Stein & der Tod

gekritzel3

Ich reagiere nicht oft so schnell auf Tagesgeschehen.
Aber am 07.04. war ich in Münster. Die Buchhandlung, in der ich arbeite, liegt nicht sehr weit vom Kiepenkerl. Nur soviel: Der schönste Tag meines Lebens war das nicht.

 

STEIN & DER TOD

Stein war sich sicher. Nein, war er nicht. Er nahm an, vermutete zumindest, dass er dem Tod in diesem Moment am nächsten gewesen war. Oder der Tod ihm. Man weiß es ja nicht, aber ein Gefühl sagte es ihm. Letztlich war es eines der Dinge, bei denen es nicht um Details ging, nicht um die konkrete Zahl der Meter, auf die er dem Tod nah gekommen war oder der Tod ihm, nicht darum, ob er ihn gespürt oder sogar gestreift hatte. Es ging nur darum, dass er ihn nicht direkt getroffen hatte. Alles andere war unerheblich und wäre denen gegenüber, die ihn tatsächlich getroffen hatten, die er getroffen hatte, geschmacklos und anmaßend gewesen.
Stein war sich bewusst, dass der Tod und sein allgegenwärtiger Begleiter, die Angst, nicht direkt nach ihm suchten, nicht nach irgendjemandem konkret suchten, sondern mal hier hin und mal dort hin gingen und nahmen, was gerade da war. An Plätze, an denen man sich sicher fühlte, lieber als an Orte, an denen man auf das Erscheinen der beiden vorbereitet war.
Dennoch hatte Stein das Gefühl, dass der Tod ihm deutlich näher kam. Die Angst, die ihm offenbar stets vorausreiste, war schon lange da. Der Tod hatte sich die letzten Jahre in fernen Ländern aufgehalten, wo er für Stein mehr ein Gerücht gewesen war als ein konkretes Problem. Aber dann hatte er einige Grenzen überschritten und war Stein bereits deutlich näher und größer vorgekommen. Dennoch war er noch fern genug und die Welt groß genug für beide.

Gut, Stein war auch schon in London gewesen, hatte einen groben Plan der Stadt und seiner Aufenthaltsorte darin vor Augen, aber es war Jahrzehnte her. Doch der Tod setzte auch über den Kanal. Die Plätze, Avenuen und Rues in Nizza und Paris hatten Stein eher theoretisch etwas gesagt. Er wusste, dass sie existierten, wie Kuala Lumpur und Chicago existierten, er wusste auch, dass das Leben dort dem seinen nicht unähnlich war, aber er hatte sie nie gesehen, hatte keine Bilder davon im Kopf, kannte die Entfernungen und Wege nicht- genauso wenig wie in den Ländern fern fern von hier. Dennoch hatte Stein deutlich gespürt, dass die Angst sich bereits in seiner Gegend umsah.

Auch in Berlin war Stein gewesen und er kannte dort tatsächliche Leute, von denen wusste, dass sie zur Arbeit fuhren, ins Kino und Brot kaufen gingen wie er und nicht nur theoretisch existierten wie die Millionen von Londonern und Parisern, von denen er niemanden mit Namen kannte. Aber Steins letzter Berlin-Aufenthalt lag ebenso schon Jahre zurück.

Dann mäanderte der Tod eine Weile, pausierte, probierte, verwarf. Manche glaubten ihn in Rente, andere erkannte seine Launenhaftigkeit. Er tauchte hier auf, zeigte kurz seine Fratze, schickte dort nur die Angst eine Zeit lang randalierend durch die Straßen und sah gelangweilt zu. Er ging in Gegenden, die man nicht erwartete, zog Kreise, markierte sein Revier auf unübersichtliche Art und Weise und fand Gefallen am Versteckspiel und Finten.

Das Problem war, dass Stein so in gewissermaßen genau in der Einflugschneise lebte, das war ihm klar. Hier, so waren alle verhältnismäßig sicher, käme der Tod nicht so schnell vorbei. Zu reizlos, zu wenig spektakulär sei der Ort, so hieß es. Stein war sich nicht sicher, aber doch so sicher wie es mit der Angst im Nacken vertretbar war. Wenn diese Haltung den Tod anlocken sollte, so gab es noch genügend Gegenden, in denen er die Leute eines Besseren belehren konnte.

Und dann kam der Tod und alle waren überrascht, dass er nicht so aussah wie vermutet. Erst war man sich sicher, dass er es sei, dann wieder nicht. Er sähe anders aus, er konnte es nicht sein. Aber es zeigte sich, dass der Tod unterschiedlich aussehen konnte und sein eines Gesicht nicht hübscher war als das andere. Stein war überrascht, dass er ihn selbst nicht erkannt hätte, obwohl er ihn schon so lange fürchtete und die Angst schon den ganzen Tag so präsent gewesen war. Er hätte ihn auch drei Tage vorher nicht erkannt, als er mit Frau und Kindern in der Gegend flanierte, in der der Tod dann schließlich zuschlug. Er hatte ihn nicht geahnt, als er nur 90 Minuten zuvor durch die scheinbar für den Tod so uninteressante Stadt ging wie andere, unter ihnen bereits auch der Tod. Wie nah er ihm da gekommen war, lässt sich nicht sagen und ist auch unerheblich, denn er hatte ihn nicht direkt getroffen.

Es ist einer dieser Umstände, bei denen Nähe, wie schon erwähnt, relativ ist. Dem, der einen Meter entfernt steht, scheinen zwei Meter relative Sicherheit. Dem, der 15 Meter zwischen sich und dem Tod hat, müssten zwei Meter als relative Nähe und Gefahr erscheinen. Doch dem ist nicht zwingend so. Auch der, der 200 Meter weit vom Geschehen steht, kann sich ebenso in Gefahr empfinden und auch tatsächlich befinden wie der, der dem Tod weitaus näher steht. Denen, die der Tod berührte und denen, die er mitnahm, wären zwei Meter Leben gewesen. Aber es ist irrelevant, denn sie alle, egal wie weit oder nah vom Sterben, sterben eben nicht. Und doch sind sie es, die das Sterben bezeugen, die verlieren und betrauern oder infiziert vom Schrecken davonkommen, weitergehen und davon berichten.
Aber wie war Steins Situation und Gefährdungslage nun tatsächlich?- Ein geschlossener Raum, jedoch mit offenen Türen; etwa fünf Gehminuten vom Geschehen- dort war der Tod, klar zu verorten.
Aber wo war die Angst gewesen? Nicht direkt bei Stein. Sie war plötzlich verschwunden gewesen, hatte sich verkrochen. Sie war nicht bei den Leuten auf dem Platz gewesen, den es getroffen hatte. Sonst wären sie dort nicht geblieben. Sie war überhaupt nicht in der Stadt, schien es. Sah sich eventuell schon anderswo um, erkundete, wo sie als Nächstes hingehen würde, wenn das hier erledigt wäre. Sie war nicht einmal mit den Sirenen und Blaulichtern gekommen, die zu sehr dem Alltag angehörten. Aber sie war gekommen. Nachdem der Tod zugeschlagen hatte. Mit den Passanten, mit gemurmelten Vermutungen, mit Fragmenten von Geschehnissen, deren Schauplatz Stein, anders als in London, Paris oder Berlin, sofort mit einem Bild verbinden, in Gehminuten, Meter umrechnen konnte. Dies hier konnten Menschen sein, die tatsächlich noch näher am Tod gewesen sein konnten als er. Die unmittelbar dem Tod gegenübergestanden hatten. Die von ihm getroffenen konnten tatsächlich Menschen sein, denen er vielleicht vor 30, 45 oder 60 Minuten persönlich gegenüber gestanden hatte, mit denen er gesprochen haben mochte; konnten Menschen sein, die er mit Namen kannte, waren Menschen, keine Augenzeugen auf Bildschirmen, die sich kaum von Schauspielern in Rollen von Augenzeugen in Spielfilmen unterschieden.

Und dann war die Angst überall: im schrillen Geräusch, das sich als Lachen entpuppt, im platzenden Werbeballon der Kaufhauskette, in der abgestellten Tasche im Eingangsbereich. Grundlos, das alles. Und nicht grundlos.
Für die Einen sind fünf Gehminuten und ein großer geschlossener Raum relative Sicherheit, für Stein waren es eine beängstigende Nähe und ein Raum mit Türen vorn und hinten, durch die der Tod kommen konnte. Für die Einen sind Fluchtwege und Versteckmöglichkeiten eine komfortable Lage, für Stein waren es mögliche fatale falsche Entscheidungen, Wege dem Tod in die Arme zu laufen oder Fallen ohne Hinterausgang. Der Tod, das war Stein klar geworden, war wie Wasser. Er fand seinen Weg. Sicherte man eine als gefährlich angesehene Stelle, brach er an einer anderen durch. Sicherte man auch diese, fand er eine nächste und immer so weiter.
Stein war glücklich. Er konnte diesen Ort verlassen, ohne vom Tod direkt getroffen worden zu sein. Die Angst begleitete ihn zum Zug und sah von oben auf ihn herab. Sie ging auf vielen Füßen mit ihm mit in die Richtung, die Polizisten ihnen gewiesen hatten. Sie raste an ihm vorbei in rätselhafte Richtungen und stand an jeder Kreuzung, in Westen und bewaffnet, in als Verkörperung von Sicherheit gedachten Verkörperungen der Angst. Sie stand mit ihm am übervollen Bahnsteig, stieg auch mit ihm in den Zug und fuhr mit in seine Stadt. Der Tod blieb, wo er zugeschlagen hatte. Er war erstmal zufrieden und hatte vorerst keine Eile, weiterzuziehen. Er würde ohnehin dort wohnen bleiben, Blumen, Kerzen und Warums zum Trotz. Auch Stein würde dorthin zurückmüssen, in einen geschlossenen Raum mit offenen Türen. Er würde Menschen in den Außenbereichen von Lokalen obszön genussvoll ihren Kaffee schlürfen sehen und sich fragen, ob sie nicht sahen, was sie taten.
Er würde sich irgendwann dazusetzen. Vielleicht. Er war sich nicht sicher.

 

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