Rezension: Das Meer ist ein alter Bekannter, der warten kann. Michael Starcke, gestorben am 19.02.2016

Das Meer ist ein alter Bekannter, der warten kann.


wenn die strandkörbe

weggekarrt werden
und leere gähnt,
als kehre keiner zurück,
während er, der baum vorm
haus, kein schaulustiger,
aber ein hoch gewachsener traum,
den horizont fest im blick behält.

So endet Michael Starckes Gedichtband: Das Meer ist ein alter Bekannter, der warten kann. Dass es nicht nur letzte Worte eines Buches, sondern ebenso letzte Worte eines Dichters sein würden, war bei Drucklegung nicht absehbar. Der Band erschien in gewohnt liebe- und prachtvoller Gestaltung vor wenigen Tagen im Elif Verlag in Nettetal und nur ein paar  weitere wenige Tage später, am 19.02., verstarb Michael Starcke 66jährig in Bochum. So wird dieser schöne, dem Meer gewidmete Band ein Vermächtnis.

Das Meer war Michael Starcke offenbar nicht nur ein alter Bekannter. Unter dem Begriff  Heimat  definiert ein Lexikon:
„Die Menschen sind an ihre Heimat durch ihre Geburt und ihre Kindheit, ihre Sprache, ihre frühesten Erfahrungen oder erworbene Affinität gebunden.“
Letzteres, die erworbene Affinität, traf wohl für den gebürtigen Erfurter und späteren Ruhrgebietler Starcke zu. Das Meer als Wahlheimat, Rückzugsort, Seelenverwandter. Und: Die Seele ist hier als Referenz nicht zu hoch gegriffen, denn das Herkunftswörterbuch des Duden weiß:

Das altgermanische Wort mhd. sele, ahd. se(u)la, got. sai-wala,  ist wahrscheinlich eine Ableitung von dem unter See behandelten Wort mit der Grundbedeutung “die zum See Gehörende”. Nach alter germanischer Vorstellung wohnten die Seelen der Toten im Wasser.

Die Gedichte des Bandes sind lang im Vergleich zu anderen, in etwa eine Druckseite, meist drei- oder vierstrophig und von der Nüchternheit konzentrierter wie beiläufiger Notate, der Prosa recht nah mitunter. Behutsam rhythmisiert, unterschwellig mit Motiven durchzogen, die auch die Grenzen des einzelnen Gedichts überschreiten und sich durch den gesamten Band ziehen. Die Wandelbarkeit des Wassers, das Meer als Spiegel, das Schwanken zwischen Beruhigung und Bedrohung.

Wir alle kennen das; kennen auch das Gehen auf Sand und das stundenlange Starren auf Horizonte und wissen um die Emotionen, die es auslösen kann. Das Meer als Null-Linie, als Projektionsfläche, Ausgangsplattform für Gedanken, Pläne, Abenteuer- wir alle kennen das. Doch festhalten können wir es selten- Michael Starcke konnte es.


die farbe des meeres
erinnert
an ein verlangen, vielleicht,
dass es Zukunft heißt.

Dabei ist es unerheblich, um welches Meer es sich handelt- es ist das Meer, obwohl die Gedichte große Vertrautheit mit einem bestimmten Ort vermuten lassen: prägnante Referenzpunkte wie der Baum vor dem Fenster wiederholen sich, jedoch -als den wechselnden Stimmungen unterworfene Details- immer wieder verändert.

Der Grundton der Gedichte ist ruhig und reflexiv, Seemannsromantik gibt es keine. Die Liebe zum Element und der Umgebung ist tatsächlich eher eine Liebe zum Zustand Meer, den viele von uns gut kennen: Auszeit, verhältnismäßige Kleinheit, Unbedeutsamkeit gegenüber der Urgewalt, Relativierung der Umstände und Wichtigkeiten. Meer heißt auch Unendlichkeit, Unbezwingbarkeit und das ein oder andere Boot in Michael Starckes Gedichten trudelt scheinbar willenlos und fremdbestimmt entlang der Horizontes und der Zeilen der Texte. Der Dichter registriert es, doch der Mensch und sein Tun sind zu klein, um in seinen Texten mehr als eine Statistenrolle einzunehmen.


und doch:
die menschen am ufer
werden davongehen
und einmal nicht mehr
zurückkehren. andere menschen
werden sie ersetzen,
um die welt später
zu verlassen wie einen traum.

Zentral bleibt: das Meer und sein alter Bekannter, der Dichter-nicht etwa Freund, dafür ist der eine von beiden zu groß und zu undurchschaubar. Man kennt sich, man schätzt sich, man duldet sich- bei gutem Benehmen- auf Zeit.
In der besonnenen, klugen Ruhe der Gedichte dieses Bandes liegen Kontemplation wie Denkanstoß zu gleichen Teilen. Entspannung durch Konzentration- nicht durch Zerstreuung- mit einem weiten Blick und geöffneten Horizonten.
Michael Starckes Buch ist eine Meditation über das Meer, eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Gewicht und der Vergänglichkeit und als solche ein berührendes und gewichtig-schwebendes, gültiges Schlusswort eines Dichters, dessen Stimme fehlen wird.


in letzten träumen
suche ich
meine Anlegestelle, das Meer,
gehe schaukelnden schrittes
an land.

 

ELIF VERLAG, Nettetal ISBN 978-3-9817509-2-8 76 Seiten, €13,95

Michael Starcke (1949-2016) lebte und arbeitete als Lyriker und Rezensent in Bochum. Mitglied im VS, in der europäischen Autorenvereinigung DIE KOGGE und im PEN-Zentrum Deutschland. Verschiedene Auszeichnungen und Preise, u. a. den Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur (2013) Zahlreiche Veröffentlichung in Literarischen Zeitschriften und Anthologien. 26 eigenständige Veröffentlichungen. Beiträge im Bayrischen Rundfunk, im WDR und in Radio Bozen.

 

 

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