Spuren der Moderne in Münsterland & Westfalen: OberDADA Hülsenbeck in der münsterländer Pampa-

100 Jahre DADA- ein schöner Anlass, diesen Artikel noch einmal aus der Versenkung zu holen. Ausgerechnet einer der Köpfe der Bewegung hat eine enge Beziehung zu meinem beschaulichen Heimatörtchen….

 

 

Diese Aufnahme des DADA-Autoren Richard Huelsenbeck entstand, lange nachdem DADA in den Kunstkanon des 20.Jahrhunderts eingegangen war, in Huelsenbecks amerikanischer Wohnung. Er lebte als Arzt und anerkannter Reiseschriftsteller dort und verwaltete weltweit das DADA-Erbe als Mit-Erfinder, Moderator und Exeget der Bewegung.

richard-huelsenbeck-portrait

Die Texte, die er hier vorträgt, stammen aus seinem Büchlein: Phantastische Gebete, dem ersten Fanal Dadas, der Kunstrichtung, die um 1916 im berühmt-berüchtigten Cabaret Voltaire in Zürich begründet wurde.

Zahlreiche Emigranten aus aller Herren Länder hatten sich dort versammelt: Deutsche, Schweizer, Rumänen, Bulgaren, Franzosen, darunter: Hugo Ball und Emmy Ball-Hennings, Jean Arp, Tristan Tzare und Marcel Janco.

Ein Russe, der später unter dem Namen Lenin bekannt werden sollte, ging desöfteren in diese Kaschemme, um Schach zu spielen. Abends gab es Ausdruckstanz, Lesungen, Ausstellungen moderner Kunst und aus diesem Brutkasten heraus erhob sich Dada, dessen Name -der Legende nach- beim blinden Tippen in ein französisches Wörterbuch entstanden sein soll.

Alle bürgerlichen Werte und Normen der Kunst- und Kulturgeschichte wurden über Bord geworfen. Radikaler noch als der parallel stattfindende Expressionismus zertrümmerte Dada die Syntax und wand sich zum reinen Laut- und  Nonsensgedicht. Gerne trug man bei der Rezitation Phantasie-Kostüme oder überließ (wie bei einer Dada-Tournee durch die Niederlande) dem Publikum die Bühne.

Richard Huelsenbeck , (Amerika nannte er sich Charles Hulbeck) war einer der Ziehväter der Bewegung. 1892 in Frankenau als Sohn eines Apothekers geboren, erwies er sich schnell als schwieriges Kind. Die Familie zog oft um und Richard besuchte verschiedene Schulen in Dortmund und in Bochum. Der äußerst intelligente, aber widerborstige Schüler hätte wegen zahlreicher Regelverstöße das Abitur beinahe vergessen können, wenn es nicht ein Gymnasium gegeben hätte, das sich auf solche Fälle in gewisser Weise spezialisiert hatte.

Das Arnoldinum in Burgsteinfurt, mitten im nördlichen Münsterland, erklärte sich bereit, dem jungen Hülsenbeck eine letzte Chance zu geben. Eine sehr kleine Klasse und strenge Lehrkräfte sollten es dem aufsässigen Schüler ermöglichen, seinen Abschluß doch noch zu bekommen.  Von 1908 bis 1911 sollte er hier verbringen.

Im Januar 1909 steht der spätere Dichter auch das erste Mal sprechend auf einer Bühne, ebenfalls in Burgsteinfurt.    „Zur Feier des Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers und Königs Wilhelm II.“ deklamiert er in der Feier das Gedicht „An Deutschland“ von Emanuel Geibel, ein 12-strophiges Gedicht mit dem Untertitel „Januar 1871“, das überquillt vor nationalem Pathos.  Das Schulprogramm 1908-1909 hält fest, dass „außer vielen Freunden und Gönnern der Anstalt auch Seine Durchlaucht der Erbprinz Adolf in Vertretung Seiner Durchlaucht des Fürsten zu Bentheim u. Steinfurt erschienen war“.

text_huelsenbeck_13_1Es gibt zahlreiche Anekdoten aus der Zeit des späteren Ober-Dadas in der Provinzschule- die prägnanteste ist sicher die, die den Sinn und Zweck der Verschickung Huelsenbecks hierher beinahe noch gefährdet hätte.

Gen Ende der Schulzeit waren nur noch 5 Schüler in der Abiturklasse übrig geblieben. Unter ihnen kursierte schon länger ein Schlüssel zum Zimmer des Direktors, den sich einer der Jungs besorgt hatte.  Im Dezember 1910 wird eben dieser Schüler vom Direktor in dessen Büro gestellt, wie er gerade das verschnürte Paket mit den Abiturprüfungen öffnen wollte. Eine umfangreiche Untersuchung gegen alle Schüler wurde eingeleitet, bei der geprüft wurde, in wieweit die Anderen Schüler in den Plan eingeweiht gewesen waren.

Auf das Einwirken des Vaters eines der Schüler hin, der glücklicherweise Lehrer der Anstalt war, wurden die anderen vier entlastet. Mit einer „ernstlichen Verwarnung“ wurden sie nun dennoch zur Prüfung zugelassen und Huelsenbeck bestand. Er verließ Burgsteinfurt jedoch noch am selben Tag und bekam sein Zeugnis nachgeschickt.

Er studierte in den folgenenden Jahren zunächst in Münster, dann in München, Berlin und Greifswald Medizin, Philosophie und Kunstgeschichte, bevor die Wirren des ersten Weltkriegs ihn in die Schweiz und zum Dada trieben.

Hier noch ein Text aus den Phantastischen Gebeten:

ENDE DER WELT

Soweit ist es nun tatsächlich mit dieser Welt gekommen

Auf den Telegraphenstangen sitzen die Kühe und spielen Schach

So melancholisch singt der Kakadu unter den Röcken der spanischen

Tänzerin wie ein Stabstrompeter und die Kanonen jammern

den ganzen Tag

Das ist die Landschaft in Lila von der Herr Mayer sprach als er das

Auge verlor

Nur mit der Feuerwehr ist die Nachtmahr aus dem Salon zu vertreiben

aber alle Schläuche sind entzwei

Ja ja Sonja da sehen Sie die Zelluliodpuppe als Wechselbalg an

und schreien: God save the king

Der ganze Monistenbund ist auf dem Dampfer „Meyerbeer“ versammelt

doch nur der Steuermann hat eine Ahnung vom hohen C

Ich ziehe den anatomischen Atlas aus meiner Zehe

ein ernsthaftes Studium beginnt

Habt ihr die Fische gesehen die im Cutaway vor der Opera stehen

schon zween Nächte und zween Tage?

Ach Ach Ihr großen Teufel – ach ach Ihr Imker und Platzkom-

mandanten

Wille wau wau wau Wille wo wo wo wer weiß heute nicht was unser

Vater Homer gedichtet hat

Ich halte den Krieg und den Frieden in meiner Toga aber ich ent-

scheide mich für den Cherry-Brandy flip

Heute weiß keiner ob er morgen gewesen ist

Mit dem Sargdeckel schlägt man den Takt dazu

Wenn doch nur einer den Mut hätte der Trambahn die Schwanzfedern

auszureißen es ist eine große Zeit

Die Zoologieprofessoren sammeln sich im Wiesengrund

Sie wehren den Regenbogen mit den Handtellern ab

Der große Magier legt die Tomaten auf seine Stirn

Füllest wieder Busch und Schloß

Pfeift der Rehbock hüpft das Roß

(Wer sollte da nicht blödsinnig werden)

 

Ein Kommentar

Eingeordnet unter allgemein

Eine Antwort zu “Spuren der Moderne in Münsterland & Westfalen: OberDADA Hülsenbeck in der münsterländer Pampa-

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