Welttag des Buches

10 Bücher (neben Dutzenden anderen), die ich nicht missen möchte. Im Idealfall fällt ja für den oder jenen ein Lektüretipp dabei ab:

(Die Reihenfolge orientiert sich übrigens streng an assoziativen Prozessen und nicht an Bedeutung oder Seitenumfang)

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Da hätten wir also:

Max Frisch (1911-1991) Sein  Tagebuch 1946-49 ist natürlich kein „klassisches“ Tagebuch, sondern vielmehr eine Mischung aus kurzen Anekdoten in Prosa, Dramenfragmenten und tatsächlich tagebuchartigen Refexionen von hie und da fast philosophischem Ausmass. Frischs gedankliche Haltung entsprach und entspricht mir schon lange sehr und ich fand darin Perlen wie: „Wir nisten in einem Zufall“ oder „Der Mensch ist entweder ein Witz oder ein Wunder“. Gelesen irgendwann um 1999/2000.

Ernst Weiß (1882-1940) war einer der deutschsprachigen Schriftsteller Prags und Vertrauter Kafkas, mit dem er viele Themen teilt. Der als Arzt tätige Weiß verfasste unter anderem den großartigen ersten Roman, der sich mit der Figur Adolf Hitlers befasste -Der Augenzeuge- und beging auf der Flucht vor den Nazis Selbstmord. Sein Roman: Der arme Verschwender, behandelt in unglaublicher Weise so ziemlich alle Konstellationen des menschlichen Zusammenlebens; Partnerschaftliches, Vater-Sohn-Verhältnisse, etc. und besticht durch seine psychologische Tiefe sowie seine lakonische Sprache. Gelesen 2000 in einem unheimlichen Sog. Randnotiz: Weiß` Geliebte Rahel Sanzaras großartiger Roman Das verlorene Kind (den ich hier ebenso hätte auflisten können) wurde lange für ein Werk von Weiß gehalten und tatsächlich beriet und unterstützte er die Autorin beim Verfassen des Werkes.

Peter Weiss (1916-1982) dürfte heute am ehesten für sein Mammut-Werk Die Ästhetik des Widerstands bekannt sein. Der Autor, der mit seinem späten Wieder-Erlernen der deutschen Sprache ( er hatte als Kind in der Emigration schwedisch gesprochen) und seiner gleichzeitigen Nähe zu Brecht wie zu Hesse wohl zu den interessantesten Figuren der Stunde Null zählen dürfte, war ebenso als Maler und Grafikerund auch als Filmemacher aktiv und intensiv politisch tätig. Fluchtpunkt, das er auch selbst mit Collagen illustrierte, ist eines seiner frühesten Werke, in dem er sich, noch behutsam mit der Sprache experimentierend, mit dem Autobiographischen und dem Drang zum Künstlertum auseinandersetzt. Untrennbar mit der thematisch anknüpfenden Novelle Abschied von den Eltern verbunden. Gelesen irgendwann 2001/2002. Aufgrund der intensiven Auseinandersetzung mit der Sprache und dem eigenen Ich eine bleibende Lektüre.

Wolfgang Borchert (1921-1947) brauche ich nicht vorzustellen, denke ich. Für mich ist er der Vater der deutschen Kurzgeschichte, dabei wollte er eigentlich Lyriker werden und nannte sich in seiner Jugend Wolfgang Maria Borchert.  Die Hundeblume ist eine seiner schönsten Erzählungen und thematisiert den Menschen, auf sich alleine zurückgeworfen, intensiv sich selbst und die kleinsten Dinge der ihn umgebenden Welt wahrnehmend, in diesem Fall eine kleine Blume. Gelesen so mit 18 und nicht vergessen.

Ingeborg Bachmann (1926-1973) wird nun, im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten, immer mehr als Erzählerin und nicht mehr als reine Lyrikerin wahrgenommen.  Das 30. Jahr ist eine ihrer frühen Erzählungen, komponiert aus sieben Teilen, die sich, in Bachmanns oft kantiger und dennoch poetischen Sprache mit der Nachkriegszeit in Österreich und Deutschland befassen. Gewalt,  Zerstörung und das eigene Ich sind wiederkehrende Themen. Lange vor meinem 30. Jahr gelesen und als Vorbild an sprachlicher Dichte und gedanklicher Tiefe empfunden.

Gottfried Benn (1886- 1956) erschien nach den Jahren der inneren Emigration mit dem Band Statische Gedichte wieder auf der literatrischen Schaufläche, vom Verleger des schweizer Limes-Verlags bedrängt und durchaus wegen seiner ehemaligen Nähe zur NS-Ideologie nicht unumstritten. Nach den „exstatischen“ Gedichten seiner frühen Jahre sind die Statischen Gedichte klassischer in der Form, unglaublich gewandt und reich im Wortschatz und geprägt von einer tief empfundenen Enttäuschung und Skepsis. Einige der besten Gedichte seit 1945 finden sich hier.

Hans Henny Jahnn (1894-1959) zählt sicherlich zu den sonderlichsten Figuren der deutschen Literatur im 20. Jahrhundert. Expressionistisch begonnen, früh mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet, homosexuell und beiden Weltkriegen druch Emigration entgangen, vertrat Jahnn sozusagen sein eigenes Genre, kümmerte sich nie um Strömungen oder Schulen. Durchaus, so wurde es ihm zu Recht vorgeworfen, kann man zweifelhafte Themen wie Blut-und-Boden, die heimische Scholle und Vererbungslehre bei ihm finden, noch dazu in einem pathetischen, beinah apokalyptischen Stil, der heute allzu gern in eine Traditionslinie mit braunen Demagogen gestellt wird. Jahnn, der außerdem als Gründer einer Glaubensgemeinschaft, als Orgelbauer und Pferdezüchter auftrat, kehrte nach dem Krieg in die BRD zurück und vertrat Recht früh ökologische Ansätze und warnte bereits damals vor den Gefahren der Atomkraft.  Perrudja ist, neben dem Mammut-Werk Fluß ohne Ufer, ein Musterbeispiel für die Jahnnschen Themen und Stile. Ein nordisches Einzelgänger-Schicksal, mit Christusmotiven aufgeladen und von heidnischer und Naturmystik durchzogen. Rätselhaft und versponnen, aber von einer Sprachgewalt, die ich selten wieder gefunden habe.
Gertrud Kolmar, die große jüdische Lyrikerin (1894- vermutlich 1943) hat kaum Prosa verfasst, aber Susanna, die zu Lebzeiten unveröffentlichte Erzählung, ist gleich ein wunderbares Beispiel für die Verschmelzung ihrer lebenslangen lyrischen Leitmotiven mit einer exemplarischen Erzählkonstellation. Eine Betreuerin für die außergewöhnliche Susanna wird gesucht. Das Mädchen ist geistig verwirrt, schwelgt in Märchenwelten und erscheint dabei doch, zumindest ihrer erzählenden neuen Gefährtin, oft normaler als die Normalen. Wo das Leben Susanna erschreckt oder verunsichert, flüchtet sie sich ins Irreale und beweist dennoch immer wieder eine unverstellte, kindliche und unwiderlegbare Urteilskraft und Moral. Kammerspielartig werden die Gespräche der beiden Frauen, der schwärmerischen Susanna und der einfachen, von ihrem Schützling unglaublich faszinierten Erzieherin geschildert. Letztlich führt die Nähe der beiden zum fatalen Ende. Gelesen 2005. Wer Kolmars Lyrik kennt, wird hier zahlreiche Anknüpfungspunkte finden. Viele ihrer Tier- und Naturmotive legt sie ihrer Figur Susanna in den Mund und läßt diese vor der nüchternen Fassade ihres Elternhauses schillern. Im wahrsten Sinne: traumhaft! Kolmars Sterbedatum in Theresienstadt kann nur geschätzt werden.

Hans Erich Nossack (1901-1977) war einmal ein Lesebuch-Autor und Büchner-Preisträger. Leider wird er heute fast gar nicht mehr gelesen. Als Kaufmannssohn wuchs er gut situiert in Hamburg auf. Ihn ereilte ein merkwürdiges Schicksal: Alle Manuskripte, die er vor dem Krieg verfasst hatte, gingen bei der Zerstörung Hamburgs verloren (er schrieb später einen Bericht darüber: Der Untergang), so dass er 1945, mit 44 Jahren als unveröffentlichter Debütant dastand. Mit seiner eigenen, deutschen Variante des Existenzialismus wurde er in der Folge ein viel gelsener Autor, der immer auch mit den Formen experimentierte.  Spirale besteht aus vier einzelnen Teilen, die wiederum ein Ganzes bilden und stellvertretend für die vier Lebensalter (Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter und Alter) stehen. Mitunter symbolisch und parabelhaft, dabei in einer klaren, nüchternen Sprachen verfasst, erinnert hier manches an Kafka. Es geht um nicht weniger als: das Leben. Ein starker Leseeindruck um das Jahr 2000 herum und heute noch wichtig, großen Spaß habe ich immer noch an Nossacks Formexperimenten wie den Miniaturen in Um es kurz zu machen oder vielen seiner Essays.

Joseph Roth (1894-1939) und sein Werk Hiob brauche ich wohl eher nicht vorzustellen. Ich schätze das wunderschöne, 1930 erschienene Werk als perfekte Geschichte. Die Familie Singer, angeführt vom Vater, dem Lehrer Mendel, wird nach und nach von allen Schicksalsschlägen heimgesucht, die einem Menschen aufzubürden sind. Der vermutlich behinderte Sohn, die Tochter, die mit einem Kosaken geht und später wahnisnnig wird, der Krieg und die Emigration nach Amerika, der Tod der Ehefrau und Mutter. Aber wo bleibt da Gott?
Angesiedelt in der Bukowina um 1930 ist Hiob einerseits anfangs wie zeitlos, archaisch und märchenhaft, aber nie -besonders später- ohne Bezug zur wirklichen Zeit. Der alte Mendel Singer erscheint in Amerika wie ein Fossil und dort erscheint zu aller Überraschung der verloren, sogar tot geglaubte Sohn, den sie einst zurücklassen mussten wie ein Heilsbringer, wie Christus selbst. Jüdische und christliche Motive verschmelzen hier: in einer Zeit, in der sich die Intellektuellen beider Religionen so nah standen wie nie, kurz bevor der Nationalsozialismus seine Machete ansetzte. Roth selbst, als Jude geboren, trat zum Katholizismus über, was ihn allerdings nicht vor der Verfolgung schützte.  

 

6 Kommentare

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6 Antworten zu “Welttag des Buches

  1. Eine sehr interessante Auswahl an Büchern! Allerdings interpretiere ich Joseph Roths Buch anders. Es gibt mittlerweile auch eine Theaterfassung von Koen Tachelet aus dem Jahre 2008 und ich kann nur dringend empfehlen sich diese anzuschauen, sobald sie einmal in der Nähe aufgeführt wird. Klug inszeniert öffnet sie bemerkenswerte Interpretationsspielräume zum Roman. Ich habe hier eine kurze Besprechung des Buches/des Theaterstücks in der Arbeit und würde Dich bitten noch ein wenig geduldig zu sein, bis ich soweit bin mit dem Text, lieber Matthias!

    • Oh, dein Hiob-Beitrag, Wolfgang. Hab ihn schon einmal aus dem Augenwinkel gesehen, aber bisher noch keine Zeit gefunden..der will konzentriert gelesen und durchdacht sein. Ich bemüh mich darum. Vielen Dank für den Hinweis!

  2. Pingback: Sommergespräche: Brauchen wir noch einen Kanon? – Wolfgang Schnier

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