Bullerbü brennt: …oder lebst du schon?

 

schneemann

Die Kinder brauchen neue Betten. Das wollte wohl überlegt sein, denn sie sollen mitwachsen, möglichst lange reichen, auch zusätzlicher Stauraum wäre nicht schlecht. Da es für die Kleinen langweilig wäre, planen Jan und Sonja in einer Woche, in der die Oma die Kinder für drei Tage zu sich geholt hat,  einen Ausflug ins Möbelhaus. Sie fahren früh los, um vor der eigentlichen Ladenöffnung dort noch gemeinsam zu frühstücken; einmal ohne auf den randvollen Kakaobecher achten zu müssen und ohne Kinderkassetten im Hintergrund.

Der Schwedentraum.
Als vor ein paar Jahren eine Freundin angesichts Jan und Sonjas aufgeräumter, klar eingerichteten Wohnung zu ihnen meinte, sie wohnten wie im Ikea-Katalog, hatten sie das eigentlich nicht als Kompliment aufgenommen. Andere, individuellere Möbel wären ihnen auch lieber gewesen, aber wo gab es relativ preiswerte Möbel, die man selbst in wenigen Stunden montieren konnte und das in so vielen verschiedenen Stilen. In der Werbung sind alle Mitarbeiter freundlich: ein Abbild der liberalen schwedischen Gesellschaft- in den Filialen in Deutschland sind sie oft brummig und keinesfalls so kompetent und auskunftsfreudig wie dort. Wohnst du noch… Die mit niedlichem Dialekt gesprochenen Slogans in den Spots sind hier schnöde Durchsagen wie anderswo, an den Kassen und Schaltern lächeln nur wenige Blondinen einen freundlich an. Geduzt wird man auch nicht, was Jan allerdings eher angenehm findet. …oder lebst du schon?

Sie sitzen bald in einer der Couchecken am niedrigen Tisch und der Kaffee ist gut. Um sie herum werden Kataloge gewälzt und gut vorbereitete Ehepaare besprechen den Schlachtplan für den Moment, wenn das rot-weiße Flatterband vor dem Eingang zu den kuschelig oder modern eingerichteten Nischen entfernt wird. Jan und Sonja essen zu Ende, ungewohnt komplikationsfrei und beide merken, dass ihnen fehlt, was sie sonst am Samstagsfrühstück verfluchen. Einen großen Plan haben sie nicht: Betten, Lattenroste, Matratzen. Eventuell noch Kerzen, denn es wird Winter und dann mal sehen.

Nachdem sie alles erledigt und ins Auto verfrachtet haben, ohne dass sie wie sonst hätten überlegen müssen, ob der Platz reicht, meint Sonja, sie könnten die kinderfreie Zeit doch nutzen und noch eine Kleinigkeit zu Mittag essen- sie lade Jan auf einen weiteren Kaffee ein. Als sie mit ihrer Tochter schwanger war, sind sie manchmal ausschließlich hierher gefahren, weil Sonja in dieser Zeit süchtig nach Sardellentoasts war, die sie seitdem merkwürdigerweise aber nicht mehr ausstehen kann. Und so sagt Jan schmunzelnd: Sardellen? Und Sonja winkt mit verdrehten Augen ab. Hand in Hand, was leider auch nicht mehr so oft vorkommt, da sonst Jeder ein Kind bei sich hat, schlendern sie über den Parkplatz zurück ins Möbelhaus, das mittlerweile erschreckend gut gefüllt ist. Aber das kann ihnen egal sein, denn sie haben es einmal nicht eilig und zwei freie Sitzplätze finden sich leichter als vier. Nun sind sie als Paar unterwegs, von dem Jan sich leise fragt, ob man ihm die Kinder dennoch ansieht. Vermutlich nicht. Jan stellt fest, dass das zu Zweien-Sein sich ungewohnt anfühlt. Lange hatte er sich mit Sonja an seiner Seite stark und unangreifbar, dann -unterwegs mit den Kindern- verletzlich gefühlt, bis sich nach einer langen Weile nicht nur Normalität, sondern ein sogar noch stärkeres Gefühl der Unantastbarkeit einstellte.

Das Kinderparadies ist wegen Überfüllung geschlossen; das Restaurant ein Familienschauraum; mit ganzen Müttergruppen, deren größter Wunsch es offenbar ist, wie Frauen aus amerikanischen Serien zu wirken und vereinzelten Vätern, die aussehen wie von ihren Frauen ausgehfein ausstaffiert und deren größter Wunsch es ganz offensichtlich ist, in ihrem knappen Urlaub nicht ausgerechnet hier zu sein; in der Kinderecke mit den zu niedrigen Plastikmöbeln, den unerträglich gut gelaunten Astrid Lindgren-Helden auf dem Bildschirm und dem passenden Merchandise direkt am Ausgang. Ihre Frauen übertreffen sich gegenseitig an gewaltsamer Fröhlichkeit und Gelassenheit gegenüber ihren mit Köttbullar werfenden Kindern. Sie planen gar keinen Möbelkauf, das Möbelhausrestaurant ist nur ihr Treffpunkt, um mit anderen Eltern von Gleichaltrigen Sprösslingen Kaffee zu trinken und ihre Lebensentwürfe zu präsentieren; eine Bühne für ihre Konsumbereitschaft- und fähigkeit. Alle sind aufgebrezelt auf eine Weise, die wirken soll, als sei es ihr Alltagsoutfit. Ausgerüstet mit Taschen, die an Größe und Inhalt für eine Himalaya-Expedition geeignet wären und patent bis an die gezupften Augenbrauen zeigen sie der Welt in diesen samstäglichen 3 Stunden Möbelhaus-Treff: Wir lassen uns von unseren Kindern nicht ausbremsen; wir gehen trotzdem raus, wir haben trotzdem Freunde, wir machen unser Heim schön und auf das Geld brauchen wir nicht zu schauen.

Jeder hat hier jeden gut im Blick, das merken Jan und Sonja schnell. Die Mütter die eigenen Kinder und die der anderen vielleicht noch ein wenig mehr. Dazu die Männer der anderen und die anderen Mütter selbst. Jede Nervosität, jede unentspannte Geste, jedes genervte Mundwinkelzucken wird genauestens registriert. Auch auf sich selbst spüren Jan und Sonja Blicke. Sie werden, da sind sie ziemlich sicher, in Abstufungen von gespielter Überlegenheit, leichtem Neid und offener Geringschätzung, als kinderloses Paar eingeschätzt und können auch, zum Ärger der Mütter, durchaus nicht einfach als sozial schwächer abgetan werden. Als Sonja recht ungeniert zurück schaut, steigt demonstrativ die Stimmung in der Gruppe und die Aufmerksamkeit wendet sich betont den Kindern zu.

Warum hat Jan nie angefangen, Sonja einfach als eine dieser Mütter zu betrachten? Weil sie nie eine solche Notfalltasche mit sich führte, inklusive Hygieneartikeln, einer Apotheke und Proviant für mehrere Wochen am Nanga Parbat? Sie warfen immer zwei Windeln, ein paar feuchte Tücher und ein paar Kekse in ihre Rucksäcke und fühlten sich gut gerüstet. War es, weil Sonja sich nicht plötzlich anders kleidete, weder betont asexuell: mit den gleichen Motiven auf den Klamotten wie die Sprösslinge selbst, noch betont modisch und auf Gedeih und Verderb in der gleichen Größe wie vor der Schwangerschaft? Weil sie nie auf die Idee käme, ihm seine Klamotten auszusuchen? Weil sie die Lust am Sex nicht verloren hat?
Wenn sie sich abends auszieht, fragt er sich, ob es wohl normal ist, dass er nach all den Jahren nach wie vor auf der Stelle erregt ist, dass er ihr tagsüber in den Ausschnitt starrt und die vermeintliche Perfektion junger Frauen in Blüte zwar theoretisch reizvoll findet, aber darauf nicht so reagiert wie bei ihr. Natürlich sieht man ihr die Kinder an, aber auch ihm sieht man das gute Essen, seine Qualmerei und jeden Kaffee an. Es ist, als sei seine Erregung geeicht auf die Rundung ihrer Schultern und den Schwung ihrer Hüften, auf das Gewicht und die Form ihrer Brüste und ihres Pos. Er mag noch immer die Struktur ihrer Haut und die unterschiedlich ausgeprägte Muskulatur darunter.

Sicher auch, weil sie Möbel aufbauen kann. Mit Jeans-Latzhose und zurückgestecktem Haar geht sie ihm zur Hand, der cholerisch wird, wenn die ersten Schrauben sich zieren. Mit dem Radio an und einer Kanne Kaffee für Jan, der sein spärliches, oft rostiges oder stumpfes Werkzeug, das er von seinem Großvater übernahm, zurecht gelegt hat, gehen sie ans Werk und bauen die Betten auf. Inmitten der Kartons und Aufbauanleitungen rutschen sie auf den Knien herum und Jan kann sich darauf verlassen, dass Sonja die kryptischen Bildchen schon richtig deutet. So geht es recht schnell voran. Sonja hat zwischendrin den Imbus-Schlüssel von Jan übernommen, damit er eine rauchen kann und eine Menge Schrauben versenkt. Jan ist zufrieden, als die Betten stehen und auch fertig, aber Sonja gibt sich wie gewohnt erst zufrieden, als auch neue Bettwäsche aufgezogen, der Verpackungsmüll beseitigt und staubgesaugt ist. Mittlerweile ist es später Nachmittag und Jan hat partout keine Lust mehr. Sonja dagegen ist gut gelaunt, erkennt aber seine sinkende Stimmung sofort. Sie fixiert ihn lächelnd, der noch dasteht und auf seine nächsten Anweisungen wartet und noch während sie sich mitten im Flur auszieht, ihre Klamotten achtlos in eine Ecke pfeffert und sich Richtung Schlafzimmer wendet, sagt sie: „Bestell für 20.00 Uhr etwas beim Chinesen, aber beeil dich.“

 

 

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