Bildungsroman: -Der Waldläufer- Kapitel 1 von 8296

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Immer noch harren Abertausende mit mir auf Kapitel 2 meines fabulösen Bildungsromans: Der Waldläufer, dessen erstes und bisher einziges Kapitel ich hier noch einmal präsentieren möchte. -Dereinst in der 16. Nummer des Maulkorb in Dresden erschienen.

 

 

 

 

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 -Der Waldläufer- Kapitel 1 von 8296

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„Ist das ihr Hund?“, fragte mich der Waldläufer. Ich sah mich um.
Weit hinten im Dickicht raschelte es.
„Nein“, sagte ich.
Ich sei Katzenliebhaber, was nicht der Wahrheit entsprach, mir aber zur Untermauerung meiner Behauptung des Nichtbesitzens eines Hundes nützlich und eigentlich natürlichstes Argument erschien.
„Gut“, sagte der Waldläufer.
Wir sahen uns nicht nach dem herrenlosen Tier oder dessen wirklichen Besitzer um.
„Und: Lieben sie Brahms“, setzte der Waldläufer nach.
„Nein, ich liebe meine Frau“, antwortete ich! Ich war in einer etwas albernen Stimmung.
„Das wird ihnen auch noch vergehen“, meinte der Waldläufer nach kurzer, wie es schien abschätziger Betrachtung meiner Person. Er wies nun im Folgenden mit der geöffneten Hand auf das Stück Weg vor uns und ich nahm seine Aufforderung an. Wir setzten uns in Bewegung.

„Wissen Sie“, hob der Waldläufer an, „dass der Mann, der Hölderlin in seinen letzten Lebensjahren Unterkunft gewährte, mit Nachnamen Zimmer hieß?“ Ich verneinte, führte aber an, ich wisse, dass Bohumil Hrabal beim Taubenfüttern aus seinem Krankenhauszimmer im fünften Stock gefallen sei. Dem Waldläufer schien dieser Umstand ebenfalls vertraut zu sein. Er ergänzte, es sei dabei allerdings nicht klar, ob es sich um einen Unfall oder Suizid gehandelt habe.
„Ja, die Slawen“, sagten wir unisono.

Der Waldläufer schwieg eine Weile und meinte dann, die Taube sei ja bekanntlich die artenreichste Famile der Vögel. Gerade auf Inseln aber habe sie es schwer. Ich deutete mit einer Kopfbewegung Zustimmung an und betonte, Picasso habe sie ja nicht nur gern gemalt, sondern nach eigener Auskunft auch gegessen. In Paris, während der deutschen Okkupation.
„Ja, die Deutschen“, seufzten wir nun unisono.
Hitler sei ja nicht einmal Deutscher gewesen, meinte der Waldläufer verächtlich.
Aber er habe einen Hund gehalten, wandte ich ein, kam jedoch von diesem Punkt schnell wieder ab, da er bei meinem Gegenüber offenbar auf kein sonderliches Interesse zu stoßen schien.
Ob ich wisse, dass der große österreichische Dichter Bernhard in den Niederlanden geboren worden sei, wollte er nun wissen. Ich bejahte mit einem knappen Nicken, als wir eine behagliche Bank mit gleich drei gleichmäßig überfüllten Abfallbehältern ringsumher passierten und ausgiebig musterten.
Auch Hesse sei ja bekanntlich kein Deutscher gewesen, fuhr er fort.
„Nein, Schweizer!“, warf ich schnell ein.
„Sehr richtig“, erkannte er meine Antwort wohlwollend an. „Jedoch von Geburt her Russe, denn seine Eltern hatten im Baltikum gelebt.“
„Riga“, beeilte ich mich zu sagen und setzte hinzu: „Lenz stammte von dort. Ich meine nicht Siegfried und nicht den weniger bekannten Herrmann, sondern den Sturm-und-Drang-Lenz, aber der Waldläufer unterbrach mich und meinte:
„Jakob Michael Reinhold; zeitweiliger Vertrauter Goethes- starb geistig umnachtet in einer Vorortstraße von Moskau.“
„Ja, die russische Seele“, seufzten wir unisono.

„Goethe sei ja Hesse“, meinte der Waldläufer kurz darauf knapp, was mich zunächst verwirrte. „Geburtsort Frankfurt am Main“, fuhr mein Gegenüber fort, „und, obwohl so eng mit dem thüringischen Weimar verknüpft, eben eigentlich Hesse, was man noch im Faust höre, wenn er Neige auf Schmerzensreiche reime.“ Mir schwindelte.
Um zu demonstrieren, dass ich seinen Ausführungen, so kraus sie auch daherkommen mochten, dennoch folgen konnte, fasste ich zusammen: „Sehr wohl: Goethe war Hesse und Hesse Russe!“
Stalin dagegen sei ja bekanntlich Georgier gewesen, aber es sei ihm im Moment entfallen, ob er einen Hund besessen habe oder mehrere. Ich konnte es ihm nicht beantworten, sagte aber, ich habe mich schon desöfteren gefragt, mit wessen Schäferhund Kafka auf der berühmten Fotografie posiert habe.Oder sei es ein Bernhardiner gewesen? Ich erinnere mich nicht.
Ob es denn nicht in dessen Tagebüchern verzeichnet sei, wollte der Waldläufer wissen. Kafka habe doch alles notiert- sogar, was er gegessen und wie oft er einen Bissen gekaut habe.
Bei mir hänge das von der Beschaffenheit der Speise ab, gab ich, zugegebenermaßen etwas vom Thema abkommend, an.
Ich habe zum Beispiel einmal ein Kaninchen…doch erneut unterbach mich der Waldläufer. Ob ich wisse, dass Kaninchen auf Portugiesisch genauso heiße wie ein brasilianischer Erfolgsautor, der bevorzugt von frustrierten Hausfrauen und sinnsuchenden Sonderschulllehrern konsumiert werde? Das sei doch komisch: ein in unseren Breiten von scheinbarer Weltweisheit umwehter Name, den man sich wie einen geheimen Zauberspruch zuraunt und der gewöhnliche Portugiese versteht nur Kaninchen?!
Ich stimmte ihm -der Höflichkeit halber- zu: Das sei sogar ausgesprochen komisch- wenn man nicht zu den Anhängern dieses Autoren gehöre.
Das sei genau genommen überhaupt nicht komisch, meinte nun aber der Waldläufer ernst. Es sei vielmehr relativ und nur allzu normal. Wenn man zum Beispiel bedenke, dass Kafka auf Tschechisch Dohle bedeute. Ich bemühte mich um ein nachdenklich zustimmendes Gesicht und fügte dann hinzu, da ich vermutete, es könne ihm Freude bereiten:
Weiterhin ist es doch interessant und bedürfe einer tiefergehenden Recherche, dass Hitlers Hund den selben Namen trage wie eine in den 70er und 80er-Jahren sehr erfolgreiche Gruppe der Populärmusik und vielmehr diese wie jener! Überhaupt folge doch die Benennung von Vierbeinern durch ihre Halter einigen spannenden Gesetzmäßigkeiten und sei ebenso wie das Meiste gewissen Tabus unterworfen. So gäbe es zwar eine Menge prächtiger Rüden, die mehr oder weniger auf die Namen Nero, Attila und Cäsar hörten, andere Diktatoren und Despoten seien aber weniger gebräuchlich. Er wisse schon, wen ich meine- ich wolle nicht schon wieder darauf herumreiten.
Nun war es an ihm, zu nicken und zu bejahen; allerdings mit sichtlich weniger Interesse. Dennoch ließ er sich zu einer Replik hinreißen: Dieser Gedanke sei tatsächlich nicht gaz ohne Reiz und auch auf andere Felder zu übertragen. Er kenne zum Beispiel zwar eine Hundehalterin, die ihre beiden Möpse Nabokov und Murakami rufe, aber ein Hund mit Namen Mann oder Böll sei ihm zumindest noch nie begegnet. Wenn man voraussetzt, dass Nobelpreisträger- oder Aspiranten generell hoch im Kurs stünden, sei das inkonsequent.
„Nabokov selbst“, so konnte ich nun meinerseits eine kleine Anekdote ergänzen, „war ja wohl auch eher den Schmetterlingen zugetan und meines Wissens weniger den Vierbeinern!“
Der Waldläufer sah unwillkürlich auf und umher, als suche er ein Exemplar der genannten Spezies, doch es war bereits zu frisch und spät im Jahr. Dennoch hauchte er feierlich einen Namen in die kalte Luft, der sich vor seinen Lippen als kleine Wolke materialsierte: „Plebeius Lysandra cormion Nabokov. Der einzige Schmetterling, dem er seinen Namen gab. Ein possierliches Tierchen“. Ich hatte mittlerweile Spaß an dieser Art der Konversation gefunden und konnte -nicht ohne gewissen Stolz- unmittelbar darauf antworten: “Earias juengeriana! Der Käfer, der nach Ernst Jünger, nicht etwa nach dem berühmten Käfer-Erfinder aus Prag benannt wurde! Nach diesem ist, meinem Wissenstand zufolge, keinerlei Getier benannt.“
„Nein“, gab der Waldläufer zurück. „Obwohl es in seinem Werk von Dachsen, Affen, Mäusen und anderen Mitgeschöpfen ja nur so wimmelt.“

Wir schritten noch so dahin; eine Viertelstunde vielleicht, in den Dämmer. Nach einer Weile meinte der Waldläufer, er frage sich nun aber doch, ob der Hund im Gebüsch seinen Besitzer gefunden habe. „Haben Sie eigentlich einen Hund“, fragte er mich nochmals, obwohl ich ihm dies bereits verneint hatte; schien aber auch keinerlei Antwort mehr zu erwarten, sondern fuhr selber fort: Er selbst halte es ja mit Goethe, der ja bekanntlich ein gespaltenes Verhältniss zu diesen Kreaturen gehabt habe. Man denke nur an die Verkörperung des Teufels als Pudel in besagtem Faust!“
„Aber nach dem Geheimrat ist immerhin auch etwas benannt!“, hörte ich mich unwillkürlich sagen.
„Ein Knochen!“, sagten wir unisono.

 

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