Denken Sie an Ihr Herz

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Der Arzt sagte: Denken Sie an ihr Herz!

Er sei nun einigermaßen wieder hergestellt, müsse sich aber dringend noch schonen. Mit Stichen in der Brust sei bei Überanstrengung noch längere Zeit zu rechnen.
Denken Sie an ihr Herz! Es war das erste Mal, dass das Jemand zu ihm sagte.
Dabei denkt er ständig an sein Herz, hat sich oft gefragt, ob das Herz tatsächlich Sitz der Gefühle sein sollte, Herzdame, Herzkönig, oder ob man besser der wissenschaftlichen Sicht der Dinge folgte, nachdem die Pumpe so etwas wie ein kleines Kraftwerk war. Er hat sich oft sein Herz vorgestellt wie einen dicken roten Vogel, eingeklemmt zwischen den Rippenbögen, sein Brustkorb ein zu enger Käfig. Er war nur das Haus seines Herzens und manchmal dachte er an ein Herz, wenn er an ihre erste gemeinsame Wohnung dachte, 2 Herzkammern, Küche, Diele, Bad.

Er war aufgewacht, nassgeschwitzt und mit der klaren Gewissheit, dies sei jetzt ein Infarkt. Zuvor hatte er sich herumgewälzt, hatte verzweifelt versucht, der Beklemmung irgendwie zu entkommen, die er nicht hatte orten können. Als er nun wach auf dem Rücken lag und in die Dunkelheit starrte, fühlte er, wie eng sein Brustkorb sich zusammengezogen hatte. Das Atmen fiel ihm schwer, immer wieder legten sich Schleier vor seinen Blick und er konnte nicht sagen, ob es an der Müdigkeit oder an etwas anderem lag. Hin und wieder nickte er weg, aber scharfe Stiche in der Brust weckten ihn nach Sekunden wieder auf.
Er war nie ernstlich krank gewesen, kannte solche Schmerzen nicht. Er konnte den Kopf nicht heben, die Arme nicht bewegen, jeder angesprochene Muskel antwortete mit Schmerz. Sonja hatte seine Unruhe längst gespürt. So sehr er sich auch bemühte, sie nicht zu wecken,  war sie nun ebenfalls wach geworden und sprach ihn an. Er konnte nicht sagen, was genau ihm fehlte, nur die Schmerzen in der Brust und die Atemlosigkeit konnte er klar benennen. Er solle versuchen, sich zu entspannen, meinte Sonja, ruhig und gleichmäßig zu atmen. Auf jeden Fall müsse er am nächsten Morgen sofort zum Arzt. Sie fühlte seine Stirn, die kaltschweißig war und sagte es ihm und erst da fiel ihm auf, wie sehr er fror, aber das Gewicht der Decke auf der Brust war ihm unerträglich.

Irgendwie waren sie durch die Nacht gekommen. Sonja war früh aufgestanden. Er hatte es nicht bemerkt, da er endlich Schlaf gefunden hatte. Sie hatte die Kinder geweckt und für den Kindergarten fertig gemacht, ihre Arbeitsstelle benachrichtigt, dass sie später komme und ihre Mutter gebeten, anzureisen und nach Jan zu sehen, wenn sie zur Arbeit müsse, einen Arzttermin gemacht. Er hatte nichts von all dem mitbekommen, kam erst zu sich, als Sonja sich über ihn beugte und mit der ihr eigenen Sachlichkeit erklärte, er müsse jetzt zum Arzt und sie werde ihm beim Anziehen helfen. Er weiß nicht mehr, wie er in die Praxis gelangt war, nur, dass es schnell gegangen war, dass die greise Ärztin bei seinem Anblick selber bleich geworden war und ihn am Arm gefasst und gestützt hatte. Er erinnert sich nur bruchstückhaft an das Röntgen des Thorax und die Blutuntersuchung. Es war kein Infarkt gewesen, nur eine schwere Lungenentzündung. Sonja hatte ihn zurück ins Bett gebracht, ihn mit seinen Medikamenten versorgt und war schweren Herzens zur Arbeit gefahren. Von der Ankunft seiner Schwiegermutter, der Rückkehr der Kinder, dem Nachmittag und Sonjas Rückkehr von der Arbeit wusste er nichts mehr. Er schlief, komatös, nur ganz weit hinten, hinter einem Schleier aus Schmerzmitteln und unendlicher Erschöpfung hörte er hier und da, dass Jemand ins Zimmer kam und vorsichtig wieder ging, hörte die vertrauten Geräusche der alltäglichen Abläufe, von denen er sonst ein Teil war. Teller, die auf den Tisch gestellt wurden und einen scheinbar endlos langen Schlaf später wieder abgeräumt wurden, hörte Wasser laufen und Stunden später die Kinder leise Gute Nacht zur Oma sagen, hörte Sonja gedämpft mit ihrer Mutter reden, unendlich weit entfernt. Eben noch war es hell gewesen, jetzt schon konnte er nicht mehr sagen, ob es erst Abend oder schon tiefste Nacht war.
Auf einmal lag Sonja schon neben ihm und schlief und er hatte sie nicht kommen hören, nicht gesehen, wie sie sich ausgezogen hatte. Er war zwei Wochen lang krank gewesen, krank aus dem alten Jahr gegangen und krank in das neue hinein. Hatte im Bett gelegen, als draußen die Raketen flogen. Sonja war um 12 kurz hineingekommen und hatte ihm, nicht ohne Traurigkeit, ein gutes neues Jahr gewünscht. Er konnte nicht antworten, immerhin das Heben des Kopfes war wieder möglich, aber immer noch anstrengend.

 

….aus meinem Roman-Manuskript: Bullerbü brennt

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Eingeordnet unter -, prosaisch

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