Schneekugel/Bullerbü brennt

Das-Haus-vom-Nikolaus

Von einem befreundeten schwulen Pärchen hatten sie zur Hochzeit eine Schneekugel bekommen. Sie enthielt eine Braut im ausgreifenden weißen Kleid und einen Bräutigam in seinem schmal geschnittenen schwarzen Anzug, die eine üppig mit rosa Zuckerguss verzierte Torte anschnitten. Es schneite sanft auf sie hernieder, wenn man das kleine Ding schüttelte. Es war ein typisches Geschenk für die beiden Männer, die sie seit Jahren kannten. Es fand seinen Platz auf der Kommode im Flur und bekam in jeder neuen Wohnung einen neuen Ehrenplatz. Besonders Jan war das eigentlich kitschige Teil wichtig und er hütete es mehr als andere Deko-Stücke, verpackte es vor den Umzügen gründlicher und platzierte es mit mehr Sorgfalt und Überlegung. Dass er einen kleinen, an Voodoo grenzenden Dinge- Fimmel hatte, war ihm bewusst, aber warum sein Herz so sehr an dieser Schneekugel hing, konnte er nicht wirklich sagen.   Mit den Jahren, so stellte Jan fest, verlor sie an Wasser, ohne, dass Pfützen darunter entstanden wären oder ähnliches. Es verdunstete wohl einfach, langsam und lange unmerklich. Er wusste selbst nicht, warum ihm das missfiel, aber er wollte um keinen Preis, dass das Paar im Inneren irgendwann auf dem Trockenen in einer leeren Kugel saß und die kleinen Folienschnipsel verklebt am Boden pappten. Auf unbestimmte Art und Weise hatte er wohl die Unversehrtheit der Kugel mit der ihrer Ehe in Verbindung gebracht- nicht so abstrus, wenn man den Anlass des Geschenks bedenkt, aber natürlich Kinderglaube.

Ihm war ja klar, dass nichts und niemand über ihre Liebe entschied, außer ihnen beiden. Dass es Anfechtungen von außen und Schwankungen, Stimmungen gab, aber keine höheren Gewalten oder dunklen Mächte; dass letztlich die Entscheidung, ob die Liebe blieb, schwand oder zunahm, nur bei ihnen beiden lag. Dass es nichts änderte, ob sie viel oder wenig Geld hatten, Urlaub oder Stress; dass er mit der Libido eines 17jährigen zusah, wie sie sich abends auszog, aber genauso spontan erigierte, wenn er auf der Straße die nötigen Schlüsselreize an einer anderen Frau wahrnahm, die vorbeiging; dass es nichts änderte, wenn er ,in Gedanken versunken, scheinbar keinen Blick für sie hatte. Dass er sie nicht im Sommer mehr und im Winter weniger liebte oder umgekehrt. Ob er erneut scheiterte beim Versuch, das Rauchen aufzugeben oder sie 3 Kilo mehr oder weniger wog. Dass er wieder nicht begonnen hatte, die neue Tapete zu kleben oder sie vergaß, ihr Bonbon-Papier abends von der Couch zu entfernen. Dass es einzig und allein ihr und sein Wille war, einander gewogen zu bleiben oder nicht, solange die Voraussetzungen dazu gegeben waren.

Dennoch betrachtete Jan den sinkenden Wasserspiegel der Schneekugel mit Unbehagen und prüfte immer mal wieder Sockel, Kuppel und Nähte der Kugel. Es trat dort kein Wasser aus, keine Risse oder Sprünge waren zu erkennen. Das war gut, hieß aber auch, dass es nichts zu flicken, kleben oder reparieren gab, wenn der Zustand bedrohlich wurde. Nichts, was er hätte tun können, außer zusehen und hoffen, dass es lange, lange dauern würde.

 

..aus meinem aktuellen Manuskript..

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