Notate zum Donnerstag

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Was mich an Literatur letztlich fasziniert, ist die Idee. Alle Sprache, alle Komposition ist mir nichts ohne Idee. Ein Gedicht, eine Geschichte, ein Roman können immer so oder so geschrieben, auf diese oder jene Weise konstruiert sein- es gibt Möglichkeiten, bei denen meist keine die eindeutig beste und einzige Lösung ist. Die Umsetzung dient der Idee.

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Nicht selten hört man von Schreibern, die euphorisch mit einer Idee umherschweben, bis es ans konkrete Schreiben geht. Ab da tun sich die unübersichtlichen und unabschätzbaren Wege und Irrwege; die Sackgassen auf und bereichern nicht etwa, sondern gefährden die großartige, reine Idee.

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Ein Buch sollte gut gemacht sein- wirklich unzweifelhaft richtig gemacht ist es nie. Immer gibt es Stellen, die anders, vielleicht besser hätten gemacht werden können. Wenn die Umsetzung die Idee bedient und nicht tötet, ist schon viel gewonnen.

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Großartiger Stil ohne Idee ist nichts. Großartige Idee ohne Stil auch nicht.
Großartiger Stil mit der Idee, zu wirken, als gäbe es keine Idee, ist hohe Kunst.
Großartige Idee, umgesetzt mit dem Anschein, es gäbe keinen Stil- auch.

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Die Umsetzung ist Geschmack, Moden, regionalen und zeitlichen Umständen verpflichtet: eine große Idee- nicht. Perfektion existiert nicht im Endprodukt- sie existiert in der Idee…wenn sie groß und wirklich genial ist.

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Folgerichtigkeit und Alternativlosigkeit einer Umsetzung kann allein für den Autoren und allein in dem einen Moment des Schreibens bestehen- in einer Woche, sechs Monaten, 10 Jahren wird er seine Wahl für diese oder jene Wendung, seine Entscheidung für den einen oder anderen Weg vielleicht –und nicht ganz unwahrscheinlich– ganz anders sehen. Der Leser muss ihm folgen, es evtl. sogar können- ein Glücksfall. Im Idealfall sieht er aber auch die zahllosen anderen Möglichkeiten und empfindet einige davon für sich, in seinem Moment, als richtiger.

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Man sollte vielleicht viel mehr Fragmente, Studien und abgebrochene Manuskripte lesen- denn sie sind in absolut gleichem Maße unfertig und unperfekt wie veröffentlichte und sogar kanonisierte Texte- nur ehrlicher und nicht mit dem Anstrich von abschließender Gültigkeit überzogen.

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3 Kommentare

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3 Antworten zu “Notate zum Donnerstag

  1. Ja, stimmt. Manchmal scheint es sogar so, als würden sich Ideen gegen ihre Umsetzung sträuben. Garstige Dinger sind das, manchmal flatterhaft und fast immer schwer zu fassen.

  2. schöne striche sind das… und wahre worte… –

  3. Pingback: Seethaler vs Johnson | DINGFEST

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