Dies ist eine Geschichte über einen nicht mehr ganz jungen, wenig besonderen Mann, der mit Blick über den Garten und die Straße und das angrenzende Neubaugebiet am Schreibtisch sitzt und eine Geschichte schreibt.

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Dies ist eine Geschichte über einen nicht mehr ganz jungen, wenig besonderen Mann, der mit Blick über den Garten und die Straße und das angrenzende Neubaugebiet am Schreibtisch sitzt und eine Geschichte schreibt. Eine Geschichte über einen nicht mehr ganz jungen, wenig besonderen Mann, der mit Blick über den Garten und die Straße und das angrenzende Neubaugebiet am Schreibtisch sitzt und eine Geschichte schreibt. Es scheint ihm die einzige Geschichte zu sein, die er zu schreiben im Stande ist, die einzige, in der er sich auskennt, die einzige, die ihn interessiert, weil er gespannt auf das Ende wartet.
Ihm scheint außerdem, Geschichten über nicht mehr ganz junge, wenig besondere Männer, die mit Blick über Gärten und Straßen und angrenzende Neubaugebiete an Schreibtischen sitzen und Geschichten schreiben, seien die einzigen erzählbaren, die einzig wahren und nachvollziehbaren und ihn wundert, dass es nicht allzu viele davon gibt. Er würde gerne ausschließlich solche Geschichten lesen, in denen nicht mehr ganz junge, wenig besondere Männer mit Blick über Gärten und Straßen und Neubaugebiete an Schreibtischen sitzen und Geschichten schreiben, aber entweder gibt es viel zu wenig solche Männer oder es gibt sie, aber sie sind -anders als er- nicht der Meinung, dass Geschichten über nicht mehr ganz junge, wenig besondere Männer an Schreibtischen und Geschichten schreibend, des Erzählens wert sind, schämen sich dafür, dass dies im Grunde die einzigen Geschichten sind, die sie zu erzählen in der Lage sind, die einzigen, in denen sie sich auskennen, die einzigen eigentlich, die sie wirklich interessieren, weil sie gespannt auf ihre Enden warten.

Der nicht mehr ganz junge, wenig besondere Mann, der mit Blick über garten und Straße und Neubaugebiet am Schreibtisch sitzt, schämt sich dessen nicht. Er ist sich der Mängel seines Ansatzes bewußt, seiner fehlenden Extravaganz und spärlichen Substanz. Aber auch Geschichten von einer derartigen Löchrigkeit müssen geschrieben werden und führen, wenn es sich glücklich fügt, irgendwann irgendwohin, ist sich der nicht mehr ganz junge Mann sicher.

Es bedürfe allerdings Parallelhandlungen. Aber als solche böten sich dem nicht mehr ganz jungen, wenig besonderen Mann lediglich der taumelnde Schnee vor dem Fenster an oder das schlafende Baby im Nebenraum und diese Geschichten endeten exakt dann, wenn die Sonne rauskäme oder der Säugling die Augen aufschlüge.
Es bedürfe ebenso einer klaren Handlung, wahrscheinlich. Aber das Nippen des nicht mehr ganz jungen, wenig besonderen Mannes, der mit Blick über den Garten und die Straße und das angrenzende Neubaugebiet am Schreibtisch sitzt und eine Geschichte schreibt, am längst kalten Kaffee, sein Fortfegen von Tabakskrümeln von der Schreibtischplatte taugen als solche kaum. Kaum auch sein Atmen, sein Horchen auf den Atem des Babys im Nebenraum, sein Starren auf die Flocken, die in die Baugruben und Baggerschaufeln fallen und auf dem Fensterbrett tauen, kaum dass sie aufgeschlagen sind.

Der nicht mehr ganz junge, wenig besondere mann, der an seinem schreibtisch sitzt und eine Geschichte schreibt, hat zuviele Geschichten gelesen, in denen junge Männer, die sich durch außergewöhnliches auszeichnen, außergewöhnliche Dinge tun, an extremen Orten extrem nah am Leben sind, extrem tief in Geschichten, die sich viel eher selber schreiben als vom jungen, sehr besonderen Mann, der sie  für andere junge, sehr besondere Männer schreibt und deren Komplexität sie als lesenswert auszeichnet. Sind für Männer geschrieben, die den Schnee nicht spüren, nicht frieren, die -ungebunden und frei- so etwas wie einen dringlichen, unzweifelhaften Willen in sich pochen hören und ihm nachgeben, die Vorbilder haben: junge Männer, die sich durch Außergewöhnliches auszeichnen, außergewöhnliche Dinge tun -und einen Willen zu haben ist für den nicht mehr ganz jungen, wenig besonderen Mann, der mit Blick über Garten und Straße und Neubaugebiet am Schreibtisch sitzt, durchaus bereits etwas Außergewöhnliches. Er kann diese Geschichten nicht mehr sehen, nicht mehr vertragen, er hat einen Abscheu dagegen entwickelt. In ihnen wird Kaffee gestürzt, generell,  im Vorbeigehen, keiner schert sich um Tabakkrümel, weder auf dem Tisch noch später auf dem Teppich werden solche als Problem erkannt, das einen vom großen Ganzen abhalten könnte. Und alle sind laut: keiner merkt, dass alles Lärm macht. Beinahe scheint es ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass in derlei Geschichten nichts zählt, was keine Geräusche macht. Es wird gelacht, geschrien, geknattert, zur Explosion gebracht, geflucht und gekämpft, untermalt von heroischer Musik oder Rauschen. Keiner erkennt, dass Freiheit Ruhe heißt und nur solange besteht, wie die dünne Schlafdecke unversehrt bleibt, das Schneefeld rein und nicht von Ketten und Schritten unter schlurfendem Getöse zerstört wird.

Vielleicht ist es eine Frage des Alters und der Besonderheit, denkt der nicht mehr ganz junge, wenig besondere Mann, der mit Blick über den Garten und die Straße und das angrenzende Neubaugebiet am Schreibtisch sitzt und eine Geschichte schreibt. Vielleicht kann man Geschichten über nicht mehr ganz junge, wenig besondere Männer, die mit Blick über Garten, Straße und Neubaugebiet an Schreibtischen sitzen und Geschichten schreiben, nur für nicht mehr ganz junge, wenig besondere Männer schreiben. Für Männer, die vielleicht bemüht sind, möglichst leise Tabak- oder Brötchenkrümel von der Tischplatte zu fegen und beim Absetzen der Tee- oder Kaffeetasse darauf achten, dass der Kontakt von Porzellan und Holz kein Geräusch macht; die die Vögel beschwören, nicht zu laut durch das dichte Geäst der Rankpflanze vor dem Fenster zu turnen, die den Schnee als dämpfende Decke begrüßen und auf ihren eigenen Atem horchen wie auf den des schlafenden Babys nebenan, dass Freiheit bedeutet, solange man nichts tut, außer mit Blick über den Garten und die Straße und das angrenzende Neubaugebiet am Schreibtisch zu sitzen und eine Geschichte zu schreiben.

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