Postgeschichte

 

Es war in diesen nicht allzu lang zurückliegenden, aber heute unvorstellbaren Zeiten, in denen die Post noch zweimal am Tag kam- einmal früh morgens, gegen 8.30 Uhr und noch einmal im Mittag.
Der Postbote war ein Mann, den man mit Namen kannte und achtete, keine ständig wechselnde, immer eilige Aushilfskraft. Er trug eine Uniform, die sich über die Jahre hinweg nur wenig veränderte, eine schmissige Mütze und schob ein kleines, wohl geordnetes Wägelchen vor sich her. Kurze Hosen, Fährräder oder chaotisch befüllte Transporter waren noch undenkbar.

Unser Postbote hieß, über viele viele Jahre, Herr Lemke. Die Bezirke waren so etwas wie Königreiche und war es nicht Herr Lemke, der zweimal täglich sein Wägelchen durch seines schob, konnte man sicher sein, dass er erkrankt war – was sehr selten vorkam- oder Urlaub hatte. Herr Lemke war ein netter, ruhiger Mann mittleren Alters, immer freundlich und genau.
Es war noch vor der Zeit der ständigen Postwurfsendungen und Werbeblättchen. Es gab noch keine Emails und telefonieren war teuer. Trotzdem bekam man weniger Post als heute und jeder Brief und jede Postkarte hatten noch Belang und waren auf ihre Art ein Ereignis. Ich erinnere mich noch, dass mein Vater am frühen Nachmittag oft von der Arbeit aus anrief um sich zu erkundigen, ob Herr Lemke etwas für uns gehabt hatte und was.

Da die Männer zur Arbeit waren, waren es meist die Frauen, die die Post entgegen nahmen. Oft taten sie dies persönlich, hatten Herrn Lenke regelrecht erwartet, denn über den Morgen und Vormittag waren sie allein und hatten außer beim Einkaufen nicht viel Kontakt zu Anderen.
Meine Mutter plauschte oft fünf Minuten mit ihm, über das Wetter, über den Verkehr, anstehende Urlaubspläne und Ähnliches. Zu Weihnachten, ich erinnere mich noch gut, schenkte man dem Postboten noch eine Kleinigkeit oder ließ ihm einen Zehn- Mark-Schein zukommen. Manche taten das ganz offen, doch unter den Frauen unserer Straße war es ein regelrechter Wettbewerb geworden, das kleine Päckchen oder den Umschlag mit dem ordentlich gebügelten Schein heimlich in seinem Wägelchen unterzubringen. Ich war, als ich noch klein war, im Falle unserer Mutter Teil der geheimen Aktion.

Die Zeit, in der Herr Lemke erschien, variierte täglich bestenfalls um eine Viertelstunde, je nachdem wie viel er in seinem Wägelchen hatte. Rückte diese Zeit näher, begab ich mich auf Mutters Geheiß hin auf die Lauer. An der Ecke wartete ich, bis ich ihn um die Kurve kommen sah, rannte dann heim und schlug Alarm. Meine Mutter steckte daraufhin den Umschlag oder die hübsch verpackte Schachtel Stuyvesant in die Tasche ihres Kittels und nahm ihren Putzlumpen, mit dem sie hinausging und tat, als reinige sie den Briefkasten und die Außenleuchte.
Es war nun an mir, Schmiere zu stehen und Mutter ein unauffälliges Zeichen zu geben, wenn Herr Lemke im Hausflur des Mehrfamilienhauses gegenüber verschwand, um dort die Briefe zuzustellen. Je nachdem, wie dick der Packen Post in seiner Hand beim Betreten des Flures war, signalisierte ich Eile oder nicht.
Und so huschten auf den Gehwegen unseres Viertels sicher ein Dutzend bekittelte Frauen heimlich umher, duckten sich hinter Büsche und Hecken, schossen plötzlich, in unbeobachteten Momenten hervor und ließen das ein oder andere Paket oder Briefchen in Herrn Lemkes Wägelchen fallen, während dieser hochkonzentriert die Post in die Kästen von Häusern mit besonders langen Auffahrten oder abgeschirmten Haustüren warf.

Herrn Lemkes Position als morgendlicher Sozialkontakt einer Menge alleingelassener Frauen und Kinder war für mich selbstverständlich. Er kannte alle Kinder der Straße und des Viertels. Manchmal, wenn wir ihm allein begegneten, lüpfte er zwar nicht seine Mütze, wie er es bei unseren Müttern tat, legte uns aber des Öfteren eine Hand auf die Schulter oder wuschelte uns durchs Haar. Er sprach generell nicht viel, aber ein: „Na, min Jong.“ hatte er immer für uns. Wenn man besonders nett fragte und Herr Lemke einen außerordentlich guten Tag hatte, überließ er Einem sogar die Post für die Familie schon auf der Straße. Aber das musste ein besonderer Tag sein.
Dass Herr Lemke von den Frauen hofiert und verwöhnt wurde und von den Kindern sämtlich als Respektsperson geachtet und als ruhiger, warmer Mensch gemocht wurde, schien mir nie verwunderlich. Schließlich mochten ihn auch unsere Väter, die ihm nur wenige Male im Jahr begegneten.

Wie auch ich, ähnelten viele Kinder unseres Viertels ihren Vätern wenig. Einige schlugen eindeutig nach der Mutter. Aber wo beide Elternteile dunkles Haar hatten und eher klein und breit von Körperwuchs waren, fiel ein strohblonder Sohn von schlaksiger Gestalt doch auf. Waren beide Eltern groß und schlank und Haar und Augen waren bei beiden braun, wurde die dickliche, blauäugige Tochter doch etwas merkwürdig angesehen. Doch das alles fand in meinen Augen damals eine vollkommen schlüssige Erklärung. Ich hatte auch meine Mutter angesichts eines vorbeigehenden Nachbarpaares mitsamt des den Eltern überhaupt nicht ähnelnden Sprösslings murmeln hören: „Der ist auch vom Postboten.“ Und das hörte ich häufig. Von der dicken Frau Wagner gegenüber, die es über meinen Freund Paul sagte. Von Herrn Pistorius nebenan, der die kleine Petra der Familie Polke betrachtete und von meiner Großmutter, die mich bei einem ihrer Besuche ansah, dann meine Mutter, meinen Vater und meine Schwester und das Gleiche über mich meinte: „Der ist wohl vom Postboten.“

Meine Eltern waren beide blond, ich fast schwarz.
Mein Vater wie meine Mutter waren klein und stämmig, ich dünn und lang.
Vaters wie Mutter Augen blau, meine braun. Ich war vom Postboten.
Und der Postbote war Herr Lemke.
Die Farbe seiner Augen hätte ich nie zu nennen vermocht. Sie lagen immer im Schatten des Schirms der Mütze und wenn er diese doch einmal abnahm, waren sie vor lauter Lachfalten praktisch nicht sichtbar. Auch sein Haar, schütter und grau, konnte braun oder auch blond gewesen sein, das war nicht mehr wirklich zu sagen.
Er hatte mich und all die Anderen auf seine eigene Weise mehr und regelmäßiger gesehen als unsere Väter. Wir waren unter seinen Augen groß geworden, uns ging es gut. Er hatte von unseren Müttern von unseren Kinderkrankheiten erfahren, von unseren Schulnoten und Streichen. Er kannte unsere beruflichen Neigungen vor unseren Vätern und erkannte mit sicherem Blick –manchmal noch vor unseren Müttern- wer mit wem zu gehen bereit war. Es war alles schlüssig. Es war alles gut so. Wir Kinder der Straße waren alle verwandt; verbrüdert und verschwistert. In irgendeiner Weise.

Als wir alle flügge geworden waren und unsere Elternhäuser zu verlassen begannen, ging Herr Lemke in Rente. Meine Mutter deponierte aus diesem Anlass heimlich eine Flasche Weinbrand in seinem Wagen. Und weinte.

3 Kommentare

Eingeordnet unter -, prosaisch

3 Antworten zu “Postgeschichte

  1. Wunderbares Zeitengemälde aus einer Epoche, in der alles in Ordnung schien und nichts in Ordnung war. Bei mir war es der Bäcker, der mich aufklärte. Als er wie jede Woche drei große Laibe Eifelbrot vorbeibrachte, als meine Mutter mal nicht da war, und ich das Brot entgegen nahm, kamen wir ins Gespräch und er sagte: Denkst du nicht, dass dein Vater lieber eine Jüngere hätte als deine Mutter? Aber er tut es nicht, weil er ein ehrlicher Mann ist. Da hab ich verstanden, dass bei uns was nicht in Ordnung ist.

  2. Pingback: Morgens halb 10 in Deutschland | kafka on the road

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