Die hohe Schule für Studien und Erziehung im Namen & der Nachfolge seiner göttlichen Größe oder: Burning love

elvis
Es war schon klar, dass es ein schlechter Tag werden würde.
Morgens waren die Lautsprecher in den Fluren kaputt gewesen, sodass wir nicht, wie sonst, mit Musik geweckt wurden, sondern von der Köchin Grace, die im Hof mit Töpfen und Deckeln Lärm schlug. Der Schulhund Shep, ein Basset, heulte herzzerreißend dazu und so waren wir allesamt schlagartig wach und fast ausnahmslos schlecht gelaunt.
Dass wir abends dann alle nach genau diesem Hund würden suchen müssen, war uns jedoch da noch nicht klar.
Mr. Fujimoto kam mit seinem Motorrad auf den Hof gebraust und brachte sowohl Grace als auch Shep zum Schweigen. Er konnte den Hund nicht leiden, das wussten alle. Oft ging er an dem blöde sabbernden Tier vorbei zu einem der Seitenflügel und nuschelte dabei die ersten Zeilen von Hound dog. Es war aber auch wirklich ein blöder Hund. Noch dazu zeigte er eine heftige Zuneigung zu Mr. Dick, unserem Karatlehrer, den Mr Fujimoto ebenfalls verabscheute.

Im Nachhinein fällt mir auf, dass an diesem Tag auch das Frühstück nicht so gut gewesen war wie sonst. Es lag wohl daran, dass Grace uns hatte wecken müssen und so weniger Zeit für die Blaubeerpfannkuchen gehabt hatte. Jedenfalls war schon früh morgens klar, dass es kein guter Tag werden konnte. Auch der Stundenplan sah nicht allzu erfreulich aus. Exegese, Doppelstunde Karate, Symetrie und Ikonographie, das volle Programm.

Wir sind jetzt im dritten Jahr. Der Anfang war absolut lachhaft, wenn man es heute betrachtet. Jetzt, wo wir vor den ersten Prüfungen stehen, wissen wir in etwa, was uns noch alles bevorsteht. Auch, was die älteren Schüler so erzählen, lässt einen Angst und Bange werden, obwohl wir ja außer in Karate und im Chor wenig Kontakt zu denen haben. Vielleicht wollen sie sich auch nur wichtig tun und uns Panik machen.Es ist schon hart, aber, wenn man hier erfolgreich abschließt, stehen einem eine Menge Türen sperrangelweit offen. Aus vielen unserer Partnerschulen sind schon bedeutende Leute hervorgegangen und zwar weltweit. Besonders gut läuft es im Moment in Asien, was ja eigentlich auf der Hand liegt, aber immer wieder zu Verwunderung führt. Daran sieht man natürlich, wie wenig sich die restliche Welt mit unseren Studien hier befasst. Aus unserem Stammhaus kommen sogar immer wieder Schüler, die es nach ganz oben in der Politik schaffen, in der Musik und dem Film ja sowieso.
Ehrlich gesagt ist es hier sogar ein offenes Geheimnis, dass diverse Präsidenten uns nah standen, aber darüber wird in der Öffentlichkeit wenig gesprochen. Der oberste Kopf unserer Einrichtung vermeidet auch mittlerweile, allzu offensiv damit umzugehen, denn das wird uns immer als Propaganda angekreidet.

In meinem Schlafsaal sind wir 12 Mädchen. Die Jungs sind 35, aber das ist normal und wir werden jedes Jahr mehr!
Um sieben wecken sie uns. Jeden Morgen mit einem anderen Lied, außer an dem Tag, an dem Shep verschwand natürlich. Manchmal ist es sanft und leise, aber an besonders wichtigen Tagen legen sie richtig los und nehmen einen Kracher, dann sind wir alle schlagartig wach.
Da wir werktags unsere Uniform tragen, sind wir alle schnell fertig. Eine Hose und ein bequemes Hemd aus dunkelblauem Drillich, wie bei den amerikanischen Sträflingen, darunter ein schwarzweiß geringeltes Shirt. Am Wochenende, wenn wir freie Kleiderwahl haben, brauchen wir etwas länger, aber lange nicht so wie die Jungs, die dann immer ganz spät zum Frühstück kommen, weil sie ewig für ihre Frisuren brauchen. Wie die sich dann rausputzen ist fast nicht mehr normal, aber es gehört halt dazu.
Ich sitze immer mit meinen Freundinnen zusammen. Wir sind ein richtiges Dreiergespann. Da macht es uns nichts aus, wenn andere Mädchen mehr Aufmerksamkeit kriegen. Wir haben da so ein paar Püppchen, die immer und überall im Mittelpunkt stehen. Manche wegen ihres Aussehens, andere wegen ihrer Herkunft. Am besten ist es natürlich, wenn man aus einem der 1A-Staaten kommt, Mississippi oder Tennessee. Aber ganz vorne steht natürlich Susie aus Hawaii, das ist klar. Sie ist eine richtige Südsee-Schönheit, wir nennen sie allerdings alle nur Aloha. Das findet sie sogar gut und merkt nicht dass wir uns damit über sie lustig machen. Da kommt Aloha aus Hawaii sagen wir, wenn wir ihr auf dem Flur begegnen.

Ich habe den Ruf schon früh gehört, eigentlich schon mit zehn, aber ich musste warten, bis ich 13 war, denn vorher kommt man hier nicht rein.
Ich erinnere mich noch gut an mein Aufnahmegespräch. Das ist eine hoch feierliche Angelegenheit. Meine Eltern haben mich hergefahren und es war komisch, wie deplaziert sie wirkten, mein Vater mit seinem Vollbart, dem langen, dünnen Haar und der Brille, meine Mutter mit ihrem roten Kurzhaarschnitt und den Schlabberkleidern. Sie waren stolz, fühlten sich aber sichtlich unwohl. Ich wurde zum Büro des Direktors gebracht, den alle nur den Colonel nennen, aber das wusste ich damals noch nicht. Der Raum war mit einem dicken, purpurfarbenen Teppich ausgelegt, das war das erste, was mir auffiel. Am anderen Ende stand ein riesiger Schreibtisch aus dunklem Holz, hinter dem ein gerahmtes Bild hing, irgendetwas abstraktes, dachte ich und wunderte mich, denn sonst gab es hier fast nur Bilder von IHM. Aus einer Tür an der anderen Seite kam der Direktor. Man hätte ihn fast für den Hausmeister halten können, denn er sah so normal aus. Er war klein und etwas untersetzt, hatte eine Halbglatze und trug ein kurzärmeliges Arbeiterhemd und eine graue, unförmige Hose mit Hosenträgern. Unter dem Arm hatte er einen unordentlichen Stapel Papiere und im Mund einen Zigarrenstumpen, der ihm ausgegangen war. Er stellte sich vor, ohne den Stumpen aus dem Mund zu nehmen und ich hatte sofort Vertrauen zu ihm. Er war wie ein netter Onkel zu mir und ich fragte mich, wie er dieses große Haus unter Kontrolle hielt, wie er sich wohl Respekt verschaffte, bei den Lehrern und den Schülern. Ich hatte gesehen, dass draußen vor dem Büro noch eine ganze Reihe anderer Jungen und Mädchen darauf warteten, mit ihm zu sprechen, sie saßen auf einer Bank aufgereiht, einige Mädchen hatten sich rausgeputzt und umklammerten ihre kleinen Handtäschchen und bunte Taschentücher vor Nervosität. Die Jungs lümmelten unbeholfen mit ihren langen Beinen herum. Ich dachte, es wäre nur ein kurzes Gespräch, aber der Direktor setzte sich hinter seinen Schreibtisch und bat mich einfach, zu erzählen. Ich begann ihm zu beschreiben, was ER für mich bedeutete und wie ich auf ihn gestoßen war. Ich erzählte von den Tonbändern meines Onkels, der sie mir einmal vorgespielt hatte, als ich klein war und wie ich wie hypnotisiert gewesen war. Als ich erzählte, fiel mein Blick auf das große Bild hinter dem Direktor und ich staunte, als ich bemerkte, dass es gar kein Gemälde war. Es war ein Tuch, ordentlich auf Holz aufgespannt. Leicht fliederfarben, wahrscheinlich Seide, denn es reflektierte das Licht und schillerte. Einige dunkle Punkte waren darin, die sich bei näherem Hinsehen zu Flächen formten. Mir wurde klar, was das war und ich verstand, warum es an dieser prominenten Stelle im Büro des Direktors angebracht war. Ich sprach weiter, von den Fernsehbildern, die ich anlässlich seines Todes gesehen hatte, vor einigen Jahren. Ich hatte noch gar nicht verstanden, wer da gestorben war, aber diese Bilder waren ein prägendes Erlebnis für mich gewesen. Der Direktor lächelte mich an und nickte verständnisvoll. Wahrscheinlich hörte er ähnliche Geschichten jeden Tag, aber es war klar, dass sie ihm nicht über waren, dass er sich ehrlich darüber freute.
Er ermunterte mich mit einer Geste, fortzufahren, er schien alle Zeit der Welt zu haben. Ich versuchte zu schildern, wie sehr ich ergriffen war von der Musik, den Posaunen, die klangen wie Fanfaren, dem Licht, der Menge unten vor der Bühne. Und Er, in Zeitlupe, schwitzend, ringend mit irgendwelchen Mächten, die ich noch gar nicht ermessen konnte. Seine Bewegungen, die eines Löwen in Ketten, ein angeschlagener Boxer, der jederzeit zu einem mächtigen Hieb in der Lage war, aber von irgendetwas daran gehindert wurde. Seine Macht war körperlich spürbar, selbst in dieser Verkleidung war er ein König. Selbst mit diesem Bauch.
Es tat gut, das alles zu erzählen. Lange hatte mich keiner verstanden, meinen unbedingten Willen, hierher zu gehen und zu lernen. Meine Begeisterung. Nur widerwillig hatten meine Eltern es nach und nach geschluckt und beschlossen, es mir zu ermöglichen. Der Direktor hatte sich das alles mit einem freundlichen Nicken angehört und mich dann verabschiedet. Drei Wochen später kam dann der Brief, der verkündete, dass ich aufgenommen sei. Es war der glücklichste Moment in meinem Leben, bisher.

Fräulein Leonaus fragt mal wieder das Bekenntnis ab. Sie beginnt:
Bodhidharma ging nach Westen….und wir müssen es im Chor vervollständigen:…und brachte China Weisheit. Sie trägt eine haarspray-getränkte Bienenkorbfrisur und ein Tweedkostüm und ist stets bemüht um eine möglichst aristokratische Haltung. Sie ist ziemlich streng und steif.
Mr. Fujimoto dagegen, der die nächste Stunde gibt, ist richtig cool. Er trägt pinkfarbene, zitronengelbe und lila Hemden, lässig offen gelassen und mit riesigen Krägen, seine Koteletten glänzen immer wie frisch geschwärzt. Er ist ein Spitzenlehrer, höchst qualifiziert und nur der Liebe wegen aus Japan gekommen, wo er bekanntlich ein ganz großer Name in seinem Fach war. Er gibt Ikonographie, das klingt öde, ist es auch eigentlich, aber Mr. Fujimoto hat den richtigen Riecher, wie man Schüler dafür begeistert und überdies hat er ein Gespür für Knalleffekte.

Wir haben überhaupt sehr gute Lehrer hier, aber Mr. Fujimoto und Frau Gladys sind mir am liebsten. Frau Gladys heißt eigentlich Frau Gladisch, aber als sie in Amerika im Stammhaus war, hat das niemand aussprechen können und so ist es bei Frau Gladys geblieben. Es passt auch gut. Sie ist klein und pummelig, hat eine dauergewellte Omafrisur und schöne dunkle Augen. Eine sehr liebe Person, die man aber nicht unterschätzen sollte. Sie gilt als sehr einflussreich, innerhalb des ganzen Instituts, auch in Übersee. In ihrem Fach macht ihr da kaum einer was vor. Sie unterrichtet uns in Exegese, so ein Mädchenfach, aber mir gefällt es. Frau Gladys ist sehr anspruchsvoll, sie sortiert in den ersten Jahren wirklich viele Schüler aus, damit sie am Ende nur die Besten in ihrem Kurs hat. In jeder Stunde bekommen wir ein Mantra, über das wir den Rest des Tages nachdenken sollen. Manchmal spielt sie sie in Originaltönen vor, von alten, rauschigen Platten, was ich sehr mag. Ich will unbedingt bis zum Ende weitermachen.
Neulich hat sie uns als Hausaufgabe einen Aufsatz schreiben lassen. Erläutern sie, inwiefern sich das altägyptische KA, der Doppelgänger aus Ton, der den Menschen auf der Höhe seiner Fähigkeiten zeigt, in Zusammenhang steht mit dem Träume des verlorenen Zwillings steht!
Das war natürlich starker Tobak, aber ich hab es einigermaßen hinbekommen.
Und das im dritten Jahr! Ich bin gespannt, was sonst noch kommt!

Dieses Jahr sind die ersten Prüfungen.
Die Lehrer geben auch mächtig Gas in den letzten Wochen. Mr.Fujimoto hat neulich eine kleine Buddhafigur aus Porzellan mit in den Unterricht gebracht und sie uns mit viel Getue präsentiert. Er trug sein Goldjackett, in dem er wie ein Ritter aussieht. Alle Mädchen stehen auf ihn. Die Figur hatte er aus einem japanischen Laden in der Stadt, in dem er seine Lebensmitteln einkauft. Sie stand dann die ganze Stunde lang auf seinem Pult und während er dahinter saß, die Schuhe mit der Kreppsohle lässig daraufgelegt, mussten wir anhand der Figur die klassischen Merkmale einer Buddhadarstellung und deren Wandel im Laufe der Jahrzehnte erläutern.Es war gar nicht schwer: der bronzene Hautton, die ausgeprägten Ohren, der hohe Knoten über der Stirn, der Allwissenheit bedeutet- es war alles da, auch wenn es nur eine billige Nippesfigur war.

Danach hatten wir Karate. Das liegt den Jungs natürlich mehr. Die machen da immer eine Show draus, schreien und springen viel mehr und höher als nötig.
Mr. Dick, der das Fach gibt, steht da eben drauf, aber er weiss auch zu schätzen, wenn wir Mädchen uns etwas zurückhalten. Mr. Dick macht so auf Japanisch, ist aber Amerikaner. Mr. Fujimoto macht sich ständig über ihn lustig und spricht japanisch mit ihm. Er kennt aber nur so Karatebegriffe und muss dann ganz kleinlaut auf Englisch antworten. Ansonsten finde ich ihn aber ganz okay. Er ist halt einer der späten Phase, dick und aufgedunsen. Erstaunlich, wie beweglich er noch dabei ist. Manchmal holt er, wenn wir für einen Jahrestag üben, die älteren Schüler dazu mit ihrer Klassenlehrerin, Frau Achmatova, eine Russin. Die Russen haben einige gute Kräfte hervorgebracht in den letzten Jahren. Frau Achmatova ist spindeldürr und gibt Choreografie. Manchmal denke ich, sie steht nicht richtig dahinter, denn unser Stil scheint ihr oft zu derb zu sein. Sie wirkt wie eine Ballerina, ganz streng, mit Haarknoten und stark hervortretenden Adern am Hals und auf der Stirn. Sie lacht auch nie.

In einer anderen Ikonographie-Stunde ließ uns Mr. Fujimoto einen Ausschnitt des legendären 1970er-Konzerts ansehen; in Zeitlupe und ohne Ton. Anschließend teilte er Testbögen aus, auf denen wir ankreuzen sollten, welche der berühmten Mudras, der bedeutungsvollen Handgesten wir erkannt hatten. Es war ganz leicht: ich kannte den Film in- und auswendig- jeder Schritt, jeder Scherz, jede Schweißperle darauf schien mir vertraut. Da war das Abhayamudra, die Geste der Furchtlosigkeit, ausgeführt im tiefen Spagatschritt, gefolgt vom Bhumisparshamudra, der Geste der Erdanrufung. Später, bei einer Ballade hatte ich erst die Erfüllung aller Wünsche mit links, dann das Schutzmudra mit der Rechten bemerkt. Auch einige weitere waren erkennbar gewesen. Ich war mir sicher, der Test würde gut ausfallen für mich, doch durch die ganzen folgenden Ereignisse bekamen wir ihn nie wieder zurück.

Es war am achten Januar, einem unserer hohen Tage.
So kurz nach Weihnachten sprachen noch alle vom heiligen Abend. Wir waren bei Blue Christmas angelangt, die Stimmung war nach dem Essen und der feierlichen Einkehr inzwischen locker und fröhlich. Die meisten tanzten.
Alle Wände waren wie üblich zu den Feiertagen mit dunkelblauem Samt behängt und wir hatten einen monströsen Christbaum in der Halle, mit winzig kleinen Gitarren und Kugeln geschmückt, die SEIN Konterfei trugen, alles original alte Ware. Draußen war es kalt und eine leichte Eisschicht lag über dem Gelände. Auf der Terrasse brannten Lichter in allen Farben, blinkende Rosetten und all so Kram. Ein großer Weihnachtsmann wiegte sich mechanisch in den Hüften und plärrte: Santa Claus is coming to town.

An einem der Tische saß Mr. Fujimoto allein vor einem Becher Eierpunsch und schmollte wie ein großer Teddybär. Er trug eine schwarze Hose mit Goldstickerei an den Nähten und sein Goldlameejackett.
Es war schon einigen aufgefallen. Madame Achmatova hatte den halben Abend mit Mr.Dick getanzt. Sie war ziemlich ausgelassen für ihre Verhältnisse. Mr. Dick mit seiner getönten Fliegersonnenbrille hatte sich zur Feier des Tages in seinen weißen Glitzeroverall gezwängt, gekrönt von dem breiten Championsgürtel, der seinen beachtlichen Bauch etwas zurückdrängte.
Eins von den anderen Mädchen hatte sich getraut und Mr. Fujimoto um einen Tanz gebeten, aber er hatte abgelehnt, nicht unhöflich, sondern mit einem bedauernden, traurigen Blick und so hatte er das Mädchen nicht enttäuscht, sondern eher noch mehr für ihn eingenommen, das sich zurückzog und im Kreis ihrer Freundinnen zu seufzen schien über den armen Lehrer, der derart zu leiden schien.

In den Wochen danach, über den Jahreswechsel, wurde hier und dort gemunkelt. Einige waren sich sicher, dass da was sei, mit Fujimoto und Achmatova; andere wollten wissen, dass die Madame in den letzten Tagen fast nur noch mit Mr. Dick zusammen war. In meinen Augen lag das jedoch an den Vorbereitungen für den achten Januar, zu dessen Feierlichkeiten jedes Jahr eine große Choreographie einstudiert wurde, mit Karate-Elementen, für die es beide Lehrer brauchte.

Zuerst fanden wir Mr. Dick, noch an diesem Abend.
Er saß hinter dem Steuer seines Cadillacs. („Mahayana-Großes Fahrzeug!“, hatte er immer gewitzelt.)Der Wagen war vorne völlig zerquetscht, da er mit hoher Geschwindigkeit gegen einen der Pfeiler des Tores gerast sein musste. Einige Lehrer weinten, als sie sahen, was geschehen war, fast alle Schülerinnen ebenso. Uns Jüngere brachte man schnell in die Schule zurück, Mrs. Gladys und die Köchin Grace übernahmen das. Später hörten wir, dass sie Mr. Dicks Leiche zunächst einmal in seinen Bungalow gebracht hatten. Ein paar Lehrer und einige von den Älteren haben ihn wohl getragen, was sicher keine leichte Aufgabe war.
Von unserem Schlafsaal aus konnte ich nur sehen, dass Mr. Fujimotos Motorrad („Hinayana- Kleines Fahrzeug!“, hatte er sich immer von Mr. Dick anhören müssen.) vor seinem Bungalow stand, in dem aber kein Licht brannte. Mme. Achmatova war fort.
Am nächsten Morgen fand natürlich kein Unterricht statt. Wir trafen uns noch vor dem Frühstück in der Aula und einige Lehrer sprachen ein paar Worte auf Mr. Dick. Sie hatten Recht. Er hatte wohl keinen allzu gesunden Lebenswandel geführt, aber ein großer Geist hatte in ihm für unsere Sache gebrannt. Er war einer der beliebtesten Lehrer gewesen, wenn er seine Fähigkeiten auch gerne allzu sehr als gering darstellte.
Wir sangen Peace in the valley, das Lied, das wir erst Anfang der Woche in Exegese von Frau Gladys zur Analyse bekommen hatten.

Ich bin müde und so erschöpft
aber muss alleine gehen
bis der Herr kommt und mich ruftmich fortruft
Der Morgen ist so hell
Und die Lampe brennt
Und die Nacht ist schwarz wie das Meer

Es wird für mich eines Tages Frieden im Tal sein,
Es wird Frieden im Tal sein für mich, so bitte ich, Herr
Da wird keine Traurigkeit sein, keine Trauer
und kein Ärger, den ich sehe
Es wird nur Frieden im Tal sein für mich, für mich

Es war ergreifend, aber ich dachte immer noch an den vorigen Abend. Ich war so schockiert gewesen, allerdings nicht nur wegen Mr. Dicks Tod oder der Leiche selbst. Es war mehr die Art, wie er dort saß, eingekeilt mit seinem massiven Leib hinter dem Lenkrad. Es war zwar sein pinkfarbener Caddy, in dem er saß, aber er selbst sah nicht so aus wie gewohnt. Sein äußerlich scheinbar unversehrter Körper steckte in einem völlig normalen, ziemlich unförmigen grauen Straßenanzug, wie man ihn in billigen Geschäften kaufen konnte und den ich noch nie an ihm gesehen hatte. Sein Haar war zerzaust von dem Aufprall, aber man konnte sehen, dass es schlecht gekämmt und strähnig herabhing und keinesfalls sorgsam mit Brillantine gekämmt gewesen war wie sonst. Er sah aus, wie ein übernächtiger und deshalb am Steuer eingeschlafener Handelsvertreter.

Am Vormittag wurde sein Wagen geborgen. Wir hatten extra eine Stunde Wurzelkunde, wie wir das Fach Basale Motivation nennen, als Vertretung bekommen, weil wir dann in einem vom Hof weit entfernten Klassenzimmer sitzen. Wir hörten von Jimmi Rodgers, dem singenden Eisenbahnbremser, von Johnny Ace und seinem russischen Roulette am Silvester-Abend und natürlich von Hank Wiliams, den das Fräulein nur kurz erwähnte. Sein Tod auf dem Rücksitz seines sündteuren Wagens wäre an diesem Tag eine unpassende Parallele gewesen. Richtig bei der Sache waren wir nicht und all diese tragischen Tode zogen uns noch weiter herunter.Heute erschien uns der Suff Dean Martins fast als die Sonnenseite des Lebens.

Von Mme Achmatova haben wir nie wieder etwas gehört. Ihr Unterricht fiel erst einmal auf, bis man eine neue Lehrerin fand, die mit schwingenden Röcken und rosa Spitzenschuhen antrat, obwohl sie schon Mitte vierzig war. Manche sagten, die Madame sei zurück nach Russland und habe ein neues Ballettensemble gegründet, die ausschließlich den Schwanensee aufführte, mit ihr selbst als dem schwarzen Schwan.

Insgesamt ist die Stimmung hier nicht mehr wie früher. Aber wir haben so viel mit dem Stoff zu tun, dass wir das alles irgendwie vergessen haben.Und letztlich ist es die Sache, die uns alle verbindet und über den Geschehnissen um Mr.Dick stehen. Es, ER ist größer und um die tragische Komponente unseres Treibens haben wir schließlich alle von Anfang an gewußt. Man muss nur trotzdem daran glauben.

Mr. Fujimoto sah ich einige Jahre im Fernsehen.Es war es ein Schreck, als ich ihn erkannte. Er trug einen schicken schwarzen Anzug, sein Haar glänzte wie gewohnt, nur ein wenig dezenter frisiert. Sein Charisma war unverändert, auch sein leicht schiefes Grinsen – vielleicht war es nur Einbildung, aber mir schien es um eine traurige Facette bereichert. Da war ein neuer Zug um seinen Mundwinkel.Ich stellte den Ton lauter und erfuhr, er war Präsident eines russischen Gaskonzerns geworden. Eine überraschende, aber nicht unwahrscheinliche Entwicklung.

Heute denke ich nur noch selten an diese Zeit; wenn auch mein Leben immer noch davon geprägt ist. Ich habe einen Mann und Kinder und dank einer glücklichen Fügung leben wir heute sogar in einem der 1A-Staaten. Dem Wunsch meines Mannes, einen Cadillac zu kaufen, konnte ich allerdings nie nachkommen. Ich fühle mch IHM nach wie vor nah, aber meinen Sohn habe ich nicht nach ihm benannt. Dafür haben wir einen Hund, den wir alle sehr lieben- und wie der heißt, kann man sich denken.

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