Archiv der Kategorie: prosaisch

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-Die Murphy-Mails I-

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an:www.murphy@hotmail.com

Lieber Murphy,

6 mal 6 und dieses Gesicht im Spiegel zeigt einem schon Ahnungen von seinem Zustand mit 50, mit 60 und entspricht so wenig dem Bild, das man selbst von sich hat und alles, was man nicht leiden mochte, als man jung war, verstärkt sich mit dem Alter. Die Nase, die Ohren wachsen ein Leben lang weiter, aber das Haar wird dünn. Man selbst sieht sich noch immer mit diesem weiten, wundergläubigen Blick: ein wenig zu weich, ein wenig zu weiblich. Mühelos schaut man hinter diese Maske, die Reife und Männlichkeit vorgibt. Noch immer ist man paralysiert und hilflos beim Anblick der oft schmerzhaften Perfektion junger Frauen. Man ist nach wie vor ahnungslos und unfähig, aus Fehlern zu lernen. Das magische Denken, sagt man, verschwindet mit sechs Jahren, aber jetzt hat man sechs mal sechs und genau wie die Kinder an Karneval verschmilzt man wie von Zauberhand mit dem, der man so gerne sein will und das eigentliche, eigene Gesicht verschwindet. Man füllt die hohlen Hände mit kaltem Wasser und wäscht sich und alles fühlt sich genau an wie immer. Verwandlungen: Gregor der Käfer fühlt sich genau so wie Gregor der junge Mann, bis auf einige körperliche Veränderungen, die allzu schnell vertraut sind und vergessen. Tigelchen und Töpfchen auf der Ablage sagen: Iss mich! Trink mich! Wer aus mir trinkt wird ein Tiger, wer aus mir trinkt wird ein Reh. Ein vager Blick muss reichen. Man mochte diesen schmollenden verwöhnten Zug nicht, aber seine bittere Negation auch nicht allzu genau betrachten. Man will sich in die Fresse hauen, aber wenn der Spiegel bricht, bist du sieben Jahre verflucht und sieben Jahre braucht die Haut, um sich komplett zu erneuern. Du wirst gewaschen von der Zeit, die über dich weggeht, ohne, dass du was dazu tust, aber auch geschliffen und geglättet. Nur, wenn wir tun, als ob wir Tiere wären, die nicht um das Sterben wissen und verbissen ineinander kämpfen um diesen einen Moment, in dem nicht der faulige Hauch der Zeit in der Luft liegt, klingt es ganz kurz kehlig und kraftvoll nach Leben wie die Laute der rolligen Katzen nachts im Hof.

herzlichst

dein

M.

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Seestück -Skizzen von der Insel-

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Irgendwann war das Meer nicht mehr rausgegangen; hatte einen salzigen blauen Fleck auf ihm hinterlassen. Immer geradeaus, auf den Horizont schauen hatte man ihm geraten, dann schwindelt es Einem nicht. Doch zu Hause fehlte immer etwas Horizontales, irgendeine gerade Linie- alle waren verstellt: von spitzwinkelingen Gebäuden, Bäumen, Dingen oder Schatten von Dingen, zu viele Menschen drängten sich davor . Die Insel dagegen: ein Experiment, Biotop, Garten Eden- Spielwiese für einen versuchten Neuanfang unter Laborbedingungen. Die fehlenden Möglichkeiten: hier kein Verlust, eher die Überschaubarkeit, der Überblick ein Gewinn, die Beschränkung ein Glück. Hier war man froh über jeden abgeworfenen Ballast und hier in Dünengras und Sand verlor sich alles viel leichter. Dieses Gefühl, nicht mehr Teil zu sein; abgetrennt, abgeschieden zu sein wurde zur Gewiss- und Gewohnheit und tat wohl. Das Kleine im Großen –die Insel- bot ausreichend Platz und einen tiefen grauen Graben gegen die Geschäftigkeit zu Haus. Keine Schaufenster, die Kauf mich Kauf mich schrien, keine Zeitungen, wispernd lifestyle und Skandal. Dabei lebten sie auch daheim weit genug von den Schmelztiegeln und Brandherden, in denen es –dem Fernsehen zufolge- stets nach verbranntem Gummi und röstenden Premium-Bohnen roch. Im üppigen Gürtel der Diaspora zwischen ihnen und den Metropolen verlor sich das alles und verglomm im Grün. Bei ihnen lag, zwischen Sommerflieder und Dung, höchstens noch leicht der Geruch eines schwachen Kokelns in der Luft. Doch hier: Das Meer war ein launischer und doch verlässlicher Nachbar. Mehrfach täglich wusch er ihre Füße. Der Wind fuhr ihnen über den Mund und verbot sich Überflüssiges mit Nachdruck.

..to be continued..

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..ich habe in den letzten Jahren so viele Seestücke geschrieben, dass eine Bekannte meint, es könne doch schon bald eine Seetorte sein. Aber von jedem Insel-Aufenthalt bringe ich trotzdem immer noch eines mit…

 

 

 

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Denken Sie an Ihr Herz

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Der Arzt sagte: Denken Sie an ihr Herz!

Er sei nun einigermaßen wieder hergestellt, müsse sich aber dringend noch schonen. Mit Stichen in der Brust sei bei Überanstrengung noch längere Zeit zu rechnen.
Denken Sie an ihr Herz! Es war das erste Mal, dass das Jemand zu ihm sagte.
Dabei denkt er ständig an sein Herz, hat sich oft gefragt, ob das Herz tatsächlich Sitz der Gefühle sein sollte, Herzdame, Herzkönig, oder ob man besser der wissenschaftlichen Sicht der Dinge folgte, nachdem die Pumpe so etwas wie ein kleines Kraftwerk war. Er hat sich oft sein Herz vorgestellt wie einen dicken roten Vogel, eingeklemmt zwischen den Rippenbögen, sein Brustkorb ein zu enger Käfig. Er war nur das Haus seines Herzens und manchmal dachte er an ein Herz, wenn er an ihre erste gemeinsame Wohnung dachte, 2 Herzkammern, Küche, Diele, Bad.

Er war aufgewacht, nassgeschwitzt und mit der klaren Gewissheit, dies sei jetzt ein Infarkt. Zuvor hatte er sich herumgewälzt, hatte verzweifelt versucht, der Beklemmung irgendwie zu entkommen, die er nicht hatte orten können. Als er nun wach auf dem Rücken lag und in die Dunkelheit starrte, fühlte er, wie eng sein Brustkorb sich zusammengezogen hatte. Das Atmen fiel ihm schwer, immer wieder legten sich Schleier vor seinen Blick und er konnte nicht sagen, ob es an der Müdigkeit oder an etwas anderem lag. Hin und wieder nickte er weg, aber scharfe Stiche in der Brust weckten ihn nach Sekunden wieder auf.
Er war nie ernstlich krank gewesen, kannte solche Schmerzen nicht. Er konnte den Kopf nicht heben, die Arme nicht bewegen, jeder angesprochene Muskel antwortete mit Schmerz. Sonja hatte seine Unruhe längst gespürt. So sehr er sich auch bemühte, sie nicht zu wecken,  war sie nun ebenfalls wach geworden und sprach ihn an. Er konnte nicht sagen, was genau ihm fehlte, nur die Schmerzen in der Brust und die Atemlosigkeit konnte er klar benennen. Er solle versuchen, sich zu entspannen, meinte Sonja, ruhig und gleichmäßig zu atmen. Auf jeden Fall müsse er am nächsten Morgen sofort zum Arzt. Sie fühlte seine Stirn, die kaltschweißig war und sagte es ihm und erst da fiel ihm auf, wie sehr er fror, aber das Gewicht der Decke auf der Brust war ihm unerträglich.

Irgendwie waren sie durch die Nacht gekommen. Sonja war früh aufgestanden. Er hatte es nicht bemerkt, da er endlich Schlaf gefunden hatte. Sie hatte die Kinder geweckt und für den Kindergarten fertig gemacht, ihre Arbeitsstelle benachrichtigt, dass sie später komme und ihre Mutter gebeten, anzureisen und nach Jan zu sehen, wenn sie zur Arbeit müsse, einen Arzttermin gemacht. Er hatte nichts von all dem mitbekommen, kam erst zu sich, als Sonja sich über ihn beugte und mit der ihr eigenen Sachlichkeit erklärte, er müsse jetzt zum Arzt und sie werde ihm beim Anziehen helfen. Er weiß nicht mehr, wie er in die Praxis gelangt war, nur, dass es schnell gegangen war, dass die greise Ärztin bei seinem Anblick selber bleich geworden war und ihn am Arm gefasst und gestützt hatte. Er erinnert sich nur bruchstückhaft an das Röntgen des Thorax und die Blutuntersuchung. Es war kein Infarkt gewesen, nur eine schwere Lungenentzündung. Sonja hatte ihn zurück ins Bett gebracht, ihn mit seinen Medikamenten versorgt und war schweren Herzens zur Arbeit gefahren. Von der Ankunft seiner Schwiegermutter, der Rückkehr der Kinder, dem Nachmittag und Sonjas Rückkehr von der Arbeit wusste er nichts mehr. Er schlief, komatös, nur ganz weit hinten, hinter einem Schleier aus Schmerzmitteln und unendlicher Erschöpfung hörte er hier und da, dass Jemand ins Zimmer kam und vorsichtig wieder ging, hörte die vertrauten Geräusche der alltäglichen Abläufe, von denen er sonst ein Teil war. Teller, die auf den Tisch gestellt wurden und einen scheinbar endlos langen Schlaf später wieder abgeräumt wurden, hörte Wasser laufen und Stunden später die Kinder leise Gute Nacht zur Oma sagen, hörte Sonja gedämpft mit ihrer Mutter reden, unendlich weit entfernt. Eben noch war es hell gewesen, jetzt schon konnte er nicht mehr sagen, ob es erst Abend oder schon tiefste Nacht war.
Auf einmal lag Sonja schon neben ihm und schlief und er hatte sie nicht kommen hören, nicht gesehen, wie sie sich ausgezogen hatte. Er war zwei Wochen lang krank gewesen, krank aus dem alten Jahr gegangen und krank in das neue hinein. Hatte im Bett gelegen, als draußen die Raketen flogen. Sonja war um 12 kurz hineingekommen und hatte ihm, nicht ohne Traurigkeit, ein gutes neues Jahr gewünscht. Er konnte nicht antworten, immerhin das Heben des Kopfes war wieder möglich, aber immer noch anstrengend.

 

….aus meinem Roman-Manuskript: Bullerbü brennt

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DA STECKT DAS GUTE DRIN

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All diese lachenden Kinder, blonde, blauäugige, von einer niedlichen Wohlgenährtheit. Dutzendfach strahlten ihm ihre Milchzähne entgegen, genauso oft wie ihre Wangen ihn anleuchteten, von Knie- bis auf Schulterhöhe. Und als sei dies nicht genug, baumelte noch ein Plakat mit dem immer gleichen Kind, das ihn in all den Jahren seines Heranwachsens begleitet hatte, zu knapp über seinem Scheitel. Sie hatten dieses doppelt gebackene Zeug schon seit Jahren nicht mehr gekauft.

Was bei ihm als Schonkost, Babynahrung und als hilfreich bei Magen-Darm-Erkrankungen abgelegt war, hatte offenbar als Zutat vermeintlich bodenständiger Desserts Einzug in die moderne Alltagsküche gehalten. Der Überfluss, dachte er, schien es Trend werden zulassen, zu kochen, als habe man nicht viel. Er fragte sich, wie das kam und worin der Sinn bestand.

Sie stand im Gang, eines dieser orangeweißen Pakete in der Hand und den Blick auf das Regal gerichtet. „Es gibt ihn jetzt mit Schokolade, heller und dunkler- und neuerdings auch mit Kokosraspeln.“, sagte sie und er nickte. Es war heiß, es war voll, er wollte gern den Mantel ablegen, aber alle anderen trugen Mäntel, obwohl die Verkäuferinnen in dünnen, ärmellosen Kitteln arbeiteten und er wollte nicht auffallen. Nur schnell weiter, nur schnellstens die restlichen Besorgungen machen und dann fort. Ins Wochenende. Er bezweifelte ob dies hier die richtige Art sei, einen freien Tag, einen Feiertag oder auch nur einen Feierabend zu begehen – mit Konsum.  Erfahrungsgemäß verhungerte niemand über ein Wochenende, schon gar nicht in ihren Breiten, selbst ein Brückentag war zu überleben, dachte er.

Der Einkauf hatte sich bereits von Anfang an als schwierig erwiesen. Schon kurz hinter dem Drehkreuz am Eingang war keine Einigung über die heutige Gemüsebeilage zu erzielen gewesen. Er hatte ihren Vorschlag von Karotten wohlwollend benickt, war auch der Alternative der frischen Bohnen gegenüber aufgeschlossen gewesen, doch offenbar weder in dem einen noch im anderen Fall ausreichend begeistert herübergekommen, so dass man die Entscheidung verschoben hatte. Ob er generell ihre Idee von einem klassischen Drei-Komponenten-Essen mit Kartoffeln, Fleisch und Gemüse bezweifle und lieber wieder etwas wolle, was man aus der Hand essen könne, wollte sie wissen. Er war sich nicht sicher. Es war ihm, wenn er ehrlich war, egal. Er maß dem Essen nicht die ganz große Bedeutung bei und fand, dass das neuerdings viel zu viele taten, bezweifelte aber, dass es gut ankäme, wenn er es ihr gegenüber erwähnte.

„Hast du den Zettel?“, riss sie ihn aus seinen Überlegungen. Er hatte ihn, irgendwo- wusste aber nicht mehr genau, ob in der Hosen- oder der Manteltasche. Er fand zunächst eine Handvoll Kassenbons von früheren Einkäufen. Er warf sie nie weg, obwohl er sie nie wieder brauchte, nie etwas umtauschte oder reklamierte. Warum er sie aufhob, hatte er sich nie gefragt, sich aber oft v Weiterlesen

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-Zen in der Kunst des Dosenwerfens- Erzählung

Als kleinen Sonntags- und Pfingstgruß aus meiner Blogpause möchte ich Euch diese kleine Geschichte kredenzen. Habt es gut!

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Wir waren gerade dabei, unseren Radius zu vergrößern. Flo kannte den Begriff Radius nur aus Mathe und hatte nie ganz verstanden, was es damit auf sich hatte.

Überhaupt wunderten sich alle, dass wir Freunde waren, denn Flo zog immer jeden Ärger magisch an, war mies in der Schule, während ich recht einfach durchkam und mit niemandem größere Probleme hatte. Dennoch waren wir irgendwann Freunde geworden; ein ungleiches Paar: ich groß und dürr und dunkel- er kompakt, kräftig und blond. Er der Laute, ich der Leise.

Trotz seines losen Mundwerks und seinem Temperament gehörte Flo nicht zu den Jungs, die im Unterricht mit zwei Linealen den vor ihnen sitzenden Mädchen den BH-Verschluss öffneten oder sonstigen Unfug machten. Man sah es ihm bestimmt nicht an, aber er war genauso schüchtern wie ich.

Meine sonstigen Freunde waren aus Papier. Ich las. Alles, was mir in die Quere kam. Es waren die späten Achtziger, die beiden Kinos unserer Kleinstadt hatten zugemacht, für die Bank vor dem Bäcker in der Innenstadt waren wir noch zwei, drei Jahre zu jung und definitiv nicht cool genug.

Der einzige Ruhm, den unsere Stadt je erlebt hatte, war die kleine Meldung in den Nachrichten gewesen, in der erwähnt wurde, dass der Turm unserer katholischen Kirche über Nacht zusammengestürzt war. Es war nur Sachschaden entstanden, das Auto des Küsters war unter den Trümmern begraben worden, aber sonst war nichts weiter dabei geschehen.

An den Nachmittagen trafen sich Flo und ich regelmäßig. Erst waren wir bei mir geblieben, hatten gequatscht oder Scherzanrufe bei Lehrern oder Klassenkameradinnen gemacht. Bald hatten wir uns aber angewöhnt rauszugehen. Stück für Stück erweiterten wir unseren Radius. Bis zum Stadtpark mit dem verwahrlosten Minigolfplatz, zum Platz mit der Bücherei und schließlich in die Stadt hinein. Es gab eine Einkaufsstraße, die uns damals lang vorkam, einige Geschäfte, in denen man ein wenig herumstöbern konnte. Wir waren in einem Alter, in dem den Verkäufern nicht klar war, ob wir noch als Kinder und nett, oder schon als Jugendliche und potentielle Ladendiebe behandelt werden sollten. Die Eisdiele war okay für uns, das kleine Kaufhaus. Wenn wir gar nicht mehr wussten, was wir tun sollten, gingen wir zu unserer Schule, die ebenfalls nicht weit weg lag. Wir setzten uns auf irgendeine Bank auf dem Schulhof, den wir erst vor wenigen Stunden verlassen hatten und genossen die vertraute Umgebung. Ich erzählte Flo, was ich gelesen hatte. Er las nie ein Buch, war mehr der Typ für Disneys lustige Taschenbücher, hörte aber meinen Erzählungen immer ausdauernd und geduldig zu.

Es passierte nicht viel. Ab und zu trafen wir Klassenkameraden oder Klassenkameradinnen- der eigentliche Grund, aus dem wir unterwegs waren. Wir grüßten dann lässig und gingen weiter. Wenn es aber zu einem kurzen Gespräch kam, waren wir so albern und aufgedreht, dass wir uns hinterher über uns selber ärgerten.

Eben weil hier nichts los war, hatte ich zu lesen begonnen und beschäftigte mich mit allerlei komischem Kram. Ich hatte Jack Kerouacs Bücher entdeckt, in denen Typen einfach so den Daumen hochhielten und in eine ihnen völlig unbekannte Gegend aufbrachen. Sie soffen, nahmen Drogen, hatten Sex mit leichtfertigen Mädchen, waren andererseits aber auch irgendwie spirituell und meditierten. Eigentlich war ich zu jung dafür, aber ich war mit den Jugendbüchern fertig und meine Eltern waren froh, dass ich las und keine Scheiben einwarf. Kerouacs Helden faszinierten mich. Ich versuchte mich erfolglos an den Jazzplatten, die irgendwo noch von meiner Mutter herumstanden, und suchte weiter nach Lektüre. Da immer ein Buch das andere ergab, hatten mich meine Bücherei-Aufenthalte am Samstagmorgen (Flo hatte da Fußball-Training) irgendwie von Kerouac zum Buddhismus gebracht. In den Regalen unserer Kleinstadt-Bücherei gab es nicht so viel darüber, die turmlose Kirche lag schließlich direkt nebenan, aber die Bibliothekarin war die Mutter eines Klassenkameraden, kannte mich also und bemühte sich nach Kräften, meinen Wünschen nachzukommen.

Schwierige Sachbücher von irgendwelchen Mönchen blätterte ich durch, fand irgendwo eine Meditationsanleitung und beschloss, es zu Hause zu versuchen. Der Konfirmandenunterricht hatte mich extrem gelangweilt und zu kaum einem der vorgeschriebenen Gottesdienste war ich hingegangen. Es musste irgendwo noch etwas anderes geben.

Ich erzählte auch Flo von meinen Zen-Bemühungen, der überhaupt nichts damit anfangen konnte, aber sein Zuhören und seine Fragen halfen mir selbst immer beim Verstehen. Ich hatte bereits „gesessen“, wie man es beim Zen nannte. Gottlob war der Lotussitz nicht Pflicht, so stand es in einem der Bücher. Man konnte auch mit untergeschlagenen Füßen „sitzen“. Ich hatte die Atemübungen befolgt und wartete auf das Erlebnis der absoluten Leere, das sich angeblich einstellen sollte. Totale Konzentration. Bei irgendeinem Ausflug in Mutters Heimatstadt, die immerhin zu den größten in der Umgebung gehörte, hatte ich eine Platte mit Meditationsmusik ergattern können. Flo fand sie ganz schön nervig und ich auch, wenn ich ehrlich war, aber ich fand, es gehöre nun einmal dazu.

Allzu weit war ich noch nicht gekommen, aber die Idee, Buddhist zu sein, war so einzigartig in meiner katholischen Gegend, dass sie mir natürlich gefiel. Viel mehr Möglichkeiten zur Rebellion standen mir nicht zur Verfügung. Ich hätte mich nicht getraut, mir einen Irokesenschnitt verpassen zu lassen oder Ähnliches. Meine Eltern waren ohnehin so liberal, dass keine Verkleidung sie schockiert hätte. Es waren die Achtziger und meine Eltern waren auf ihre Art Achtundsechziger.

Die freundliche Bibliothekarin hatte mir Zen in der Kunst des Bogenschießens besorgt. Wieder war totale Konzentration gefordert. Ich las es, aber der Wunsch Bogenschießen zu betreiben, entstand dadurch nicht bei mir. Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten von Robert Pirsig war dann weniger hilfreich, wenn auch unterhaltsam. Manchmal griff man halt daneben, sagte ich mir.

An einem Herbsttag in dieser Zeit war ich wieder mit Flo unterwegs. Wir hatten in der Stadt herumgehangen, ein paar Bänke vom Bäcker entfernt, wo die wirklich coolen Typen sich trafen. Wir wussten: Unsere Zeit würde kommen. In einem Jahr oder so würden die jetzt dort Sitzenden um diese Zeit in der Lehre sein und um diese Zeit noch unter Autos liegen oder auf dem Traktor sitzen. Die Bänke wären frei und wir die rechtmäßigen Erben. Aber noch war es nicht so weit.

Wir hatten am Kiosk eine Tüte mit Brausekugeln gekauft und beim Supermarkt Dosen mit Kirschcola für 35 Pfennig. Das taten wir immer. Zwei Mädchen aus unserer Klasse hatten sich offenbar zum Bummeln verabredet und an diesem Nachmittag hatten wir sie schon dreimal getroffen -so groß war die Einkaufsstraße dann doch nicht. Die Zeit zwischen den Begegnungen hatten wir uns ausgemalt, was wir sagen oder tun könnten, wenn wir uns das nächste Mal träfen, uns coole Sprüche ausgedacht oder erwogen, sie zum Eis einzuladen. Letztlich kam der Regen dazwischen.

Gegen 16.30 Uhr begann es zu tröpfeln. Das störte uns im Allgemeinen nicht. Wir konnten beweisen, dass wir keinen Schirm brauchten, und blieben einfach sitzen. Aber bald schon wurde es stärker und die Leute, die ringsum in die Geschäfte oder nach Hause strömten, fanden uns wohl nicht mehr abgebrüht, sondern dämlich, also beschlossen auch wir, uns irgendwo unterzustellen. Natürlich wollten wir uns nicht zu den anderen unter eine Markise oder das Vordach eines der Geschäfte stellen, das wäre peinlich gewesen. Also nahmen wir unsere durchnässte Tüte mit den Brausekugeln und unsere Coladosen und schlenderten betont langsam durch den kalten Regen die Straße hinunter, als schiene die Sonne. Flo zog sogar seine Jacke aus. Unser Ziel war natürlich die Schule, denn da war um diese Zeit ja keiner.

Wir passierten den Marktplatz und die Kirche, in deren Schiff es, trotz der über das Loch, wo der Turm gewesen war, gebreiteten Planen hineinregnete und gingen weiter. Der Regen wurde immer stärker. Wir beschlossen, den Plan mit der Schule aufzugeben. Schließlich sah uns hier schon keiner mehr, es war ja niemand bei diesem Wetter mehr unterwegs. Nicht weit entfernt war ein neuer Bau der Sparkasse errichtet worden, nur ein kleiner Kubus mit einem Geldautomaten und einem Kontoauszugsdrucker darin. Es war die neueste Errungenschaft. Dort wollten wir uns unterstellen, denn das Flachdach des Gebäudes stand einen halben Meter weit an allen Seiten über. Auch dort war kein Mensch, überhaupt hatte ich dort noch nie jemanden Geld holen sehen. Die Leute hier gingen eben noch lieber an den Schalter der Hauptgeschäftsstelle, wo sie ein Bankangestellter bediente. Wir setzten uns auf den Boden unter dem Überhang. Ringsum waren Platten verlegt und Kiesbeete angelegt worden. Es war okay, für ein paar Minuten. Doch der Regen hörte nicht auf.

Wir begannen wieder zu quatschen, malen uns aus, was die Mädels wohl taten, jetzt, da ihr Einkaufsbummel ins Wasser gefallen war. Flo meinte, die seien sicher nach Hause gegangen oder in die Eisdiele. Sabrina habe ja auch nur ein weißes T-Shirt angehabt und keine Jacke. Das sei jetzt bestimmt total durchsichtig. Er hatte die leere Kirschcoladose noch dabei, und als es länger zu dauern schien, bis der Regen aufhörte, stellte er sie ein paar Meter weit von uns ins Kiesbeet und begann, mit den kleinen Steinchen danach zu werfen.

Ich erzählte dies und das. Von diversen Büchern, besonders deren schweinischen Stellen, von denen ich wusste, dass sie ihn immer interessierten und auch von meinen Zen-Versuchen sprach ich. Ich hatte erstmals etwas wie einen Anfangserfolg verspürt, letzten Abend. Mir war, nach ein oder zwei Stunden sitzen und atmen, einmal nicht nur der Hintern eingeschlafen, sondern das Gefühl gekommen, mein Hirn habe sich selbstständig gemacht und sei über meinem Kopf herumgeschwebt. Es hatte sich angefühlt wie ein mit Wasser gefüllter kleiner Ballon, etwa je eine Handbreit über und vor meiner Stirn. Flo machte Witze darüber, was ich nicht mochte, dennoch sprach ich weiter.

Er warf weiter Steinchen nach der Dose, wobei er sie sicher 250mal verfehlte und nicht einmal traf.

Ich sagte: Mit totaler Konzentration; wenn man förmlich mit dem All und dem Gegenstand eins werde, könne einem schlichtweg alles gelingen. „Arm, Kopf, Geist und Universum-alles muss verschmelzen.“

Flo meinte, das könne er sich nicht vorstellen.

Ich erzählte vom Bogenschießen, als habe ich es seit Jahren praktiziert und Flo meinte, das sei ja toll, aber dennoch glaube er nicht daran.

„Ist aber so“, sagte ich. „Die Zen-Meister, die können das.“

„Glaub ich nicht“, sagte Flo und warf ein weiteres Steinchen weit neben der Dose in den Regen.

Es war eine merkwürdige Stimmung an diesem Nachmittag. Es schien, als säßen wir schon ewig hier, ohne dass sich irgendetwas verändert hätte. Es war kein Mensch unterwegs, auch nur wenige Autos und der Regen rauschte runter wie dichter Vorhang und das schon seit gefühlten Stunden. Es war die Mitte unserer Zeit damals. Um 15.00 Uhr trafen wir uns gewöhnlich und um 18.00 Uhr gingen wir heim. Es schien uns endlos damals und jetzt war noch fast genauso viel Zeit übrig, wie wir schon gemeinsam verbracht hatten. Wir würden, wenn es gar nicht anders ging, noch eine ganze Weile hier an der Mauer des Sparkassenhäuschens lehnen, die Schuhe im Kies und den Hintern auf den klammen Gehwegplatten. Irgendwie schwebte alles vor sich hin. Ich wusste nichts mehr zu erzählen, deshalb schwiegen wir eine Weile.

Ich griff nun selbst einen der Kieselsteine, wog ihn ein wenig in der Hand, schaute kurz das erste Mal wirklich auf die Dose im Regen, einige Meter von uns entfernt und warf.

In einem hübschen Bogen flog der Kiesel und traf mit einem -Plong- genau die Mitte der Dose, die widerstandslos umfiel.

Flo war baff. Augenblicklich ließ er alle Kiesel, die er noch in der Hand hielt, fallen und sah mich an. Als wäre ich sein neuer Gott oder so.

„War das jetzt Zen, oder was“, fragte er schließlich. Ich sagte nichts.

Es regnete weiter. Flo warf nicht mehr.

Als er mich nach ein paar Minuten aufforderte, das eben Geschehene zu wiederholen, hätte ich mich weigern müssen. Denn egal, wie sehr ich mich konzentrierte, ich traf die Dose nicht mehr. Kein einziges Mal.

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Dies ist eine Geschichte über einen nicht mehr ganz jungen, wenig besonderen Mann, der mit Blick über den Garten und die Straße und das angrenzende Neubaugebiet am Schreibtisch sitzt und eine Geschichte schreibt.

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Dies ist eine Geschichte über einen nicht mehr ganz jungen, wenig besonderen Mann, der mit Blick über den Garten und die Straße und das angrenzende Neubaugebiet am Schreibtisch sitzt und eine Geschichte schreibt. Eine Geschichte über einen nicht mehr ganz jungen, wenig besonderen Mann, der mit Blick über den Garten und die Straße und das angrenzende Neubaugebiet am Schreibtisch sitzt und eine Geschichte schreibt. Es scheint ihm die einzige Geschichte zu sein, die er zu schreiben im Stande ist, die einzige, in der er sich auskennt, die einzige, die ihn interessiert, weil er gespannt auf das Ende wartet.
Ihm scheint außerdem, Geschichten über nicht mehr ganz junge, wenig besondere Männer, die mit Blick über Gärten und Straßen und angrenzende Neubaugebiete an Schreibtischen sitzen und Geschichten schreiben, seien die einzigen erzählbaren, die einzig wahren und nachvollziehbaren und ihn wundert, dass es nicht allzu viele davon gibt. Er würde gerne ausschließlich solche Geschichten lesen, in denen nicht mehr ganz junge, wenig besondere Männer mit Blick über Gärten und Straßen und Neubaugebiete an Schreibtischen sitzen und Geschichten schreiben, aber entweder gibt es viel zu wenig solche Männer oder es gibt sie, aber sie sind -anders als er- nicht der Meinung, dass Geschichten über nicht mehr ganz junge, wenig besondere Männe Weiterlesen

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