Jan, aus: Bullerbü brennt

schneemann

Das Wohnviertel riecht nach Rauch. Von jedem zweiten Balkon, hinter jeder zweiten Sichtschutzpalisade steigt Rauch auf. Kleine Wölkchen hastig vor dem Frühstück konsumierter Zigaretten und warmen Atems in der kalten morgendlichen Luft. Jan geht Richtung Bahnhof, fest entschlossen, die halbe Stunde, bis er auf der Arbeit ankommt, zu genießen: den mitgenommenen Kulturteil der Wochenendzeitung zu lesen, Musik zu hören und die frühherbstliche Landschaft links und rechts der Strecke anzusehen.
Auf den Seitenstreifen der Zufahrtsstraße zum Neubaugebiet parken Fernfahrer aus aller Herren Länder ihre LKWs, die Vorhänge der Fahrerkabinen sind noch größtenteils zugezogen, nur ein Türke mittleren Alters macht gymnastische Übungen vor seinem Gefährt. Jan erwidert seinen Gruß. Wie immer, wie überall, ist er wieder viel zu früh am Gleis. Wenig Pendler, für die Ausflügler und Shopper ist es ein bis zwei Stunden zu früh. Er hat die Kopfhörer in den Ohren und schaut in den Himmel, der einen klaren, sonnigen Tag verspricht. Es sind nur wenige Lieder auf seinem Player, die er immer wieder in Schleife hört und dementsprechend schon seit Längerem auswendig kennt. Nur bei der einen Zeile, die nun gleich dran ist, hat er merkwürdige Skrupel, sie inwendig stumm mit zu grölen: „Wenn ich dich frage, was du werden willst, antwortest du immer nur: Ich weiß nicht- Hauptsache nicht Mitte dreißig.“ Jan ist mittlerweile über 40.
Unmittelbar neben dem Bahnhof wird gebaut. Angenehm unfertig ist noch alles. Noch könnte man sich der Illusion hingeben, dass der ein oder Andere Bauherr ausscheren und am Ende nicht wieder alles gleich aussehen wird, doch das bereits Fertiggestellte lässt nichts Gutes erahnen. Zwei Häuser sind bereits bezogen und Jan schämt sich nicht, hinüberzuschauen. Auch hier: Erwartbares.
Nur am Wochenende schlurfen in den bis in die Details der Vorgartengestaltung und der Außendekoration absolut gleichen Doppelhaushälften die Väter barfuß und in Schlafklamotten als erste in die Küchen und bereiten mit unbeholfenen, perfekt spiegelbildlichen Bewegungen das Frühstück vor. Einer allein, der Andere mit einem krabbelnden Kleinkind zwischen den Füßen. Sie finden die Butter nicht, wissen nicht, wo der Eierkocher steht- die Mutter hätte mit wenigen Handgriffen alles bereit, aber das Ritual erfordert es nun einmal so. Die wenigstens an freien Tagen vorhandene Hilfe im Haushalt demonstriert Bereitwilligkeit und ist ein gefordertes Zeichen von Attraktivität. Und Jan steht, auf dem Weg zum Job, am Bahnsteig, von dem aus er das alles im angrenzenden Neubaugebiet gut beobachten kann und stellt wieder einmal fest, dass nur ihm das aufzufallen scheint, nur ihm das absurd vorkommt und ebenso absurderweise ihm das peinlich ist, -schmerzhaft, denn Pein bedeutet Schmerz- und nicht denen dort drüben, hinter den bodentiefen Fenstern, im kalten Licht der Edelstahlküchen, die noch (noch!) aussehen wie im Möbelhaus.

Mittlerweile ist er nicht mehr der Einzige, der auf den Zug wartet. Eine ältere Frau, erstaunlicherweise in einem Störkraft-Shirt und zwei Kenianer in Adidas-Trainingsanzügen stehen mit ihm am Gleis, dazu einige Männer in Sakko und Krawatte, andere mit Klapprädern. Der Zug kommt, pünktlich. Bei der langsamen Ausfahrt darf Jan nicht verpassen, einen Blick auf ihr Haus zu werfen, das man von der Strecke aus gut sehen kann. Das ist Teil seines ganz privaten Voodoos. Wenn er es nicht tut, kann er den Tag nicht guten Gewissens außerhalb verbringen.

 

 

…mal wieder ein frischer Ausschnitt aus meinem aktuellen Manuskript

9 Kommentare

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9 Antworten zu “Jan, aus: Bullerbü brennt

  1. Also wenn du das „durchhältst“, wird das so richtig was für mich. Oder aber wird mich richtig sauer machen, weil es nicht von mir ist. Je nachdem;-) Gruß aus der COE-Schreibstube in die ST-Schreibstube…!

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