke, die darüber zieht, sich nervös erheben und sich unter der folgenden Hellen wieder niederlassen. Er empfindet, an einem Bonbon lutschend, auf einmal das Glück, nichts anderes zu tun zu haben und erwartet das Endes dieses Gefühls. Er nimmt sich das erste Mal seit langem als handelnde Person mit einem Effekt wahr, als auf sein Rascheln mit dem Bonbonpapier ein dicker schwarzer Vogel neben ihm auf der Bank landet. Es ist, als probiere er ein Spiel aus, als Zeitvertreib; das Spiel, die Dinge genau anders herum zu betrachten als gewohnt. Er sieht, wie das Meer endlos Wellen an den Strand stößt, die dort schnell versanden; wie die Wolken ständig kleine, vom Wind bald aufgelöste Teile absondern, und weiß plötzlich, er hat die ganze Zeit ebenso Teile von sich abgestoßen und ist trotzdem immer noch der, der er ganz am Anfang war. Alles, was er an Selbstauslöschung und Auflösung betrieben hat, ist gescheitert. Ist er gescheitert? Er weiß es nicht. Als wäre alles, was er sich nicht zugestehen wollte, ihm heimlich gefolgt und nun, da er einen Augenblick unachtsam war, unwiderruflich zu ihm zurückgekehrt. Er weiß noch nicht, ob er das gutheißen soll, aber er weiß, er muss es nicht jetzt entscheiden und das tut ihm wohl.

 

…mit diesem Stück aus einem Romanmanuskript verabschiede ich mich in den Urlaub und wünsche eine gute Zeit!

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Über Wasser -Erzählung-

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Ihm war bewusst, dass die Leute ihn nicht liebten.
Er täuschte sie, so waren sie sicher. Aber er tat es nicht mit großer Geste, um sie von seinem Trick abzulenken und es schien ihm gleich zu sein, ob sie ihm auf die Schliche kamen oder nicht. Lieben taten die Leute nur solche Betrüger, die ihren Betrug zu verbergen versuchten und ihnen selbst die Möglichkeit der Enthüllung ließen.

Er dagegen ließ sie jederzeit nachsehen, ob sich nicht zum Beispiel verborgene Stahlseile oder Glasplatten unter der Oberfläche verbargen, die seine Darbietung ermöglichten. Vor der Show, nach der Show- es war ihm ganz egal. Er lud sie stumm mit einer Geste ein, sich zu vergewissern und sie kamen eifrig, knieten nieder, brachten die Augen auf die Höhe des Wasserspiegels, fassten ins Wasser hinein und fuhren suchend mit den Armen hindurch, bestrebt, sein Geheimnis aufzudecken. Da sie nie etwas fanden, das Anlass zu triumphieren gab und nichts, dass ihn in Verlegenheit brachte, mochten sie ihn nicht.

Es war, was ihm geblieben war. Nach seiner Rückkehr hatte er versucht, an alte Zeiten anzuknüpfen, doch es war kläglicher gescheitert als beim ersten Mal. Niemand hatte ihm zugehört und wenn er doch einmal Jemanden fand, der ihm zwei Minuten lang Gehör schenkte, winkte dieser bald ab und ging weiter. Nichts von dem, was er vermochte, war geeignet, irgendjemanden zu beeindrucken. Für sein Reden tat man ihn als Spinner ab und versuchte er mit den alten Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, seinen Worten Nachdruck zu verleihen, drohte man, ihn wegen Vandalismus oder groben Unfuges zu belangen. Da schwor er sich, von nun an alles, was ihm an Begabung mitgegeben worden war, zu unterlassen und fortzugehen.

Es waren viele andere unterwegs und er schloss sich ihnen an. Viele Wochen lebte er unerkannt unter ihnen und es war beinahe wie früher. Sie teilten ihr Essen und er hungerte mit ihnen, obwohl es ein Leichtes für ihn gewesen wäre, sie satt zu machen. Sie halfen einander und führten Gespräche. Ihr gemeinsamer Weg führte sie viele tausend Kilometer weit, in Booten über das Meer. Unterwegs verloren sie einige und er sah es schweren Herzens mit an, obwohl es ein Leichtes für ihn gewesen wäre, sie zu retten. Aber sein Schwur verbot es ihm. Nie mehr wollte er sich über die Anderen erheben. Es war seine Art von Demut. Leid mit ansehen zu müssen, das hätte verhindert werden können, war seine Buße.

Angekommen, lernte er schnell, dass er mit Mildtätigkeit nicht rechnen konnte und er hier nicht erwünschter war als zu Hause. Es fand sich auch niemand, der sich ihm anschloss oder bereit war, ihn zu unterstützen. Er nahm, was man ihm gab: dem Wetter angemessene Kleidung, eine Unterkunft. Nach wenigen Wochen, glaubte er, die Strapazen der Reise überwunden zu haben und ging fort. Aber um zu arbeiten, sagte man ihm, brauche er Papiere, die er nicht besaß.
So blieb ihm letztlich, nach mehreren gescheiterten Versuchen, ein einziges Talent, das sich wenigstens noch zum Erwerb seines Lebensunterhaltes einsetzen ließ. Er brach seinen Schwur, um nicht zu verhungern. Dass er nicht sterben wollte, war selbstsüchtig und eitel, das war ihm schmerzlich bewusst, doch es war auch menschlich und das hatte er sich schließlich geschworen zu sein.

Die meisten seiner Auftritte waren beschämend, dazu lieblos und ohne jedes Gespür für Stimmung oder Dramaturgie arrangiert. Er war kein Entertainer. Er tat, was man von ihm erwartete, ohne Mätzchen oder spektakuläres Getue. Dass er dies an Bade- und Baggerseen, manchmal in künstlichen, nach Chlor riechenden Tropenbädern tat und dass das Publikum meist abgelenkt, gelangweilt oder sogar alkoholisiert war, machte es nicht leichter. Aber es sicherte sein Auskommen.
Er lebte bescheiden. Was er in der Sommersaison verdiente, brachte ihn über den Winter. Er mochte diese Jahreszeit, obwohl er oft fror und die Menschen meist missmutig waren. Da er keine Auftritte und auch sonst keine Beschäftigung hatte, konnte er nachdenken und sich besinnen. Begann die Saison nahm er seine Beschäftigung klaglos wieder auf. So hielt er es seit seiner Rückkehr. Immer fand sich eine sommerliche Musikveranstaltung, eine Schwimmbad-Eröffnung oder ein anderer Anlass, zu dem die Veranstalter ihn als Attraktion im Rahmenprogramm buchten. Meist ging er dann im Trubel der stampfenden Schlagermusik oder der allgemeinen Unruhe unter, fand nur wenige Zuschauer, machte, wofür er gebucht war und verschwand wieder.

Manchmal wurde er von den Veranstaltern, hier und da sogar vom Publikum beschimpft. Manches Mal riet man ihm fast mitleidig, an sich zu arbeiten, aus der Nummer sei doch was zu machen. Aber er wollte kein schillerndes Kostüm, keine theatralische Hintergrundmusik und keine Pyrotechnik. Er kam in seinem gewöhnlichen Straßenanzug, barfuß und ohne Requisiten. Mit einem stummen Nicken zu den Anwesenden stellte er sich auf, wenn er an der Reihe war, machte den ersten Schritt, dann den zweiten, stand schließlich früher oder später in der Mitte des Sees, Teiches oder Beckens, verweilte kurz, ohne auch nur eine weitere Geste, ging dann gemessenen Schrittes wieder zurück zum Rand und an Land oder den Beckenrand.
Wie zu erwarten, war die Resonanz meist dürftig. Manche gähnten, klatschen müde oder winkten ab. Pfiffe war er bald gewohnt und selbst die Beschimpfungen machten ihm nichts mehr aus. Er tourte mit dem Bus durch die Badeorte der Provinz, mal hier, mal dort gab er seine Darbietung zum Besten. In einer besonders unangenehmen Gegend bewarf man ihn mit Bierbechern oder beschoss ihn mit Wasser aus mitgebrachten Pistolen, so dass er schließlich völlig durchnässt, mit ins Gesicht hängendem Haar und tropfendem Bart an Land ankam, obwohl wie gewohnt nicht mehr als seine Fußsohlen die Oberfläche des Sees berührt hatten . Anderswo sprangen Jugendliche während seines Auftrittes in Wasser und wühlten es kraulend und tobend heftig auf. Als er nicht schwankte, nicht stürzte, griffen sie schließlich nach seinen Fesseln und versuchten, ihn hinab zu ziehen, aber er hielt stand, rührte sich nicht, versuchte nicht, sie abzuwehren. Schließlich gaben sie auf, aber als er aufrecht gehend seinen Rückweg ans Ufer antrat, begleiteten sie ihn schwimmend, spuckten nach ihm, nannten ihn Schwuchtel und Judensau. Er widersprach nicht und verschwand.

Es krähte kein Hahn nach ihm. Bis wenige Tage nach seinem Auftritt in diesem trostlosen Nest ein Kind beim Baden ertrank. Weiterlesen

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Postgeschichte

 

Es war in diesen nicht allzu lang zurückliegenden, aber heute unvorstellbaren Zeiten, in denen die Post noch zweimal am Tag kam- einmal früh morgens, gegen 8.30 Uhr und noch einmal im Mittag.
Der Postbote war ein Mann, den man mit Namen kannte und achtete, keine ständig wechselnde, immer eilige Aushilfskraft. Er trug eine Uniform, die sich über die Jahre hinweg nur wenig veränderte, eine schmissige Mütze und schob ein kleines, wohl geordnetes Wägelchen vor sich her. Kurze Hosen, Fährräder oder chaotisch befüllte Transporter waren noch undenkbar.

Unser Postbote hieß, über viele viele Jahre, Herr Lemke. Die Bezirke waren so etwas wie Königreiche und war es nicht Herr Lemke, der zweimal täglich sein Wägelchen durch seines schob, konnte man sicher sein, dass er erkrankt war – was sehr selten vorkam- oder Urlaub hatte. Herr Lemke war ein netter, ruhiger Mann mittleren Alters, immer freundlich und genau.
Es war noch vor der Zeit der ständigen Postwurfsendungen und Werbeblättchen. Es gab noch keine Emails und telefonieren war teuer. Trotzdem bekam man weniger Post als heute und jeder Brief und jede Postkarte hatten noch Belang und waren auf ihre Art ein Ereignis. Ich erinnere mich noch, dass mein Vater am frühen Nachmittag oft von der Arbeit aus anrief um sich zu erkundigen, ob Herr Lemke etwas für uns gehabt hatte und was.

Da die Männer zur Arbeit waren, waren es meist die Frauen, die die Post entgegen nahmen. Oft taten sie dies persönlich, hatten Herrn Lenke regelrecht erwartet, denn über den Morgen und Vormittag waren sie allein und hatten außer beim Einkaufen nicht viel Kontakt zu Anderen.
Meine Mutter Weiterlesen

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