Reissalat im Crazy Horse

Früher war Silvester irgendwie aufregender.
Mutter rödelte in der Küche. Vater war noch bis 19.30 Uhr arbeiten. Ich bewunderte die Luftschlangen am Weihnachtsbaum. Das einzige Mal im Jahr gab es Reissalat, weil den außer mir keiner mochte. Nachdem Vater heimgekommen war, aßen wir und schalteten den Fernseher ein. Abgehalfterte Komiker aus den 60ern verbrieten alte Witze an ein dankbares Publikum.
Manches davon war wohl schweinisch, was ich an Vaters Lachen bemerkte. Schlagerstars sangen und die sonst so spröde Nachrichtensprecherin durfte für die Gala mal ihr Tiefdekolltiertes anziehen, was Mutter abfällig und Vater nicht kommentierte. Mutter war um zehn schon müde, legte sich auf die Couch und ließ sich von Vater die Füße massieren. Ich futterte Salzstangen.

Kurz vor Mitternacht öffnete Vater den Sekt und weckte Mutter. Im Fernsehen wurde eine Polonäse veranstaltet und die letzten Sekunden wurden heruntergezählt. Wir stießen an und wünschten uns alles Gute. Raus gingen wir nicht, denn in den letzten Jahren waren wir vom plötzlich redseligen Nachbarehepaar eingeladen worden, das sonst das ganze Jahr nicht mit uns sprach und waren bis 2 Uhr dort hängengeblieben.

Fünf nach zwölf begann die Sendung: Live aus dem Crazy Horse in Paris, die irgendwie keiner abschaltete. Mutter war zu müde und schon auf dem Sprung ins Bett und Vater schielte selber hin.
Ich verhielt mich ruhig. 20 Tänzerinnen, die alle gleich aussahen; in Glitzerfäden gehülllt und mit Kopfputzen, schwangen die langen Beine. 40 nackte Brüste! Als Mutter ins Bett ging, sah Vater, dass ich, mit einer Salzstange in der Hand, von der ich vergaß, abzubeißen, gebannt hinschaute und schaltete wortlos um.
Ich musste ins Bett, obwohl draußen noch laut geböllert wurde. Trotzdem hörte ich, kaum, dass ich im Bett lag, aus dem Wohnzimmer wieder die Revuemusik des Crazy Horse und versuchte mir die wenigen, hastig erhaschten Bilder wieder ins Gedächtnis zu rufen, worüber ich einschlief.

An Neujahr gab es Reste. Ich klaubte die Luftschlangen aus dem Baum und wickelte sie eng zu flachen Scheiben auf. Früher war Silvester irgendwie aufregender.

 

 

Ein Kommentar

Eingeordnet unter prosaisch

Eine Antwort zu “Reissalat im Crazy Horse

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s