Bullerbü brennt

Das-Haus-vom-Nikolaus

Ach Jan, da sitzt du: mit deinem sehr kurzen Namen, der Keinem Mühe macht, ihn zu behalten und dennoch oder gerade deshalb so oft vergessen wird. Zu wenig Zeichen, zu wenig Haken und Schlaufen, um sich in fremden Gehirnen zu verankern. Dazu dein Allerweltsgesicht, für das sich andere nicht schämen.
Du hast nun, ach, erfolglos einige Semester Mathematik und Philosophie studiert und beides aufgegeben (weil dem einen der Begriff Liebe fremd war und das Andere ihn nicht erklären konnte).
Du hast eine Lehre gemacht, geheiratet, Kinder bekommen und kurzzeitig aufgehört zu arbeiten. Bist nach den ersten Jahren, in denen du dich um den Nachwuchs kümmertest, nie wieder richtig in einen Vollzeit-Job gekommen, übst eine Aushilfstätigkeit aus, die nicht viel einbringt und für die Rente unerheblich ist, aber du hast viel Zeit für die Kinder, bist fast immer zu Hause, wenn deine Frau heimkommt und das ist gut so.

Du weißt so einiges und hast das Gefühl nichts zu wissen, immer weniger sogar, als nähme dein Wissen um die Zusammenhänge täglich ab, während es in einem gewissen Alter täglich zuzunehmen und klarer zu werden schien. Immer weniger, was du einmal erlerntest, gilt noch, vieles deines Grundschulwissens ist bereits widerlegt und an vielem, was du später an Information abspeichertest gibt es inzwischen berechtigte Zweifel. Was du noch zu wissen glaubst, scheint dir aus Fetzen zu bestehen, die du hier und dort aufgelesen hast und zu weiten Teilen, gibst du zu, könnte dein ach so fundiertes Wissen aus den kurzen Artikeln Aus aller Welt auf der Rückseite der Tageszeitung stammen und tut es auch.

Ach, Jan, jetzt sitzt du manchmal morgens da, wenn die Frau zur Arbeit und die Kinder zur Schule verschwunden sind und ab und an drängt es dich, alles darzulegen, alles, was dich bewegt, zu verschriftlichen. Du  hast ja nie ausdauernd Tagebuch geführt, irgendwann verlorst du stets die Lust und nach längeren Pausen sahst du den Sinn nicht mehr, damit weiterzumachen. Enge Freunde zum Briefeschreiben hast du nicht wirklich und wer macht sich heute auch noch die Mühe, Briefe zu lesen und gar ausführlich zu beantworten. Du willst auch nicht das Risiko eingehen, dass irgendwer irgendwann mit diesen Briefen käme, die du aus einer wandelbaren Stimmung heraus geschrieben hättest und deren Inhalt dir höchstwahrscheinlich schon nach Tagen peinlich wäre.
Also schreibst du E-Mails, denn diese scheinen dir von Natur aus so nah am sinnlosen Geplapper wie kein anderes Medium. Das Problem ist nur: auch Mails haben per se einen Adressaten, aber auch das ließ sich lösen. Du dachtest dir einfach die Adresse einer Person aus, von der du annahmst, sie würde all deine kleinen Schadensberichte und Selbstgespräche verstehen können.  So öffnest du in letzter Zeit häufiger ein neues Fenster in deinem Mitgliederbereich und gibst den Empfänger deiner mal langen, mal kurzen Nachricht ein. Du beginnst direkt und ohne groß über Formulierungen nachzudenken. Du liest grundsätzlich nicht noch einmal durch, was du geschrieben hast, sondern klickst sofort auf den Senden- Button und kümmerst dich nicht mehr darum, was mit deinen Worten passiert. Auf Antworten wartest du nie, es werden auch keine kommen. Aber das ist Teil des Vergnügens

An: http://www.murphy@hotmail.de

Betreff: Liebe kommt von Laub

Lieber Murphy,
im Lexikon steht: Liebe sei ein starkes Gefühl, das mit tiefer Verbundenheit zu einer anderen Person einhergeht und nicht zwingend auf den Zweck eines Zusammenlebens mit dieser gerichtet ist, vielmehr diesen Wunsch sogar übersteigt. Eine allgemein entgegenkommende Zuwendung, unabhängig von deren Erwiderung und ebenso wenig gebunden an ein körperliches Begehren. Liebe sei  -rein sprachgeschichtlich- ein Abstraktum. Die Subjektivierung des Adjektives lieb, das in den verschiedensten Sprachräumen und unterschiedlichen Varianten auf die Begriffe für begehren und verlangen zurückgeht. Eine sprachliche Verwandtschaft mit Laub sei -verschiedenen Experten zufolge- nicht auszuschließen, wenn man von der Begierde der Herdentiere nach frischen Laubzweigen ausgehe. Einzelheiten blieben aber unsicher.
Das war zu erwarten.
Dein Jan

 

strich2

…nach all der Lyrik mal wieder ein Schnipsel gaaaanz vom Anfang meines Prosa-Manuskriptes Bullerbü brennt.

2 Kommentare

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2 Antworten zu “Bullerbü brennt

  1. Sehr gutes Lexikon! Welches war das?

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