Seestück/Bullerbü brennt

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Ein Streifen Gelb, ein Streifen Blau und darüber Himmel, weiß und mit schweren Wolken. Davor vier dunkle Punkte: Jan, Sonja und die Kinder. Betrachten wir einmal eines der wenigen Fotos, die sie alle gemeinsam zeigen: Auf Familienfotos fehlt ja in der Regel immer Einer, da er das Bild gemacht hat. Auf diesem, das sie fröhlich im Sand zeigt, sind sie alle drauf, denn Jan hat es mit der Kamera am langen Arm geschossen. Sie sitzen relativ nah am Wasser, um sich herum Spielzeug und eine Tasche mit Proviant- ein Kind bei Sonja, eines bei Jan, beide ins Graben und Schaufeln vertieft und deshalb abgewandt. Sonja mit einem leichten Anflug von Sonnenbrand auf den Wangen und wirrem Haar und Jan, auf den Knien und den freien Arm um das Kind geschlungen, um es für das Foto am Davonkrabbeln zu hindern, lächeln.

Ziehen wir einmal die Perspektive auf und uns standpunktmäßig etwas zurück von dieser jungen Familie, für die das Glück nun einmal das gemeinsame Sitzen an Wasser unter einem nördlich tiefen Himmel bedeutet und sehen nun plötzlich diese ganzen anderen Menschen um sie herum: Menschen, die ihre Sandburgen mit Festungswällen umsäumen und Deutschlandflaggen setzen, Menschen, die stümperhaft Ballspiele betreiben, Männer, bemüht, ihre Sportlerfigur zu erhalten oder völlig aus dem Leim gegangen und Frauen, die Bikinis tragen, weil sie immer Bikinis trugen, wenn es ans Meer ging und die dies weiter tun, obwohl ein Einteiler eventuell besser wäre und sie sich darin wahrscheinlich wohler fühlten; Läufer im Seichten, Schwimmer weit draußen und gegen den Wind Vermummte, stumme Unbeteiligte auf den Dünenwegen und Promenaden. Man könnte jetzt davon ausgehen, dies hier seien lauter Menschen, für die das Glück –oder ein Teil von Glück- nun einmal befestigte Sandburgen und dargestellter Patriotismus, für die Glück nun einmal Sport am Wasser oder eben ein Bikini ist- aber dem scheint nicht so zu sein. Zählen wir nun ganz sachlich ab, wie viele von ihnen wirklich glücklich wirken. Kommen wir auf die Hälfte der in der Weitwinkelperspektive wirklich Erkennbaren, sind wir wohl gut. Die andere Hälfte wirkt bemüht oder gezwungen fröhlich, andere sogar angespannt oder sichtlich verstimmt. -Warum tun sie dann, was sie tun?

Weil dies oder jenes eben einmal für sie Glück oder einen Teil davon bedeutet hat. Wenn es das nicht mehr tut, dann ist es so, weil ein Zweifel daran eingezogen ist, den sie sich noch nicht eingestehen wollen. Außerdem wissen sie noch nicht, was an die Stelle dessen treten könnte, was einmal für sie Glück bedeutete und klammern sich an das, was einmal selbstverständlich dazu gehörte. Wenn sie alle nun hier und jetzt ein einziges Wort in den Sand schreiben sollten, dass ihre Lage, ihren Missstand auf den Punkt bringen sollte, wäre wohl sehr oft Kompromiss zu lesen und viele heimlich gehegten Zweifel würden offensichtlich.

Schauen wir einmal genauer in ihre ratlosen stummen Gesichter und lesen, was darin eigentlich offensichtlich geschrieben steht. Bei den Einzelgängern: man hätte auch zu Haus bleiben können, würde aber dann leicht für einen einsamen Stubenhocker gehalten. Ich kann auch alleine meinen Spaß haben.
Bei Paaren: einer wollte wieder hierher, der Andere nicht. Oder: Beide haben die See eigentlich über, aber für etwas anderes fehlt entweder das Geld oder der Antrieb. Gewohnheit.
Bei Familien: eigentlich will keiner hierher, aber das Geld ist knapp. Außerdem würde man eventuell für arm gehalten, wenn man gar nicht wegführe. Oder: Die Kinder wollen hierher und die Eltern willigen ein. Oder: Eines der Elternteile oder beide sehnen sich eigentlich nach etwas Anderem, ganz ohne Kinder, ganz ohne Partner- aber das lässt die Erwartung der Außenstehenden an die glückliche Familie in der glücklichsten Zeit des Jahres nicht zu.

Vielleicht gottlob stellen sich Jan und Sonja viele dieser Fragen gar nicht. Jan ist Nichtschwimmer und Sonja hat noch nie Bikinis getragen, für Sport haben sie beide nicht allzu viel übrig. Auch zog es sie nie wirklich weit fort.  Sie fragen sich nicht, ob andere sie beäugen und aufgrund der Wahl ihres Urlaubsortes, ihrer Kleidung oder ihrer Bereitwilligkeit, den Kindern ein weiteres Eis zu erlauben, auf ihre finanziellen Möglichkeiten hin abklopfen. Sie wollen nur nach einer erträglich langen Autofahrt etwas angemessen anderes sehen als ihre vertraute Umgebung und Zeit mit den Kindern am Wasser verbringen. Es ist ihrem Budget angemessen. Und ihren Wünschen. Und also gut.

 

 

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