Jan Wagners „Regentonnenvariationen“

Jan Wagner erhält also die höchste Auszeichnung des deutschen Literaturbetriebs- den Georg-Büchner-Preis.
Mit meinem herzlichen Glückwunsch, denn es freut mich, dass die Wahl mal wieder auf einen Lyriker gefallen ist, möchte ich die Gelegenheit nutzen, noch einmal meine Rezension zu seinem Band Regentonnenvariationen aus der Versenkung zu holen, die kurz nach seinem Erscheinen und noch vor der Verleihung des Preises der Leipziger Messe erschien. 

Seit Langem wagnerhat mich kein Band mit Gegenwartslyrik so beeindruckt wie Jan Wagners neue Regentonnenvariationen.

Wagner, 1971 in Hamburg geboren und seit 1995 in Berlin ansässig, studierte Anglistik und Amerikanistik in Hamburg und  Dublin (am Trinity College übrigens, wo schon Oscar Wilde studierte- das nur am Rande).
Ich verfolge Wagners Schreiben bereits seit seinem allerersten Band: Probebohrung im Himmel, der 2001 im Berlin Verlag erschien. Die Regentonnenvariationen zeigen meines Erachtens, wie weit sich der Autor seitdem vorgewagt und entwickelt hat und heben sich angenehm ab von vielem, was momentan an moderner Lyrik geboten wird.
Recht umfang- und abwechslungsreich, das Ganze. Kurze, mittlere und lange Texte wechseln sich ab, was inmitten der vielen kurzatmigen, hektischen Lyrik schon einmal positiv auffällt. Unterschiedliche Rhtythmen, unterschiedliche Strukturen und Tempi werden durchgespielt. UND DANN: die Themen.

Der Band imaginiert eine Art verkommenen Garten; ein brachliegendes Grundstück- vielleicht das der Großeltern oder eines in einer entlegenen Straße eines weniger hippen Viertels. Hier gibt es Unkraut und Unrat; Schrott und Ödnis. Viele der Gedichte greifen Vergangenes auf, merkwürdig von Melancholie angegraute Individualgeschichte, Familienmythologien- und ein anderer guter Teil davon sind Naturgedichte- die bekanntlich nicht unbedingt zu den Lieblingsgenres jüngerer, großstädtischer Dichter gehören.
Bei Jan Wagner findet man Gedichte über den Giersch, über Zäune, Vögel und Bäume- und das so klug und unaufgeregt, dass es eine große Freude ist, der leisen Kunst des Autors zu folgen, auch dort, wo er in einzelnen Texten, das gewählte Setting der Gedichte verlässt und sich anderen Sujets zuwendet.
Allzu oft empfinde ich das obligatorische Fach- und Fremdsprachenbombardement anderer Lyriker, ihre manchmal scheinbar zwanghafte Zersplitterung der Form und Syntax als anstrengend bis nervtötend- was nicht heißt, dass es sich bei Jan Wagners Gedichten um altmodische Texte handelt! Gedanklich und in ihrer Handlung sind sie hochmodern und Intelligenz und Horizont können meiner Meinung nach niemals altbacken sein! Immer wieder fällt auf, wie virtuos der Dichter mit den überlieferten Formen spielt, sie bricht und bereichert.
Einige Beispiele möchte ich anführen:

Nehmen wir einmal das Gedicht laken, hier verlassen wir das Regentonnengrundstück und wenden uns einem Innenraum (in doppelter Hinsicht zu). Es beginnt skurril:

großvater wurde einbalsamiert
in seines und hinausgetragen,
und ich entdeckte ihn ein jahr später,
als wir die betten frisch bezogen,
zur wespe verschrumpelt, winziger
pharao eines längst vergangenen sommers.

Natürlich ist der Großvater ordnungsgemäß bestattet worden- keine Sorge! Er wurde weder vergessen und zur Mumie- noch mutierte er zum Kerbtier! Legen wir als Verständnis-Messlatte einmal einen kindlichen Geist an: ein Jahr nach dem Tod des Opas beschließt ma, das Bett wieder zu nutzen- als Schlafmöglichkeit für Gäste oder ähnliches. Verschrumpelte und dehydrierte Insektenleichen in dunklen Ecken und Nischen kennen wir alle- um eine solche wird es sich hier ganz real handeln, allerdings vom eventuell beim Bett beziehen helfenden Kinde geistig mit (oft in Leinen/Leichentücher gehüllte) Mumien und Toten überblendet.
Weiter geht es:

so faltete man laken: die arme
weit ausgebreitet, daß man sich zu spiegeln
begann über die straffgespannte fläche
hinweg; der wäschefoxtrott dann, bis schritt
um schritt ein rechteck im nächstkleineren
verschwand, bis sich die nasen fast berührten.

Eine wunderbare Beschreibung des Faltvorgangs, für alle die, die nur noch zusammengeknüllte, weil unfaltbare Spannbettlaken im Schrank haben. Zum Spiegel wird hier nicht etwa das gestärkte Leinen an sich, das so straff und blank ist, dass es refelktiert- vielmehr muss man sich wohl das an zwei Enden gehaltene Tuch als Spiegelachse zwischen den zwei Beteiligten vorstellen, die spiegelbildlich exakt die gleichen Bewegungen vollführen- herrlich als wäschefoxtrott beschrieben.
Die 3. Strophe listet nun Dinge auf, die in den gefaltenen Laken im Schrank gefunden werden können, darunter:

ein leerer flakon mit einem spuk parfum, das wurde, wie ich mir habe sagen lassen, gern gemacht: die eigentlich leere 4711-Flasche, in der Hoffnung, noch die allerletzte Ausdünstung mitzunehmen, um die Wäsche zu parfümieren- ein Spuk: jeder kann es sich vorstellen, was gemeint ist: praktisch nicht wahrnehmbarer und dennoch zielsicher zu erschnüffelnder Restgeruch.
Weiterhin finden sich im Text dann Lavendelblüten zwischen den Laken, Wiesenblumen sowie ein Wurf Mottenkugel. Man würde sagen: eine Hand voll….ein paar….oder einige Mottenkugeln- der Wurf stammt aus dem Tierreich: ein Wurf Ferkel, Katzen oder Mäuse. Dennoch weiß man: es sind mehr als zwei oder drei, aber sicher kein Dutzend Kampferkugeln, die hier verstreut sind und sie liegen achtlos, verstreut dort -die Laken werden zum Nest, was wiederum ins Bild passt.

Nach der absurden Kindheitserinnerung in Strophe 1, dem Vorgang des Faltens in der Zweiten und der Möglichkeitsform des Was-sich-darin-finden-könnte in Strophe 3 geht Wagner nun in der letzten Strophe zum JETZT über:

fürs erste aber ruhten sie, stumm
und weiß in ihren schränken, ganze
stapel von ihnen, eingelegt in duft,
gemangelt, gebügelt, gestärkt,
und sorgfältig gepackt wie fallschirme
vor einem sprung aus ungeahnten höhen.

Wer eine dieser sehr peniblen Großmütter hatte, wird das Bild der akkurat, Kante auf Kante liegenden Stapel kennen und den Vergleich mit stramm gepackten Fallschirmen als gelungen erkennen. Mit äußerster Genauigkeit, als ginge es um das eigene Leben, wird hier ein Alltagsgegenstand verwahrt; wie für Sprünge aus ungeahnten Höhen– dem Fallenlassen aus dem anstrengenden Tagesgeschehen in die weichen Tiefen des Schlafs, des Kontrollverlustes? -Scheint mir stimmig. Und schön!

Ein gutes Beispiel für die Texte dieses Bandes. Thematisch profan, sicher! Sprachlich nicht allzu experimentell, ja!- Kein Metaphernfeuerwerk, keine außergewöhnlichen Wendungen, die einem erst mit dem Fach- oder Fremdwörterlexikon verständlich werden. -Aber: in den herausgehobenen Stellen fällt auf, welches Stilmittel Wagner mit eindrucksvoller Perfektion und Einfallsreichtum beherrscht: das BILD! Der Pharao, Wurf Mottelkugeln, der Spuk Parfum, der Fallschirm….das alles sind sehr mächtige Bilder.

Aber wenden wir uns noch einem zweiten Text zu- einem von mehreren Tiergedichten in dem Band. Welcher jüngere Lyriker aus Berlin schreibt sonst noch welche?, möchte ich kurz zu bedenken geben!

Zwei Vierzeiler, zwei Dreizeiler. Wa rufen wir da alle ganz laut?- Genau!
Wagner benutzt hier die klassische Form des Sonettes, aber in seiner ganz eigenen Weise: die Silben über die Zeilen- und Strophenenden hinweggezogen, ohne es als zwanghaft modernen Bruch des Leseflusses zu benutzen, vielmehr: spielerisch.

 eule

still wie eine urne- bis die rufe
hoch über den köpfen
uns stocken lassen, sonderbar, als rufe
etwas durch sie hindurch; im braunen oder kupfern-

en federkleid zwischen den zweigen sitzend,
mit einem weißen schleier, zart wie mehltau
und brüsseler spitze,
verstreut sie die grazilen amulette

ihrer gewölle,….

Da sind sie wieder: die Bilder! Die Eule als stille Urne, das Gefieder wie Mehltau oder Spitze. Und wer je ein Gewölle in der Hand hatte, weiß wie treffend das Bild des Amulettes ist! Grazile Gebilde sind das, wahrlich!
Im Weiteren wird die Eule im Geäst des Baumes zum:

schlußstein in dem großen laubgewölbe;    –und Jeder kann sich vorstellen, wo genau sie sitzt.
ein gelber spalt und noch ein gelber spalt,
zwei augen hinter den tapetentüren
aus borke, dann der wald. der wald. der wald.

Das Sonett verlangt ja im letzten Vers sozusagen eine Quintessenz des gesamten Textes: was könnte da besser taugen als das dreifache der wald, das sich noch dazu so wunderbar harmonisch auf  spalt reimt, wie Wagner hier sowieso sehr gekonnt mit dem verpönten Stilmittel Reim und Binnenreim spielt: köpfen/kupfern, sitzend/Spitzen, Gewölle/..gewölbe, ..türen/..spüren.

Neben diesem Eulen-Gedicht gibt es noch eines über einen erlegten Elch, dessen Geweihschaufeln sich um die Luft legen:
wie hände eines champions am pokal.
Vielleicht kann ja der ein oder andere meiner Begeisterung folgen und die entspannte und nicht auf schnellen Effekt abzielende Kunst des Autoren ähnlich stark genießen.
Mein Fazit über diesen Band ist jedenfalls: Wenn mich in näherer Zukunft -wie es ab und an mal vorkommt- fragt, welche zeitgenössichen deutschen Dichter man lesen sollte, dann weiß ich, wen ich nenne! 

Noch einmal zum Verfasser:

Jan Wagner ist außerdem als Übersetzer und Literaturkritiker tätig. Er verfasst Rezensionen für die Frankfurter Rundschau und andere Zeitungen, Literaturzeitschriften sowie für den Rundfunk.

Als Herausgeber publizierte er gemeinsam mit Björn Kuhligk 2003 im DuMont Verlag die Antholgie Lyrik von Jetzt. 74 Stimmen, eine umfassende Sammlung junger und jüngster deutschsprachiger Lyrik, zu der Gerhard Falkner das Vorwort verfaßte. Ein Nachfolgeband erschien unter dem Titel Lyrik von Jetzt zwei. 50 Stimmen 2008 im Berlin Verlag.Seine Gedichte wurden in mehrere Sprachen übersetzt.
Regentonnenvariationen
erschien 2014 bei Hanser und hat 100 Seiten.

3 Kommentare

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3 Antworten zu “Jan Wagners „Regentonnenvariationen“

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  2. Schon so oft hielt ich das Buch in den Händen und legte es doch wieder zurück. Weil es mir irgendwie zu alltäglich erschien. Vielleicht sollte ich es jetzt doch endlich einmal in den Händen behalten. Und lesen. Und diese Bilder auf mich wirken lassen. Danke fürs Augen öffnen!

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