-Zen in der Kunst des Dosenwerfens- Erzählung

Als kleinen Sonntags- und Pfingstgruß aus meiner Blogpause möchte ich Euch diese kleine Geschichte kredenzen. Habt es gut!

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Wir waren gerade dabei, unseren Radius zu vergrößern. Flo kannte den Begriff Radius nur aus Mathe und hatte nie ganz verstanden, was es damit auf sich hatte.

Überhaupt wunderten sich alle, dass wir Freunde waren, denn Flo zog immer jeden Ärger magisch an, war mies in der Schule, während ich recht einfach durchkam und mit niemandem größere Probleme hatte. Dennoch waren wir irgendwann Freunde geworden; ein ungleiches Paar: ich groß und dürr und dunkel- er kompakt, kräftig und blond. Er der Laute, ich der Leise.

Trotz seines losen Mundwerks und seinem Temperament gehörte Flo nicht zu den Jungs, die im Unterricht mit zwei Linealen den vor ihnen sitzenden Mädchen den BH-Verschluss öffneten oder sonstigen Unfug machten. Man sah es ihm bestimmt nicht an, aber er war genauso schüchtern wie ich.

Meine sonstigen Freunde waren aus Papier. Ich las. Alles, was mir in die Quere kam. Es waren die späten Achtziger, die beiden Kinos unserer Kleinstadt hatten zugemacht, für die Bank vor dem Bäcker in der Innenstadt waren wir noch zwei, drei Jahre zu jung und definitiv nicht cool genug.

Der einzige Ruhm, den unsere Stadt je erlebt hatte, war die kleine Meldung in den Nachrichten gewesen, in der erwähnt wurde, dass der Turm unserer katholischen Kirche über Nacht zusammengestürzt war. Es war nur Sachschaden entstanden, das Auto des Küsters war unter den Trümmern begraben worden, aber sonst war nichts weiter dabei geschehen.

An den Nachmittagen trafen sich Flo und ich regelmäßig. Erst waren wir bei mir geblieben, hatten gequatscht oder Scherzanrufe bei Lehrern oder Klassenkameradinnen gemacht. Bald hatten wir uns aber angewöhnt rauszugehen. Stück für Stück erweiterten wir unseren Radius. Bis zum Stadtpark mit dem verwahrlosten Minigolfplatz, zum Platz mit der Bücherei und schließlich in die Stadt hinein. Es gab eine Einkaufsstraße, die uns damals lang vorkam, einige Geschäfte, in denen man ein wenig herumstöbern konnte. Wir waren in einem Alter, in dem den Verkäufern nicht klar war, ob wir noch als Kinder und nett, oder schon als Jugendliche und potentielle Ladendiebe behandelt werden sollten. Die Eisdiele war okay für uns, das kleine Kaufhaus. Wenn wir gar nicht mehr wussten, was wir tun sollten, gingen wir zu unserer Schule, die ebenfalls nicht weit weg lag. Wir setzten uns auf irgendeine Bank auf dem Schulhof, den wir erst vor wenigen Stunden verlassen hatten und genossen die vertraute Umgebung. Ich erzählte Flo, was ich gelesen hatte. Er las nie ein Buch, war mehr der Typ für Disneys lustige Taschenbücher, hörte aber meinen Erzählungen immer ausdauernd und geduldig zu.

Es passierte nicht viel. Ab und zu trafen wir Klassenkameraden oder Klassenkameradinnen- der eigentliche Grund, aus dem wir unterwegs waren. Wir grüßten dann lässig und gingen weiter. Wenn es aber zu einem kurzen Gespräch kam, waren wir so albern und aufgedreht, dass wir uns hinterher über uns selber ärgerten.

Eben weil hier nichts los war, hatte ich zu lesen begonnen und beschäftigte mich mit allerlei komischem Kram. Ich hatte Jack Kerouacs Bücher entdeckt, in denen Typen einfach so den Daumen hochhielten und in eine ihnen völlig unbekannte Gegend aufbrachen. Sie soffen, nahmen Drogen, hatten Sex mit leichtfertigen Mädchen, waren andererseits aber auch irgendwie spirituell und meditierten. Eigentlich war ich zu jung dafür, aber ich war mit den Jugendbüchern fertig und meine Eltern waren froh, dass ich las und keine Scheiben einwarf. Kerouacs Helden faszinierten mich. Ich versuchte mich erfolglos an den Jazzplatten, die irgendwo noch von meiner Mutter herumstanden, und suchte weiter nach Lektüre. Da immer ein Buch das andere ergab, hatten mich meine Bücherei-Aufenthalte am Samstagmorgen (Flo hatte da Fußball-Training) irgendwie von Kerouac zum Buddhismus gebracht. In den Regalen unserer Kleinstadt-Bücherei gab es nicht so viel darüber, die turmlose Kirche lag schließlich direkt nebenan, aber die Bibliothekarin war die Mutter eines Klassenkameraden, kannte mich also und bemühte sich nach Kräften, meinen Wünschen nachzukommen.

Schwierige Sachbücher von irgendwelchen Mönchen blätterte ich durch, fand irgendwo eine Meditationsanleitung und beschloss, es zu Hause zu versuchen. Der Konfirmandenunterricht hatte mich extrem gelangweilt und zu kaum einem der vorgeschriebenen Gottesdienste war ich hingegangen. Es musste irgendwo noch etwas anderes geben.

Ich erzählte auch Flo von meinen Zen-Bemühungen, der überhaupt nichts damit anfangen konnte, aber sein Zuhören und seine Fragen halfen mir selbst immer beim Verstehen. Ich hatte bereits „gesessen“, wie man es beim Zen nannte. Gottlob war der Lotussitz nicht Pflicht, so stand es in einem der Bücher. Man konnte auch mit untergeschlagenen Füßen „sitzen“. Ich hatte die Atemübungen befolgt und wartete auf das Erlebnis der absoluten Leere, das sich angeblich einstellen sollte. Totale Konzentration. Bei irgendeinem Ausflug in Mutters Heimatstadt, die immerhin zu den größten in der Umgebung gehörte, hatte ich eine Platte mit Meditationsmusik ergattern können. Flo fand sie ganz schön nervig und ich auch, wenn ich ehrlich war, aber ich fand, es gehöre nun einmal dazu.

Allzu weit war ich noch nicht gekommen, aber die Idee, Buddhist zu sein, war so einzigartig in meiner katholischen Gegend, dass sie mir natürlich gefiel. Viel mehr Möglichkeiten zur Rebellion standen mir nicht zur Verfügung. Ich hätte mich nicht getraut, mir einen Irokesenschnitt verpassen zu lassen oder Ähnliches. Meine Eltern waren ohnehin so liberal, dass keine Verkleidung sie schockiert hätte. Es waren die Achtziger und meine Eltern waren auf ihre Art Achtundsechziger.

Die freundliche Bibliothekarin hatte mir Zen in der Kunst des Bogenschießens besorgt. Wieder war totale Konzentration gefordert. Ich las es, aber der Wunsch Bogenschießen zu betreiben, entstand dadurch nicht bei mir. Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten von Robert Pirsig war dann weniger hilfreich, wenn auch unterhaltsam. Manchmal griff man halt daneben, sagte ich mir.

An einem Herbsttag in dieser Zeit war ich wieder mit Flo unterwegs. Wir hatten in der Stadt herumgehangen, ein paar Bänke vom Bäcker entfernt, wo die wirklich coolen Typen sich trafen. Wir wussten: Unsere Zeit würde kommen. In einem Jahr oder so würden die jetzt dort Sitzenden um diese Zeit in der Lehre sein und um diese Zeit noch unter Autos liegen oder auf dem Traktor sitzen. Die Bänke wären frei und wir die rechtmäßigen Erben. Aber noch war es nicht so weit.

Wir hatten am Kiosk eine Tüte mit Brausekugeln gekauft und beim Supermarkt Dosen mit Kirschcola für 35 Pfennig. Das taten wir immer. Zwei Mädchen aus unserer Klasse hatten sich offenbar zum Bummeln verabredet und an diesem Nachmittag hatten wir sie schon dreimal getroffen -so groß war die Einkaufsstraße dann doch nicht. Die Zeit zwischen den Begegnungen hatten wir uns ausgemalt, was wir sagen oder tun könnten, wenn wir uns das nächste Mal träfen, uns coole Sprüche ausgedacht oder erwogen, sie zum Eis einzuladen. Letztlich kam der Regen dazwischen.

Gegen 16.30 Uhr begann es zu tröpfeln. Das störte uns im Allgemeinen nicht. Wir konnten beweisen, dass wir keinen Schirm brauchten, und blieben einfach sitzen. Aber bald schon wurde es stärker und die Leute, die ringsum in die Geschäfte oder nach Hause strömten, fanden uns wohl nicht mehr abgebrüht, sondern dämlich, also beschlossen auch wir, uns irgendwo unterzustellen. Natürlich wollten wir uns nicht zu den anderen unter eine Markise oder das Vordach eines der Geschäfte stellen, das wäre peinlich gewesen. Also nahmen wir unsere durchnässte Tüte mit den Brausekugeln und unsere Coladosen und schlenderten betont langsam durch den kalten Regen die Straße hinunter, als schiene die Sonne. Flo zog sogar seine Jacke aus. Unser Ziel war natürlich die Schule, denn da war um diese Zeit ja keiner.

Wir passierten den Marktplatz und die Kirche, in deren Schiff es, trotz der über das Loch, wo der Turm gewesen war, gebreiteten Planen hineinregnete und gingen weiter. Der Regen wurde immer stärker. Wir beschlossen, den Plan mit der Schule aufzugeben. Schließlich sah uns hier schon keiner mehr, es war ja niemand bei diesem Wetter mehr unterwegs. Nicht weit entfernt war ein neuer Bau der Sparkasse errichtet worden, nur ein kleiner Kubus mit einem Geldautomaten und einem Kontoauszugsdrucker darin. Es war die neueste Errungenschaft. Dort wollten wir uns unterstellen, denn das Flachdach des Gebäudes stand einen halben Meter weit an allen Seiten über. Auch dort war kein Mensch, überhaupt hatte ich dort noch nie jemanden Geld holen sehen. Die Leute hier gingen eben noch lieber an den Schalter der Hauptgeschäftsstelle, wo sie ein Bankangestellter bediente. Wir setzten uns auf den Boden unter dem Überhang. Ringsum waren Platten verlegt und Kiesbeete angelegt worden. Es war okay, für ein paar Minuten. Doch der Regen hörte nicht auf.

Wir begannen wieder zu quatschen, malen uns aus, was die Mädels wohl taten, jetzt, da ihr Einkaufsbummel ins Wasser gefallen war. Flo meinte, die seien sicher nach Hause gegangen oder in die Eisdiele. Sabrina habe ja auch nur ein weißes T-Shirt angehabt und keine Jacke. Das sei jetzt bestimmt total durchsichtig. Er hatte die leere Kirschcoladose noch dabei, und als es länger zu dauern schien, bis der Regen aufhörte, stellte er sie ein paar Meter weit von uns ins Kiesbeet und begann, mit den kleinen Steinchen danach zu werfen.

Ich erzählte dies und das. Von diversen Büchern, besonders deren schweinischen Stellen, von denen ich wusste, dass sie ihn immer interessierten und auch von meinen Zen-Versuchen sprach ich. Ich hatte erstmals etwas wie einen Anfangserfolg verspürt, letzten Abend. Mir war, nach ein oder zwei Stunden sitzen und atmen, einmal nicht nur der Hintern eingeschlafen, sondern das Gefühl gekommen, mein Hirn habe sich selbstständig gemacht und sei über meinem Kopf herumgeschwebt. Es hatte sich angefühlt wie ein mit Wasser gefüllter kleiner Ballon, etwa je eine Handbreit über und vor meiner Stirn. Flo machte Witze darüber, was ich nicht mochte, dennoch sprach ich weiter.

Er warf weiter Steinchen nach der Dose, wobei er sie sicher 250mal verfehlte und nicht einmal traf.

Ich sagte: Mit totaler Konzentration; wenn man förmlich mit dem All und dem Gegenstand eins werde, könne einem schlichtweg alles gelingen. „Arm, Kopf, Geist und Universum-alles muss verschmelzen.“

Flo meinte, das könne er sich nicht vorstellen.

Ich erzählte vom Bogenschießen, als habe ich es seit Jahren praktiziert und Flo meinte, das sei ja toll, aber dennoch glaube er nicht daran.

„Ist aber so“, sagte ich. „Die Zen-Meister, die können das.“

„Glaub ich nicht“, sagte Flo und warf ein weiteres Steinchen weit neben der Dose in den Regen.

Es war eine merkwürdige Stimmung an diesem Nachmittag. Es schien, als säßen wir schon ewig hier, ohne dass sich irgendetwas verändert hätte. Es war kein Mensch unterwegs, auch nur wenige Autos und der Regen rauschte runter wie dichter Vorhang und das schon seit gefühlten Stunden. Es war die Mitte unserer Zeit damals. Um 15.00 Uhr trafen wir uns gewöhnlich und um 18.00 Uhr gingen wir heim. Es schien uns endlos damals und jetzt war noch fast genauso viel Zeit übrig, wie wir schon gemeinsam verbracht hatten. Wir würden, wenn es gar nicht anders ging, noch eine ganze Weile hier an der Mauer des Sparkassenhäuschens lehnen, die Schuhe im Kies und den Hintern auf den klammen Gehwegplatten. Irgendwie schwebte alles vor sich hin. Ich wusste nichts mehr zu erzählen, deshalb schwiegen wir eine Weile.

Ich griff nun selbst einen der Kieselsteine, wog ihn ein wenig in der Hand, schaute kurz das erste Mal wirklich auf die Dose im Regen, einige Meter von uns entfernt und warf.

In einem hübschen Bogen flog der Kiesel und traf mit einem -Plong- genau die Mitte der Dose, die widerstandslos umfiel.

Flo war baff. Augenblicklich ließ er alle Kiesel, die er noch in der Hand hielt, fallen und sah mich an. Als wäre ich sein neuer Gott oder so.

„War das jetzt Zen, oder was“, fragte er schließlich. Ich sagte nichts.

Es regnete weiter. Flo warf nicht mehr.

Als er mich nach ein paar Minuten aufforderte, das eben Geschehene zu wiederholen, hätte ich mich weigern müssen. Denn egal, wie sehr ich mich konzentrierte, ich traf die Dose nicht mehr. Kein einziges Mal.

9 Kommentare

Eingeordnet unter prosaisch

9 Antworten zu “-Zen in der Kunst des Dosenwerfens- Erzählung

  1. natürlich kennst du nicht nur den Herrigel sondern auch den Pirsig…
    spielen die wirklich in deinem Leben auch heute noch eine Rolle?
    Anscheinend ja, denn sonst gäbe es diese KG ja nicht, oder?!

    • Ach, finbarsgift, ab einem gewissen Alter ist der Fundus dessen, was in einem Leben so eine Rolle gespielt hat, so groß und widersprüchlich, dass es manchmal schwer ist, zu entscheiden, was einen inwieweit geprägt hat. Ich hab mich mit solchen Dingen beschäftigt, ja (und habe auch heute noch eine gewisse Neigung dazu, oder besser: möchte sie nicht missen)aber ich habe mich auch mit ganz anderen Dingen befasst und die hatten andere Effekte. Man ist ein Mosaik, ein Puzzle, irgendwann und das ist auch okay so. Generell suche ich noch genauso wie der Ich-Erzähler in der Geschichte das „große Ding“, das alle Löcher füllt. Im Moment scheinen Kunst & Liebe das zu sein, was dem am Nächsten kommt! Vielen Dank für dein Interesse – freut mich!

  2. hannascotti

    gern bin ich hier gewesen

    • Das freut mich, Hanna! Kannst gerne wiederkommen. Solche netten Besuch hat man doch gern! Hätt` ich dich heut erwartet, hätt` ich Kuchen gemacht!

      • hannascotti

        Ach Matthias, ich komm immer durch die Hintertür. Ich lese gerne hier, aber zu sagen habe ich selten was.
        In dieser Welt wird ohnehin viel zu viel geredet. Ich schreibe nur Gedichte und Kurzgeschichten, mehr kann ich nicht, ach so, doch, Kuchenessen.
        LG Hanna

      • Ich lass einfach die Terrassentür auf! Wenn es nach Kuchen riecht – imma rin mit dir!

  3. Es gibt diese biographische Anekdote von Werner Heisenberg (erzählt von Heisenberg selbst), in der Heisenberg einmal in Begleitung von Niels Bohr an einer einsamen Landstraße einen Stein auf eine sehr weit entfernte Telegraphenstange wirft und sie entgegen aller Wahrscheinlichkeit trifft. Daraufhin sagt Bohr: „Auf ein so weit entferntes Objekt zu zielen und dann zu treffen, das ist natürlich unmöglich. Aber wenn man die Unverschämtheit besitzt, ohne zu zielen, in die Richtung zu werfen und sich dabei die absurde Möglichkeit vorzustellen, daß man auch treffen könnte, ja dann kann es vielleicht doch geschehen. Die Vorstellung, daß etwas geschehen könnte, mag stärker sein als Übung und Wille.“
    Quantenphysik und Buddhismus liegen manchmal nahe beieinander.
    Schöne kleine Geschichte übrigens. Vielleicht solltest Du in der Richtung auch mal ein Buch schreiben.
    Lieben Gruß,
    Anton

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