Stein macht sich schmutzig -Erzählung-

schneemann

Stein macht sich schmutzig

Am Morgen hatte Stein im Bad gestanden und kaum, dass er den Rasierer das erste Mal ausgespült hatte, bemerkt, dass das Wasser im Becken nicht mehr abfloss. Im Laufe des Vormittags versuchte er es mit Geschirrspülmittel und einem Reiniger aus der Drogerie, scheiterte jedoch kläglich. Das mit Rasierschaum und Stoppeln versetzte Wasser stand nur umso hartnäckiger und mit absolut regloser Oberfläche im Becken, ohne jeden Zug zum komplett geöffneten Abfluss.
Etwas später hatte Stein bereits ein halbes Dutzend durchtelefoniert, aber einen Klempner zu bekommen erwies sich als schwierig, weshalb sich Stein an den alten Hausmeister wandte.

„Aber Blum ist doch Klempner.“, sagte dieser.
„Blum?“, fragte Stein.
„Ja“, der Mann, der seit ungefähr zwei Monaten neben Ihnen wohnt.“
Stein erinnerte sich dunkel. Rechts waren neue Leute eingezogen. Eine Familie mit zwei Kindern. Sie hatte kurz nach ihrem Einzug alle Parteien des Hauses zum Kennenlern- Kaffee eingeladen, aber Stein war verhindert gewesen. Aber Stein nahm seine Nachbarn ohnehin für gewöhnlich kaum wahr, solange sie ihn nicht störten. Die Blums waren offenbar ruhige Leute. Der Mann verschwand früh zur Arbeit und kam spät heim, die Töchter gingen zur Schule und die Frau hörte man kaum. Nur abends, wenn er im Bad stand, schnappte Stein gelegentlich und unfreiwillig durch den gemeinsamen Lüftungsschacht Fetzen von Gesprächen auf. Seit dem Einzug der Blums kam das häufiger vor, fiel ihm jetzt auf, und es waren ganz offensichtlich Streitigkeiten, die er vernahm und bei denen die Stimme des Mannes dominierte.

„Fragen Sie Blum“, hatte der Hausmeister also als letzten Rat ausgesprochen. „Einen Fachmann im Haus zu haben, ist doch ein wahrer Glücksfall!“
Stein mochte Handwerker wenig. Sie lösten seine Probleme, ja, aber ihre Anwesenheit in seiner Wohnung war ihm zuwider, sie kosteten Zeit und Geld und verursachten Schmutz und Arbeit. Auch fiel es ihm seit jeher schwer, mit Handwerkern zu sprechen. Er wusste nichts von ihrem und sie nicht von seinem Leben. Er traf nie den richtigen Ton, oft kam es zu Missverständnissen oder betretenem Schweigen oder gleich beidem.
Aber es half ja nichts. Stein ging also über den Flur und klingelte. Frau Blum erschien. Stein murmelte etwas von Nachbar und noch nicht richtig vorgestellt und wie leid ihm die Störung tue, aber er habe da ein Problem. Wenige Minuten später kniete Herr Blum, ein kräftiger Mann mit blondem Stoppelschnitt, vor Steins Waschbecken, einen Werkzeugkoffer von der Größe eines kleinen Schrankes neben sich. Mit wenigen geschickten Handgriffen waren bald die Rohre unter dem Becken entfernt, das darin stehende Schmutzwasser in einen eilends von Blum gebrachten Eimer entleert und Blums Blick ins dunkle Innere der Wand gerichtet.

Stein wusste aus Erfahrung, recht bald würde Blum ihm mehr oder weniger dezent Unsauberkeit Unachtsamkeit seinem Abflusssystem gegenüber unterstellen, wie ein Jahrmarktzauberer unschöne Dinge aus seinen Rohren hervorholen, von denen Stein nicht wüsste, woher sie stammten. Er schwieg und wartete ab, auf welche Weise der Nachbar sein bisschen Überlegenheit ihm gegenüber ausspielen würde. Blum kratzte und bohrte mit einem kleinen Werkzeug in der Wandöffnung herum, richtete eine Taschenlampe hinein und schüttelte den Kopf in einer Mischung aus enttäuschtem Ehrgeiz und Empörung.

„Und?“, fragte Stein, möglichst vorsichtig.
„Hart wie Beton.“, entgegnete Blum. „Hab ich so auch noch nicht gehabt.“ Fast lag so etwas wie Anerkennung der besonderen Lage in seinem Ton.  Stein war sich unsicher, ob er mit Stolz oder Sorge darauf zu reagieren hatte, weshalb er nur stumm nickte.
„Da brauch ich den Bohrer“, sagte Blum nun trocken und entnahm seinem Koffer ein monströses Gerät, suchte und fand die Steckdose. Stein war sich jetzt schon klar, dass der Kampf gegen seinen eigenen Schmutz deutlich länger dauern und deutlich teurer werden würde, als er gehofft hatte. Aber das war immer so, wenn er Handwerker bemühte und von daher nichts Neues.

Das Gerät heulte auf, als Blum es ins Rohr einführte, rüttelte und röhrte. Stein ging drei Schritte zurück, um dem Lärm ein wenig zu entkommen. Seinem Gesichtsausdruck nach befand sich Blum jetzt in einem ganz persönlichen Kampf: Er und seine Maschine gegen Steins knüppelharten Dreck. Er fluchte durch die zusammengebissenen Zähne und sein Gesicht hatte bereits eine tiefrote Färbung angenommen. Dass er nicht aufgab, sondern vollen Einsatz zeigte und mit immensem Kraftaufwand an der Behebung seines Problems arbeitete, war ihm ja hoch anzurechnen, dachte Stein – noch dazu in seiner Freizeit. Als Blum absetzte, erneut ins Rohr sah und seiner Mimik nichts über den Erfolg der Bemühungen zu entnehmen war, fühlte sich Stein zu einigen aufmunternden Worten verpflichtet. Es sollte nicht den Anschein haben, als ließe er hier einen Nachbarn für sich die Drecksarbeit machen, ohne wenigstens Dankbarkeit zu zeigen.

„Ich bin sehr froh, dass der Hausmeister sie mir empfohlen hat. Gute Handwerker zu bekommen ist so schwierig, wenn man wirklich mal in der Klemme steckt.“
Blum wischte sich über die Stirn und nickte, fast ein wenig abfällig. Wahrscheinlich war ihm aus Erfahrung längst klar, dass das typisches Geschwafel von Kunden war, die ihn am liebsten so schnell wie möglich wieder aus dem Haus haben wollten. Diesen Eindruck wollte Stein eigentlich entkräften, aber ihm fiel nichts ein, außer weiterer belangloser Konversation.
„Früher hat der Haumeister –natürlich war er kein Fachmann- sowas selbst gemacht, aber er steht ja jetzt schon ganz kurz vor der Rente.“ Nun ließ sich Blum, der gerade einen größeren Bohrer auf seine Maschine schraubte, tatsächlich zu einer Replik hinreißen.
„Schön für ihn“, sagte Blum und Stein meinte, einen leisen Zorn in dessen Stimme wahrzunehmen.  „Unsereiner kann das ja wohl vergessen.“, fuhr der Nachbar fort. Stein nickte nur, im Glauben, die allgemeine Unsicherheit der kommenden Rentnergeneration sei ausreichend bekannt und erfordere keinen weiteren Kommentar, aber Blums Satz war noch nicht fertig:
„Bei den ganzen Sozialtouristen jetzt. Da müssen wir uns nicht wundern.“ Stein stand sprachlos und war beinahe froh, dass das erneut einsetzende Bohren und Rütteln von Blums Maschine sein Schweigen mehr als rechtfertigte.

Zunehmend erbittert führte Blum nun seinen Kampf gegen den Dreck Steins. Es schien, als befinde er sich auf einer Mission. Hier und da setzt er ab, fischte seifige Haarbüschel oder hart verkrustete Schmutzklumpen aus dem Ansatz des Rohres und vom Bohrer und pfefferte sie angewidert, aber mit Genugtuung in den Eimer, gänzlich ohne vorwurfsvollen Seitenblick auf Stein, den Verursacher, der eigentlich damit gerechnet hätte. Mittlerweile hoffte Stein, diese Situation möge möglichst schnell vorüber sein. Auf weitere Unterhaltung würde er nun verzichten und dem Nachbarn damit klar machen, dass er dessen vor wenigen Minuten geäußerte Meinung nicht teilte. Dieser sollte nun nur noch seine Arbeit machen, nicht mehr und nicht weniger. Weiterer Konversation war er nicht würdig.

Vielleicht hatte Blum Steins Schweigen als Zustimmung verstanden oder es war schlichtweg der Damm gebrochen. Auf jeden Fall fühlte er sich in einer weiteren Bohrpause veranlasst, weiterzureden.  
„Das geht doch alles den Bach runter hier.“ Ob sein Zorn dem widerspenstigen Schmutz oder der seiner Meinung nach allgemein schlechten Lage zuzuschreiben war, blieb in diesem Moment unklar.

„Für alles ist Geld da, aber ich kann später Flaschen sammeln.“
Den Bohrer wieder in der Hand, wartete Blum keine Antwort ab, sondern rammte das Gerät unwirsch in die Wand, rührte, stieß und rüttelte damit in der Wand, dass es heulte, fauchte und schrie. Blum, dessen Gesicht Spritzer von bräunlicher Flüssigkeit aus dem Rohr abbekam, stemmte sich mit seinem bulligen Körper gegen das offenbar immer noch präsente Hindernis, als hinge sein Leben davon ab. Ungeachtet des Lärms und der Anstrengung sprach er nun sogar während der Arbeit weiter.
Wir schaffen das!“, stieß er verächtlich hervor und Stein wollte glauben, er meine damit die Behebung des Abflussproblems. Aber was Blum folgen ließ, machte diese Hoffnung zunichte.
„Ist ja genug für alle da!“ Die Maschine kreischte.
„ Immer schön raus mit der Kohle!“ Irgendetwas im Rohr machte ein metallisches Geräusch.
„ Aber mit uns können die es ja machen!“ Der Bohrer lief knirschend aus.
Blum verstummte. Er entfernte das Gerät aus der Wand, leuchtete hinein und nickte knapp.
Er packte das Werkzeug ein wie ein Jäger sein Gewehr nach dem Erlegen des Bären und begann die Rohre wieder anzuschrauben. Ruhiger war er jetzt und würdigte den in der Tür stehenden Stein keines Blickes. Dieser ging im Kopf durch, was er jetzt alles sagen würde, sagen müsse, um Blums Äußerungen nicht unkommentiert zu lassen. Aber Blum sprach ihn nun unvermittelt direkt an und unterbrach damit seine Gedankengänge.
„Warum der Berliner Flughafen nicht fertig wird, ist ja eh klar.“
Stein starrte ihn an und hoffte nur noch schwach auf eine gemeine, aber versöhnliche Pointe. Blum genoss seine überlegene Wissenslage bezüglich dieses Themas sichtlich und ließ sich nach einer dramatischen Pause dazu herab, Stein darin einzuweihen.
„Geheimanlagen! Unterirdisch und mehrere Stockwerke tief.“
Eine Stunde zuvor hätte Stein annehmen können, er sei auf den ersten Handwerker mit einem Sinn für Humor gestoßen, aber Blums Blick und seine vorangegangenen Äußerungen machten klar, dass er es vollkommen ernst meinte. Nun war Stein sicher, er müsse dagegen argumentieren. Aber er sah auch die Möglichkeit, sich noch heute wieder waschen und rasieren zu können und- schwieg.
Ohnehin war der Nachbar offenbar noch nicht fertig mit seinen Ausführungen.
„Aber das sagt man uns natürlich nicht. Da muss man schon selbst denken.“
Erneut schwieg Stein, nickte sogar schwach, wofür er sich umgehend schämte.
Blum ließ Wasser laufen und betrachtete mit arroganter Siegesgewissheit den Wasserstrahl. Es blubberte und rumorte im Rohr und klebriger, seifiger Dreck wurde hochgespült. Aber dann lief alles ab, schwerfälliger zwar als zuvor, aber immerhin. Blum schien mit seiner Arbeit mehr als zufrieden und auch Stein beschloss, nicht nachzuhaken. Um keinen Preis wollte er mit Blum länger in seinem beengten Badezimmer bleiben.

Im Treppenhaus dankte er matt und zückte seine Geldbörse, aber Blum winkte ab und meinte verschwörerisch:
„Ist schon gut. Wir müssen schließlich zusammenhalten.“ Stein war sich nicht sicher, wen Blum mit dem WIR genau meinte, aber dieser schickte noch hinterher:
„So unter Nachbarn.“ Stein versuchte ein Lächeln, das misslang.
Später rasierte er sich, wusch sich das Haar und das Gesicht, die Hände.
Aber fühlen tat er sich schmutzig.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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