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Spuren der Moderne in Münsterland & Westfalen: OberDADA Hülsenbeck in der münsterländer Pampa-

100 Jahre DADA- ein schöner Anlass, diesen Artikel noch einmal aus der Versenkung zu holen. Ausgerechnet einer der Köpfe der Bewegung hat eine enge Beziehung zu meinem beschaulichen Heimatörtchen….

 

 

Diese Aufnahme des DADA-Autoren Richard Huelsenbeck entstand, lange nachdem DADA in den Kunstkanon des 20.Jahrhunderts eingegangen war, in Huelsenbecks amerikanischer Wohnung. Er lebte als Arzt und anerkannter Reiseschriftsteller dort und verwaltete weltweit das DADA-Erbe als Mit-Erfinder, Moderator und Exeget der Bewegung.

richard-huelsenbeck-portrait

Die Texte, die er hier vorträgt, stammen aus seinem Büchlein: Phantastische Gebete, dem ersten Fanal Dadas, der Kunstrichtung, die um 1916 im berühmt-berüchtigten Cabaret Voltaire in Zürich begründet wurde.

Zahlreiche Emigranten aus aller Herren Länder hatten sich dort versammelt: Deutsche, Schweizer, Rumänen, Bulgaren, Franzosen, darunter: Hugo Ball und Emmy Ball-Hennings, Jean Arp, Tristan Tzare und Marcel Janco.

Ein Russe, der später unter dem Namen Lenin bekannt werden sollte, ging desöfteren in diese Kaschemme, um Schach zu spielen. Abends gab es Ausdruckstanz, Lesungen, Ausstellungen moderner Kunst und aus diesem Brutkasten heraus erhob sich Dada, dessen Name -der Legende nach- beim blinden Tippen in ein französisches Wörterbuch entstanden sein soll.

Alle bürgerlichen Werte und Normen der Kunst- und Kulturgeschichte wurden über Bord geworfen. Radikaler noch als der parallel stattfindende Expressionismus zertrümmerte Dada die Syntax und wand sich zum reinen Laut- und  Nonsensgedicht. Gerne trug man bei der Rezitation Phantasie-Kostüme oder überließ (wie bei einer Dada-Tournee durch die Niederlande) dem Publikum die Bühne.

Richard Huelsenbeck , (Amerika nannte er sich Charles Hulbeck) war einer der Ziehväter der Bewegung. 1892 in Frankenau als Sohn eines Apothekers geboren, erwies er sich schnell als schwieriges Kind. Die Familie zog oft um und Richard besuchte verschiedene Schulen in Dortmund und in Bochum. Der äußerst intelligente, aber widerborstige Schüler hätte wegen zahlreicher Regelverstöße das Abitur beinahe vergessen können, wenn es nicht ein Gymnasium gegeben hätte, das sich auf solche Fälle in gewisser Weise spezialisiert hatte.

Das Arnoldinum in Burgsteinfurt, mitten im nördlichen Münsterland, erklärte sich bereit, dem jungen Hülsenbeck eine letzte Chance zu geben. Eine sehr kleine Klasse und strenge Lehrkräfte sollten es dem aufsässigen Schüler ermöglichen, seinen Abschluß doch noch zu bekommen.  Von 1908 bis 1911 sollte er hier verbringen.

Im Januar 1909 steht der spätere Dichter auch das erste Mal sprechend auf einer Bühne, ebenfalls in Burgsteinfurt.    „Zur Feier des Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers und Königs Wilhelm II.“ deklamiert er in der Feier das Gedicht „An Deutschland“ von Emanuel Geibel, ein 12-strophiges Gedicht mit dem Untertitel „Januar 1871“, das überquillt vor nationalem Pathos.  Das Schulprogramm 1908-1909 hält fest, dass „außer vielen Freunden und Gönnern der Anstalt auch Seine Durchlaucht der Erbprinz Adolf in Vertretung Seiner Durchlaucht des Fürsten zu Bentheim u. Steinfurt erschienen war“.

text_huelsenbeck_13_1Es gibt zahlreiche Anekdoten aus der Zeit des späteren Ober-Dadas in der Provinzschule- die prägnanteste ist sicher die, die den Sinn und Zweck der Verschickung Huelsenbecks hierher beinahe noch gefährdet hätte.

Gen Ende der Schulzeit waren nur noch 5 Schüler in der Abiturklasse übrig geblieben. Unter ihnen kursierte schon länger ein Schlüssel zum Zimmer des Direktors, den sich einer der Jungs besorgt hatte.  Im Dezember 1910 wird eben dieser Schüler vom Direktor in dessen Büro gestellt, wie er gerade das verschnürte Paket mit den Abiturprüfungen öffnen wollte. Eine umfangreiche Untersuchung gegen alle Schüler wurde eingeleitet, bei der geprüft wurde, in wieweit die Anderen Schüler in den Plan eingeweiht gewesen waren.

Auf das Einwirken des Vaters eines der Schüler hin, der glücklicherweise Lehrer der Anstalt war, wurden die anderen vier entlastet. Mit einer „ernstlichen Verwarnung“ wurden sie nun dennoch zur Prüfung zugelassen und Huelsenbeck bestand. Er verließ Burgsteinfurt jedoch noch am selben Tag und bekam sein Zeugnis nachgeschickt.

Er studierte in den folgenenden Jahren zunächst in Münster, dann in München, Berlin und Greifswald Medizin, Philosophie und Kunstgeschichte, bevor die Wirren des ersten Weltkriegs ihn in die Schweiz und zum Dada trieben.

Hier noch ein Text aus den Phantastischen Gebeten:

ENDE DER WELT

Soweit ist es nun tatsächlich mit dieser Welt gekommen

Auf den Telegraphenstangen sitzen die Kühe und spielen Schach

So melancholisch singt der Kakadu unter den Röcken der spanischen

Tänzerin wie ein Stabstrompeter und die Kanonen jammern

den ganzen Tag

Das ist die Landschaft in Lila von der Herr Mayer sprach als er das

Auge verlor

Nur mit der Feuerwehr ist die Nachtmahr aus dem Salon zu vertreiben

aber alle Schläuche sind entzwei

Ja ja Sonja da sehen Sie die Zelluliodpuppe als Wechselbalg an

und schreien: God save the king

Der ganze Monistenbund ist auf dem Dampfer „Meyerbeer“ versammelt

doch nur der Steuermann hat eine Ahnung vom hohen C

Ich ziehe den anatomischen Atlas aus meiner Zehe

ein ernsthaftes Studium beginnt

Habt ihr die Fische gesehen die im Cutaway vor der Opera stehen

schon zween Nächte und zween Tage?

Ach Ach Ihr großen Teufel – ach ach Ihr Imker und Platzkom-

mandanten

Wille wau wau wau Wille wo wo wo wer weiß heute nicht was unser

Vater Homer gedichtet hat

Ich halte den Krieg und den Frieden in meiner Toga aber ich ent-

scheide mich für den Cherry-Brandy flip

Heute weiß keiner ob er morgen gewesen ist

Mit dem Sargdeckel schlägt man den Takt dazu

Wenn doch nur einer den Mut hätte der Trambahn die Schwanzfedern

auszureißen es ist eine große Zeit

Die Zoologieprofessoren sammeln sich im Wiesengrund

Sie wehren den Regenbogen mit den Handtellern ab

Der große Magier legt die Tomaten auf seine Stirn

Füllest wieder Busch und Schloß

Pfeift der Rehbock hüpft das Roß

(Wer sollte da nicht blödsinnig werden)

 

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-Des Dichters dicke Finger- Was so schief gehen kann I

-Des Dichters dicke Finger- Was so schief gehen kann I

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21. November 2015 · 1:00 pm

-Ein Bild sagt mehr…..-

Gestern abend las ich im wunderbaren Ambiente des Steinfurter Huck-Beifang-Hauses im Rahmen der Veranstaltung bilder-dialog, die Teil des umfangreichen Programms des Treffens des Schriftstellerverbandes NRW war. Schüler der Wirtschaftsschule hatten Kunstobjekte zum Thema Licht- und Schattenseiten des Alltags erstellt, die im Nachhinein des SchriftstellerInnen des Verbandes vorgelegt wurden, um sie literarisch völlig frei zu verarbeiten.
Die Wahl meines Bildes fiel mir leicht, auch ohne sofort eine konkrete Idee zu haben.Bild
(Das getöpferte Objekt stammt von Lina Kinscher, Foto von Willi Tebben)

Die Auseinandersetzung mit dem Objekt führte einerseits zu meinem Text SCHWÄRZER, der hier zu finden ist und den ich letztlich gestern Abend vor etwa 65 interessierten Zuhörern vortrug- andererseits brachte sie aber auch noch einen anderen Text hervor:
Gemeinsam mit meinem Haus-und-Hof-Lektor und gutem Freund Sebastian Schmidt vom textbasis.blog stellte ich umfangreiche Überlegungen an, wie sich einer solch kryptischen Bildvorlage überhaupt literarisch zu nähern sei.
Tagelang tauschten wir unsere Ideen und Ansätze aus und befanden am Ende die Überlegungen zur Erstellung eines Textes zum Bild für so interessant, dass wir das Ganze in eine schriftliche Reinform und hier nun auch in eine Hörfassung brachten.

Wer sich dafür interessiert, wie ein solcher Prozess ablaufen kann, welche Hindernisse auftreten und welche Lösungen gefunden werden können, wenn zwei verschiedene Autoren an die gleiche Vorlage herangehen- der sollte sich ein wenig Zeit nehmen und unserem fiktiven Telefonat lauschen.
Ich danke Sebastian Schmidt auf das Allerherzlichste für seine Hilfestellung und Mitarbeit und wünsche allen Anderen viel Vergnügen!

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-Autoreninterview mit Judith H. Strohm-

Mittlerweile ist es mir zu einer schönen Gewohnheit geworden, ab und an auch anderen Autorinnen und Autoren hier auf  -dingfest- Platz einzuräumen. Was uns Schreibende bewegt, woran wir arbeiten und was uns genau das erleichtert oder erschwert- all das sind spannende Themen: für andere Autoren wie für die Leser. Diese Woche hat sich Judith H. Strohm bereit erklärt, mir einige Fragen zu beantworten. Judith erlebt gerade eine der angenehmeren Facetten des Schriftsteller-Daseins: sie steht kurz vor der Veröffentlichung ihres ersten Buches. Allerdings ist das Prozedere in Judiths Fall ein etwas Ungewohntes. – Aber Näheres dazu erfährt man im Anhang, nun  endlich zur Autorin selbst:
Bild

Hallo Judith. Danke, dass du dich zu diesem Interview bereit erklärt hast. Du lebst in Berlin und bist außerordentlich viel unterwegs- sowohl körperlich auf Reisen, wie auch im Netz und in verschiedensten Schreibgruppen. Kann man das so sagen? Erzähl mal ein wenig über die verschiedenen Seiten deines Schreibens.

Orte und natürlich mit ihnen die visuellen Eindrücke, der Geruch etc. vor Ort sind ganz sicher eine der wichtigsten Inspirationsquellen für mich. Entsprechend ist Reisen extrem wichtig. Dabei nehme ich aus Wolfenbüttel ebenso etwas mit wie aus Lahore in Pakistan. Das Schreiben an sich ist wie bei allen Autorinnen und Autoren ein schöpferischer Akt aus mir selbst heraus. Ich will nicht von der „einsamen Sache“ sprechen, da ich mich beim Schreiben nicht einsam fühle, aber es findet, ganz praktisch, alleine statt. Was ich im Anschluss jedoch für mich als extrem bereichernd empfinde, ist, dass ich mir unmittelbares Feedback einholen kann, und zwar nicht von engen Freunden oder meiner Familie, sondern von anderen Autorinnen und Autoren, sei es beim Autorenkombinat Komamndo Torben B. oder bei der Gruppe MischMash, die ich beide mitgegründet habe.
Last but not least ist auch das Netz eine für mich gewinnbringende Möglichkeit, mit einer (kritischen) Leserschaft im Kontakt zu sein und von ihnen Reflexionsanstöße zu erhalten.

Und das scheint Früchte zu tragen! Bei dir steht in Kürze etwas Großes an, nicht wahr?

Ich glaube, die Aufregung ist bei mir noch nicht angekommen. Mal sehen, ob das noch kommt.

Worum wird es sich handeln?

Tatsächlich freue ich mich sehr, dass der kladdebuchverlag meine Sammlung von zwölf Kurzgeschichten zur Veröffentlichung angenommen hat. Damit wird mein erstes Buch erscheinen. Das ist schon eine aufregende und beglückende Sache.

Die kurze Form ist ja durch die Vergabe des Nobelpreises an Alice Munro gerade ein wenig mehr in das Zentrum des Leserinteresses gerückt. Mir scheint bei der großen kanadischen Autorin der Begriff short-story oft etwas zu kurz gegriffen. Kurzgeschichten oder Erzählungen- wie nennst du deine Texte?

Ich selbst spreche von Kurzgeschichten, obwohl Literaturwissenschaftler meine Texte evtl. eher in die Tradition der angelsächsischen Short Story stellen würden. Ich selbst finde diese Kategorisierungen nicht so spannend. Das ist ja immer der unterschiedliche Fokus zwischen Kunst und ihrer Kritik. Die Literaturkritik macht aus der Kategorisierung eine Wissenschaft, spürt Traditionslinien und Brüchen nach. Das ist aber nicht mein Feld.

Sicher wirst du auch ständig, wie so viele Autoren, die sich mit der kürzeren Form beschäftigen, nach dem großen Roman gefragt. Ist das eine Option für dich? Etwas, das im Hinterkopf ist?

Ja, es gibt schon Leute die sagen: „Super, jetzt also zwölf Geschichten, demnächst also zwölf Romane?“ Dann wirkt die kürzere Prosaform immer wie eine Fingerübung zu etwas vermeintlich „Erwachsenerem“, „Großartigerem“. Tatsächlich plane ich momentan weder in kürzerer noch in fernerer Zukunft ein Romanprojekt, aber ich will auch nicht „niemals“ sagen.

Worin liegt für dich der Reiz kürzerer Texte?

Der Reiz liegt für mich in der Vielfalt der Kurzprosa. Sie ist sogar so vielfältig, dass selbst die Grenze zum Roman verschwimmt. Nimmt man beispielsweise von Alice Munro „Das Bettlermädchen: Geschichten von Flo und Rose“, so ist dies formal eine Kurzgeschichtensammlung. Tatsächlich begleiten diese die beiden titelgebenden Figuren jedoch durch viele Stationen ihres Lebens und es entfaltet sich ein Gesellschaftspanorama, wie es auch in einem Roman komplexer kaum sein könnte. Aus meiner Sicht werden die Möglichkeiten der Kurzgeschichte häufig leider unterschätzt. Insofern liegt für mich der Reiz auch darin, meinem Publikum diese Literaturform näher zu bringen.

Für diejenigen, die sich für deine Texte interessieren- kannst du sie ein wenig charakterisieren?- Gibt es Themen, die vorherrschen? Eine bestimmte stilistische Besonderheit? Dinge, die dich in deinen Geschichten besonders beschäftigen?

Ohne zu agit-prop-mäßig wirken zu wollen, blitzt in meinen Geschichten sicher die Tatsache durch, dass ich Politikwissenschaftlerin bin und ich in meinen Geschichten auch aktuelle politische Themen adressiere. Die Kunst ist, Drohnenattacken in Pakistan oder die tonnenweise Vernichtung von Lebensmitteln so in die Geschichten einzuflechten, dass die Leserinnen und Leser das nicht als aufgezwungen erleben, sondern über etwas stolpern, bei Lesungen nachfragen, zum Nachdenken angeregt werden.
Da ich meine Texte wirklich sehr gerne öffentlich vortrage, ist für mich die Lesbarkeit, so etwas wie Melodie und Rhythmus extrem wichtig. Dabei arbeite ich daran, dass Form und Inhalt Hand in Hand gehen. Es gibt zum Beispiel eine sehr lange Sequenz, in der jemand eine Treppe hochläuft, immer zwei Stufen auf einmal nimmt. Wenn ich diese Stelle laut lese, bin ich am Ende genauso atemlos wie der Protagonist, muss genauso eine Pause machen, um Atem zu holen.

Das klingt sehr spannend und macht mir und sicher vielen Anderen schon Lust auf dein Buch. Aber mal weg vom Inhaltlichen- Wie Patrice Talleurs Kinderbuch Flämmchen, das ich kürzlich hier vorstellte, und auch mein neuer Roman wird dein Buch im neu gegründeten kladde buchverlag erscheinen. Warum hast du dich für kladde entschieden?

Tatsächlich ist der kladdebuchverlag für mich ein völliger und sehr glücklicher Zufall. Ich war eigentlich voll auf „selfpublishing“ gepolt und führte bereits erste Gespräche mit einer Lektorin und einer Graphikerin, da auch ein selbst publiziertes Buch Qualität haben muss. Ich hatte von so viele jungen Autorinnen und Autoren über deren verzweifelte Agentur- und Verlagssuche erfahren, dass ich überhaupt keine Lust hatte, mich überhaupt da hinein zu begeben. Mein Anliegen ist, dass Menschen meine Texte lesen. Das kann ich heutzutage auch auf direktem Weg erreichen. Via Facebook wurde ich dann auf den kladdebuchverlag aufmerksam, habe nach dem Motto „ich habe ja nichts zu verlieren“ einen Text für eine Anthologie vorgeschlagen und zwei Tage später kam eine Email: „Wir wollen mehr!“ Ich glaube, die haben sich für mich entschieden und gar nicht so sehr umgekehrt.

Wie ist bisher die Zusammenarbeit mit den jungen Kreativen dort?

Super! Ich selbst bin ja auch eine „Macherin“, bin beruflich und ehrenamtlich sehr engagiert und habe daher große Sympathien für Menschen, die mutig etwas Neues wagen. Zugleich habe ich auch Spaß daran, eigene Ideen in das Buchprojekt einzubringen. Bisher lässt sich unsere Zusammenarbeit sehr gut an. Ich bin gespannt, wie es laufen wird, wenn es nun Ernst wird mit dem Start der Funding-Kampagne.
kladdeJetzt machen wir mal einen auf Werber! Warum sollte man dein Buch mit einem Funding-Beitrag unterstützen? 

Dieses Projekt ist unterstützenswert, da gute Literatur und neue Geschichten immer eine Bereicherung sind. Zudem zahlt sich die Investition in vielfältiger Weise aus. Denn das Buch wird ein sehr schönes, hochwertiges Produkt sein, aus tollem Papier und mit Lesebändchen. Zugleich unterstützt der Kauf kleine und mittelständische Unternehmen im Handwerk (Papiermanufaktur, Druckerei) und der Kreativwirtschaft (Start-up Verlag und die von ihm bevorzugten inhabergeführten Buchhandlungen) und last but not least wächst natürlich auch meine persönliche Motivation als Autorin noch bessere Geschichten zu schreiben. Das Interesse der Leserinnen und Leser ist ein sehr wichtiger Motor.

Was ist dein größter Wunsch derzeit? Im Schreiben und generell?

Der Weltfrieden? Im Ernst. Die Frage ist zu groß. Ich wünsche mir sehr, dass das Buchprojekt sein Publikum findet und realisiert werden kann, da das erfolgreiche Funding auf visionbakery die existentielle Bedingung für das Buch darstellt. Und für mich persönlich wünsche ich mir gerade mehr Zeit zum Schreiben. Neben Vollzeitjob, Familie und mehreren Ehrenämtern, ist das nicht immer einfach. Zugleich habe ich so viele Themen im Kopf, zu denen Geschichten erzählt werden müssen!

Wer wünschte sich nicht den Weltfrieden!? Aber ein vergleichsweise kleiner Wunsch im eigenen privaten und beruflichen Bereich ist sicher ebenso gestattet und wichtig. Ich wünsche dir ganz viel Erfolg mit deinem Buch und deinen weiteren Plänen! Vielen Dank für das nette Gespräch!

Wer Judiths Buch lesen möchte, sollte also nach Möglichkeit nicht in der gewohnten Haltung verharren, es zu erwerben, wenn es denn im Laden liegt. Aber wie geht es nun konkret?- 

Der kladde buchverlag, wird also bald schon im Vorfeld der Veröffentlichung gezielt nach Unterstützern des Projektes suchen, die den Druck des Buches mittels crowdfunding finanzieren. Der Leser wird auf der Plattform  visionbakery bereits vor der Veröffentlichung mit Informationen und Leseproben zu Text und Autorin versorgt und erhält die Möglichkeit, das Manuskript schon vor den späteren Lesern kennenzulernen und mit einer individuellen Unterstützung zu pushen. Vom risikofreien Kauf des Buches zum späteren Ladenpreis über das Vorbestellen eines signierten Exemplars bis zur Erwähnung des eigenen Namens im späteren gedruckten Buch sind zahlreiche Möglichkeiten gegeben, sich als Unterstützer direkt und unittelbar mit dem Projekt zu verknüpfen. Ein spannendes und innovatives Konzept, das dem jungen Verlag schon einige Aufmerksamkeit beschert hat.  Es sei somit noch einmal an alle appeliert, die mit dem Gedanken spielen, Judiths Buch zu erwerben: unterstützt schon im Vorfeld das Projekt und macht das Erscheinen mit Eurer Hilfe erst möglich! Ihr fördert eine junge Autorin, einen innovativen Verlag und werdet direkt Teil eines bemerkenswerten Konzepts!

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– Laborarbeit: Gemeinschaftsdichtung mit Sebastian Schmidt-

Vor einiger Zeit lud mich der Lektor und außerordentlich begabte Poet Sebastian Schmidt, den einige schon als Betreiber des textbasis-blogs und eventuell aus verschiedenen Beiträgen hier auf -dingfest-  kennen, zu einem ganz besonderen Projekt ein: Auf der von uns beiden sehr geschätzten Plattform edupad.ch wollte er versuchen, aus gemeinsam mit mir spontan erdachtem lyrischen Material, Texte zu entwickeln. Die Idee: am Ende Ergebnisse zu haben, die zu gleichen Teilen ihm und mir verpflichtet wären und die Grenzen des einzeln dichtenden Autoren-Ichs zu überwinden. -Wie gingen wir vor?

Zunächst brauchten wir Material und einigten uns auf einen Text, der abwechselnd aus einer Zeile von mir und einer Zeile von Sebastian bestehen sollte. Edupad ermöglicht es, simultan und zeitgleich zu arbeiten – sprich: Sebastian sah, was ich schrieb und antwortete seinerseits mit einer Zeile, die ich las und mit einer von mir ergänzte. Jeder vom Einzelnen angedachte Sinnzusammenhang und weiterer Verlauf des Textes wurde also schon mit der nächsten Zeile des Anderen aufgebrochen und in eine völlig andere Richtung gelenkt, die es wiederum fortzuführen galt usw. . So entstand ein Ursprungstext.

Im Weiteren schrieb nun ich eine Variante, bei der ich sowohl die von mir, als auch die von Sebastian eingebrachten Elemente verwendete. So kam es zu Version 1. Diese wiederum bearbeitete Sebastian auf die gleiche Weise und erstellte Version 2. So fuhren wir fort, bis wir das Gefühl hatten, alle Spielarten befriedigend ausgelotet zu haben.

Es war äußerst spannend, zu verfolgen, wie Motive und Begriffe peu a peu verschwanden, wieder auftauchten und sich veränderten. Auch die Form der Texte wandelte sich auf interessante Weise. Letztlich hatten wir beide aus zum Teil fremden Material eigene Texte gemacht. Die jeweils eigenen Tonfälle und Stile von Sebastian und mir sind absolut hörbar, obwohl 50% des Materials nicht das eigene war. Eine Herausforderung und spannende Erfahrung, die einen Selbstversuch absolut wert ist und für die ich Sebastian herzlich danke!

Hier nun die Entwicklung des Ganzen im Einzelnen:

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-Interview mit der Autorin Patrice Talleur-

talleurHeute gibt es mal wieder einen Gast auf meinem Blog. Ich freue mich sehr, Patrice Talleur zum Interview begrüßen zu dürfen- eine außerordentlich interessante Autorin, deren wunderschönes Kinderbuch Flämmchen mich als ollen Romantiker und Vater zweier Kinder sofort gepackt hat, als ich auf der Seite des kladde buchverlages darauf stieß.

M.E.: Patrice, schön dass du Zeit gefunden hast, mir ein paar Fragen zu beantworten.

P.T.: Gerne doch. Schön, dass Flämmchen Dein Interesse geweckt hat.

M.E.: Erzähl mal, worum geht es in Flämmchen?

P.T.: Um die Erfüllung eines großen Wunsches. Und darum, dass man sich manchmal anstrengen muss um seinen Zielen näher zu kommen. Steine werden einem auch im echten Leben in den Weg gelegt … doch Ausdauer und Geduld zahlen sich eben doch aus! Da geht es dem Flämmchen nicht anders, als uns im „echten“ Leben.

M.E.: Der Verlag bezeichnet dein Buch als „nostalgische Wintergeschichte für Kinder“. Was genau daran ist nostalgisch? Und wendet sich die Geschichte wirklich nur an junge Leser?

P.T.: Nostalgisch mag die Sprache sein, vielleicht auch die Ruhe in dem Buch. Sicherlich gibt es Spannung, aber eben keine Hau-Ruck-Dramaturgie … das kann man durchaus als nostalgisch bezeichnen. Natürlich ist der Handlungsort nostalgisch. Flämmchen spielt zu einer Zeit, in der die Nachtwächter noch Nacht für Nacht die Straßen abliefen und die Laternen zum Leuchten brachten. Es gab noch kein elektrisches Licht – na, wenn das nicht nostalgisch ist!

M.E.: Die Frage, die jedes Mal gestellt wird, wenn man mit Autoren über ihre  Geschichten spricht, will ich natürlich nicht auslassen: Wie kamst du auf die Idee?

P.T.: Die habe ich in meinem Kopf gefunden. Sie war einfach da.

M.E.: Okay- glücklich, wer solche Geschichten einfach findet! Dein Buch ist ja auch wunderschön illustriert. Kannst du noch ein paar Worte zu den Bildern und ihrem Zeichner sagen? Kanntet ihr euch schon oder hat der Verlag euch zusammengebracht?

P.T.: Mit dem Zeichner Marc Robitzky verbindet mich eine lange Freundschaft, ihn für dieses Projekt zu gewinnen war mein Wunsch. Ich mag seine Art zu illustrieren. Wie von Zauberhand gelenkt entstehen durch seine Pinsel (so er noch mit Pinseln arbeitet) genau die Bilder, die ich beim Schreiben im Kopf hatte. Das ist toll!

flämmchenM.E.: Nun stieß ich auf dein Buch nicht in einer Verlagsvorschau oder auf einer Buchhandelsplattform, sondern auf der Crowdfunding-Seite startnext. Flämmchen erscheint bei einem ganz interessanten neuen Verlag mit einem besonderen Konzept. -Wie kam es dazu und was ist das besondere am kladde buchverlag, das dich dazu brachte, dort zu publizieren?

P.T.: Mich interessieren die neuen Wege – die neue Welt. Flämmchen ist für mich ein besonderes Buch. Aber es ist zu leise für den großen Rummel der großen Verlagshäuser. Es ist ein Buch, was vielleicht in einem großen Verlag untergehen würde. Es müsste sich gegen große Namen und brisante Stories durchsetzen. Dafür ist mein Flämmchen zu zart. Es ist eher ein Liebhaber-Projekt … und mit dem Team vom kladde buchverlag hat es bereits ein paar Liebhaber gefunden. Das freut mich sehr. Und wenn es genügend „neue“ Liebhaber findet, findet es auch den Weg in den Buchhandel.

M.E.: Man kann also ganz direkt zum Erscheinen von Flämmchen beitragen. Erklär mal kurz, wie das am besten funktioniert.

P.T.: Wem das Projekt gefällt, wer glaubt es könnte ihm gefallen, der kann bei der Finanzierung helfen – im Kleinen wie im Großen. Und das funktioniert über die Plattform startnext.de.  Man kann das Buch noch vor dem Druck kaufen und somit die Startauflage finanzieren. Da gibt es verschiedene Stufen, vom Leser zum Fan bis hin zum Gönner, Mäzen oder Patron. Je nachdem, wie viel man bereit ist zu investieren.

M.E.: Patrice, ich danke dir für dieses Gesräch und drücke dir und deinem Manuskript ganz ganz fest die Daumen!

P.T.: Ich danke ebenfalls! Wir können jeden gedrückten Daumen brauchen.

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Wer also dieses interessante Projekt und die Autorin Patrice Talleur aktiv unterstützen möchte, dem seien folgende Links ans Herz gelegt:

http://www.startnext.de/flaemmchen/pinnwand/ -Hier gibt es ausführliche Infos zu Manuskript und Autorin sowie eine umfangreiche Leseprobe. Und unter: http://kladdebuchverlag.de/ kann man sich über den Verlag, sein Programm und die kreativen Köpfe dahinter informieren.

kladde

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– Weihnachten mit Peter Alexander, Uwe Seeler und Onkel Klaus-

eisblumen
Ein Tag vor Weihnachten.
Meine Mutter hatte mein Bett bereits in Vaters Hobbyzimmer gemacht, denn Tante und Onkel würden mein Zimmer unter dem Dach belegen, wenn sie morgen anreisten. Da Mutter für die Feiertage viel vorzubereiten hatte, war sie froh über alles, was schon erledigt war und so schlief ich schon heute eine Etage tiefer, zwischen den Büchern meines Vaters. Ich mochte den Geruch und kannte die Titel seiner Bibliothek zu weiten Teilen auswendig. Selbst im Dunkeln konnte ich Reihe für Reihe vor mich hinsagen, wenn ich nicht einschlafen konnte.
Elf Freunde müsst ihr sein
Der Ball ist rund
Ecken sind halbe Tore und
Drei Ecken sind ein Tor, was mich damals bereits verwirrte, weil es ja schon rein rechnerisch nicht stimmen konnte.
Ich hatte einen Teil davon zu lesen versucht und war theoretisch ein begnadeter und mit allen Wassern gewaschener Stratege, aber leider in Wirklichkeit mit Abstand weder der Schnellste noch der Kräftigste unter den Jungen in meiner Klasse. Ich las gern und malte viel.

Vater mochte es nicht, wenn ich in seinem Zimmer schlief, denn sein Schreibtisch und seine Regale waren dadurch für einige Tage blockiert. Aber jetzt hatte er Nachtdienst und war nicht zu Hause; außerdem hätte er, wenn der Weihnachtsbesuch da war, ohnehin keine Zeit gefunden, mit donnerndem Anschlag Autogrammanfragen an ehemalige Fussballstars aller Herren Länder zu verfassen.

Ich lag auf der Matratze und hörte meine Mutter unten in der Küche mit irgendwas hantieren, im Wohnzimmer lief der Fernseher: Die Peter-Alexander-Show, alljährlicher Höhepunkt im Dezemberprogramm- Ich konnte nicht einschlafen.

Es klingelte an der Haustür. Ich horchte, wie meine Mutter den schweren Vorhang wegzog, der die kalte Luft daran hindern sollte, unter der Haustür hindurch ins Haus zu kommen; hörte, wie sie die Kette löste und aufschloss. Lange dauerte es nicht, bis ich erkannte, wer zu Besuch kam. Die Stimme war mir vertraut.

Ich nannte Klaus Onkel, obwohl er es nicht war. Meinen richtigen Onkel, den Mann meiner Tante, mochte ich nicht sonderlich und er mich auch nicht. Er würde die Feiertage sicher wieder mit dem neuen Quelle-Katalog auf der Couch verbringen; einen Finger zwischen den Seiten mit dem Heimwerkerkram, während er, wenn er sich unbeobachtet glaubte, ausgiebig die Abbildungen der Modelle in Damenunterwäsche betrachtete. Klaus dagegen liebte ich, obwohl ich ihn leider nur selten sah. Inwieweit wir eigentlich verwandt waren, habe ich nie richtig verstanden. Unter all meinen steinalten Verwandten war er der Jüngste, wenn ich auch damals nicht sagen konnte, wie alt er eigentlich war. Beinahe zwei Meter groß, war Klaus damals für mich ein unermesslicher Riese -keiner in meiner Familie war so groß und keiner trug einen feuerroten Vollbart wie er. Seine Augen funkelten immer lustig, wenn er mich sah und auf seinen Arm nahm, wo mir in der ungewohnten Höhe schwindlig wurde.

Ich hoffte, dass meine Mutter mich rufen würde, damit ich ihn begrüßen und vielleicht eine halbe Stunde mit ihm spielen könnte. Mehr Zeit hatte Klaus ohnehin selten, aber das machte mir nichts aus. Ich konnte nicht alles verstehen, was die beiden unten sprachen, wahrscheinlich hatte Mutter ihn ins Esszimmer gebeten, das weiter hinten in Haus lag. Ihr Gespräch kam nur noch bruchstückhaft bei mir an, aber ich war sicher, er würde nach mir fragen; käme eigentlich, um mich zu besuchen. Unter keinen Umständen durfte ich jetzt einschlafen, denn wenn Mutter nach mir sähe und ins Dunkle fragen würde, ob ich schliefe, musste ich um jeden Preis mit NEIN antworten können. Aber sie kam nicht.

Nach einer Weile -es kann die Dauer gewesen sein, die Klaus brauchte, um eine Tasse dampfenden Kaffee in einem Zug zu leeren oder länger- wurden ihre Stimmen wieder lauter, näherten sich wieder Treppe und Tür. Ich spürte den Schwall kalter Luft, der durch die geöffnete Haustür hereinkam, und hörte Klaus sich von meiner Mutter verabschieden und zum Schluss deutlich lauter noch Frohe Weihnachten wünschen und war enttäuscht.

Ich lauschte angestrengt, hörte aber kein Auto, kein klapperndes Fahrrad noch irgendetwas- Klaus war einfach fort. Dafür hörte ich Mutter die letzten Schüsseln und Teller auf das Abtropfregal stellen und etwas später ins Wohnzimmer gehen. Der Fernseher wurde lauter gestellt, aber dann lehnte sie wohl die Tür an und ich hörte kaum noch etwas.

Es war dunkel- ich lag nah am Boden und konnte, wenn ich den Arm ausstreckte, Vaters Bürostuhl an den Rollen fassen und minimal hin und herschieben. Die Buchrücken waren nicht mehr lesbar, aber das war egal. Hier und dort konnte ich einzelne Buchstaben ausmachen, die von der Weihnachtsbeleuchtung der Nachbarn erhellt wurden, und wusste so genau, welche Titel links und rechts standen. Ich dachte noch ein wenig darüber nach, wer recht hatte, was die Ecken anging: Fritz Walter oder Uwe Seeler- dann schlief ich ein.

Am folgenden Tag -Heiligabend- war ich früh wach. Vater schlief bis Mittags, wenn er vom Nachtdienst kam und ich musste leise sein. Aber das war kein Problem für mich. Ich stand auf und genoss zum letzten Mal den Geschmack des kleinen Stückchens Schokolade aus dem Adventskalender auf nüchternen Magen und mit ungeputzten Zähnen.

Auf meinem Fühstücksteller lag ein kleines Päckchen, recht unbeholfen eingepackt, aber mit meinem Namen darauf. „Das hat der Weihnachtsmann gestern für dich abgegeben, als du schon eingeschlafen warst“, sagte meine Mutter. Ich nickte, wickelte es neugierig aus, bevor sie es sich anders überlegen konnte und es doch unter den Weihnachtsbaum legen. Es enthielt eine Packung Stifte -ganz besondere, die ich schon lange gewollt hatte. Meine Mutter schwor später all die Jahre, die ich sie danach fragte, Onkel Klaus sei an diesem Abend nicht zu Besuch gewesen. Er sei doch bei der Bundeswehr, oben in Niedersachsen. Selbst den Bart habe er sich abnehmen müssen.

Es war das letzte Jahr gewesen, in dem ich noch an den Weihnachtsmann glaubte- im Advent darauf fand ich die Riesenpackung mit genau der Dominobahn, die ich mir aus dem Quelle-Katalog ausgesucht hatte, unten im Schrank in Vaters Zimmer, unter den Wolldecken und ein paar abgelegten Kleidern. Ich verriet mich nicht- die restliche Vorweihnachtszeit nicht und auch nicht beim Auspacken am Heiligen Abend.

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