Gedanken zur Literatur (erneut & heute)

Ich bin an sich kein politischer Autor. Ich schreibe keine politischen Essays- nur literarische. Angesichts der letzten Wochen und Monate kommt mir allerdings immer öfter der Gedanke, dass ein Trennen dieser zwei Felder immer schwieriger wird und muss doch einmal einige Dinge äußern, die im ersten Teil durchaus politischer oder gesellschaftlicher Natur sind, bevor ich mich dann im zweiten Teil der literarischen Folge daraus widmen werde.

…Es sind weder die Worte eines Politikers noch die eines Historikers, sondern die eines Schriftstellers, der sich übrigens nicht einbildet, die Leser durch seine Bücher zum Besseren verändern zu können, von der Welt ganz zu schweigen…zitiere ich gleich zu Beginn den Schriftsteller Henning Ahrens aus dessen Dankesrede zum Bremer Literaturpreis- wir werden später im Text zu ihm zurückkehren…denn genau dies ist auch meine Haltung –muss meine Haltung sein.

Allmählich weiß ich nicht mehr, wovor ich als Mensch und Vater mehr Angst haben soll: vor einem Terror, der sich unter dem Deckmantel der Religion weltweit ausbreitet oder vor den Auswüchsen der Reaktionen darauf im eigenen Land, die wir gerade beobachten dürfen. -Ein dritter Punkt kommt nun also noch hinzu:
Lange dachte man, als in einer Zeit des bereits lange anhaltenden Friedens und Wohlstandes Aufgewachsener: Wenn mal wieder (wie in den gerade noch so bewusst wahrgenommenen 70er Jahren) eine Bande Bomben zündet und mordet, dann beschützt dich der Staat davor.
Wenn einige Wirrköpfe die rechten Arme recken und tumbe Parolen grölen, dann gibt es  Gesetze dagegen und die große Masse wird sich belustigt bis angeekelt davon nicht kriegen lassen. – Ich weiß nicht mehr so recht…

Nun haben wir den IS, nun haben wir Syrien, haben Köln und Pegida, haben die AfD und haben nun Clausnitz. Ich war wochenlang gelähmt von den Anschlägen in Paris: so nah, so naheliegend, so kopier- und übertragbar auf andere Orte. Dann Silvester in Köln: in meinem Bundesland, in einer Stadt, die früh meine Referenz-Großstadt war. Die Vorfälle an sich: furchtbar; die Ohnmacht der überforderten Polizei: erschreckend – aber die Reaktionen der Presse und besonders vieler Bürger: beschämend und in einem Masse beängstigend, dass es kein Wort dafür gibt.
Nun Clausnitz: ein Mob, überforderte Polizei, die ihren harten Einsatz -wohlgemerkt gegen die Flüchtlinge, die sie eskortierte- mit Vergehen von Seiten ihrer Schutzbefohlenen entschuldigt und eine unbehelligte Meute, bejubelt von dubiosen „Patrioten“.

Ich staune über den Grad der Verrohung, den Umfang der Hemmungslosigkeit und die Verdummung, an denen (siehe oben) kein Blog, kein Buch, kein Produkt der Kunst etwas ändern wird.

Da dies ein Literatur-Blog ist, stelle ich mir aber auch die Frage: Wie geht man als Autor mit diesen Zeiten um? Was möchte ich von anderen Schriftstellern darüber lesen und vor allem: Was macht es mit meinem eigenen Schreiben?
Ich merkte eben bei der Lektüre eines (durchaus GUTEN!) aktuellen deutschen Roman, der eher ein Echo auf die Pop-Literatur darstellt, wie ich mich fragte: Geht das noch? So schreiben? Über mich und meine Luxus-Sorgen, über Musik , meinen guten oder schlechten Sex, meine spießigen oder hippen Eltern, Berlin und die Provinz…ohne auf irgendeinen politischen Aspekt in Deutschland oder der Welt einzugehen?

Noch vor einem Jahr etwa hätte ich gesagt: ich habe es gut. Ich lebe in einer westfälischen Kleinstadt; ich werde von den Ereignissen in der Welt nur peripher berührt- folglich kann ich guten Gewissens z.B. Romanhelden oder lyrische Ichs erfinden, die -wie ich bislang- ihre Beobachtungen und Empfindungen auf ganz andere Dinge lenken und zurückführen. Aber nun ist es anders. Müssen die Zeiten der Selbstbespiegelung jetzt nicht vorbei sein und muss ein Autor nun nicht seine Rolle als Beobachter, dem Politik BÄH ist, aufgeben?

Auf Facebook las ich heute das Posting eines Lyrikers, der feststellte, dass wir alle jeden Tag etwas tun könnten, um die Zustände zu ändern, es aber meist unterlassen- sich selbst eingeschlossen. Auch äußerte er Scham darüber und meinte ironisch: man könne als Dichter ja nun ein Gedicht schreiben- denn das sei ja per se ein politscher Akt.
Genau diese These vertrat ich vor einiger Zeit auf genau diesem Blog hier. Literatur, Kunst an sich als eigentlich nutzloses Produkt, das kein Geld bringt, nicht die Wirtschaft ankurbelt und keine Krankheit heilt- sei eine subversive und somit: politische Größe. Aber ist diese Haltung noch realistisch?

Man mag sagen: Politik ist Tagesgeschäft, wechselhaft und vergänglich und somit wird es auch eine Literatur sein, die sich allzu nah, allzu aktuell damit befasst. Das Andere: Liebe, der Sinn, das Große und Ganze- ist zeitlos und allgemeingültig und somit viel größer und wichtiger als Politik. Aber was, wenn die Freiheit, genau diese Haltung zu vertreten, von den Geschehnissen im Staat, in dem man lebt und darum herum bedroht wird? Unsere Luxus-Position, genau die Literatur zu produzieren, die wir wollen -ob sie nun für irgendwen außer uns selbst relevant ist oder nicht- ist ja letztlich eine politische oder besser: eine, die auf politischen Umständen basiert.

Ich war nie ein Freund politischer Literatur-was immer das auch genau ist. Ein Stück weit war ich immer der Meinung: Politik widerspräche geradezuder Ästhetik . Zu wenige gelungene, überzeugende Beispiele für Literatur mit klarer politischer Relevanz fallen mir ein: ein paar Brecht-Gedichte, etwas von Feuchtwanger, Thomas Mann…alle verflossen. Schon in den wenig späteren Jahren fällt mir auf, wie vergänglich und wechselhaft die Feindbilder, wie verworren die Antriebe und janusköpfig letztlich die sogenannte Moral bereits geworden war. So viele Romane und Gedichte der 68er und des Deutschen Herbstes sind heute nur noch peinlich.
Heute, mit der Nebelmaschine Internet, ist es noch schwerer, die Zusammenhänge wirklich zu durchschauen, gut und böse zu unterscheiden und wer lässt sich als Autor gern vor einen politischen Karren spannen, der sich hinterher als Leichenwagen der eigenen Karriere erweisen kann. Nicht umsonst sind Autoren heute vorsichtig mit dem Bekenntnis zu einer politischen Partei oder Gruppierung.

In seiner Dankesrede zum Erhalt des Bremer Literaturpreises formulierte der oben bereits zitierte Hennig Ahrens es folgendermaßen und der Anklang an Brechts, von Adorno inspirierten Vers:  Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!  ist deutlich:

Bei der Abschlussveranstaltung der Frankfurter Lyriktage 2015 saß ich im Publikum, während draußen auf dem Römer ein rechter Aufmarsch und eine Gegendemo stattfanden, mit der Folge, dass ich, obwohl ich in meinen Texten inzwischen ein ganzes Wildgehege versammelt habe, genervt war, weil es in den vorgetragenen Gedichten viel zu oft um Tiere ging. Wo bleibt die Welt, dachte ich, die so laut an unsere Türen pocht?
Das bedeutet nicht, dass man nicht mehr über Bäume oder Tiere schreiben dürfte – das darf man, ja, das sollte man sogar tun –, sondern dass ich an mir selbst eine zeitbedingte Verschiebung der Prioritäten wahrnehme. Wenn ich weiter in einer freiheitlichen Demokratie und einem halbwegs friedlichen und sicheren Europa leben möchte und dies auch meinen Söhnen und möglichen Enkelkindern wünsche, dann kann ich nicht am Rand stehen, sondern sollte versuchen, mich mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln dafür einzusetzen.
[zitiert nach und nachlesbar in: Ich verschreibe mich der Wachsamkeit, in: Die Welt, 30.01.16]

Dem kann ich nur zustimmen. Das Ausklammern eines Lebensaspektes, der sich nicht mehr, wie noch vor wenigen Monaten, in einer dezenten kuscheligen Nebenrelevanz- Zone des Alltags abspielt, sondern zu einem realen und schwerwiegenden Einfluss auf die eigene Zukunft und die Werte der Gesellschaft, in der wir das Glück haben, unsere Spielchen trieben zu dürfen, ausgewachsen hat, kann a) zurecht den Vorwurf der Blindheit mit sich bringen und ist b) zumindest meines Erachtens auch ein künstlerischer Mangel, ein Defizit an Durchdringung der Realität.

Ich weiß nicht, wie meine Lyrik demnächst aussehen wird. Sicher ist: meine Sicht auf die Dinge -alle Dinge- hat sich verändert und dies muss sich auch dort niederschlagen. Maßgeblich für meine Darstellung der Welt ist einzig mein Empfinden, meine psychologische Befindlichkeit- und in dieser spielt nun eine Angst, zerstreut und unbestimmt, eine Rolle, die vorher nicht da war.

 

8 Kommentare

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8 Antworten zu “Gedanken zur Literatur (erneut & heute)

  1. sehr wichtige und gute gedanken.
    ich glaube, auch oder gerade als schreibende(r) kann man sich dem zeitgeschehen nicht entziehen.
    danke hierfür! sehr nachdenkenswert!

  2. Ich persönlich halte mich bei meinem eigenen Schreiben gewissermaßen an Wittgenstein: „Ethik und Ästhetik sind eins.“ Natürlich, wenn man mir in der Lebenswirklichkeit die Voraussetzungen entziehen sollte, überhaupt Derartiges zu schreiben, gucke ich schließlich dumm aus der Wäsche mit einem solchen Leitspruch. Aber trotzdem glaube ich, durch den Entwurf ästhetischer Welten – im Sinne der Diskursordnung und möglichen Bewusstseinsveränderung – Einfluss nehmen zu können auf politische Verhältnisse. Es ist ein ruhiger, unsichtbarer Einfluss. Das ist meine Hoffnung, das ist mein Wunsch.
    Ob ich zukünftig die Notwendigkeit verspüren werde, offensichtlich politische Texte zu verfassen – ich weiß es nicht. Schön wäre, wenn es nicht so kommt und ich mich weiterhin literarisch da aufhalten kann, wo ich bin…

  3. Lieber eingebildet oder auch echt Gesellschaftskranker,
    danke dafür. So seltsam, so frisch ist das nicht. Da nehme ich mich selbst. Meine ersten Romane kreisten um die reflexive Strandung eines existentialistisch geprägten Ich. So. Könnt ich noch 100 mal schreiben, eher noch pointierter, evtl also: besser.
    Interessiert mich aber eben nicht. Den Sil hab ich, was neu ist: Wirrwarr und Verwantwortungsgefühl. Siehe deinen Beitrag.

    Ich denke schon, dass man als Schriftsteller dazu minimal Stellung beziehen sollte. Je nach Genre. Was es wieder so arg verwässert, dass jeder kann, wie er will, sich traut.

    Ich habe aber zB meinen neuen Roman exakt deswegen komplett umgeschrieben. Die nachfolgenden Sendugen verschoben sich daher um 20 Minuten;-)

    Weil ich minimal meine eigene Haltung endlich mal geklärt haben wollte.

    Sei gegrüßt.

    Sah dich im Übrigen dieser Tage stehen bei PoeHe. Mit Buch in Hand, Kunden um dich herum.

    David

  4. Danke allen Kommentatoren und Lesern. Wie so oft muss Jeder selbst entscheiden, wie und wie weit er die Geschehnisse um ihn herum in seine Kunst integriert An billiger schneller Reaktion kann Keinem gelegen sein. Das Risiko, sich bei aller vielleicht literarischen Größe auf dem völlig andersartigen Feld der Politik als Idiot zu erweisen (wie mein Hamsun Knut im Roman) ist groß…. . Dennoch merke ich, dass mein eigenes Schreiben doch insoweit auf der Realität fußt, dass zum Beispiel mein aktuelles Manuskript überhaupt nicht mehr taugt. Der Held, der da seismographen-ähnlich Schwingungen in sich und um sich herum registriert und deutet, kann nicht -wie ich bisher- als Kind des Friedens und einer relativ unbeschwerten sozialdemokratisch geprägten Kindheit vor sich hinleben. Diese gewisse Angst -ganz fern von konkreter Parteipolitik oder kernigen Aussagen und Forderungen- muss ihm gegenwärtig sein- wie sie es mir ist. Ach ja: Engagement- ich bin geneigt, das Schreiben eines Schriftstellers als sein gesellschaftliches Engagement zu sehen, oder liege ich da falsch? Natürlich ist auch der Autor Mensch, hab ich mir sagen lassen und kann privat Hilfe leisten. Das ist klar. Aber gerade, wenn er sich dazu entschließt, muss ihm doch seine Haltung sagen, dass auch seine Literatur nicht ohne Anstoß auskommen kann, nicht wahr? Wir sind doch nicht ausschließlich für die Traumwelten zuständig- wenn auch das unbestritten und eindeutig wichtig. Ach, man könnte noch stundenlang darüber brüten- letztlich liegt es bei Jedem selbst-aber das sagte ich ja bereits…im ersten Satz.

    Dank euch & alles Gute

    • Guten Tag, Herr Engels,

      Eine „billige schnelle Reaktion“ muss ein Text ja nun keinesfalls sein, wenn er sich mit Themen kritisch auseinandersetzt, die an sich nicht neu sind. Es mag diese Wirkung erzielen, wenn manch ein Text genau zum „passenden Zeitpunkt“ erscheint, doch die meisten dieser Themen sind (leider) ebenso zeitlos wie die Suche nach dem Sinn der eigenen Existenz.
      In meinem ersten Romanprojekt, das in einer Fantasywelt spielt, setze ich mich beispielsweise sekundär mit Pressezensur und Fremdenhass auseinander, mit der Frage, wie weit darf Pressefreiheit gehen, aber nicht, weil die Themen gerade aktuell, sondern im Gegenteil sehr alt sind (Stichwort: Vormärz). Meine ältesten Notizen zu diesen Nebenplots reichen fast fünfzehn Jahre zurück. Aber erst jetzt habe ich die Zeit und die Reife, diese Geschichte niederzuschreiben.
      „Maßgeblich für meine Darstellung der Welt ist einzig mein Empfinden, meine psychologische Befindlichkeit- und in dieser spielt nun eine Angst, zerstreut und unbestimmt, eine Rolle, die vorher nicht da war.“
      Vielleicht sind meine Antennen nur feiner, weil ich unsere Gesellschaft weitgehend von der Peripherie her betrachtet habe. Diese Angst war immer da, vor den vielen Leuten im eigenen Land, die vermeintlich so aufgeklärt und doch so indoktriniert sind, die Angst davor, dass sich 1938 wiederholen könnte, weil Reflexion über Informationen aus Erfahrungen oder Gelerntem vielen fremd zu sein scheint.
      Die Frage, ob eins sich den „Luxus“ erlauben sollte, zusätzlich weiterhin über „unverfänglichere“ Themen zu schreiben, kann ich nur mit „Ja.“ beantworten. Das ist ein Ausdruck der Freiheit, die wir so schätzen. Warum also nicht auch ganz unpolitisch die Schönheit einer Landschaft beschwören? Sprache ist nicht nur Kommunikation, sie ist auch das Spielerische, das Bezaubernde.

      Vielen Dank für Ihren Beitrag.

      Beste Grüße,
      Carmen Keßler / Das Tenna

  5. Pingback: Gegen die Feinde der Freiheit – Wolfgang Schnier

  6. Pingback: Die Mär vom unpolitischen Schreiben | Carmilla DeWinter

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